Google

This is a digital copy of a book thaï was prcscrvod for générations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project

to make the world's bocks discoverablc online.

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject

to copyright or whose légal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books

are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that's often difficult to discover.

Marks, notations and other maiginalia présent in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journcy from the

publisher to a library and finally to you.

Usage guidelines

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we hâve taken steps to prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use thèse files for Personal, non-commercial purposes.

+ Refrain fivm automated querying Do nol send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine translation, optical character récognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of public domain materials for thèse purposes and may be able to help.

+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each file is essential for informingpcoplcabout this project and helping them find additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.

+ Keep it légal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is légal. Do not assume that just because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other countiies. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any spécifie use of any spécifie book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe.

About Google Book Search

Google's mission is to organize the world's information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps rcaders discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full icxi of ihis book on the web

at|http: //books. google .com/l

Google

IJber dièses Buch

Dics ist cm digitales Excmplar cincs Bûches, das seit Generationen in den R^alcn dcr Bibliothckcn aufbewahrt wurdc, bcvor es von Google im

Rahmen eines Projekts, mit dem die Biicher dieser Welt online verfugbar gemacht weiden sollen, sorgrâltig gescannt wurde.

Das Buch hat das Uiheberrecht uberdauert und kann nun offentlich zuganglich gemacht werden. Ein offentlich zugangliches Buch ist ein Buch,

das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch offentlich zuganglich ist, kann

von Land zu Land unterschiedlich sein. Offentlich zugangliche Biicher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kultuielles

und wissenschaftliches Vermogen dar, das hâuflg nur schwierig zu entdecken ist.

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randl>emerkungen, die im Originalband enthalten sind, flnden sich auch in dieser Datei - eine Erin-

nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Dmen hinter sich gebracht hat.

Nu tzungsrichtlinien

Google ist stolz, mit Bibliothckcn in partnerschaftlichcr Zusammenarbeit offentlich zugangliches Material zu digitalisicren und einer brciten Masse zuganglich zu machcn. Offentlich zugangliche Biicher gchôren dcr Ôffcntlichkeit, und wir sind nur ihrc Hiiter. Nichtsdcstotrotz ist dièse Arbeit kostspielig. Um diesc Ressource wciterhin zur Vcrfiigung stellen zu kônnen, haben wir Schrittc untemommcn, um den Missbrauch durch kommcrziellc Parteicn zu veihindcm. Dazu gchôren tcchnischc Einschrankungen fur automatisierte Abfragcn. Wir bittcn Sic um Einhaltung folgcnder Richtlinicn:

+ Nuizung derDateien zu nickikommemellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche fiir Endanwender konzipien und môchten. dass Sic dièse Dateicn nur fur personliche, nichtkommerzielle Zwecke vcrwenden.

+ Keine automatisienenAbfragen Senden Siekcine automatisierten Abfragen iigendwelcher Art an das Google-System. Wcnn Sic Rechcrchcn liber maschinelle Ubersetzung, optische Zeichcnerkcnnung oder andere Bereiche durchfuhren, in denen der Zugang zu Tcxt in grolîen Mengen niitzlichist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fôrdcm die Nutzung des offentlich zugânglichcn Materials furdicseZwcckc und kônnen Ihncn unter Umstanden helfen.

+ Beihehallung von Google-MarkenelemenlenDas "Wasscrzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei fmdcn, ist wichtig zur Information ùbcr dièses Projekt und hilft den Anwendcm weitcres Material liber Google Buchsuche zu fmdcn. Bitte entfemen Sic das Wasscrzeichen nicht.

+ Bewegen Sie sich irmerhalb der Legalitàt Unabhangig von Direm Ver wendungsz week mussen Sie sich Dircr Verantwortung bewusst sein, sicherzu stellen, dass Dire Nutzung légal ist. Gchen Sic nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafurhalten fur Nutzer in den USA offentlich zuganglich ist, auch fiir Nutzer in andcren Landem offentlich zuganglich ist. Ob ein Buch noch dem Urhetierrecht unterliegt, ist von Land zu Land verschieden. Wir kônnen keine Beratung leisten, ob eine tiestimmte Nutzung eines bestimmten Bûches gesetzlich zulassig ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutct, dass es in jeder Form und ùberall auf der Welt verwendet werden kann. Eine Urhel>errechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben.

tJber Google Buchsuche

Das Ziel von Google bestcht darin. die weltweiten In format ion en zu organisieren und allgemein nutzbar und zuganglich zu machcn. Google Buchsuche hilft Lesem dabei, die Biicher dieser Welt zu entdecken, und unterstiitzt Autoren und Verleger dabci. neue Zielgruppcn zu erreichen. Den gesamten Buchtext kônnen Sie im Internet unter|http: //books . google .coiril durchsuchen.

600075530Q

Zlfé

7

/3

^^

i:-i!l.:! .1 •'•:'• !.':; I='l iT.I "1 ;• .i:::" RKI I lîlM'M. ni!.'!' IIMi ' :i lllililil'lil l'C!- ■:•:•'

DAS

AÎJTIKE BUOHWESEN

IN SKINEM

VERIIALTNISS ZFR LITTERATUR

m BEITRÂGEN ZUR TKXTGESCHICHTK DES THEOKRIT, CATIîLL, PROPERZ

UND ANDERER AITOREN

V<»N

THEODOR BIRT.

IJEULIN.

VKULAc; VoN WILHKLM URIîTZ.

(KKSSKUtl 111. l'.rillll \Sl>l.r\iS.,i

iss-j.

I : I :*!■■■ ' i I :

■•:|i:iMM:i:!:li'i.-

I .

DAS

ÂNTIKE BUCHWESEN

IN SEINEH

VERHÂLTNISS ZUR LITTERATUR

MIT BEITRÂGEN ZUR TEXTGESCHICHTE DES THEOKRIT, CATULL, PROPERZ

UND ANDERER AUTOREN

VON

THEODOR BIRT.

BERLIN.

VERLAG VON WILHELM HERTZ.

(BEfSBBfCHE BUCHHAVDLUMO.)

1882.

' c

C o

Vorwort.

Jllit den Studien, welche ich hiermit der Oeffentlichkeit ûber- gebe, soll ein frûher gegebenes Versprechen eingelôst sein. Den Gesichtspunkt, aus dem sie gearbeitet sind, habe ich zuerst in einem Aufsatze ûber Ovid's Heroiden des Jabres 1877*) in transitorischer Weise verwendet und in einem spâteren Vortrage eine selbstândige Ausfûbning ûber den Begriff des Buchs bei den Alten zu geben versucht, die indessen, in enge Zeitgrenzen gespannt, einige Haupt- sâtze zu fonnuliren sich begnûgen musste und eingehendere Beweis- fubrungen auf eine spâtere Zeit verschob.

Meine Fragestellung richtet sich vorzùglich auf das Verhâltniss des Buchwesens zur Litteratur, und die litterarische Ueberschau, welcher die Kapitel VI, VIII und IX gewidmet sind, ist Ausgang und Endpunkt dieser Studien gewesen. Môchte mir gelungen sein, auch Anderen nahe zu legen, was mir Bedûrfniss schien: eine Ver- sinnlichung unserer classischen Lektûre oder eine lebendigere Ver- gegenwârtigung des alten Litteraturlebens in seinen originalen Formen.

Erst in zweiter Linie steht dagegen das Interesse fur die Text- geschichte einzelner Autoren^), fur welche ich gleichfaJls die Con- sequenzen der eingeschlagenen Betrachtungsweise des Buchwesens zu ziehen mich bemûht habe.

') Rhein. Mus. Bd. XXXII S. 393.

'^) S. die Verhandlungen der 348ten Vers, deutscher Philologen und Schul- mânner zu Trier 1879 (Leipzig 1880) S. 91, einen zweiten nicht ganz correkten Abdruck finde ich in der Berliner Oymnasialzeitschrifl v. J. 1880 S. 72 ff.

^) Auch der yerlorenen. Bei der Bestimmung des Buchinhaltes ver- lorener Autoren pflegt nur zu leicht der geringe Umfang des antiken Bûches tibersehen zu werden; wie viel hat man doch in die vier Bûcher Aïna des Kallimachos , wie viel in die drei des Dik&archischen fiioç ^EXXtidoç binein* combinirt. Die Dehnbarkeit der Buchgrôsse ist begrenzt.

IV Vorwort.

So gewiss fur die Stichometrie die Folgezeit weiteres Material aus Handschriften hinzufugen wird^), so sehr bleibt allerdings auch noch fiir andere Theile unseres Gegenstandes Weiterarbeit wûnschens- werth und zu fordem. Habe ich doch weder fur die Bestimmung der Buchgrôssen noch fur die Blattbreitenmasse noch auch fiir den Uebergang vom Papyrus zur Membrane in Vorarbeiten hinlângUche Hiilfe gefunden. Sollte ich trotz dièses ungûnstigen Umstandes gleich- wohl den Versuch wagen, die Hauptthatsachen dos alten Buch- wesens endgûltig der Controverse zu entziehen, so durfte ich auch ausfiihrliche Argumentationen und selbst zahlreiche Belege im Texte meinem Léser nicht ersparen, der also da, wo eine bequerae Dar- Btellung zu geben unmôglich war, nun mit der Untersuchung und Voruntersuchung vorlieb nehmen môge!

In Betreff meiner Pliniusinterpretation im funften KapiteP) habe ich hinzuzufugen , dass Herr Geheimrath Bûcheler freundlichst ira Manuskript von ihr Kenntniss genommen und sie in mehreren Punkten modificirt und bereichert hat. Ihm wie anderen befreundeten Herren ich nenne insbesondere Professor Niese und Dr. Bruns , die mir mit Rath und Nachweis geholfen, sei auch an dieser Stelle mein Dank gesagt.

Marburg, den 3. December 1881.

Der Verfasser.

^) Ich erinnere nur an Schanz* neuesten Fund im Plato (rgl. S. 505 f.).

') Ich bedauere erat jetzt von der Schrift des Prof. Cesare Paoli ^Del papiro Bpecialmente considerato corne materia che ha servito alla scrittara'* Firenze 1878 Kenntniss zu erhahen; u. a. giebt ihr viertes Kapitel die storia délia carta di papiro, das zweite die fabbricazione délia carta di papiro. Leider ist die letztere sorgsame Untersuchung ohne Kenntniss der ÂusfQhrungen Blflmner*s gemacht. Manche Einzelheit findet man hier wie bei BlQroner ein- gehender behandelt als es in meinem Zwecke lag. Insbesondere sei hervor- gehoben, dass auch Paoli S. 27 beim Plinius XIII 78 (s. S. 245 Z. 27) die Lesung nec mallio sufficit ab unhaltbar nachweist; Paoli's Emen dation nec in alia sufficit (statt nec in ultima mfficit) scheint freilich sprachlich nicht môglich.

Inhaltsubersicht.

Seita

Einleitmigr*

Onmdbegn^ffe des Buchwesens. Vorarbeiten. Fr, Ritschl. Grosse der alexandrinischen and der modernen Bibliotheken. Der Bucbbegriff. Aufgabe 1

Erstes KapiteL Die Bachterminologrie.

Zweideatigkeit des modernen BucbbegrifF^. ^ifikoç, ^h^kiov, liber. Tolumen. liber und rolumen identiscb. Das Auf- und Zurollen. Explicit. Der Brief fii^Xioy, nicht liber. Libellas. KvXiydçoÇj xo^nt^ôçoç, ivdXtifitt, TofAOç. koyoç (aùyyçafÀ/Lta, aùyrayfÀft). Das Oesammtwerk heisst nicht „Buch^. It^ixôy nicht antik. RoUenbQndel. Dekaden, Pentaden. cvvTtt^tç. Corpus, G(jj/uaf amfÀttnov, Monobiblos. Bûcher einzeln ge- kanft und gelesen 11

Zweites KapiteL Das Pergrament.

Frûhe Einfûhrung des Papyrusbuchs. Das Buch der Aegypter, Juden, Perser. Erfindang des Pergaments. Bedeutung des Pergaments fûr die Litteratur. Notizen, Brouillons auf Pergament. Briefe nicht auf Pergament. ifiuvôiriç. aikkvfinç^ titulus, index. Catull c. 22. Erste Beispiele des Lesebuchs auf Membrane. Die Apophoreta Martial's. Buchpreise. Oeringer Werth der Abschriften auf Membrane. Das Lesebuch auf Membrane dicnt den Aermeren. réi'/oç. Neratius' Membranae. Codex , codicillus. Codices seît Ulpian. Codices im

3. Jahrhundert. Editionen in Rollen bis in^s 6. Jahrhundert. Erste Editionen im Codex. Die heiligen Schriften im Codex. Der Codex im Gebrauche der Oeistlichkeit, der Mônche. Die Profanlitteratur im Codex in der zweiten Hâltle des 3. Jahrhunderts. Erste Bibliothek der Profanlitteratur in Codices. Oeringer Inhalt vieler Codices. Die âltesten erhaltenen Codices. Frequenzverhâltniss von Rolle und Codex im

4. und 5. Jahrhundert. Vermerke der Textesrecensionen im Rollen- buchwesen und Codex 46

VI Inhaltsûbersicbt.

Scise

Drittes Kapitel. Das Bach als Trfigr^r der Schriftwerke.

Die meisten erhaltenen Buchrollen unvollstilndig. Lfinge dcr Bûcher. Die Disposition nacb Bûchero. Dispo^^ition RystematiAcher, historischer Schriften. Polybios, Livius, TacituB. Die Buchtbeilung ein âusserlicher Zwang. ProOmien der Rollen. Bczugnahme auf den voraufgebenden Bucbscbluss. Der Buchscbluss und seine Motive. Der Bucbscbluss ein Zwang. Gleicbmas^ der Bucbgrôssen: aro/âÇiad^ui, t^ç aufA/uërçiaç. Die Minimalgrôsse: oAoi' ^tfikioy 127

Yiertes Kapitel* Die Baclizeile.

Kapitel. Bucbtheile. Seiten. Z&blen der Seiten, der Buchstaben und Silben. Stichometrie. Stichometrie aus Katalogen (Dichtcr, Prosaiker). Sticbometrische Angaben in der Litteratur. Stichometrie bei den ROmern. Citate nacb Verscn. Cicero als Oplstbograph. Kolometrie. Beschr&nkte Anwendung der Kolometrie. Die Kola nicht summirt. Kolometriscbe Schreibung jAnger aU Cicero. Sticbometrische Subscriptionen. Die Hercnlanensiâchen BQcber. Sticbometrische Subscriptionen bei Dichtern. Stichen des Herodot, Isokrates, Demosthenes. Ihr Stichos betr&gt ca. 35 Buchstaben. Ebenso der des Euseb, Oregor Ton Nazianz, Thukydides, Cicero, Justinian, Varro. Abweichungen. Die Prosazeile gleich dem Hexameter. Zweck der Stichometrie. Bezahlung der Schreiber nacb Versquanten. War die Normalzeile nur ein idéales Mass? Die Normalzeile wirkiich geschrieben. Kûrzere Zeilen bei ge- ringerer Blattbreite. Belege fÛr Schreibung der Normalzeile. In- Bchriften 157

Fftnftes Kapitel. Die Bacliseite.

Die Papyrusstaude. Bereitung des Buchblattcs nacb Plinius. schidae. Das Kleben. textura. Blattsch&den. Bereitung des Bûches, scapus. Haximalgrôsse der RoUe. Die leeren Rollen. Text des Plinius XIII 74 83. Die neun Sorten der Charta. Die Blattbreite ein Vorzug. Seite und Schriftcolumne. Blattbreiten erhaltener Papyri. Yerh&ltniss der Zeilenl&nge zur Blattbreite. Privatabschriften litterarischer Werke. Normalexemplare 223

Seclistes Kapitel. Die Baclignr^sse.

Maximam und Minimum der Bucbgrdsse. Unterscheidung der Formate. A. Das Poesiebuch. Maximum. Gleichm&ssigkeit. Didaxis. Roman. Monobibla. Sp&tere Beispiele. B. Das Prosabuch. Sammeirollen. Minimum, Maximum. Formate mittlerer Grosse. Grosse Formate. Geringere Formate. Rflckblick. Ueberschreitung des Maximums und naehtr&gliche Theilung. GedichtbuchgrCsse fQr Didaxis, fÛr Lexica, in der Ëpistolographie. Epistolographen. GrOssere oder geringere Gleich- m&ssigkeit. Monobibla. Seitenzahl der Bûcher 286

Inhaltsûbersicht. VII

Seite

Siebentes KapiteL Die Editioii.

Wahl des Formats. Unedirte Manuskripte. Unterlassen der Edition. Zareden der Freunde. Das Autographum geht an den Abschreiber. Autographa nicht conservirt. Nachtr&gliche Correkturen. Stârke der Auflagen. Honorar. Correkturlesen. Preiserhôhung rergriffener Werke. Tabemen. Bibliopolen. Bucbk!lufer. Oeffentliche und prirate Biblio- theken. Ausdehnung des Buchhandels. Das rOmiscbe Buchwesen minder entwickelt. Geringe Daaerbaftigkeit der PapyrasroIIe. Confis- cationen 342

Achtes KapiteL Stôningeii der antiken Bnclifonii.

Eintragung in Codices im 4. und 5. Jahrhundert. Verlust von Bûchern und BuchanHingen. Verstellung der Bûcher. Verlust der Buchtheilang bei Seneca, Juvenal, Demosthenes, Cicero, Plutarch. VerluAt der Buch- theilung bei Briefen; Ovid's Heroiden; bei Sueton, Terentianus Maurus, Xonius, Justin. Excerpirte Bûcher: Rutilius Lupus, Aelian, Apicius, Phaedrus, lateinische Anthologie, griechische Anthologie. Theokrit. Catull. Properz. TibuU 371

Neontes KapiteL Das Toralexandrinisclie Bncliweseii*

Perioden des Buchwesens. PapyrusroIIen. Bibliopolen. Bibliotheken. Buchhandel. Edition, ixàèâ'o/uéyot Xôyoï. i^taTtqixâ. àvéxâoTa. Die Torliegendo Buchtheilung ôfters unsachgemâss. Lilnge der BoUen. Stichometrie. Eleinheit und Inconstanz der Buchumfônge. Die Buch- theilung unecht bei Thukydides, Homer, bei Herodot, Plato. Schwan- keode Buchtheilung bei Thukydides, Xenophon. Sammelrollen des Aristipp u. a., des Antisthenes. Antimachos. Philolaos. Aristoteles und Theophraât. Editionen des Aristoteles; Zusammensetzung seiner Pragmatien. Hippokrates. Theopomp. Timaeos. Livius Andronicus, Naerius, letzte Auslâufer des Grossrollensystems. ^Theile'^ der Eolle. Isokrates, Xenophon's Anabasis. Werktheile aïs Vorbereitung der Buchtheilung. Ephoros. Prooemien in Ariâtotele^' Dialogon. PIato*s Gesetze. Herstellung der Buchtheilungcn in Alexandria und Pergamum. Septuaginta. Kallimachos, Gegner des Grossrollensystems. Die alexan- drinische Bibliothek. fii^koi av/ufÀtyilç und à/uiyêïç (ankal). Das Grossrollensystem herrschend bis Kallimachos. Princip der Bûcher- anscbaffungen der Ptolemâer. ^ifikia fjo^'àXa, /ui'Xçâ. T/n^/uara. Buch- g^ôsse des Drama'^. Epicharm 430

SchlllSS 498

Berichtig^ns^eii*

Man seUe Seite 22 Zeile 15 yon anten statt Kap. VU: Kap. VI.

n n 31 Zeile 1 von oben statt Gellias : Oellins V 4.

n n 8S Zeile 14 von oben statt deff/uaïç: déff/uaiç,

tt , 114 Anm. 1 statt Copitollnus: Gapltolinns.

, , n 123 Anm. 1 statt Reifferseld : ReifTerscheid. If an tbeile Seite 179 Zeile 11 vor ^quibus eventurum" in zwei Zeilen (vgl. S. 220). Man tetae Seite 204 Anm. 1 statt 17100 000: 1 700 000.

9 9 9 287 2«eile 4 von oben statt vierten; dritten.

n n n S53 Zeile 8 von oben statt zosprachen: zusprechen.

« j, «861 Zeile 7 von nnten statt 120; 140.

9 n tt ^01 Zeile 7 von oben statt GrKbern: Orftber.

1

1

l

i

} /

Ijediiigender Trager aller Litteratur ist die Schrift, yon der sie ihren Namen empfangen.

Die Einheit eines zusammenhangenden Schriftcomplexes nennen wir Bue h. Dièse Einheit ist nicht nothwendig eine sachliche, sie ist Yor allem eine râumliche Einheit.

Das Buch wird ziun Eigenthum der Nation noch nicht durch die einmalige erste Niederschriit seines Yerfassers, sondem erst durch Publikation. Publikation aber ist Yeryielfâltigung. Erst durch sie tritt das Buch ûber die Schreibereien privater Natur hinaus.

Eine zweckmâssige Yervielfâltigung muss auf môgiichst mecha- niscbem, fabrikmassigem Wege stattfinden. Es muss sich eine be- stimmte Gleichmâssigkeit der Buch for m ausbilden.

Ist so ein Buch nationales Eigenthum geworden, se ist weiter sein Zweck, in dieser Ëigenschaft grossere Zeitlâufte zu ûberdauem. Das Einzelbuch muss dauerhafb gemacht werden. Es bilden sich Formen aus fur seine Conseryirung und Aufbewahrung.

Die diirch den Fortgang der litterarischen Production wachsende Yielheit yon Bûchem yereinigt sich in Buchsammlungen, deren 5rt- liche Darstellung die Bibliothek ist.

Dièse einfachsten Thatsachen ailes Buchwesens sind in sach- licher Nothwendigkeit begrundet. Sie wiederholen sich darum in entwickelten Culturperioden. Insbesondere gleichen sich in ihnen das moderne imd das antike Culturleben yollkonmien.

Allein es ist hiermit das Buchwesen eben nur gekennzeichnet, Bofem es der Litteratur dient. Auch das Schulhefb des Ejiaben, auch

Blrt, Bncbweaen. 1

2 Einleitung.

das Conto des Eaufmanns nennen wir, aucb den Brief nannte das Alterthum Buch. AUen derartigen ^Bûcbem", die, unyervielfaltîgt, nur dem nâcbsten praktiscben und meist privatem Zweck dienen und zu gelten aufboren, wenn ibr Zweck erfullt ist, feblt der ôffent- licbe Cbarakter, und Form wie Material braucbt bei ibnen danim einer Regel nicbt unterworfen zu sein. Wâbrend die moderne Zeit als Material fast allein auf das Leinenpapier bescbrâokt ist, das sicb nur der Art nacb im Dienst des Drucks von den verscbiedenen Sorten des Scbreibpapieres unterscbeidet, so bescbrankt sicb das Altertbum fur die Edition seiner litterariscben Werke auf den Papyrus, fur Privatzwecke verfugt es neben demselben Papyrus aucb nocb ûber Wacbstafel und Membrane.

Ërst die Drucklegung erbebt beutzutage ein ScbriftstQck zur litterariscben Ërscbeinung. Ebenso ist damais die Scbeide zwiscben Privatscriptur und Litteraturbucb der Augenblick gewesen, wo ein Autor sein Manuscript seiner eignen Sclavenscbaft oder der Sclaven- scbaft eines Untemebmers zur yielfâltigen Abscbrift ûbergab. Dies bedeutete den Eintritt aus willkûrlicber Bucbform in die syste- matiscb geordnete des Bucbmarktes; das Scbriftstûck war Gegenstand des Yerkaufes, des Yersands geworden, und kein Wunscb konnte ibm alsdann seinen privaten Cbarakter zurûckgeben. Allerdings bat im Altertbum das Originalmanuscript des Autors in seiner âusseren Ër- scbeinung den Einzelexemplaren der Edition wobl obne Frage oft- mais weit âbnlicber gesebn, als dies beute der Fall ist denn aucb der geûbteste scriba konnte docb das Typiscbe imd Gleicbmâssige unsrer Druckscbrift nicbt erreichen ; allein der Unterscbied zwiscben publicirtem und unpublicirtem Scbriftwerk war darum nicbt weniger wesentlicb.

Es ist bei den bisberigen DarsteUungen des Bucbwesens im Altertbum versâumt worden, diesen principiellen Unterscbied als solcben gebûbrend wabrzunebmen und die Tbatsacben nacb ibm

Vorarbeiten. 3

m sondem imd anzuordnen: dies ^t sowohl yon dem Archegeten auf diesem Gebiet, Montfaucon^), als von dem wackeren Chr. 6ottl« Schwarz*) und den neueren Bearbeitem, wie Géraud^), W. A. Becker*), Wattenbacb, aus dessen ^Scbriftwesen im Mittelalter" *) wir aucb fur das antike Scbrîftwesen reicbe Belebrung empfangen baben, und endlicb Gardthausen in den bezûglicben Abscbnitten seiner Giiecbiscben Palâograpbie'). Gleicbwobl ist allen diesen genannten das Factum der Edition selbst mit seinen einzelnen Umstânden be- kannt genug ^. Der Zweck der folgenden Blâtter macbt es nôtbig, yon i}im als Yoraussetzung auszugeben.

