Vibrup of the Museum
OF
COMPARATIVE ZOÖLOGY,
AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS.
Dounded by private subscription, In 1861.
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Allgemeine deutsche
Naturhistorische Zeitung,
Im Auftrage
der
Gesellschaft ISIS in Dresden
und
unter Mitwirkung der Herren
A.E. Brehm, : E.Kluge, : L. Rabenhorst, R. Brehm, : F. Küchenmeister, : L. Reichenbach, G. Carus, : B. Matthes, : "Th. Reibisch, A. Dehne, : €. Müller, : H. Reinhard, B. Dehne, Ä M. Müller, | Tr. Sachse, C.F.Hennig, _ E. v. Otto, : 0. Schlömilch, 0. Klocke, : H. Petersen, : I. Sussdorf, O0. v. Welck, E. Zschau u. A. herausgegeben von
Dr. Adolph Drechsler.
Neue Folge: Erster Band.
Nebst drei Kupfertafeln.
HAMBURG: Rudolf Kuntze. 1855.
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Vorwort.
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Von der „allgemeinen deutschen naturhistorischen Zeitung“ sind bereits die Jahrgänge 1846 und 1847 bei Arnold (Dresden und Leipzig) erschienen. Die ungünstigen Zeitverhältnisse verur- sachten bei dem Tode des Verlegers eine Unterbrechung in dem Erscheinen der Zeitung. Im Verlage von Herrn Audolf Kuntze (Hamburg) hat mit dem Januarheft 1855 eine neue Folge dieser Zeitung begonnen.
Die in den einzelnen Heften enthaltenen Original-Artikel, deren Verfasser grösstentheils in der Gelehrtenwelt bereits rühmlichst bekannt sind, in einem Bande zu erhalten, wird sowohl Fach- gelehrten, als auch allgemein wissenschaftlich Gebildeten will- kommen sein. Die von mir abgefassten kürzeren Mittheilungen aus wissenschaftlichen Berichten, namentlich der Akademien zu Paris, Wien und Berlin, welchen ich, wenn es mir erforderlich schien, einleitende oder ergänzende Bemerkungen beigegeben habe, enthalten vorzugsweise die allgemeines Interesse erregen- den Resultate der neuesten Forschungen im Gebiete der Natur- wissenschaften. Die im angefügten Literaturblatte der Isis ver- öffentlichten Besprechungen der neueren naturwissenschaftlichen Bücher sind zwar allerdings im Sinne der Zeitung, welcher gegen die materialistische Auffassung und Erklärung der Natur gerichtet ist, klar und bestimmt, aber ohne leidenschaftliche Bitterkeit und mit voller Anerkennung der einzelnen Vorzüge in auch mit unseren Grundansichten nicht übereinstimmenden Werken geformt.
IV
Die Bücherschau beabsichtigt die Leser auf die bemerkens- werthen neuen Erscheinungen im literarischen Gebiete der Na- turwissenschaften aufmerksam zu machen.
Für die Hefte des nun folgenden Jahrganges sind Artikel von Fachgelehrten theils bereits eingesendet, theils zugesagt worden. Die Mittheilungen aus den wissenschaftlichen Berichten der genannten Akademien werde ich in der bisherigen Weise fortsetzen. Die zahlreich für die Besprechung in unserem Blatte uns zugesendeten Bücher, die Vervollständigung unserer Bücher- schau durch Anführung von neu erschienenen Werken des Aus- landes, und die Beifügung von Mittheilungen über naturwissen- schaftliche Vereine werden wiederholt Veranlassung geben, das für jedes Heft bestimmte Maass von drei Bogen zu überschreiten. Die veranschaulichenden Zeichnungen sollen, wie es zweck- mässig und thunlich ist, entweder in den Text gedruckt oder auf Tafeln beigegeben werden.
Die wohlwollende Anerkennung, welche unserem Streben bereits vielseitig zu Theil geworden ist, werden wir uns zu erhalten bemüht sein.
Dresden, den 2. Januar 1856.
Dr. Adolph Drechsler.
Inhalt.
4A. E. Brehm: Die tropischen Wälder und,ahzetRFaunal. ‚.schirkt ki san Round an Ueber egyptische Brütofen und österreichische Brütmaschinen . . 2.....2.%.
R. Brehm:
Eımees uber das Pflegeelternwesen der Vagsd. =... zu len ee mre A. Dehne:
Psammomys obesus küppel . . ... DEI AERO HR, AISAERE
Mus decumanus Pallas.. Mus Musculus r Hypudaeus: Arvicola subterraneus
de Selys. Myoxus speciosus Deine. Mus sylvatieus L. . ae
Zu Micromys agilis. Talpa europaea L. Vespertilio Noctula Schrb, Sorex
chıysothorax}. 0 0 una ne ne ee REHRATÄHEHERDIE -
Zu Psammomys obesus Rüppel, feiste Rennmaus. Vespertilio discolor Natierer. Vesperugo Alcytho& Donaparte. Vesperugo Savii Bonaparte. Loxia leucoptera @melin und Loxia bifaseiata Brehm. Halieus Carbo Dliger
Museulusympllissimus: Deßneysa salsidiseilan sr Basel ebene arydura.araneds W.. Crossopus fodiens,W.} u, ‚sis-rıaa zecmestil, EX Se B. Dehne:
Natutkistarisches; aus.Mexico ı . era sende ee ara Hennig: Oestrus Equi Zinne. Die Magenbremse. Oestrus Ovis Zinne. Cephalemyia ovis Baus @estrus Vernt Capteoli ty Klocke: Exceursion nach der kleinen Insel Jordsand an der dänischen Westküste . . .
Kluge: Ueber Erhebungskratere und die Bedeutung des Wortes „Erhebung“ im All- DENE NTTOTE N U a ee As Pa 5 Tiouahee
Das Erdbeben vom 25. bis 26. Juli 1855 in der Schweiz a den angrenzenden Ikandern‘ re een 2 1%
Küchenmeister : Freie Uebersetzung und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Haime „la pisci- eulture“ in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nehst Zusätzen Experimenteller Nachweis, dass Cysticereus cellulosae innerhalb des menschlichen Darmkanals sich in Taenia Solium umwandelt 2 Are Ueber eine Abart der Taenia Coenurus, d. h. des Bandwurmes, von der die Ati j. 4es,Schaafes und des Rindes herstammen .. .. 0... om
Seite
209 473
404
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VI
—
Matlhes : Exeursion von New-Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas . . . Die Hemibatrachier im Allgemeinen und die Hemibatrachier von Nord- Amerika ammspBerellen MUT m I RT C. Müller: Beobachtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten . M. Müller: Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig . “1... er. wie v. Otto: Cyeadeen -Blatt im Rothliegenden . . 2... Se EN 3 Hypothetische Ansicht über Erhebung des Snileenhärts bei Possendorf ua über die Folgen derselben . ossile Würmer ım Quadersandstem "2 nm er Geologische Controversen .
.
habenhorst: Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande Beitrag zur Kryptogamen-Flora Süd-Afrikas. Pilze und Algen . : Die tödtliche Krankheit der Stubenfliege und einiger anderer Dipteren . Bemerkungen zu: Observation des &tres mieroscopiques de l’atmosphere terrestre
Reibisch: Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Helix hortensis Müller Die Mollusken, welche bis jetzt im Königreiche Sachsen aufgefunden wurden, nebst Angabe ihres Vorkommens und ihrer Fundorte 2... 2...
Reichenbach: Eirnnerung an die Stunden der Muse Sr. Maj. des höchstseeligen Königs Friedrich August SR: SER,
Rückblicke auf die Grundsätze der N Narkose im Laufe der Zeit Nachschrift zu „Beobaehtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten von (€, Müller“ . Dean) AERO, un re Das Schwärmen der Bienen vom polizeilichen St: adbiihlte Betrhehet 5
Nachschrift zu „Micromys agilis ete. von A. Dehne“ Nachschrift zu „Loxia leucoptera etc. von A. Dehne“
Sussdorf: Ueber die Wirkung gewisser technischer Etablissements auf die Atmosphäre, wie auf das Leben des Pflanzen- und Thierreichs . v2. vn 2. v. Welck: Ausflug in den Norden Scandinaviens . Sa Ausflug in den Norden Scandinaviens (Schluss) . » 3 en een“
Kleinere Mittheilungen von 4A. Drechsler: AnatomaseB- photographischer Bilder! =. "2 ne. vo ee ne a Barometrische Maxima und Minima . Beche, de la, Sir Henry Thomas . Bernerde FD EA u A BERN RE Te Eee FO Bernerde, Nachtrag . Blitze ohne Donner i 2 Breutel's Rückkehr aus Afrika Chemische Harmonika Inden, erin BR ND REEITT Chlorammonium Chloris Andina rg ERBE RI TR BI e Chytridsum or onior or or er. ur HOT Bob ad Auf ABIRBUDE, BONE
Dana’s Mineralogie . 4
Diamant-Krystall: etoile du Sud .
Eichenstamm als Hammerstock
Eier vom Riesenvogel von Madagaskar £ Fortleben in sehr lebensfeindlichen Verhältnissen Foucaultsches Pendel
Fucoidee des süssen Wassers
Gasbeleuchtung :
Gasflammenregulirung . Ban. Geologische Aufnahme des ubteeroiekiäehen Kascroiche Geologische Reichsanstalt zu Wien .
Getreide - Aufbewahren N
Grünsand im Zeuglodon-Kalke ia:
Haarrauch oa Ir
Hausmaus von den Kine. Wckirae \
Käfer aus der Familie Curculiones .
Käfer aus den Familien der Longicornia .
Klimatische Verschiedenheit
Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit heslbar Kıystallmodelle aus Glas
Meeresgrund, Proben
Meermilch ;
Meerwasser, Dichtigkeit ie Tenperkiue
Meteor-Eisen . - rs
Mineral - Heilquelle von Szliacs
Naturdruck .
Orkane
Phosphorescenz Anzeh ns haitieche Mittel Photographische Bilder
Plitvica - Seen
Ponor . h
Preiszuertheilung
Preisfrage der K. L.-C. Akademie der Naturforsehön : Protuberanzen &
Quecksilber, gediegenes
Reflexionstöne I ee een Regen - Vertheilung in den gemässigten Zonen Schlammvulkan von Poorwadadi .
Schlangen Nordamerikas . \
Skelett des Irischen Besenkirsches -
Thierkreislicht . .
Traubenkrankheit
Trevelyan - Instrument
Unterirdischer Verlauf von Bächen od Flkeen Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien Verwilderung der Hausthiere a N ri Vibrirende Bewegungen der Körper Senfhär zu machen Vierhundertgradige Thermometerscala .
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No.1l_ | Januar.
Allgemeine deutsche
Naturhistorische Zeitung.
Im Auftrage
der
Gesellschaft ISIS in Dresden
in Verbindung mit den auf dem Haupttitel des Jahrgangs genannten Herren herausgegeben
Dr. Adolph Drechsler.
Neue Folge: erster Jahrgang.
Mit eingedruckten Holzschnitten und Abbildungen.
HAMBURG & LEIPZIG, Verlag von Rudolf Kuntze.
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Erinnerung an die Stunden der Muse
Sr. MAIESTÄT DES HÖCHSTSELIGEN Könics
FRIEDRICH AUGUST
bei Auslegung von Reliquien
im Namen der Gesellschaft Isis gesprochen
von
Dr. Ludwig Reichenbach.
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Die hier folgenden Erinnerungsworte wurden am 4. November in Gegenwart Sr. Kasıcı. Honeırm nes KronprinzEn ALBERT und
Inro Kanıcı. Honeır Der Frau Kronprinzessin CAROLA und vor einem durch die naturwissenschaftliche Gesellschaft Isıs einge- ladenem zahlreichen Zuhörerkreise im Saale der Herren Stadt- verordneten gesprochen und nach öffentlich wie privatim aus- sesprochenem Wunsche am 18. November in demselben Saale vor einem zweiten Zuhörerkreise noch einmal wiederholt. DieRednerbühne war von einer durch den botanischen Gärtner, Garteninspector Ärause ausgeführten Pflanzendecoration umgeben, über derselben befand sich zwischen Palmen die umflorte Büste des höchstseligen Kaxıcs und vor der Rednerbühne waren die erwähnten Reliquien ausgelegt worden, Handschriften der drei verewigten Könige FRIEDRICH AUGUST I., ANTON THEODOR und FRIEDRICH AUGUST I., dann der erste und letzte Band des grossen aus Handgemälden der Hofmaler Ariedrich, Moritz Tettelbach und Andern bestehenden Prachtwerkes Plantae selec- tae horti Pilnitziensis, getrocknete Pflanzenexemplare aus den Her-
barien von FRIEDRICH AUGUST 1. und FRIEDRICH AUGUST IL,
Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1
2 sowie die Handzeichnungen, welche FRIEDRICH AUGUST N.
auf der Reise in Dalmatien eigenhändig gefertigt, endlich das Seite 7 erwähnte aus Gemälden von Pflanzen und Inseeten be- stehende Werk von Joseph Lebitsch und das Exemplar der Flora germanica excursoria, welches seit deren Erscheinen auf
allen Reisen bis in die letzten Stunden seines Lebens König FRIEDRICH AUGUST IH. bei sich geführt hat.
Wenn auch das Lesen einer dergleichen Rede niemals den Eindruck hervorzurufen vermag, welchen der Einzelne in einem in feierlicher Stunde versammelten Zuhörerkreise und in einem \ entsprechend decorirten Saale empfindet, so wird es doch mög- lich, hier noch eine Nachricht hinzufügen zu können, welche ein seitdem stattgefundenes Ereigniss, die Begründung eines für die Wissenschaft der Botanik lebendig fortwirkenden Denk- males dankbar verkündet.
Inro MasEstÄT Die Karnıcın MARIA als Universalerbin haben &eruhet, die von Sr. MasestÄr Dem Karnıs FRIEDRICH AUGUSTI. hinterlassenen und von Sr. Masestär nem Kanıc FRIEDRICH AUGUST 1. bereits begonnenen botanischen und überhaupt naturhistorischen Sammlungen nebst Bibliothek an die zum Königl. Hausfideicommiss gehörige öffentliche Naturaliensamm- lung, in Allerhöchster Erwägung, dass nur auf diesem Wege der mögliche und wünschenswerthe Nutzen für die Wissen- schaft daraus hervorgehen könne, als ein von derselben unzer- trennbares Ganze zu überlassen. Nach der durch Inro MasestÄr Bevollmächtigten, Sr. Excell. Herrn Staatsminister von Könneritz, an das Ministerium des Königl. Hauses stattgefundenen Er- öffnung hierüber, hat die Residenzstadt Dresden an die Stelle
der vormals im Königl. Naturalien-Cabinet aufgestellten und in
den Maitagen 1849 verbrannten Sammlungen weit vollständigere und in sofern doppelt werthvolle und im ihrer Art einzige Samm- lungen erhalten, als an jeden einzelnen Theil derselben die Erinnerung an zwei von der reinsten und edelsten Begeisterung für die Wissenschaft durchdrungene K(ENIGE Sachsens, eben so an die so innig mitempfundene Theilnahme der Kanıcın MARIA für diese Wissenschaft und für die Förderung dersel- ben, in unvergesslicher Weise geknüpft ist.
Nothwendig sind noch einige erläuternde Notizen, vorzüg- lich in Beziehung auf Schriften, welche die Erinnerung an den
verewigten König aus andern Gesichtspunkten erfassen.
Die Seite 5 genannte Schrift führt den Titel: Friedrich August IL, König von Sachsen. Biographische Skizze vonDr. Wilhelm Schäfer. Dresden und Leip- zig. 1854. Von den erwähnten beiden Biographieen wird die von Herrn Regierungsrath Zäpe noch erwartet, die andere ist aber
erschienen unter dem Titel:
Friedrich August IL, König von Sachsen. Ein Denkmal für alle seine Verehrer, herausgegeben von Dr. J. Schladebach. Dresden 1855.
Seite 16 wird hingewiesen auf:
Viaggio di S. M. Federico Auguste, Re di Sassonia per l’Istria, Dalmazia e Montenegro descritto dal Dr. Bar- tolomeo Biasoletto con alcune tavole lithografia. Trieste 1841.
Reise Sr. Majestät des Königs Friedrich August von Sach-
sen durch Istrien, Dalmatien und Montenegro im 4*
4
Frühjahr 1838. Aus dem Italienischen des Dr. 2. Biasoletto im Auszug übersetzt und mit Anmerk- ungen versehen von Zugen Freiherr von Gutschmid. Dresden 1842. Seite 21 ist angezeigt: König Friedrich August als Kunstfreund und Kunstkenner, dargestellt von J @. A. Frenzel, Director des K. Cabinets der Kupferstiche und Handzeichnungen. Dresden 1854. Ferner erschien früher: Ueber königlichen Sinn. Rede zur Feier des Geburts- festes Sr. Maj. des Königs Friedrich August, gehal- ten von Dr. Philipp Wagner. Dresden 1853. und später: Gedächtnissrede auf Seine Majestät Friedrich August, König von Sachsen, in der öffentlichen Sitzung der Königl. Sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, am 27. October 1854, gehalten von #£. v. Wietersheim. Leipzig 1854. | Bei dem Abdruck der hier folgenden Rede ist alles, was sich auf die Erläuterung der ausgelegten Gegenstände bezog, weggelassen worden, sowie einige Theile derselben überhaupt nur im Auszuge gegeben. Auch die Angabe der beiden Hauptmomente für die Begründung der Naturkunde in Sachsen durch Agricola und Heucher, soll keine historische Darstellung sein, da zu derselben auch die Erläuterung der Leistungen jener Männer gehört haben würde, welche auf dem Diplome der Ge-
sellschaft /s2s noch mit genannt sind.
Verehrungswürdige Anwesende, Allerseits hochzuverehrende Versammlung!
Wenn ich heute die hohe Aufgabe zu lösen versuche, über den ver- ewigten König vor Ihnen zu sprechen, so fürchte ich nicht den Vorwurf, es sei dies zu spät, nachdem schon alle jene dankbaren Nachrufe von öffentlicher Stätte erklungen, denn der Schmerz über sein Scheiden aus dem Reiche derer, die ihn liebten, wird Generationen überdauern und in banger Wehmuth werden noch die Enkel der spätesten Zeit einander erzählen, wie Friedrich August die Seinen und die ganze Menschheit, und wie diese ihn wieder geliebt hat. Die Nothwendigkeit der Verzögerung meiner Worte zu Ihnen, wurde theils dadurch bedungen, dass ich wünschte, aus dem jetzt erst vollständig entsiegeltem Nachlasse des Verewigten, . Vorlagen bieten zu können, welche als heilige Reliquien aus seinem Leben den Eindruck zu machen vermöchten, den meine schwachen Worte nicht hoffen durften, machen zu können, und theils eben darin, dass ich selbst nur zu sehr fühle, wie wenig mir selbst die Kraft ge- geben ist, nach so ausgezeichneten Vorgängern ein des erhabenen Königs würdiges Bild entwerfen zu können. Nehmen Sie darum, hoch- zuverehrende Anwesende, die aus dankbar treuer Seele fliessenden Worte, nehmen Sie den aufrichtigen Willen für das, was des Gegenstandes, wie Ihrer Anwesenheit würdiger ausgesprochen werden sollte, mit Nachsicht entgegen.
Aber nur in sehr engen Grenzen kann ich das Thema erfassen, welches nach vielen Richtungen hin eine reiche und ergiebige Quelle darbieten würde. Sollte ich den Verklärten schildern als König, so würde ich unpassendes wagen, denn der Segen seines Königthums liegt in unserer frischen Erinnerung, wie in den überall hin verbreiteten Archiven des Landes, die biographische Skizze von Dr. W. Schäfer hat fleissig die Facta zusammengestellt, zwei ausführlichere Biographien zu- nächst, von sachkundigen Männern, erwarten wir bald zu erhalten und ein end- und vollgültiges Urtheil über Fürsten kann doch nur den Fürsten gebühren, welche wissen, was es heisst, Fürsten zu sein, wäh- rend die Völker von ihrem subjectiven Standpunkte aus ihr Urtheil gestalten.
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Aber auch die Könige haben eine menschliche Seite und diese ist es, in welcher sie jedem Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, dass jeder Einzelne diese Seite als die ihm bekannte begrüsst und sich be- rechtigt glaubt, diese menschliche Seite seines Königs näher betrachten zu dürfen. Und Heil allen Königen, welche den Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, als unser Friedrich August seinen Sachsen wirklich ge- standen.
Wenn aber in ihm seine angeborne Neigung für alles Gute, Schöne und Edle, wenn seine theilnehmende Liebe für alle Riehtungen mensch- licher Thätigkeit, wenn insbesondere dann auch sein reiner Sinn und seine Hingebung für und an die Natur, so oft zum Mittel geworden, ihn denen, die ihn lieben lernten, zu nähern, so wird es nicht unpas- send sein, insbesondere diese zuletzt angedeutete Bestrebung seines Lebens näher ins Auge zu fassen.
Fassen wir aber diese seine eigne Bestrebung für die Erforschung der lebendigen Natur auf, in der Harmonie seiner Ehrerbietung für das Wort und für die Werke Gottes, so haben wir wahrscheinlich ein Thema, welches dieses feierlichen Tages nicht unwürdig erscheint.
Wollen wir aber irgend ein Factum in der Geschichte, wollen wir irgend einen Vorgang im Leben des Individuum klar und deutlich er- fassen, so müssen wir, wie bei der Erforschung der organischen Wesen, auf den Ursprung zurückgehen und so dürfen wir auch hier fragen: 1) wie und unter melchen Bedingungen entstand jene Harmonie? 2) wie und in welcher Weise wurde dieselbe geübt und 3) welchen Erfolg von ihr für die Zukunft dürfen wir hoffen?
Wir wenden uns zuerst einem flüchtigen Rückblicke zu, um die Bedingungen kennen zu lernen, welche im vormaligen Sachsen das Studium der Naturkunde erweckten.
Georg Bauer, im Jahre 1491 in Glauchau geboren, bildete sich in Italien, lebte dann als Arzt in Joachimsthal und Chemnitz und wurde der erste wissenschaftliche Kenner des Bergbaues. In seinen lateini- schen Werken musste er, der Sitte der damaligen Zeit gemäss, seinen Namen latinisiren, und als Georg Agricola erlangte er seinen Ruhm als Mineralog. Johann Heinrich Heucher in Wien, geboren am 1. Januar 1677, Prof. Med. in Wittenberg, wurde unter August III, König von Polen, Leibarzt und starb am 22. Februar 1746. Derselbe gab die Ver- anlassung zur Schöpfung aller hiesigen Museen und ein schönes gros- ses Oelgemälde, sein Portrait, hing im Königl. Naturaliencabinet, wo der ruchlose Brand am 6. Mai 1849 auch diese kostbare Reliquie der Vorzeit mit so vielen anderen verzehrte. Die Gelehrsamkeit seiner Zeit war jene unerquiekliche Wohlredenheit über sogenannte Raritäten, Dinge, die man ihrem wahren Wesen nach nicht kannte, in möglichst weit- läufiger Exposition äller Ideen, welche über dieselben irgend Jemand _ jemals gehabt hatte, in schönem Latein, wodurch auch Heucher zu hohem
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Ruhme gelangte. Aber sein Eifer, für die Sammlungen zu wirken, ist mit der dankbarsten Anerkennung zu rühmen. Sachsens Regenten för- derten dieselben in theilnehmender Liebe und schon damals sprach der König von Preussen bei der Beschauung derselben: Er finde alle Schätze der Natur und der Kunst hier vereinigt und alles was das Meer ‚und die Erde und der Geist der Menschen zu schaffen -vermöge, sei hier in solcher Weise zusammengestellt, dass es unnöthig sei, Reisen ins ferne Ausland zu machen.
Während unter dem Churfürst Friedrich Christian die Museen sich einer Erweiterung und treuen Pflege erfreuten, war für das Königliche Naturalien-Cabinet Prof. Titius aus Wittenberg an Heuchers Stelle beru- fen und zum churfürstlichen Leibarzt ernannt worden. Aber eine grosse Zeit für eine neue Begründung und Förderung der Naturkunde in Sachsen erblühte durch Churfürst Friedrich August. Am 23. December 1750 geboren, regierte derselbe vom 15. September 1768 bis 5. Mai 1827 und zwar vom 11. December 1806 als erster König von Sachsen.
Friedrich August der Gerechte lebte fast alle Hauptabschnitte der wissenschaftlichen Entwickelung der Naturkunde hindurch. Zinnee selbst lebte noch zehn Jahre, nachdem Friedrich August zur Regierung gelangt war, und starb am $. Januar im Jahre 1778. Die Begeisterung für Zinnee, welcher sich der ganze Erdkreis erfreute, hatte ausser dem König von Schweden vielleicht keinen zweiten Monarchen so leben- dig als den Churfürsten Friedrich August in Sachsen ergriffen. Derselbe scheint wie so viele Naturforscher von der Entomologie ausgehend, spä- ter zur Botanik übergegangen zu sein. Der Maler August Johann Rösel in Augsburg erweckte damals durch seine von 1746 bis 1761 heraus- gegebenen höchst sorgfältigen Beobachtungen und durch die trefflichen Abbildungen seiner monatlich erscheinenden „Insecetenbelustigungen“ die Bewunderung der gesitteten Welt in ganz Deutschland und in dieser An- erkennung wurde er als Rösel von Rosenhof in den Adel erhoben. In derselben Richtung spannten von Regensburg aus Jacob Christian Schaef- fers Schriften über Insecten die Aufmerksamkeit tiefer Gemüther und alle derartigen Erscheinungen aus dem Leben der organisirten Natur wurden in jener frommen Zeit von ihrer religiös belehrenden Seite als Erläuterung der Allmacht Gottes betrachtet und in wahrer Weihe em- pfangen. Churfürst Friedrich August hielt einen Hofmaler Namens Mil- ler, welcher während des Sommers die Beobachtung der Inseeten mit ihm betrieb und wie man sagt, die Verwandlungen derselben gemalt hat.. Eine ähnliche Sammlung von Handgemälden, welche Pflanzen und Schmetterlinge darstellen, vom Prof. Joseph Lebitsch im Baumgarten- bergschen Cisterzienserkloster zu Wien bis zum Jahre 1791 gemalt, befin- det sich noch in der hinterlassenen Bibliothek und während die Pflan- zennamen durch den Maler beigeschrieben sind, so hat der Churfürst "Friedrich August mit eigner Hand die Namen der Schmetterlinge, in so-
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weit sie ihm bekannt waren, bezeichnet. Neben der Entomologie war es die Botanik, für welche im Churfürst Friedrich August ein lebhaftes Interesse erwachte. Durch ein emsiges Selbststudium vorzüglich der Linneeschen Werke, aber auch der damaligen Schriften über Pflanzen- Anatomie und ganz besonders der Floren, wurde diese Kenntniss bald und gründlich erlangt. Alle die zahlreichen Prachtwerke der Vorzeit wur- den angeschafft und studirt und insbesondere bei der Benutzung des Gartens gebraucht.
Die Anlage des Schlossgarten in Pillnitz hinter dem Bergpalais wurde im Jahre 1769 sogleich nach dem Regierungsantritte begründet, der Garten im Jahre 1776 mit seiner hohen Mauer umgeben, im Jahre 1782, nach dem vom Churfürsten selbst entworfenem Plane, durch den englischen Garten vermehrt und im Jahre 1804 sehr bedeutend erwei- tert. Jene edle und hohe Menschenwürde des verewigten Königs war fern von aller Prunksucht und ging auch in der Anlage dieses Garten nur von dem Gesichtspunkte aus, eine unmittelbar veredelte Natur hier wiederzugeben. Daher fehlen ihm alle jene pomphaften Zier- rathen, wir vermissen jene Eremitagen und Mausoleen, jene Moscheen und Thürme, jene Grotten und Obelisken und Säulen mit phantastischen Inschriften, wie solche so häufig andere dergleichen Anlagen zieren oder verunzieren mögen. Nicht mehr als zwei Werke der plastischen Kunst zieren bis jetzt in ernster Weise den Park. Nicht weit von dem Schwanenteiche, im düstern Haine, unter dem Schatten majestätischer Bäume, trägt ein einsamer Rasenplatz im Mittelpunkte seines Ovals die edle Statue der Vesta, von Trippel in Rom aus kararischem Marmor gefertigt. Sie hütet das heilige Feuer und hebt den reinen Blick empor zum östlichen Himmel. Friedrich August der Erste hat diesen Platz ihr geweiht. Im Rasen an der grossen Lindenallee, da, wo eine der Kasta- nienalleen gegen sie mündet, steht nahe am Eingange zu dem botani- schen Garten auf hohem Obelisk eine colossale eherne Büste der Alles durchdringenden Gaea von Rietschel. Ihr Ehrfurcht gebietender Blick richtet sich, wie einst der der /sis im Tempel zu Sais, zurück in die Zeit die da war, hinein in die Zeit, die da ist und hinaus in die Zeit, welche noch kommen wird. Friedrich August der Zweite hat sie in tiefem Sinne hierher gesetzt. Eine anmuthige Natur gestaltete sich hier überall, als ein treues Abbild jenes reinen und festen, über alle Spielerei mit den Genüssen des Lebens und mit der Phantasie erhabenen Characters Friedrich August des Gerechten. In jener Zeit der stillen Beschauung der Werke der Gottheit und seiner selbst, war es, wo bei dem ange- borenen häuslichen Sinne für eine ermste Bethätigung in Wissenschaf- ten und Künsten die hingebende Liebe für diese in dem Hohen Hause der Sachsen eine bleibende Stätte gefunden. Für die damalige Zeit sehr geräumige Gewächshäuser wurden der Cultur der Gewächse der wär- meren Zonen, ein entsprechendes Terrain der Pflege anderer im freien
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Lande geweiht und von besonderem Interesse ist ein Winterhaus, wel- ches grosse Exemplare von Salisburia, Edwardsia, von Lorbeerbäumen, Magnolien, Campferbäumen und Myrten, eine prächtige Korkeiche und eine mehr als achtzigjährige ursprüngliche japanische Camellie, von 17 Fuss Höhe und 48 Fuss im Umfange mit 9 Zoll dieken Stamme enthält. Die Erscheinung aller dieser schönen Bäume ist während des Sommers, wo sie von ihrer schützenden Decke enthüllt sind, wahrhaft über- raschend. Am 20. Mai 1820 wurde der Vortragende selbst von der Universität Leipzig, wo er als ausserordentlicher Professor der Mediein und Naturwissenschaften gelehrt hatte, berufen und hier angestellt, hatte das Glück, durch den damaligen Oberkammerherrn von Friesen Sr. Majestät dem König vorgestellt zu werden, und erhielt dann bald Be- fehl nach Pillnitz zu kommen, um an den botanischen Arbeiten des Königs theilnehmen zu sollen. Sehr bald überzeugte derselbe sich hier, dass der König die Botanik nicht, wie so manche derselben zugeneigte, hochgestellte Personen, als Liebhaberei betrieben, sondern vom Linnee- ischen Standpunkte ausgehend, mit derjenigen Gründlichkeit, welche dem hohen Königshause so eigenthümlich geblieben und welche freilich einen so grossartigen Apparat literarischer Hilfsmittel, als er hier vorfand, er- heischte. Der König war unermüdet in seinem Bestreben, die richtige Bestimmung seiner Pflanzen zu finden und unbestimmbare Gewächse er- regten eine gewisse Unruhe in ihm, die ihn antrieb, immer weiter nach- zusuchen und noch andere Werke zu vergleichen, bis er so glücklich war, die Auflösung der vorliegenden Räthsel zu finden. Mehrere der- gleichen, durch lange Zeit aufgesammelt, legte derselbe mir vor und nachdem es möglich geworden, fast alle zu lösen, war ich so glücklich, der Gnade seines Vertrauens bis an sein Ende mich erfreuen zu dürfen. Die Untersuchungen der in jeder Woche aufgeblühten Pflanzen in Pill- nitz, wurden jeden Sonntag nach Rückkehr des Königs aus Dresden sorgfältig betrieben. Der König nahm seinen Sitz in dem ersten klei- nen warmen Gewächshause, wo der Hofgärtner die zu untersuchenden Topfpflanzen in lange Reihen gestellt und die aus dem freien Lande in abgeschnittenen Exemplaren dazugelegt hatte. Die zur Untersuch- ung nothwendigen Bücher brachten Lakaien in Körben herbei und der dienstthuende Geheime Kämmerier blieb in der Nähe, zum Dienste des Königs. Der König war in diesen Stunden überaus heiter und freute sich innig über alles Neue, was irgend ihm vorkam. Er hielt sein in jedem Jahre durch seinen Kalligraphen Schreiner neu geschriebenes und um die neuen Ankömmlinge vermehrtes Gartenbuch in der Hand und zeichnete mit einem Bleistift alle Bestimmungen und Berichtigungen darin auf. Da so Wenige seiner Zeitgenossen Gelegenheit gehabt haben, die gemüthliche Seite dieses grossen Königs kennen zu lernen, so kann ich dem Drange meines Gefühls nicht wiederstehen, einen Zug davon zu berichten.