Ist es der Mûbe wertb, sicb môglicbst genau zu orientiren, in welcber Form die Texte eines Aristoteles, eines Cicero und sâmmt- licher classischer ScbriftsteUer zuerst yor ibrPublikum traten imd duTcb Jahrhunderte des Altertbums selbst weiter tradirt wurden,

') Palaeographia graeca, Paris 1708, cap. I.

^ Dispatatio de ornamentis librorum apud veteres, Altorf 1721 und 1726; dasa die dispatatio de ornamentis codicom, Altorf 1726. Ygl. dazu Joh. Nie Fanccii Marburgensis de scriptura veterum commentatio , Marburg und Rintehi 1743.

*) Sur les lirres dans l'antiquité, Paris 1840.

*) Gallos fid. II, Ëxcurse zur dritten Scène, Leipzig 1838, dritte Aufl. Ton Bein 1863. Vgl. auch Marquardt, Rôm. Priratalterthfimer, II, S. 382.

*) Zuerst Leipz. 1871, abermals 1875 erschienen.

*) Erschienen Leipzig 1879.

') Grundfalsch in seiner AUgemeinheit ist ein Satz, den man bei dem kochrerdienten Aristoteliker £. Heitz lesen kann (Die verlorenen Schr. des AristoU 8. 233): ^Dass im Alterthum (!) von einem Unterschiede, wie er heute swischen einem bloss handschriftlich rorhandenen und einem zur Herausgabe gelang^n Werke besteht, im Grunde keine Rede sein darf, ist eine klare Sache!" Heitz meint wohl eigentlich nur das voralexandrinische Alterthum; aber auch dann erweist sich dieser Satz als nnhaltbar (vgl. unsren letzten Absehnitt).

4 Einleitung.

bevor sie uns der mittelalterlicbe Copist in seinen mittelalterlichen Pergamentbânden vermittelte, so sind wir angewiesen, die Frage aus- Bchliesslicb nacb jenem Bucbwesen zu steUen, das wirklicb den Publikationszwecken gedient bat; wir sind angewiesen zu ermittebi, inwieweit solcbe Publikation von der Willkûr eines einzelnen Skri- benten unabbângig, d. b. inwieweit fur sie das Scbreibma- terial, die Bucbform und der Bucbumfang durcb Con- yenienz und Bucbbândlerusus fixirt war.

Wir geborcben damit zunâcbst nur einem antiquariscben Triebe. Wer da wunscbt, sicb dem Eindruck nacb Moglicbkeit anzugleicben, den ein altatbeniscber Zuscbauer in seinem Tbeater erfubr, ver- gegenwârtigt sicb ans Bedûrfaiss die Figuren des Sopboklebcben Dramas nicbt obne correct antike Grewandungen. Um mit dem Ein- druck zu les en, mit dem ein antiker Léser las, wûrden wir bei unsrem Anstoteles grûndlicb zu abstrabiren baben Yon den ungefugen Quartbanden der Ausgabe der Akademie und uns seine Einzelscbriften auf bandlicbe Rollen vertbeilt denken mûssen, wie sie Alexandria der belleniscben Welt lieferte.

Antiquariscbe Studien sind Genrezeicbnungen der Antike. Sie zeigen dem Auge dessen, der die grossen Yergangenbeiten ent- lang scbaut, das Nebens&cblicbe, das Détail der begleitenden Um- stânde, in denen sicb Geist, Leben und Scbicksal der classiscben Yolker darstellte. Und ibr Lobn ist klein wenn er nicbt mebr als das Bebagen des Einlebens in eine vergangene Alltâglicbkeit ist.

So Bcbeint allerdings aucb das Fragen nacb dem Bucbwesen zunâcbst nur ein Fragen nacb dem Aeusserlicbsten , gleicbsam nacb dem Ubrgebâuse, in welcbem das Werk der antiken Litteratur ging. Fur das Yerstândniss der Scbriftwerke scbeint die Eenntniss Yon der Bescbafifenbeit der Rollen, in denen sie zuerst erscbienen, nocb um Yieles gleicbgûltiger zu sein, aïs fur das Yerstândniss eines Gemâldes die Eenntniss der Leinwand, auf der es gemalt stebt.

Vorarbeiten. Pr. Riuchl. 5

Wir unssen, auf der Leinwand rulit das Bild, um aie bei seiïier Per- ception zu ignoriren. Und wir unterrichten uns, wie die SchriftroUen eînes Aristoteles beschaffen waren, nm bei seiner Lecture von dieser Wissenschaft abzuseben.

Indess muss uns genauere Betracbtung yielmehr belebren, wie dennoch in eigentbûmlicher Weise hier ein râumlicber Formzwang formgebend aucb auf den raumlosen lubalt mit eingewirkt bat. Die antike Litteratur war mit bedingt durch das antike Bach. Der begleiteode Umstand modificirt die grossen Thatsachen, die er begleitet. Und der Lohn dieser Untersuchungen wird somit ûber jenes einfache Behagen des Antiquars hinausgehen konnen. £r wird in den kunstgeschicbUichen Erkenntnissen beruhen, die sich fur die Schriftstellerei der Alten ergeben.

Die anregendste Yorarbeit besitzen wir in Fr. Ritschl^s 1838 erschienener Schrift: ,,Die Alexandrinischen Bibliotheken unter den ersten Ptolemaem und die Sammlung der Homerischen Gedichte durch Pisistratos^, zu der sein ,,Corollarium disputationis de biblio- thecis Alexandrinis ^ aus dem Jahre 1840 Ërgânzungen und Be- richtigungen brachte^). Ausgehend von den Angaben der berûhmten, damais in latemiscber Fassung entdeckten Tzetzesprolegomenen zum Aristophanes untersuchte Ritschl den Charakter und Buchbestand der zwei grossen alexandrinischen Bibliotheken, des Bruchiums imd Serapeums, deren Grûndung in die erste Blûthezeit des Ptolemâischen Kônigreiches fiel und, zusammenhângend mit der des Muséums selbst, den Gelehrten der jungen Akademie den completen Bestand der damaligen griechischen Litteratur zur Yerfugung steilte. Fiîr die Bibliothek des Serapeums nennt nun Tzetzes 42 800 Rollen, fur die des Bruchium nicht weniger als 490 000. Nun sind aber der Autorennamen noch nicht allzu viele, welche die vorkallimacheische

>) Abgedruckt in Ritschr» Opuscula I S. 1 ff and 123 ff.

g Einleitung.

Litteratur heirorgebracbt; jene Zahlen scheinen jede berecbtîgte Er- wartuDg bei weitem zu ûbertareffen; es scbeinen nacb ibnen unsre modemen Bibliotbeken grossen Stîles mit ibrer Weltlitteratur dem Bûcberscbatz der alten Nilstadt kaum ûberlegen, der docb nur den Inbalt einer griecbiscben Litteraturperiode bescbloss^).

Heutzutage finden wir die Handscbriften der grossen Yaticana auf 25 000 angegeben und ibre Drucke daneben auf 30 000 bis 500 000 gescbâtzt'). Die berubmte Laurentiana in Florenz bescbrânkt sicb auf 6 952 Handscbriften, wozu 1 316 Drucke binzukommen'). Fur den Bûcberscbatz der Gôttinger Universitât^) erbalten wir die Summe 400000 (obne die 5 OOOHandscbriften), fur den der Eaiserlicben Biblio- tbek in Wien») 406 461 (obne die 20 000 Handscbriften), fôr den des Britisb Muséum aus dem Jabr 1858 die Zabi 500 000 (obne die Handscbriften) '). Diesen Sammlungen wiîrde also das Brucbium etwa gleicb gekommen sein, wobingegen die Mûncbener und Berliner kônigl. Bibliotbek oder die Nationalbibliotbek yon Paris allerdings doppeit so bocb stebn^). Aus altérer Zeit sei etwa auf das mittelalter-

') Die Nachricht, dass auch Ueberaetzungen aus der Litteratur andrer VGlker aufgenommen wurden (rgl. Bitschl a. a. 0. S. 30 und 159) kann doch unmOglich riel bedeuten, da dièse Uebersetsung^litteratur auf die weiteren Produktionen der Oriechen und BGmer so wenig Einfluss gewonnen hat.

*) Ygl. Edward Edwards, Memoirs of libraries (London, Leipz. 1859) II

8. 354.

') Ygl. ebenda II S. 369.

^) Vgl. Petzholdt, Adressbuch der Bibliotheken Deutschlands 1875.

^) Vgl. ebenda. Karten, Stiche sind nicbt mitgezllblt.

«) Edwards a. a. 0. I S. 510.

0 Die Panser Bibliotbek batte i. J. 1850 an Handscbriften 83 707, an Drucken 750000; die Drucke taxirt Edwards (a. a. 0. II S. 294) f^r das Jabr 1858 auf 858 000. Die Mûncbener Bibliotbek fasst c. 800 000 Werke, 100000 DisserUtionen, 300 000 Brocbfiren und 24 000 Handschriaen (PeU- boldt); die Berliner obne Karten und Musikalien ûber 700000 Bftnde und mebr ab 15 000 Handscbriften (Petzboldt).

Der Buclibegriff. 7

liche Cordova hingewiesen , das in der Zeit der Blûtbe 400 000 Bûcher besessen haben 8oll^), wogegen wir fur die Bucbsammlung des' kaiserlicben Collegiums in Byzanz, die Léo der Isaurier ver- brannte, nur die Zabi 36 500 erfahren').

Jener grosse Bûcberbestand der alten alexandriniscben Bibli- otbek muss hiemacb in der Tbat unser bôcbstes Ërstaunen erregen. Ritscbl sab sicb daram yeranlasst, den Bucbbegriff n&ber in's Auge zu fassen, imd er betonte zur Erklârung der Zablen den mini- nuden Umfiang, auf welcben sicb, yerglicben mit dem modemen Bande, das „Bacb^ der Alten bescbrânkt babe. Als Bucbform setzte er dabei ricbtig die Papyrusrolle voraus, bielt aber die Begriffe „Biicb^ und „Rolle^ nicbt fur notbwendig identiscb') und begnûgte sicb, den ersteren lediglicb aïs Zeilensumme zu fassen, anknûpfend an die bibliotbekariscbe Grewobnbeit der Alten, welcbe die Litteratur nicbt nacb Werken, sondem nacb Bûcbem, das Bucb aber nicbt nacb der S^itenzabl, sondem nacb der Zeilenzabl bestimmte, die es umscbloss. Mit einer Zusammenstellung yieler derartiger Zeilen- summen, wie sie die Ueberlieferung zunâchst darbot, yeranscbau- licbte er diesen Bucbbegriff und erscbloss als sein Maximum die gennge Summe von yiertausend Zeilen^).

Ob Ritscbl die Grosse der alten ptolemâiscben Bibliotbek so ricbtig erklart bat, soU bier nicbt entscbieden werden; seine Haupt- acbtsamkeit aber ricbtete sicb gemâss dieser Auffassung des Bucbs auf den Begriff der antiken Zeile. Applicirten die Alten ibren Sticbos

>) Vgl. £. Bgger, Histoire du li?re S. 97.

») Vgl. Cedren. 1 S. 464. Zonar. XV S. 104 Glyc. 8. 281.

*) Vgl. a. 0. 8. 26, wo rerneint wird, dass solohe Bûcher, wie die Thu- kydideiachen , wie Plato's Gorgias, wie die Beden nsçt cnffuyov, ntqî naçtt' nçëofiiiaç in einer Relie Plats fioden konnten. 8ie, sowie sogar anch die der Argonantica des Apollonius seien auf mehrere Bollen vertheilt zu denken.

*) a. a. 0. 8. 107.

g E^eitung.

gleicherweise auf aile Werke iind liées sich der Gesammtinlialt der Litteratur selbst schliesslicb stichisch ausdrûcken, bo musste sein Werth ein YoUkomxnen constanter gewesen sein. Und bo wie sich also an die Forschungen Ritschrs ûber die Personen der Alexandrinischen Bibliothekare, welcbe die Bedeutsamkeit seiner Scbrift yermebrten, alBbald eine bericbtdgende Weiterforscbung anknûpfte, so haben aucb seine eindnnglicben Nachweise ûber das Raïunmass der antiken Zeile weiterbin die Anregung zu emeuter und glûcklicher Arbeit ge- geben: eine rein antiquariscbe Frage, die wir wohl nunmehr als in der Hauptsacbe erledigt betracbten dûrfen. Fur die ungleicb -wichtigere Définition des antiken Bûches ist man dagegen bei seinen Yoraussetzungen beruhigt steben geblieben. Sie finden sich wieder, wo sonst die Gelegenheit mit diesem Bucbbegriff zu operiren nôthigte: ich ennnere vor allem rûbmend an das betreffene Elapitel der Bergk'schen Litteraturgeschichte. AUein an einer hinreicbenden Begrundung und Sicherung fehlt es fur sie in dem Grade, dass noch neuerdings einer der gelebrtesten Kenner des Alterthums^) jene Normalzeile, nacb der die Griecben scbon Jahrhunderte vor der augusteiscben Zeit den Bucbumfang massen, auf Pergamenthand- schriften bat zuruckfûbren kônnen.

Die bandscbrifUicben litterarischen Fuude, deren Datirung dem dritten Jahrhundert n. Chr. voraufliegt, haben einmiîthig fur die Alleinherrschaft des Papyrus gezeugt. Auch die Autoren selbst, so weit sie Andeutungen geben, scheinen ganz dasselbe vorauszu- setzen. Es gilt klarer zu stellen, ob und in welchem Grade das Pergament neben dem Papyrus fur die Litteratur wirklich Yerwen- dung gefanden bat und wann sich eigentlich jene ausschliessliche Geltung Yorbereitete und entschied, die ihm das Mittelalter zugestand. Ebenso gilt es, die antiken Buchtermini selbst, die ja noch unsren

1) WachsmQth im Rhein. Mus. XXXIV S. 38 ff.

Aufgabe. 9

Sprachgebrauch massgebend beeinflussen, nacb ibrer Grundbedeutung und nacb ibrer Anwendiing einer genaueren Prûfung zu unterzieben, nm BO aoB ibrer Selbstaussage zu entnebmen, ob sie aus dem Rollen- princip bervorgingen , yor allem, ob sie aucb dauemd mit ibm ver- biinden blieben.

Ans den Einzelerwâgungen , die den Inbalt der nacbstfolgenden Blâtter ausmacben sollen, ergiebt sicb als unzweif elbaft :

dass das antike Bucbtbeilungsprincip mit seiner Terminologie in der Tbat allein aus dem Fapyrusbucbwesen beryorging und von ibm yerstanden wurde;

und dass dièses Papyrusbucbwesen bis zimi Ende des eigent- licben classiscben Altertbums oder bis tief in das dritte cbristlicbe Sâcolum die alleinige Form fur die Edition litterariscber Werke gewesen ist.

Wir werden dadurcb angebalten, die Bûcber unsrer clas- siscben Texte durcbgângig fur die Rollen der antiken Bibliotbeken zu nebmen.

Man begreift, diesen ibren rein raumlicben Cbarakter sicber zu stellen ist nicbt bedeutungslos. Uns weist sicb damit der Weg fur eine weitere Wûrdigung des Bucbbegriffs. War es nicbt môglicb^ das Werk eines Liyius oder aucb nur das eines Strabo, eines Corni- ficius in eine einzige Rolle aufzunebmen, so muss eine Maximal- grenze fur den Rollenumfang, so muss einRaumzwang existirt baben, dem die Autoren scbon bei der Conception ibrer Werke selbst und wâbrend ail ibres Producirens geborsamten.

Es stellt sicb also die femere Aufgabe, die Maximalgrenze zu ermitteln, welcbe dem Umfang einer Bucbrolle gesteckt war; die Yergleicbung yerscbiedener usueller Grossenumfânge kann uns als- dann zugleicb in den Stand setzen, dem Gescbmacksurtbeil der an- tiken Bibliophilen nacbzugeben und uns den Eindruck der Feinbeit imd Leicbtigkeit oder aber der Scbwerfalligkeit und Ineleganz zu

JO Einleitung.

YergegenwârtigeD , den das Rollenformat eines Polybios oder aber eines Aelian auf das Publikum macbte; wir werden endlicb aucb anfangen kônnen, die Principien und einzelnen Motive zu errathen, nacb denen die Scbriftsteller fur bestimmte Werke bestimmte Einzel- rollenumfange dem Publikum gegenûber fur opportun hielten.

Wir bescbr&nken unsren Ueberblick bierbei yorlâufig auf die secbs bis sieben Jabrbunderte, in deren Centrum das augusteische Zeitalter stebt. Die Nicbtberûcksicbtigung der eigentlicb classiscben Yoralexandriniscben Zeit muss ein spâterer Zusammenbang zu recbt- fertigen versucben. Ëine kurze Cbarakteristik der Bucbtermini aber Boll unsre nâcbste Aufgabe sein.

ERSTES KAPITEL.

Die Bnchterminologie.

Uas Princip der Buchtheilung, das sâmmtliche grôsseren Werke der antiken Litteratur beberrscht, erbte sicli zum Theil auf die ge- lehrte Schriftstellerei des Mittelalters weiter, auf diejenige nâmlich, welcbe aucb in der Form eine Anlehnung an das Alterthum nicht aufgab. In der Natur des mittelalterlicben Bucbes, des Pergament- oder des Papiercodex, war dasselbe indess nicbt begrûndet; die eigentlichen Nationalwerke der neu in die Cultur eingetretenen Yôlker ignoriren es darum, iind erst die Renaissance machte aucb bei ibnen jene Tbeilung wieder zu etwas Gelâufigem. Die Bûcher der Florentiniscben Geschicbte Macbiavell^s oder des Schiller^schen dreissigjâhrigen Erieges entsprechen auch râumlich denen des Thuky- dides; die des Rasenden Roland, des verlorenen Paradieses oder der Messiade sind nacb den Yergiliscben abgemessen. Dièse Tbeilung ist nicbts weiter als eine Tbeilung nacb dem Sinn. Sie kam ausserdem einem natûrlicben Yerlangen nacb gelegentlicben Rubepunkten, der Scheu Yor dem Grenzenlosen entgegen^).

Unsre Terminologie ist dadurcb verwirrt worden. Wir nennen jeden Band aucb ein Bucb; allein wir konnen aucb ein mebr- bândiges Werk in eine Mebrbeit von Bûcbem, und zwar so zerlegen, dass Bucb und Band nicbt coincidiren. Jeder Band kann in

^) AU ein einleuchtendes Beispiel unter vielen fûr letzteres Motiv mag der liber sextus des Corpus iuris canonici angeftihrt werden, der, von Bonifaz dem Achten hintugefQgt, so anschwoll, dass er in fQnf Bûcher zerlegi worden ist.

J2 I^>® Buchterminologie.

Bûcher zerfallen. Die Buchtheilung kann die Bandtheilung durch- kreuzen. Weit entfemt identisch zu sein, entspricht der Band bloss râumlicher Rûcksicht, das Buch einem logiscben Ordiiungstriebe : das letztere ist uns nur ein tropiscber Ausdruck fur xsffàXaiOV.

Dieser abstracte Buchbegriff scbeint modemisirte Antike, aber er ist zugleicb missyerstandene Antike.

Fur die alten Tbeilbegriffe fi$fiUop und liber ist die nâmlicbe Zweiseitigkeit wie fur den modemen nicbt nacbzuweisen. Sie erscbeinen yielmebr gleicbwerthig mit dem modemen Band, ent- sprecben lediglich einer Raumtbeiiung, imd es muss fur die seltsame Tbatsache ibrer abstracten, unraumlicben Auffassung die Entstebung in jener grôssten Umwâlzung gesucbt werden, welcbe das Bucb- wesen jemals erfabren bat, in jener Zeit, als die tausendjâbrige Ge- wobnbeit des Rollens Yon der gleicb tausendjâbrigen des Heftiens abgelost wurde, als der gerâumige Pergamentcodex die scbmâcbtigen Fapyrusvolumina yerscblang.

Der Terminus codex, griecbiscb têtfxoç kommt im classiscben Altertbum fur litterariscbe Werke nicbt Yor. Die frûbesten Aus- nabmen soUen besprocben werden, wo Yom Scbreibmaterial insbe- sondere gebandelt wird ^). Der Codex setzt, wie aucb das DeminutÎY codicillus, meistens anderes Material als die cbarta papjracea Yoraus. Fur die rômiscben Juristen war es streitig, ob ein Codex oder Codicill sicb ûberbaupt als liber bezeicbnen lasse').

Die bei weitem gebrâucblicbste Benennimg bei den Griecben und zugleicb die alteste ist fiifiXoç, womit das DeminutiY fiêfiiSoy gleicbwerthig gebraucbt wird. In dem hâufig zu belegenden fivfiXoç sowie dem minder hâufigen fivfiUov ist ein altérer Yocalismus an- zuerkennen ^. Die Etymologie und erste Bedeutung dièses wichtigen

>) 8. Kap. II med.

') Von Ulpian (Dig. 32, 52) wird eine bejahende Entscheidung des Gaius CassiuB auf dièse Frage angefDlhrt und acceptirU

') So urtheilt schon Aelius Dionysius (Eustath. z, Odyss. p. 765, 38). Die Ueberlieferung des Herodot und des Folyb giebt ausschliesslich oder vorsugs- weise fivfikoç; vgl. Schweighftuser, Lezicon Herod.; das Deminutir fivfikioy steht où, in Kavennas des Aristophanes (vgl. bes. VGgel t. 970 ff.), bei Isokrates p. 86D im Urbinas, in den Herculanensischen BoUen (s. B. Comparetti,

fiifXoç, fiêfilioy, liber. 13

Wortes ist nicht bekannt; sollte es ein Lehnwort sein, so wâre damit fur das Yerstândniss der Wortbedeutung noch nichts gewonnen. Die Aegypter nannien die RoUe tamà oder tamaà^)y ob nacb der Form, ob nacb dem Scbreibstofif, bleibt fraglicb. Ausser Frage stebt aber jedenfalls fur den griecbischen Namen die s, dass er bergenommen ist von dem Schreibstoff, aus dem das Bucb bestand; das Material der Papyrusstaude beisst eben nicbt nur TcànvQOÇ^t sondem ebenso aucb fivfiXoç^i sowie man also die Scbiffsseile, die aus den robesten Fasem jener Staude gefertigt wurden, fififiloê nannte, ganz ebenso ist aucb das Bucb der Griecben zu seinem Namen gekommen.

Wir seben uns genôtbigt, gleicb bier anzumerken: wâre dies «Bucb* nicbts anderes als der Abscbnitt, das Kapitel eines Werkes gewesen, so wûrde imbegreiflicb bleiben, dass es seinen Namen von einem Scbreibstoff empfangen bat.

Bei den Romem vertritt liber den griecbiscben Terminus. Aucb liber ist kein Abstractum, es bedeutet wiederum ein Material, freilicb eigentlicb nur den Baumbast, welcber nacb der yielleicbt nur bypotbetiscben Darstellung der romiscben Antiquare einer un-

Pap. Erool. inedito, Torino 1875, Col. III); endlich und vor allem auf Inschriften X. B. : C. L 6. 3641 b (Add.) t. 62 ô yQa/n/narfvç r^ç nolitaç tlç fivfilioy; Ephémer. arefaéolog. d'Athènes N. 855: rtav fivfiXitay àyâd'iffiy inoifiaaio ; fivfikoç steht CL 6. 13311; 4744 (cf. Add. III 8. 1204); 6186; bybliotheca Orelli No. 40. Nach Scbanz (éd. Plato^ VU S. YI) bat der Clarkianus Platoa zweimal pifiXaç, Eweimal fiifiXoç, dagegen 10 Mal fiêfikia und nur zweimal fivfikUt. Im Deminutir drang der lotacismus leichter und frûher durch unter dem assimi- lirenden Einfluss der zweiten Silbe. Finten der Grammatiker, die die Sache nieht treffen, sind Unterscheidungen, wie, daas die Pflanze mit v, das Bucb mit ft zu schreiben sei (Bustath. p. 633, 16), oder Etym. Magn. p. 216, 40: pvfiXioy liytnu ro nyqatpoy oloy' ini ro fivpXioy trov nâyra yQtxfferat (Psalm 138, 5)' âfiXoyon âyçafpoy' fiifikloy de yfyqafifAéyoy, oder, nach dem Dialect, Moeris fiêfiXia âm rov i (ûç nXaTtoy àmxœç, fivfiXia toç Jff/uocS'éyfjç, xotyôiç; dasn Pearson aus einem andren Granmiatiker : âtà rov l àruxiàç, dià de tov V *l€attSç, Herodian (II 482 Lentz) schreibt i vor.

1) VgL Brugsch, WOrterbuch 8. 1696; Zeitechr. f. &g. Sprache XIV S. 2.

*) So beiHerodot, II 92, beiAeBch7losSuppI.761 ; Theophrast nennt dagegen daz Mark der Ttânvçot speciell fifikoÇf was Plinius getreu mit liber ûbersetzt (unten Kap. y init.); TgL aucb Plato, Polit 288 E: q^tXXôiy xai fiifiktay xai â^/noty.