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Im Jahre 1824 waren aus dem von dem Reisenden Sieber aus Neu- holland mitgebrachten Saamen schon viele Gewächse zur Blüthe gelangt, unter andern eine überaus zierliche Veilchenart mit epheugestaltigen Blättern und reinweissen Blüthen, welche nur in der Mitte das gewöhn- liche schöne Violet der Veilchen trugen. Ich äusserte meine Freude über diese hübsche neue Form, die auch dem König ausnehmend ge- fiel. Sogleich fragte er den dabeistehenden Hofgärtner John, wie viele Töpfe von dieser Art er erzogen, und dieser antwortete: „zwei, Ihro Majestät!“ Augenblicklich gab ihm der König den Befehl, das zweite Exemplar mir mit nach Dresden zu geben, wo ich die Pflanze in einem meiner damaligen Werke abbildete und die Freude genoss, dass der König diese Abbildung eine gelungene nannte. Von einer guten bota- nischen Abbildung verlangte er strenge Naturtreue und vollständige Analyse bei künstlerischer Vollendung. Seinen Hofmaler Ariedrieh und später dessen Sohn hatte der König auf die nothwendige Analyse der Blüthen aufmerksam gemacht, und die kostbarste Zierde der Bibliothek ist bis auf den heutigen Tag eine Sammlung jener Gemälde in neun grossen Foliobänden, den der König den Titel ‚Plantae selectae vivis coloribus depictae horti Pillnitziensis“ gegeben. Im Jahre 1788 begonnen, war die erste Centurie im Jahre 1795 vollendet und bei dem Hinscheiden des Königs war bereits die neunte Centurie begonnen. — Bei dem an- gelegentlichen Wunsche des Königs, dass die Kenntniss der Natur in den Gemüthern der Jugend Platz greifen möchte, fragte er öfters nach den dahin einschlagenden Anstalten und die Emancipation des Natura- lien-Cabinets aus dem Zustande einer verschlossenen Raritätenkammer in den eines Instituts zur Belehrung des Volkes, war ganz in seinem Sinne. Der König besass eine sehr kostbare Sammlung von Wachs- präparaten durch einen Florentiner Künstler in Wien, unter Aufsicht. des berühmten Trattinick mit höchster Treue nach der Natur gefertigter Pilze, 200 Arten zum Theil Gruppen mehrer Exemplare, welche in 4 Lieferungen jede ä 95 Thaler angekauft wurden. Zu dieser schönen Sammlung führte er mich im Jahre 1824 als er die grosse Frequenz der botanischen Vorlesungen erfahren hatte und sagte in höchstem Wohlwollen: „Stellen Sie diese Sammlung zur Aufmunterung der jungen Leute in Ihrem Hörsaale auf, die Kenntniss der Pilze ist schwer.“ Bis 1849 wurde sie nun treulich in den Vorlesungen der Bo- tanik benutzt, bis am 6. Mai dieses Jahres die republikanischen Flam- men auch dieses Kleinod mit so vielen anderen in den von allem Schutz gänzlich entblössten Galerien des Zwingers verzehrten. Zu wei- terer Aufmunterung der Zuhörer sah es der König sehr gern, wenn ich mit meinen Zuhörern alljährlich einmal den herrlichen Schlossgarten in Pillnitz besuchte und Ihm dann berichtete, wie die jungen Mäiiner von der Grossartigkeit der dortigen Tropenflora ergriffen, Seiner Gnade sich auf das dankbarste verbunden gefühlt.
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Eine Sorge in der letzten Lebenszeit des edlen Königs war noch die, Seine Sammlungen in eine Hand übergehen zu lassen, welche sie ‚in ihrem vollen Werthe zu schätzen verstände und dieselben in einem vollkommenen geordneten Zustande hinterlassen zu können. So geschah es, dass ich im letzten Winter seines Lebens öfter befehligt wurde, die- ses Ordnen mit ihm zu vollenden. Drei Schränke, inwendig wie Acten- 'repositorien gebaut, enthalten die prunklose aber höchst schätzbare Sammlung. Sein letzter Wunsch im Leben, den der Hohe Verewigte gegen mich aussprach, war der: es möge mir gelingen, wie Er hoffe, in dem Prinzen Frisdrich die Liebe für die Natur lebendig zu machen.
Die tiefe Trauer um diesen grossen Monarchen, in welchem alle da- mals lebende Generationen aufgewachsen waren und die Ueberzeugung in sich hineingelebt hatten, ein anderes Verhältniss könne gar nicht gedacht werden, musste sich erst durch die Zeit mildern, um irgend einen Entschluss fassen, irgend ein neues Unternehmen begründen können.
Möge aber das bisher gesagte als Einleitung dienen für den zweiten und Haupttheil einer Betrachtung: wie und in welcher Weise von König Friedrich August II. die Zarmonie Seiner Naturstudien geübt worden ist.
Mag es mir hierbei erlaubt sein, zuerst den Eindruck zu schildern, den das erste Beisammensein mit dem Prinzen Friedrich im Monat Mai 1827 im botanischen Garten und im botanischen Cabinet in Pillnitz auf mich gemacht hat. Ich darf diesen Eindruck zusammenfassen in den einzigen Satz: ich sahe in ihm den verewigten Friedrich August wieder verjüngt! — Dieselbe Humanität war hier wieder erblüht, dieselbe reine Hingabe an die Erforschung der Werke der Allmacht sprach sich aus, aber Beides im Jugendeifer erglühend. Auch der Prinz hatte bereits in frühester Jugend Insecten und Mineralien gesammelt und das In- teresse für dieselben belebte ihn noch. Für das Sammeln hat indessen von dieser Zeit an das Studium der Botanik allein das Vorrecht be- halten. Auch hier bewährte sich sogleich, dass nicht ein oberflächlicher Dilletantismus, sondern das gründlichste Studium erstrebt werden sollte, der Prinz begann mit dem Ernste, mit der Festigkeit und seltenen Be- harrlichkeit seines grossen Oheims die Emübung der Terminologie, ging zur Physiologie über und zur Classification und für specielle Kenntniss wurde mit dem Vaterlande der Anfang gemacht. Nach der ersten Ex- cursion in den Plauenschen Grund schlossen die in die übrigen Theile der nahen Umgegend sich an und später wurden fast alle Richtungen des Landes betreten, vorzüglich sorgfältig die sächsische Schweiz und das Erzgebirge durchwandert.
Auf diesen Excursionen war es, wo seine reine Humanität sich in so vielseitiger Richtung entfaltete. Er, war von vorzüglich heitrem Ge- müth, alles was die Natur bot, ergriff ihn innig und tief, und mit ge- spanntester Aufmerksamkeit nahm er alles auf, was ihm neu war, oft
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schon durch Vorstudien im Stande, sich zu erklären, was er nicht frither gesehen. Sein Gang war überaus leicht. In kleinen aber in schnellem und gleichem Tempo wohlabgemessenen Schritten durchwanderte er weite Strecken in kurzer Zeit. Im Ersteigen der Berge hatte er ebenso wie in dem schwierigeren Absteigen ohne Pfad, bald eine grosse Uebung erlangt. Fast immer hielt er-sich dabei aufrecht und nur in den äusser- sten Fällen bog er den Körper und wusste durch abwechselndes Er- fassen der Zweige oder der festen Grasbüschel an steilen Felsen sich zu erhalten. Die Schärfe seiner Sinne befand sich in vollständiger Harmonie mit der Klarheit seines Geistes und mit der Tiefe seines Gemüthes. Schwächen und Launen kannte er nicht, er ermüdete nie- mals, dieExcursionen in das Gebirge begannen wir zu Wagen, gewöhnlich um oder bald nach Mitternacht und waren oft noch vor Tages Anbruch am Ziele von wo wir ausgehen wollten, so dass wir dann bis Abends, im verschiedenartigsten Terrain botanisirend, uns heiter bewegten. Ueberall fand der Prinz auf den unwegsamen Pfaden das richtige Ziel. Als wir einmal Mittags in der Gegend von Altenberg oben zur Försterei vom Zaunhaus gelangt waren, zeigte der Förster einige Verlegenheit, als er hörte, dass der Prinz da Mittag machen wollte, aber dieser tröstete ihn mit den Worten: „lassen Sie uns einen Tisch hier auf den grünen Ab- hang heraus saen und eine Schüssel Milch bringen, mit etwas Brod, das wird uns vortrefflich schmecken.” Dies hewune Ach wirklich und nachdem wir gegessen, erbot sich der Förster zur Begleitung durch die Buchen, um uns den richtigen Weg von dort aus zu zeigen. Der Prinz lehnte dies ab, mit den Worten: „Ich danke lieber Förster, wir suchen uns unsern Weg immer gern selbst.” Hitze und Kälte nahm er eben so gern hin, er klagte nie über das Wetter, auch nicht über Regen und Schlossen, nichts der Art konnte seine Heiterkeit trüben.
Nebenbei interessirte er sich lebhaft für Zoologie und die Spuren des oft so verborgenen Lebens der Thierwelt machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als er die ersten Infusionsthierchen in ihrem freu- digen Gewimmel selbst im Mikroskope gesehen, erklärte er seine Er- wartung für übertroffen und wiederholte sich öfter den Anblick. Die schönen Beobachtungen des Geh. Med.-Rath Carus in Pillnitz, sahe er oft mit höchstem Interesse. Es bleibt ewig wahr: „ein sinniges Ge- müth steht bei dem Wurme still, ein gewöhnliches geht bei einer Welt von Wundern gleichgiltig vorüber.” Seine letzten Freuden für Zoologie in Dresden waren der zweimalige Besuch der Kreuzbergschen Menagerie, wo die vier Giraffen ihm die schönen Thiergärten in und.bei London wieder zur lebendigen Erinnerung brachten und dann der Besuch des Solibri-Cabinets im botanischen Garten. Er kam unverhofft am Sonn- tag den 9. Juli gegen Abend, als er die Königin in das Theater geführt, und war von der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Colibris wie von ihren treu der Natur nachgeahmten Lieblings-Blüthen, zwischen den sie
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sich scheinbar, wie unter dem Himmel der Tropen bewegten, so entzückt, dass er an einem andern Tage mit der Königin zurückkehrte und auch andere Glieder des hohen Hauses veranlasste, diese schöne und merk- würdige aus mehr als tausend Exemplaren bestehende Sammlung zu sehen.
.In den ersten Jahren seiner botanischen Studien ging seine Ab- sicht dahin die Gewächse der Flora von Dresden möglichst vollständig zu sammeln. Seine grosse Thätigkeit erfasste von allen Seiten diesen Vorsatz. Im ersten Anfange machte er sich von den Arten, die er ge- funden, Conture mit der Feder und schrieb die Namen dazu. Er fer- tigte dann Verzeichnisse nach den Lokalitäten, Verzeichnisse nach den Verschiedenheiten des Boden, Verzeichnisse nach der Zeit der Blüthe, Verzeichnisse der Arten, die er gefunden, und Verzeichnisse derjenigen, welche ihm noch fehlten, endlich ein reiches Verzeichniss derjenigen, welche in der Flora von Zicinus und Schubert sich noch nicht aufgeführt fanden, dennoch von ihm selbst bereits aufgefunden waren. Nach und nach bildete sich aus allen diesen Arbeiten ein Manuscript über die Flora von Dresden, dessen Einleitung eine Schilderung der Gegend unter dem Titel: „Gemälde der Gegend um Dresden” enthält. Auch eine Aufzählung der „Plantae Florae Dresdensis rariores” mit ihren Stand- orten liegt diesem Manuscripte bei.
Mit der Erscheinung meiner Flora germanica excursoria im Jahre 1830 und 1831 erweiterte sich sein Plan und er bestrebte sich von den aus dem mittleren Europa darin beschriebenen gegen 5800 Ge- wächsen, mit eigner Hand möglichst viele zu finden. Sein Verzeichniss der Gewächse von Marienbad hat Dr. Heidler in seiner Schrift über Marienbad zur Veröffentlichung vom Prinzen erhalten und weil daselbst ein nachgelassenes Verzeichniss der dortigen Gebirgsarten von Göthe dar- auf folgt, so ist in mehreren Anzeigen später Göthe als Mitverfasser des Verzeichnisses der erst nach seinem Tode gesammelten Pflanzen irrig aufgeführt worden. Von der Erscheinung meiner Flora an, bis zu seinem Hinscheiden wurde diese Flora sein steter Begleiter auf allen seinen zahlreichen Reisen. Aus dieser Flora besonders bereitete er sich vor auf jede einzelne Reise und verglich vorher die darin eitirten Ab- bildungen, deren Eindruck er so treulich bewahrte, dass er dann die gefundenen Gewächse gewöhnlich sogleich in der freien Natur richtig erkannte. Sein ausgezeichneter Scharfblick und sein seltener Takt im Labyrinth der Lokalitäten sicher zu gehen, setzte ihn in den Stand im Auffinden schwer zu entdeckter Gewächse Vorzügliches zu leisten und keine Hindernisse dabei konnten ihn hemmen. Höchst auffallend war dies auf seiner Reise in Ungarn, wo er in den sehr eigenthümlichen Karpathen unter stetem Regen und täglich leidend von Nässe, dennoch die dort vorkommenden, zum Theil sehr beschränkten und schwer zu- gänglichen Standorten gehörigen Pflanzen glücklich gefunden. Einen anderen interessanten Beleg hierzu verdanke ich Herrn Geh. Med.-Rath
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Carus in folgenden Worten: „Wer das Glück gehabt hat König Friedrich August auf grösseren Reisen zu begleiten wird hundertfältig Gelegenheit gefunden haben, nicht nur seine tiefbegründete Liebe für die Natur, son. dern auch die Leichtigkeit zu bewundern, in ihr sich zu orientiren und ihre Schätze sich zugänglich zu machen. Ich erinnere mich, dass als wir im Juli 1844 in England kaum die schönen Gegenden der Cumber- landLakes betreten hatten, so waren dem Geiste des Königlichen Herren sogleich die botanischen Seltenheiten gegenwärtig, welche diese Seen und Gebirge einschliessen. Kaum sahen wir bei einer reizenden Abend- Kahnfahrt auf dem Windermere-See von Weitem die Wasserfläche wie mit zarten weissen Blüthen bestreut, so liess der König darauf zu rudern im Voraus gewiss, dass wir hier die niedliche, maiblumenähnlich aus der spiegelnden Fläche herausragende Lobelia Dortmanna sammeln würden, und kaum traten wir ebendaselbst am andern Morgen einen Fussweg an, so fehlte es nicht, dass der erhabene Forscher bald einen grünen Hügel erstieg, ihn als geeignet erkennend, dass wohl an seinen Rändern der schöne seltene, bisher nur in Cumberland und Wales ge- fundene gelbe Mohn, die Meconopsis cambrica oder Papaver cambricum Lin., da wachsen möchte, und richtig trafen wir in Kurzem schön blü- hende Exemplare des hübschen Gewächses von dem ich noch selbst eins zur Erinnerung bewahre. Gelang es doch dem kenntnissvollen Naturfreunde, als ich denselben zwei Jahre nach einander zur Herstell- ung seiner Gesundheit zum Besuche von Marienbad begleitete, während der dort verlebten Wochen, sogar in so bekannter Gegend manche sel- tene Pflanze aufzufinden, die von früheren Sammlern dort nicht aufge- funden worden war. Mit eben der Liebe und mit demselben Streben nach weiterer Kenntniss sah ich übrigens denselben früher schon in Italien und in der Schweiz sammeln. Nie verfehlte er, wenn auf den Stationen umgespannt wurde, wenn irgend Wetter und Oertlichkeit es erlaubten, sogleich abzusteigen und vorauszugehen, wobei dann neben der Umsicht in der Gegend, mit scharfem Auge an Wegen und Zäunen die irgend blühenden Pflanzen beobachtet wurden und mancher gute Fund wanderte dann in die Mappen. Kurz! ist je einem edeln Geiste das zeitweise sich Versenken in den Reichthum der ewig forttreibenden und blühenden Natur ein unerlässliches reines und schönes Bedürfniss gewesen und hat irgend Einer die aus diesem Versenken hervorgehende Freudigkeit auf eine würdige Weise empfunden, so darf man vor Allen König Friedrich August als einen solchen bezeichnen.” So weit Carus.
Vom Jahr 1833 wuchs sein Glück und sein Eifer für Exeursionen in der Nähe, dadurch dass seine zweite hohe Gemahlin Maria, die gleiche Neigung für die Natur mit ihm theilte und ihn ebenso auf diesen Excursionen begleitete, wie sie mit hohem Interesse, ja mit eigner Sachkenntniss, seinen Beschäftigungen zu Hause, mit der Pflanzenwelt
folgte.
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Vorzüglich glücklich machte ihn das Reisen und mit der ganzen Macht seines Zaubers wirkte der Aufenthalt auf den Alpen auf ihn ein. Von ihm galt recht eigentlich was Reineck sagte: „sei Mann im Leben, Kind in der Natur!“ —
Die ersten Reisen seines Lebens in dem Jahre 1809 nach Leipzig, im Jahre 1813 nach Regensburg und zweimal nach Prag, im Jahre 1815 nach Pressburg und Wien, endlich nach Paris, waren nicht der Erhei- terung, sondern theils unwillkührlich während der Kriegszeiten, theils und zuletzt der militärischen. Ausbildung gewidmet. £ Die erste wissenschaftliche Reise des Prinzen Friedrich nebst sei-
nen hohen Brüdern nach Italien gegen Ende des Jahres 1821 wurde auf den Wunsch des Königs gemacht, aber leider ergriff dieselben in Pisa ein hitziges Fieber, welches für den Prinzen Clemens am 12. Januar 1822 einen tödtlichen Ausgang genommen.
Im Jahre 1824 wurde Belgien und Holland bereist. Anfangs 1825 traf der Prinz in Paris ein und überall fand er reiche Gelegenheit seine Kenntnisse daselbst zu erweitern.
Im Jahre 1828 am 1. April begann die Reise mit dem Leibarzt des Königs, Geh. Med.-Rath Carus, nach Italien. Ein junger Mann, der gegenwärtig als praktischer Arzt mn New-York berühmte Dr. Gescheid, nahm als Botaniker und Sammler der naturhistorischen Gegenstände Theil an der Reise und hier begannen die ersten Studien des Prinzen in der aussergermanischen Flora. Die heise ging über Wien, über Bruk an der Murr, Judenburg, Leoben, wo die erste Zusammenkunft mit dem hocherfahrenen Alpenbotaniker, dem Erzherzog Johann statt fand, über Villach, Udine, Treviso, Venedig, Vicenza, Verona und Parma zur Kaiserin Maria Louise, dann über Modena, Bologna nach Florenz, von da nach Rom und Neapel, auf der Rückkehr durch die Schweiz und im August wieder nach Dresden zurück.
Am 13. September 1830 Mitregent geworden, war der Prinz durch mannigfaltige Arbeiten der neuen Organisation des Landes so dringend beschäftigt, dass ihm nur die Erholung durch Excursionen im Lande möglich geblieben, aber eine weitere Entfernung durch Reisen nicht zu- lässig war. Ein anderes Hinderniss bot hierbei die Kränklichkeit sei- ner ersten Gemahlin Caroline, welche am 22. Mai 1832 mit deren Hin- scheiden endigte.
Am 24. April des folgenden Jahres mit Prinzessin Maria Anna Leopoldine, Tochter des grossen Königs Maximilian von Bayern vermählt, empfand er in der Harmonie mit seiner hohen Gemahlin bald wie- der die Neigung, die Alpen zu sehen und nächst Marienbad, wurde dess- halb in Salzburg und in Tirol botanisirt. An einem jähen Felsen hatte
sich der Prinz Mitregent hier verstiegen und ein Jäger hatte das Glück ihm zu Hilfe zu kommen.
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Des Königs Anton Hinscheiden erfolgte am 6. Juni 1836 und der Prinz Mitregent übernahm von da an die Königlichen Pflichten allein.
Erst im folgenden Jahre 1837 wurde es wieder möglich an das Rei- sen zu denken, und Oestreich, insbesondere das schöne Kärnthen und Krain *) wurden das Ziel. Aber die Nachricht von einer ernsten Erkran- kung in Laibach, nach einer Erkältung bei dem Besuch der Adelsberger Höhle, beflügelte die Reise der Königin in Begleitung des Geh. Med.- Rath Carus dahin, doch sahen sich dieselben durch baldige Genesung des Königs beglückt, welcher am 23. August wieder in Pirna vom gan- zen hohen Hause freudig empfangen wurde.
Im Jahre 1838 wurde der König durch den am 3. Januar erfolgten Tod Seines Herrn Vaters, des Prinzen Maximilian, auf das Tiefste er- . schüttert. Am 7. Mai begann die denkwürdige Reise in Begleitung des Geh. Med.-Rath von Ammon als Leibarzt über Triest nach Dal- matien und Montenegro, welche sein Begleiter von Triest aus Dr. Bia- soletto, in italienischer Sprache beschrieben und Zugen Freiherr von Gutschmid deutsch übersetzt hat. Sie war die bedeutendeste von allen Reisen des Königs in Bezug auf ihre wissenschaftliche Ausbeute. Am 21. Juni nach Pillnitz zurückgekehrt, begab er sich mit der Königin vom 7. bis 28. September an über Leipzig in das Erzgebirge, haupt- sächlich um daselbst den Nothstand zu mildern und durch Abhilfe man- cher Mängel die Bewohner zu trösten.
Im Jahre 1840 begann er am 22. Juli eine Reise in das Riesenge- birge, wo er in Gesellschaft einiger jungen Botaniker in der Wiesen- baute einen fröhlichen Abend verlebte, und als ihn dieselben nach sei- nem Namen fragten, sich Friedrich nannte und eine gute Nacht wünschte, da er noch einen Brief an seine Frau schreiben müsse. Die Herren begnügten sich damit nicht, sondern suchten den Boten auf, welcher den Brief vom Gebirge hinabtragen sollte. Sie lasen hier zu ihrem Erstaunen: „an die Königin von Sachsen.” **) Er kam am 12. August wieder mit einer schönen Sammlung von Pflanzen zurück. Am 9. Sep- tember reiste er nach München und kehrte am 8. October zurück.
Im Jahr 1841 folgte mit der Königin eine Reise nach Baiern und in die Alpen, von wo er am 22. August wieder zurückkehrte.
Im Jahr 1842 reiste er am 4. August wieder nach Böhmen.
Im Jahr 1843 besuchte er über Leipzig Thüringen und war abwe- send vom 23. bis 27. Juli. Am 3. September begann er einen Ausflug in den Harz und langte am 16. December wieder an.
*) Die Reise in Krain ist beschrieben in der Allg. deutsch. naturhist. Zeitung 1847, Ss. 431 — 440.
##) Dieser durchaus so und nicht anders statt gefundene Vorgang, wird in einigen säch- sischen Wochenblättern durch eine Aeusserung verunstaltet, deren Unmöglichkeit Jeder- mann einsieht, wer jemals das Glück gehabt hat, den König in seinen heitersten Momenten zu schen, Niemals entschlüpfte ihm eine Aeusserung gegen die Würde seiner Stellung, und jeder Zoll seiner Erscheinung war und blieb immer unverkennbar der König.
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Im Jahr 1544 trat er die grössre Reise nach England an und reiste am 22.Mai ab, von wo er erst am 9. August unter feierlichstem Em- pfang wieder eintraf. Vom 14. bis 22. September machte er einen Aus- flug nach Leipzig.
Im Jahre 1845, dem Jahre des Regens und der grossen Ueber- schwemmung in Dresden, unternahm der König die schwierige Reise nach Ungarn, um die Karpathen aus eigner Ansicht kennen zu lernen. Auf keiner Reise hat derselbe so viel von nachtheiliger Witterung als auf dieser gelitten, dennoch übertraf seine Ausbeute alle Erwartung.
Im Jahr 1846 wurde in Gesellschaft der Königin am 24. Juni ein Ausflug nach Potsdam gemacht, dann eine längere Reise nach Tiro], von welcher er heiter und gesund am 2. September wieder anlangte.
Die Jahre 1847, 1848 und der Anfang von 1849 waren nicht ge- eignet an eine heitere Reise denken zu lassen, und erst am 14. October 1849 wurde in Gesellschaft der Prinzen Johann und Albert eine Reise in das Voigtland gemacht.
Im Jahr 1851 folgte am 1. Juli über Wien und Triest eine Reise nach Oberitalien, von welcher die Rückkehr am 11. August in Pillnitz statt fand.
Im Jahre 1852 besuchte er über München abermals sein geliebtes Tirol, Kärnthen, Steiermark und Oberitalien, und ging am 15. Juli wie- der über Tirol nach der Lombardei und über Modena und Toscana nach Sardinien. Auf jeder dieser beiden Reisen wendete die Vorsehung die Folgen von wirklich eingetretenen Unfällen glücklich wieder ab.
Das laufende Jahr 1854 führte dagegen jenes furchtbare Ereigniss herbei, welches vielseitig berichtet und näher beschrieben, in die tiefste Trauer Alle, die den erhabenen Verklärten kannten und liebten, so schmerzlich versetzt hat.
Die schriftlichen. Aufzeichnungen, auf allen diesen Reisen gesam- melt, die er die Gnade hatte, mich bisweilen lesen zu lassen, sind von höchstem Interesse.
Möge noch auf andere Zeugen der Thätigkeit in den Stunden der Muse des Königs geübt, ein Blick zu werfen erlaubt sein: auf sein Herbarium und seine Bibliothek und dann auf die unter Seinen Befehlen gediehene Fortbildung des Weinbergs in Wachwitz und des Schlossgartens' in Pillnitz.
Denkt man sich alle die schönen Ergebnisse seiner eigenen Reisen und Excursionen, mit den zahlreichen Zusendungen, die er immer aus den Händen der Botaniker, die ihn verehrten, oder Reisender, die er unterstützte, erhalten, denkt man an die Production des Gartens in Pill- nitz und an die Sammlungen getrockneter Pflanzen, die er von Zeit zu Zeit kaufte, so ist sein Zerbarium gewiss ein bedeutendes zu nennen und für das Studium durch Sachkenner von hoher Bedeutung. Dasselbe
ist ebenso prunklos und einfach als das von Friedrich August I. einge- Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 2
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riehtet und es gehört noch das von dem in Pesth verstorbenen bekann- ten Botaniker Rochel angekaufte Herbarium dazu. Von seinen Don- bletten theilte der König gern mit und fühlte sich beglückt, Andern dadurch Freude zu machen. Die letzte mir bekannte Mittheilung in dieser Art erhielt nach einer auf dem Weinberge zu Wachwitz stattge- fundenen wissenschaftlichen Audienz mit eigenhändiger Handschrift der Apotheker Zeöchel in Chemnitz. Anspruchslose Naturfreunde besuchte er gern und so ist er bei dem gemüthlichen Dr. Dehne in der Nieder- lössnitz zu wiederholten Malen gewesen, und hat sich an dessen schöner Sammlung wie an seinen lebendigen Thieren erfreut.
Die Bibliothek wurde immer zweckmässig vermehrt, indessen stam- men die meisten Prachtwerke, wie die von Jacguin, Ventenat, Waldstein ‘und Aütaibel, Tenore, Pohl, St. Hilaire, Hoffmansegg und Link, Curtis und Hookers Flora Londinensis, Flora danica, das grosse Werk von Alexander von Humboldt und andere, aus der Hand Seines Oheims; von grossen Prachtwerken hat Er selbst etwa vorzüglich die Plantae asiaticae von Wallich und Batemans Orchideae gekauft. Die Abbildungen seltner in Pillnitz_ blühender Pflanzen wurden durch die geistvollen Darstellungen des Hofmalers Moritz Tettelbach vermehrt, aber die immer zahlreicher von London aus erscheinenden, guten Abbildungen aller neuen Ent- deckungen, liessen immer mehr die Zahl der noch hier abzubildenden Arten vermindern, so dass nur die neunte Centurie vollendet worden und die zehnte begonnen. >
Seine Arbeiten im botanischen Cabinet in Pillnitz, wie im Herba- rium in Dresden, wurden mit demselben Ernste, wie von seinem ehr- würdigen Oheim betrieben. Ich selbst war befehligt, jeden Freitag das mit ihm fortzusetzen, was Friedrich August I. eingeführt hatte, nämlich die Bestimmung oder Berichtigung der in dem Zeitraum von einer Woche zur andern aufgeblühten Gewächse und im Winter das Einord- nen in die Herbarien und in die Bibliothek. ‚Jene Berichtigung der Pflanzen, die man so häufig unter ganz falscher Benennung erhält, er- forderte auch hier die reiche Bibliothek und in neuerer Zeit, wo die Masse des Entdeckten immer grösser geworden, hatte sich auch die Sehwierigkeit dieser Untersuchungen immer mehr und bedeutend ver- mehrt. Der König war ebenso wie in allem, was er einmal begonnen, unermüdet beharrlich und diese Stunden waren ihm angenehm, und was noch weit mehr sagen will, sie blieben es ihm durch 27 Jahre hindurch bis an sein Ende, denn der Prinz wurde Mitregent und der Mitregent wurde König, aber seine Liebe zur Natur blieb sich bis in die letzten Momente seines schönen Lebens vollkommen gleich und noch am letz- ten Freitage vor seiner Abreise hatte er die Freude, unter den im bo- tanischen Cabinet aufgestellten Exemplaren, nächst vielen anderen Ge wächsen, besonders Orchideen, die Carolinea princeps und Costus specio- sus zum erstenmale blühen zu sehen. Die Berichtigungen der hier
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blühenden;&ewächse wurden von jeher das Mittel, diesen Garten bei der Sorgfalt seiner Gärtner, welche diese Bestimmungen nicht wieder ver- ‚wechselten , in dem guten Rufe zu halten, dass andre Gärten mit ihm in Tauschverbindung traten und die baaren Ausgaben für anzukaufende Pflanzen sehr mässig sein konnten. — Auch sein Studium der Pflan- . zenwelt war nicht einseitig für Species berechnet, ihn interessirte auch der Bau und das Leben der Pflanzen und die Fortschritte der Physiolo- gie, welche wir in seiner Zeit Mohl"und Schleiden, Göppert und Unger, Jrmisch und Cohn, Schacht und Hofmeister und Anderen verdanken, waren ihm ebenso geläufig, wie die Systematik, in welcher sein Geist immer Klarheit und wahren natürlichen Zusammenhang verlangte und liebte.
Der Weinberg in Wachwitz giebt ein redendes Zeugniss von der tiefen Gemüthlichkeit unseres verklärten Königs. In gewohnter Beschei- denheit beginnend, kaufte der Prinz im Jahre 1824 des Grundstückes ersten Theil, und legte bald darin den Thiergarten an, welcher ihm bis an sein Ende manche Erheiterung gewährt hat. Durch successive Er- weiterung ist es zu dem herrlichen und grossartigen Ensemble gewor- den, welches für jeden Beschauer so leicht zugänglich ist und dessen neueste Acquisition der König noch kurz vor seiner Abreise mit wah- rer Freude erzählte. In Hinsicht der Lage und Aussicht ist dieser Weinberg fast unübertrefflich zu nennen, in Hinsicht auf Bequemlichkeit bei bescheidenen Ansprüchen, wahrer Menschengrösse vollständig ge- nügend und rücksichtlich der Erinnerung an daselbst verlebtes häusliches Glück und harmonischen Einklang zweier Herzen, fast einzig in seiner Art und der hohen Würde des ganzen erhabenen Königshauses gänz- lich entsprechend.
Die Pflanzensammlung im Schlossgarten wurde während der Regier- ung Friedrich August II. bedeutend vermehrt. Der Garten hatte das Glück, ausgezeichnet sorgfältige Gärtner zu haben, vom Jahre 1798 an den Hofgärtner John, nach dessen Tode im Jahre 1832 am 28. April diese Stelle durch den vormaligen botanischen Gärtner Zerscheck aus Dresden wieder besetzt wurde. Beide haben den höchsten Ruhm eines Gärtners durch die ausgezeichnete Erhaltung der alten Pflanzen und durch die fleissige Heranziehung, sorgfältigste Etikettirung und Erhalt- ung der Etiketten, bei einem geringen Personale von Gehülfen, erlangt, alles Eigenschaften, welche eben so selten sich vorfinden, als sie für das Gedeihen eines botanischen Gartens unerlässlich genannt werden müssen. Beide Könige haben diese Eigenschaften immer erkannt. Unter dem Hofgärtner Terscheck wurden alle jene ehrwürdigen Zierden des Gartens in wahrer Pietät für den verewigten hohen Begründer dessel- ben erhalten und die Vermehrung der Arten von 4000 auf 16000 er- hoben. Davon sind 2500 Staudengewächse im freien Lande systema- tisch geordnet. In einem Wasserbassin im Freien sind über 20 Arten
Nymphaea, Nuphar, Nelumbium, Dichorisandra, Limnocharis , Villarsia, Sa-
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gittaria und dergleichen zur Blüthe gebracht. Das Palmenhaus bietet den Eindruck der Tropenwelt und ist dicht mit Gewächsen erfüllt. Pandanus odoratissimus 24' hoch, Phoenix dactylifera, farinifera, reclinata, und guianensis bis 16‘, Latania chinensis 18', Cycas revoluta von 5' Stamm- höhe, Dracaena longifolia 14’, arborea 11’, Aletris fragrans 24°, Cinna- momum verum, nitidum, Cassia 18 bis 22‘, Carica Papaya 14. Ein zwei- tes warmes Haus enthält eine grosse Anzahl gut gepflegter, zum Theil seltner Pflanzen, Dillenia speciosa von 9, Ficus nymphaeifolia und imperialis bis 13‘, Calyptranthes caryophyllata 10', Uvaria adoratissima 22', Adan- sonia digitata 20‘. Unter den Pflanzen des kalten Hauses befinden sich noch diejenigen Neuholländer, welche durch die Expedition von Joseph Banks mit zuerst nach Europa gelangt sind, grosse dickstämmige Bank- sien bis zu 14° Höhe, Arten von Hakea, Callistemon, Acacia meist 20 bis 22’ hoch. Die ganze Sammlung dieser Gewächse steht im Sommer nach ihren natürlichen Verwandtschaften zusammengestellt, zwischen Hecken im Freien. Der Sachkenner findet sich in diesem botanischen Garten dadurch am meisten befriedigt, dass eben nicht, wie so häufig geschieht, die Sucht nach Neuem das Alte verdrängt hat. Der richtige Unter- schied eines botanischen Gartens von einem Luxusgarten bewährt sich hier durch die möglichst vollständige Aufstellung von Gewächsen aller Familien, so auch reicher Sammlungen von (isteen, Compositae, Labiatae und dergleichen mehr, in ihren alten typischen Formen. Das neue Orchideenhaus enthält neben einer Anzahl anderer Gewächse 275 Arten Orchideen in kräftigen Exemplaren, daher dergleichen in jedem Monate blühen. Auch der grosse Raum zwischen den verschiedenen Palais, welche zum Schlosse gehören, ist im Jahre 1837 durch den Hofgärtner Terschek geschmackvoll angelegt worden und die neuen Anlagen ziehen sich noch ausserhalb der zum Schlosse unmittelbar gehörigen Räume an der Elbe herab bis über die fliegende Fähre hinaus. In allen jenen Gewächshäusern, insbesondere im Orchideenhause und am Bassin der Nymphäen weilte der verewigte König mit innigster Freude und Liebe bis in die letzten Tage seines Lebens in Pillnitz. Der Schlossgarten da- selbst ist niemals öffentlich und niemals gesitteten Personen verschlossen gewesen. Jedermann fand daselbst Eintritt und bereits Friedrich August der Gerechte freute sich, wenn irgend Jemand für den Garten Theil- nahme zeigte. Von Botanikern hat derselbe früher Willdenow, Schwäg- richen und Schkuhr bei sich gesehen. Friedrich August II. nahm alle Män- ner der Wissenschaft gern auf, und erlaubte mir unter andern Sprengel aus Halle, 7reviranus aus Bonn, den Grafen Hoffmannsegg, Prof. Parla- tore aus Florenz, Prof. Dr. de Visiani aus Padua, Moretti aus Pavia, Dr. Bigelow aus Boston, Baron von Müller aus Stuttgart und Andere zu ihm zu führen.
Dieser Garten erscheint jetzt zum ersten Male verwaist. Da wo noch vor Kurzem der Allgeliebte Friedrich August im Verein mit der in
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immer -heitrer Harmonie seine Freuden theilenden Königin Maria sich liebend bewegte, da tönt jetzt dem einsamen Spaziergänger in abend- licher Weile ein Säuseln aus den hocherhabenen Wipfeln der ehrwür- digen Liriodendren, Platanen, Magnolien und canadischen Pappeln und Tannen entgegen und seine Wehmuth übersetzt es in die wenigen Worte:
„hier haben zwei der besten Könige, welche jemals die Welt sahe, mit
den Ihrigen 84 Jahre hindurch in reinster Liebe gewaltet!”
Wenn uns seine innige und tief empfundene Liebe für die Natur characteristisch für sein Leben erscheint, so war doch sein allseitig ge- bildeter Geist empfänglich für alle Richtung. des menschlichen Wirkens, er umfasste mit Liebe das ganze weite Reich der Wissenschaften und Künste und belehrte sich durch eigene Anschauung in den Fabriken und Werkstätten des Inlands, wie in der weitesten Ferne. In seinen Sammlungen finden sich von seiner Reise mit seiner Gemahlin im Erz- gebirge sogar die aus Holz gedrechselten Ringe aus den Spielwaaren- fabriken in Sayda, welche sich durch spätere Mänipulationen in Thiere verwandeln. Dabei besass er das seltene Talent aus freier Hand in richtigsten Proportionen, die aus dem mannigfaltigsten Detail bestehen- den Ansichten von Gegenden, vorzüglich Gebirgszügen zu zeichnen. Von allen seinen Reisen brachte er zahlreiche Blätter solcher Hand- zeichnungen mit, sie mögen sich hoch über die Zahl von tausend belau- fen, und es gehörte unter seine angenehmsten Vergnügungen nach der Rückkehr diese mit‘ Vorlegung von Specialcharten zu erläutern, wo- bei seine unübertreffliche Erinnerung für alle die kleinsten Details, räumlich und zeitlich treu wiedergegeben, Bewunderung erregte. Er war so gnädig mir diese Relationen immer um so ausführlicher zu geben, als er beklagte, dass in der Jahreszeit seiner botanischen Reisen, in welcher gewöhnlich mehrere Fremde zum Anhören der in Dresden immer zahlreich besuchten Vorlesungen der Botanik hierher kamen, meine Amtspflicht mich hier fest hielt. Besondere Freude erregte ihm bei diesen Relationen die Erinnerung an jene Blicke von den Höhen der Berge oder zwischen Bergen und Schluchten hindurch, oder aus den Fenstern der Zimmer, die er bewohnte. Alle diese Blicke wurden in der Regel mit geübter Hand dem Papiere vertraut und seine Augen strahlten in reinster Freude, wenn er bei Mittheilung seiner Berichte darüber Theilnahme fand. In der höchst dankenswerthen Schrift des Director Frenzel, ist diese seine ernste und weitumfassende Kunstbestreb- ung noch weiter erläutert.
Wollten aber alle diejenigen, welche das Glück hatten, durch ver- schiedene Fächer ihrer eigenen Thätigkeit mit ihm in Berührung zu treten, darüber berichten, welche Thätigkeit er in eines jeden Fache ge- übt hat, so würde sich nur der Beweis davon herausstellen, dass er es verstand, das vielgestaltige Leben der ganzen gebildeten Menschheit in seiner hohen Individualität selbst in klarster Harmonie zu beherrschen.
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Wenn aber die zweckmässige Thätigkeit bis über die Stunden und kleinsten Momente der Muse verbreitet, immer die Mutter der Heiter- keit ist, so wusste er diese Heiterkeit auch noch durch eine seltene Menschenliebe zu nähren. Die feste und treue Anerkennung der Wahr- heit, des Rechts und der menschlichen Würde und Sitte lag allen seinen Handlungen und Aeusserungen zu Grunde, die wahre reine Humanität lebte immer in ihm.
Ich kann nicht unterlassen, auf die Aeusserung dieser Humanität noch einen Rückblick zu werfen. Seine innige Liebe zu Kindern war so rein und edel, dass sie in der That mehr als einmal, wenn er sich überall freute, wo wir gesunde, muntere, freundliche Kinder der Land- leute trafen, an jene erhabenen Worte von Christus mich lebhaft erin- nerte, welche die reinste Reinheit einer Seele verkünden. Seine grosse, wahrhaft christliche Nachsicht gegen Alle, nur nicht gegen sich selbst, ist zu bekannt, denn sie hat selbst in den entscheidensten Momenten treu sich bewährt. Ebenso lebendig steht die Erinnerung vor uns, wie das hohe Brüderpaar bei Unglück und Gefahr selbstthätig einschritt, bei jener furchtbaren Ueberschwemmung im Jahr 1845, bei mehreren Feuersbrünsten thatkräftig mitwirkte, zu löschen, zu retten, zu helfen, zu trösten.
Ja, wahrhaft tröstend und erhebend war sein liebevoller Blick, wenn er in tiefster Rührung einen seiner treuen Diener nach Genesung von schwerer Krankheit mit beiden Händen erfasste, als wollte er sich ge- wiss machen, glauben zu dürfen, er sei ihm wiedergegeben. Bei allen Leiden, welche ihm bekannte Personen getroffen, litt er tief mit und schon das Bewusstsein seiner Theilnahme wurde Vielen das Mittel zur heiteren Genesung. Sein im Anschauen der Entwickelung der organi- sirten Natur so tief begründetes conservatives Prinzip, welches z. B. jede Zerstörung vegetabilischer Bekleidung von Mauern oder jede Ver- nichtung alter Bäume missbilligte, fand den höchsten Reflex in seiner Achtung des Lebens der Menschen.
Einen Fall seiner Achtung für das Alter, bitte ich noch erzählen zu dürfen. Es war an einem schönen Tage des Monat August im Jahr 1829 als wir bei Tagesanbruch in Frauenstein angelangt, von da nachdem der Prinz den Anblick der Stadt für sein Stammbuch gezeich- net, über Schönfeld hinaufgingen, um dann durch den Höllengrund em- porsteigend an das 2354 Fuss hochliegende Dorf Schellerhau zu gelangen und Cineraria rivularis daselbst blühen zu sehen. Am heissen Mittag zingen wir dem Ufer der wilden Weisseritz entlang, herrliche Wiesen mit hohem Grase lagen zur Seite, die Arnica stand noch leuchtend in vollester Blüthe, die feinen federartigen, smaragdgrünen Blätter der Bärwurz erschienen truppweise gruppirt auf der Wiese, das überaus zierliche Galium sawatile streckte seine Guirlanden am Boden dahin oder sie hingen über die Steine am Ufer des rauschenden Flusses und
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Cirsium heterophyllum hob zerstreut über die Wiesen die dunkelrothen Köpfe über die Arnica und über die hohen Gräser empor. Ein tiefes Schweigen beherrschte die Landschaft, denn die früher über den Wip- feln kreisenden Sperber und Habichte beängstigten nicht mehr die jun- gen Bruten des Waldes und hatten sich in der Hitze m den dunkeln . Zweigen des Dickicht verborgen. Nur die rein kastanienbraune Zigea flog geräuschlos noch an den grünen Abhängen und suchte den äroma- tischen 7%ymus, zwischen den Blumen auf der Wiese flatterte die düster- gefärbte, weissgesäumte Chaerophyllata herum, und hier und da flog vor den Fusstritten die schöngezeichnete Zuprepia plantaginis auf, aber Noctua graminis sass hier und da mitten in den Blüthenköpfen der Arnica, still ausruhend unter den senkrechten Strahlen der Sonne, von der reissend- schnellen Bewegung ihres Flugs in der verflossenen Nacht. Der Prinz fühlte sich sichtbar glücklich im Verständniss des reichen Detail in die- sem grossen, erhaben lebendigen Bilde der friedliehen Natur seines Landes. Aber bald wurde dieser so reizende Schmuck den Wiesen ent- nommen, denn als wir weiter gelangten, sahen wir Schnitter beschäftigt, welche mit Sensen die Wiesen ihres hohen Grases beraubten. Wir näherten uns dem Uebergange über den Fluss, wo man den durch die fluthenden Wintergewässer weggerissenen Steg durch den einfachen Stamm einer mässigen Tanne ersetzt hatte, und sahen, dass eben ein hochbejahter Schnitter dem Baumstamme sich näherte, um hinüberzu- gehen. Als wir herankamen, trat er freundlich grüssend zurück, aber der Prinz fragte ihn: „du willst wohl auch hinübergehen?” worauf er antwortete: „meine Sense liegt noch drüben, die will ich mir holen!” — Hierauf sagte der Prinz: „dann bleib hier, die will ich dir geben” mit einigen Schritten war er hinüber, fasste die Sense, kam eben so schnell wieder herüber, reichte sie dem verwundert dankenden Greise, dessen Kindeskinder vielleicht noch lange einander diese Auszeichnung er- zählen. Noch heute steht der tiefgerührte, silberhaarige Greis, der wahr- scheinlich längst ruht, lebendig vor meiner Erinnerung.
So liebend und mit der ganzen Welt sich versöhnend und diesen Grundsätzen gemäss in jeder Richtung hat Friedrich August gewirkt und auch der harmonische Einklang seiner Studien der Werke Gottes mit den Geboten seines Wortes, der ihn in allen seinen Thaten belebte, hat vielfachen Segen gebracht.
Wenn ich in diesem zweiten Theile unsrer Betrachtung nur einige wenige und rein objeetive Aeusserungen des verewigten Königs er- wähnte, so bleibt mir noch ein Schatz reicher Erinnerung an Aeusser- ungen, welche eben um ihrer tieferen Subjectivität willen, als Zeichen jener persönlichen Gnade, welche bis über die Grenzen des Lebens hinausging, im dankbaren Gemüthe verschlossen, welche durch eine jede Veröffentlichung verlieren würden, an ihrer hohen Bedeutung, an jener heiligen Weihe, welche nur in der eignen Erfahrung des Indivi-
24 duums lebt. Dies Erlebniss aber, ist ein lindernder Trost für den Rest des eigenen Lebens, welcher die bleibende Wehmuth, so viel als noch möglich, erheitert. ,
Nur mit wenigen Worten mögen wir noch die dritte Frage zu be- antworten suchen: welchen Erfolg für die Zukunft, von des Königs Har- monie in seiner Verehrung des Wortes und der Werke Gottes, dürfen wir hoffen?
Ich vermuthe einen dreifachen Erfolg. Zuerst hat der König das erhabene Beispiel gegeben und ins wirkliche Leben im Angesichte der ganzen Menschheit geführt: dass diese Harmonie, wenn sie sich auf reine und wahre Anschauung der Natur treulich begründet, würklich besteht, und dadurch bewiesen dass wo diese Harmonie gestört wird, dann der Grund in dem Mangel an Wahrheit und Treue der Naturanschauung liegt. Jener falsche materialistische Weg, den man gegenwärtig dem Volke aufdringen will, und weil man das Bessere nicht lehrt, wirklich aufdringen lässt, wo Naturforscher sich auf die Wunder der Natur setzen, wie jene Fliege, deren Carus erwähnt, im Phönix, in seinen „gelegent- lichen Betrachtungen über den Character des gegenwärtigen Standes der Naturwissenschaft“, welche Fliege auf dem Apoll im Belvedere sitzend, diesen allerdings nur als kalten Marmor erkennt, jene Construction des Geistes aus dem Magen oder aus jeder anderen Retorte, welche conse- quent zu der Anschauung führen würde, dass die gegenwärtige, so fein: genusssüchtige Zeit nur aus lauter grossen und fast gleichgrossen Geistern bestehen müsste, und welche von der Sterblichkeit jenes Magen- geistes nach dem Aufhören seiner Genüsse, zum Atheismus dahinführt, ist freilich jenes „Wissen“ zu nennen, „welches um Christum herum- geht,“ darin stimmen wir vollständig bei, und der verewigte König hatte sehr recht, wenn. er im Jahr 1848 unmittelbar nach sener Verwunderung darüber, dass ein practischer Naturforscher dahin gelangen könnte, die Vermuthung hinzufügte: es möge dabei doch wohl die wahre Grundan- schauung gefehlt haben. Darum kehren wir lieber zu dem alten Glau- ben zurück: „es ist der Geist, der sich den Körper baut!“
Nur auf diesem Wege wird das Selbstbewustsein und die Selbster- kenntniss des Menschen gefördert und er hat dann nicht vergeblich die vielen Stufenleitern der organisirten Welt in ihrem Parallelismus er- stiegen, wenn er auf den Punkt jener Höhe gelangt ist, wo endlich der Geist in seiner Vollendung selbstständig wird. Das grosse Reich dieser Geister werden wir nimmer mit Destillirkolben und Retorten besiegen und bannen.
In der That, die wahre Anschauung der Natur liegt im christlichen Prinzipe und ist tief in der Liebe begründet. Recht verstanden ver- kündet auch das Gift der Pflanzen und Thiere die Liebe, und die Zer- störungen des Schiffswurmes sind nur Abweichungen von seinem wahren Berufe die gefährlichen Wraks zu vernichten, und alle conservative Ver-
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hältnisse im physischen Leben der Menschheit finden wir als Vorbild schon in der Natur. Hier galten schon weit früher als in der historischen Zeit alle nur denkbare Verhältnisse der Ehe und der Erziehung mit ihren Folgen; hier die Kinderbewahranstalten und Waisenhäuser, hier die Blinden- und Taubstummeninstitute mit ihrer Tast- und Zeichen- ‚sprache und die Hospitäler für Kranke und Greise, sie haben ihre Be- gründung gefunden in der präadamitischen Zeit. Revolutionen aber sehen wir nieht mehr in der Natur, denn sie dienten nur in der Urzeit zu der ersten Bildung des Erdkörpers, zu der Vorbereitung des Wohn- platzes für den friedlichen Menschen, für welchen Zweck auch ein Untergang und ein Wechsel von Thiergenerationen, ein stufenweises Steigern und Auftreten derselben bedingt war. Dagegen hat der Krieg, die Vernichtung einer und derselben Species unter sich keine Begrün- dung, kein Vorbild in der Natur. Was uns Homer und 4elian, was Oppian und Plinius von den Kriegen der Thiere erzählen, das sind Malereien der dichterischen Phantasie ihrer Zeiten, dennoch sehr natur- gemäss nur im Bereiche verschiedener Arten geschildert, denn die Art in der Natur kennt für sich nur das conservative Prinzip und die ge- _ selligen Thiere einer Art lieben einander unter sich vielmehr als die Menschen, daher eine Unnatur, wie der Krieg, unter ihnen nicht und niemals Platz greifen kann. Eine Vernichtung in Masse und dann eine Vernichtung der vollkommensten, kräftigsten und edelsten Individuen untereinander müsste im Plane der Schöpfung, welche auch ihre schwäch- sten und ältesten Individuen, so wie einerseits die Menschheit hierin ihr nachahmt, noch mit oft wunderbarer Sorgfalt erhält, inconsequent, zweck- widrig und selbstvernichtend für die Species erscheinen. Und wirklich nehmen wir auch wahr, dass historisch und factisch erwiesen, jedem bedeutenden Kriege im Plane der Vorsehung, um der Menschheit jene. Inceonsequenz zu beweisen, als ganz unvermeidliche Wirkung einer Ver- wundung, Verkrüppelung, Zerstörung und Auflösung so vieler Organis- men, Pest und Seuchen aller Art und eine auffällige und factisch nach- gewiesene physische und moralische Schwächung und Verderbniss der Generationen naturgesetzlich streng und sicher gefolgt sind. Wilde Völker haben auf diesem Wege ihre ganzen Stämme vernichtet, nur die friedlichen wie die Samojeden, Grönländer und Lappen haben sich ohne Krieg kräftig blühend erhalten und folglich auch von ihnen sagte Za- martine mit Recht: „gebildete Völker führen keinen Krieg.“ Wohl uns, dass dieser Ausspruch jetzt auch Deutschland gebührt.
Die Wissenschaft von der Vernichtung der Menschheit und ihrer Werke ist in der Gegenwart auf ihren Culminationspunkt gelangt, und vielleicht auf diesem endlich wird man dennoch die menschliche Ohn- macht und den wahren Plan der Schöpfung und das Prinzip der christ- lichen Lehre erkennen und jene zu einer conservativen Wissenschaft für den Schutz und für die Erhaltung eines allgemeinen Friedens gestalten.
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Nur zum Schutz und zur Vertheidigung von König und Vaterland giebt es einen naturgemässen, geheiligten Krieg. Nur wer dieses Moment erlebt, wird mit Recht sagen können, dass er den sittlichen Fortschritt, dass er die wahre Veredlung der Menschheit, dass er das lebendig ge- wordene Christenthum endlich begrüsste.
In ähnlicher Weise ist auch die ganze Natur, dafern wir sie rich- tig verstanden, ein Spiegel der Menschheit und eine grosse und von Gott selbst erschaffene und dem Menschen offenbarte und auf allen sei- nen Schritten vorgelegte heilige Symbolik, von Christus selbst oft genug als solche gedeutet. Wie soll die Anschauung dieser Natur, die in allen ihren Theilen selbst nur Symbol ist, wie soll sie die Bedeutung der Symbole der Religion schmälern oder gar aufheben können? Der hoch- erfahrene und allverehrte Alexander von Humboldt sagt in seinem Kos- mos: „Die christliche Richtung des Gemüths ist die: aus der Weltord- nung und aus der Schönheit der Natur die Grösse und Güte des in ihr wohnenden Geistes zu beweisen.“ — Nur Fanatiker ihres eignen Wor- tes, das sie über das Wort Christi egoistisch erheben, können es ver- suchen, den von Gott selbst gegebenen Commentar seines Wortes ver- achten und vor der Menschheit verbergen zu wollen. |
Zweitens dürfte im Erfolg des erhabenen Beispiels des verewigten Königs und jener Theilnahme, welche schon Friedrich August I. für die naturwissenschaftliche Bildung der Jugend gezeigt hat, die Zeit heran- nahen, wo endlich einmal, da wo dies noch nicht stattfindet, die wahre und eben wahrhaft segensreiche Kenntniss der lebendigen Natur in die Bildung der Jugend weiter und allgemein eingeführt werde, sobald da- zu die zweckmässige Bildung einer hinreichenden Anzahl sachkundiger Lehrer wirklich vorausging. Wir müssen dies wohl auf das dringendste wünschen, denn die Naturforschung, insbesondere die Erforschung der lebendigen Natur, ist ja der wahre Schutz für die Jugend gegen die Fehltritte auf der Bahn ihres Lebens, ja die Naturforschung ist der ver- einte Gottesdienst aller Confessionen der Welt.
Drittens wird diesem Achtung gebietenden Vorgange, der ernsten und hingebenden Beschäftigung eines der edelsten Fürsten mit der Natur folgend, die Naturkenntniss auch wieder öfters das Eigenthum von Privatpersonen werden, sie wird sie vor Müssiggang und nach- theiligen Genüssen, vor unsinnigen Spekulationen und Phantasieen be- wahren, wird sie über ihr eignes Handeln und Wirken belehren und sie aufklären über tausende von Vorgängen im Leben, sie wird ihr Alter er- heitern und auf jedem Spaziergange ihnen eine treue und sie unterhaltend belohnende Führerin sein, wird ihr Urtheil über die Welt berichtigen und mildern und in der Anschauung der Natur sie klarbewusst und gläubig aus tiefster Ueberzeugung zu deren Schöpfer erheben. Sie wer- den darin dem heiligen Willen Gottes selbst folgen, welcher die Man- nigfaltigkeit und Schönheit seiner unnachahmlicher Werke selbst als
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Mittel zu einer menschlichen Erkenntniss seiner Allmacht und Grösse für alle Menschen gegeben.
Zum Schluss kommend, erinnere ich zuerst daran, wie dankbar die Beschäftigung der Musestunden des Königs von denjenigen aner- kannt worden ist, welche den Gegenstand derselben zu schätzen ver- ‘standen. Es ist für jeden strebenden Geist wahrhaft erhebend, wenn eine hochgestellte Person dieselbe Richtung, welcher er sich selbst ge- weiht hat, beachtet und würdigt. Aber der ganze, weit über die Fläche der Erde verbreitete Kreis der wahren Naturforscher war mit allem Rechte stolz darauf, dass eine so reine und so in ihrer Art einzige Per- sönlichkeit, wie die des verewigten Königs, mit ihm dasselbe Bestreben getheilt hat. Nicht allein durch viele und grösstentheils ganz anspruchs- lose Zusendungen an ihn selbst gab sich dies kund, sondern ausserdem nach dem Brande im Zwinger durch zahlreiche und zum Theil höchst bedeutende, in mineralogischer Hinsicht an meinen werthen Collegen Prof. Geinitz, in zoologischer Hinsicht an mich selbst gerichtete Send- ungen aus buchstäblich allen, auch den entferntesten Theilen der Erde wurden Zeugen der freudigsten Ehrerbietung für den König und der allgemeinsten Theilnahme bei jenem Verluste und es war uns oft rüh- rend, Beweise der innigsten und anspruchlosesten Liebe darunter ken- nen zu lernen, in einer Zeit, in welcher wir für die Neubegründung der Sammlungen alles, auch das Geringste aufrichtig dankbar empfingen.
So allgemeinen Dank hat der Verewiste sich auch durch seine Theilnahme für seine Anstalten für Naturwissenschaften bereitet. Als nach lauten und heftigen Gegenbestrebungen jene unzweideutigen Be- weise der Anerkennung und Achtung für das Wirken und Fortbestehen der Königl. mediemisch-chirurgischen Akademie in den Kammern der versammelten Stände des Landes ausgedrückt wurden, da war es wohl Niemand mehr, als der König selbst, welcher darüber sich freute, dass diese Anstalt durch seinen hohen Ahnherrn Friedrich August den Ge- rechten, dessen Schöpfungen er immer in treuester Pietät noch kindlich erkannte, in weiser Erwägung ins Leben gerufen, bei der stets beschei- denen Stille, in der sie gewirkt hatte, dennoch so wie von ihm selbst, auch von den Ständen anerkannt wurde. Und in der That haben wir auch in andern Staaten nach Aufhebung ähnlicher Anstalten, die Wie- derherstellung derselben mehr als einmal erlebt.
Auch die Gesellschaft 7sis, in deren Auftrage ich die Ehre hatte, vor ihnen zu sprechen, löst dadurch nur ihre Pfiicht des tiefempfunde- nen Dankes, denn durch sein Allerhöchstes Wohlwollen ist sie gediehen, und auf diejenige Stufe der Entwickelung und Theilnahme gelangt, deren sie jezt sich erfreut. Im Jahre 1834 durch den dem verewigten Könige durch sein treffliches Pilzwerk bekannten und von ihm geschätz- ten Naturalienmaler Harzer, welcher auch für König Friedrich August. schon gemalt hatte, zestiftet. hat sie im Laufe der Zeit sich weiter ent-
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faltet und ist die einzige mir bekannte, wissenschaftliche Gesellschaft geworden, welche in jedem Monate fünf zahreich besuchte Versamm- lungen hält: eine Hauptversammlung für jeden Monat und noch vier Versammlungen für die Sectionen Mathemathik nebst Physik und Chemie, dann Mineralogie, Botanik und Zoologie, als die Hauptwissenschaften gesondert. Es ist die innere Einigkeit und das anspruchlose Walten aller Mitglieder, welche diese Entwickelung unter der immer zugeneig- ten Theilnahme des Königs an den Mittheilungen über ihr Fortschrei- ten und über ihr geräuschloses Wirken, so günstig gefördert.
Ich freue mich auch und ich danke herzlich dafür, dass es mir ver- gönnt worden ist, in diesem Saale sprechen zu dürfen, hier an dieser Stelle, von wo ich selbst in den Zeiten der Aufregung mehr als einmal jene noch in der Erinnerung bekannte breite Unterlage und jene An- sichten unbedingter Freiheit und Gleichheit auf die Gesetze und auf die Schranken der von unten bis nach oben sich steigernden, stufenweise orga- nisch gegliederten Natur zurückzuführen versuchte, hier wo man das Wohl der Bürger der Residenz in ernster Weise verhandelt, hier wo stets nur das Gute wollende Männer dasselbe fördern und ausführen helfen und dadurch auch hier die Erinnerung an eine grosse Schöpfung des allge- liebten Königs dankbar und lebendig erhalten. Gewiss handelten die- selben auch ganz im Sinne und im Geiste dieses verewigten Königs, durch die neue Organisation der Realschule in Neustadt-Dresden, durch welche sie das schönste Denkmal ihrer Achtung für die Naturstudien sich selber gesetzt haben. Denn sie haben im reinsten Einverständniss mit den verdienstvollen Lehrern der Anstalt diejenige Harmonie zwi- schen den Naturwissenschaften und den klassischen Studien ins Leben gerufen, welche allein für die praktische Bildung der gesitteten Mensch- heit die entsprechende, ja, welche die wahre Aufgabe der Zeit ist, da die Extreme sich niemals bewährt haben. Denn das Studium der Natur- wissenschaften ohne klassische Bildung führte wohl immer zur anmas- senden Halbwisserei, während das ausschliessliche Betreiben klassischer Studien in der Vorzeit geübt, ohne alle Rücksicht auf die lebendige Natur, gar zu oft nur Pedanten erzeugt hat. Die Erkenntniss des Leben- digen ist es vor Allem, welche uns aufklärt über die höchsten Vorgänge in der sichtbaren Welt, und welche unsere Ahnung einer Welt der Geister in bewusster Weise vermittelt. Genehmigen Sie, hochgeehrteste Herren des Rathes der Stadt und Herren Stadtverordnete, gewiss im Namen aller Mitglieder der Isis, durch mich den innigsten Dank für Ihr Wir- ken durch diesen Zweck, für das Wohl unsrer Bürger.
So segnend hat nach allen Richtungen hin der Geist Friedrich August's für uns gewirkt und er wird fortwirken, aber wir beklagen dennoch in tiefster Trauer sein Scheiden von uns, aus seinem liebevol- len irdischen Walten und Wirken.
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Aber einen Trost hat uns Gott wiedergegeben, welcher eine in gleicher Weisheit regierte Zukunft, eine gleiche Förderung aller Wis- senschaften und Künste, eine gleiche Wahrung aller Interessen, eine _ gleiche und wahrhaft väterliche Liebe für Alle uns sichert. Ich spreche
ihn nicht aus, diesen Trost, denn der Dank und die Rührung dafür er- -füllt unsere Herzen und jeder Einzelne von’uns begegnet dem Andern in dem aus tiefster Seele treu und freudig entquellenden Wunsche:
„Gott erhalte den König, Gott erhalte und beschützte immerdar das ganze hohe Königliche Haus!“
Genehmigen Sie allerseits, hochzuverehrende ande, meinen tiefempfundenen Dank für die theilnehmende Nachsicht, welche Sie meinen schwachen Worten gewährten.
Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit.
„Prüfet Alles und das Gute behaltet!‘“
Das Erdleben im Ganzen betrachtet, ebenso wie. das Leben eines jeden einzelnen organisirten und zum Subject in diesem Erdleben gewordenen Wesen an sich, kann nur durch Gegensätze bestehen und wird nur durch deren Gegenwirkung in und ausser sich, selbst als lebendig er- kannt. Und wie nur in dieser Weise das Leben im Weltall und das Einzelleben der Organismen seine Entwickelungsstufen zu durchlaufen vermag, ebenso wurde auch das Wissen der Menschen, so lange wir Kunde haben von dem Beginnen irgend eines seiner manigfaltigen . Zweige und von dessen lebendigem Fortbilden und Wachsthum, immer nur durch dergleichen bestimmte und oft schroffe Gegensätze gefördert. Gegenseitig einander anregend, wirkten dieselben im Wechselkampfe des Menschengeistes, oft sogar das einzelne Leben bedrohend und ge- waltsam ertödtend, dennoch das allgemeine erhaltend und stärkend für neues Gedeihen. Und alle Wahrheiten gingen auf diesem Wege aus ursprünglichen Irrthümern und Zweifeln hervor, welche abschweifend nach den Extremen verschiedener Seiten, zwischen sich nur erst nach weiser Erwägung und sorgsamer Prüfung, in ihrer Mitte die Wahrheit: bedingten. Es waren dann die Momente der wieder eingetretenen, der endlich gewonnenen Ruhe, welche die Wahrheiten als Endresultate der Kämpfe hervortreten liessen, ja, unbewusster Kampf gestaltete sich end- lich zu klarem Bewusstsein.
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Ein Hineinblick, selbst noch in die Fortbildung der Naturwissen- schaften unserer gegenwärtigen Tage, dürfte das Gesagte anschaulich machen, und so wie die Materie von Alters her immer wieder sich auf- lösst und im Wechsel der Stoffe sich zu neuen lebensfähigen Formen organisch verbindet und neu wieder gestaltet, ebenso würde auch wie vom Anbeginn alles Wissens das Walten derselben Gegensätze uns klar machen können, wie nicht minder in der geistigen Sphäre dieselben fortwirken und wie sie weniger an sich neugeboren als neugestaltet, im altgewohnten Kampfe noch heute verharren und in ihrer Wechselwirk- ung alte Wahrheiten wieder neu beleben und läutern.
Aber ein flüchtiger Rückblick nach den übriggebliebenen Spuren jener Bahnen, in welchen das Ahnen und Zweifeln, das Erwägen und Prüfen und das Kämpfen und Wissen der Vorzeit gewandelt, wird allein im Stande sein, einen Vergleich zwischen Altem und Neuem vermitteln zu können, und es wird voraus nothwendig werden, um, wie wir bei der Lebensgeschichte des einzelnen organisirten Wesens immer thun müssen, auch diese Betrachtung einer Richtung des geistigen Lebens von ihrem Ursprunge zu erfassen, um ihre Entwickelung klar begreifen zu können.