14 I^î® Buchterminologie.

cultiyirteii prâhistorisclien Période genûgt batte; er gab nacb der Adoption des âgyptiscb-griecbiscben Bucbwesens seinen Namen an die PapyrusroUe ab, deren Fasergewebe mit Bast doch nicbts mehr zn thun batte. Man entging mit dieser Uebertragung der Nôtbigung, ein Fremdwort einzufîibren fur einen Gegenstand tâglicben Crebraucbes. Aeussere Aebnlicbkeit des Bastes aber mit der fertigen cbarta wird anerkennen, wer selbst solcbe cbarta antiker oder aucb nur modemer Fabrikation geseben bat. Es mag bier erwâbnt werden, dass in einer alten Glosse dièse Aebnlicbkeit geradezu ausgesprocben ist (iptkvQa (pVToy sxov (pXo$oy fivfiXoii na7ïVQ[iy](a 5fio$ov, Pbotius, ygl. Suidas, s. t.), wesbalb denn aucb z. B. in dem Inventarium einer Bûcbersammlung Avignon^s aus dem 14. Jabrbundert ein unlesbar gewordenes Papyrusdiplom cbarakterisirt worden ist als ,,quidam rotulus de corticibus arboris, scriptus litteris quasi illegibilibus'^ ^). Mit Cortex sind eben im Mittelalter die Reste der Papjrusband- scbriften bâufig verwecbselt worden').

Anscbaulicber redet das volumen, die Rolle. Dièse Bezeicbnung ist von den Romem erfunden imd fur liber seit Comifîcius und Cicero ganz nacb Belieben eingetreten, sowie z. B. Ovid seine funfzebn Bûcber Yerwandlungen als dreimal funf RoUen aufPubrt und âbn- licbes in unzâbligen Beispielen. Da die Yorstellung des CreroUten, Gewundenen fiir das volumen im classiscben Spracbbewusstsein nie und nirgends verloren ging (so spracb man ja aucb Yon den volumina der rollenden Wellen oder einer aufsteigenden Raucbsâule und nocb ein Sidonius ApoUinaris*) von den corpora voluminosa der Scblangen), so ist das Yorkommen dièses Bucbterminus jedesmal als direktes Zeugniss fur die classische Bucbform anzuseben.

Ausnabmen finden sicb erst, als der Codex berrscbte. Die affektirte Spracbe Justinians nennt die Gesammtbeit seiner Pandekten allerdings statt codex gelegentlicb zur Abwecbselung aucb totum di- gestorutn volumen (const. tanta 8, ebenso const. deo auctore 2); so wie wir weiterbin im neunten Jabrbundert von tonU viginti m t?o-

^) Inrentar des Palatium apostolicum vom Jahr 1366, bei Muratori Bd. VI S. 76; vgL Marini Papiri diplom. S. 222. ') Wattenbach, Schriftw. S. 89 ^ «) Cann. 9, 76.

Volnmen. 25

lumme (= codice) uno hôren'). Dem steht jenes spâte, aber wicb-

tige Epigramm gleich, ûberliefert im Parisinus 13 026 des neunten

oder zc^ten Jahrbunderts (Riese Anth. Lat. N. 717) das als £r-

ôffiiung einer Yergilbandscbrift gedacbt îst und aile Bucber des

Dichters als ein einziges Yolumen aufiPûhrt:

Doctiloqai earmen rucUtum fonte Maronis Bis senis nameri florentes milibns expient^ Et super hos octingentis septem qaadraginta VersibuB adiunctis concluditur omne rolumen.

So beisst aber auch scbon dem Sidonius Apollînaris in dicbteriscber

Spracbe die Odyssée Smymae volumen (IX 145).

Dagegen werden wir es wobl nocb als blosse Nacblâssigkeit

oder Ignoranz zu betracbten baben, wenn wir einmal in einem

Privatbrief Yom Jahr 400 n. Chr. lesen'): Sanctus aUquis ex fratribus

êchedulas ad nos cumadam (das ist Rufini) detidit, quae Origenis

voiumen quod tkqï a^cov inscribitur in latinum sermonem conversum

tenerent; des Origenes Bucber nëçl àqxâv waren in Wirklicbkeit

Tiere. Und aucb in der Vorrede des Orosius zu den sieben Bûcbem

seiner Historiae aus dem Jabr 418 ad Augustinum, woselbst es

beisst: praeceperas ergo, ut ex omnibus . . . f astis quaecumque ... re-

perissem, ordinato breviter volurrmds textu explicarem ist wobl nicbt

nôthig Yon der strengen Wortbedeutung abzugeben; denn Orosius

giebt bier nur den von Augustinus gewollten Plan seines Gescbicbts-

werkes; Augustin konnte so wie zur Eûrze, so aucb zu einer ein-

zigen Bucbrolle geratben baben: was er woUte, war nur eine com-

pendiôse Erganzung zu dem bistoriscben dritten Bucbe der Civitas

dei. So liefert denn aucb Hieronymus, fur die Bucbterminologie

wobl der ausgiebigste Scbriftsteller, nocb kein sicberes Beispiel fur

Gleicbsetztmg von codex imd volumen^), Ulpian redet scbarf genug,

1) Mon. Genn. SS. II 8. 297. Wattenbach a. a. 0. S. 125.

*) Ueber die Lesung dieser Zeile vgl. unten Kap. IV.

*) Brief des Pammachius und Oceanus an Hieronymus (Hieron. epist. 83).

*) Hieron. de Tir. illustr. cap. 54 haben die Worte in unum congregaret [volumen] Interpolation erfahren, wie der griechische Text zeig^ und Hand- schriften bestfttigen (rgl. éd. Migne Tom. II S. 666 Note f). Die Stelle in der sweiten praefatio in librum Paralipomenon fin. darf nicht sprachwidrig gedeutet werden, wo Hieronymus an Domnio und Bogatianus schreibt (Martianay I

Ig Die Buchterminologie.

nur Yon Yolumina, welcbe in cocKcibus (<L b. abscbrîfUicb) sich be- finden^) und bebandelt die Bucbform des volumen ûbrigens als den principiellen Gregensatz zu der des codex*). Wie anscbaulicb yerbindet dagegen funfizig Jabre firuber Gellius beide Termini der Rômer, wenn bel ibm ein starkes Bucb ein Uber grandi voluminê beisst (N. A. JLIV 6, 1); nicbt weniger anscbaulicb, als wenn Martial (X, 17) sicb aufbâlt ûber die Lektûre der longi UbdU memorum, Yon einem ^langen*^ Band oder codex wûrden wir nicbt reden konnen; aufge- rollt batten jene libeUi eine ûbermâssîge Lângendimension von der ersten zur letzten pagina. Und im Gegensatz bierzu kann denn ein dûnnes Bucb aucb hrevis charta beissen (Martial II 1). So giebt sicb nocb des Rutilius Namantianus erstes Bucb ans dem Jabr 416 deutlicb als Rolle zu erkennen, wenn es im Hinblick auf seine Dfinn- beit als Uber non muîta volumma paesue bezeicbnet wird*).

Dass in den Interpretamenta der Handscbrift 306 von Montpellier, einexn Werk, das nacb Boucberie^s einleucbtender Combination auf Julius Pollux und etwa auf das Jabr 200 zurûckgebt, %6V%oç mit volumen ûbersetzt werde, ist durcbaus unsicber, da an der betref- fenden SteUe offenbar eine Yerwirrung stattgefunden bat. Es folgen sicb (Notices et Extr. des Mss. XXTTI 2, S. 447) :

ogd'oata'njç librarius

fivfikiOfpOQtop serenium

Tsvxoç arma volumen

OtOèXêVTfjÇ ....

Ofi<faXoç umbilicus

Der (ftoèxêvt^ç (elementarius) stebt, 17 Stellen frUber, scbon

8. 1418): mm librum benevolis placiturum .... Uàicunque ergo tuterisoos id est itellas ^ radiare in hoc voluminê videriiis^ ibi sciatis de Hebraeis ad- ditum guod in latinis codicihus non habetur. Ubi vero obelus . . ., signatur qvid septuaginta interprètes addiderint ... licet in Hebmeis voluminibus non legcUur. Hier ist volumina zur Abwecbslang gesetsti ohne mit codices identisch zu sein. Auch die in Codiees enthalteDen rolumina liessen sich ja immer noch als solche bezeichnen. Aehnlich auch Epist. 119, 12: quod m laUnis codicibus legitur ... in graecis voluminibus non haberi,

^) Digest. a. a. 0.

^ Ygl. unten Kap. IL

*) Ygl. unten Kap. II.

Liber nnd Volamen identisch. \1

einmal. Bas Wort ift hier, nachdem es geschrieben war, zwischen zrrei Linien gestellt und ohne Interprétation geblieben; eingedrungen ist es yielleicht in Anklang an tsvxoç. Ausserdem aber steht Ofêgialoç auf Rasur und, es stand hier anfangs nach Boucherie^s Zengniss ein andres Wort Die Anreihung des umbilicus aber erweist das fur das zweite Jahrhundert Selbstverstandliche, dass hier Rollenbuchwesen vorausgesetzt ist ; nun muss aber auffallen, dass in diesem ganzen Abschnitt, der tïsqI didatfinaXsiov handelt, ailes an- dere, nur aber das §i§Xiov selbst nirgend verzeichnet wird! Anf %ëV%oç arma eine unerwartete Uebersetzung*) folgte gewiss ur- sprunglich fivfiXiop volumm, Ëben dies fivfiUop war vermuthlich anCangs an Stelle von ofJKpaXoç geschrieben; bei dessen Tilgung wurde volumen falschlich neben arma gerûckt.

Also volumen wird mit liber standig identisch gesetzt, und ein dickes Buch ist darum ein liber grandi volumme, ein diînnes heisst hber non multa volumina passus, Wir sind berechtigt im Yerfolg das lateinische Uber nach Belieben auch gradezu mit „Rolle^ zu ûber- setzen.

WoUen wir, um dièse BuchroUe als Trâgerin der classischen Litteraturwerke nachzuweisen, auch das Hâssliche nicht verschmahen, so mag hier an die zwei libri Câsar^s gegen Cato erinnert sein. Dass es deren zwei waren, wissen wir auch sonst'); dièse Bûcher, die, anscheinend besonders umfangreich, noch dem Juvenal vorlagen, haben diesem Satiriker VI 338 zu der hyperbolischen Vergleichung penem maiorem quam sunt duo Caesaris Anticatones^ dienen mûssen.

Deutlich auch ist Plinius Ëpist. II 1, 8; der alte Yerginius Rufus ûbt seine Stimme mittelst lauten Lesens zu rednerischem Zweck; zu- fiDig ist das Buch, das er sich zum Lesen hatte geben lassen, starker und Bchwerer als gewohnlich (liber grandior) ; es entgleitet dem Ste- henden; dieser sucht das Buch zusammenzusammeln (coUigit) und folgt ihm zu diesem Zweck nach (seqiiitur), wobei sein Fuss ausgleitet und er hinstûrzt. Wer sieht hier das Rouleau nicht sich

^) 8ie wird Kap. II ihre Besprechnng finden. >) Saeton Caes. 36.

') Gemeint ist wohl, wenn man aie aufeinanderstellt. BIrt, BncbweMD. 2

j[3 ^i® Bnehterminologîe.

auflôsen, hemiederfliessen , mit seiner ganzen Lange in wirrer Un- ordnuDg den Estrich bedecken? Seine aufgelôsten Windungen sind es, denen der ,,Sammelnde^ ,,naclifolgt^.

Die Rollennatur der fivfiXoç erhellt z. B. auch ans Herodot's Bericht, wo der âgyptische Priester ^um die Hôrner*' des Opfer- thiers ^ein Buch roUt^^). Es war dies anscheinend ein unbeschrie- benes.

Dementsprechend musste nun natûrlich auch der antike Léser statt des Aufscblagens das Buch yielmehr abrollen, wofôr die ûb- lichen Ausdrucke sind àpêXkfcfeiv, ayetlsTy*), auch einfaches éXUHffêp, sïleiv oder slleîp*), evolvere, revolvere, volvere. Nach Lukian's Schilderung (32, 9) roUt wâhrend des Lesens die rechte Hand Seite fur Seite ab, die Linke aber gleichzeitig das Gelesene wieder zu- sammen: fitfiiiov iv xoXv x^ço7y eïx^v âvo dvvs^XfHkévov , xai imx€t to (âSp %h àpayvùi(f€(fd'a$ avvov, xo âè i^âii weyyœxéyaê] und zwar las man sitzend (Xenoph. Symp. 4,27 ; Cicero De fin. III 7 ; Tacit. Dial. 3; Lukian 17,26). Abbildungen wie auf der Vase des Duris (ygl. Michaelis, Archâol. Ztg. YI S. If., Tfl. I) illustriren dies sehr schon.

WoUte der Léser einen Buchtheil bei seiner Lecture fiber- schlagen, so geschah dies gleichfails durch Abrollen desselben und WiederzusammenroUen in der linken Hand: dies hiess convolvere partem kistorioê*). Hatte man ein Buch bis zu Ende gelesen, so batte man es bis zum Ende abgeroUt: dies nannte man revolvere Ubrum ad extremum^) oder aber Ubrum explicare, Jenes expUdt, das uns die mittelalterlichen EEandschriften classischer Texte an den

^) Herod. II 38: afifiaivita^ fivfikifi tuqI xtQia iiliccoiy xal inêna y^y oijfÂayTQiâa inmkaaaç intfiâiJiêt roy âccxrùktoy,

*) àytenrvcaë&y bei Herod. I 48 u. 125 scheint vom Oeffoen eines gefftl- teten Briefes ftof Charta gebraucbt; vgl. Herodian 17 1 : yQttfAfAaxHa inrvff- fàiya; Evang. Lucae 4: ntiÇaç xai àyanrviaç.

') ikioany von einem Bach Hesiod's bei Marcus Argentarios Anth. Pal. IX 61; ein Anonymas ebenda IX 540: fàii raj^vç ^HgaxUitov in* 6fA(f>(tkoy êXktê fiifikoy,

*) Seneca contror. 5 (10) prooem. 8.

*) Plin. epidt. V 5, 5.

Dm Aof- nnd ZuroUen. BlxpUcU, 19

Buchschlûssen zu notiren pflegen, ist nichts als ein Nachklang der antiken Gewohnheit, nach welcher der Buchschluss ein AusroUen oder ZuenderoUen des Bûches war. In der Gnindanschauimg fur pUcare (^biegen^) liegt weniger das Falten als das Rollen enthalten^). Und dies Yerbum simplex selbst finden wir daher zweimal wie oompUcare^) vnà repUcare^) auf Buchrollen angewendet. Beim Seneca (Epist. 95,2) ist es eine kistoria ingens, minutisstme scripia^ arti^sime pUcatay mit der ein Recitator yor sein Auditorium tritt. Es handelt sich um das Origînabnanuscript des Autors; anscheinend war dies eine PapyrasroUe; sie war eng und straff um ihren Umbilicus ge- wickelt. Ebenso lâsst Martial (lY 82) dem Venuleius durch den Rnfus zwei seiner Gedichtbûcher zustellen und fûgt den Ratb hinzu, ilin Yoriâufig nur eines lesen zu lassen:

Si nimis est, legisse duos, tibi charta plicetur Altéra. Divisum sic brere fiet opus.

Der Sinn ist: convolvatur tibi Uber aller oder convolutus maneat,

Ist Martial nun am Ende einer seiner Buchrollen angelangt, so

ist sie damit ein Uber eapUcitus usque ad «ua comita*); und gestrenge

Philosophen wie Demokrit, Zeno und Plato, die man nicht liest,

heissen fur denselben Hedoniker dagegen inexpUciti^), So braucht

Bchon Cicero das expUcare volumen^) wie spâter Orosius^). Martiales

yierzehntes Buch besteht durchgehends aus zweizeiligen Epigrammen,

und er trôstet also seine ungeduldigen Léser damit, sie kônnten nach

jeder zweiten Zeile einen Werkschluss oder das Ende des Abrollens

ansetzen ^ :

>) Die Schlange bei Vergil Aen. V 279: plicans se in sua membra^ so wie bei Plin. X 72 dracones in se canvoluti, Vgl. Lncrez VI 1085: anelli» heanisque plicata. Daher Cicero im Bilde De offic. III 76: complicatam notio- nem amnU evolvere,

^ Cum cwnplicarem epistulam Cic. ad Qu. fratr. lii 1, 5.

') RepUcare historias veteres annalesque Hieronym. Prolog, ad Dextrum (IV> 98 Mart.).

*) Martial XI 108.

») Martial IX 47.

^ Cic. pro Kosc. Amer. 101 : veniat modo^ explicet suum volumen illud,

^) Oroa. V fin. : Explicui adiuvante Ckristo.

«) Martial XIV 1 B.

2*

20 I^io Buchterminologie.

Quo vis canque loco potes hune fin ire libellum. Versibus explicitum est omne daobns opus.

Der Grammatik bleibt die Entscheidung anheimgegeben, ob jenes

Buchschluss anzeigende explicit der mittelalterlichen Handschriffcen

(zuerst erwâhnt bei Hîeron)inus epist. 138) durch standige abge-

kilrzte Schreibung aus diesem von Martial so typisch yerweDdeten

Particip hervorging (vgl. z. B. die Unterscbrift unter Priscian^s achtem

Bûche: liber VIII de verbo explicitus felicitery) oder, ob expUcare ein

intransitives expHcere wie fugare einfugere neben sich batte*). Jeden-

falls îst dasselbe als ein Rest ait classiscben Spracbgebraucbes un-

seren Satz, dass das Bucb als Werktheil RoUe war, scbon fur sich

allein zu erweisen geeignet').

Indess kann nun ^$§Xiov auch den Brief bezeichnen, obschon

derselbe nicht nur gerollt, sondem auch unter einem Siegel gefaltet sein

konnte; dies erklârt sich leicht genug, da ja in dem Worte eben

nicht die Bedeutung einer bestimmten Buchform, sondem nur die

eines bestimmten Materiales liegt. £s ist somit fivfiUoif nur der

Brief, der auf Charta geschrieben wurde; weiter aber konnte auch

jedwedes Blatt dieser Charta den gleichen Namen fuhren, das zu

sonstigen Schreibzwecken, wie zu Kaufcontrakten , zum Conte u. a.

yerwendet wurde. Durch die âgyptischen Papyrusfunde, wie die des

Serapeum's zu Memphis, werden uns dièse Art von fi$fiUa im Dienste

der Privatskriptur vergegenwârtigt. £s bat den Anschein, als ob auf

sie, abgesehen von der Dichterstelle Aeschyl. Suppl. 947, nur das

Deminutiv, nicht aber die Form fivfiloç angewendet worden wâre.

Ja, Herodot's Sprachgebrauch sondert fitfiXiop als Brief (I 123 125;

m 40; 42; 128; V 14; VI 4) planvoU von fivfiXoç, das an keiner

Stelle anders denn als yollstândige Buchrolle verstanden zu werden

^) Ein Faar andere Beispiele fùr explicitus bei Du Cange s. ▼., auch bei Brissonius de verb. sig^îf. s. v. Die Form expliciurU wûrde danach wesentUch jÛDger und miBBTerst&ndliche Analogiebildung sein.

') So Bûcheler mQndlich.

') Einmal scheint Martial dasselbe Yerbum auch auf tabulae oder codi- cilli EU fibertragen, VIII 44: centum explicentur paginae calendarum; dass auch hier indess an eine Rolle zu denken ist, seheinen die Termini bei Seneca Epist. 87, 7 : nmgnus kalendarii liber volvitur zn erweisen.

Der Brief fitfikiov, nicht liber, 21

braucht (Il 38; 200; V 58). Daber wird beim Suidas definîrt ^i^lXov* il inunoXij. Dabingegen sind nicbt aucb Scbreibereien auf anderem Material, wie auf Wacbstafeln fivfiUoif genannt worden; wenîgstens ist mir ein Beispiel dafûr nicbt bekannt; beim Demostbenes S. 1283 ist das fitfiUâtov (juxqop ndvv^), da es vom yçafifiatsiâtov unter- acbiedeu wird, mit Sicberbeit von einem oder mebreren Papyrus- blâttem zu versteben.

Nocb weniger als fivfiloç scbeint liber fur den Brief gebraucbt. Das ^scbwere Bucb^ beim Nepos (VI 4, 2), das Pbamabazos auf Bitten Lysander^s an die Ëpboren ^^mit yielen Worten^ scbreibt, soll eine ganze Eriegsbescbreibung enthalten und ist als complètes Bucb gedacbt, welcbes als Privatzuscbrift allerdings zugleicb versiegelt werden muss*). Lebrreicber sind jene ,,Bûcber von Originalbriefen**, aos denen sicb Cicero (Yerrin. m 167) einen Brief des Vettius an Carpinatius aussucbt: Utteras . . . quas ego Syractma apud Carpinatium in Utterarum aUaiarum Ubris, Bornas in litterarum missarum . . . inveni. Hier beisst nicbt etwa der Einzelbrief liber, sondem viele empfangene Brief e wurden offenbar zu mebreren Ubri zusammengelegt; d. b. man pflegte offenbar die Briefe in den Privatarcbiven zur Aufbewabrung in Conyolute zusammenzubinden , wie es aucb wobl nocb beut ge- scbiebt, und lU>er lâsst sicb nur als solcbes Conyolut ûbersetzen. Ganz ebenso bat Cicero (ad Att. IX 10, 4) ein volumen epistulamm des Atticus beisammen und sub signo; ein nocb bezeicbnenderer Ausdruck dafur ist ,,Bûndel^, fasdculus: es sind Briefe Verscbiedener, die, Yon Cicero zu einem solcben fasciculus zusammengebunden, ge- meinsam durcb Nasse bescbadigt werden ad Quint, fr. II 12, 4. Kaiserlicbe Reskripte endlicb waren in ibrer Form nicbt Brief, sondem RoUenbucb; daber kann ein solcbes liber beissen; dasselbe wurde wobl gamicbt oder nur in bescbrankter Anzabl yervielfôltigt und kam keinesfalls in den Bucbbandel (vgl. Plin. epist. Y 13, 8).

Der Rômer beliebte aber ausserdem aucb eine deminutive Be-

1) Vgl. dftmit Polyb. 24, 2, 5.

*) Es heisst hier: petiit a Pkcarnabazo ut ad ephoros sibi testimonium daret quanta sanctitate bellum gessisset . . . deque ea re accurate scriberet . . . Huic ille liberaliter pollicetur; librum gravera multis verbis conscripsit eqs.

22 ï^>® Buchterminologio.

zeicImuDg des Bûches, zugleich dem fiifiUoy uod dem fiifiXiâêoy entsprecbend. Das Wort UbelJus ist aJlerdings besonders ausserhalb des Gebietes der Litteratur ûblicb gewesen, und bezeichnet hier technisch ohne jeden nâher bestimmenden Zusatz Chirographa ver- schiedener Art, die Elageschrift, die Supplik, die amtliche Bekannlr machung durch Anschlag oderVertheiJung (vgl. z. B. Sueton. Caes. 41). Die Wahl des Deminutivums ist von der kleinen Buchform resp. Blattform herzuleiten, die hier in Anwendung kam, sei es eine ein- zebie Papjrusplagula, sei es Wachstafe] oder Codicill.

Aber auch litterarische Erzeugnisse konnten in demselben Sinn als Schriftstûcke geringen Umfangs Libelle heissen. Zunâchst heissen so Pasquille als fliegende Blâtter schmâhenden Inhaltes und meist in metrischer Form, Monobibla minimalen Umfanges, wie man sie z. B. anonjm oder unter falschem Namen gegen Octavian richtete und in der Curie verbreitete, auf deren Widerlegung der Angegriffene sich einliess, zugleich aber verfugend: cognoscendum posthac de iis qui liheUos aut carmina ctd mfamxam cuitispiam sub aHeno nomme edant (Suet. Aug. 55).

Endlich ist der Terminus auch innerhalb der regulâren Litte- ratur in seinem natûrlichen Wortsinne zur Anwendung gelangt. Hier ist ^libellus^ die kleine Buchrolle und darum Yor allem das 6e- dichtbuch (hieruber vgl. Cap. VII).

Es verlohnt eine Reihe von Stellen beizubringen. Fur Ovid sind seine Fasten sechs libelli (Fast. II 549), seine Tristien fûnf libelli (Trist. V 1, 1); derselbe batte die uns vorliegenden drei Bûcher Amores vorher in fônf libelli edirt (Amor. epigr. init.) ; er bezeichnet als libellus ferner seine Ibis (Ib. v. 51 u. 641), seine Medicamina (Art. am. III 206), seine Remédia (Rem. v. 1), als drei libelli seine Ars (Trist. Il 1 u. 245 f.; vgl. Art. III 47), als funfzehn seine Meta- morphosen (Trist. 1 7, 19 u. 33). 'OXop fiêfiUop (vgl. Cap. fin.) heisst daher libeUm totus Trist. I 11, 1. V 1, 65; vgl. m Hbellis crescunt pa- ginae Trist. V 9, 3. Dieselbe Bedeutung bat das Wort unstreitig ex Ponto IV, 22, ebenso Amor. UI 12, 7. Trist. I, 1, 9. UI 1, 71. 14 fin. rV 1, 1 u. 35. V 1, 47. 7, 59. 9, 23. ex Ponto I 5, 71. 8, 9. IH 8, 21. IV 12, 25. 13, 9.

Auch bei CatuU ist der von Calvus geschickte libellus 14, 12 ein

Libellas. 23

complètes Gredichtbuch. Die Priapeen fiîhreii sich ein unter dem- selben Namen (2, 1). Properz wiU nach seinem Tode mit seinen très HbdU vor die Proserpina treten (vgl. unten Cap. VIII). Constant ist dieser Wortgebrauch beim Martial^); auch Statius kennt ihn (Silv. IV 9 init.).