Das alte, kräftig und kolossal selbstschaffende Volk der Aegypter sah die ganze Natur durchdrungen von übermenschlich göttlicher Kraft und aus Allem was lebte, traten seiner Phantasie göttliche Eigenschai- ten und Kräfte selbstständig wirkend, wieder entgegen. Auch ihre Thierwelt repräsentirte noch Götter und die Verehrung des J/chneumon und /bis war ebenso auf Dankbarkeit begründet, wie die des durch einen Lichtstrahl in reinster Empfängniss erzeugten Apis und die des heiligen Ateuchus, welcher als Bild der alljährlichen Verjüngung des Lebens und als Repräsentant der männlichen Kraft seine Kugeln vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne durch die Wüste unablässig dahinrollte, auf einer tief im Leben des ganzen Volkes eingewohnten Symbolik beruhte, welche überhaupt der ganze Grund ihrer Naturanschauung und ihrer Götterlehre geworden. So begegnen wir den Aegyptern, als den älte- sten Pantheisten, den ersten uns bekannten Repräsentanten für die An- schauungsweise der Natur im Urgesetze der Dynamik. Ihre Isis im Tempel zu Sais gab insbesondere den Aufschluss über die Bedeutung der subjectiven selbstschaffenden Natur, welche bei ihnen gegolten, denn sie führte die Inschrift: „ich bin was da war, was ist und was sein wird und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gehoben.“ — Auch die Griechen begannen ihre Naturbetrachtung und Philosophie in ähnlicher Weise, und der schöne Mythos von der aus den Wellen des Oceanes, aus dem Schaume des Meeres entsteigenden Aphrogeneia, aus deren Fusstritten Pflanzen entkeimten und Thiere entstanden, entfaltet schon den tiefern Einblick in die Bedeutung des Wasserelementes, wel- ches alle spätere Zeiten als die Wiege des Lebens erkannten. Die
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poetische Empfindung der Zeit schilderte die göttlichen und mensch- lichen Eigenschaften der Thiere und ihren Nutzen, und Homer nennt uns etwa 1000 Jahre vor Christo die Pflanzen und Thiere, welche seine _ Zeit kennen gelernt hatte. Die Zdda schildert uns die Mythologie des Norden, die Genesis von Moses höchst bedeutungsvoll die periodische - Schöpfung der Welt in demuthsvoller Anschauung aus dem Gesichts- punkte des Monotheismus. Der uralte Buddhaismus zeigt noch das Eigenthümliche, dass er neben der Uebereinstimmung in Annahme eines unsichtbaren, ewigen, allmächtigen oder allgütigen Schöpfers, den der Mensch, dieser Lehre zufolge, schweigend anbeten soll, die Möglichkeit einer irdischen Vollkommenheit annimmt, die durch Tugend erreicht werden kann, um den Menschen selbst zu einem Buddha oder Weisen zu machen, während für ein unwürdiges Leben nach dem Tode die Seelenwanderung, die Einkehr der Seele in ein entsprechendes Thier anstatt anderer Strafe erfolgte. Die Wissenschaft entwickelte sich vor- züglich aus jenen Ansichten über Gott und über die Welt oder die Na- tur und über den Menschen, welche die Weltweisen Griechenlands lehr- ten. Thales (geb. zu Miletos 684 v. Chr. 7 568) lehrte in Jonien den einigen Gott, den er als den Schöpfer der Welten erkannte und als den Oberherrn der Dämonen, wie alles Lebendigen. Er stellte nächst der Gottesverehrung die Selbsterkenntniss als die zweite Aufgabe an das Leben’ der Menschen. 4esopus (in Phrygien geb. um 550) lebte am Hofe des Krösus und dichtete Fabeln, in welchen das Leben und Han- deln der Thiere menschlich dargestellt war. Pythagoras (geb. zu Samos 580 vor Chr. 7 500) verband in Folge vielseitiger Bildung die Kennt- niss der Natur mit der Mathematik, nannte sich zuerst selbst Philosoph und lehrte die Unsterblichkeit, aber zugleich die Wanderung der Seelen aus einem Wesen in das andere. In Italien führten Aenophanes, Par- menides, Melisses und Zeno die ältere Lehre vom Pantheismus noch ein- mal zur weiteren Ausbildung hin. Demoeritus (geb. zu Miletos, wurde 104 Jahr alt 7 356 vor Chr.) empfand zuerst die Nothwendigkeit das Wesen der Dinge an sich zu analysiren und jenen gar zu allgemeinen Anschauungen des Pantheismus eine ihren innern Zusammenhang er- . läuternde Erklärung entgegen zu setzen. Dieser nothwendige und zu weiterer Forschung anregende Gegensatz gestaltete sich in ihm zum Atomensysteme. Die Materie galt ihm als das Wesentliche, und die Endtheilchen oder Atome als die Bestandtheile und Wiedererzeuger der Dinge. Socrates (geb. zu Athen 469, + 399 oder 400 v. Chr.) begrün- dete durch seine praktische Lebensphilosophie ein neues Bestreben zu reinerer Anschauung einer allmächtigen Gottheit und trank den Gift- becher, anstatt seiner Lehre zu entsagen in festem Glauben an die Un- sterblichkeit der menschlichen Seele. Platon (geb. zu Athen 429 oder 430, 7 384 v. Chr.) ging aus seiner Schule hervor als prüfender Ratio- nalist. Sein Nachfolger Aristoteles (geb. in Stagira in Macedonien 384
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+ 322*), der Stifter der peripathetischen Schule, wurde von dem bezau- bernden Eindruck, den die Natur auf ihn machte, gefesselt und von dieser Bewunderung der Schöpfung zur Anschauung und tiefern Erforsch- ung derselben geleitet. Sein gewaltiger Geist geht von dieser Wirklich- keit und von der eignen Erfahrung und Realkenntniss aus und schrei- tet im Gegensatz mit seinem Lehrer Platon vom Besonderen zum All- gemeinen seine Anschauung steigernd. Aristoteles wurde dabei‘ wieder Analytiker. Auf diesem Wege wurde Aristoteles der erste, welcher mit klarer Anschauung die organisirten Körper in ihre Theile zerlegte und seine Anatomie ist auch die Grundlage geworden für unsere eigene Kennt- niss des Zusammenhanges und Baues der Formen wie der durch das Dasein und die Eigenschaften der Materie bedingten Phänomene des Lebens. Aristoteles ist darum der erste Begründer einer eigentlich wissenschaft- lichen Naturkunde mit allem Rechte zu nennen. Die Zurückführung aller Erscheinungen in der Natur auf ihre letzte Ursache führte ihn vom Zerlegen des Ganzen in seine Einzelheiten und Theile dann immer wie- der zurück auf die Bedeutung des Zusammenhanges derselben und auf das ewige Lebendige, auf das an sich Unveränderliche und an sich all- ein sich selbst immer Gleiche, auf das immer schaffend bewegende Höchste und Allmächtige, auf die Urintelligenz, auf den einigen Gott, welcher die reinste, nie für sich selbst, sondern immer nur für die Er- haltung und Fortbildung der von ihm ins Leben gerufene Schöpfung, nach ausserhalb wirkende Thätigkeit und darum eben das Urbild der reinsten und vollkommensten Seligkeit ist. Seine ganze praktisch auf gefasste Philosophie ist ihm nichts anderes, als eine ethische Glück- seligkeitslehre, denn das höchste Gut, die Glückseligkeit, entspringt aus dem reinen Empfinden und Wollen, aus der Wirksamkeit der Seele und in der Darlegung eines reinen und den Grundsätzen der Glück- seligkeit vollkommen entsprechenden Lebens, welches in dieser seiner Vollkommenheit, d. h. eben in seiner Selbstständigkeit und moralischen Freiheit und in unabänderlicher, eingelebter und fortdauernder tiefinner- ster Neigung und Ausübung des vernünftigsten Begehrens und Handelns besteht. Seine Politik beschäftigt sich nur damit, wie der höchste Zweck des Menschenlebens, wie die Glückseligkeit in der bürgerlichen Gesell- schaft erreicht werden könne. Seine gründliche und ihrer Tendenz nach so trefilliche Philosophie wurde schon zu ihrer Zeit als eine so grossartige, ausserordentliche Erscheinung begrüsst, dass sie sich lange
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*) Der grosse Hörsaal der Naturkunde im Zwinger in Dresden war mit den eolossalen Portraits von Aristoteles, Linnee, Cuvier und Oken geziert, in der Einweihungsrede im Jahre 1831 wurde durch die Biographieen und durch die Betrachtung der Richtung, in welcher diese Männer gewirkt hatten, darüber Erläuterung gegeben. In ähnlicher Weise findet sich auch siebenzehn Jahre später dasselbe Thema in unsrer „Allgemeinen deutschen natur- historischen Zeitung 1847. S. 441,* von Sachse behandelt.
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erhalten und bei Wiederbelebung der Wissenschaften durch die Araber ‘vom VIH. Jahrhundert an wieder vorzüglich gepflegt durch das Mittel- alter hindurch vorherrschend war, ja, sie hat ihren unverkennbaren Einfluss auf praktische Naturforschung bis in unsere Tage behalten. Beachten wir aber die Reinheit im Wesen dieser Philosophie, so würden ' wir befugt sein, Aristoteles — hätte er nach Christus gelebt — einen der trefflichsten Christen zu nennen. ZTheophrastos (geb. zu Eresus auf Les- bos 370 7 286) einer der ausgezeichnetsten Schüler des Aristoteles, trefi- lich als Denker und praktischer Naturforscher, wendete sich vorzüglich der Untersuchung des Pflanzenreichs zu und ist der erste Begründer der Botanik geworden. Mit Aristoteles ging die Forschung der peri- pathetischen Schule wieder unter und für lange Zeit fehlte der Sinn für eine Betrachtung und Erforschung der Natur und ihres Lebens. Die nach Aristoteles weiterhin ihre Lehren ausbildenden Zpikuräer und Stoi- ker hatten nur mittelbar Einfluss auf die Kenntniss der Natur und deren Studien, die sie wohl kaum beachteten, sie fanden aber mehr Theil- nahme bei den Römern als des Aristoteles tiefer begründetes und klarer geordnetes Wissen. Zeno’s Schule, die Stoiker lehrten, dass nur dem Kör- perlichen, nur der Materie das Fortbestehen, die Subsistenz zukommen könne, nicht aus einer zwecklos erfolgenden Bewegung der Materie, son- dern aus dem vernünftigen Wirken einer allumfassenden Macht leiteten sie die in der Welt bestehende Ordnung der Dinge und die in Perioden erfolgte Schöpfung, sowie den einstigen Untergang ab. Im der Schöpfung unterschieden sie ein actives und ein passives Prineip, beide aber im Urwesen zur Einheit verbunden. Die passive Materie wurde durch das active Princip gebildet und lebendig gemacht und diese letztere selbst ist der Wärmestoff, welcher zugleich denkt und will. Aus der ursprüng- lichen Einheit des Urwesens entwickelt sich die Verschiedenheit der Elemente und die Mannigfaltiekeit der Dinge. Die Verbrennung ist der Act, in dem diese Mannigfaltigkeit in die ursprüngliche Einheit sich wieder zurückzieht, sie ist der Grund aller Vergänglichkeit des Lebens und selbst der aus dem Aether gebildeten Seelen der Menschen. Ein unabänderliches Schieksal ist von der Vorsehung zufolge ihrer ewi- gen Gesetze allen Begebenheiten ‘in der Natur, so auch allem indivi- duellen Leben bestimmt. Alle Schöpfung, alle Anordnung und Leitung, alle Erhaltung und Zerstörung geht nur aus von den Vorschriften die- ser Gesetze. Das Leben soll darum naturgemäss sein, als Vernunftleben die Triebe und Leidenschaften bekämpfend. Ein Gut für das Leben kann nur eine Tugend sein oder das, was zu ihr führt oder aus ihr hervorgeht. Nur diese Güter sind nothwendig und hinreichend, einen Menschen glücklich zu machen. Aristillus und Timarchus bestimmten 300 Jahre v. Chr. die Stellung der Fixsterne ziemlich genau, Aristarchus (250—264 v. Chr.) berechnete das Verhältniss der Entfernung der Sonne und des Mondes von der Erde und deutete bereits auf die zwiefache
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Bewegung derselben um die Sonne und um sich selbst. Zratosthe- nes sprach 235 v. Chr. aus dass die Planeten sich in grossem Kreise um die Erde bewegten und Piolemaeus stellte 120 Jahre v. Chr. die An- sicht auf, dass die Erde feststehe und die übrigen Himmelskörper sich um sie bewegten. Aleanthes zu Assos in Aeolis (etwa 250 v. Chr.) und Chry- sippos aus Kilikien (f in der 143. Olympiade) bildeten die Lehre des Stoicismus weiter aus und Cicero und Gellius gaben darüber Bericht. Aber noch zur Zeit kurz vor Christi Geburt sang Ovidius (geb. 43 v. Chr., + 17 n. Chr.) seine Verwandlungen von Göttern und Menschen in Thiere und Pflanzen, an den urpoetischen Glauben der Vorzeit in hei- terer Laune erinnernd.
Das Auftreten von Christus als Lehrer der Menschheit war von der höchsten Bedeutung für die Anerkennung der Natur und für die rei- nere Erkenntniss Gottes aus der Natur. Sein unablässliches Hindeuten in seiner auf Liebe begründeten Lehre, auf die Erscheinungen in der Natur und auf das organische Leben in ihr, auf die einzelnen Pflanzen und Thiere, seine Gleichnisse vom Senfbaum des Orients, vom Feigen- baum, vom Weinstock genommen und von ihrem Wachsen und ihrem Gedeihen, seine Hinweisung auf die Liebe der Henne für ihre Küchlein und auf die Sorge Gottes für die Vögel unter dem Himmel und auf sein wachendes Auge für den Sperling auf unserem Dache, also im Allge- meinen auf die Fürsorge und auf die Liebe Gottes für seine Geschöpfe, für Alles was lebt, auf ihre Erhaltung durch ihn selbst und auf seine Beachtung des Wohles auch des geringsten derselben, endlich selbst auf ihre Bedeutung als Vorbilder des menschlichen Lebens, mit einem Worte, auf die Wichtigkeit einer Ueberzeugung von der Existenz Gottes, durch die hingebende Anschauung der Natur und durch das Studium der Mannigfaltigkeit ihrer Geschöpfe und der Erscheinungen des Lebens in ihr, ist endlich das klar positive Heraustreten einer Synthese zwi- schen den bis dahin kämpfenden Gegensätzen der dynamistischen und atomistischen Systeme geworden. Die Klarheit der Ueberzeugung von dem eigentlichen Werthe der Objecte, den die Gottheit in deren Dasein und Leben und in ihre Erhaltung selbst legte, war durch Christi Lehre gewonnen und der Glaube daran beruhigte, und machte lebendig für das Beobachten und Forschen. So schliesst sich mit Christus die erste grosse Hauptperiode aller Weltweisheit, aller Naturforschung ab in der wichtigen Lehre: Gott, so wie er die ganze Natur und alle Dinge und Wesen in ihr erschaffen, kennt auch das einzelne und geringste derselben und beachtet es und bleibt für sein Wohl unablässig liebend besorgt. Hier- mit giebt Christus selbst die nachhaltigste Empfehlung eines hingeben- den und gründlichen Studiums der Natur, nach Massgabe der Fort- schritte aller Wissenschaften, welcher durch seine Lehre, dafern wir dieselbe richtig auffassen wollen, niemals begrenzt worden sind.
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So wie aber die grössten Freignisse der Zeit so oft ihre mächtig hemmenden Gegensätze gefunden, so wurde auch die reine und einfache christliche Lehre durch Missverständnisse verunreinigt, der Liebe wurde der bitterste Hass entgegengesetzt und so führte die grausame Verfolg- ung der Christen zum Märtyrerthume. Jener schöne Frieden, welcher durch die Lehre Christ zwischen Geist und Materie durch die Ueber- zeugung von der dauernden Fürsorge Gottes hergestellt war und welcher vorbereiten sollte für ein künftiges, ewiges Leben, dieser wurde gestört und jene reine Harmonie wurde für eine zeitlang gänzlich wie- der gehemmt und die Bekenner der christlichen Lehre besiegelten in vorzeitiger Lösung der Materie vom Geiste die Treue für ihren Glau- ben. Auch diese frommen Selbstopfer stimmten sich in einen Gegen- satz um und gegen den klar ausgesprochenen Willen Christi selbst wurde auf diesem Wege alles Körperliche, alle Natur verachtet und er- _ tödtet, endlich auch ohne Verfolgung der eigne Körper verflucht, ka- steiet und zerstört. Nur der Geist allein sollte leben und der himmlischen ewigen Seligkeit vor der Zeit theilhaftig werden. Jener Auspruch Moses: Gott habe die Natur selbst erschaffen und alle jene Hindeutungen auf die Heiligung des Leibes und jene bestimmten Aussprüche von Christus über den Werth der Natur und über die Fürsorge und Erhaltung selbst der geringsten Geschöpfe durch Gott, waren mit einemmale vergessen und alles Körperliche war im Geiste dieser stockfinsteren Zeit dem Teufel verfallen, so natürlich auch die Anschauung der Natur, dieses nunmehr auf einmal vermeintlichen Werkes vom Teufel. — So haben wir hier im Märtyrerthume und in den Casteiungen abermals die äus- serste Höhe der schroff getrennten Dynamistik erreicht, sie sondert feind- lich und gewaltsam die Materie eigenmächtig vom Geiste, sie will den Geist allein leben und glückselig sein lassen, sie vergisst, dass die Gott- heit selbst ihm seine Zeit gesetzt hatte, für seine Abhängigkeit von der Materie, für seine Läuterung und Prüfung und dass die Aufgabe, für die Menscheit, für den Glauben zu sterben, bereits durch Christus ge- löst war. Für unsern Zweck erscheint dies Moment als vorzüglich wichtig, denn es erklärt den Untergang der Wissenschaft und der Na- turwissenschaft insbesondere und eine antichristliche Verdammung_ der- selben durch eine gewisse Richtung der Theologie, bis auf den heutigen Tag. Parallel mit ihrer unchristlichen Gleichbedeutung der Natur, als des ursprünglich Bösen, verläuft auch die Wiederbelebung des Teufels, dessen Macht Christus durch seineLiebe gebrochen und gänzlich zerstört hatte. Kaballa und Theosophie sind Mutter und Stiefmutter von dieser Lehre.
Plinius (zu Neocomum geb. 23 n. Chr. + 79) giebt von Rom aus in seiner voluminösen Naturgeschichte eine reiche Compilation aller An- schauungen, Phantasien und Fabeln über Natur und Menschenleben, welche vom Alterthum her bis in seine Zeit hin, bis unter die Regier- ung des die Naturkunde begünstigenden Kaisers Augustus entstanden
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waren, mit vielem Fleisse extrahirte und verarbeitete Berichte, ohne eigne Kritik. Pedakios Dioscorides von Arazarbus in Kilikien, lebte gleichfälls im ersten Jahrhundert nach Christo, wirkte als Botaniker für Arznei- kunde, er studirte die Gewächse und ihre Kräfte und sein Werk wurde und blieb das Orakel durch sechszehn Jahrhunderte hindurch, in denen es immer neue, endlich illustrirte Ausgaben erlebte. Claudius Ptolomaeus aus Pelusium in Aegypten, lebte in. der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Alexandrien. Als Mathematiker und Astronom schrieb er vorzüglich seinen Almagest in XII. Büchern, und hat zuerst geometrische Landchar- ten gefertigt. Galenus zu Pergamus in Kleinasien geb. 131, Fin Griechen- land 200, schuf ein philosophisches System der Medicin und hinterliess seinen Ruhm als Kenner der menschlichen Natur und als Arzt. (lau- dius Aelianus (in Praeneste geb. 225) als Römer griechisch erzogen, schrieb über die Natur der Thiere in griechischer Sprache und Oppia- nus unter dem Kaiser Septimius Severus besang das Leben der Fische und schrieb ihnen menschliche Ueberlegung zu und menschliches Handeln. Im V. Jahrhundert erregte Merchinemeris Merlin, geb. zu Carmarthen, als Zauberer und Weissager und deshalb als Freund und Rathgeber der Könige Britanniens gewaltises Aufsehen und stieg auch noch aus seinem Grabe um zu Weissagen wieder empor. Im VI. und VII. Jahrhun- dert nach Untergang des westlichen Kaiserthums, als neue Staaten, neue Sprachen und Sitten in Europa entstanden, hörten die Schu- len der heidnischen Philosophen auf. Ebenso hatte der Priester- geist in seinem Bestreben in den christlich gewordenen Ländern mit exclusivem Fanatismus gepredigt und Partheien erzeugt, und Wissen- schaft und Künste waren verfallen. Ueberreste verblieben allein unter dem griechischen Kaiserthum sichtbar und das Studium der grossen Geister der Vorzeit ging dort nie gänzlich verloren. Das Mittelalter, die Zeit von der Regierung (768) Karl des Grossen (geb. in Achen den 2. April 742, daselbst 7 28. Januar 814) bis zur Reformation bereitete ein neues Aufblühen der Wissenschaft vor. Der mächtige Beförderer des Christenthums hob auch den Zweck und die Bedeutung der Schu- len und berief in sein deutsches Reich gelehrte Männer aus Italien und England herbei. Ackerbau und Handel blühten auf und Wissenschaf- ten und Künste gingen mit ihnen Hand in Hand. Indessen mögen wir als einflussreich auf Naturkunde erst die Araber im VII. Jahrhundert nennen, unter diesen vor Allen andern Ebn Sina oder Avicenna (geb. zu Bokhara 978, + 1036 zu Hamdan), welcher wie vormals Galen ein philosophischer Arzt war und Schriftsteller als Philosoph und als Arzt. Ihm folgte Averrhoös (geb. zu Cordova in Spanien 1149, 7 1217 zu Mar- rokko), unter den Arabern der berühmteste Philosoph, wurde auch des Verdachts der Ketzerei wegen, im Vorausschreiten über die Grenzen des Geistes der Zeit, seiner Aemter entsetzt, verbannt und in Fez zur Busse verurtheilt, worauf der hochherzige Kalif 41-Mansur (von 753 bis
775 regierend), der Erbauer von Bagdad, ihn wieder in Schutz nahm. Er war ein neuer Aristoteles, welchen er selbst für den grössten Philo- sophen aller Zeiten erkannte. Schon seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts ging alle Weisheit aus den Klosterschulen hervor. Wäh- rend des VII. und VII. gelten die in Irland für die besten Pflanz-
.schulen des Christenthums und in der ersten Hälfte des IX. Jahrhun-
derts war in Irland Joh. Scotus Erigena geboren‘, welcher wieder als Kenner der griechischen Sprache auftretend, die Alten studirte und un- ter andern auch eine Eintheilung der Natur schrieb, die (De divisione Naturae lib. V. 1681) erst spät erschien. Wahre Religion und wahre Philosophie galten ihm als ein und dasselbe und die Körperwelt war ihm aus geistigen Principien entstanden. Die Natur ist ihm 1) welche schafft und nicht erschaffen wurde, 2) welche erschaffen worden ist und erschafft, 3) erschaffen worden ist und nicht erschafft, 4) welehe nicht erschaffen worden und nicht erschafft. Albertus Magnus (zu Lauingen in Schwaben geboren 1193, nach And. 1205, 7 1280 in Köln) lehrte in den Dominikanerschulen zu Hildesheim, Regensburg, Köln und Paris und leuchtete durch seine ausserordentlichen Kenntnisse in der Chemie und Mechanik seiner Zeit voran, er schuf unter andern einen reden- den Kopf und zeigte Wunderwerke, welche Kunde gaben von seiner Kenntniss der Natur und von seiner Herrschaft über die Kräfte der- selben. Sein „opus de animalibus‘“ erschien in Folio in Rom 1478. Die bis in diese Zeit herrschende Scholastik war an bestimmte Lehrformeln gebunden, ohne erlaubte Läuterung oder Erklärung durch Geschichte und Sprachkunde, am wenigsten durch Naturkunde und Psychologie, daher auch gänzlich ohne Kritik, allein auf den Auctoritätsglauben be- schränkt und durch ihn beherrscht. Roger Baco (geb. zu Sommerset- shire 1214 .+ 1292), ein grosser Gelehrter seiner Zeit, vereinte Natur- forschung und Mathematik. — Christoph Columbus bei Genua geb. 1436 7 20. Mai 1506, entdeckte im Jahre 1493 San Salvator und Cuba und später Amerika’s Festland, als eine für die damalige Kenntniss neue Welt. — Nicol. Kopernicus (geb. 19. Febr. 1473 in Thorn, 7 29 Mai [11. Juni] 1543) entdeckte die wahre Bewegung der Erde und des Planetensystems, sowie es mit weiterer Ausführung noch jetzt gilt.
Durch den in seltener Weise kraftvollen und für Wahrheit glühen- den Augustinermönch Martin Luther (geboren in Eisleben 10. Nov. 1483 r 18. Febr. 1546 ebend.) wurden die Geister von der spitzfindigen Scho- lastik wieder entfesselt und die Forschung für alle Wissenschaften neu wieder belebt. Seine Sprachkenntniss machte es ihm möglich aus den (uellen zu schöpfen und die treue Rückkehr zu ihnen gestaltete seine Ansichten eben so rein, so dass er die durch die Scholastik eingeführten Irrthümer von der Wahrheit zu sondern vermochte. Aristoteles erhabenes und auf die Glückseligkeit der Menschheit berechnetes Lehrgebäude er- griff ihn so tief, dass er in Erfurt, nachdem er Magister geworden, zu-
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erst über diesen Vorträge hielt. Denken wir an den weiteren Zustand der Literatur der Naturkunde seiner Zeit, so finden sich nur die Fabel- bücher von 4esop und von Oppian, so wie die fabelreichen Naturge- schichten von Aelian und Plinius als solche vor und auch Luther erfreut sich dieser Gleichnisse, welche sich in ersterem bestreben das Menschen- leben im Thierleben wieder zu finden. *) — Unter dem Titel Ortus Sani- tatis erschien im Jahr 1491 in Mainz ein Foliant in Mönchsschrift mit zahlreichen Illustrationen in Holzschnitt, die damals bekannten und zum Theil fabelhaft angenommenen Pflanzen und Thiere und Mineralien dar- stellend und ihre Kräfte erläuternd, zugleich mit Abbildung aller für Heil- ung vorzunehmenden Operationen und technischen Prozesse zum Theil offenbar abergläubischer und magischer Art, wie z. B. das Herausschneiden gewisser Steine aus dem Gehirn der Adler u. a. Thiere. — Lange waren die Hindernisse für Zergliederung menschlicher Leichname unübersteig- lich gewesen und die Anatomie begann nicht als eigentliches Wissen, sondern mehr als Vermuthung von Analogieen mit dem thierischen Körper. **) Die Zergliederung von Schweinen und wo es das Glück wollte von Affen, bot eine hypothetische Annahme vom wahrscheinlichen ' Baue des menschlichen Körpers und jene ersten Zeichnungen, jene Holz- schnitte und noch die ersten Kupferstiche der Italiener wurden schema- tische Darstellungen für ein Verständniss der weitläufig beschriebenen Haupttheile des menschlichen Körpers, dennoch zum Theil kaum zu entziffern. Aber die Richtung in der Forschung des ärztlichen Standes auf Enthüllung der Wahrheit schritt im ihrer angeborenen Liebe zur bildenden Kunst immer vorwärts und im Mittelalter gestaltete sich ihre - Anschauung grundsätzlich als Verein von Bild und Symbol. Am Ende des XV. und zum Anfang des XVI. Jahrhunderts war es, wo die schöne Kunst, die grosse Schule der Maler, Bildhauer und Architekten, auch mit den Aerzten Hand in Hand ging. So schen wir als Repräsentanten jener ersten und ältesten Richtung die noch rohen Schematismen von Ketham und Hundt. Aber bald schuf der Bedarf der bildenden Künstler an anatomischer Kenntniss die Aunstanatomie, zu schöner und befriedi- gender Darstellung vorzugsweise der allgemeinen äussern Formen und der Muskeln und die Anerkennung des Skeletes, als des Typus und Grundgerüstes, im Baue des Ganzen, wie wir dieselbe Zeonardo da Vinci geb. zu Vinei 1452, + 1519 zu St. Cloud, Möchel Angelo Buonarotti geb. 1569 zu Caraveggio, + 1609 in Rom, ARaffaelo Santi und dem eigent- lichen Anatomen Marco Antonio della Torre verdanken. Ihnen folgten die Restauratoren in Darstellung eines individuellen Leichenbefundes, es erschienen die fliegenden Blätter mit Darstellung des vorliegend ge- gebenen, mit wörtlicher Erläuterung versehen und die Kunstkenntniss
*) Vgl. Zuthers sämmtliche Schriften herausgegeben von Walch. Band XIV, 1744, Seite 1365. — *#) Vergl. Chaulant die ältesten anat. Abbild, Leipzig 1853.
39 offenbarte sich dabei sichtbar, wie z. B. die Leistungen von Jacob Beranger von Carpi dies deutlich bewiesen. Hermolaus Barbarus (zu Venedig geb. 1454, + 1494), Nicolaus Leonicenus (geb. in Lunigo bei Vicenza 1428, + 1524 zu Ferrara) wurden wieder Commentatoren und Verbesserer des Plinius. Georg Agricola (Bauer, geb. in Glauchau 24. März 1490, 7 den 21. Nov. 1555) Rector in Zwickau, dann Dr. der Medicin und practischer Arzt in Joachimsthal und von 1531 Stadtphysikus in Chemnitz, wurde der Schöpfer des Bergbaues und der wissenschaftlichen Mineralogie in Deutschland. 7ycho de Brahe zu Kundstrop in Schonen geb. 4. Dec. 1546, + 13. Oct. 1601, wendete sich aus Bewunderung darüber, dass die vorher berechnete Sonnenfinsterniss am 21. Aug. 1560 genau zu dem angegebenen Zeitpunkte eintrat, zur Astronomie, wo ihm König Fried- rich II. die Sternwarte Marienberg bauen und mit allen nöthigen Appa- raten versehen liess. Im Jahr 1599 ging er unter Kaiser Rudolph nach Prag, wo ihm das Schloss Benach bei Prag als Sternwarte einge- richtet wurde. Er beobachtete sehr genau, glaubte aber das Koperni- kanische System wieder einführen zu können. Fabius Columna (geb. in Neapel 1567, 7 1650) hat in seinem Phytobasanos, Neapel 1592, bereits auf von ihm selbst geätzten Metallplatten zu seinen Pflanzenabbildun- gen Zergliederungen der Blüthen gegeben. Giordano Bruno, geb. im Nola im Neapolitanischen, Domikanermönch, trat in Paris 1583 als Gegner der aristotelischen Philosophie auf, lehrte dann in Wittenberg, Helmstädt, in England und wieder in Padua. Hervorragender Genius dieses Jahr- hunderts wurde Franz Baco, Lord von Verulam (geb. 22. Juni 1560 (1561 ?) 7 1621, n. A. 1626?) Unter Jacob I. angesehener Staatsmann, endlich Grosskanzler des Reiches, auch Viscount von St. Alban, schrieb er ein berühmt gewordenes Werk: novum organon scientiarum s. iudieia vera de interpretatione naturae, London 1620, welches auf Verbesserung der Na- turforschung durch Selbstdenken, Selbstbeobachten und Selbstforschen, also durch Befreiung von dem Autoritätsglauben lebendig anregend wurde. Als Objeet der Philosophie stellt er auf: Gott, Natur und Mensch und bedeutungsvoll nennt er die Naturgeschichte die „prima materia philosophiae.““ — Schon vor Baco’s Zeit wurden bessere anschau- liche Hilfsmittel für das Studium der Naturkunde geboten. Galilei in Pisa 1564 7 1642, führten die Schwingungen einer Lampe im Dom zu Pisa auf die Gesetze des Pendels, welche sein Sohn und der Hol- länder Huygens zur Construction der Pendeluhren benutzte. Seine Werke über zahlreiche Forschungen erschienen erst nach seinem Tode. Johann Keppler in Weil geb. den 27. Dec. 1571, + 15. Nov. 1630, gab als Astro- nom durch sein Planetensystem die Grundlage für spätere Entdeckungen und Combinationen, insbesondere für Newton. — Erst 1620 hatten Con- rad Drebbel und Zacharias Jansen die Kunst Vergrösserungsgläser als Linsen zu schleifen erfunden und durch diese Kunst war der Natur- forschung ein neuer Fortschritt bezeichnet, Für Zoologie bethätigten
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sich eifrig William Rondelet, geb. in Montpellier den 27. September 1507 7 1566 den 30. Juli; Hippolito Salwiani zu La Citta di Castello an der Tiber geb. 1514, 7 1572 in Rom, und Pierre Belon, welcher in Paris eine histoire naturelle des poissons etrangers 1551 und ein Buch über Wasser- thiere überhaupt 1553 herausgab. Alle drei begründeten die Kenntniss der Ichthyologie. Die illustrirten zoologischen Werke hatten vorzüglich mit Conrad Gesner (geb. in Zürich 1516, 7 1565), welcher Arzt und Naturforscher war, durch seine Historia animalium oder „Thierbuch“ eine bedeutende Stufe gewonnen, ebenso wie für Botanik mit 040 Brunfels, 1530—40 zuerst in Augsburg erschienene ‚Herbarum vivae icones“ und dann 1532—37 zu Strassburg deutsch herausgegebenen „,Conterfeyt Kräuterbuch “ (er starb vor Herausgabe seiner Werke 1530) eine lange fortgesetzte Reise von Kräuterbüchern begonnen, welche theils im Cha- racter von Bearbeitungen der Arzneigewächse oder zum Theil als Floren wie von Zuricius Cordus (7 1535), Valerius Cordus (j 1544), Hieronymus Tragus (Bock 1554), Leonardus Fuchsius (j 1566), Clusius (Charles de TEcluse 7 1609) und vielen Anderen, bis dieselben endlich sich wieder als allgemeine Sammelwerke für das bis dahin erlangte Wissen durch Tabernaemontunus (Theodor von Bergzabern 7 1590) New vollkommen Kräuterbuch Franef. 1588—90, Johann Bauhin (1613) und Caspar Bau- hin (7 1634) als Historia plantarum universalis, Ebroduni 1650 —51, oder als Phytopinax Basel 1596 und Pinax Theatri botanici Basel 1523—1563 gestalteten, während durch ZAobert Morison (7 1683) als Historia plan- tarum universalis Oxon. 1678—80 ein del. reich illustrirtes Werk bereits mit in Kupfer gestochenen Tafeln erschien. Georg Maregraf, geb. in Liebstadt 1610, 7 1644 in Afrika, reiste aus Eifer für Naturkunde 1636 nach Brasilien, wo er sechs Jahre lang sammelte und beobachtete und der erste Naturforscher war, welcher die Naturprodukte dieses Landes kennen lehrte, indem er mit seinem Begleiter W. Piso aus Leyden sie bearbeitete, welche doch erst 1648 und 1658 erschienen. Schon gegen Ende des XVI. Jahrhunderts wurde ein Umstand wichtig für die Betrachtung des Himmels, im Jahr 1590 spielten die Kinder des Optiker Zacharias Jans- sen in Middelburg mit vorhandenen, aus Kieselerde und Potasche gefer- tigten Glaslinsen und setzten sie in einer Röhre zusammen, was die Veranlassung zur Erfindung der Fernröhre wurde, doch erst im Jahr 1758 wurde das erste achromatische Fernrohr durch DoHond vollendet. Ulysses Aldrovand, in Bologna geb. 1527, + 1605, erkannte bereits für Zoologie dieselbe Nothwendigkeit durch seine Opera omnia in XI. vol. Bononiae 1599 — 1643, das bis dahin bekannt gewordene über einzelne Thiere zusammenzufassen und wurde auf diesem Wege nun der zweite iconographische Compilator für Zoologie. Joh. Bapt. van Helmont in Brüssel geb. 1577, + 1644 den 30. Dee., war Chemiker und Arzt, wel- cher mehrere Arzneiformen entdeckte und über geistige wie physische Bildung des Menschen seine eigene Ansichten hatte. Neben der Seele
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Naturhistorische Zeitung
hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, so dass hiermit der erste Jahrgang der neuen Folge erscheint.
Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- sondere Paginirung abgesondertes
Literaturblatt der ISIS
wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa’s woh- nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gegenständen für Tausch und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen.
Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post unter der Addresse:
„Für die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung“
Drespen: oder Haugurg: Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von (Hermann Burdach). Rudolf Kuntze,
Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass. der Jahrgang der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus
12 Heften bestehen wird, — der Preis des Jahrganges, zu dessen ganzer Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass
ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu
empfangen. Rudolf Kuntze,
Verlagsbuchhandlung in Hamburg und Leipzig.
Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerei von C. €, Meinhold & Söhne
Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr.
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I. Band. | No. 2. Allgemeine deutsche
- Naturhistorische Zeitung.
Im Auftra ge
der
Gesellschaft ISIS in Dresden
in Verbindung
mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten herausgegeben
von
Dr. Adolph Drechsler.
Neue Folge: erster Band.
2. Heft.
TEN SELL FARTIN AT:
Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit. Von Hofrath Prof. Dr. Reichenbach.
Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig. Von Dr. Müller daselbst.
Literatur-Blatt der Isis
HAMBURG, Yen vomeR udolt Kuntze. 1855.
Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.)
“Z” Siehe die Seiten des Umschlags.
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nahm er noch einen ‚„Archeus“ im Magen an, den er als den Grund der körperlichen Thätigkeiten erkannte, während der Seele nur die phy- sische Thätigkeit zukomme. Die einzelnen Körpertheile hatten ferner ihre untergeordneten Archei, welche ihrem oberen Archeus gehorchten, Diese Lehre war gleichsam ein Vorläufer für die Erkenntniss der Gang-
. lien und des sympatischen Nerven. Auch sein Sohn Franc. Mercur
v. H., geb. 1618, + 1699, trat in die Bahn seines Vaters, studirte noch Theosophie und suchte den Stein der Weisen. William Harvey, geb. in Falkstone 1578, + 1657 den 3. Juni in London, das. Prof. der Anatomie und Chirurgie am Medical College und späterhin Leibarzt Karls I. Er erwarb sich um die Begründung einer wahren Erkenntniss des anima- lischen Lebens grosse, seiner Zeit weit vorgreifende Verdienste. Wir nennen nur 1) die Feststellung des wahren Vorganges im Blutumlaufe: „Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus Francof. 1628. ed. 2. Zugdbat. 1737. dann 2) die Bestätigung seines Grundsatzes. „omne vivum ex 0ovo“ also’ die schon damals gegebne Wiederlegung der „generatio aequivoca durch seine Schrift: „Zxereit. de generatione anima- lium. London 1651. Amstelod. 1652. Otto von Guericke in Magdeburg, geb. den 20. November 1602, 7 11. Mai 1686 in Hamburg, wurde der Erfinder der Luftpumpe so wie einer Luftwage und der erste, wel- cher andeutete, dass der Lauf der Kometen bestimmbar sei. — Als Chemiker dieser Zeit zeichneten sich aus: Bohn, Prof. der Med. in Leip- zig, geb. 1640, durch seine chemischen Erklärungen der Physiologie; Joh. Joach. Becker, geb. in Speier 1625, 7 1652 in Leyden, Leibarzt des Churfürsten von Mainz und Baiern. Seine „Physica subterranea“ verband Physik und Chemie mit der Mineralogie und er wurde eigentlich der erste wissenschaftliche Chemiker. Georg Ernst Stahl, geb. in Anspach 1660, 7 1734 als Leibarzt in Berlin wurde Schöpfer des phlogistischen Systems und Entdecker der Eigenschaften vieler chemischen Körper, er hat überhaupt weitere Schritte zur wissenschaftlichen Begründung der Chemie vorwärts gethan. Hermann Boerhaave, geb. in Leyden 13. Dec. 1668, 7 1738 den 23. Dec., Prof. der Mediein, Botanik und Chemie, der weltberühmteste Arzt seiner Zeit, war der erste, welcher die chemische Analyse der Pflanzen versuchte. Auch Zriedrich Hoffmann, geb. in Halle den 19. Febr. 1660, + 1742 den 12. Nov., Professor der Mediein und be- rühmter Arzt in Halle, wurde einer der ersten Vereinfacher der Arz- neien als besserer Kenner der chemischen Eigenschaften der Stoffe. — Eine decorative Richtung bemächtigte sich in dieser Zeit aller Darstell- ungen für die Natur. Selbst die Anatomie blieb von derselben nicht frei und die Anatomen Rosso und Charles Etienne stellten die aufge- schnittenen menschlichen Figuren lebendig dar, in Umgebung kostbarer Mobilien und Gewänder, die aufgeschnittenen oder herausgenommenen Theile ihres Körpers selbst haltend und der Anschauung bietend. — Tüchtige Vertreter zählte bereits die Philosophie. Zud. Hausmann Agricola Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 4
42 lehrte schon von 1482 an als Professor in Heidelberg wieder die reine Philosophie des Aristoteles, seine Opera, cura Alardi erschienen aber erst 1539 in Köln. Zene Des Cartes (Renatus Cartesius, geb. im Hag 1596, 7 1650 in Stockholm) wurde nach der scholastischen Zeit und nach Vorgang von Petrus Ramus, Bern. Telesius, Franeiscus Patrieius, Jordanus Brunus, Thomas Campanella und Baco von Verulam einer der ersten, welche durch ihre Vorgänger erleuchtet, ein originelles System der Philosophie schufen. In naturhistorischer Hinsicht ist hierbei zu bemerken, dass er die Verbreitung und Einwirkung der Seele über alle Theile des Körpers erkannte, dessenungeachtet aber glaubte einen Cen- tralpankt in demselben annehmen zu müssen, von dem die Thätigkeit der Seele ihren Ausgang genommen und dafür galt ihm die Zirbeldrüse, als das tiefste, unpaarige Organ im Gehirne. Thomas Hobbes (geb. in Malmesbury in der Grafschaft Witton 1588, + 1679) schuf als berühmter Jurist eine auf das Wissen von der Natur und dem Staate beschränkte Philosophie, indem er die Lehre von Gott von ihr ausschliesst, da nur die Untersuchung erzeugter Objecte der Gegenstand philosophischer Forschung sein könne. Dessenungeachtet ist seine Naturphilosophie selbst nur beschränkt auf Mathematik und Physik. Baruch v. Spinoza (geb. in Amsterdam 1632, 7 in Prag, seine nachgelassenen Werke erschienen in Amsterdam 1677), unterscheidet einen vollkommenen unsterblichen Theil des menschlichen Geistes durch welchen wir handeln, die Intelligenz von einem vergänglichen, der Einbildungskraft, durch welche wir leiden und nimmt eine absolute Nothwendigkeit an, durch welche also ein pantheistisches Prinzip die Freiheit des menschlichen Willens begren- zen und aufheben würde. John Locke (geb. zu Wrington bei Bristol 1632, + 1704) ein edler, frommer, streng wahrheitsliebender, humaner Character und sorgsam prüfender Geist, in welchem vorzüglich die An- schauung der Entwickelungsstufen von Körper und Geist so klar her- vortritt, dass er auch über Erziehung der Menschen erfolgreich gedacht und geschrieben. Er setzt die Vernunft als Richterin ein zur Entscheid- ung zwischen menschlicher Erkenntniss und göttlicher Offenbarung. — Der ausgezeichneteste in der Reihe der Philosophen dieses Abschnittes war Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibnitz (geb. in Leipzig 3. Juli 1646, +,14.Nov. 1716 in Hannover), er wurde der Gründer einer eigenthümlichen Schule der Philosophie in Deutschland. Seine Kenntnisse waren wieder umfassender als die seiner Vorgänger, namentlich sind seine Ansichten über Atomistik nach vielen Seiten durchgeführt und „Kraft“ nennt er den wesentlichen innerlichen Grund der Veränderung. Die im XV. Jahr- hundert durch den Niederländer Janssen oder den Neapolitaner Fontana stattgefundene Erfindung des Mikroskops und die Entdeckung der In- fusionsthierchen durch Anton von Leuwenhook, wirkte durch ihre Ermög- lichung einer Anschauung dieser bis dahin unsichtbar gebliebenen Welt für Jedermann, auf eine so bezaubernde Weise, wie es scheint auch auf
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Leibnitz, dass derselbe sein ganzes System des körperlichen Seins auf das Bestehen aus Theilchen der vormaligen Atomen, die er Monaden genannt hat, begründete, und die Saamenthierchen in so weit dieselben von höheren Thieren bekannt waren, bereits als die präexistirenden Em- bryonen der Organismen ansahe, welche durch die Empfängniss eine . neue Hülle erhielten. Die vergleichende Anatomie erkannte er bereits als die lebendige Seele der ganzen Naturgeschichte der Thiere. . Ge- lehrte Zeitgenossen von Leibnitz waren insbesondere Newton und W. v. Tschirnhausen. Während für die Physik früher Aopernikus, Tycho de Brahe gewirkt und Baco von Verulam die reine Beobachtung der Natur nachdrücklich empfohlen, während Galiläi, Keppler und Giardino Bruno als Märtyrer der Wissenschaft und der Wahrheiten gefallen, die sie entdeckt hatten, bildete Carzesius unter glücklicherem Verhältnisse die Wissenschaft weiter und gegen Ende des Jahrhunderts trat Newton auf, geb. in Woolstrope in Lincolnshire den 25. Dec. 1642, 7 20. März 1727 in London. Er erfand im Jahr 1664 die Infinitesimalrechnung, entdeckte eine neue Theorie des Lichts und der Farben und die Gesetze der Schwere, und erntete vorzüglich durch sein Werk Philosophiae natura- lis prineipia mathematica einen unsterblichen Ruhm. Ferner der be- rühmte Mathematiker und Naturforscher Walther von Tehirnhausen (geb. in Kieslingswalde in der Oberlausitz 1651, 7 1708), suchte die Logik zu einer auf Selbsterkenntniss des menschlichen Geistes und auf feste Re- geln begründeten Methode der Entdeckung der Wahrheit und Ausbildung der Wissenschaft zu erheben und Christian Thomasius (geb. in Leipzig 1655, 7 1728), Prof. der Jurisprudenz in Halle, erwarb sich das Ver- dienst die Philosophie durch verständlichere Darstellung, sogar zum Theil durch Benutzung der deutschen Sprache populärer zu machen. Christian Wolf (geb. in Breslau 1679, 7 1754) von 1707 an Prof. der Mathematik zu Halle, hatte sich durch sorgfältiges Studium seiner Vor- gänger gebildet und vereinte deren Ergebnisse vorzüglich auf synthe- tischem Wege in ein gründlich und scharfsinnig durchgearbeitestes System, welches bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhundert sein An- sehen behielt. Einer der zahlreichen für die Ausbildung der Natur- kunde wichtigen Sätze in diesem Systeme ist auch der: ‚Jedes einfache Ding stimmt mit der ganzen Welt zusammen und darauf beruht die Vollkommenheit der Welt, und jedes hat in seinem innern Zustande eine besondere Beziehung auf die übrigen.“ Georg Friedrich Meier (geb. in Ammendorf im Saalkreise 1718, + in Halle 1777), wendete als Professor der Philosophie in Halle seine Beachtung in so besonderer Weise der Thierwelt zu, dass von ihm ein Werk unter dem Titel „Versuch eines neuen Lehrgebäudes von den Seelen der Thiere“ Halle 1756 erschien. Er war nach 4lerander Gottlieb Baumgarten (geb. in Berlin 1714, + 1762 als Prof. der Philosophie in Frankfurt an der Oder) dem Schöpfer der Aesthetik, der letzte berühmte Philosoph in der Richtung von Wolf. 4*
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Auch Etienne Bonnot de Candillac (geb. in Grenoble 1715, + 1780) früher in den Ansichten von Zocke sich als scharfsinniger Denker bewährend, machte später vorzüglich die Weise wie alle Seelenthätigkeiten aus den Sinneswahrnehmungen ursprünglich hervorgehen und sich weiter ent- wickeln zum Gegenstande seiner Untersuchungen und gab einen „Traite des animaux Amstelod. 1755, 2 Bände in 12., worin er den Umfang und die Beschaffenheit der Seelenthätigkeiten der Thiere schildert und ihnen eine menschenähnliche Einsicht beilegt, welche nur zufolge des Mangels einer ausgebildeten Sprache und der willkührlichen Richtung der Auf- merksamkeit mehr beschränkt sei. Der Hauptzweck war die Wider- legung von Des Cartes, welcher den Thieren die Seele absprechen wollte. Hierbei spricht er sich bereits gegen die Anmassung der Metaphysiker aus, welche in alle Geheimnisse der Natur, in die verborgensten Ur- sachen für das Wesen der Dinge eindringen wollen. — Johann Jacob Scheuchzer in Zürich geb. 1672, 7 1733 als Prof. der Mathematik und Stadtphysikus daselbst und dessen Bruder, Joh. Scheuchzer, daselbst geb. 1684, + 1738, Prof. der Naturgeschichte und Stadtphysikus in Zürich, machten sich beide um die naturhistorische Kenntniss der Schweiz ver- dient, letzterer bearbeitete zum erstenmale monographisch gründlich die Gräser und der ältere Bruder war einer der ersten Naturforscher, welche sich mit wahrem Ernst der Untersuchung der Versteinerungen zu- gewendet haben. — Bereits hatte Francois Hernandez die Naturalien Mexiko’s mit einem Aufwande von mehr als 60,000 Ducaten gesammelt und dann in seiner schätzbaren Historia plantarum, animalium et minera- lium, Romae 1651 kennen gelehrt und Casimir Gomez Ortega gab in Madrid erst 1790 seine Opera wieder heraus. Jacob Bontius schloss ın gleicher Weise Östindien auf, aber seine Historia naturalis et medica Indiae orientalis stellte erst Piso zu London 1769 ans Licht. Franeis Willugby Esq., geboren zu Middletown Warwickshire 1635, 7 1672 den 3. Juli, bearbeitete als trefflicher Zoolog die Vögel und Fische, aber seine Ichthyographia erschien erst in Augsburg 1783 und 86, seine Ornitho- logia durch Joh. Raj in London 1676 und 78. Olaus Wormius beschrieb sein Naturalien-Cabinet: Museum Wormianum Amstelod. 1659.
Nachdem Robert Hook auf der Insel Wight geb. 1635, + 1702, als Prof. der Mathematik am Gresham-College die Zusammensetzung der Vergrösserungslinsen erfunden und bereits 1660 ein Mikroskop so zu- sammengesetzt, dass Nath. Henshaw im Jahr 1661 die Spiralgefässe im Wallnussholze entdeckte, so folgten die Arbeiten für Pflanzenanatomie in erfreulicher Progression z.B. Rob. Hook's micrographia Lond. 1667 u. die phytotomischen Arbeiten von Martin Lister, als practischer Arzt in Lond. 7 1711. Derselbe gab auch Joh. Goedarts metamorphoses et historia insectorum mit vielen deutlichen Abbildungen in Kupferstich im Jahr 1685 in London heraus. Dann die ausgezeichneten bildlichen Darstell- ungen und Erläuterungen zur Pfianzenanatomie von Nehem. @rew 7 1711,
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weleher von 1668 an arbeitete und durch Joh. Wilkins, Bischof von Chester bereits als Lehrer der Phytotomie mit Gehalt angestellt worden, endlich die treffliche Anatome plantarum London 1675—79 von Marcello Malpighi, geb. in Bologna 1628, 7 1694 als Prof. daselbst, und die Ar- beiten von Anton Leeuwenhoek in Delft geb. 24. Oct. 1632, + 1723 als ‘ Bürger daselbst, den wir oben als Entdecker der Infusionsthiere er- wähnten, begründeten das tiefere Wissen in der Kenntniss der Pflanzen- welt. Die vereinten Werke des Letztern: Opera omnia, welche sich zu- gleich mit auf das Thierreich bezogen, erschienen erst im J. 1722, während er die „entdeckten Verborgenheiten der Natur“ schon von 1689 an ver- öffentlicht hatte. Robert Sibbald, geb. in Edinburg den 15. April 1641, + 1678 den 27. Dec., wurde Prof. der Botanik in Edinburg, und von ihm erschien die Scotia ilustrata Edinburg 1684. — Ein Glanzpunkt dieses Jahrhunderts wurde John Smwammerdam, geb. in Amsterdam den 12. Febr. 1637, 7 1680 den 17. Febr. Er wurde der erste, welcher mit grösster Sorgfalt seine Beobachtung auf die Verwandlung und auf das Leben und den Bau der Insekten wendete. Seine Historia insectorum generalis, Utrecht 1669, bleibt ein Schatz für alle Zeiten, ebenso sein grosses Werk in dem er seine späteren Beobachtungen niederlegte und welches unter dem von seiner Begeisterung für diese Forschungen und deren Ergebnisse zeugendem Titel Zybel der Natur etc. in Leyden 1737 bis 38 der berühmte Zoerhaave heraus gab. George Edwards, geb. zu Stratford 1693, 7 1773 den 23. Juli in Plaiston, hat als Bibliothekar der medicinischen Gesellschaft in London vorzüglich durch seine getreuen Abbildungen und Beschreibungen grösstentheils ausländischer Vögel die Ornithologie seiner Zeit auf eine ausgezeichnete Weise gefördert. Sein Werk erschien in sieben Quartbänden als Natural history of uncommon Birds und als Gleanings of natural history 1743—67, in letzteren befinden sich auch Insekten und einige Thiere anderer Classen. Derselbe be- sorgte auch zwei neue Ausgaben von Mark Catesby's natural history of Carolina, Florida and the Bahama Islands, 2 Bde mit 220 illum. Kupfern in gr. Fol. zuerst London 1731, 43, 48, dann von Edwards 1754 u. 1771. Ein wahrer Schatz für amerikanische Zoologie. Charles Plumier, geb. in Marseille 1666, war Zeichner und Maler, dann Mönch des Orden der Minimi und studirte in Rom unter Paul Siwio Boccone, geb. in Sicilien 1633, 7 1704 einem gelehrten Cisterziensermönch, die Botanik. Zurückge- kehrt lernte er auch Joseph Garidel, geb. 1659, + 1737, Prof. in Aix, welcher die Pflanzen der Provence 1715 beschrieb und einige abbildete, sowie Tournefort kennen, und botanisirte im südlichen Frankr. Zouis XIV. war im Begriff Donat Surian in das französische Amerika zu senden und dieser erbat sich Plumier zum Gefährten von der Regierung. Sie reisten 1690 nach St. Domingo und nach Rückkehr noch einmal nach Westindien, von wo er erst 1693 zurückkehrte, auch zum drittenmale 1695 um Peru zu besuchen, wo er aber in Cadix + 1704. Seine Werke
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sind von höchster Wichtigkeit, obwohl sehr einfach von Ansehen. „Deser. des pl. de TAmerique. Paris 1693 mit 107 Kupf. Nova pl. genera Paris 1703. Nach seinem Tode erschien das Werk „Traite des Fougeres de TAmerique Paris 1705. Von 1400 Abbildungen, die er verloren, rettete Boerhaave 508, die Burmann in Ss. pl. amer. abschrieb und 262 abbildete. Amstelod. 1755—60. Louis Feuillee in der Provence 1660 geb., studirte in Marseille und trat auch in den Orden des Minimi, durch den er 1700 in den Orient und 1703 nach Westindien gesendet wurde. Im Jahr 1707 zurückgekehrt, wurde er Plumiers Nachfolger als K. Botaniker und Mathematiker. Auf einer zweiten Reise kam er 1709 nach Brasilien und schiffte um Cap Horn nach Chile und Lima, wo er zwei Jahre lebte. Sein Journal d'observat. faites sur les cötes orientales de lAmerique meri- dionale in drei Bänden Paris 1714—25, auch deutsch übersetzt, enthält auch die Schilderung der dortigen Natur durch einige Abbildungen (I. 14. I. 9. II. 100 pl.) erläutert. Amadeus Frezier, geb. 1682, 7 1773, bereiste Chile, Lima und Magellanien in den Jahren 1712 und 13 und gab seine ‚„Aelation du voyage de la mer du Sud aux cötes du Chile, du Perou et du Bresil in zwei Bänden. Amstelod. 1717.
Der Anfang des XVIH. Jahrhunderts war überhaupt mit trefflichen Vorlagen für objeetive Forschung versehen, der Gebrauch der Ver- grösserungsgläser und die fleissige Anwendung bis dahin erfüundener Instrumente zusammen, liess viele Resultate schaffen, die wir noch heute dankbar als Grundlage für unsere Kenntniss benutzen, wesshalb es möglich wird, von hieraus schon allgemeine Blicke nach dem Forschen für einzelne Wissenschaften richten und die für dieselben thätigen Männer selbst gruppiren zu können, so dass wir für jede gesonderte Wissenschaft einige nennen.
Unter den Physikern trat Leonhard Euler auf, geb. in Basel 1707, +7. Sept. 1783 als Direktor der mathematischen Classe der Königl. Aka- demie der Wissenschaften in Berlin. Seine neue Theorie des Lichts, seme Undulationstheorie, seine 45 grösseren Werke und 684 kleinere Schriften sichern ihm seinen unsterblichen Ruhm. Die Brüder Johann Musschenbroek, geb. in Leyden 1688, Prof. der Philosophie, noch mehr der jüngere Bruder Peter Musschenbroek, geb. in Leyden 1692, 7 1761, Prof. der Philosophie und Mathematik in Duisburg, Utrecht u. Leyden, war einer der berühmtesten Experimentalphysiker seiner Zeit und Er- finder des Pyrometer. Georg Christ. Lichtenberg, geb. zu Ober-Ramstadt bei Darmstadt 1742, + den 24. Febr. 1799, Prof. der Mathematik und Ex- perimentalphysik in Göttingen, wurde als Astronom, Physiker und geist- voller Beurtheiler des Menschenlebens berühmt. Aloys Galbani, geb. in Bo- logna den 9. Sept. 1737, + 4. Dec. 1798, Prof. der Anatomie zu Bologna, ist der bekannte Entdecker des nach ihm genannten Galvanismus vom Jahre 1760—1790 geworden.
Die Chemie hatte noch keineswegs ihre alchymistischen T'räumereien der früheren Zeiten verlassen und Joh. Friedrich Böttger, geb. in Schleiz den 5. Februar 1682, + 1719 den 13. März, Apotheker und vorgeblicher Goldmacher, von dem echtes, angeblich von ihm fabrieirtes Gold noch im Königl. Mineraliencabinet in Dresden aufbewahrt wird, wurde im Jahr 1705 Erfinder des rothen, endlich 1709 des weissen meissner Por- zellan. — David van der Becke, Arzt, besonders Chemiker und Physiolog in Hamburg, spielte schon im 17. Jahrh. eine wichtige Rolle. Sein Ruhm war durch Deutschland, Holland und England verbreitet und selbst bis nach Indien gedrungen. In seinem Buche „Zuxperientia et meditationes eirca naturalium rerum principia, Hamburg 1683, zeigt er sich als scharf- sinnig prüfender, höchst belesener, folglich im Geiste jener Zeit hoch- gelehrter Mann. Sein Aberglaube ging dabei noch so weit, dass er im Ernste davon überzeugt war, dass wenn man Schlangen in kleine Stücke zerhaue, diese Stücke durch Fäulniss und Sonnenwärme zu neuen lebendigen Schlangen sich umwandeln könnten. Wenn man Frösche im Herbste zerstampfte und dem Schlamme beimische, so würden im Früh- ling wieder neue Frösche daraus. Die Enten, wenn sie im Herbste ge- storben und in Fäulniss übergegangen, verwandelten sich auch oft in Schlangen, weil sie dergl. oft im Sommer verspeisten. Reiher, welche sich von Hechten genährt hätten, würden zu Hechten oder zu Karpfen, ‘wenn sie Karpfen genossen. Aus faulenden Aalen würden wieder leben- dige Aale. Auf dergl. Beobachtungen fussend begründet er eine Theorie der Gespenster. In jedem thierischen Körper sei der bildungsfähige Ur- stoff, die idea seminalis vorhanden und durch die Erdwärme könne sich derselbe entwickeln, so dass er nun in der Gestalt, die er im Leben gehabt, sich aus der Erde erhebe und in der Nacht sichtbar sei, auch am Tage sichtbar sein würde, wenn der Sonnenschein nicht zu hell wäre, welcher selbst die Gestirne unsichtbar mache. Der ‚„spöritus motor“ möge die „ideas formatrices quiescentes“ zu neuem Leben berufen und so stehe jede Form wieder da „prout mortis tempore erat.“ Das Buch bleibt ein characteristisches Zeichen für seine Zeit und für das „Od.“ — Caspar Neumann in Züllichau geb. 1689, + 1734 als Prof. der Chemie in Berlin und Apothekenaufseher in Preussen, dann Joh. Heinr. Bott, geb. in Halberstadt 1692, 7 1777, dieser Theolog, Mediciner und als Professor der Chemie in Berlin berühmt, zugleich ein trefflicher Charakter. Andreas Sigismund Marggraf, geb. in Berlin 1709, + 1782, zeichnete sich 'als Hofapotheker durch seine schöne Kenntniss in der Chemie aus, wurde Mitglied der Academie der Wissenschaften und 1760 Director der physikalischen Ulasse derselben. Pierre Joseph Macquer, geb. in Paris 1718, Professor der Chemie und geachteter Schriftsteller für theoretische und praktische Chemie. Christoph Ludwig Hoffmann, geb. in Rheda in Westphalen 1721, 7 1807 am 28. Juli in Etwille am Rhein, stellte ein eignes Sy- stem der Mediein auf, auf die Reizbarkeit sich begründend und un-
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tersuchte vorzüglich die Krankheiten, welche von chemischen Umwand- lungen der Säfte abgeleitet wurden. Zornber Olof Bergmann, geb. in Katharinenburg in Westgothland 1735, 7 1784 war ein Schüler Zinnees, wurde im Jahre 1758 Professor der Physik in Upsal und 1767 auch der Chemie, und war ein für seine Zeit trefflicher Schriftsteller. Carl Wilhelm Scheele, geb. in Stralsund 1742, 7 1786, dessen vieles Gute enthaltende „opuscula chemica et physica“ erschienen erst nach seinem Tode 1788 und 1789. Antoine Laurent Lavoisier, geb. in Paris 1743, + 1794 den 8. Mai unter Robespierres blutiger Regierung, war seit 1768 Mitglied der Academie, schrieb seinen berühmten „Traite elementaire de chimie, 1791, und er das antiphlogistische System.
Die objective Naturkunde hatte sich, wie wir oben gesagt, durch den, für die organisirten Naturkörper fleissig angewendeten Gebrauch der vergrössernden Gläser auf eine bedeutendere Höhe geschwungen. Für die unorganisirten Körper wurde dies Mittel, zur Kenntniss der- selben zu gelangen, gewöhnlich verschmäht. Von den ausgezeichnet- sten Forschern im Bereich dieser Richtungen überlebten folgende das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts. John Ray, geb. zu Black Notley in Essex am 29. Nov. 1628, + daselbst am 17. Jan. 1705. Einer der geistvollsten und umfassendsten Naturforscher für Botanik und Zoolo- gie, deshalb der Aristoteles Englands genannt. Unter andern gab er seine Methodus plantarum 1682, seine I/chthyographia 1686 heraus. Augustus Ouirinus Rivinus, geb. in Leipzig 1652, + 1725 als Professor der Botanik daselbst, bearbeitete mehrere Pflanzenordnungen nach eignem System und erläuterte sie durch gute Abbildungen, auf Metallplatten ge- stochen. — Hans Sloane, geb. zu Killileish am 16. April 1660, + 1753 als Präsident der Royal Society in London. Nachdem eigentlich der Gärtner Tradescant + 1652, das British museum zuerst begründet hatte, so vermachte /7.S. demselben testamentarisch seine reichen und kostbaren Sammlungen, welche das Parlament im Jahre 1759 übernahm. Er selbst hat seine Reisen nach Madera, Barbadoes, Nieves, St. Christoph und Jamaica beschrieben und die von ihm daselbst entdeckten Naturalien auf 274 Kupfertafeln abgebildet. Das Werk erschien in London 1707. — Joh. Heinrich Heucher, geb. in Wien am 1. Januar 1677, 7 1746 den 22. Februar in Dresden, als Leibarzt des Königs von Polen und Churfürsten von Sachsen. Er war früher Professor der Botanik in Wittenberg, wo ihm Abraham Vater, geb. 1684, + 1751, nachfolgte,
während er selbst nach Dresden berufen, daselbst der Stifter der Natura- lien- und Kunstsammlungen wurde. Seine zahlreichen Schriften erschie- nen als „Opera 1745“ durch den Leibarzt Dr. Christ. Fr. Haenel. — Rene Antoine Ferchault de Reaumur, geb. zu Rochelle 1683, 7 1757 zu Bermondiere in Maine, war einer der sorgfältigsten Beobachter. der Thierwelt, welche jemals gelebt haben. Seine Memoires des Insectes, in VI. Bänden, 1734—42 gelten uns noch heute als Muster von Aus-
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dauer und Geschicklichkeit im Beobachten und Untersuchen, ebenso beurkundet sein Werk über die künstliche Ausbrütung der Vögel seine Beharrlichkeit, und seine Eintheilung des Thermometer seinen Scharf- sinn. — Auch eine Dame muss hier genannt werden, die berühmte Maria Sibylla Merian, später Gattin des Maler Graf. Sie war geb. im Basel 1647, + am 13. Jan. 1717 in Amerika, Tochter des Senators Ma- thias Merian, in Basel geb. 1593, Verfassers eines Florilegium plantarum itinerarium und noch bekannter durch seinen Todtentanz. Die Tochter widmete sich vorzugsweise der Beobachtung der Insecten und ihre Metamorphosis insectorum surinamensium Amstelod. 1'100 und ihr Zrucarum ortus 1717, beide Werke mit Kupfertafeln von ihr selbst, sind schätz- bare Erinnerungen an ihre Beobachtungsgabe und ihren Fleiss. Johann Jacob Dillenius, geb. zu Darmstadt 1687, + 1747 als Professor in Oxford, nachdem er früher als Professor in Giessen durch seine Gelehrsamkeit in der Botanik, insbesondere durch seine durch ihn zuerst erlangte sorg- fältige Kenntniss der kryptogamischen Gewächse zu hohem Ruhme ge- gelangt war. In der Systematik war er Gegner von Zivinus. Johann Christian Buxbaum, in Merseburg geboren 1694, 7 1730, ging mit dem K. Russ. Gesandten nach Constantinopel und mit dem Grafen Romanzov in den Orient, wo er die Küstenländer des schwarzen Meeres, Klein- asien und Armenien als Botaniker bereiste, und seine Entdeckungen beschrieb und abbildete. Emanuel Graf von Swedenborg, geb. in Stock- holm 1689, + 1772 in London, war früher sehr thätiger Physiker und specieller Naturforscher, schrieb z. B. eine Oeconomia regni animalis, Lond. 1740. und Regnum animale, Haag 1744, wurde aber späterhin Geisterseher und Schwärmer*). — Holen wir hier jetzt noch einige ältere Reisende und sonstige Beförderer der Naturkenntniss nach: Heinrich Adrian van Rheede tot Drakensteen, Statthalter von Malabar und Mitglied der Ostindischen Gesellschaft, liess den berühmt geworde- nen „Hortus malabaricus“ mit 700 Abbildungen in Amsterdam von 1676 bis 1703 erscheinen. Die von Bramanen gesammelten Pflanzen sind mit malaiischen, bramanischen und arabischen Namen versehen, und wurden von dem Carmeliter-Missionär ?. Mattei di S.Giuseppe aus Neapel gezeichnet, die malabarische Beschreibung von Zmanuel Carneiroin das Por- tugiesische, dann von Hermann von Donep in das Lateinische übersetzt. Der Missionär Casearius in Cochin ordnete das Ganze und Arn. Syen, Joh. Commelyn, Theod. Janssen van Almeloveen, Joh. Munniks und Abraham Poot besorgten die Herausgabe. — Georg Eberhard Rumphius, in Hanau 1637 geboren, wurde Unterstatthalter zu Amboina und Mitglied der ost- indischen Rathsversammlung. Sein berühmtes Werk ‚‚Herbarium amboi- nense‘“ war 1690 fertig aber erst 1740 begann Joh. Burmann, die Ab-
*) Eine treffliche Darstellung seines Wesens vergl. in „Schleidens Studien“, Leip- zig. 1855. S. 183— 214.