Boch ist die Identification des liber und Ubellus gleichwohl auch in die Prosa eingedrungen. Hieronymus verwendet beides unter- schiedslosy ebenso schon Pomponius De origine iuris. Wenîger £Edlen uns bei einem Dichter wie Martial die UbelU mensorum auf (X 17); Tgl. bei Plinius z. B. Epist. VU 30, 5; VIH 13. In altérer Zeit ist die Bezeichnung des Prosabuchs aie libellas anscheinend eine Selten- heit; nur ausnahmsweise spricht Cicero (pro Arch. poeta 26) von den Ubeili der Philosophen quos de contemnenda gloria scrihunt und Ton den très libeUi de iure civiU des Brutus (De orat. II 223). Wahr- scheinlich beabsichtigt Cicero hier yerâchtlichen Ton. Unverkennbar ist dieser verachtliche Ton beim Livius XXEX 19, 12, wo dem Scipio seine griechische Bildung und unter anderm die Beschâfd- gung mit den Bûchem der Graeculi vorgeworfen wird, Ubeîlis eum palaestraeque operam dare, und in dem Vortrag des Antonius bei Cicero De orat. I 94, der seine Schrift De ratione dicendi ebenso nennt; es war in der That ein Uber sane exilis (Cic. Brut. 163)'). Auch das Zwolftafelgesetz las man als Buch oder Bûchlein; offenbar will Cicero auf die Eleinheit desselben hinweisen, wenn er rhetorisch ausruft: bibliothecas meherctde omnium phUosophorum unus mUd videtur XII tabvlarum Ubellus . . . superare (De or. I 195);

>) Mit Unrecht wird in Martiftlis liber primas éd. Flach (TQbingen 1881) gleich in der ersten Note ftngemerkt: „in mets libellis eerte de carminibus in- tellegendam, non de libris'* nnd dann viole Martialstellen ebenso gedeutet; sicher ist die Buchrolle in violon Stellon Martial's gemeint wie II 6, 10; IV 86, 2; 89, 1; n 48, 3; X 17; III 2, 1; VII 12, 1 u. 8; VIII praef. fin.; VIÏI 72, 3; X 2, 1; 104, 1; Il 23; XII 1; 108; VII 90, 1; V 6, 19; IV 10, 1; XI 16, 3 n. s. H Von diesen Stellon ans kônnen wir das Wort bei Martial ûberall als Bach Torstehen, wo kein dentliches Indicium dagogen spricht, sowohl I 4, 1 als I 1, 3 (rgl. Friedl&nder, Sittengesch. Roms III S. 376).

') Wenn auf dièse Stelle Hieronymus in seinen Briefen anspielt (IV S. 229 éd. Mart.), so scheint er bemerkenswerther Weise libellas dasolbst mit brefje et solum vohtmen wiedergegeben En haben.

24 ^î® Buchterminologie.

yielleicbt dûrfen die zehn libeîU des Scaevola de inre ciyili (ebenda I 242) ebenso verstanden werden.

Aus der Hauptbedeutung des Deminutivs, jedes Chirographum gerîngen Umfanges betreffend, erklârt sicb endlicb aber, dass in einem Sammelbuche kleinerer Gedichte auch das Ëinzelgedicht damit be- zeichnet wird. Conséquent ist Statius in diesem Gebrauch. Die fonf Bûcher seiner Silven heissen in den Prâfationen stets ^libri*', die Einzelgedichte zum Unterschied stets ^libelli^. Dièse Ausdrucks- weise ist eine uneigentliche; denn jedem libellus eignet râumliche Selbststandigkeit; es wird hier fingirt, dass jeder Libell im Uber fur sich an die Adressaten abgehe. Dies kann nichts so verdeutlicben, als Martiales Epigramm X 1:

Si nimioB rideor aerftqne coronide longas Esse liber, legito paaca, libellus ero. Terque quaterqae mihi finitar carminé parvo Pagina: fac tibi me quam cupis esse brevem.

Das Paradoxon des Witzes liegt hier eben darin, dass der libellus in Wirklichkeit nicht Raumtheil eines liber sein kann; dem Léser fallt die Aufgabe zu, die Theile, die er nicht lesen mag, als Luft anzusehen.

Die cylindrische RoUenform brachten die Griechen ursprung- lich nicht zum Ausdruck. Um so wichtiger ist eine Stelle des Diogenes Laertius (X, 26), wo er von den gegen dreihundert Biichem des Epikur die sechsundachzig besten sich anschickt namhafb zu machen: yéyoys âè 7wlvyQa(p(ûTatoç o ^EnlxovQOç nccyzaç vtuq- fiaX6fi€P0ç nl^d'€$ fi^fiXiav' xvltvÔQOt fièp yciQ fiQOç vovç TQiaxoaiovç elal xtX. Dies ist, so viel ich sehe^ das einzige Mai, wo im Zusammenhang mit aiten Bûchercatalogen zugleich so an- schaulich geredet wird.

Eine andere sehr affectirte, aber nicht minder anschauliche Be- zeichnung ist die des Bûches als Speer- oder Stabtrâgers. Lukian (25, 16) erzâhlt yon einem gewissen Litteraten mit Namen Kalli- morphos, er habe die Bûcher seines dûrren Geschichtscompendiums in folgender hochtrabenden Fassung betitelt: KaiJUfjbOQfpov latQOv T^ç xdv xoptO(p6QO)p IxTij^ç itnoQiùûP UaQd'ixùiv] hier scheint xoyro- (pOQOt eben eine dichterische Umschreibung fur fivfiJiot zu sein, „die

Kvltvâçoç, xovrotipoçoç, iviiXij^a, rôfjtoç. 25

den Omphalos oder RoUenschaft tragenden^, und damit wird sich das spâte xovtaxtov yergleichen lassen.

Erst als Nachahmiing des Yolumen der Rômer erscheint dagegen das seltene ipsiX^gàa, das in den Alterthûmem des Josephus zuerst auftaucht (XII 2, 10) nnd nie eigentlich fester Terminus geworden ist, ingleichen das spâte slXijTdQêOP xaqxAov (z. B. Sexta Synod. Gonstantînopol. Act. 14 zweimal).

Nach dem Aeusseren der Mâche aber heisst das Buch auch tOfAOÇ „der Schnitt^, und zwar nacliweislich erst seit der alexandri- nischen 2^it. Frûbester Beleg mag der Antistheneskatalog beim Diogenes sein (YI 15 f.), der ohne Frage alexandrinischen Yerzeicb- nissen entiebnt ist und auf den wir in unsrem letzten Capitel zu- rûckkommen werden. So wie die Papierscheere xaqiOTOikOÇ ist (Gloss. Stepb. = aïkiXot) und ein Papierscbnitzel xaqxôxoikov (Scbol. A zu nias 15, 389), so ist aucb der einfache TOfAOç immer nur aïs abge- schnittene char ta papyracea gemeint: Hesych und Suidas er- klâren ihn mit ô xâQtijç, Ammonius mit b TS^vôiksvoç xdqTfiç, und nicht anders braucht ihn Martial I 67. Wenn hiemach nun das Litteraturbuch benannt wurde, so wird uns dasselbe damit als ein dorch Theilen oder Zerschneiden isolirtes Stuck Charta dargestellt; d. h. rofioç bezeichnet das Buch als Werktheil. Das Wort tritt indess bibliothekarisch nur gelegentlich fur fitfiXiop ein, sowohl in Buchinscriptionen der Handschrifben (wie beim Rhetor Hermogenes) als auch in bibliographischen Angaben, wie oben ûber Antisthenes oder wie bei Suidas z. B. im Apolinarius-Artikel : syçaips xara- Xoyaôfiv xazà UoQîpvQiov roi âvtftfefiovç t6[aovç X. Auch Euse- biu8 nennt also seine Bûcher (Hist. eccles. X init.), und Marc Aurel «rzàhlt bei Fronto (ad M. Caes. 2, 13): feci excerpta ex Ubris sexaginta in quinque tonds, Deminutiv dazu ist TOfAciçiov (Conc. Cp. lU act. 14 p. 978) wie zu fiifiXlop fitfihâccQiov; wie sich dazu ifi^/t^a verhâlt (vgl. z. B. Photios Bibl. cod. 69: âtaïQsïtat to (înovâaafia elç TfMJ- fàcna 1$ Yom Hesychios Milesius), kann hier noch nicht erortert werden. Uebrigens scheint die Anwendung dièses Terminus erst in spâterer Zeit \md zwar, wie man vermuthen môchte, erst im Gegen- satz zum tsvxoç, dessen Gebrauch sich immer mehr ausdehnte, hâufiger geworden zu sein. Denn es ist hervorzuheben, dass gerade

26 Die'Bnchtenninologie.

er klarer und schârfer als aile anderen die Papyrusrolle iind nur aie allein bezeichnete ^).

Fur dièse Thatsache ist nichts instruktiver, als die Bûcherschau mitzumachen , die im spâten, neunten christlichen Jabrhandert der Patriarch Photios ûber die griechische Litteratur hielt. Sie lag ihin vor in 280 Codices. Unstatigkeit im Gebrauch der antiken Ter- minologie mûsseu wir hier also gewartigen. Derselbe stellt sich nun folgendermassen heraus: têvxoç ist fur Photios lediglich Raumbegriff und bezeichnet nie ein Werk als solches, sondem stets nur den (Pergament-) Codex, der eine Mehrzahl Ton antiken Bûchem, àbet auch eine Mehrzahl von antiken Werken aufzunehmen im Stande ist: wie z. B. die Hypotyposeis , die Stromata und der Paidagogos des Glemens Alexandrinus drei t€vxV ^^^^^^ (<^od. 109), wie aber andrer- seits in ein und demselben têvxoç ein Baethos, Pausanias, Borotheus und Moeris sich zusammenfinden (cod. 154 157). Dagegen ist der Begriff fitfiXiop fur Photios zweiseitig, ja dreiseitig entwickelt und heisst bald im antiken Sinne das Einzelbuch (so z. B. cod. 58 Arrian^s Parthica fiipXioiç i$'; cod. 77 beide ixôôasiç des Eunap èv fitfiUoêÇ »(f zu je einem tetfxoç] cod. 62 stehn fiifiUa und Xôyoê identisch u. s. f.), bald heisst so das Werk als Ganzes (so steht cod. 70 Diodor^s §t§Uov IcnoQucop iv /a' JloVoiç; cod. 15 nqaxvhxov t^ç nqtivffç avvoâov èv y tdfAOïç. rslaffiov âè sipèQS to fi^fiUop iruyQaç^y^ cod. 28 ^ filfiloç iv TOfAOïç $'; vgl. noch cod. 38 u. a.; am deut- lichsten aber cod. 72 §i^Uov Ktijalov tov Kvidiov JIsQaêiui iv fitfiUoiç xy, Ja, cod. 34 zerfallt des Aûicanus l(noQtxov als fiêfiXiav sogar in funf TeiixfiY), bald endlich steht pifiUov aber auch als neuer Raumbegriff geradezu fur têvxoç (so heisst cod. 40 die Kirchen- geschichte des Philostorgos âi évoç fitfiXiov TOfAOïç 1$ CVfinXfi-

QOVflévtl).

*) Ganz irrig sftgt Bergk Litter. Gesch. S. 230 Note: „'rôf*oç enthielt immer mehrere kleinere Schrlften oder ein aus mehreren Bûchern bestehendes Werk!^ £r bringt nar zwei Beispiele fRr diesen, durch daa Obige widerlegten Satz^ und dièse sind voralexandrinisch : Ëpicharm und Antisthenes. Vgl. darûber den letzten Abschnitt.

') Nach dem dyiyt'oiad-ij wird fitfikioy bisweilen weggelassen, und danaeh mu88 Cod. 37 gelesen werden: dHckêyô/mya iiçayoy nçôctana.

Tomus. 27

Man sieht: der grosse UmfoQg des Lexicon des Suidas hinderte nicht, dass yod ihm im Hinblick auf den nipal^ râv iv jmidfiq ovoïkatti&v des Hesych gesagt werden konote: oif irurofuj i0t» %ovro TO fitfiUop^). Wie viel aus dem Suidas-Artikel ^InTtoxqdTfiç Kmoç dem Hesychios Milesius angehôrt, îst durchaus unsicher; die Yerwendung von fiifiXoç fur eine SammluDg mehrerer Bûcher yindi- cirt seine Fassung yielmehr dem Suidas').

Dahingegen steht nun aber tofioç beim Photios niemals fur têvxoç; niemals auch steht es, um ein ganzes Werk zu bezeichnen; sondem stets bleibt rofjboç die antike Rolle oder das Ëinzelbuch, als TheilbegrifF eines Gesammtwerkes (vgl. ausser den schon im Obigen mitgetheilten Beispielen noch cod. 15, 21, 27, 29, 28, 41, 88»), 95, 116, 117, 118, 163; 110 zerfallt ein tsvxoç in drei to/ao»; Tgl. cod. 152, wo TOfAOê und Xoyoi gleichstehen.

Eine Papjrusrolle ist denn auch noch unter dem thomus carti- cmeui iam ex magna parte vetuatate consuntue zu verstehen, der in Marini's Papiri diplomatici (N. XIII fin.) erwâhnt wird, wozu Marini fur den Sprachgebrauch jener Zeiten anmerkt (S. 221): tomi, tomuU earticmei, e earUcei e PrivUegj carHcei e forse anche tond ânhûç dice- vansi . . . t rotuii, stXfitaQiaj di Papiro, né* qtudi erano scritte Boîle, diplond ed altro per distinguerli dai libri e codici u. s. w. Noch Gre- gor von Tours (X cap. 19) erwâhnt in diesem Sinn chartarum tomoa^). Den Namen Tomochartae bringt Marini bei noch fur die Zeit Gre- gor's Vn und Ludwig des Frommen.

M Bernhardy p. LV und O. Schneider Callim. II S. 23 halten dièse Worte mit Unrecht fur interpolirt. Naeke De Choerilis S. 35, Volkmann De Suidae biognphicid II S. 729, Nietsache Rh. Muh. 22, S. 193 giauben, dass die er- haltene Epitome des He.^ych hiermit bezeichnet sei. Lehrs Rh. Mus. 17, S. 453 und Wachnmuth Symbola philol. fionnensium S. 138 nehmen sie mit Recht fQr echte Worte des Suidas und verstehen fitfikioy von dem Lexicon, soweit es „Gclehrtenlexicon'* ist.

') Nicht YoUkommen ricbtig beurtheilt also Flach dieaen Artikel im Rhein. Mas. XXXV 213.

*) Tofjiot ai TO fi^filiov TQilç ist hier gesagt wie cod. 163: rôfÂOi' âé fia&y fiifiXioy $fi\

*) Du-Cange, Charpentier s. v. erkl&ren sie mit Regesta, Scrinia, in quibus plnres chartae continebantnr.

28 ^>® Baehterminologie. -

Wo immer uns der Tomus begegoet, werden wir also eiaen Hin- weis auf die antike Rollenform erkennen. Uebrigens scheint der Ausdruck nicht eigentlich von Monobibla gebraucht worden zu sein dièse sind einheitlicb und also einem ^Schnitt^ nicht ausgesetzt ^, sondem meist bei mehrbûcherigen Werken. Baraus mag sich erklâren, dasB Origenes, um seine vielbûcherigen Commentare zur heiligen Scbrift Yon den einfachen Homilien zu unterscheiden , in denen er die Scbrift populâr ausgelegt batte, die ersteren schlecbthin als tond diesen Homilien entgegensetzte. Hieronymus berichtet Ton ibm'): Mille et eo amplius trtictatus . . . ediéHt; rnnumerabilea praeterea corn- mentarios quos ipse appellat TOfJtovç, Anderswo theilt Hieronymus des Origenes Werke in axô^^cc, ofultaxà und tof^ot*). Und so erklârt sicb die Art, wie derselbe Autor sonst auf die Commentare Bezug nimmt, handelnd yon der Zulâssigkeit eingehenderer Kritik des Bibel- textes*): De AdamanHo autem sileo: cutus nomen . . . tneo nomme in- vidiosius est: qui cum in HomilUs suis quas ad vulgtim loquitur com- munem editionem seqiuitur: in tonus, id est in disputatione mcdori hebraiea veritate stipatus .... interdum Unguae peregrinae quaerit auxiUa,

Zu téfjboç bildet Xôyoç gewissermassen den Gegensatz. Indess sel dieser Terminus hier nur im Yorbeigeben beruhrt, da er fur unseren besonderen Zweck nichts austragt. Auch Jiôyoç heisst Buch, und ein grôsseres Werk setzt sich aus mebreren loyoê zusammen. Hâufig ist der Name wiederum beim Photios anzutreffen; schon im Yoraufgehenden sind Beispiele aus ihm aufgefûhrt, die sich leicht yermehren liessen. Es ist kein Zweifel, dass Photios auch hierin einen altclassischen Sprachgebrauch fortsetzt. So werden denn in der handschriftlichen Tradition die Bûcher als Xéyoi inskribirt beim Xenophon yon Ephesos, beim Quintus Smyrnaeus, in den Sibyllini- schen Bûchem, bei Pausanias, beim Plutarch tisqI tijç ^Ale^ccpâ^v

1) Epiai, ftd Pammachiam et Oceanum IV S. 346 Mart. (Epist. 83 VaiL); Ygl. auch S. 405: HomUias dus transtuli et nonnulla de tamis.

') Praef. interpret. Ëzechiel.

') praef. in librum Hebraic. quacstionum in Genesin (II S. 506 Mart.). So eitirt denn Hieronymus auch entsprechend die Commentare nach tomi: Origenes in quarto Pauli ad Romanos i^tjyi^attay xôfAt^ de circuincisione magni- fiée disputavit (Brief 35).

loyoç (evyyQafAfia, avyrayfta). 29

Tvx^Çj in des Lukian ^AXtj&fjç Ufroçlay im Jûdiscben Krieg des Josephos. So kann schon Galen ein siebentes Bucb als ifiâofiov Juiyov citiren*). Wâhrend %6ikOç das Buch als The il eines grosseren Ganzen hinsteUte, so wird es dorcli Xôyoç umgekehrt verselbstandigt and zwar oft mehr, als sein Inhalt berechtigt. Ob wir Xé^oç als ^Erzâhlung^, ob als ^Auseinandersetzung^ fassen, immer liegt die Vor- stellung eines sacblich Abgeschlossenen darin, was von vielen Bûchem in Wirklichkeit nicht eigentlich gelten konnte. Die râumiiche Selb- stândigkeit des Bûches scheint dies yeranlasst zu haben. Termine- logisch merke ich an, dass zwar wohl gelegentlich mebrere Xôyoh als y^Reden^ in einem fiifiUov Platz haben konnen, dass auch ûber- haupt jedes grôssere Exposé pluralisch Xôyoê heissen kann (Herodot 1 184 und ôfter), dass aber meines Wissens nie nmgekehrt ein mehr- bûcheriges Werk singularisch Xoyoç heisst: mit der Buchtheilung irird der Xoyoç zu Xoyoï.

Das Griechenthum der spâteren Kaiserzeit schritt sodann zu einer analogen terminologischen Neuerung weiter. Nun hiess das Einzeibuch einer Pragmateia nicht nur Xoyoç, sondem sogar (fvy" yQafifUX, avvrayfjta, sogar T^ayfiaréia, Schon Origenes spricht so und erôffnet sein siebentes Buch contra Celsum: ccQXùifMÔ'a xal ifi- ôofAOV (rvyyQdfAfÀatoç, Sextus Empiricus schliesst das erste Buch der nvqqtivuoi VTiOTvnaiaetç mit anagvil^ofMV nQ&tov x&v viïotvn. Cvvrayika und entsprechend das zweite und dritte. Der griechische Horapollo bricht das erste Buch seiner Hieroglyphica als nqâtov {fvyyQafifjta ab und erôffnet das zweite als TtQayfAatsia âevréça. Aehnliche Stellen aus Theodoret, Euseb u. a. sind kurzlich von Neumann zu seinem Julian zusammengestellt worden').

Hiem&chst sei an eine andere Thatsache erinnert. Wir sahen: fur einen Photios war der Buchbegriff so yieldeutig geworden, dass er Yon einem fiifiXiop iv fitfiXioiç xy reden konnte. Sonstige byzan- tinische Schriftsteller machen es nicht anders, wie Bassus im zehnten Jahrhundert, wenn er das Sammelwerk der Geoponica in zwanzig

^) Vgl. Stephanas Thesanr. s. r.

*) Neumann, Joliani imper, librorum contra Christ, qaae supers. Leipi. 1880 S. 99.

30 ^^® Bachterminologie.

Bûchem mit der Bemerkung einleitet: Ta duzq>6qoiç . . . àl^ikiva

0vXk£^aç elç iy tovxï to fiêfiXiov ^yté&suta (praef. inît.). Im

Alterthum selbst war dles anders. Bas moderne grÔBsere Werk

zerfallt in Bande, und es selbst heisst alsdann nie „Band^:

ebenso zerfiel das grossere antike Werk in Bûcher, das Gesammt-

werk aber hiess alsdann niemals „Buch^. Bie Persica des Ktesias

fur ein fiifiXiov zu nehmen wâre in der Zeit des August oder Trajan

ebenso lâcherlich gewesen wie ein Uber ab urbe condUa als Hinter-

lassenschaft des Livius. Nur der Gebrauch des Plural war hier

môglich.

Biese Thatsache ist allgemein anerkannt. Ber FûUe yon Gram-

matikercitaten yerdanken wir, dass auf diesem Grebiet nichts so sicher

garantirt ist als sie; und wenn uns Citate aufistossen wie z. B. fur

den Chrysipp iv tA nsQÏ xaXov xai ^âoyijç (Athenaeus S. 9 C) oder

auch ip nsQÏ xaXoi (Athen. S. 1 58 B), wâhrend das Werk sonst

entweder pluralisch iv totç tkqï vov xaXov oder mit Buchzahl bis

zum siebenten citirt wird'), so wissen wir, dass in obigen FâUen die

Buchzahl ausgefallen. Nur auf ein Paar weitere Yersehen in der

Ueberlieferung sei hier noch au&nerksam gemacht So bat Yopiscus

(Tac. c. 10) die Annalen des Tacitus nicht als liber einfuhren kônnen;

dièse corrupte Stelle wird in einem anderen Zusammenhange zu be-

sprechen sein (Cap. VU). So konnte Ovid betreffs seiner Metamorphosen

nicht schreiben (Trist. I 7, 33) :

Ho8 quoque Bex versus, in primft fronte libelli Si prAeponendos esse putabis, habe.

£s ist entweder prinU oder wahrscheinlicher libellis herzustellen. So konnte Cbarisius S. 113 K. Yarro^s dreibûcherige Schrift De poematis nicht fur ein Buch nehmen, wenn er, handelnd von der Bildung des Ablativus, bemerkt: poematis, quamviê roHo poematHme faciat. Nom sic inscribit Varro libro suo de poematis. Gharisius wird hier Ubros suas geschrieben haben. Wenn Apuleius Be nota aspira- tionis S. 107 éd. Os. Varro in libro de origine Unguae latinae citirt haben soU, so ist hier imi so gewisser die Buchzahl ausgefallen oder tn Ubris herzustellen, da Be diphthongis S. 125 richtig pluralisch m

') Vgl. Birt De Halieut. S. 86.

Dm Gesamiiitwerk heisat nicht ^fiuch*'. 31

Ubriê de origine Unguae lat citirt wird. Gellius erzahlt yon den lateinischen Annaleii des Fabius, die er in einem Bucbladen gefunden habe: der Bucbbândier bebauptete, das Werk sei von Abscbreiber- Tersehen gâozlich firei und ein zugezogener Grammaticus habe da- ^gen ein solcbes Yerseben im yierten Bûche nachgewiesen : osten- débat grammaticus ita scriptum in libro quarto eqs. Dièse Bucbzahl beweist, dass es von diesem Grammatiker bei Gellius nicht zugleich heissen konnte: repperisse unum in tibro mendum dicebat; es muss entweder uno in Ubro oder unum in libris geschrieben werden oder die Zabi JV ist von dem M von mendum verschlungen worden. Weniger sicher lâsst sicb ûber ein Citât des Servius zur Aeneis 1 368 lutheilen: eine Besprechung der Stadtanlage Cartbago's wird hier aaf Cornélius Nepos zurûckgefuhrt, und zwar m eo Ubro qui vita iBustrium inscribitur, Der Titel ist jedenfalls incorrekt; er musste entweder heissen de vita iUustr. vir, (so giebt Nepos selbst wenigstens den Specialtitel in der praefatio des erhaltenen Bûches: liber de vita exceUentium imperatorum) oder aber vielmehr einfach illustrium virorum. Das betreffende Werk zerfiel mindestens in sechzehn Bûcher, fietrachten wir die sonstige Citirweise, so steht entweder ein Special- titel des Einzelbuches: so der eben aus Nepos selbst gegebene oder De historicis graeds (Nepos Dio 3), De Metoricis laUnis (cod. Guelferb. Gudianus 278); andrenfalls heisst es und zwar immer ohne vita entweder De viris iîlustr, XIII (Gell. 8, 1), De vir, Ul. secundo (Charis. S. 220 K.) oder genitivisch: Corn, Nepos inlustrium virorum Ubro XVI (Charis. S. 141), Corn. Nep. inlustrium XV (Charis. S. 141) und jedenfalls ursprûnglich ebenso bei Diomedes (S. 410 E.) : Nepos inlustri [um . . .]. Dies fôhrt dahin, beim Servius fur vita eine Zabi (wie VIIII) zu vermuthen oder anzunehmen, dass Servius bei Ueber- nahme dièses Citats aus einem ihm unbekannten Werke ungenau veifEihren ist^).

Richtig steht dagegen der Singular im 48. Briefe des Hierony-

') Bitschl bat in eber beilftufigen Bemerkung, Opuscl. III S. 454 Note, in gewifls unzoliasiger Wei^e, entgegen dem sonstigen Consensus der Sprache ans mehreren der angef&hrteQ Stellen dem liber der Bômer auch die Bedeu- toDg «GeBammtwerk" zn yindiciren versncht.

32 l^i® Buchterminologie.

mus (§11: per omnem îibrum; § 20: m libro nostro; § 15: dûimuê in eodem volumine) ; es handelt sich in dieser Selbstrertheidigung zwar um seine zweibûcherige Schrifb adversus Jovianum, in Wirklichkeit aber speciell nur um das erste Buch derselben Qber die Ehe, das allein Anstoss erregt batte ^). Ëbenso bereinigt sich eine Schwierig- keit beim Commodian, dessen Instructiones zwei Bûcher umfassen, wâhrend doch Gennadius nur einen liber quctsi versu adversus paganos von ihm anfiihrt; das erste Buch der Instructiones ging eben unter diesem SondertiteP).

Der Terminus JU^^xoV fur lexikalische Werke, zu dem fi&fiXiay zu ergânzen ist, ist nicht antik '). Die Xé^€$ç des Alterthums waren eben meistens so umfangreich, dass sie Yon einer Yielheit yen Rollen aufgenommen werden mussten.

Und warum, fragen wir nun, war es ûberhaupt nicht môglich, eine solche Yielheit auch singularisch als Gesammtwerk unter dem Namen fitfiUov zusammenzufassen? 0£fenbar eben deshalb, weil

^) Im cweiten Buch adr. Jorianum batte Hieronymus die Thesen wider- leg^: 1) dass, wer getauft und wiederg^boren sei, nicbt mehr yeraucht werden kOnne; 2) daas Enthaltsamkeit in den Speisen keiDen besonderen Werth habe; 3) dass aile, qui baptisma suum serTaverint, im Himmel imterscbiedloa belohnt wûrden.

*) Vgl. Gennad. de script, écoles. 15. Die Herstellung der swei Bflcher wird Oehler yerdankt; aber nur das erste (Acrost. 1 46) ricbtet sich gegen die Heiden; das cweite vielmehr an die Christen. Ebert, Gesoh. der Litterat. des Mittelalters I S. 87 erkl&rt fthnlich. Jedenfalls ist nicht das carmen Apo- logeticum des Commodian gemeint. Vgl. noch denselben Ebert AbhdL s&elis. Ges. Wiss. V S. 387 ff.

>) Das Wort ké^ixôy (fiifikioy) ist sp&t und unsprachgem&ss Ton jU|k abg^Ieitet, wocu das cug^horige Adjektiv correkt vielmehr léxiucoç laateta, wie ditxnxtaç su dii^tç, raxnxà zu râÇêç, Zuerst steht es yielleicht im EtymoL Magn. S. 221, 33, wo erw&hnt wird, Epaphroditos habe iy vnofAytjfuxn 9'* 'iXtaâàç als Zeugen angef&hrt KUitaqxoy Aiytyqnjy kiiêxoyQâff-oy, Dem Ver- fasser des Etymologicum (swischen Photios und Eustath) ist hier das Wort lor Last su legen, das Epaphroditos schwerlich sohon so verwenden konnte. Sonst scheint sich der Titel ktÇtxoy filr Xi^iiç ûberall als sp&t su erweisen (b. Bekker Anecd. 8. 1094 wird dem Porphyrio ein liiixoy -my iyâUt^irmy yça^pw sugeschrieben, gewiss nicbt mit genauer Titelnennung, so wie Eustath 8. ISST, 4 von ^tjTOQ^xà kë^txâ redet; ebenso auch Photios).

UÇtxôy nieht antik. BoUenbQndel. 33

fi$fiXiov, ein RaumbegrifP, ausschliesslich nur die einzelne RoIIe be« dentete.

Wodurch wurde nun die Einheit antiker Werke als solche in technischer Sprache ausgedrûckt? Zunâchst nur durch ihre Sachtitel wie Xé^siç îtfTOQtat atmaies u. a. Indices. XJnd die sonstigen Be- zeichnungen wie opus optLSCulum scriptum nolt^tfêÇj nolfiy^a^ ^YYQ^^» (fvyyçafàfMc, nQayfkaxëia waren um nichts concreter als sie. Fur RoUen, deren jede fur sich um eînen Stab gewickelt war, konnte es nicht sehr zutrâglich sein noch weiter unter sich verbunden zu werden. Die einzige Môglichkeit war namlich, dass man sie mit Band zu Fasces-âhnlichen Bûndeln zusammenband, und dies ist in der That ofter geschehen; auf den Bildem zur Notitia dignitatum sieht man solche Bûndel; sonst erfahren wir einmal beim Aristoteles von Schriften des Isokrates iv âetffbaïç^); Gellius, von Griechenland rûckkehrend, findet in Brundisium einen Buchkramer, der solche Bûndel ausstellte (1X4): fasces Ubrorum expositos vicUmus; der Erzâhler fugt hinzu, die Rollen seien von langem Liegen schmutzig und widerwârtig an- zusehen gewesen; vielleicht war die Art der AufbeWahrung daran mit Schuld; das zarte Material musste durch sie leicht verbogen und grôblich verdorben werden; ich erinnere nur an jenen Protest beim Petronius (c. 102): lebendige Menschen dûrften nicht packetweise eingewickelt werden: das thue man ja nicht einmal bei guten Klei- dem, weil sie Falten bekommen, noch auch beim Buchpapier, ^das zusammeogebunden seine Form verliert^: chartae aUigatae mutant figuram'^). Die ideelle Zusammengehôrigkeit der Bûcher scheint zur

*) VgL unten Cap. IX.

^ Dass die /ocra* ayQa(poê in S&cken transportirt worden seien , ist danim gewiss schwer su glauben, obschon ein Theopompfragment (125 Mûller) anf solche Annahme su fdhren scheint. Unter einer Beihe yieler Geschenke, welehe Aegypten dem PerserkOnig bei seinem Eincug entgegenbringt, wird hier nach der Ueberlieferung bei Pseadolongrin nfçi vi^ovg 43, 2 auch aufge« s&hlt xttl noXXol fjiày aQtvfJiâjtav fjiéâtfAvoh noXXol de d-vkaxoi xcei trâxxoi xal jfo^nr* pvfiXitoy xai niy âU.(ay anâynoy XQ'J^^f*^^» toaavra ai xçia xtL Qende dièse Worte Theopomp's sind es, ûber die sich der Eritiker ITêçi vtpovç nn Nachfolg^nden besenders anfh&lt, ohne doch dabei speciell auf die fivfiXkc snrfleksakommen. Die Stelle ist sicher yerderbt; denn der Genitir nov akX(ûy ànâynay x^ffoifÀtay bat nicht, woron er abh&ngen kSnnte; der Conjektur des Birt, Buchwefen. 3

34 l^i® Buchterminologie.

râumlichen gemeinhin nur durch die gemeinsame capsa oder cista, den nidu8, die loculi, das scrinium oder endlich durch die Bibliothek Belbst ge-worden zu sein, die in kleineren Privathâusem auszufullen ja schon der eine Livius hinreichte. Vor ailem war sie aus der Uebereinstimmung der numerirten tituli, etwa auch noch aus dem gleichfôrmigen Charakter der Emballage zu entnehmen.

Musste sich der Buchinteressent gewisse Werke nun gar aus fûnfzig oder huudert oder mehr Einzelrollen zusammensetzen denn fur den Benutzer zerfalJt ein Werk nicht in Bûcher, es summirt sich ihm erst aus solchen , so liess sich in dem Chaos so vieler gleich- artiger Rouleaux schwer controliren, ob nicht das eine oder andere fehle, es Hess sich schwer Unordnung und eine Stôrung ihrer Reihen- folge Yom ersten bis zum hundertsten Stiîck yerhiîten, und so war es verstandig, etwa je zehn oder je funf von ihnen zu XJntergruppen zu vereinigen, durch deren Vermittlung ein XJeberblick iiber das viel- theilige Ganze ermôglicht wurde. So zerûelen z. B. die achtzig Biicher rômischer Geschichte des Dio Cassius in Dekaden^), die

Toupius /i;rça» fioXfiwv wird man ungern an Stelle der /Açra» fivfikitav Raum geben, die doch grade als Geschenk fQr Aegypten bo charakieristisch sind. Athenaeos bringt nun S. 67 Ë dieselben Theopompvrorte verkQrct: noXXol fiiv ftQTVfÂi'tTtay , TtokXoi dt atéxxot xitl d-vkaxoi fiifi)Ua}y xai Tiay ttXXtûy imàyrtav rctfK XQ*J^^^^^ nçoç roy fiioy; bier ist zwar offenbar fitdifiyoê auagefallen, jenem grammatiscben Anstoss scheint bier dagegen glflcklich abgeholfen, und wir mOssten also xai j^cv^rn» bei Pseudolongin ffir interpolirt nebmen, wenn wirklicb crnxxo» ^tfikiojy sachlich glaublich wAren. So scheint es vielmehr ge- ratben, sich nach einer anderen Abbûlfe umzuseben; eine gute Redefolge er* giebt folgende Umstellung: xttl nokkol ^tv àqrvfifcnav fiédifÀVOi, Ttollot cfé xai Tioy aXXvjy unuynay /çiycr/^wv S-vktcxot xai aôxxoi xai /açrai ^v^kiioy, Tocavra di xgéa xrk. Dièse Restitution bat sur Voraussetzung, dass die irrig^ Wortrerstellang scbon in der gemeinsamen Vorlnge des Athenaeos und Pseu- dolongin Plate batte; aber aucb wer dem Emendationsweg des Toupius folgt, bat fQr die Verscbreibung so weit zurQckeugeben. Noch sei erinnert, dass aucb in den Interpretamenta des Montepessulanus als Gegenstand beim ludus iitterarius der saccus erw&bnt wird. Hier wird man doch wobl nicht an BQcher- tascho oder ^Scbulmappe** denken dûrfen, sondern an das marsupium, in welcbem etwa der Scbûler dem Lehrer das Lebrgeld brachte.

^) Suidas 8. V. Jitjy ô Kaaa&oç :tyQaipi '^PiûfÂfàxijv laioçiay iv fii^ioêç n, dM^çovytat di xccrà déxndaç.

Dekaden, Pentaden. aùvra^iç. 35

zweite AuBgabe der Argolica des Binias in AbtheilungeD Yon etwa gleichem Umfange*). Fur Liyius selbst zerfiel sein grosses "Werk in Sachtheile (partes smgulat tanU operis praef. XXXI; so Theil I die altère Geschichte, Theil II die punischen Kriege), wie er denn sein Werk in Theilen hinter einander erscheinen liess; Buch CEX bis CXVI existirten als Geschichte des Bûrgerkrieges mit selbstândiger Buch- zâhlung noch spâter. XJebrigens aber wurden beim Livius, gewiss schon frûh, auch die âusserlichen Dekaden beliebt, wozu das Werk znm Theil selbst einlud^); und eben in Dekaden sind seine Reste auf uns gekommen. XJeberlieferung der BuchroUen nach Pentaden lâsst sich auch fur Diodor's Bibliothek aus seinen Resten mit Sicher- heit erschliessen. Ueber die Hexaden und Triaden des Varro vgl. unsren dritten Abschnitt.

Wir erhalten fur den Ordnungsbegriff avt^va^irÇ (oder (fvPTayfia) drei Funktionen. Einmal ist er die Untergruppe eines grôsseren Werkes wie bei dem soeben erwâhnten Dinias. Zweitens lag es aber auch im Interesse der bibliothekarischen Contrôle bei einem Polygraphen wie Chrysipp seine Gesammtwerke verschiedenen Inhalts ab solche gruppenweise anzuordnen, und CVPtal^tç begreift hier also umgekehrt eine Mehrheit gleichartiger Werke von geringer RoUen- zahl, so z. B. die zweite avpra^tç seiues tÔttoç koyixoç vierzehn Bûcher in acht Werken, die zweite seines xànoç loytxoç ngoç tovç lôyovç xai tovç tgonovç siebzehn Bûcher in zehnen. Aus dem- selben Gesichtspunkt vereinigte Porphyrios die vierundfûnfzig selb- gtandigen Monographien ungleicher Lange seines Meisters Plotin zu neungliederigen Abtheilungen oder Enneaden. Endlich aber ist avp- ra^êç auch die Einheit eines grossen und vieltheiligen Einzelwerkes selber (vgl. Polyb. I 3, 2; Diodor I 3, woselbst auch avptccyfba, XTV 117, XV 95; Plut, n 1043 Wytt; to avyrayfAa Ttjç ïfnoglaç ^IxTVOÇ, Suid. ; avytayfia als Gegensatz zu ybOVÔfiifiXoç bei Suidas s.

^) Die Theile hiessen auvra^nç, waren numerirt und der erste Theil hatte mindestens neun Bûcher: vgl. Schol. Ëurip. Or. 870: Jt^viaç iv 9-' t^ç nçârtiç cvym^ttaç, ixdôciœç de divrégaç. Vgl, Valkenaer in Schol. Phoen. 7. Schneider in ZAW 1843 S. 430. 974. C. Mûller F 11 G. II! S. 24.

' Vgl. ûber Livius die einleuchtenden Auseinandersetsungen Ton Nissen Rh. Mus. 27 8. 541 ff.

3*

36 ^î® Buehterminologie.

0iXâyQtoç), und das Abfassen eines solchen heisst avyvdatfsiv TTQayfJtaTêlap, laToglaç *ai Xoyovçy pifiXoy (ygl. Dîod. I 3. Plutarch Cat. maj. 25 und ôfter. Polyb. I 3, 8. Dionys. Halic. iud. Lysiae 14. vgl. Suid. 8. V. 0lJU<XTOç).

Ob Yfh nun also Plutarch^s Biographien als eînheitliclies Werk oder ob wîr es als Sammlung yieler selbstândiger Theile auffassen wollen: in jedem Fall konnte in dem Ëinleitungsbrief der wahr- scheinlich unechten Plutarchschrift Begum et imperatorum apophtkegmata sehr wohl auf dieselben aïs ein (fvvzayfjba mit den Worten verwiesen werden: xalzot xai fiiovg sxst avvTayiJka %&v è7uq>avëaxdxfov TïaQci T€ ^Pùùfiaioiç xai naç* 'EXXi^a$p ^yefAOVCùV xai vofboô-srœv xai avtoxQazÔQfùP *).

Ist aber das Gesammtwerk nichts als eine ^Zusanimenordnung^, 60 'werden seine Bestandtheile damit als so selbstândig voransgesetzt, dass sie einer solchen bedurfen: nicht anders wie spâter eine Mehr- heit von Codices, die sacblich zusammenhângen und zusammen zu benutzen sind, ein (Svvxayyka bilden (vgl. Phot. cod. 152).

Wenden wir uns zu dem Tropus corpus, (Xœp^, crcoffrairfov. £r steht der avptalS$ç ungefahr gleich. Nacb Ëpiktet (II 17) , wo er von den vielen (Xv^Tcl^stç xai (Swayonyai redet, auf welche die zàhl- losen Bûcher des Chrysipp sich vertheilten, verfielen einige Bûcher desselben dagegen keiner bestimmten Gruppe: sie sind C^T^tfêiç ov (fœ^Aatêxai^), So kôrperlich es klingt, so unkôrperlich war doch auch dièses corpus librorum gedacht; es bedeutete eine geschlossene Anzahl yon Rollen nicht anders, als das corpus militum ein Corps Soldaten ist'). £rst auf das Handschriftenwesen des Mittelalters

^) Mit Unrecht nimmt Yolkmann, Plutarch I S. 21 Anstoss an civrayfAa, „was doch nur eine Schrift, ein Buch, niemals aber ein corpus von Bûchem bezeichnet*^ !

') So waren vier BQcher nfçl fikoy eine Syntaxis (Diog. Laert. Vil 188).

') Beispiele fur diesen Klassenbegriff corpus ans Livius und Justin giebt Drakenborg zu Lir. I 17, 2. So heisst der gesammte menschliche Sprachaua- druck To aiàfAa ttjç ké^naç (Longin bei Walz Rh. gr. IX 560, 10); so spricht man philosophisch vom corpus rerum ncUurae, to aw^a tov navrôç u. a. Cicero giebt eine gute Analogie im Brutus § 208, wo er die Sitte tadelt, nach welcher die Vertheidigung Angeklagter nicht von einem Redner gefûhrt, sondem an drei vertheilt wird: nihil vitiosius quam^ cum unum corpus debeai esse de-

Corpus, aiafAtt, dafjiànov, 37

ûbertragen gelaDgt es dazu, auch mit einer Raumeinheit zusammen- zufiaUen; doch ist auch dies nicht nothwendig gewesen. Der Ter- minus txitt ungefalir zuerst in dem Briefe Cicero's an Lucceius auf des Jahres 56 v. Chr. (ad famil. V, 12); es heisst hier, Lucceius soUe die Catdlinarische Yerschwôrung nicht blos als Theil einer allgemeinen Zeitgeschichte , sondem selbstândig fur sich beschreiben; was den TJmfang betrifft, so werde auch so das Werk ziemlich gross ausfallen kônnen: aprmdpio enim convarationis usque ad recUtum nostrum videtur ndhi modicum quoddam corpus confici posée 4). Ëine bestimmte Buchform ist hier keineswegs angedeutet. In welcher Weise sich corpus und Uher unterschieden , wird durch den Brief Cicero's ad Attîcum n 1 aus dem Jahre 60 schon klarer gestellt. Cicero schickt zehn seiner Reden und ausserdem noch zwei kûrzere Stûcke qwisi ànofSndfSiiaTa legis agrariae an die Bûcherei des Atticus: aile zusammen aber nennt er corpus: hoc totum (SÔiJka curabo ut habeas; dahiugegen jeden Einzelbestandtheil des corpus nennt er fortfahrend liber: et quoniam te cum scripta tum res meae délectant: tisdem ex Itbris perspides et quae gesserim et qaas direrim.

Mit hinreichender Anschaiilichkeit redet sodann eine weitere Stelle beîm Seneca. Der Ëifer des Philosophen richtet sich De tranquilL vitae 9, 6 wider den BibHomanen, welchem nur die Viel- heit der Bûcher, die er besitzt, und dut ihre Aussenseite von Wich- tigkeit scheine: ein solcher suche sich Corp or a auf von ganz obskuren und schlechten Autoren: er bringe auf dièse Weise viele tausend Bûcher zusammen, er ergôtze sich aber nur an den Randern und den Aufschriften der Rollen. Von Rand und Aufschrift eines €k>rpus wird nicht geredet. Wir lesen: cur ignoscas hommi armariu cUro atque ébore captanti, corpora conquirenti aut ignotorum auctorum aut inprobatorum et inter tôt rrûHa îibrorum oscitanti; eut voluminum suorum frontes maxime placent tituUquel Man sieht, in den Armarien sind es nicht die Corpora, sondem ihre Bestandtheile, die yielen tausend Rollen, deren Anblick den Besitzer erfreut. Nur, je nachdem

fensionis^ nasci de intégra causam cum git ab altero perorata. Omnium enim causarum unum est naturale prtncipium^ una peroratio; reliquae partes quasi membra . . . suam et vim et dignitatem tenent. Die Bildlichkeit des Aosdnicks wird hier mit membra noch weiter durchgei'Qhrt.

38 ^î® Buchteiminologie.

ihre tituli dies indiziren, fallen sie zu diesem imd jenem Corpus auseinander.

Besonders scharf giebt denselben Begriff im dritten Jahrhundert eine Rechtsentscheidung beim Ulpian. £s fragt sich, was geschehen soll, wenn ein Vennâchtniss auf aile 48 Bûcher Homer's lautet, aber einige Bûcher davon abhanden gekommen sind. Der Jurîst ent- scheidet: man verabfolge yon dem Homère or pus, was noch ûbrig ist (Dig. XXXn leg. 52): Si H orner i corpus sit U^atum et non sit plénum, quantaecunque rhapsodiae inveniantur debentur. Es erhellt, dass fur Ulpian corpus noch nicht den Codex bedeutet, sondem in derselben Weise incomplet sein kann, wie bei uns ein mehrbândiges Werk. Jede Rhapsodie bildete eine Rolle.

So erklârt sich auch Cicero's Ausdrucks weise in dem Brief ad Quintum fratrem II 13 aus dem Jahr 54. Cicero erinnert sich, der Adressât lèse den Philistos*): sed utros eius (namlich Philistt) habueris lihros duo enim sunt corpora an utrosque, nesdo. Me magis „de Dionysio^ deUctat, Es handelt sich um Philistos' zwei Werke ^ixfAixa in elf Bûchem und nsQÏ Jiovvclov tov jvqdvvov in sechseo. Wâre corpus ein Tevxoç, so hâtte Cicero kûrzer schreiben kônnen: sed uirum eius habueris corpus an utrumque nescio, Seine umstand- lichere Parenthèse deutet vielmehr an, dass corpus statt libri als technische Bezeichnung des mehrbûcherigen Werks nicht eigentlich fixirt war.

So also auch und nicht anders kann nur das (ïcùficiTêoy der nias gemeint sein bei Pseudo-Longin nsQÏ vijjovç (9, 13) in der Zeit des Nero, dasselbe vielleicht auch noch beim Hesych (sub IXidç) und bei Schol. II. S. I 4 Bekk., wo das acùficcuov der Odyssée hinzu- kommt: denn der Wortlaut beider Stellen kann sehr wohl auf alte Zeit zurûckgehen. Entsprechend wird auch bei Marins Victorinus (S. 68, 15 K.) von den zwei corpuscula des Homer geredet, und Ausonius Epist. 18, 28 reiht an Krates und Aristarch einen dritten Homerdiorthoten, nach Wolf *) den Zenodot, mit folgendem Verse an:

Quique sacri lacerum collegit corpus Homeri.

*) te video volutatum wohl in Anklang an das volvere und convofvere der Tolumina gesagt.

») Wolf, Frol. Hom. S. 200.

Corpus, aw/na, aœfidnoy. 39

Nicht anders auch meint es Sueton, wenn er de grammaticis c. 6 ûber den Aurelius Opillus berichtet: composvitque variae eruditioim àUquot volundna, ex quilms novem unius corporis; quae (qui codd.) quia êcriptores ac poetas sub cUentda Musarum iudicaret, non absurde et fecisse et inscripsiêse (scripmse codd.) se ait ex numéro divarum et appeUatione, Die Worte sind sorgsam gewâblt: fecisse erbâlt durch numéro und inscripsisse durch appeUatione seine nâhere Bestimmung. Es batte also Opillus neun Rollen auf die Museu vertbeilt, und deren Ëinbeit war so ideell wie die der Musen des Herodot oder der gleicb- falls joniscben Musen, als welcbe die neun Bûcher navzoâanâp iato- QUûV des Kephalion unter Hadrian erschienen (Phot. cod. 68) oder wie der Bund der Charitinnen, nach denen Leonidas von Alexandria die Dreibeit seiner Biicher bezeichnete (Anthol. Pal. VI 328) ^). Auch Plutarcb bat seine Symposiaca nach denselben neun Musen disponirt.

Und nicht weniger verstandlicb ist Plinius' Brief II 10. Ein gewisser Octayius Rufus batte seine Gedichte einzeln aus der Hand gegeben; Plinius râtb ibm, lieber daraus eine ^editio^ zu machen, îind zwar: hos (versus tuos) nisi retrahis in corpus, quandoque ut erronés aliqaem cuius dicantur inventent; wie viele Bûcher die Edition geben wûrde, bleibt unbestimmt; corpus aber ist die Einheit eines regelrecht edirten Werkes.

Wollen wir nach weiteren Beispielen suchen, so nannte Ovid

seine Ars amandi corpus meum (Trist. UI 14, 8); so heisst die Aeneis

in den Pseudo-ovidischen Epigrammen ein Corpus (Ribbeck Prolegg.

Verg. S. 369; Riese Anthol. lat. N. IflF.):

Bis qaînos feci legerent quos carminé versus Aeneidos totum corpus ut esse putent.

Die vierundfunfzig Monobibla verschiedenen Umfangs des Plotin gruppirte Porphyrios nicht nur zu je sechs Enneaden, sondern die drei ersten Neunheiten wiederum zu einem (TcûfJbccrtop zusammen; die zwei folgenden Enneaden machten sodann ein zweites acûfAcluor aus; die letzte war ein (jcùfACcuov fur sich*). Macrob spielt mit dem Ter-

^) Nicht vollkommen analog sind die Musen und Chariten des Aeschines.

') Vgl. Porph. TÎta Plotini § 25 : ravraç rçilç hvèdâuç ^/lkIç iy M etofinriti» là^avxiç xanaxfvaatt^sy xtX. Es wird spâter gesagt werden, dass Porphyrios hier mOglicherweise die OiOfAana schon als Codices gedacht hat.