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bildungen stechen und den Text lateinisch und holländisch mit sei- nen Anmerkungen drucken zu lassen. Es erschien in sieben Folio- bänden in Amsterdam. 1741 —51. — Auger Clutius aus Leiden und Joh. Vesling aus Minden, geb. 1598, 7 1649, besuchten Nordafrika, allein _ jener wurde aller Habe beraubt, und schrieb nur seine „Opuscula duo de nuce medica“ Amsterdam 1634. über die damals so kostbare maldivi- sche Nuss, dieser seine Observationes de plantis Aegypti. Patav. 1638. — Stephan Flacourt hat in seiner „Histoire de la grande isle Madagascar“ Paris 1661 zuerst die Naturgeschichte von Madagascar erschlossen. — Hans Egeede-Saabye, geb. in Dänemark den 31. Jan. 1686, 7 1758 den 5. Nov. auf der Insel Falster, wurde Pfarrer in Norwegen und Missio- när in Grönland. Seine Naturgeschichte von Grönland erschien dänisch mit 12 Kupfern in Kopenhagen 1741, französisch in Genf 1763 und deutsch in Berlin 1763, worin er auch das fabelhafte Meerungeheuer, die Riesenschlange abbildet. — Friedrich Martens aus Hamburg besuchte als Wundarzt 1671 Spitzbergen, und seine „spitzbergische oder grönlän- dische Reisebeschreibung‘“ Hamburg 1675, giebt die Resultate seiner Be- obachtungen auch durch Abbildungen wieder. — Erich Pontoppidan, in Aarhuus geb. 1698, + 1765 als Bischoff von Bergen in Norwegen. Er hat neben theologischen Schriften auch die Naturgeschichte von Nor- wegen, dänisch in Kopenhagen, 1752—53, erscheinen lassen. Sie wurde in mehrere Sprachen übersetzt auch deutsch: Versuch einer natürlichen ‚Geschichte von Normegen ete., übersetzt von Joh. Ad. Scheibe, in 2 Thei- len, mit 16 und 14 Kupf. Kopenhagen. 1753—54. — William Dampier besuchte 1684—1699 die Küsten der spanischen Besitzungen in Amerika, die Philippinen, die Fischerinseln und die Westküste Neuhollands. In seinem „Nouveau voyage autour du monde“ in 5Bänden, Amstelod. 1701, gab er auch Abbildungen der von ihm entdeckten Naturalien. — Wil. Sherard war ein Mäcenas der Botaniker in London, geb. zu Bushby in Leicestershire 1659, sammelte selbst Pflanzen auf der Insel Jersey, in Cornwallis, in der Schweiz und auf dem Jura. Er wurde 1703 engh- scher Consul in Smyrna, wo er einen botanischen Garten anlegte, bis er 1721 in sein Vaterland zurückkehrte. Er besass bereits ein Herba- rium von 12000 Arten.
Bevor wir aber zu einer Auswahl aus den Namen der vielen Na- turforscher übergehen, welche dieses Jahrhundert selbst sich geboren, mag es erlaubt sein, wenigstens auf eine von den Anstalten, welche bis dahin für Naturkunde entstanden, einige flüchtige Blicke zu werfen.
So wie die Naturkunde in jener Zeit grösstentheils um der Medi- cin willen betrieben wurde, so waren es besonders Apotheker und Aerzte, welche dieselbe studirten, und es waren die Leibärzte, welche durch ihren Einfluss auf die Monarchen dieselbe zu fördern vermoch- ten. In England gründete bereits die Königin Elisabeth einen Pflan- zengarten, an dem der Apotheker John Parkinson, geb. 1567, königlicher
51 Botanicus wurde, und seinen „Paradivus terresiris“ 1629 herausgab. Ihm folgte Leon Pluknet, geb. 1642, durch sein „Almagestum“, Lond. 1696, und „Amaltheum“ 1705 berühmt. Im Apothekergarten zu Chelsea 1686 eingeweihet, hat Jak. Petivers grosse Thätigkeit bis 7 1718 gewaltet. Sein Gazophylacium, sein Museum, sein Hortus siceus pharmaceutieus bil- den mit mehreren andern Schriften seine Opera, welche erst 1764. mit 310 Kupfertafeln erschienen. — Die beiden Leibärzte des Königs von Frankreich, Zowis XII, Herouard und Guy de la Brosse bewirkten nach langer Vorbereitung die Stiftung des Pflanzengarten in Paris. Letzterer hatte bereits im Jahre 1626 den Entwurf des Planes gemacht, und 1633 war das Grundstsück für 67,000 Fr. angekauft worden, nachdem: Bou- vard, Herouards Nachfolger, als Leibarzt auch zum Oberaufseher und de la Brosse als Aufseher bestätigt worden, erschien darüber endlich am 15. Mai 1635 das Dekret für die weitere Entwickelung und Bestimm- ung der Anstalt. Nachdem die Eifersucht der medieinischen Facultät der Herstellung lange entgegengetreten, wurden jetzt drei Professoren aus ihrer Mitte dabei angestellt: Jagues Cousinot für Botanik, Urban Baudineau für Pharmakologie und Maria Cureau de la Chambre für Chemie. Za Brosse veröffentlichte die Deseription du jardin Royal 1636 mit einem Verzeichniss von bereits 1800 Pflanzenarten, und 1640 begann die Thätigkeit der Professoren und Demonstratoren. Unter Oberauf- sicht des ersten Leibarztes Wautier von 1642 ging die Anstalt wieder rückwärts, ihm folgte Anton Vallot, Denis Joncquet und Guy Orescent Fa- gon. Nach Vallots Tode übernahm der Minister Colbert die Oberauf- sicht selbst und stellte den Hofmaler Robert an, um Pflanzen zu malen, welche in Kupfer gestochen wurden. Nach dessen Tode folgte 1684 Joh. Joubert aus Poitou in dieser Stelle als Maler. Zowis XIV. berief späterhin, nach endlicher weiterer Herstellung des Etablissements, den als kenntnissreichen Botaniker bekannt gewordenen Joseph Pitton de Tourne- /ort aus seinem Vaterlande, der Provence, geb. 1656, f 1708, welcher im J. 1683 als junger, 26jähriger Mann die eigentliche Wissenschaft der Bo- tanik für Frankreich begann. Er hielt Vorlesungen, bearbeitete seine be- rühmt gewordenen Institutiones rei herbariae und reiste für die Wissenschaft. Im Jahre 1700 ging er in Begleitung des Malers Aubriet nach dem Ori- ent, durchreiste Griechenland, die Küsten des schwarzen Meeres und die archipelagischen Inseln und kehrte 1702 wieder zurück mit botanischen Schätzen beladen. Antoine Danty dIsnard und Sebastian Vaillant, geb. 1669, 7 1721, Musiker, dann Wundarzt, endlich durch Tournefort begei- stert und als dessen eifriger Schüler, war zum trefflichen Botaniker ge- worden und dann zu dessen Nachfolger am botanischen Garten ernannt. Alle Werke Vaillants sind ausgezeichnet und geistvoll, seine Abbildun- gen trefflich, vorzüglich widmete er auch der Flora um Paris seinen Fleiss und stellte selbst kryptogamische Gewächse naturgetreu dar. Nach ihnen trat der so berühmt gewordene Name Jussieu auf. intoine
92 Jussieu, geb. 1686, 7 1758, wurde Professor am Garten und sein Bruder, Bernard Jussieu, geb. 1699, 7 1777, blieb vierzig Jahre lang sein Sousdemonstrateur oder Adjunct. Sie legten den ersten Grund für das natürliche Pflanzensystem. Letzterer reiste 1741 an die Küste der Nor- mandie, um die Polypen zu untersuchen und erklärte sie nach seiner Beobachtung für Thiere. Er war es, welcher im Garten zu Trianon durch seine Pflanzungen die erste Andeutung gab, für die natürlichen Verwandschaften im Reiche der Pflanzen. Er war es auch, welcher die Ceder vom Libanon aus England brachte, welche noch heute den Hügel im „Jardin des plantes“ majestätisch beschattet. Während in der Direcetion des Gartens wieder die Leibärzte Chirae und Chicoisneau nachfolgten, ohne die Sache zu kennen oder ihr nützen zu wollen, ver- mehrte Francois du Fay, ein ausgezeichneter Militair, welcher England und Holland bereist hatte, die Anstalt durch seine thätige Correspon- denz mit kostbaren Naturalien für alle Reiche und bedachte sie gross- artig durch sein Testament, wollte aber neben dieses bedeutend mate- rielle Legat auch noch ein geistiges setzen. Er erbat sich nämlich von dem Minister Zowis XV. den später zum Grafen erhobenen Georg Louis Leclerc de Buffon, geb. zu Montbard in Bourgogne, den 7. September 1707, + 1788 den 16. April in Paris, welcher von 1739 an Intendant des Pflanzengarten und der mit ihm verbundenen naturhistorischen Museen geworden. Er war ganz dazu geschaffen, der Anstalt und der Wissen- schaft durch seinen Geist und seine Persönlichkeit unendlich zu nützen, und sein Eifer verschaffte von jetzt an dem Garten und den Museen den Weltruf, den sie sich späterhin weise bewahrten. Er vergrösserte den Garten und vermehrte die Pflanzungen desselben, er richtete für die Museen die grossen Galerieen ein und versammelte die kenntnissreichsten Männer um sich herum. Er rufte Bernard de Jussieu herbei und zog zunächst Zowis Jean Marie Daubenton, Philibert Guenau de Montbeillard und Bernard Germain Etienne de Lacepede, geb. zu Agen 1755, T 1826 bei St. Denis, 1785 als Aufseher und Demonstrator am botanischen Garten, 1795 als Professor der Zoologie, an sich, die kenntnissreichen Mitarbeiter an seinen Werken, zur Histoire naturelle gehörig. Buffon galt als das Cen- trum und als die Krone des Ganzen. Sein Geist, sein Anstand und seine persönliche Liebenswürdigkeit liessen ihn das erreichen, was seine Vorgänger nicht vermocht hatten, erlangen zu können. Er selbst und die Anstalt, für welche er lebte und die Wissenschaft, für welche sie existirte, erhielten einen europäischen Ruf, und diese Wissenschaft von der Natur wurde ein Liebling der Monarchen und zog ein in die Kreise der Vornehmen und Reichen. Seine Aneiferung der Männer, die mit ihm sich verbunden, seine lichtvolle Auffassung und seine leichte Be- wältigung vielfachen Materials, concentrirte deren Kenntnisse in sich selbst und seine schöne, wenn auch oft übertrieben gesuchte, doch für jene Rokokozeit, in der er lebte, vollkommen geeignete Sprache und
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Schreibart machten die Naturkunde zum erstenmale fähig, am Hofe und in der vornehmen Welt durch seinen Mund und aus seiner Feder als angenehme und willkommene Unterhaltung zu glänzen. Absehend von aller Systematik, betrachtete er immer das Einzelne an sich und schmückte dessen Erscheinung in Form und Farbe und Leben durch seine reiche Phantasie, und verbreitete so die Liebe für ein Studium in der gebildeten Welt, welches bis dahin nur von einzelnen Gelehrten ge- pflegt worden war.
Sind wir durch Zuffon zu den Männern übergegangen, welche das achtzehnte Jahrhundert geboren, so finden wir ihn als Zeitgenossen von ziemlich vielen ausgezeichneten Geistern, welche ähnliche Zwecke in verschiedener Richtung verfolgten. Die ganze Anschauung der Natur ging bis dahin vom Gemüth aus, diese Anschauung reflectirte sich im Leben der organisirten Natur, es war jene Bewunderung, welche schon Aristoteles als die Mutter des Wissens erkannte. Begeisterung für das Er- schaffene, Bestreben dasselbe einzeln kennen zu lernen, führte zum Beob- achten, zum Sammeln und Forschen und die Forschung brachte mit der gewonnenen Kenntniss eine demuthsvolle Ahnung des Schöpfers der erschaffenen Wesen und eine Ueberzeugung von dessen Allmacht und Güte hervor.
Carl Linnee, Sohn eines Predigers in Roshult in Smaland, geb. den 24. Mai 1707, + 1778 den 10. Januar, früh 8 Uhr, hat diesen Weg der Bildung genommen *). Der Beruf, Naturforscher zu werden; schien ihm angeboren zu sein und offenbarte sich bereits im Leben des Knaben. Sein Geist wirkte in seltner Energie mit dem Gemüthe zusammen und das Resultat war seine Reformation, ja mehr noch, seine eigentlich wis- senschaftliche Schöpfung und feste Begründung der ganzen Naturkunde, denn Zinnee wurde der erste, welcher eine nothwendige Methode, eine eigenthümliche Bestimmung der Begriffe und Begrenzung der Ausdrücke für Bezeichnung der Eigenschaften der Körper erfand und dadurch sich in den Stand gesetzt sah, alles aus den zahlreichen schon existirenden Werken als zerstreut und ordnungslos ihm bekannt gewordene zu be- wältigen, und von da aus diese Mannigfaltigkeit durch Erhebung auf allgemeine geistvolle Anschauungen dann wieder sondern und lichtvoll elassificiren zu können. Wenn sein Zeitgenosse Bu/fon die Naturkunde für die vornehme Welt pikant zu machen verstand, so verstand es Linnee, sie für ein gründliches Studium der ganzen gebildeten Welt zu- gänglich und fesselnd zu machen. Zinnee war übrigens der erste und zugleich für alle Zukunft der einzige Naturforscher der Welt, dem es vergönnt war, das Wissen seiner Zeit in seinem Detail zu beherrschen und die bis dahin bekannt gewordenen Arten aller drei Naturreiche in
*) Seine Wirksamkeit kann in diesem Rückblicke nur angedeutet werden, mehr wurde darüber in der „Allgem, deutschen nalurhist. Zeitung“ 1847 8. 449—459 gegeben.
einem Werke selbst zu beschreiben. Dies sind Umstände, welche seiner Nachwelt weder für ein Reich, noch für eine grössere Qlasse der orga- nischen Reiche in gleicher der Zeit entsprechender Vollständigkeit wie- der möglich geworden. Albert von Haller in Bern, bald nach Zinnee geboren, am 16. Oct. 1708, 7 1777, den 12. December, wurde Professor der Anatomie, Physiologie und Botanik in Göttingen, wo er zu einem seltenem Ruhme gelangte. Die seltenste und vielseitigste Begabung des Geistes hatte sich auch hier bereits im kleinen Knaben entwickelt, und leicht mochten Zaller und Linnee, neben einander rivalisirend, ihrer Zeit als die grössten Männer erscheinen. Zallers schönstes Denkmal wurde die von ihm gestiftete Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen und der von ihm begründete botanische Garten daselbst. Haller ehrte seine Zeitgenossen, z. B. Peter Collinson in London, Joh. Gottlieb Gleditsch, geb. 1714, 7 1786, Professor in Berlin, Joh. Georg Gmellin, geb. 1709, Professor in Tübingen und Christ. Gottlieb Ludwig‘, geb. 1709, 7 1773, Prof. der Physiologie in Leipzig, auch als Botaniker rühmlich bekannt, Adrian van Royen, Professor in Leiden, Humphred Sibthorp, Professor am Sherardischen Garten in London u. A. durch Widmung seiner Schriften, andere durch Erneuerung der ihrigen, sowie er die Flora von Jena von Heinrich Bernhard Rupp, x 1719, welche 1718 erschienen war, in den Jahren 1726 und 1745 wieder herausgab. — Joh. Ernst Hebenstreit, geb. in Neustadt an der Orla 1702, 7 1757, Schüler von Zivinus: „De con- tin. Rivini iidustria Lips. 1726. Definitiones plantarum 1731, wurde vom König von Pohlen, August II, in Jahre 1731 mit Christ. Gott. Ludwig nach Afrika gesandt, um seltsame 'Thiere und Pflanzen für Dresden zu sammeln, beide reisten über Marseille nach Algier, Tunis, Tripoli und anderen Gegenden Nordafrikas und kehrten 1733 zurück, wo sie auch die zum Theil noch lebende Zwingerorangerie mitgebracht hatten. Nach dieser Rückkehr schrieb Hebenstreit noch eine Diss. de methodo planta- rum e fruciu optima. Lips. 1740. Er starb in Folge seiner Sorge für die bei Rossbach verwundeten Krieger. — Eine grosse Thätigkeit ent- wiekelte sich im Beginn dieses Jahrhunderts für die Beobachtung der Insecten. Die Metamorphose, welche die Vorgänger gelehrt hatten, er- griff schon durch die ihr untergelegte Bedeutung die Gemüther so tief, dass man ihre Erforschung mit einer wahren Pietät und mit wahrhaft aristo- telischer Bewunderung pflegte, und dass alle Anschauung der Gottheit aus der Natur, alle Beziehung auf die später Teleologie genannte Zweck- mässigkeit und Harmonie in der Natur, durch diese Forschung eine neue Quelle gefunden. Als den naiven Vorgänger dieser bescheidenen For- scher nennen wir zuerst Joh. Leonhard Frisch, dessen Beschreibung von allerlei Inseeten in Deutschland, nebst nützlichen Anmerkungen und nöthigen Abbildungen von diesen kriechenden und fliegenden Ge- würme etc., in 13 Theilen mit 273 schwarzen Kupfertafeln, in Berlin schon 1720 bis 1738 erschien. Aug. Joh. Roesel, in Augustenburg bei
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Arnstadt in Schwarzburg-Sondershausen, geb. 1705, 7 1759 in Augsburg, als Roesel von Rosenhof, ein durch seine vom Jahre 1746 bis 1761 her- ausgegebenen „Monatlichen Inseetenbelustigungen“ unsterblich gewor- dener Entomolog, dessen treffliche von ihm selbst gefertigten Abbildun- gen und treue Beobachtungen nebst anatomischen Darstellungen kaum übertroffen worden sind. Sein Werk erscheint uns als eine sehr hohe Potenz dessen von seinem Vorgänger Frisch. Sein Schwiegersohn Alee- mann gab unter dem Titel „Beiträge“ die Fortsetzung dazu 1761 — 92 und 94 und ein anderes vortreffliches und noch wnübertroffenes Werk die „„Naturgeschichte der Frösche“ ete. in gross Fol. gab der Maler JoA. Dan. Meyer in Nürnberg heraus und für die Vorzüglichkeit dieses gleich- falls durch die ausführlichste Darstellung der Verwandelung und der Anatomie ausgezeichneten Werkes spricht schon der Umstand, dass der grosse Albert von Haller selbst eine Vorrede und lateinischen Text dazu schrieb. Derselbe Meyer gab noch zwei hundert Folioplatten mit ver- schiedenen Thieren aller Classen der Wirbelthiere mit ihren Skeletten (Beinkörpern!) 1748 und 1752 mit Beschreibung heraus, eine schätzbare Sammlung, welche alle bis dahin erschienenen weit übertrifft. — Charles Bonnet, geb. in Genf 1720, + 1793, begann seine Laufbahn mit so aus- . gezeichneten Beobachtungen über das Leben der Blattläuse, dass er schon im zwanzigsten Jahre zum correspondirenden Mitgliede der Aka- demie in Paris ernannt wurde. Seine philosophischen wie seine natur- historischen Werke, z. B. seine „‚Contemplation de la nature“ ed. 2. III. vol. Hamb. 1782, seine ‚„Considerations sur les corps organises‘“ Paris 1764, vorzüglich sein „Zraite d’Insectologie“‘ (Oewres compl. s) X. vol. Berne 1779—80, zeigen eine Vereinigung von sorgfältig trefflichen Beobach- tungen mit.correctem Styl und derjenigen Begeisterung und Hingabe an sein Studium, welche den Leser zur Bewunderung hinreissen muss. Diese Werke fanden auch so viel Theilnahme, dass sie in die meisten gangbaren Sprachen ‚übersetzt worden sind. Sein Zeitgenosse Charles De Geer, Baron of Leutsta, Marschall von Schweden, geb. in Stockholm 1720, 7 1778, den 20. März, war Schüler Zinnees und wurde gleichsam ein neuer Swammerdam, durch Linnees Ansichten für höhere Erkenntniss gebildet. Seine grossen Memoires pour servir 4 Thistorie des Insectes er- schienen in 7 grossen Quartbänden in Stockholm in den Jahren 1752 bis 78 und enthalten eine so reiche Masse von anatomischen Details, mit Klarheit und Präcision der Anschauung geboten, dass dieses Werk eine der vorzüglichsten Quellen für das wissenschaftliche Studium der Entomologie genannt werden muss. Jacob Chrisiian Schäffer, geb. in Querfurt 1718, + 1790 als Superintendent in Regensburg, wurde einer der fleissigsten Schriftsteller für Zoologie, welche jemals gelebt haben. Seine überaus zahlreichen Arbeiten, grösstentheils Inseeten betreffend, doch auch Crustaceen und Eingeweidewürmer, enthalten so treue und so sorgfältig angestellte Beobachtungen aus der Natur und so treffliche
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Abbildungen, dabei bereits eine so gründliche Verfolgung von Methodik, dass dieselben unter das ausgezeichnetste gehören, was der angestreng- teste Fleiss in Rücksicht auf seine Zeit jemals geschaffen. Seine Zu- sammenstellung der Insecten der Gegend von Regensburg Zcones insect. circa Ratisbonam indigenorum, natürlich ausgemalte Abbild. Regensburger Insecten. 3 Bde mit 280 ill. K. Regensburg 1766—79, ist eigentlich die erste iconographische Fauna, denn die spätere Zeit hat Inseetenfaunen entweder nur beschreibend gegeben oder einzelne Abtheilungen vorge- zogen, andere minder beachtet, während Schäffer alles was ihm vorkam, gegeben. Ebenso verdienstvoll arbeitete er für Ornithologie. — Herm. Samuel Reimarus, geb. in Hamburg 1694, 7 1786, Rector in Wismar, dann seit 1728 Prof. der oriental. Sprachen in Hamburg, schrieb über „die vornehmsten Wahrheiten der natürl. Religion“ 1754 und „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere.“ Hamb. 1760 u. 1773, wo- durch er so viele Theilnahme fand, dass diese Schrift 3 Ausgaben auch eine holländische Uebersetzung erlebte. Ueber seinen Sohn s. später.
Ein grosser Geist in anderer Richtung war Peter Camper, geb. in Leyden am 11. Mai 1722, j 1789 den 7. April. Sein Vater, protestan- tischer Geistlicher in Se war erst 1715 nach Leyden zurückge- kehrt und lebte in freundschaftlichstem Verhältniss mit Boerhaave, des- sen Einfluss auf die erste Bildung des jungen Camper noch möglich geworden. Er versuchte sich bald als Schriftsteller in schwierigen physiologischen Themen, machte durch seine Reise die Bekanntschaft mit den ausgezeichnetesten Männern seiner Zeit und erhob sich durch seine vielseitigste Bildung zu einem der ersten Schriftsteller, insbeson- dere für Anatomie und Physiologie des Menschen und der höher orga- nisirten Thiere und ihrer paläontologischen Reste, auch gab er einen auf jene Wissenschaften begründeten „Versuch über die physische Er- ziehung der Kinder“, welcher von der wissenschaftlichen Gesellschaft in Harlem gekrönt wurde. Auch seine Untersuchungen über die Neger- Race und über den Orang-Utang lassen ihn niemals vergessen. Sein Sohn Adrien Gilles Camper hat manche seiner Untersuchungen fortgesetzt und einige seiner Schriften wieder erneuert. Nächst seinem Sohne hat auch Vicyg dAzyr sein Leben beschrieben und Dr. Cogan u. A. einzelne seiner Werke übersetzt, während sich Abhandlungen von ihm in den Schriften fast aller Akademien befinden. — Axel Friedrich Freiherr von Oronstedt, geb. in Südermannland 1722, + 1765, steht hier ziemlich isolirt als guter Mineralog. Nachdem Agricola die Mineralogie begründet, dürfen wir gewiss Cronstedt als denjenigen ansehen, welcher mit tiefer wis- senschaftlicher Anschauung zuerst ein System für dieselbe versuchte, welches auch durch die deutsche Bearbeitung von Werner, Leipzig 1780 erst später bekannter geworden. — Thomas Pennant, geb. zu Downing am 14. Juni 1726, + 1798 d. 16. Dec., erinnert sich, dass ihm als Knaben von 12 Jahren Willughby, welcher damals seinen Verwandten Salisbury
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besuchte, einige Vögel geschenkt und dadurch den Sinn für die An- schauung der Natur in ihm aufgeweckt habe. Seine Werke haben auch vorzugsweise die Naturgeschichte der Vögel und Säugethiere, sowohl Englands als auch des Auslands durch Abbildung ünd Beschreibung erläutert. John Hunter, geb. in Long Calderwood g. 13—14. Febr. 1728, 7 1793 den 16. Oct., übertraf noch seinen älteren Bruder William Hunter, geb. 1718 und zeichnete sich aus als Anatom, Zootom und Zoolog über- haupt. Er legte den Grund zum Museum für vergleichende Anatomie in London und erfreute sich durch seine Kenntnisse selbst der Aner- kennung von Haller. Seine Forschungen bewegten sich in einer ähn- lichen Bahn wie die von 2. Camper.
Lazaro- Spallanzani in Scandiana geb. 1729, + 1799, wurde in Bo- logna gebildet und im 29. Jahr seines Alters Prof. der schönen Wissen- schaften und der Philosophie in Reggio, im Jahr 1770 Prof. ‚der Anatomie und Physiologie und Naturgeschichte zu Pavia, von wo aus er 1790 bis Constantinopel reiste. Seine überaus fHleissigen und scharf- sinnigen Beobachtungen durch welche er mehrere Erscheinungen im Thier- und Pflanzenleben erklärte, sind ausserordentlich zahlreich und zum Theil auch auf seinen Reisen, besonders in Sicilien angestellt worden. — James Bruce Esq. of Kinnaind zu Kinnainds House in Stirlingshire geb. den 14. Dee. 1730, 7 1794 den 27. April, dessen 1762 begonnene erst 1774 vollendete afrikanische Reise für Geographie wie für Natur- geschichte gleich wichtig geworden, hat besonders Abyssiniens Natur- produkte wieder zur Kenntniss gebracht und manche Nachrichten aus den Zeiten von Herodot und von Srabo zuerst wieder beleuchtet. — Natal. Jos. von Necker, geb. 1730, j 1793, Botaniker in der Kurpfalz, wurde durch seinen „Traite sur la mycetologie, Mannh. 1783, seine Physio- logia muscorum ib. 17174, seine Deliciae gallo-belg. silvestres Argent. 17168, u. seine Zlementa botanica. Neow. 1790 bekannt. — Joh. Hedwig, geb. 1730, 1799, Prof. der Botanik in Leipzig, wurde durch seine tiefer eingehen- den mikroskopischen Untersuchungen und zahlreichen trefflichen und in grossem Maasstabe gegebenen Abbildungen der erste bedeutende Schriftsteller für kryptogamische Gewächse, deren feinere Organe er eigentlich zuerst zur klaren Anschauung brachte. Seine „Theoria genera- tionis“, sein Fundamentum hist. nat. muse. frondos. Lips. 1782 nebst einer grossen Anzahl andrer Abhandlungen, vorzüglich aber sein grosses spe- zielles Werk über die Musci frondosi haben ihm einen unsterblichen Namen gesichert. — Zleazar Albinus, ein fleissiger Zoolog, gab eine Na- tural history of Birds in 3 Bänden 1731—38 mit illum. Abbild., dann die English Song Birds 1778, ausserdem Fische, Insecten und Spinnen. Die Abbildungen sind manirirt. — Jon. Leonh. Frisch, oben als einer der ersten Entomologen genannt, war auch der erste, welcher ein gutes Werk über die „Vögel Deutschlands“ Berlin 1734—63 gegeben, dessen Fortsetzung seine Söhne Jost Leopold und J. Christoph besorgten. Die
Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1. >
i 98 Fledermäuse stehen hier zum letztenmale unter den Vögeln! — Von Peter Artedi erschien eine Bibliotheca ichthyologiea und eine gute erste Philosophia, genera, synonyma et species piscium und andere Werke über die Fische, meist von Zinnee u. J. Jul. Walbom 1735—1793 herausgegeben. Mathurin Jacques Brisson, geb. zu Fonteney le Peuple 1723, Prof. der Physik in Paris, hat sich neben Herausgabe physikalischer Werke in der Zoologie durch sein „Regne animal“ 1756, vielmehr noch durch. seine „Ornithologia“‘ in sechs Quartbänden mit 261 Kupfertafeln in Querfolio Paris 1760 als den ersten und für alle Zeiten als einen der gründlich- sten Forscher bewährt. Vieles beschrieb er aus Reaumurs Sammlung, das meiste aus dem Pariser Museum. — Joh. Georg Sulzer za Winter- thur im Canton Zürich geb. 1720, + 1777, betrachtete neben den schönen Wissenschaften auch die Natur von ihrer ästhetischen Seite und schrieb das auch ins Französische übersetzte Werk „Von den Schönheiten der Natur“ Berlin 1750, trug aber auch zur Kenntniss der Natur in der Schweiz bei, durch Beschreibung seiner Reise durch dieselbe, Zürich 1743. Joh. Heinrich Sulzer war ein gründlicher Entomolog und beför- derte die theoretische Kenntniss derselben besonders durch sein Werk: „Die Kennzeichen der Insecten“ mit 24 illustr. Karten, Vorrede von Joh. Gesner, Zürich 1761 und durch seine „Geschichte der Schweizer und ausländischen Inseeten mit 32 illum. K. Winterthur 1776. Suppl. 1789. — Marcus Eliezer Bloch tvat in Deutschland auf als ein erster ausgezeichneter Kenner der Fische. Seine „allgemeine Naturgeschichte der Fische“ erschien in 12 Theilen mit 432 illum. Kupf. in Fol. Berlin 1782—95 und sogar auch in französischer Sprache übersetzt. Die „öko- nomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands“ enthält 6 Bände mit 216 illum. Kupf. Berlin 1783— 87, das „Systema Ichthyologiae“ hat 110 Tafeln und erschien erst durch J. Gottlob Schneider, Berlin 1801. — Seine Abhandlung von der Erzeugung der Eingeweidewürmer und den Mitteln wider dieselben mit 10 Kupfertafeln, Berlin 1782, wurde von der Societät der Wissenschaften in Kopenhagen mit dem Preise gekrönt. — Abbe Bazin gab ohne sich als Autor zu nennen eine Naturgeschiehte der Bienen „Hist. naturelle des Abeilles I. II. Paris 1747. — Nathanael Gottfried Leske, Prof. in Leipzig, war ein vielseitig gebildeter Naturfor- scher, welcher durch seine „Reise durch Sachsen“ mit 40 Kupfertafeln Leipz. 1785 seine Anfangsgründe der Naturgeschichte, Leipz. 1779, seine Physiologia animalium Lips. 1775, seine Ichthyologia lipsiensis Lips. 1774 so wie durch Arbeiten über Echinodermen, über den Blasenwurm im Hirn der Schafe u. s. w. sich als guten Beobachter bewährte. — William Smellie, geb. in Edinburg 1740, 7 1795 den 24. Juni, schrieb eine „Philo- sophy of natural history“ in 2 Bänden, Edinburg 1790, welche auch nach seinem Tode in neuer Ausgabe London 1838 erschien. Ferner über- setzte er Buffons Naturgeschichte der Vögel in 9 Bänden London 1793. Jos. Franz Edler v. Jacquin gab „Beiträge zur Geschichte der Vögel mit 19 illustrirten Kupfern 4. Wien 1784. — Joh. Friedrich Gmelin (s. später),
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hatte alle specielle neue Entdeckungen sorgfältig gesammelt und liess Linnees systema naturae in der XI. Ausgabe Leipzig 1788 erscheinen. — Drew Drury, geb. Wood Street, Cheapside, London 4. Februar 1725, + 1763 den 18. April, wurde durch seine schönen Illustrations of natural history mit 150 Kupfertaf. in 3 Bänden London 1770—82 und Illustrations of foreign Entomology in 3 Bänden mit 150 Kupfert. herausgegeben von Westwood, London 1837, rühmlich bekannt. — Joh. Casp. Fuessli, geb. in Zürich 1706, 7 1782, eigentlich Portraitmaler, ein guter Entomolog der Schweiz, gab vortreffliche Abbildungen zu seinen Werken: „Ver- zeichniss der Schweizer Insecten, Zürich und Winterthur 1775. Magazin für Liebhaber der Entomologie, 2 Bände, eb. 1778. Neues Magazin 1782—87. Archiv der Insectengeschichte eb. 1781—86. — Kasp. Stoll, + 1795, schuf ein schätzbares Werk zur Kenntniss der Hemipteren: „Natürl. u.nach dem Leben gemalte Abbild. u. Beschreibungen der Cicaden u. Wanzen u.a. verwandten Inseceten aus Europa, Asia, Africa u. America,“ herausgegeben von Winterschmidt, Nürnberg 1781. Ursprünglich hol- ländisch Amsterd. 1787—90, von Houttuyn beendigt 1815. — Joh. Friedr. Wilhelm Herbst in Petershagen im Fürstenthum Minden geb. den 1. Nov. 1743, 7 1807 den 5. Nov. als Archidiakonus in Berlin, war ein verdienst- voller Entomolog. Seine „Einleitung zur Kenntniss der Insecten für Ungeübte und Anfänger in 3 Bänden, Berlin u. Stralsund 1784—-86, hat die Liebe für diese Wissenschaft befördert. Sein „Natursystem der un- geflügelten Insecten, Berlin 1798— 1800 mit 23 'illum. Kupf., endlich sein „Versuch einer Naturgeschichte“ der Krabben und Krebse in drei Bänden mit 62 illum. Kupfertaf. Zürich, Berlin u. Stralsund 1782—1804 sind ausgezeichnet. Carl Gustav Jablonsky gab ein grosses Werk: „Na- tursystem aller bekannten in- und ausländ. Insecten “ mit illum. Kupf. welches Zerbst fortsetzte. Berlin 1785—1806. Davon sind nur 202 ill. Kupfertaf. Käfer und 327 Kupfertaf. Schmetterlinge erschienen. — Joh. Rud. Schellenberg beschäftigte sich so wie 8704 vorzugsweise mit Hemip- teren und gab die sehr schätzbaren Werke: „Das Geschlecht der Land- und Wasserwanzen in der Schweiz nach Familien geordnet mit 14 ill. Kupf. Zürich 1800, auch in lateinischer Sprache. Ausserdem auch Dipteren: „Genres de Mouches dipteres“ mit 42 ill. Kupf. auch deutsck: „Gattungen der Fliegen“ Zürich 1803 und „Entomologische Beiträge“ Winterthur 1802.
Haben wir hiermit eine Anzahl: wichtiger Männer genannt, welche diesem Jahrhundert gehörend, endlich schon in das XIX. Seculum ein- traten, so versparen wir die Aufzählung derjenigen, welche in dieses län- ger hineinlebten, für eine Schilderung dieses Jahrhunderts.