40 ^î® Buehterminologie.

minus, wenn er seine Satumalien ein corpus der verschiedensten ^e- lehrten Dinge und dessen Bestandtheile membra nennt (Macr. I praef.): variarum rerum disparUitas .... ita in quoddam congesta corpus e$t, ut quae indistincte .... adnotaveramus , in ordinem instar membrorum cohaerentia convenirent. Von einem Corpus zu Tier Bûchem redet Rufin (bei Hieronym. éd. Martian. lY. S. 374). Ein Corpus nennt sich im Codex Bemensis der lateinische Josephus des Ëgesippus (ygl. die Ausgabe yon Weber und Caesar). Und daran mag auch Justin gedacht haben, wenn er in seinem Yorwort die yierundvierzig Yolumina der historiae des Pompeius Trogus preist als eine res magm et arwm et corporis. Zu tadeln ist die Spracbe Justin^s, wenn er seine eigene Epitome dann ebendaselbst mit der Charakteristik brève veluii florum corpusctUum belegt. Weder lâsst sich aus der Bildlich- keit des florum dafur, noch aus der Raumlichkeit des brève dagegen ein emstbafter Schluss ziehen, dass (fcofAccTtov die bisherige Bedeutung auch hier bewahrt habe; und doch wâre gerade hier Deutlichkeit Yon Nutzen gewesen^). Ganz abstrakt hat dagegen Columella yiel- mehr die blosse Sacheinheit im Auge, indem er vom Celsus schreibt (I 1, 14): totum corpus disciplinae (se. rerum rusticarum) quinque Hbris complexus est

Ganz exceptionell findet sich corpus auch einmal fur ein Einzel- buch: in jenem seltsamen Epigramm des Probus, das dem Cornélius Nepos fast sein Eigenthumsrecht auf das einzige seiner erhaltenen Bûcher gekostet hâtte '). Das schlechte Gedicht steht in den Hand- schriften des Nepos hinter dem Hannibal. Es ist geschrieben in der Zeit des Theodosius und scheint Papyrusbuchwesen vorauszusetzen*). Hier wird dem Theodosius ein Einzelbuch dedicirt ( Vade Uber noster V. 1), und von diesem heisst es dann:

Corpore in hoc manus est genitoris avique meaque. Das Buch, das Probus dem Kaiser sandte, war ûbrigens ein Gedicht- buch*) und hatte aiso mit den Feldhermyiten des Nepos nichts zu thun.

») VgL unten Cap. VIII.

') Nepos éd. Both S. 146; éd. Halm S. 111. Biese AnthoL lat. N. 783. ') In den Worten : ornentur stériles fragili tectura libelli. *) Probus sagt dies uncweideutig, und so haben es Lachmann und O. Jahn richtig TersUnden (Verhandl. u. s&chs. Ges. III 1851 S. 343). Sein Bueh hat

Corpus, etSfuc, otafÂunoy, 41

In die Zeit des Theodosius scheint etwa der endgûltige Sieg der groBsen Pergamenthandschriften zu fallen. Solche Handscbriften Termocbten nun den Inhalt yieler gerollten Bûcher in sich zu ver- eînigen: di%s%a^ to CœfAanoy nâ<xav ygcctp^v (Macarius homil. 26 p. 340). Und fur das ideelle Corpus war damit wirklich ein Leîb gefunden.

Im funften Jahrliundert erschîen als Codex Theodosianus die erste grosse kaiserliche Rechtssammlung; sie batte ibren Yorlaufer im Codex Qregorianus und im Hermogenianus desselben Jabrbunderts. Auf sie wurde aucb die Bezeicbnung corpus angewendet^). Aber nur im Griecbiscben scheint sie sich als Buchterminus wirklich fixirt zu baben. Weil zu den %€V%fi Gharta selten verwendet wurde, so bildet Yon nun an in griecbiscber Sprache aoufAcirtoy als Pergamentbuch zom Papyrus einen direkten Gegensatz. Eine Entgegenstellung wie die folgende aus den Briefen des Basilios (Epist. 395) bat in den 21eiten Cicero^s oder Sueton's nicht gemacht werden konnen: to nsQÏ

nicht gl&nzenden Blinband^ der leicht Schaden nimmt; einen solchen mOgen Bûcher schlechten Inhalts anlegen; seinOedichtbuch wîrd auch ohne Schmuck gefallen (r. 7 t) :

Omentor stériles fragili tectnra llbelli: Thendosio et doctis carmina nada placent.

Mothmasalich fiog das Qedichtbuch selbst aber mit einem Acrostichon an; denn Proboa f&hrt fort:

Si rogat aaetorexn, panlatim detege nostnun Tune Domino n o xn e n : me sciât esse Probnm.

Nicht das Epigramm, sondem der liber selbst wird hier beaufiragt, allm&h- lieh den Namen Probus erkennen eu lassen! Das Epigramm muss an's Ende des Neposbuches als Reminiscenz gekommen sein; und die Nennung seines Verfassers gerieth dann durch Versehen mit der subscriptio zusammen: Aem. Probi de excell, dttcilntê eqs.

'} Z. B. Conlatio cp. 9 init. : ex corpore Hermogeniani, Vgl. Ed. BOcking Pandekten d. rOm. Priratrechts P Bonn 1853 S. 51 ff. Uebrigens scheint dièse Beseichnung selten; das Ueblicbe war, mit ^ Codex'' su citiren (so die Digesten meistens); die fragmenta Vaticanana citiren nach Bfichern. Der Hermogenianus wird immer nur nach Titeln citirt und scheint den Umfang ein es Bûches gar nicht ûbersohritten zu haben. Zumal da auch Justinian seinen Codex nicht geradezn corpus nennt, so wird dies Wort hier nichts andres als ^Sammlung** bedenten, nftmlich constitutionum.

42 ^î® Buchterminologie.

%ov nvsvfjbawç fiifiXlov yé^gamai fjkip ^fiXv xal i^êiçyattraê, éç avTOç oldaç' àjtoaxsïXaè âè èv X^Q'^fl yêyQafjbfképoy ixoilv(knf fis ol (ast" ifAOV àdsXtpoi, sînôvtsç Ttaçà tfjç si/eviaç (fov ivvoXàç 6%SiV iv fïcùfiaTlù} 'ygcc^at. Der Angeredete wûnscht also des Basilios' Buch Tugi tov nvsvykatoç nicht auf Charta, sondern h (XCùfiatla), das heisst also als PergameDthandsclirîft geschrieben zu sehen; fur die Charta wird Rollenfonn vorausgesetzt. Hierzu ver- gleiche man Stellen wie Conc. VI Oecum. act 10 und act. 14, wo- selbst das siXt^tccçtov zu den (fcùfAaia in Gegensatz gestellt wird, oder Epist. Constantini 10, sowie Ëuseb^s vita Gonst. IV 36 betre£feiid funfzig acù flâna iv âêtpâ'éQatç, mit denen daselbst tevxtl synonjm steht. Weisses Pergament wird gerûhmt in dem atûfid-nov XevxowëQOV X^ovoç (Act. SS. ed Maius Y S. 3250). Eustathius, dessen Zeit die Rollen nicbt mehr kannte (ygl. zu Odyss. S. 1913), dacbte wohl an codices cbartacei, wenn er aus dem Papyrus coifiata fabriciit werden lâsst^).

Die grosse Recbtssammiung Justinian's aus dem secbsten Jahr- hundert fûhrt den Namen corpus iuris civiîis standig erst seit der Ausgabe des Dionysius Gothofredus, die Lyon 1589 erscbien*); aber auch bei den Glossatoren des Mittelalters und in der Rechtsscbule zu Bologna war er scbon Eunstausdruck, indess nicbt etwa in dem Sinne der Raumeinbeit einer Handscbrift'). So batte ja scbon Livius einst die zwolf Gesetzestafeln velut corpus omnis Romani iuris genannt (III 34, 7). Bei Justinian selbst lesen wir dagegen omne corpus iuris (God. Just. y 13 init.) nur Yon der gesammten Recbtswissenscbaft in abstracto; die Gonstitutio onmem nennt eine Summe yon zwolf Biicbern corpus (1) und die Institutionen Justinian's beissen ex omni paene veterum institMtionum corpore elimatae (2). Dieselben Institutionen lebren (II 1, 33): Si in chartis membranisve tuis carmen vel historiam

^) Ëu8t. S. 1913, 36: ^/é» 17 fivfiloç iytàdéç n ^ ov tîxoç ywtc^t ctôfAtera cuvtikovyTa fiç yça(fttç. S. 421, 30: iyivtrô non rcuK j^açTaçUay Cùi/naiu ix g^viov,

^ B5cking, a. a. O. Ânhang S. 12.

>) Savigny, Gesch. d. rOm. Rechts III S. 517 Note: s. B. totum corpus iuris in duobus voluminibus und daneben: totum corpus iuris civilis quod corpus est unus codex.

Corpus. Monobiblos. 43

re/ orationem lïtius scripserit, huius corporis non Tithis, sed tu dominas esse iudiceris, Sonst scheînt Justinîan den Terminus blos fur das dritte seiner Werke, fur seinen Codex, nach Analogie des codex Gre- gorianus und Hermogenianus, yerwendet zu haben, doch auch dies nur in der Verbindung corpus codicis *). OflFenbar ist dem "Worte im Lateinischen seine abstrakte Bedeutung ^Sammlung^ oder ^Gesammt- heit" (nâmlîch constitutionum) auch hier verblieben.

WoUte die classische Zeit endlich diesen corpora librorum gegen- ûber eine Monographie charakterisiren , die in einer Rolle Platz fand, 80 nannte sie sie fioyôpifiXoç oder (loyofi^pXov^). Aus Schriften- Terzeichnissen wie denen beim Suidas ist uns der Name besonders gelâufig. Sie geben ohne Frage den Spracbgebrauch antiker Biblio- thekscataloge wieder. Mit demselben Namen belegte noch Justinian seine einbûcherige novelîarum constitutionum coUectio^); unter dem- selben erschien auch schon ein Elegienbuch des Properz im Buch- handel und bewahrte durch ibn fur immer den ûbrigen Elegienbûchem des Dichters gegenûber seine Selbstandigkeit^). Gezâhlt kônnen monobibla natûrlich nur werden, falls mehrere von ihnen unter eine Gattung fallen, z. B. cvyrcc^aç ^i^Xia îaTQêxdj gjbovéptpXa ykiv o\ cvvxàyyMxa âè itëça ovx oUya (Suid. s. y. O^XciYQiOç), dagegen ist in dem Aristotelischen Titel nsql fiaaiXelaç eyçaipev èp \bvÏ\ [AOPofilfiXu) (Ammon. vita Arist. S. 401 "Westerm.) Abschreiberver- sehen und woU einfache Dittographie anzuerkennen. Das Adjektiv war so zum Appellativ verselbstândigt; ein <xvyyça(p^, resp. (SvyYQ^" fàfHi hinzuzusetzen ist anscheinend nie beliebt worden. Selten nun bat sich auch bei mehrbûcherigen avvrcc^êtç das Bedûrfniss nach

^) Vorwort sur zweiten Au-^gabe tit. 2: constitutiones . . . extra corpus eiuêdem codicis divagabantur und tit. 4: nulla alla extra corpus eiusdem codicis constitutione legenda. Freier noch heisst es zu Anfang: constitutioneSy quae . . . taciUahant^ in unum corpus colUgere . . . propo8uimus.

') Die Form ^ovôfiifiXou (besonders pluralisch) hSlufig in Catalogen wie deoen beim Suidas; ygl. auch Morell. Bibl. Ms. S. 295. Schol. Aristot. PI. 321. Betrefia der Form fiovô^i^koç vgl. auch Reitz zu Theophilus Bd. II S. 1287, der auch fAOvofiipkMV aus den Basiliken belegt.

3) Nach Theophanes (Kedreno^) Ygl. Du Cange bei Stephanus Thésaurus s. t.

^) DarQber ist unten Cap. VIII ausfÛhrlich gehandelt.

44 ^i® Buehterminologie.

einer entsprechenden Composition eingestellt^); wir lesen einmal von einer i^dfiêfiXoç T^ayfAareia beim Erotian (S. 7) oder yon einem Tnvxiov éTnccfitfiXov beim Psellus (Sjnops. 20); substantivirt stebt 17 nsvTccfiipXoç 80 wie Pentateuchos bei Ëuseb (Chron. S. 70); hie und da aber hat man bei Werken manigfachen Inhaltes in Ermanglung eines Sachnamens eine Bildung nach dieser Analogie geradezu zum Titel erhoben: xsTQct^i^Xoç war so der Rufname einer astronomischen Schrift des Ptolemaeos ; als ^E^fjxovTâfi^fiXoç liess sicli eine Summe yerschiedenartiger Biîcher des Hippokrates zusammen- fassen. Die Chronographie des Sextus Julius Africanus hiess dagegen Yollstandig Jlsvxà^^fiXov xqovoXoy^^Ôv y sowie unter der Lektûre des Photios des heiligen Athanasios TUVxci^i^Xoç xarà \4Q8iov (cod. 140), des Euseb rezQclfitpXoç iyxiûfA$a(fTM^ €Îç Kovdvavifivov (cod. 127) erscheinen.

Das Fragen nach der Namengebung sei hiemit abgeschlossen. Es ist nicht erfolglos gewesen. Die unzweideutige Antwort kônnen wir mit einem neueu Zeugnisse in der Fassung der Origines des Isidorus hier an den Schluss setzen« Denn dièse schon mittelalter- liche Encyclopâdie antiken Bildungsmateriales definirt in unserem Fall folgendermassen : ^Ein Codex begreifb eine Yielheit Yon Bûchem, je ein Buch begreift eine Rolle": codex multorum librorum est, Uber unùis voluminis (Isid. Origg. VI 13)*).

Wie Vergil ein einzelnes Buch Eclogen, wie Horaz ein Bach Briefe, Properz ein Buch Elegien séparât publicirten, so sind aucb die sâmmtlichen Bûcher des Martial getrennt von einander nicht nur verfasst, sondem in den Buchlâden Rom's aufgeiegt und yerkaufb worden. "Wer sein zweites kâuft und das erste nicht hat, dem rath der Dichter einfach auf dem Titel die Zahl II in eine I zu yerândem :

Primus ubi est» inquis, cum sit liber iste aecundas?

Quid faciam si plus ille pudoris habet! Tu tamen bunc fieri si mavis, Regfule, primum,

Unum de titulo tollere iota potes (Il fin.).

^) nokvfitfikoç findet sich Pbot. cod. 146, aber schon Athenaeos S. 249 A Ton den hundertundTierundvierzig Bflchern des Nikolaos Yon Damascus.

3) Vgl. ReifTerscheid, Suet. RcU. S. 134. Eine direkte ZurOckHlbrung des Satzes auf das Pratum Sueton's ist natfirlich schon wegen der Voranstel- lung des codex ganz unwahrschcinlich.

Bûcher einselD gekauft und gelesen. 45

De Sacheinheit bildeten dièse Epigrammenbûcher ja ohnedies nicht. >€r auch von âlteren Werken wie von der Vergilischen Aeneîde ieben die Bûcher einzeln kâuflich: ein Grammatiker der Antoninen- it Fidius Optatus zeigt um einer Schreibung willen dem Gellius r zweites allein vor, ein selir altes Exemplar, das er darum im iden anch theuer genug mit zwanzig aurei bat bezahlen mûssen; bekam ausserdem die Einbildung in den Kanf, ein Buch vom -iginabnanuskript des Dichters erworben zu haben^). So vnrd das sbente Buch der Annalen des Ennius bei Gellius XYDI 5, 11 ohne e ûbrigen herbeigeschafffc, so nimmt man und liest die zweite lapsodie des Homer bei Lukian (58, 7; vgl. 25, 12), um vieler anderer inlicher Fâlle zu goschweigen, welche das Résultat dièses Kapitels id den obigen Satz Isidor^s zu veranschaulichen geeignet sind.

Fâlle, die mit diesem Endresultat in Widerstreit stehen oder zu ehen scheinen, mûssen doch nothwendig von ihm aus beurtheilt erden. Derartige scheinbare Ausnahmen, im rechten Zusammen- knge betrachtet, werden fur die Regel nichts anderes als eine Be- fttîguDg ergeben kônnen. Sie sind darum einem anderen Zusammen- ing vorbehalten (vgl. Kap. VI und IX).

Grûnden sich nun die bis hierher gewonnenen Yorstellungen isschliesslich auf die Yoraussetzung des Papyrusbuchwesens, so ird eine Sonderbetrachtung des antiken Buchmateriales dazu dienen, eselben zu detailliren nicht nur, sondem auch schârfer zu umgrenzen.

') GelL II 3: Fidium optatum . . . oatendisse mihi librum Aeneidos «e- mdwn^ nUrandae vetustaHs^ emptum in gigillariis viginti aureis, quem vpsius ergUifuUse credelxUur. Das LeUtere ist wohl Schwindel. Définitive Fassung td also aueh Bucliform bekam die Aeneis ja erst durch die Herausgeber. in ftr die Herausgabe nieht bestimmtes Manuskript aber, wie das echte Ver- lisehe sein musste, konnte nicht wohl in den Buchhandel kommen. Vgl. lien flber Cicero's Manuskripte Cap. VII.

ZWEITES KAPITEL.

Das Pergament

JJer griechische Yolksstamm trat ein halbes Jahrtausend frûher als der romische und fast zwei Jahrtausende fruher als der germa- nische in die Cultur und in die Geschichte ein. Dièses Ereigniss bedeutete viel: unter anderem bereicherte es die Menschheit mit einer Litteratur, d. h. mit deijenigen Nationallitteratur, die, in sich Yollkommen und scheinbar durch keine Yorzeit bedingt, fur den Fortgang verwandter Bestrebungen in aller Folgezeit direkt oder indirekt erste Grundlage bleiben soUte. Das Bild des Griecbenthums ist fur uns darum so schôn durch seine innere Jugend wie es durch sein âusseres Alter ehrwûrdig ist. Doch aber gewahren wir, noch ehrwûrdiger, in der Yergangenheit hinter ihm die grossen Zeitrâume der phônizischen, der ass}Tischen, der âgyptischen Cultur. Wenn nun erst durch Schrift und Buch eine Yolkspoesie zur National- litteratur erhoben werden kann, so mag die Litteratur der Griechen nach Inhalt und Kunstform fur so selbstandig wie môglich gelten: die Yorbedingung der Schrift haben sie von den Phôniziem, die Yorbedingung des Bûches haben sie von den Aegyptem ererbt.

Dass die Schrift den Phôniziem abgelemt war, dessen war sich das Alterthum selbst bewusst (vgl. z. B. Herodot Y 58) und machte den sagenhaften Kadmus zum Uebermittler ; ob dann weiter die phônizische Schrift auf âg}'ptisches Yorbild zurûckging, wie schon bei Tacitus Annal. XI 14 statuirt wird, mag controvers bleiben^).

^) Vgl. dagegen Deeke, Ztachr. der Deutschen Morgenl&nd. Gea. XXXI 8. 102 ff.

Frfthe Einftlhrang des Papyrasbuchs. 47

Viel nnwichtiger dagegen schien die Frage nach dem Trâger der Schrift, dem Bûche, zu sein; die griechische Tradition schweigt von ihm, und wir sind auf eigene Schlussfolgerung angewiesen.

Der Grieche nannte sein Buch fiiifiXoç oder fivfiXlov nach dem Material, ans dem es gefertigt wurde. BvfiXoç aber war die âgyp- tische Papyrasstaude ^). Das classische Buchwesen beruhte auf dem Papyrus, einem importirten Material.

Griechenland selbst gab dem Griechen kein Buch. Die That- sache ist yrohl geeignet uns nachdenklich zu machen. Das Yolk, dessen hauptsâchliche Culturmission es gewesen ist, sich in seiner Litteratur auszulcben imd gleichsam fur die Nachwelt abzubilden, hat die erste matérielle Yorbedingung fur seine Mission von einem fremden Land erborgen mûssen.

Herodot schon bespricht die Papyruspflanze als Merkwûrdigkeit Aegyptens^), findet aber nur den Umstand erwâhnenswerth, dass der untere Theil ihres Schaftes gegessen wurde, ûbrigens avœ àrto- tâfêvovreç àXXo t$ TQânovffê. Herodot scheut sich hier gleich- sam noch das Papyrusbuch selbst zu nennen, durch das doch sein eigenes Werk erst môglich wurde. Erst Theophrast') findet es der Mûhe werth, indem er den mannigfaltigen Nutzen der Pflanze fur den Aegypter rubricirt, kurz einzufugen: sie sei ausserhalb Aegyptens am bekanntesten durch die Bûcher. Derselbe Herodot setzt aber an einer andem Stelle*) fivfiXoi als ait en Besitz der jonischen Griechen voraus ; es herrsche der falsche Sprachgebrauch die fivfiXoi als „Leder^ (âitp&éQaê) zu bezeichnen; und dièse Uebertragung er- klâre sich daraus, dass bei diesen Joniem in alter Zeit einmal aus Mangel an Papyrusbûchem (iv ûnàvi P^pXlcûv) Ziegen- und Schaffell zum Schreiben gebraucht worden sei, wie das bei Barbaren noch jetzt Yorkomme. Ganz fern liegt also dem Herodot die Vorstellung, dass es eine Zeit gegeben haben kônnte, in der die pvfiXoç den Griechen ganz unbekannt ware, imd so wird denn die Einfiihrung

0 Vgl. ob. Cap. I S. 13. >) Herod. II 92.

*) Hist. plant. IV 8, 3: xai ifjL(f>avécTctta d^ Tolç l|o> p^fiXia. Vgl, iiDten Cap. V init-.

*) Herod. V 68.

48 ^M PergamenL

derselben in die Yorzeit betrachtlich hinaufreichen. Seile aus fivfil^ç kennt ja schon das Homerische Epos^). Neben diesem hâufigsten Buchnamen bezeichnete 6 x^Q'^^Ç ^^ S^^ ^ ^^^' nachalexandxî- nischer Zeît vorzûglîch das unbeschrîebene Papyrusmaterîal, vofur die âvo x^Q"^^^ ^^ ^^^ attiscben Inschrift aus dem Jahre 407 y. Chr.*) wobi der âlteste Beleg sind'). Der Eomiker Plato brauchte die xdQtctt dann anch einmal ûbertragen vom beschriebenen Bûche ^). Die Form dieser plfiXoi endlich war schon damais die Rollenform; dies wird z. B. angedeutet, wenn wir beim Xenophon*) von dem Rollen, éXiaceiv^ eînes Schriftwerkes lesen; im Uebrîgen yergleicbe man hierfûr das im yorigen Abschnitt Gesagte.

Dièse Papyrusrolle aber war Originalerfindung der Aegypter und als solche uralt. Sie hat sich aus Grabem in zahbreichen Beispielen, die in die grossen Bibliotheken und Museen Europa^s ûbergegangen sind, aufgefùnden, Exemplare yon sehr yerschiedener Gûte im Matenal, zum Theil yon grossem Yolumen und bald hieratisch, bald demotisch, bald aber auch mit hieroglyphischer Schrift beschrieben. Die Buch- roUe, mit einem geknoteten Faden zusammengehalten, war dem Aegypter eine so gelâufige und charakteristische Anschauung, dass sie auch neben Schlangen, Geiem, Lôwen u. s. f. als hieroglyphisches Schriftzeichen figurirt. Ihre erste Anwendung aber yerliert sich in unmessbare Vergangenheit. „Das âlteste Buch der Welt** liefert Aegypten in jenem Papyrus Prisse •), welchen F. Chabas') datiit d'un règne encore peu distant de la fondation du gouyeme- ment royal en Egypte. Es ist eine ûberaus schôn gearbeitete, ùbri- gens am Anfang yerstûmmelte Mischrolle yon achtzehn Seiten, deren letzte yierzehn einen selbstândigen Traktat geben. Derselbe

^) Odyss. 21, 391, wo Eustath nicht an Papynis, sondern an Banmbast oder an Hanf gedacht wissen will.

*) Rangabé Antiquités helléniques N. 56 ff. C. J. A. I S. 824.

') Denn ein Apophthegma des Sokrates bei Stobaeos, das j^a^rm nennt, ist ohne Verlass.

«) Plato Corn. II 684, 10 Meineke; (11 S. 257 Bothe).

^) Xenoph. Memor. I 6, 14.

^) Vgl. Prisse d'Arernes, Fac-similé d'un papyrus égyptien Paris 1847.

^) Chabas in der Berue archéol. XV S. 1 ff.

Dm Bach der Aegypter, Juden, Perser. 49

Bckliesst mit der redaktorischen Bemerkung : C'est fini de son commencement à sa fin comme on le trouve dans l'écriture^, iind erweist sich damit offenkuudîg aïs blosses apographum^). Nicht nur Abscliriftenwesen, sondem auch Buchhandel lemen wir fur Aegjpten kennen aus einem von H. Brugsch edirten Wiener hiera- tischen Papyrusfragment'). Zur Aufbewahrung der RoUen dienen hier Krûge, die je neun Stûck fassen. Femer bat es den Anscbein, aïs ob hier auch schon verschiedene RoUenformate unterschieden wQrden').

Das Buchwesen der Phonizier werden wir nach dem jûdischen beurtheilen konnen, das im Alten Testament yorliegt Rollenform herrschte hier gleichfalls, allein an Stelle der Cbarta diente das Leder, die Membrane, in yerschiedener Zubereitung als Material*). Dem stehen die dnfd'éqat fia<fi]Uxai der Perser muthmasslich gleich*). Dies also sind jene barbariscben âKpâ'éQa&j Yon denen Herodot meldet,

*) Vgl. Chabas a. a. 0.