Wenn bereits mehrere der genannten Männer auch als Reisende | aufgeführt worden, so sind noch folgende an ihre Namenreihe anzu- schliessen, durch deren Reisen die Wissenschaft Aufklärung fand. Für Reisen nach‘ Asien: Peter Kämpfer in Lemgo 1651 geb., + 1716, reiste
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als Leibarzt mit dem schwedischen Gesandten Zudw. Fabricius 1683 nach Persien, wo er länger blieb, dann auch Georgien und Amerika durch- suchte, später als Arzt mit nach der Küste von Arabien, nach Ceilon, Bengalen und Sumatra gimg und nur 1689 ein Jahr. in Batavia blieb. Dann besuchte er Siam und Corea, blieb in Japan zwei Jahre und kehrte 1693 nach Europa zurück um Leibarzt des Grafen von der Lippe zu bleiben bis er starb. Seine „Amoenitates exoticae“ 1712 Lemgo mit 90 Kupfertaf. sind reich an Neuigkeiten für Zoologie und Botanik. — Augustio Lippi, geb. in Paris 1678, reiste unter Zowis XIV. mit einer Gesandschaft nach Aegypten, Nubien und Habessinien, wurde aber daselbst 1704 ermordet und seine gerettete Sammlung von andern be- schrieben.
Richard Pococke, Bischof von Ossory berichtet über die Palme von Theben: Hyphaene coriacea und m. a. Gewächse in seinem Werk: Description of the East. London 1743—45. Friedrich Hasselquist in Ost- gothland geb. 1722, 7 1752, Schüler Zinnees, bereiste Aegypten und Palästina, starb aber in Smyrna und Zinne beschrieb seine Reise und die von ihm gefundenen Pflanzen im Jahr 1757. — Alexander Russel lebte in Aleppo, 7 1768 und hinterliess sein Werk: 7he natural history of Aleppo and parts adjacent. London 1756. ed. 2. von seinem Sohne Patrick Russel, London 1794, auch deutsch zu Göttingen 1798. — Joh. Mariti hatte acht Jahre lang in Asien gelebt und beschrieb auch Pflan- zen in seinem Piaggio per Tisola di Cipro e per la Soria e Palestina in 5 Bänden 1769—70 Florenz. — Carsten Niebuhr, geb. 1733, / 1815, reiste mit seinem Begleiter Peter Forskol, geb. in Schweden 1732, 7 1763 nach Aegypten und Arabien, wo letztrer starb und die Flora aegyptiaco ara- bica Havniae 1774 und die Icones rerum naturalium das. 1776 durch Niebuhr erschienen und die Pflanzen dann durch Martin Vahl durch seine Symbolae botanicae 11790—94 genauer bestimmt wurden. — Jak. Jul. La Billardiere reiste 1787 nach Syrien und auf den Libanon und die Zcones plantarum Syriae rariorum Paris 1791, bieten die Resultate der Reise. In Folge des Feldzugs den Bonaparte in Aegypten bestanden, wurden durch seine Begleiter Delle, Savigny und Nectoux die Naturalien für das Denkmal des Feldzugs, die grosse Description de TEgypte, Hist. nat. Paris 1813 abgebildet und beschrieben, andere in der Reise von Sonnini in Ober- und Nieder- Aegypten und in der von Denon.
Das asiatische Russland erschloss Daniel Gottl. Messerschmidt aus Danzig, welcher aus Liebe für die Naturkunde 1716 nach Petersburg, von da 1720 nach Tobolsk ging, von wo er mit Siralenberg den Obi, Jenisei und die barabinzische Steppe durchreiste, dann drei Jahre allein in . Sibirien blieb, die Tunguska, Angara, Lena, den Irtisch und die davur- ischen, werchoturischen und altaischen Gebirge besuchte, worauf er 1730 in Petersburg starb, so dass erst Amman, J. G. Gmelin und Pallas seine Entdeckungen bekannt machen konnten. Ebenso wurden die von Gott.
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‘Schober, einem von Peter I. an die Wolga, das kaspische Meer und das nordwestliche Persien gesendeten jungen Arzte gemachten Acquisitionen nicht von ihm, sondern von Zerche in den Nov. Act. nat. curios. V. app. beschrieben. Joh. Christ. Buxbaum (s. oben), geb. in Merseburg 1694, + 1730, gab seine „Plantarum minus cognit. Cent. I—V. Petersburg 1728, heraus, welche dann bis 1740 nach seinem Tode erschienen. — Die Kai- serin Anna sendete Traug. Gerber und Heinzelmann 1732 in das östliche Russland. Jener ging an die Ufer des Don und der Wolga, sendete seine Flora von Moscau an Haller, wurde Feldarzt im finnischen Kriege und starb in Viborg 1743. Dieser besuchte den Ural, das Gebiet von’ Orenburg und einen Theil der Tartarei, Amman machte bekannt, was er gefunden. Ferner wurde der Däne Veit Bering, welcher 1728 nach Kamtschatka, den Fuchsinseln, Alaschka und der Nordwestküste Ameri- kas bis zur Beringsbai gesendet. Joh. Georg Gmelin in Tübingen geb. "1709, welcher seit 1727 in Petersburg lebte, Stephan Krascheninnikon und einige Künstler wurden nach Ostasien beordert. Nach fünf Jahren folgte ihnen Georg Wilh. Steller aus Weinsheim in Baden an der Berg- strasse. Sie segelten vom Peter Pauls Hafen nach den Fuchsinseln zur amerikanischen Küste und mussten dann auf der Beringsinsel bleiben, wo 1741 Bering starb. Steller erreichte den Peter Pauls Hafen im fol- senden Jahre, blieb in Kamtschatka, war der einzige Naturforscher, wel- cher die riesenhafte nach ihm benannte Seekuh, die Rhytine und einen Mammuthelephanten mit Fleisch und Haut und Haaren gesehen. Er starb zu Tjumen am Tura 1746 und Pallas machte das, was er entdeckt hatte, bekannt. sSteller selbst gab nur die „Ausführl. Beschreibung von sonderbaren Meerthieren: Seekuh, Seebär, Seelömwe, Seeotter mit Anm. und 1 Kupf. Halle 1753 und seine „Beschreibung von dem Lande Kamschatka“ m. K. Frankfurt a. M. und Leipzig 1774. — J._ 6. Gmelin mit Gerhard Friedr. Müller und Ludmw. de TIsie de La Croyere hatten unterdessen in Sibirien gearbeitet, sie durchreisten 1734 die Gegenden am Ob und Tom bis zum Lande der Kalmücken, 1735 die Distriete jenseits des Baikal, 1736 und 37 die Ufer der Lena bis zum 62° hinan. Im folgen- den Winter verzehrte eine Feuersbrunst alle von @melin gesammelte Schätze nebst seinen Büchern, Handschriften und seiner ganzen Habe in Irkutzk. Er erhielt endlich die Unterstützung von neuem zu sam- meln, besuchte 1730 den Jenisei und die Distriete zwischen dem 51 und 66° N. B., ging 1740 an den Ob zurück, im folgenden Jahr in die ischimskische, barabinzische u. a. Steppen, 1742 nach Isetzkoi und die nahen Gebirge und kehrte nach zehnjährigem Aufenthalt wieder zurück. Er wurde Prof. der Naturgeschichte in Petersburg, ging aber nach vier Jahren in sein Vaterland zurück, wo er 1755 starb. Johann Amman, geb. 1707, 71741, machte von seinen Entdeckungen vieles bekannt. Gmelins Flora sibiria in vier Foliobänden Petrop. 1747—69, enthält 400 Abbild.
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und ist von hoher Wichtigkeit für die Kenntniss des Landes und seiner Vegetation.
Von Catesby's Werk über Nordamerikas Vögel und Pflanzen war schon die Rede. Joh. Bapt. Labet, geb. 1667, 7 1738, reiste als Domini- caner zur Verbreitung der katholischen Religion, beschrieb aber in sei- nem Nowveau voyage aux isles de TAmerique Paris 1722 in sechs Bänden die vollständige Geschichte der Culturpflanzen, des Tabak, Indigo, Kakao, Orleans, des Zuckerrohrs und der Baumwolle. — Dasselbe that Brue für Afrika in seiner „Nouvelle relation de TAfrique occidentale“ Paris 1728 in fünf Bänden, worin im zweiten Bande die Amyris Kafal, Orescentia Oujete, Acacia vera, Intropha Manihot u.a. beschrieben werden. — Thomas Shaw, Theolog und Archäolog, reiste nach Aegypten, Nord- afrika und Syrien und seine „TZravels or observations relating to several parts of Barbary and Ihe Levant‘‘ Oxford 1738 verzeichnen an 632 von Dillenius bestimmte Pflanzen, worunter einige auf 6 Kupfert. abgebildet sind. — Diejenige Reise, welche eine Gesellschaft von Spaniern und Franzosen unter Anführung des Grafen Maurepas in das tropische Amerika im Jahre 1735 anstellte, um einen Grad der Breite unter dem Aequator zu messen und so die eigentliche Gestalt der Erdkugel be- stimmen zu können, wurde auch von Charles Maria de la Condamine, Bouguer und Godin als Astronomen und Feldmesser, dann von Joseph Jussieu als Botaniker und Morainville als Maler getheilt. Sie vereinigten sich zu Carthagena mit den Spaniern Georg Juan und Anton Ulloa, in deren Gesellschaft sie die Andesgebirge erstiegen. Jussieu musste lange als Arzt fungiren, 1747 begann er die Paramos allein zu durchwandern bis an die Quellen des la Plata, von wo er erst 1750 über Potosi nach Lima zurückkehrte, um nach Europa zu reisen, wobei er geisteskrank wurde, indessen hat 4. L. Jusvieu die durch ih gesammelten Pflanzen erhalten. Condamine bereiste 1743 von Loxa aus die Ufer des Ama- zonenflusses und ging durch die ungeheueren Ebenen von Neu-Anda- lusien, Cumana und Carracas nach Cayenne: „ZAelation abregee. d’un voyage, fait dans tinterieur de TAmerique meridionale. Paris 1745. Die Cinchona Condaminea trägt seinen Namen, sowohl diese als die Siphonia Cahuchu lehrte er kennen. Ulloa und Juan durchreisten Peru und Chile nebst der Insel Juan Fernandez: ‚‚Relacion del viage, que hizieron. Madrid 1748 in vier Bänden. — Renatus Moreau de Maupertius veiste 1736 nach den Polargegenden um Gradmessungen anzustellen in Begleitung des Geist- lichen Outhier, das „Journal dun voyage au Nord.“ Amstelod. 1746 ent- hält die naturhistorischen Ergebnisse. — Joh. Burmann, geb. in Amster- dam 1707, + 1780, bearbeitete das Herbarium, welches Paul Hermann, geb. in Halle 1640, + 1695 als Prof. in Leiden, aber acht Jahre lang Arzt bei der holländischen Factorei in Ceylon gesammelt hatte, nach seinem Tode erschien erst das „Museum ceylanicum“ 1726, dann von Hermann der „Thesaurus ceilanicus“ Amstelod. 1737 mit 110 Kupfertaf.
63 — Albert Seba in Ostfriesland, geb. 1665, 7 1736 als Apotheker in Am- sterdam, brachte ein grosses Naturaliencabinet von Raritäten aller Welt- theile zusammen und verkaufte dasselbe an Peter I., sammelte dann eingneues und beschrieb dieses in einem grossen Werke in 4 Foliobänden, „Locupletissimus rerum naturalium. Thesaurus“ Amstelod. 1734 — 65 mit 449 Kupfertafeln.
Afrika wurde in seinem Norden von ZAenatus Desfontaines 1783— 85 bereist und seine Flora atlantica erschien 1800 in Paris. J. L.M, Poiret durchreiste Numidien 1785--86 und sein Voyage en Barbarie er- schien Paris 1789. — Dänemarks Consul ?. K. A. Schousboe verdanken wir die Beobachtungen über das Gewächsreich in Marocco. Ch. Nicol, Sigisb. Sonnini de Manancour voy. dans la haute et basse Egypte erschien in 3 Bänden durch Tardieu. Paris 1799, Leipzig 1800. — Nächst dem früher erwähnten Zruce sind W. @. Browne's „Travels in Africa“, London 1799, für das mittlere Afrika zu nennen. Michel Adanson blieb 4 Jahre am Senegal und seine Hist. nal. du Senegal, Paris 1757, lehrt zum erstenmale die genaue Kenntniss des nach ihm genannten Baobabbau- mes und vieler anderer Pflanzen so wie der dortigen Thierwelt. Pierre Sonnerat trug auch durch seinen „Voyage aux Indes orientales etc“ s. diesen, worin er das Cap de bonne-Esperance, les Isles, de France et de Bourbon berührte, zur Kenntniss von Afrika Bedeutendes bei. Isert gab seine „Reise nach Guinea, Kopenh. 1790“ und Yahl und Willdenow beschrieben die Pflanzen, die er entdeckt hatte. Adam Afzelius gab die „Genera plantarum guineensium, Upsal 1809. Palisot- Beawois 'erschloss die eigenthümliche Flore dOware et de Benin. Paris 1805—i0. Von Bruce war schon 8. 57 oben die Rede.
Südafrika hatte bei weitem die meisten Besuche erhalten und Zeter Jonas Bergius, y 1790, Prof. in Stockholm, bearbeitete zuerst die Flora des Landes, nachdem Michael Grubb, Vorsteher der Ostdeutschen Gesell- schaft, die Gewächse gesammelt und mitgebracht hatte: Descript. plant. e capite bonae spei. Stockholm 1767. — Andreas Sparrmann war 1765 mit Capitän Gustav Ekeberg in Östindien gewesen und blieb 1771 u. 72, dann bis 76 am Cap, wo er für Zoologie und Botanik zugleich thätig war: Resa til goda hopps-udden. Stockholm 1783. Karl Peter Thunberg, des jüngern Zinnees Nachfolger in der Professur, lebte in Südafrika von 1772—78 und bearbeitete nach seiner reichen Sammlung die erste aus- führlichere „Flora capensis in Upsala nebst prodromus 1794—1800. Seine „Reisen in Afrika und Asien“ erschienen auch deutsch Berlin 1792. Thun- berg hat zugleich in einer grossen Anzahl von Abhandlungen Insecten beschrieben. — Die Gärtner Zoor u. Scholl wurden vom Kaiser Franz 1. nach dem Cap und Isle de France gesendet und kehrten 1780 mit rei- chen Pflanzenentdeckungen zurück. — Will. Patersons „Reisen in das Land der Hottentotten““ gab Joh. Reinh. Forster Berlin 1790. — Peter Maria Broussonet, geb. 1761, + 1807, durchforschte die Canarischen Inseln und
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theilte seine botanischen Sammlungen an Willdenow mit. — Pierre Poivre bis 1775 Statthalter auf den Maskarenen, liess durch Sonnerat aus Neu- Guinea den Muskatnuss- und Gewürznelkenbaum dahin verpflanzen und legte einen schönen botanischen Garten auf Isle de France an. Seine Sammlungen waren bedeutend, die von ihm gesammelten Vögel wurden von Brisson beschrieben. Sein Nachfolger in der Aufsicht des botani- schen Garten und Nicolaus von Cere + 1810, welcher ebenso die Botanik und die Botaniker förderte, wie er nur konnte. — Philibert Commerson zu Chatillon les Dombes geb. 1727, 7 1773 auf Isle de France, legte in seinem Geburtsorte einen ‘botanischen Garten an und gab auf Zinnees Wunsch eine Ichthyologie des mittelländischen Meeres für die Königin von Schweden heraus. Er reiste 1767 mit Bougainville nach Südamerika und nach den Südseeinseln und Isle de France, wo er fünf Jahre lebte und zweimal nach Madagaskar. Seine Entdeckungen und sorgfältigen Untersuchungen dessen, was er entdeckt hatte, übertrafen alle Erwar- tung, er hatte über 5000 Arten Pflanzen gesammelt. Auch seine zoolo- gischen Sammlungen kamen an das Pariser Museum.
Peter Osbeck, ein schwedischer Schiffsprediger, war einer der ersten, . welcher Java und China besuchte: „Dagbok ösfer en ostindisk resa“ Stockholm 1757. — Was schon sein Vater, dann Outgaerden, Pryon und Lorenz Garcin gesammelt ‚hatten vereinte Nic. Lorenz Burmann, geb. 1734, + 1793, Professor in Amsterdam für seine Flora indica Lugdb. 1768 mit 67 Kupfertaf. — Christ. Früs Rottböll, geb. 1727, 7 1797, Prof. im Kopen- hagen, beschrieb die meist vom Mission Jon. Gerh. König zu 'Tran- quebar mitgetheilten Gewächse mit Abbild. Havn. 1773. — Sonnerat ist schon oben erwähnt. — Will. Marsden gab-eine „History of Sumatra“ Lond. 1784 und Jac. Cornel. Matih. Rademacher, geb. 1741, 7 1783, als Rath der Ostind. Gesellschaft die erste Aufzählung der Pflanzen, welche sich auf Java gefunden, in holländischer Sprache Batav. 1750 — 82. — Wiliam Jones, + 1794, ein Richter in Bengalen, gab seine Bemerkungen über indische Pflanzen in den 4siatic researches. — Will. Roxburgk's Prachtwerk: ‚„‚Ptants of the coast of Coromandel“ erschien in drei grossen Foliobänden in London 1795. Joh. de Loureiro, Missionär aus Lissabon lebte lange in Cochinchina und in Mozambique und liess nach seiner Rückkehr die „Flora cochinchinensis“ in zwei Bänden Ullyssipona 179%, dann wieder in Berlin 1793 erscheinen. — Franz Buchanan, Begleiter des Mich. Symes, auf seiner Gesandtschaftsreise nach Ava botanisirte Heissig und Joseph Banks gab die Abbild. und Beschreibung der Pflanzen: ‚iccount of an embassy to Ihe kingdom of Ava. London 1800.
Carl Peter Thunberg (s. oben $. 63) brachte das Jahr 1776 in Japan zu und hat mit grösster Mühe die Naturgeschichte dieses merkwürdigen liandes erforscht: „Voyage au Japon ete.* ed. fr. Paris 1796. „Flora ja- ponica“ Lips. 1784 mit 40 Kupfertaf. — Graf Alexis Razumofsky unter- stüzte naturhistorische Reisen im russischen Reiche. — Pet. Simon Pallas,
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geb. in Berlin den 22. Sept. 1741, + das. 1811 d. 8. Sept., Akademiker und Inspector des K. K. Naturaliencabinets in St. Petersburg, bereiste die entlegeneren Distriete des russischen Reichs von 1770 bis 1773: „Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reichs“ in 3 Theilen, Petersburg 1771—76 mit 104 Kupfert. dann „Bemerk. auf einer Reise in die südl. Statthalterschaften des russ. Reichs“ in zwei Bänden Leipzig 1799—1800; ferner: „Flora rossica“ zwei Bände Petrop. 1784 und 88, Fol. mit 100 illustr. K. und ‚„/Uustrationes plantarum minus cognitarum“ Lips. 1803 vorzüglich Salzpflanzen der Steppen. Noch thätiger war Pallas als Schriftsteller für Zoologie aller Classen. So für die Phytozoen : „Characteristik der Thierpflanzen etc.“ herausgegeben mit Anmerk. von Chr. Fr. Wilh. Wilkens von J. F. W. Herbst mit 27 Kupfert. in 2 Theilen Nürnberg 1787, dann die „J/cones insectorum“ mit 8 illum. K. Erlangen 1781. Die „Miscellanea zoologica“ mit 14 Kupf. Haag 1766 und Lgdb. 1778. Die „Spieilegia zoologica“ mit 58 Tafeln in zehn Heften. Berlin 1767— 74. ,‚.Novae spec. quadruped. e glirium ordine“ mit 39 Kupfertaf. Erlangen 1778—79 und 1784. Höchst ausgezeichnet und wegen seines reichen Inhaltes wichtig ist die „Zoographia Rosso-Asiatica“ in 3 Bänden, welche sich über die Wirbelthiere dieses grossen Reiches erstrecken. Petrop. 1811 u. 1831. Von den dazu gehörigen Icones sind nur sechs Hefte erschienen. Er begann seine Laufbahn mit einer „Dissertatio de infestis viventibus intra viventia“ Lgdb. 1769. Pallas bleibt für alle Zei- ten ein erhabenes Muster als naturforschender Reisender, als sammeln- der, beobachtender, beschreibender und bildlich darstellender Naturfor- scher. — Samuel Gottlieb Gmelin reiste am Don hinauf, nach Astrakan, an die südl. Küsten des kaspischen Meeres, ging nach Zarizin und im folgenden Jahre in das nördliche Persien, wo er verdächtig wurde und sein Leben im Kerker beschloss. ‚Seine Reise durch Russland“ in vier Bänden 1770—84 giebt für Naturkunde geringe Resultate. — Joh. Gottl. Georgi reiste als Akademiker in Petersburg mit dem Schweden Johann Peter Falk, geb. 1730, 7 1774, welcher aber aus Melancholie in Kasan sich selbst tödtete, und dann mit Pallas an den Ural und nach Südsibirien: „Bemerkungen einer Reise im Russ. Reiche ‚ Petersburg 1775, nebst einer Flora des Baikal-See.“ — Johann Anton Güldenstädt in Liefland geb. 1745, 7 1781, Akademiker in Petersb., bereiste die Krimm: „Reisen durch Russ- land und im caucasischen Gebirge, herausgegeben von Pallas in zwei Theilen. Petersb. 1787 und 1791. — Karl Ludwig Habliz! aus Preussen, später Oekonomie-Aufseher in Taurien, war im Norden Persiens gereist und S. @. Gmelin beschrieb seine Pflanzen. — Iwan Lepechin, ebenfalls Akademiker in Petersburg, bereiste den Nordwesten von Russland in Europa wie in Asien und gab ein „Tagebuch der Reise durch verschie- dene Provinzen des russischen Reichs“ in drei Theilen. Altenburg 1774— 83. — Erich Laxmann, +1796, Prediger in Kolywan, machte neue Pflanzen in den Nov. commentat. Petropolit. bekannt. — Joh. Sievers be-
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schreibt in Briefen an Pallas ächte Rhabarber und andere Gewächse Mongoliens, wonach sie von letzterem in den Nordischen Beiträgen ver- öffentlicht wurden. — Graf Apollo Mussin-Puschkin, + 1805, reiste in der Krimm 1800 und 1801 und verbreitete durch Exemplare und Saamen die Kenntniss vieler dortigen Pflanzen. — Das Ausgezeichnetste für die Krimm lieferte Friedr. Freih. Marschall von Bieberstein nach eigenen For- schungen auf Reisen und nach den Mittheilungen insbesondere von Hablizl, Helm, Londes, Redowsky, Salesow, Steven, Tauscher u. A. in seiner „Beschreibung der Länder am Kaspischen Meere, Frankfurt 1800,“ vor- züglich aber nach seinen 1798, 1802 u. 1805 angestellten Reisen in der Krimm durch die „Alora taurico-caucasica“ in zwei Bänden 1808, wozu noch später als Suppl. ein starker dritter Band erschien.
Amerika. — Joh. Clayton, Arzt in Virginien, sendete die von ihm gesammelten Pflanzen an Joh. Friedrich Gronovius, geb. 1690, + 1762, Kurator in Leyden, welcher darnach seine „#lora virginica“ Lgdb. 1743 in zwei Bänden herausgab. Theodor Lorenz Gronovius, Sohn des vorigen, gab dieselbe 1762 wieder heraus. — Mitchell und Colden sammelten um Neu-York und Zinnee, welcher die Pflanzen erhielt, machte sie 1743, 44 bis 50 in den Act. Upsal, bekannt. Auch Coldens Tochter Miss Jenny hinterliess, 7 1754, eine Flora von Neu-York mit Abbildungen, welche durch Wangenheim Baldinger und von diesem Joseph Banks erhielt. — Peter Kalm aus Finnland, geb. 1715, + 1779, später Prof. in Abo, wurde nach Nordamerika gesendet um den rothen Maulbeerbaum für Einführ- ung des Seidenbaumes zu holen. Er lebte 1747 —49 in Pensylvanien, Neu-York und New-Yersey und theilte seine Entdeckungen an Zinnee mit. Seine Reise beschrieb er in schwedischer Sprache, Stockholm 1753
in drei Bänden. — Joh. Bartram reiste an die Canadischen Landseen und gab „Observations, made in his travels“ London 1751. — Pet. Franz
Xaver Charlevoix, geb. 1684, 7 1761, Missionär der Jesuiten zu Quebek hat in der „Histoire et descript. gen. de la nowvelle France‘‘ in drei Bän- den, erschienen in Paris 1744, auch die dortigen Naturprodukte genannt. David Crantz, Missionär der Herrnhuther, gab eine Historie von Grön- land, wohin er geschickt worden. — #Hriedr. Ad. Jul. v. Wangenheim, preuss. Oberforstmeister, war in Amerika gewesen und machte besonders die dortigen Waldbäume durch seine Werke bekannt. — Thomas Walters Flora Caroliniana Lond. 1788, Humphry Marshalls Arbustum americanum Philad. 1785 und ZLudw. Castiglioni's Viaggio negli stati uniti dell’ Amer. settentrionale“ in zwei Bänden, Milano 1760, enthält ebenfalls natur- historische, insbesondere botanische Beiträge. — Heinrich Mühlenberg, + 1815, Prediger in Lancaster in Pensylvanien, hat eine Menge von Pflanzen in Nordamerika gesammelt und an Botaniker vertheilt, er selbst gab ein Verzeichniss seiner Flora heraus, Lancaster 1813. — HWiliam Bartram’s (Sohnes von Joh. Bartram): Travels through North- and Sud- Carolina. Philad. 1791. — David Schöpf: Reise durch die nordamerika-
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nischen Staaten, Erlg. 1788 und Archibald Menzies als Begleiter des Capit. Georg Vancowver in den nördlichen Theil des stillen Meeres, wo er Pflanzen sammelte und diese in den Transact. of Linn. Soe. beschrieb, vermehrten die Kenntniss der Natur jener Länder.
. Westindien wurde von Grifüth Hughes, einem Geistlichen auf Barba- - does durch seine „Natural history of Barbadoes, London, 1750 fol.“ er- schlossen. — Der Irländer Patrick Browne hat nach ihm mit grossem Fleisse und tieferer Sachkenntniss beobachtet und unermüdet gesammelt und seine „Civil and natural history of Jamaica. London, 1756“ ist ein ausgezeichnetes Werk. — Nicolaus Joseph von Jacquin wurde vom Kaiser Aranz I. mit dem Gärtner Richard van der Schot im Jahre 1754 nach Westindien gesendet und sammelte daselbst für den Garten zu Schoenbrunn bis 1759. Sieben Schiffsladungen Gewächse kamen aus Curassao und den westindischen Inseln und noch überdies Sendungen durch Boor, Bredemeyer und Marter aus Florida, Carolina u. a. ameri- kanischen Ländern im Jahre 1784. Bredemeyer und Schöcht wiederhol- ten die Reise und kehrten 1788 mit neuen Resultaten zurück. Die „Enum. syst. plant. quas in insulis caribaeis detexit Lgdb. 1760“, die „Selectarum stirpium americanarum historia Vindob. 1763 fol.“ und die „‚Ob- servat. botanicae“ in 4 Bänden Vindob. 1764—71 im Fol., endlich der „Hortus Schenbrunnensis“ in 4 Fol.-Bänd., Vind. 1797 geben Zeugniss von ‘diesem Reichthume. Ebenso schuf Jacguin Denkmäler für den Garten in Wien, den „Hortus botanicus Vindobonensis“ in 3 Fol. Bänden. Viennae schon 1770—76, die drei grossen Foliobände der Jcones plan- farum rariorum Vienn. 1781—95 und Collectanea ad botanicam et zoologiam spectantia in 4 Bänden Vienn. 1786—96. Olaus (Olaf) Swartz, geb. in Stoekholm 1760, + 1817, Professor in Stockholm, war gleichfalls in Westindien von 1783—87 und gab die „Nova genera et spec. plant. Holm 1788. Die Obdservat. bot. Erlang. 1791. Die Flora Indiae occidentalis in 3 Bänden. Erlang. 1797—1806, die Orchideae in den Act. Soc. sc. ups. Stockh. Abhandl. und Schraders Journal 1199. Die Synopsis filicum er- schien erst 1806.
Südamerika. Pierre Barrere, 1755, gab eine Untersuchung ‚Sur la cause physique de la couleur des negres etc.“ Paris 1741, und einen ‚„Kssai sur Thist. nat. de la France equinoxiale.“ Paris 1741 zum 'erstenmale die Naturalien von Guiana betreffend. — Peter Löfling 1729, + 1756, ein Schüler Zinnees, wurde von der spanischen Regierung durch den Mini- ster Carvajal nach Uumana und Guiana gesandt, starb aber daselbst und Linnee beschrieb seine „Resa tl spanika landerna.“ Stockholm 1758. — Berühmter wurde das Werk des Apotheker Fusede Aublet, welcher 1762 —64 mit grossem Fleisse in Guiana gesammelt und beobachtet hatte. Seine „Histoire des plantes de la Guiane Francoise“ besteht aus vier Quartbänden und 'enthält 392 Kupfert. mit deutlichen Darstellungen der Pflanzen. Paris 1775. — Geringer sind die Beiträge, welche Roztboell
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in seinen „Descript. plant. rar. Havn. 1776.“ gegeben. — Dominico Van- delli erneute wieder die Erinnerung an Brasilien durch seinen „Fascieu- lus plantarum. ÜUlyssip. 1771. — Giov. Ignaz Molina eröffnete durch sein „Compendio della storia geographica naturale e civile del regno del Chile“ mit 10 Kupf., Bologna 1776, und seinen „Saygio sulla storia naturale del Chile,“ mit 7 Kupf. Bologna 1782, die Kenntniss dieses merkwürdigen Landes und erregte dafür so viele Theilnahme, dass diese Berichte in mehreren Sprachen bearbeitet wurden, auch deutsch: „Versuch einer. Natur- geschichte von Chili“ übersetzt von J. D. Brandis. Leipz. 1786. — Jos. Cölestin Mutis, geb. in Cadix 1734, 7 1809 auf Santa Fe de Bogota, hatte schon an Zinnee Gewächse gesendet und beobachtete selbst fleissig, vorzüg- lich verdanken wir ihm die nähere Kenntniss der Cinchonen. — Jos. Dom- bay, geb. 1742, F 1795 reiste mit den Spaniern Zippol. Ruiz und Jos. Pavon, von 1779—98 durch Peru, Chile und die benachbarten Distriete. Letztere gaben erst den „prodromus Florae peruan. et chil Madrit. 1794. Rom 1797, dann die grosse „Flora peruviana et chilensis“ in 3 Foliobänden. Madr. 1798. Auch Auiz untersuchte die Chinarindenbäume und gab eine „Quinologia“ Madr. 1792. Don Pernetty hat als Geistlicher und Bougainvilles Begleiter durch seine „Histoire d’un voyage aux iles Malou- ines“ in 2 Bänden, Paris 1770, und durch die „Diss. sur Tdmerique et les naturels de cette parlie du monde, Berlin 1770, welche sich als An- hang zu Cornel de Pauw rech. philosoph. sur les Americans, Berl. 1770, be- findet, manche Aufklärung über die Natur Amerikas gegeben. Des grossen Alexander von Humboldt und ebenso Aime Bonplands gedenken wir für das neunzehnte Jahrhundert.
Südsee. James Cook,'geb. zu Marton in der Grafschaft York 1728, 7 1779 den 14. Februar, reiste mit Joseph Banks, geb. zu Revesby, Abtey in Lincolnshire 1743, welcher schon 1765 Neufoundland und Labrador be- reist hatte, von 1769 an um die Welt und brachte den Brodbaum mit auf die amerikanischen Inseln. Die naturhistorischen Entdeckungen wurden durch verschiedene Gelehrte, namentlich J. Zllis, S. M. A. Brous- sonet, Jos. Gärtner und vor allen Robert Bromn bekannt gemacht. Cooks zweite Reise theilte Joh. Reinh. Forster, zu Dirschau im poln. Preussen geb. 1729, + 1798 als Professor im Halle. Er reiste früher nach Sara- tow, ging 1766 nach London und wurde Professor in Warringhton, wel- ches Amt er verliess und am 26. Juni 1772 mit seinem siebenzehnjähri- gen Sohne Georg, geb. 1754, + 1794 absegelte. Am Cap gesellte sich noch Sparrman dazu. Das Feuerland, Neuseeland, die freundschaft- lichen und Societäts-Inseln, die neuen Hebriden, Neu-Caledonien, 'Tanna und die Marquesas wurden besucht oder kennen gelernt. J. R. Forsters „Bemerkungen über Gegenstünde der physischen Erdbeschreibung und Na- turgeschichte auf einer Reise um die Welt gesammelt, Berl. 1783, ist wich- tig. Die fleissigen zoologischen Arbeiten blieben lange liegen, und wurden erst durch Heinr. Lichtenstein: „descript. animalium etc., Berlin
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1844, bekannt. Georg Forster gab mit dem Vater die „Characteres plan- tarum“ Lond. 1776, dann allein den ‚Prodr. Florulae insul. australium“ Göttingen 1786, eine magellanische Flora und Flora von St. Helena und Ascension in den Comment. Göttingens. 1787, eine Arbeit „de plantis es- culentis ins. australium,“ Berlin 1786. — Pierre Sonnerat, geb. zu Lyon . 1745, 7 1814 in Paris. Sein „Voyage ü la Nouvelle Guinee“, Paris 1776, auch deutsch: „Reise nach Neu-Guinea, nebst Beschreibung der Philippinen und der Mollukken“, übersetzt von J. B. Ebeling, Leipz. 1777, enthält wichtige Neuigkeiten für Zoologie und Botanik. Ebenso Thomas For- rests: „Voyage to new Guinea“, Lond. 1779. — Die Resultate der Reise von Malaspina und L. Nee nach Südamerika, Mejiko, den Philippinen und Inseln der Südsee gaben eine reiche, botanische Ausbeute, welche Cavanilles für seine „Jcones et descript. plantarum“ Madr. 1798—99 be- nutzte. — Ferdin. de Noronha’s botanische Sammlungen sind durch Cos- signy an La Billardiere gelangt. — Neuholland war nach Magelhaens Entdeckungen erst von dem Holländer Dick Hartigh im Jahre 1616 auft- gefunden worden. Erst 1629 erhielt der Welttheil durch Franz Palsaert den obigen Namen und (00% führte für die Ostküste den Namen Neu- Süd-Wales ein. Die Engländer begründeten 1785 die Colonie zu Bo- tany-Bay, die Wunder der Natur aus Neuholland waren in Europa von dieser Zeit an der Gegenstand des Verlangens und der Erforschung und unter die ersten Arbeiten der Art gehörten die von James Edw. Smith in seinem „Specimen of the botany of New-Holland“, Lond. 1793. Die in den „Transactiones of the Linnean Society und was in mehren Kupfer- werken erschienen, z.B. „Zeones pietae“, Lond. 1770—93, Icones plantarum hactenus ineditae, Lond. 1759—91, und Ant. Salisbury, in seinen „Icones stirp. rariorum“ Lond. 1792. Henri Andrews „The botanists Repository“ begann 1797, sowie William Curtis „Botanical Magazine or Flower Garden Displayed“, welches in London 1790 begann und bis -auf den heutigen Tag fortgesetzt, von jener Zeit an ein wahres Repertorium für die zur Cultur in die Gärten gekommenen Pflanzen, für das Studium dar- bietet.