>) Ztsch. f. &g. Sprache XIV S. l f.

*) Die Bl&tter bieten einen Bûcherkatalog von 15 (oder 18) Schriftstflck- BoUen, die sich Terschlossen in xweien Krûgen (qeb) befanden. Es wird be- richtet, dass dièse Bollen gegen Baarzahlung „den Leuten des Landes^ abge- kanft and ron einem Amonpriester einer n&heren Inspektion unterworfen seien. Der ureite Krug enthielt neun Urkunden, aus dem ersten Kruge dagegen werden aufnotîrt:

1) „die Denkschriften des [Hauses] EOnigs Râ-user-maât meri Amon in der Amonstadt.

2) die andere Bolle^ auf welcber sich eine Abscbrift jener Denkschrifien befindet.

3) die rier kleinen Bollen^ auf denen sich die Denkschriften befinden*'. Hieraos wird dann seltsamer Weise zusammen addirt: „Die Summa der Bollen, welche sich in dem Kmge befanden, der die SchrifUtflcke enthielt, neun.^ BrugBch schliessty dass die „Denkschriflben'' unter No. 1 aus vier Theilen, d. h. RoUen bestanden haben mflssen. Wenn dann aber Ton diesen rier, nicht als Bolche bezeichneten Bollen die yier kleinen'' unterschieden werden, so gab es anscheinend zwei Terschiedene Formate, Ton denen das erstere nicht kleine^ gesses oder normales Mass batte.

^ VgL bes. Ch. G. Schneider, disput. tertia de oraamentis librorum. 1711. Saalschfits, Arch&ologie der Hebr&er I S. 356 ff. ») Etesias bei Diodor U 32. Blrt, Buchwesen. 4

50 ^'^ Pergament.

dass sie bei den Grîechen periodisch schon frûh grossen Einflnss gewonnen hatten um dann durcb die fivfikoç Ton neuem yerdriuigt zu werden, die aber in Urzeiten sogar in dem Heimathland des Pir pyrus, in Aegypten selbst, benutzt worden waren^).

Eine Uebermittelung des Papyrusbuchs durch die Ph5nizier an die Griechen wird man also nicht anzunebmen haben. Der griecliische Import selbst war es, der den Schriftstellem Ioniens, Grossgriechen- lands, Siciliens, Athens in frûhen Jahrhunderten das Material zoge- fuhrt bat, durcb das eine angemessene Fixirung und Conservirong ibrer Werke erst ermoglicbt wurde.

Es ist nun biemacb einer der seltsamsten Irrtbûmer der sp&teren Arcbâologie, wenn uns Plinius*), nacb Yarro, zu belebren weiss, die Ërfindung der Papyrusbûcber sei ërst in Alexandria gemacbt! Ob Yarro in der Scbrift De bibliotbecis, ob in der Scbrift De antiquitate litterarum biervon bandelte, bleibt zweifelbaft; das Excerpt des Fli- nius lautet kurz dabin: am Anfang der Cultur sei auf Palmblattem gescbrieben worden, dann anf Baumbast, bemacb aucb in geroUten Bleiplatten fur offentlicbe Zwecke, fur Privatzwecke in leinenen. oder aber auf Wacbs; Wacbstafeln kenne scbon Homer, nicbt aber der- selbe die Cbarta. Die Cbarta sei nacb der Grundung Alexandriens erfunden (reperta). Nacbdem sodann Eumenes seine pergameniscbe Bibliotbek in Concurrenz mit der Alexandriniscben gegrûndet, sei durcb Ptolemaeos aus Eifersucbt der Papyrusexport sistirt worden, und dies ward Anlass, dass man in Pergamum zur Ausbûlfe die

^) Ebersy Aegypten u. die Bûcher Moses S. 12.

«) PUn. XIII 68 ff.:

Et hanc (se chartam) Alexandri Victoria repertam auctor ut M, Varro condiia in Aegypto Alexandria. Antea non fuisse char- tarum usum. In palmarum foUis primo scriptUatum^ dein gttarundam arborvm libris, Postea publica monumenta plumbeis volummiIntSj mox et privata linteis confici coepta aut ceris: pugillarium emm usum fuisse etiam ante Troiana tempora invenimus apud Homerum; illo veto prodente ne terram quidem ipsam quae nunc Aegyptus m- tellegitur .... Max aemulatione circa bibliothecas regum Ptoiemaei et Eumenis supprimente chartas Ptolemaeo idem Varro membranas Pergami tradit repertas.

Erfindong des Pergaments. 51

Membrane erfand (reperta), Hieronymus ^) erzâhlt ungefahr das nâmliche, nennt aber Attalos statt des Eumenes. UDiichtige und halbrichtige historische Daten sind hier zu einem einheitlichen Yor- gang fast anecdotenhaft combinirt worden.

SoUte Yarro ûber den Papyrus so ganz obne Orîentirung in den Tag binein geredet haben? Da er gelehrten Apparat anwendet, wâre wohl ebenso denkbar, dass er oder dass seine Yorlage eine Erwâh- nung des Papyrus in der voralexandrinischen Litteratur yermisst batte nnd einen Scbluss ex silentio sogleich zur Thatsache erhob. So wûrd Yarro's Bericht denn auch beim Plinius^) zwar bestritten, aber nur durch mârchenhafte Zeugnisse widerlegt: dass Cassius He- mina scbon yon pytbagorâischen Bûchern aus Charta erzâhlt habe, die aus Numa's Zeit stammten; dass kurzlich Mucian in Lykien einen Brief des Helden Sarpedon auf Charta gefunden zu haben behaupte; und dass ausserdem dem Tarquinius Superbus die Sibylle „drei Bûcher^ gebracht habe, von denen sie zwei selbst verbrannte^). Im letzteren Falle yergisst Plinius hinzuzusetzen ^aus Charta^*); denn unter dem Terminus Uber yerstand damais eben jeder nur die Pa- pyroarolle.

Der Bericht, den uns weiter spâte Autoren ûber die erste Ein- fahmng yon Papyrus imd Pergament in Rom zu geben wissen, ist jenem Yaironischen deutlich nachgebildet: Ptolemaeos habe auf An- raihen Aristarch's des Grammatikers zuerst aus Yerbindlichkeit Charta nach Rom gesendet; aus Eifersucht gegcn Aristarch liess dann der Grammatiker Krates unter Attalos die Membrane fertigen und gleich-

^) Hieron. Epist. Vil ad Chromatium etc. (IV 13 Mari.) : chctrtam defuisse non puiOy Aegypto ministrante commercia et si cdicubi Ptolemaeus maria clau- tiuet^ tamen rex AUalus membratias a Pergamo miaerat^ ut penuria chaxtae peOilms pensaretur: unde et Pergamenarum nomen eqs.

>) PliD. XIII 84 ff.

>) Auch Tibull II 6, 17 denkt sich die Sibyllinischen Bûcher auf Charta, dagegen Claudian Bell. Qet. 232 und Symmachus ep. IV 34 alterthûmlicher als Ubri lintei, Varro selbst auf Palmbl&ttem , Tgl. Serr. Verg. Aen. III 444. VI 74 and Niebuhr B^m. Gesch. I S. 360 ff.

*) Plin. XIII 88: inter omnes vero convenity Sibyllam ad Tarquinium Swperbum très libros atttdisse ex quibus tint duo cremoH ab ipsa^ tertius cum Capitoliû Sullanis temporibus. Praeterea Muciantu eqs.

52 ^*^ PergamenL

falls nach Rom senden, wesshalb die letztere eben bei den Rômem nêçyafAtjvai heisse').

Der Name Pergamena ist in Wirkiichkeit aber weder dem Vairo noch dem Plinius bekannt, sondern erst in spâter Zeit gelegentlich angewendet worden (zuerst vielleîcht nachzuweisen in Diocletian^s Edikt de pretiis rerum yenalium vom Jahre 301, sodann bei Hiero- nymus im Jahre 366')), ohne Frage in Anknûpfung eben an dièse Tradition, die auf Varro zurûckging. Das Wort charta aber lasst sich fur Rom nicht etwa zuerst au s Varro belegen oder aus Lucres VI 112 ff., wie neuerdings notirt worden*), sondern sclion fur den Cassius Hemina bezeugt es Plinius (s. o.), und der Satiriker Lucilins bildete nach griecbischer Weise das Masculin Socratici charti*)y dn Beweis, dass das Wort damais noch nicht eigentlich recipirt und latinisirt war.

Wir sehen uns hiemit nun aber durch Plinius selbst unmittelbar in die wichtigste Voruntersuchung eingefuhrt, die uns obliegt, ûber die Concurrenz yon Papyrus und Membrane im Alterthum.

Die zwei Nachrichten, dass die Charta in Alexandria und dass die Membrane in Pergamum erfunden sei, werden von Varro in einen sachlicben und causalen Zusammenhang gebracht. Die Falsch- heit der einen legt also fur die Richtigkeit der anderen schlechtes Zeugniss ab. Von einer „Erfindimg^ der ÔHp&éçaê kann schon nach dem, was wir aus Herodot anfûhrten, jedenfalls nicht die Rede sein, sondern hôchstens yon einer Einfuhrung des Gebrauchs in die grie- chische Litteratur, vielleicht auch von einer qualitativen Aufbesse- rimg. Und in der That sehen wir die Athener des Jahres 407 v. Chr.

^) Boissonade Anecd. I 8. 420 (rgl. du Fresne, Olossar. graecam s. t. fii^fiQttyoç) : on ol «ç/aîo» Iv Ttàç cayiciv fyçaffov .... o ai, JltolêfAàiaç fXf*>y UQÎCTttQXoy yçtt/LifAttnxoy cvfâfiovlivcâfityoy avT^ ànécrrult TïïçaiToç X^9^^ iiç ^PtifAtjy xtti myuny avnvç, ^i^^yiicaç ai rçï UçHnccQXV KçaTtiç o yçafi- fnanxoç vnoQXtoy fAnà ^Artàkov tov nt^afitjyov Ix âiç/utTuty ïxafAt fHfÂpçâvaç xai fnoitjci roy "Arraloy ànocnîXai avràç iiç *Piâ^tjy, o^^ty . . . ntQYafAtiyàç ràç f4ififiçâyaç xakovc^y, Vgl. Lydus De mens. S. 29. Tzetses Chiliad. XU 347 f.

*) Hieron. epist. VII, vgL rorige Seite, Anmerkung 1.

') BlQmner Tccbnologio und Tcrminol. der Gew. u. Kûnste I S. 308 Note.

^) V. 640 Lachm.; deraelbe ausserdem den Ablatir chartis r. 904 a. 905.

Erfindung des Pergaments. 53

fâr ihre Rechnungsbûcher beschrânkt auf Holztafeln und Papyrus^). Die Kunstgeschichte des Plinius^) weîss freilich schon von Skizzen oder Umrisszeichniingen des Parrhasîos, eines ungefahren Aequalen des Sokrates*), zu berichten, die sich nicht nur auf Wachstafeln, son- dem aucb auf Membranen befanden und mit Nutzen yon jungeren KûDstlern studirt wurden. Mao wird aber yermuthen dûrfen, dass den Ërzâhler bier die Gewobnbeit seiner eigenen Zeit zu einer IJn- genauigkeit verleitet babe. Haben wir nun wirkiicb yon der Perga- meniscben Bibliotbek anzunebmen, dass sie aus Papynismangel auf Membrane umgescbrieben worden sei? Dies konnte entweder so gescbehen, dass man die Pergamentblâtter in Nacbabmung der Wacbs- tafehi faltete und beftete und so den Codex der spâteren Zeit ein- fûbrte, oder aber so, dass man im Anscbluss an die bis dabin ûblicbe Bucbform bei Membranrollen steben blieb. Die Notizen, die uns ûber dièse Bibliotbek zu Tbeil werden, yerlautbaren indess auffâlliger Weise gar nicbts ûber eine so gauz extraordinâre Bescbaffenbeit ; sie scbeinen ganz auf denselben Yoraussetzungen zn beruben, wie die- jenigen ûber aile anderen, yor allem ûber die alexandriniscbe Bi- bliotbek; aucb lâsst sicb keine Spur yon einer abweicbenden Termino- logie, wie sie bei einer so wesentlicben Yerânderung docb fiEkst notbwendig eintreten musste, entdecken*); wenn wir aber ferner erfabren, dass bei ibrer Aufhebung der Gesammtbestand der Perga- meniscben Bibliotbek zweibunderttausend fitfiXia ànXa gewesen sei'), so lâsst sicb dieser alexandriniscbe Bucbterminus scbwerlicb anders als von Papyrusrollen versteben*), und wir seben uns genôtbigt die

^) Vgl. die oben S. 48 angeftihrte Inschrift.

*) Plin. XXXV 68: et alia muita graplddis vestigia exstant in tabulis ac membranis eius ex quibus proficere dicuntur artifices.

>) YgL MûUer, Handbuch der Archâol. { 318; Quintilian XII 10. Fast liiindert Jahre spâter fiel er freilich nach Seneca controv. V 10.

*) Die wenigen Nachrichten ûber dièse Bibliothek der Attaliden sebe man bei Serin (Mém. de l'acad. des inscr. XII S. 238) und Wegener De aula AUalica literarum fautrice Havniae 1836 P. I.

^) Plutarch Anton. 58.

^ Der Terminus fivfikoç ist in classischer Zeit ebenso wenig fûr codex naehweisbar wie fÛr Pergamentrollen. Ilierfôr bringt der Gang unserer Unter- rachnng die Beweise. Ueber die fiifilo^ ànltû Aloxandria's aber Tgl. Kap. IX.

54 ^'^B PergamenL

Thatsâchlichkeit jener gemuthmassten Urnschreibung aaf Pergament zu bestreiten.

So viel aber freilich dûrfen wir wohl mit Sicherheit ans dem Yarronischen Bericht entnehmen, dass die Einfuhrung des PergamenU in das griechische Schriftwesen speciell Pergamum Yerdankt wuide und dass seine Fabrikation nnd sein Export gerade besonders dieser Stadt angehorte, so wie den Nilmûndungen Fabrikation nnd Export der Charta. Welchen Zweck Pergamum mit seinem Fabiikat itt- band, l&sst sich sodann erst aus dem Raum, der ihm im spate- ren Schriftwesen zugewîesen erscheint, fur uns entnehmeiL Und so erheben wir die Frage: welche Arten der Verwendung siad fur die Membrane in den ersten vîer oder funf Jahrbunderten ntch der Grûndung des Attalidenreîchs nacbweisbar? Blieb sie auf PrÎTat- skripturen beschrankt? oder trat sie auch in den Dienst des Buch- bandels und der Litteratur selbst? Und, geschah dies: innerhalb welcher Grenze ist es gescheben?

Denn so schnell und bereitwillig fur taglicbe private Zwecke ein neues zweckmâssiges Scbreibmaterial recipirt werden musste, so widerwillig musste die lang und weit herrscbende Tradition des Lesebucbs gegen die Môglichkeit einer so grûndlichen Neuerung Te^ barren. Die alten Autorcn, auf deren gclcgentlicbe Zeugnisse wir angewiesen sind, redcn uns nun an vielen Stellen bald von ihren publicirten Werken, bald aber auch von ihren Vorarbeiten; es entspricht einer einfachen kritischen Forderung, wenn wir im Fol- genden, neben anderen Unterscheidungen, yor allem auch Brouillon und edirtes Buch streng gesondert halten.

Plinius selbst ist es, und zwar im selbigen Kapitel, von dom wir sogleich auf unsere Frage in aller Kûrze die entscheidendste Antwort erhalten, eine Antwort, die somit fur die fast drei Jahi^ hunderte gilt, welche den Zeitgenossen Yespasian's von jenen Ptole- mâern und Attaliden trennen. Seine breiten Auseinandersetzungen ûber den Papyrus leitet Plinius mit der Begrûndung ein*): papyri natura dicetur, cu7n chartae usu majcime humanitas vitae constet, cerU memoria. Dieser Satz ist identisch mit folgender Umschreibung:

>) Plin. XIII 68.

Bedeatang des Pergaments ftr die Litteratar. 55

^auf der Litteratur beruht Tor allem (maxime) die menschliche Bildung, jedenfalls (certe) beruht doch auf ihr aile historische IJeber- lieferung (vitae memoriay, Plinius hat hier fur den Begriff der Litteratur geradezu den usus chartae eiugesetzt, und er kennt also nur die Gbarta als das Material, auf dem Bûcber der Litteratur edirt und tradirt wurden. Ganz ebenso unbedingt aber spricbt Pli- nius dasselbe abscbliessend noch einmal aus'): „die Sperre der Aus- fubr des Papyrus wurde Ton den Ptolemâem wieder aufgeboben, eines Gegenstandes, obne den die Gescbichte der Menscbheit der Yergessenheit verfiele^: prosmiscue repatmt^) ustis rei qua constat immortalitas hominum. Sowohl die immortaUtas hommum als die vitae memoria kann nur von der Verewigung durch die Litteratur gemeint sein.

Durch dièse Aeussenmgen bebt Plinius die Bedentsamkeit des Papyrus unmittelbar da benror, wo er zugleicb auch yon der Mem- brane redet; letztere trug also damais noch gar nichts zur memoria yitae bei.

Fur das Urtbeil dessen, der genau interpretirt, ist ûber die an- geregte Frage die Entscheidung schon hiedurch gegeben. Zu ihrer Bestâtigung mûssen wir uns vorerst mit dem allgemeinen Hinweis begnûgen, dass ja sowohl die agyptischen Grâber*) als das Grab Herculaneum's nur PapyrusroUen und keine Pergamenthandschriften zu Tage gefordert haben; wir mûssen uns begnûgen im Allgemeinen zu erinnem, dass aile classischen Autoren der yor- wie auch noch der nachplinianischen Classicitat sich ihre Werke lediglich als Charta oder in PapyrusroUenform in der Hand des Publikums denken. Un- gezâhlte und unzàhlbare Belegstellen wird der weitere Gang unserer Besprechung mit sich fuhren. Im Yorubergehen seien hier nur etwa

1) PUn. XIII 70.

*) repatuit hat allein der ftlteste und zurerUssigste Codez des Monens erhalten (rgl. fiber ihn éd. Sillig. tom. YI 1855). Erst dnrch dièse Lesung wird die Deutung des Satzes auf den Papyrus gesichert.

') Und die sonstigen agyptischen Fundst&tten. Die im Fayyûm gefun- denen Papyri sind sehr sp&t : Tgl. den Fundbericht in Jahrbb. der Kgl. preuss. Knnstsammlungen I 1880 S. XXX f.; die jCtngsten Stûcke sind aus dem 8. Jahr- hnndert.

5g Dm Pergament.

jene chartae très des Cornélius Nepos herausgegriffen , das sind des Nepos drei Bûcher Chronîcon ^) ; oder das erste Buch der Tristien Orid^Sy das fur eine charta gilt*); oder jener iuvenum ctdtor beim Persius'), der bleicb selbst die Nâcbte ûber den Bûchem zubringt: quem impallescere iuvat chartis noctumis; oder eine der yielen MartuJ- stellen, wo es die chartae statt ihres Inhaltes sind, denen der Dichter ewiges Leben zuspricht*); oder unter den Spâteren Apuleius, der die elf Bûcher seiner Metamorphosen in seiner umstandlichen Art Tinter anderm mit folgender Bemerkung einleitet: at ego tUn sermoM isto Milesio varias fabulas conseram .... modo si papyrum Aegypûa argutia J^Uotici calami inscriptam non spreveris mspicere. Se stehen beim Aristides *) die RoUen im iufitûT$oy zusammen und, wer zu lesen Lust bat, nimmt imd roUt auf nach Belieben. Bekannt ist, dass im dritten Jahrhimdert der Prâtendent Firmus, âgyptischer Kaufmann und Fabrikant, lediglich durch den Besitz seiner Papyrusfabriken so reich war, dass er mit ihrem Ertrag ein Heer imterhalten konnte*). Noch in des Symmachus und Cassiodorus ^) Zeit webt Aegypten seine PapyrusroUen fur Rom's Bibliotheken imd fur Rom^s Forum. Am lehrreichsten môchte fur das dritte Jahrhundert das Zeugniss eines Mannes sein, in dessen Beruf es lag den herrschenden Sprachgebrauch genau zu observiren: Ulpian yersichert uns, dass man im tâg- lichen Sprachgebrauche fur Buch schlechthin charta zu sagen pflege^).

So zuverlâssig Belege dieser Art sind, so wenig kann natûrlich fur die Zeiten des Yerfalls die blosse Fortdauer der Buchtheilung selbst, deren Entstehung wir allerdings auf reines Papyrusbuchwesen zurûckfuhren, als ein Erkennungszeichen des classischen Buch- materiales benutzt werden. Denn jene jahrhundertelange Grewohn-

ï) CatuU. 1.

î) Orid Trîst. Il, 4.

«) Pers. V 62.

«) Martial X 2.

>) Aristid. léQoi Xôyo^ I S. 285.

<) VgL Burckhardt, Zeit ConsUntiD'B S. 146.

^ Symmach. ep. IV 28 und Cassiodor Varia XI ep. 38, rgl. nnten.

8) Ulp. Dig. XXXII 62, 4: in usu plerique libres chartas <^ellani*

Notizen, Brouillons auf Pergament. 57

heit hôrte ja keineswegs ziigleich mit ihrem Zweck auf; aucb als die ' Autoren ihre Werke fur Codices zu componiren begannen, ahm- ten sie, bis tief in das Mittelalter, die bucbweis gegliederte Textform der alten Vorbilder uacb. Das Buch, das Rolle war, wurde jetzt zum Eapitel, und nur an seinen gelegentlicben unclassiscben Grôssen- massen lâsst sicb das Aufbôren seiner ursprûnglicben Bedeutung erkennen. Darûber wurde eine genaue Statistdk den Nacbweis zu fubren haben.

Yerfolgen wir daber vielmebr das Pergament und seine allmâb- licb sicb ausdebnende Yerwendung im Scbriftwesen. Es kommt bierbei yor allem darauf an, nacb Môglichkeit die yerscbiedenen Zeitlâufte aus einander zu balten. Fiir das vorangestellte Plinius- zeogniss wird sicb die Bestatigung dadurcb am leicbtesten ergeben.

Die Yerwendung des Pergaments war zunâcbst eine vierfacbe.

Erstlicb trat es als Scbreibmaterîal in Wirklicbkeit nicbt eigent- licb mit dem Papyrus, sondern yielmebr mit der Wacbstafel in Con- currenz. Es tbeilte mit der Wacbstafel eine Haupteigenscbaft: war das Gescbriebene wertblos geworden, so liess es sicb bier wie dort kicbt und bequem wieder austilgen, und so war wiederbolte Be- nutzung ermôglicbt. Dieser fur Priyatscbreibereien jeder Art nicbt zu yeracbtende Yortbeil ging dem Papyrus fast gânzlicb ab, obscbon wir gelegentlicb aucb yon Palimpsesten auf Cbarta bôren^) und im ludus litterarius aucb charta deleticia zur Anwendung kommt'). So erklârt sicb, dass der Eaufmann sein Conto scbon frub auf Mem- brane eintrâgt; denn scbon Scaeyola setzt cbirograpba debitorum auf membrana oder membranula yoraus^).

Fiir irgendwelcbe Notizen dient aucb die Membrane, die Martial

') Vgl. den Brief, auf welchen Cicero ad fam. VII 18, 2 antwortet, worflber gleich hemach. Wenn Plutarch Cum principibus phil. p. 779 C den Tjrannen Dionysios mit einem fitfikiov naUipfjarov yergleicht, sofern er rjâti fdoktHf/bitjy àyànliotç sei und rijv fatf-r^v ovx ày&tiç tfjç Tvçayyidoç âfvaonoMv ovcay xai âvçéxnltrrop, so ist auch hier die Deutung auf Membrane min- destens unsicber.

*) Oder /â^T^ àntxltriToç, ànfiX^fAfAtvoç , Notices et Extr. des mss. XXm 2, S. 448.

») Digest. XXXII 102.

58 ^M Pergament

als siebentes Apophoreton Terschenken lâsst; es sind pugillares membranei; und der Dichter fugt die Gebraucbsanweiflimg bei: ^Nimm sie fur Wacbstafeln; denn aucb auf ibnen kannst du, so oft du Neues schreiben willst, das Alte austilgen^:

Delebifl quotiens seripta norare voles.

Zu solcben Notizen gehôrt aber insbesondere auch das Brouillon des meditirenden Redners oder Dicbters, von dem wir besonden haufig erfahren.