Eine Fortsetzung dieses Thema wird ebenso flüchtige Blicke über die Anstalten und. über die Männer, welche in das XIX. Jahrhundert eingingen und über einige, welche dieses Jahrhundert geboren, verbrei- ten, um auf diesem Wege die Vorlegung und weitere Erläuterung der wichtigsten der genannten und hier vorhandenen Werke für die Ver-. sammlungen der Gesellschaft Isis einleiten und dann zu einer Anschau- ung der Gegenwart gelangen zu können. Dabei sollen erst diejenigen Richtungen der Wissenschaft berührt werden, welche bisher nur unvoll- kommen vorbereitet, erst in der späteren Zeit ihre Bedeutung erlangten,
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Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig.. Von Dr. Müller daselbst.
Das Porphyrgebiet der Umgegend von Leisnig, ein Theil des grossen erzgebirgischen Porphyrmassivs, gibt bei einer genaueren Untersuchung zu einer Menge interessanter Beobachtungen Gelegenheit, deren Haupt- resultat die schon früher von Neumann *) ausgesprochene Vermuthung völlig bestätigt, es möge jenes ausgedehnte Porphyrterrain aus einer grossen Anzahl verschiedener, sowohl in ihrem petrographischen Cha- vakter, als auch in ihrem relativen Alter von einander abweichenden Porphyrmassen zusammengesetzt sein.
Wenn schon durch die neuen Naumann’schen Untersuchungen **) in Bezug auf das grosse Porphyrmassiv überhaupt eine mannichfaltige Gliederung sich herausgestellt hat, so gilt dies in einer ausgezeichneten Weise auch von dem bisher als Einheit angenommenen Leisniger Por- phyr insbesondere.
In dem einer speciellen Betrachtung unterworfenen Distrikte, im Umkreise von 1!/2 Stunden von Leisnig einem sanft undulirten Hügel- lande, welches nur durch die Mulde und einige bedeutendere Bäche theilweise schroffere Einschnitte erhalten hat, ist das Grundgestein Por- phyr verschiedener Art, der indessen nur an verhältnissmässig wenigen Stellen einer Beobachtung sich darstellt, indem er von aussen an den er- wähnten schrofferen Thalabhängen, fast überall mit meist sehr mäch- tigen Sedimentärgebilden bedeckt ist, die zum kleinen Theile der secun- dären, zum grossen Theile der tertiären und Diluvjal-Periode angehören. Namentlich sind es 10 bis 50 Ellen und darüber mächtige Lagen von Gerölle, Sand, Thon und Lehm, welche die fach ansteigenden Hügel und Kuppen der hiesigen Gegend zusammensetzen und sich bis an. die steilern Abhänge der Thäler hinziehen.
Diese ausgedehnte Ueberlagerung des Grundgebirges, des Porphyus, erschwert eine genauere Untersuchung desselben sehr und macht, Fol- gerungen in Bezug auf die Erstreckung, den Zusammenhang und die Idendität gewisser Gesteinsglieder äusserst unsicher, und sie, ist die Ur- sache, dass die nachfolgenden Bemerkungen einen ziemlich fragmen- tarischen Character an sich tragen.
In der vorliegenden Skizze sind nur die Verhältnisse der Porphyre hiesiger Gegend unter einander näher behandelt, nicht aber die zu den benachbarten Gesteinen der Schiefer-Uebergangs- und Flötzformationen, da dieselben schon ausserhalb der Grenzen des untersuchten Bezirkes liegen.
*) Erläuterungen zur geographischen Charte des Königreichs Sachsen Heft I. 8. 106.
**) Vergl. geographische Charte von Sachsen Sect. XIV. 2te Auflage.
Der Porphyr des fraglichen Distrietes zeigt sich vornämlich in fünf
scharf geschiedenen Haupttypen, nämlich als:
1) Feldsteinporphyr,
2) Glimmerporphyr,
3) Thonsteinporphyr,
4) Thonstein,
5) Pechsteinporphyr, von denen der erstere, der Feldsteinporphyr die grösste Verbreitung besitzt, indem er nicht nur in der Umgegend von Leisnig, sondern auch bei Colditz, Grimma und Mügeln als das vorherrschende Gestein auftritt; in ihm sind die andern Hauptarten als kleinere insularische oder stockförmige Massen zerstreut.
1) Der Feldsteinporphyr.
Er zeigt eine grosse Mannichfaltigkeit seiner Charaktere, und muss wieder in mehrere selbstständige Glieder unterschieden werden.
a) Der eigentliche Leisniger (rothe) Porphyr ist unter diesen wegen seiner grossen Verbreitung der wichtigste. Man findet ihn fast an allen Felsen und Entblössungen um Leisnig herum.
Er ist aus einer braun-rothen ins Lavendelblaue und Röthlichgraue, seltner ins Grünliche oder Gelblichweisse übergehenden, dichten felsiti- schen Grundmasse (Feldstein) mit vielen eingewachsenen, in der Regel zu Kaolin zersetzten Albitkrystallen zusammengesetzter Porphyr, in wel- chem zuweilen noch Körner von grauem Quarz oder frische glänzende Krystalle von Orthoklas mit deutlich blättrigem Gefüge inneliegen. Kleine Blättchen von rabenschwarzem Glimmer sind selten. Die Feld- spathkrystalle übersteigen gewöhnlich nicht die Grösse einer Erbse, meist sind sie noch kleiner.
Eine häufige Erscheinung bei diesem Porphyr sind leere Blasen- räume, selten die Grösse einer wälschen Nuss übersteigend, meist un- regelmässig configurirt und mit unebnen rauhen Wänden, zuweilen aber auch in einer gewissen Richtung gestreckt und langgezogen. Bisweilen sind diese Höhlungen mit zarten Drüsenhäutehen von Quarz überkrustet, oder mit fleischrothem bis lavendelblauen, z. Th. noch breiartigem Stein- mark, erdigem Brauneisenerz, Chalcedon und Achat von verschiedenen Farben, bisweilen mit krystallisirtem weissen Quarz oder Amethyst in, der Mitte, seltner mit Kalkspath, Braunspath und Glanzeisenerz ausge- füllt. Gelblichweiser, wachsgelber bis röthlichbrauner gemeiner Opal (Halbopal) bildet hier und da 1 Linie bis 1/2 Zoll starke Ueberzüge auf den Klüften dieses Gesteins.
Die Felsen, in welchem der Porphyr an der Oberfläche hervortritt, zeigen bald eine unregelmässige polyedrische Absonderung oder Zer- klüftung, bald eine mehr oder minder ausgezeichnete Absonderung in
12 Säulen, Platten und Bänke, in einigen Fällen auch säulenförmige und platten Absonderung mit ee verbunden.
Eine unregelmässige polyedrische Absonderung kann man z.B. be- obachten an den Felsen des Eichberges, Dreihügelberges und Keilberges. Säulen, drei-, vier- und mehrseitig, vertikal aufrecht stehend bis ins Horizontale übergehend, und von der Stärke weniger Zolle bis zu der mehrerer Fusse anwachsend, bieten die Felsen des Leisniger Schloss- berges, so wie jene an der Mulde oberhalb Leisnig und bei Kloster Buch dar. Oft sind sie sehr deutlich ausgebildet, oft aber.lässt sich nur eine Tendenz zur Säulenform erkennen. An dem erstern der ange- führten Punkte sind die beinahe vertikalen, 6—12 Fuss starken, auf mehr als 100 Fuss in die Höhe steigenden Porphyrsäulen noch durch ınehrere horizontale Klüfte gewissermassen gegliedert und plattenförmig abgesondert.
Ausgezeichnete plattenförmige Absonderung bieten mehrere Stein- brüche und Felsen bei Brösen, Gorschmitz, Podelwitz und Korpitzsch dar. Die Platten sind oft nicht stärker als 3 Zoll, bald horizontal, bald schwebend, bald vertikal, nicht selten mannichfaltig gewunden oder ins eoncentrisch-schalige übergehend, wie z.B.an der Grimmaischen Chaussde unterhalb Leisnig, wo auch die Blasenräume des Gesteins häufig eine den Plattenebenen parallele Streckung wahrnehmen lassen. (Fig. 1.)
Drei bis sechs Fuss mächtige, ziemlich horizontale Bänke, durch mehr vertikale Klüfte und Sprünge in grössere kubische Massen zer- theilt, findet man in ausgezeichneter Weise in einem Steinbruche bei der sogenannten Köpfgrube ohnweit Leisnig, so wie in einem Steinbruche bei Tautendorf. (Fig. 4.)
An den wenigen Punkten, wo der Leisniger Porphyr nicht durch Thaleinschnitte zerrissen, oder durch Sedimentärgebilde überdeckt ist, tritt er in der Gestalt von Kuppen oder Kegelbergen hervor, wovon z. B. der Erlenberg bei Paudritzsch und der Dreihügelberg bei Leisnig Beispiele liefern.
Dieses Gestein verwittert an seiner Oberfläche sehr leicht, und man findet daher häufig an dem Fuss der Felsen eine bedeutende Ablagerung von Porphyr-Gruss und Gerölle angelehnt, wie z. B. an den Felsen des rechten Muldegehänges oberhalb Leisnig, in welcher Schuttmasse bei- läufig erwähnt das Anthericum Liliago sehr gut gedeiht.
b) Der ältere Leisniger Porphyr.
In dem braunrothen Leisniger Porphyr, welcher die Felsen des Dreihügelberges und des Harlings an der Grimmaischen Strasse unter- halb Leisnig er findet man häufig verschieden grosse (von Nuss- bis Kopfgrösse: Fig. 1 und 2.) eckige Yiless mehr abgerundete Frag- mente eines ebenfalls we aber sehr feinkörnigen, fast dichten, splittrigen, sehr quarzigen, anscheinend homogenen Felsitporphyrs mit
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zuweilen muschlichem Bruch, in welchem nur selten einzelne kleine, rauchgraue Körner von Quarz sich erblicken lassen. Einige dieser Fragmente ragen aus der einen Platte des sie umschliessenden Porphyrs in die andere hinein, ohne eine Zerberstung erlitten zu haben.
"Der dichte z. Th. verkieselte Zustand der Fragmente scheint das Resultat einer Frittung und Verglasung durch das umschliessende Ge- stein zu sein, eine Ansicht, die dadurch besondere Wahrscheinlichkeit erhält, dass die grösseren dieser Bruchstücke in ihrer Mitte nicht selten eine mehrkörnige Textur wahrnehmen lassen, so wie auch durch eine ähnliche Erscheinung an den Felsen, wenige hundert Schritte thalab- wärts, wo die, von dem weissen Arraser Thonsteinporphyr eingeschlos- senen zahlreichen Bruchstücke des eigentlichen Leisniger Porphyrs an ihrer Aussenfläche häufig eine gleiche Verglasung und Verdichtung ihrer Masse erlitten haben.
Darüber, ob und wo jener ältere Leisniger Porphyr an der Tages- oberfläche hervortritt, lässt sich bis jetzt wegen Mangel an hinlänglichen Gegirgsentblössungen um so weniger etwas Gewisses anführen, als bis- her noch keines jener Fragmente in gänzlich unverändertem Zustande aufgefunden wurde, welches wenigstens eine petrographische Vergleichung -mit benachbarten Porphyren gestattet hätte.
e) Jüngerer Leisniger Porphyr.
Den gewöhnlichen körnigen Leisniger Porphyr durchsetzt an eini- gen Punkten in meist nicht sehr mächtigen Gängen ein jüngerer Feld- steinporphyr. Derselbe stellt sich als ein schmutzig braunrother, fein- körniger bis dichter Felsitporphyr dar, der nur selten einige kleine eingewachsene Quarzkörner, aber keine, wenigstens keine bemerkbaren Krystalle von Feldspath enthält. An dem rechten Gehänge des Mulden- thales oberhalb Altleisnig, am sogenannten Kunathsberge, durchsetzt ein 4 bis 8 Zoll mächtiger Gang dieses Gesteins, (Fig. 3) unter einer Stei- gung von ungefähr 700 gegen Ost, den dasigen braunrothen Porphyr. Obwohl beide Gesteine fest mit einander verwachsen sind, so sind doch die Grenzen scharf und ziemlich gradlinig.
Einen andern Gang dieses jüngern Porphyrs kann man in dem westlichen Theile eines weiterhin noch zu erwähnenden Steinbruchs in der Köpfgrube bei Leisnig beobachten. (Fig. 4. B.) Derselbe steigt mit ungefähr.750 bis 800 östlichem Einfallen empor; er ist gegen 1’ mächtig, und besteht aus einer rothbraunen bis lavendelblauen feinkör- nigen bis dichten felsitischen Porphyrmasse, welche mit dem benach- barten 'grobkörnigen Leisniger Hauptporphyr, theils fast verwachsen, theils durch Klüfte abgesondert ist, an deren Wänden man nicht selten Riefen und Rutschflächen bemerken kann.
Ob dieser jüngere Porphyr mit dem später zu erwähnenden Thon- steinporphyr identisch, d. h. nur eine Modifikation desselben sei, wie
Allg. deutsche naturhist. Zeitung. I, 6
74 N aus dem häufigen nahen Nebeneinanderauftreten beider Gesteine ver- muthet werden kann, oder ob er von selbigen, wie durch seine petro- graphische Beschaffenheit, so auch in Hinsicht auf sein relatives Alter verschieden und also selbstständig sei, das muss dahin gestellt bleiben, so lange nicht beide im Contakt mit einander beobachtet werden können.
:d) Muschauer Porphyr.
Ein seiner petrographischen Beschaffenheit nach dem Leisniger ge- wöhnlichen Porphyr sehr ähnlicher, aber seinem Alter nach bei Weitem jüngerer Porphyr steht in und bei Muschau zu Tage an. So findet man denselben z. B. in einem Steinbruch hinter der Muschauer Schmiede, als ein röthlichweisser, röthlichgelber bis licht lavendelblauer, körniger Feldsteinporphyr und vielen zu Kaolin verwitterten Feldspathkrystallen und wenig Quarzkörnern das vorherrschende Gestein bildend. Nicht selten zeigt er unregelmässige oder länglichrunde Nussgrosse Blasen und Cavitäten, die zuweilen mit einer schwachen Rinde feiner Quarz- kryställchen überkrustet sind. Eine merkwürdige Erscheinung sind ferner die häufigen Mandel- oder Warzenförmigen Einschlüsse einer mit Brauneisenstein geschwängerten porphyrartigen Masse mit concentrisch- schaaliger Absonderung. In der Mitte mehrerer dieser Nuss- bis Faust- grossen, mit dem reinen Porphyr fest verwachsenen Körper liegt inwendig zuweilen ein Kern von erdigem braunen oder gelben Eisenoxydhydrat; bei den grössren Stücken dieser Art ist dagegen der Kern gewöhnlich nur eine mit vielem Eisenoxyd vermengte körnige Porphyrmasse. Ob diese Körper als Fragmente eines ältern Porphyrs, oder als die Resul- tate einer secundäreh Mandelbildung angesehen werden müssen, lässt sich schwer entscheiden.
Dagegen findet man, ausser den genannten Körpern, in der Haupt- porphyrmasse des Steinbruchs noch in ziemlicher Menge eckige Bruch- stücke eines ältern, weissen bis grünlichweissen Porphyr mit innelie- genden kleinen Blättchen von schwarzem Glimmer. Sie haben Faust- bis Kopfgrösse und sind in der Regel zu einem thonigen Gruss verwit- tert. In petrographischer Hinsicht stimmen diese Fragmente ganz mit dem, !/ı Stunde davon hervortretenden, später zu erwähnenden, weissen Thonsteinporphyr überein. Da dieser letztere jünger ist, 'als der ge- wöhnliche Leisniger Porphyr, so dürfte demnach der Muschauer noch viel jünger sein als letztgenannter Leisniger.
In dem obern Theile desselben Steinbruches, nahe unter der Damm- erde, stehen Stücke eines von dem vorwaltenden grobkömigen Porphyr ganz verschiedenen feinkörmigen, dunkelrothbraunen, quarzreichen Horn- steinporphyrs an dessen Grenze beinahe in horizontaler Richtung in den obersten Regionen des Steinbruches sich hinzieht. Trotz der schon vor- geschrittenen Verwitterung und Zerstückelung des Hauptgesteins lässt sich doch noch ziemlich deutlich wahrnehmen, dass letzteres am der
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Grenze Bruchstücke des Hornsteinporphyrs aufgenommen hat. Dieser demnach jüngere Porphyr unterscheidet sich von dem ältern auch noch dadurch, dass er an der Grenze sehr verwittert erscheint, während der andere, zwar in viele scharfeckige Stücke zerklüftet, nicht die geringste Verwitterung wahrnehmen lässt. Zugleich mit den Fragmenten der älteren Porphyre sind auch noch kleinere bis Nussgrosse, scharfeckige Bruchstücke von ziemlich verwitterten Glimmerschiefer oder Thonschiefer, so wie von bandartig gestreiftem Kieselschiefer (Grauwackenschiefer) indem vorwaltenden Porphyr des Steinbruches eingeschlossen.
Wie weit der Muschauer Porphyr verbreitet ist, darüber lässt sich nichts Gewisses angeben, da in der Nähe des erwähnten Dorfes wenig Gebirgsentblössungen ‚vorhanden, und wegen der grossen petrographi- schen Aehnlichkeit, Verwechselungen mit dem gewöhnlichen Leisniger Porphyr leicht möglich sind.
e) Doberschwitzer Porphyr.
In und bei dem Dorfe Doberschwitz ist in mehreren Steinbrüchen ein dem gewöhnlichen Leisniger Porphyr ganz ähnlicher, braunrother, frischer körniger Porphyr aufgeschlossen, welcher blos Orthoklaskry- stalle enthält, während der anderwärts vorwaltende Albit gänzlich fehlt.;*) Bei dem Mangel an hinlänglichen Gebirgsentblössungen muss es noch unentschieden bleiben, ob dieses Gestein als selbstständig, oder nur als eine Modifikation des gewöhnlichen Leisniger Porphyrs zu betrachten ist.
f) Der Kieselbacher Porphyr.
Im Dorfe Kieselbach, am rechten Gehänge des gleichnamigen Baches, steht in einzelnen Entblössungen ein Porphyr von bläulich- rother, lavendelblau£r, feisitischer Grundmasse an, in welcher viele, meist längliche, Tombackbraune, wenig glänzende Glimmerlamellen, und ein- zelne, verwitterte, nebelartige, Feldspathkrystalle eingewachsen sind. Die länglichen Glimmerlamellen liegen bisweilen einander ziemlich parallel. Er begrenzt gegen Süden hin das Thonschiefergebirge. Ob dieser Porphyr selbstständig, oder auch nur eine Modifikation des ge- wöhnlichen Leisniger Porphyrs sei, kann für jetzt auch hier aus vorhin erwähnten Gründen nicht ermittelt werden.
2) Der Glimmerporphyr.
An dem linken Gehänge des Merschwitz-Grundes, einige hundert Schritte unterhalb der Liebgensmühle treten Partien eines eigenthüm- liehen Porphyrs zu Tage aus. Dieser stellt sich an der Oberfläche als ein loser oder bröcklicher Gruss dar von Erbsen grossen Körnern einer röthlichgrauen bis fleischrothen, sehr quarzigen Porphyrgrundmasse, in
*) Vergl. Naumann, Erläuterung zur geognost. Charte v. Sachsen Heft 1. 8. 117,
6*
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welcher kleine, unregelmässige Blättchen, oder sechsseitige Tafeln von rabenschwarzen Glimmer in Menge eingewachsen sind. Durch diesen Glimmergehalt nimmt der Gruss ganz das Ansehn eines in Verwitterung begriffenen Granites an, welcher Umstand auch Veranlassung gegeben haben mag, dass diese Gesteinspartie auf der 2ten Auflage von Sec- tion XIV. der geonostischen Oharte von Sachsen mit dem Colorit des Granites aufgetragen worden ist. Granit ist es indessen nicht; davon überzeugt man sich, sobald man einige Fuss tiefer eindringt. Das Ge- stein wird dann fester, und stellt sich als ein braunrother, sehr quar- ziger Horsteinporphyr dar, in welchem in unregelmässigem Gemenge eine Menge kleiner schwarzer Glimmerblättchen eingewachsen sind. Der Glimmergehalt scheint für dieses Gestein characteristisch zu sein. Für die porphyrische Natur desselben spricht auch noch das in selbem häu- fige Vorkommen von Achat, Chalcedon, Amethyst, Halbopal und Hy- drophan (Weltauge).
Die ersten der genannten Mineralien bilden Hand- bis Kopfgrosse Knollen oder Mandeln im Porphyr, welcher in der unmittelbaren Nach- barschaft derselben ungemein fest und quarzig, gewissermassen verglast erscheint, und nach Aussen hin allmählig in jenen verwitterten Gruss übergeht. In dieser Weise fand man in einem zu Anfange dieses Jahr- hunderts einige Ellen tief angelegten, kleinem Tagebruche eine Menge abgerundeter Porphyrblöcke von 1—4 Fuss Durchmesser überemander gelagert, die an ihrer Aussenfläche in der Regel zu einer bröcklichen Masse verwittert waren, nach innen zu aber in jenen festen, quarzigen Hornsteinporphyr übergingen, welcher einen Kern von Bandförmigge- streiftem, vielfarbigem Achat oder grauem Chalcedon einschloss. Die grösseren dieser Kerne enthielten in ihrer Mitte oft Krystalldrusen
von weissem Quarz oder noch häufiger von Amethyst, der in der Regel
mit einer 1 bis 2 Linien starken, traubigen oder tropfsteinartigen Kruste von gelblichweissem, honig- oder wachsgelben Halbopal überzogen war. In seltnen Fällen sassen über letztrem Mineral noch Partien von edlem Opal mit dem reinsten und schönsten Farbenspiel. Von letzterm wer- den noch Stücke in der Königlichen Mineraliensammlung zu Dresden aufbewahrt. *)
Die Amethystkrystalle haben bisweilen die Grösse von 3—4 Zollen; sewöhnlich ist nur die sechsseitige Pyramide, seltner das Prisma aus- gebildet.
Von dem hiesigen Halbopal beschreibt Gössel **) N nach der sechsseitigen Pyramide (?) des Kalkspaths.
Der Hydrophan findet sich in diesem Glimmerporphyr in der un-
*) Gössel; in der Auswahl aus den Schriften der unter Werners Mitwirkung gestifteten Gesellschaft für en zu Dresden Bd. 3; 1826. S. 172. ‚**) Ebendaselbst S. 173,
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mittelbaren Nähe eines alten Stollen. Der hier an der Oberfläche eben- falls zu Gruss zersetzte Porphyr wird einige Fuss tiefer consistenter, und ist von vielen, in allen Richtungen sich kreuzenden, schmalen Klüften durchzogen, auf deren Wänden hautartige Ueberzüge oder schwache Krusten jenes Minerals sich befinden. Dasselbe hat, wenn es trocken liegt, eine milchweisse bis gelblichweisse Farbe und klebt “an der Zunge, wird aber befeuchtet durchsichtig und zeigt schwaches Farbenspiel; stellenweise geht es in schmuzigweissen krystallinischen Quarz über. Die stärkeren (selten 1/ı” Dicke erreichende) Krusten des Hydrophans haben eine wellenförmige Oberfläche, gerade so, als ob sie sich aus einer, an den Wänden der Porphyrklüfte herabrieselnden Flüs- sigkeit gebildet hätten.
Der Glimmerporphyr besitzt eine etwas grössere Verbreitung als auf der geognostischen Charte angegeben ist. Von den beschriebenen Punkten weiter thalaufwärts, am Ausflusse des Liebgensmühlgraben steht an den Ufern und im Bette des Kieselbaches ein gleiches granitartiges Gestein an, dessen Feldspathgrundmasse ganz zu thonigen Kaolin zer- setzt ist, in welehem in reichlicher Menge schwarze, sechsseitige Glim- merblättchen inneliegen. Auch am rechten Gehänge des Grundes, von der genannten Mühle aus nach der Leisnig-Colditzer Strasse hin, scheint sich dieser Porphyr auszubreiten, da man früher dort auf den Feldern viele Achat- und Amethystknollen, umschlossen von einem ähn- lichen Porphyr, vorfand.
Es ist dieses Gestein jedenfalls ein eigenthümlicher, von dem ge- wöhnlichen Leisniger verschiedener Porphyr, über dessen Alter und sonstige Verhältnisse sich freilich etwas Bestimmtes nicht angeben lässt; indessen scheint er nach seiner Verbreitung zu urtheilen eine stockför- mige Masse im Leisniger Porphyr zu bilden.
3) Der Thonsteinporphyr.
Zwischen den Dörfern Arras, Merschwitz, Böhlen, Polditz und Fal- kenberg tritt ein eigenthümlicher Porphyr auf, in dessen vorwaltend weisser bis hellgrüner; selten ins rothbraune übergehender thonstein- artigen Grundmasse, weisse zu Kaolin verwitterte Krystalle von Albit und frische, glasglänzende, blättrige Krystalle von Rhyakolith innelie- gen. Kleine schwarze, oft sechsseitig ausgebildete Glimmerblättchen bilden einen häufigen, aber, wie es scheint, unwesentlichen Gemeng- theil dieses Gesteins. Unregelmässige Drusen oder kleine Mandeln, so wie schwache Adern und Trümmer von Quarz oder Achat sind nicht selten in diesem Gestein, welches an der Tagesoberfläche meist als ein weisser, thoniger Gruss hervortritt, und durch seine helle Farbe vor- züglich aus der Ferne sich deutlich von dem benachbarten rothen Leis- niger Porphyr unterscheiden lässt. Es ist dies dasselbe Gestein, wel- ches Naumann auf der 2ten Auflage von Sect. XTV. der geonog. Charte
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von Sachsen unter dem Namen Arraser Porphyr mit einer besöndern Farbe aufgetragen hat. Die Verbreitung dieses Porphyrs ist ungefähr dieselbe, wie sie auf besagter Charte angegeben ist, nun erstreckt sich die in der Gegend von Merschwitz und Polditz befreiliehe Partie etwas weiter nördlich bis einige hundert Schritte vor Böhlen. Denn an dem Fahrwege von Pölditz nach Böhlen, ungefähr der Böhlener Windmühle gegenüber, befindet sich eine 'Thongrube, in welcher das gewonnene Material nichts anderes, als ein grösstentheils zu Kaolin zersetzter, weis- ser Porphyrgruss ist. Kurze Entfernung weiter hinauf, nach dem Gast- hofe zum heiteren Blick hin und in der Nähe desselben, steht dagegen fleischrother bis braunrother, grobkörniger Porphyr an, derselbe, wel- cher nicht weit davon bei der Windmühle in einem Steinbruche auf- geschlossen ist. { |
Der Tonsteinporphyr ist ein selbstständiges und seinem-Alter nach jüngeres Gestein, als der gewöhnliche Leisniger Porphyr; denn man kann nicht nur an einigen Punkten scharfe Grenzen. zwischen beiden Gesteinen beobachten, wie z. B. am Ausgange des Kerpitzscher Thales, dicht neben der Grimmaischen Chaussee (Fig. 5.), sowie an einem nach dem Pechsteinporphyrbruche führendem Fahrwege, zwischen dem weis- sen Berge und Kerpitzsch (Fig. 6.), sondern es umschliesst der Thon- steinporphyr auch hie und da deutliche Bruchstücke des Leisniger rothen Porphyrs. In dieser Hinsicht ist vornehmlich eine Stelle am rechten Muldenufer' oberhalb Arras bemerkenswerth, wo die daselbst hervorsteh- enden Felsen aus nichts, als einem grossartigen Reibungsconglomeräter beider Massen bestehen. Hand- bis Kopf- und darüber grosse eckige oder mehr abgerundete Bruchstücke, an ihrer Aussenfläche zuweilen verglast, und in einem splittrigen, dichten, braunrothen Hornstein um- sewandelt, liegen in dem weissen bis hellgrünen Porphyr zum Theil so zahlreich eingewickelt, dass sie als das vorwaltende Material der dortigen Felsen erscheinen. An verschiedenen Punkten bemerkt man hier in dem umhüllenden Gestein Klüfte mit in einer Richtung erläng- ten Reifen und Streifen, als ob noch nicht ganz erstarrte, teigartige Massen sich aneinander gerieben hätten. Ausser in der Umgegend von Altleisnig findet man den Thonsteinporphyr noch an mehrern Punkten bei Leisnig und südlich davon. Eine grössere Partie desselben schemt sich zwischen den Dörfern Lauschka, Wendishayn, Queekhayn und Minkwitz auszubreiten. Auch hier zeigt es sich überall, wo man ihn im Contact mit dem gewöhnlichen rothen Porphyr beobachten kann, ent- schieden jüngerer Natur, wie z.B. am Ziegenberge bei Wentishayn und in dem Queckhayner T hale.
Ein merkwürdiges Verhältniss stellt sich in 'emem Steinhiruchlh des Queckhayner Thales dar, einige hundert Schritte oberhalb des Punktes, wo dasselbe von dem von Minkwitz nach Lauschka führenden Fahr- wege durchschnitten wird,
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(Fig. 7 und 8). Hier durchsetzt den braunrothen körnigen Leis- niger Porphyr ein grossentheils zu Gruss zersetzter chokoladenbrauner Thonsteinporphyr, in einer Menge unregelmässiger, unter einander ver- bundener und vielfach ramifieirter gang- oder stockförmiger Massen, welche hie und da von länglich runden oder stumpfeckigen Bruchstücken des durchsetzten Gesteines strotzen. Dieser jüngere Porphyr ist, wo nieht die Zersetzung zu Gruss schon zu weit vorgeschritten ist, in lau- ter 3 bis 8 Zoll starke, nur wenig geneigte Säulen abgesondert, die sich trotz der bedeutenden Decomposition des Gesteins bisweilen noch mit i—2 Fuss Länge ablösen lassen. Merkwürdig ist hierbei der Umstand, dass diese Säulen nicht, wie gewöhnlich, rechtwinklich zu den Begrenz- ungsflächen der Gänge, sondern diesen parallel angeordnet sind. In einigen Höhlenräumen dieses Porphyrs zeigt sich Brauneisenerz in Afterkrystallen auch Braunspath oder Spatheisenstein. Etwas weiter oberhalb dieses Punktes tritt der Thonsteinporphyr mit seiner gewöhn- lichen weissen Farbe hervor. |
Eine andere interessante derartige Durchsetzung kann man an dem Rosinenberge bis Scheergrund, da, wo der nach Westewitz führende Fussweg seinen höchsten Punkt auf diesem Berge erreicht hat (Fig. 9.). Es steigt hier in dem röthlich- bis gelblichweissem, ziemlich grobkör- nigen und blasigen Feldsteinporphyr ein ungefähr 1 Fuss mächtiger Gang eines zu Gruss verwitterten Porphyrs von chokoladenfarbiger Thonsteingrundmasse, mit häufig eingestreuten zu Kaolin verwandelten Feldspathkrystallen auf mehrere Ellen Höhe empor. Das Nebengestein, der grobkörnige Leisniger Porphyr, ist auf 3 bis 5 Zoll Entfernung von den Salbändern dieses Ganges weg verglast und in einen ganz feinkörnigen oder dichten splittrigen Hornsteinporphyr umgeändert. An verschiede- nen Stellen ist der jüngere Porphyr zu den Seiten hinausgebrochen und hat sich mit dem Hauptporphyr auf manchfaltige Weise vermengt; bald ist er auf schwachen Spalten und Klüften oder in röhrenförmigen Oeft- nungen in den älteren eingedrungen, bald bildet er grössere unregel- ınässige gang- oder stockförmige Massen in diesem, und umschliesst oft über kopfgrosse ziemlich abgerundete Bruchstücke desselben; so sieht man auf mehr als 60 Schritte Länge diese beiden Porphyre in einer stetigen Verbindung und Abwechselung mit einander fortsetzen.
Etwas höher an demselben Gehänge des Rosinenberges hinauf lie- gen viele Stücke von weissem oder hellgrünem Thonsteinporphyr umher.
Ein wahrschemlich dem Thonsteinporphyr ebenfalls ange