Quintilian , wo er vom Schriftstellem und Schreiben handelt*),

empfiehlt fur dièse Thâtdgkeit zunâcbst Einsamkeit, will ûbrigens

aber, dass man sicb auch in Gesellschaften, ja selbst im Strassen-

gedrange seine Gedanken aufzusetzen ûbe; und zwar empfiehlt er

dafûr die cerae aïs das geeignetste Schreibmaterial, weil bei ihnen

die ratio scribendi besonders angenehm sei; Membrane erst in zweiter

Linie; sie sei fur den Kurzsichtigen zu empfehlen; ûbrigens bringe

bei ihr das h&ufige Eintauchen des calamus Yerzôgerung, die den

Gredankenfluss l&hmt. Dass Quintilian hier nur an Brouillons denkt,

liegt auf der Hand. Zur ^eiteren Erklârung braucht wohl kaum

hinzugefûgt zu werden, dass man in den dunklen Wacbstafeln die

Schriftzoichen nur leicht einritzte, bis der belle Grund durchschim-

merte. Auf dem hellen Pergament, ebenso wie auf Elfenbein, stan-

den sio dagegen schwarz gemalt; darum also sind die pergamentnen

Pugillares ebenso wie die eborei, yon denen Martial aussagt'):

Languida ne tristes obscurent lamina cerae, Nigra tibi niveum littera pingat ebur

besonders fiir schwachsichtige Leute bestimmt. Denn der Farben- contrast war hier in demselben Grade der schârfere, je mehr die gemalten Buchstabeu die geritzten an Starke iibertreffen mussten.

Was den Rhetoren dient, dient auch den Dichtem. Das re/erre in palimpsestum wird schon bei Catull mit einem tU fit begleitet*). Die poetischen Entwùrfe, von denen Horaz in der Ars poetica*)

0 Quintilian X 3,31.

«) Martial XIV 5.

') Catull c. 22, worûber unten ausfûhrlicber.

*) Hor. Ars y. 388 f.

Brouillons. 59

sein nonumque prematur in annum brauchte, befinden sich gleichfallB

noch anf den membranis intus posiiis; als Yortheil hierbei wird her-

Torgehoben, dass, was noch nicht die Form der Publikadon ange-

nommen, sich noch tilgen oder durch Besseres ersetzen lâsst: ddere

Kcebity (iuod non edideris. Diesen Dienst leistet eben der Palimpsest.

So fullt sich beîm Juvenal^) iinter der Hand des Dichtenden die

Membrane in krokusfarbenem Diptychon (crocea membrana tabeUa

Impktur): aber der Satinker will, das Poem soll unedirt bleiben, ein

Opfer entweder dem Yulkan oder den Motten im Pult des Dichters.

Zu Anfang seines Gesprâchs mit Damasipp aber giebt uns Horaz in

seine eigene Art zu dichten flûchtigen Einblick. Selbstyerstandlich

erschienen des Horaz* Werke auf Papyrus; dies bezeugt er uns zum

Ueberfluss ausdriîcklich fur seine Satiren'), ebenso fur seine Epoden*)

und fur seine Oden, die als volumma und gravis sarcina chartae

dem Yinius anvertraut werden^). Wenn mm Damasipp gegen den

Dichter den Vorwurf erhebt:

Sic raro scribis, ut toto non quater anno Membranam poscas^)

so bat nur fliichtige Lektiîre zu der Meinung fuhren kônnen, hier wiîrden fur des Horaz Zeit Bûcher in Pergament Torausgesetzt. Yielmehr geht die Anklage ofifenbar dahin: Horaz versuche kaum Tiermal im Jahre ein Gedicht zu machen, zu entwerfen; die Mem- brane thut gute Dienste dabei; er kann auf ihr wieder tilgen, so viel er will. Erst so erhalten die gleich angefûgten Worte

scriptoram quaeque retexens

ihren Sinn. Horaz ^ûberarbeitet^ auf der Membrane fast ailes ^wieder von neuem**, was er yorher geschrieben. Schrieb er doch auch Anderen vor: Saepe stilum vertas, iterum, quae digna îegi sint, Scripturus. l

1) Juvenal Vil 24.

>) Hor. Serm. I 5, 104.

>) Ëpod. 14, 8:

Detu, deui nam me vetat

Inceptos oUm promimiin carmen, iamboa

Ad nmbilicam addacere. *) Horaa Epist. I 13. ^) Hor. Serm. Il, 3, 1 ff.

go ^<^ Porgament.

Der Dichter Eumolpus beim Petron tragt, entsprecliend seiner ungeheuren Schreibseligkeit, eine ungeheure Membrane mit sich hermn; beim Schiffbruch rettet er sie, und ist noch nicht eimnal in Sicher- heit gebracht, als man ihn schon daranf schreibend findet^). Wenn Eumolpus sein Gedicht Tom Bûrgerkrieg Tortragt, so thut er dies gleichfalls nur nach seinen Brouillons').

Hieran reiht sich eine Stelle des Persius*), die zxur Membrane

ein auffâlliges Pradikat, ûbrigens aber terminologische Schwierigkeiten

bringt: denn hier greift, wer ^studiren^^) will, gleichzeitig zu Uber,

membrana und charta, wenn es heisst:

Jam liber et positis bicolor membrana capUlis Inque manas chartae nodosaque yenit hanindo.

Was die Membrane selbst anbetrifFt, so hat man das htcohr gemein- hin im Anschluss an das Scholion z. St. fur eine zweifache, kûnst- liche Fârbung dessclben genommen. Dann musste wohl ein (paêvôlffi gemeint sein'), der doch in den Apparat eines Studirenden wenig passte, ûbrigens aber, so viel wir sonst wissen, unicolor zu sein pflegte. Yerlassen wir dagegen die Autoritât des Scholiasten, so scheint der Ablativ positis capiUis ein besseres Yerstandniss zu er- môglichen. Denn am natûrlichsten ist er nâhere Bestimmung zu bicolor: das Pergament ist zweifarbig dadurch, dass die Haarseite des Leders geglâttet worden ist. Und hiemach wâre somit das Per- gament des ersten Jahrhunderts schon ebenso beschaffen gewesen, wie das gleichfalls an Aussen- und Innenseite verschieden gefarbte italienische des Mittelalters ').

Macht nun der Studirende auf diesem zweifarbigen Pergament seine Notizen oder Entwûrfe, so scheint es schwer, zu unterscheiden, wozu ihm sowohl liber als chartae dienen sollen. Beim Seneca (epist. 15, 6) benutzt er nur „Buch oder Schreibtafel** und offenbar nur letztere zum Schreiben. Sind etwa chartae das leere Papier zur

') Petron 115 init.: membranœque ingenti versus ingerentcm. ') Cap. 118 fin: nondum recepit ultimam manum. ») Persius III 10.

*) Vgl. y. 19 An tali studeam calamof *) DarQber ygl. unten S. 64 f.

^) fiei Urkanden ist die Aussenseite gelb und rauh, die Innenseite weiss und glatt; man nennt daher die leUtere album; ygl. Wattenbach a. a. O. S. 96.

Briefe nicht auf Pergament. 61

Reinschrîfty liber das Lesebuch, aus dem die Notizen genommen werden? Man wird hier ungern von eiser Inschrift absehen, welche ganz die nâmliche Abundanz der Termini darbietet. Wir lesen^): jïaQa(Sfiikêiùi(Ssiç .... xàç iv xaïç xov rafi^slov Tcc^stf^p ànofkêfuyfixviaç iv fitfiXloiç ^ xaï ÔKpd'éQaKfi xal x^Q" TaêCê ^ ^ olçâ^noT^ ovv yçafifiazeiotç evô-éfûç sic %6 (STçarône- âay ànotnaXfivcu. Indess scheinen hier so diif d'égal wie %oiQxa^ das nicht in die Form des Litteraturbuches gebrachte, ungeheftete und ungerollte, Material zu sein, wozu die Litteraturbûcher, fiifiUa, eînen Gegensatz bilden.

Wir fragen hiemach zweitens nach der Briefstellerei, iind zwar 80 weit sie Privatskriptur war und nicht kûnsUerische iind litterarische Zwecke yerfolgte. Briefe sandte man sich hâufig auf WachstafeLi, hâufiger yielleicht noch auf Papyrus; Briefe auf Membrane sind dagegen fur die bessere Zeit nicht nach- weisbar. Allerdings richten einmal die Juden einen Brief auf âuf&éçat an Ptolemaeos Philadelphos, imd eben solchen ein anderes Mal die Inder an den Augustus; aber Josephus^) und Strabo^), die uns dies erzâhlen, halten es eben fur nothig, dabei das iv âig)&éQa^ besonders zu erwâhnen. Dièse Fâlle sind um so weniger als Belege zu benutzen, da sie ja gar nicht die griechisch-rômische Gultur an- gehen. Wir constatiren, dass, so wie der zweite Johannesbrief des neuen Testamentes ursprunglich auf x^Q'^V^ ^^ Cyria geschickt ge- wesen ist*), so auch der ganze Briefwechsel des Cicero vom Perga- ment nichts zu wissen scheint'), ingleichen weiterhin der des Seneca und der des Plinius, soweit dièse namlich ihrer epistolographischen Schrîftstellerei den echten Charakter des Gelegenheitsbriefes noch belassen haben. Auf Papyrus schrieb auch Caesar seine Briefe^.

') Ephémeride archéologique d'Athènes N. 520; ygl. Egger, Mém. d'hist. anc 8. 137.

^ Joseph. Antiquit. XII 2.

>) Strabo S. 719. Ygl. Wattenbach a. a. O. S. 92.

*) Ep. Johann. II 12: noXXà ïj(ù)v yQn(fiêv olx ifiovkij^v âêu xâçTov xtti fÂÎlayoç, ygl. UI 13: noXkà êl^oy yqâîftèv {yqûipa^ oo& Sinait.) àXX* O'éXaf âùt fÂtljuvoç xai xald/nov aot yçaipat,

») Ygl. Gcero ad famiL YII 18. ad Qu. fratr. II 15.

<) Sneton Caes. 56.

g2 Das Pergament.

Unter den Satumaliengeschenken beim Martial erscbeinen nur chartae epistolares^), keine membranae epistolares.

Das Briefpapier oder die charta epistolaris wird Ton Martial mit dieser tecimischen Bezeiclinung von der gewohnliclien Charta augenscheinlich nach allgemeinem Sprachgebrauch abgesondert. Be> sondera gutes Briefpapier lehrt uns der altère Plinius als charta Augusta kennen*). £ine einzige Selis pflegte zu diesem Zwecke zn genûgen in der Art jener Briefe auf Papyrus, wie sie sich in dea âgyptischen Grabem so zahlreich vorgefunden haben. Seneca, der solche Kûrze als Tugend des Briefes hinstellt, bricht einen der sei- nigen mit der Bemerkung ab: damit er das Raummass nicht ûber- schreite, wolle er lieber morgen fortfahren: denn es dûrfe ein Bnd die linke Hand des Lesers nicht fullen'). Das AufroUen eines Yolu- men Ton mebreren Scheden wûrde sie gefullt haben: aine einzige konnte in der Rechten allein gehalten werden. So manche der Briefe Seneca's, wie z. B. XY 2, widerstreiten fireilich dieser Yorschrift Heisst dagegen ein Brief ein volumen, so ist damit etwas Abnormes gesagt; so hat Cicero (ad &mil. ÏR 7, 2) Ton Appius Pulcer eine epistula erhalten, die er, augenscheinlich aus Indignation ûbertreibend, als volumen bezeichnet plénum querellae iniquissimae. Umgekehrt ist der Brief wechsel mit Gomificius dem Cicero so lieb, dass er ihm „nicht Briefe, sondem Rollen^ schreiben zu kônnen wûnscht (fam. Xn 30, 1).

Erst beim Hieronymus fuiden wir die Angabe, dass man zum Briefe Membrane nimmt, und zwar „wenn es an Charta fehlt^ *). Eben darauf weist der Brief als Palimpsest, von dem Ammianus Marcellinus orzâhlt'): Und Augustin schreibt*): Non haec epistola sic inopiam ehartae indicat, ut membrancLS scUtem abundare testetur, Tabellas ebur» neas quas haheo avunculo tuo cum ïitteris misi. Tu enim huic pelHculaê faciUuê ignosces eqs.

1) Martial XIV 11.

«) Vgl. unt. Cap. V.

*) Qtioe non débet ginisiram numum legentis implere. Epist 45.

*) Hieron. epist. VII ad Chromatiam Joyinum et Eusebium (IV S. 13 Mart.)*

5) XV 5, 12.

«) Opéra éd. Maur. II 19, Brief 15.

Briofe nicht auf Pergament. g3

Yom PalimpseBt redet auch eine Stelle der Ciceronischen Briefe^); illein dass auch fur Briefe Pergament benutzt worden sei, ist hieraus aoch nicht zu entnehmen. Trebatius, mit dem Cicero gelegentlich m scherzhaft scheltendem Ton zu reden liebt, hat ibm seinen Brief anf einer Chartula geschickt, die vorher schon beschrieben gewesen war: der frûhere Inhalt ist getilgt; Cicero argwohnt darunter sein eigenes Toraufgehendes Schreiben, imd er bekomme also auf dem- selben Papier, das er geschickt hatte, die Antwort zuruck. Er wittert danmter Malice; denn Sparsamkeit kônne der Grund nicht sein; sie ûbe man nur, wenn man in die Lage komme, Palimpsest zu brauchen: Sed ut ad epistulas tuas redeam, cetera belle: iUud rmror: quiê solet eodem exemple pluree dare qui sua manu scribiti Nam quod m palimpseste, laudo equidem parsmoniam; sed miror quid in iUa ehartula Juerit, quod delere malueris quam haec in nova sctibere^), JSisi forte tuas formulas: non enim puto te meas epistulas delere ut rtponas tuas! Aus dem Gregensatz, in den hier chartula und paUm- psestus gestellt sind, erhellt, dass Cicero wie Catull') unter letzterem Membrane yerstand. Dass aber ein Brief als Palimpsest auf Mem- brane môglich sei, will er durchaus nicht zugestehen, sondem lobt, dass man spare und schon einmal beschriebenes Material noch einmal beschreibe, falls man in die Lage kommt Palimpsest zu brauchen, d. h. Mb man Brouillons und Notizen macht.

Eannte die classische Zeit nicht einmal Briefe auf Pergament, so wird man auf die Beispiele, wo es litterarische Monumente tragen soll, neugierig sein. Es sei zuerst an jene Familienchroniken erinnert, die in den Darstellungen der Anfange der rômischen Litteratur auf- gefuhrt zn werden pflegen. Plinius hebt hervor (XXXY 7), dass die aJten Rômer in ihren Atrien die Wachsbilder der Ahnen nebst Stemmata anzubringen pflegten, ausserdem aber in Archiven Codices anfbewahrten, in welchen die von den Familiengliedcm im Amt ver- richteten Thaten verzeichnet standen: tabulina codicibus inplebantur

1) Cic ad fam. VII 18, 2.

^ So oder in alia scribere muss gelesen werden; haec non scribere valg.; haec scribere geben die Codd. ') VgL unten.

g4 ^<^ Pergament

et monimentis rerum in magistratu gestarum. Es sieht indess jeder, dass dies mit dem, was wir Litteratar nennen, nîcbts zn tiiun hat Es handelt sich um einmalige Eintragung von cbronikartigen Notizen, ohne Yervielfaltîgung, fur das Familienarchiv. Es ist zudem doich nichts ausgeschlossen jene Codices fur Wachstafeln zu nebmeu.

Wirklich trat die Membrane aber r drittens gelegentlicb anch in den Dienst des eigentlicben Litteraturbucbes. Waren die Bûcher Papyrusrollen, so war sie es, die als deren Umbûllung dieote. Die leicbt zerreissbaren wurden durcb das feste Stuck Pergament, das sie umgab, so gescbûtzt, wie die Papierblâtter der modemen Bûcber durcb den Papp- und Ledereinband. Dasselbe gab zugleich Gelegenbeit den Léser durcb eine angenebme Aussenseite imd Ele- ganz der Ausstattung anzuzieben: denn bei besseren BQcbem^), insbesondere bei denen der Poésie war dièse Membrane puipurfarben oder orange gebalten. Rotb war das gewobnlicbe: so in der Bucb* sammlung des ungebildeten Bibliomanen Lukian^s'); Ovid will seinen Tristien die rotbe Farbe versagen, die sich zur Trauer niebt schickt (Trist. I 1, 5); in Rotb aucb erscbienen die RoUen Martiales, wie ans dem nondum murice ctdtus YUI 72 zu entnebmen; insbesondere sein drittes (vgl. lU 2, 10 purpura deUcata), Ebenso aucb die Gedicbt- sammlung der Sabina, die bei Martial X 93 ihre „Purpurtoga^ eben erst erhalten bat und darum nocb nicbt im Publikum, sondem allei^ neueste Novitat ist. Ungenauer beisst daber beim Statius der ganze libellus purpureus^). Orange dagegen wili Lygdamus im Handel ^-

^) Kur xûkkKna fi^fiUa Lakian thqI rtav int /lurdvy cvy. 41. comptiim opus Lygdam. 1, 14.

^) Lukian niçi Ttày inî /lucB-^ cw, 41: roiç xakXUrroiç roérotç fitfiXioêç (oy xçvaoî /néy ol ofÀtfiakoi, noçfpvQa dl ixto&êy ^ d&ffd-ÎQa, d* fydoy rj Svtfrnjç iart xtX. Dass B. Fôrater (in seiner Recension Gardthausen'sy Fleekeîs. Ibb. 121 S. 49 fF.) hier an codices auf Parpurpergament denken konnte, ist wanderbar. Er hat wohl die Erw&hnung der o/Ln^aXoi fibersehen. UngUubUch ist ûbrigens, dass bei einem Bûche das Material im Gegensatz zum Inhalte ixTod-iy heissen kOnne! Dasselbe gilt aber Ton dem Buch, ûber das Lokîan nçoç roy ànaid, 7 sagt: noçffVQay /ufy ij^oy rijy dufS^iqay, XQWfovy toy

*) Statius Silr. IV 9, 7 : (libellus) noster purpureus novusque charta Et binis decoratus umbiltcis.

scheinen^). Bas Tropische jener ^Purpurtoga" der Sabina erklârt sich EUS einem Sprachgebrauch, der im griechischen Buchwesen aufge- bracbt zn sein scbeînt, nacb welchem der Membraneinband verglichen wird mit der paenula, einem Reisekleid, das die meDSchliche Gestalt ganz einhûllte bis auf Kopf mid Fusse und oftmals aus Leder war (Martial XIY 130): das Etymologicum magnum erklârt uns (paivoXfjç als êlX^TiXQioy fjufifiçciïvop, ebenso Hesych (sub cpaMvfiç), Cyrill (Ducange 61. gr. p. 1657) und das Lexikon bei Montfaucon Bibl. Coisl. S. 476, und zwar sagt letzteres genauer sîX'^ov TOfAccçioy fkefAfiQccîvoy. Nothwendig scheint anzunebmen, dass auch Martiales elftes Buch nicht anders ausgestattet war, wenn der Dicbter auf der ersten Seite desselben von dem „nicht alltâglichen Musellin*' redet, „worin das noch UnaufgeroUte gekleidet gehe^ ^). Aehnlich nennt Martial XIII 1 das Dûtenpapier, worin man beim Ejrâmer Thunfisch und Oliven einwickelt, toga und paenula. Dieselben Glossare fugen beilâufig zum ^cuvoXfiç noch die andere Erklârung hinzu : Ç yXiû(f(f6no(ioVj „Eiste, Futteral^. An dièse Bedeutung wird in einer Stelle des Neuen Testamentes zu denken sein, wenn wir II ad Timoth. 4, 13 lesen: %ày fpsXovfiv ov ànéhnov .... èQxàfisvoç (péçe xaï m fiifiUa; denn ipsXéviiç kann hier wohl nur den gemeinsamen Behalter der fiêfiUa bedeuten*).

£in wichtiger Unterschied besteht nun aber zwischen dieser paenida und dem modemen Bucheinband. Ohne den Einband ist das moderne Buch incomplet; er gehort mit zum Buchbegriff. Keines- wegs kann dies auch vom antiken Membranumschlag gegolten haben. Die Bûcher, die der Aegypter seinen Todten in das Grab legte, pflegen desselben so zu entbehren*), wie die Bûcher Herculaneums.

») TibuU III 1,9.

*} Mart. XI 1 cultuê sidone (so, ohne n, auch Mari. IV 19, 12) non coti- diana* Dièse Art der Einkleidung steht flbrigens allein.

*) Vgl. nnten S. 88.

*) Ueber einen serfetzten Papyrus, im Jahre 1861 zu Theben ron A. Yon Bougemont yon der Schadau gekauft, berichtet Zûndel Bbein. Mus. 1866 S. 437: „Die Fragmente sind um einen kurzen Stab gewickelt, aus Schiifbl&ttem, die an beiden Enden mit rothem Thonsiegel yerbunden sind. Auf beiden Siegeln steht der Name Menterra. Um dièse Bolle war ein schmaler Streif Mumien- Birt, Buchwesen. 5

gg Das Pergament

£r scheint nur gelegentlicb zu Luxuszwecken in Anwendung ge- kommen zu sein. Und wir dûrfen also wohl annehmen, dass, wenn Bûcher (libri) testamentarisch vermacbt wurden, dieser Einband von Juristen wie Sabinus und C. Cassius zu denjenigen Dingen gezâUt worden ist in quihus libri conduntur und in dem Vermacbtniss ebenso wenig wie die bibliotbeca selbst oder die annaria und scrinia mit einbegriffen wurde^).

An der gescblossenen Rolle war sodann yiertens auswendig Yerfasser und Titel auf einem sogenannten diXv^oç angebracbt, der lateiniscb bald titulus genannt wird, bald index. Aucb dieser index bestand aus einer membranula, welcbe sicb Tom Atticus Cicero beîm Ordnen seiner Bibliothek erbittet ad Att. lY 4. Aucb aie wurde bis- weilen purpur- oder scbarlacbroth gefarbt, nacb Martial m 2, 11 und Ovid Trist. I 1, 7. Und zwar denkt Ovid, wenn er hier die eharta um titulus in einen rbetoriscben Gegensatz stellt:

Nec titulas minio, née cedro eharta notetor

bei dem titulus offenbar an ein anderes Material als Charta, d. h.

eben an dîeselbe membranula Cicero^s. Hesych bestâtigt dies eben-

falls, wenn er glossirt: iïiXXvfiov' . . xai %âv fiéfiiSaty ta déQficna,

Ein clJiXvfioç aus Papyrus, aussen an der Rolle angebracht, wire

wenig dauerhaft, ein Fârben dièses Papyrus seiner Natur wohl wenig

entsprechend gewesen; die Annahme eines solchen sillybus papynir

ceus wird aber meines Wissens nur einer Gonjektur yerdankt, welche

W. A. Becker zuerst in seiner Schrift ûber die rômische Ëlegie ge-

macht, in seinem Grallus') wiederholt bat. E. Bâhrens bat sie als

seine eigene in den Text aufgeDommen beim Lygdamus*}, wo die

Beschreibung eines libellus also gegeben wird:

Lutea sed nÎTeum inTolrat membrana libeUam, Pumex et eanas tondeat ante eomas, Summaque praetexat tenais fastigia ehartae Indieet ut nomen littera facta taum Atque inter geminas pingantur eornua frontea.

leinwand." SelbstTerst&ndlich sind dièse Fragmente erst Yon den Findem so zosammengefasst worden.

') Sabinas und Cassius bei Ulpian Digest. XXXII 52, 3.

«) II» S. 381.

») Tibull III 1, 11.

ciXXvpoç, titalas, index. g 7

Das zweite Distîchon redet Tom Sillybos; fasUgia und frontes sind

identisch und bedeuten den Querdurchschnitt des Papyruscylinders

an seinen zwei Ënden. Ein sachlicher Ânstoss lâge also nicht vor,

ivenn wir den Satz construirten : littera, facta ut nomen tuum incUcêi,

tununa chartae fastigia praetexdt Die sachliche Nôthigung, welche

Becker fand, durch die Herstellung yon charta ein anderes Subjekt

zu gewinnen, ist irrthûmlicb. Aucb war es spracblicb nicbt unmog-

lich, mit littera eben die bescbriebene membranula zu bezeichnen.

IfîssfaUen erregt hingegen die minder naturliche Wortstellung; und

80 ist prcttexere zwar eine gute Bezeicbnung fur das Eleben, nicht

g^t aber wird es begrifBiich mit den Buchstaben selbst (Uttera prae-

texat) yerbunden. Die ûberlieferte Lesung unterliegt also in der

That sprachlicben Bedenken. Den Nominatiy charta einzusetzen ist

indess sachlicb unstatthafb, und da andererseits tennis abundirt, so

mochte eine Emendation an letzterem Punkte einzusetzen baben und

ich yermuthe, der echte Wortlaut war:

SniniDAqae praetexat titulus faatigia chartae Indicet ai nomen littera facta tuam^).

Endlich muss hier noch des Suffenus gedacht werden, ûber dessen Schreibwuth sich die Skazonten Catull^s (c. 22) ereifem. Die Stelle ist mehrfach, zuletzt wohl yon £. Benoist in der Reyue de phil. III S. 26 behandelt. Suffenus, sonst doch ein Mann yon Lebensart und Witz, ist trotzdem so geschmacklos Poet zu sein und zwar ein hôchst firuchtbarer; was seine Yerse betrifft:

Pnto esse ego illi milia aut decem aut plura Perscripta, née sic ut fit in palimpseston Relata: chartae regiae, nori libri, Nori ambilici, lora rubra, membrana Directa plumbo et pumice omnia aeqaata.

So edirte M. Haupt. Die zuyerlassige Ueberlieferung giebt m pal- nnsepto, sodann carte régie nove Hbri, femer membrane und endlich Détecta plumbo,

Sachlich finden wir hier nicht wenig zu fragen. Suffenus hait

^) Fur den Oebrauch yon titulus yerweise ich aaf Martial XII 3, Orid Trist. I 1> 7 ond aaf Plinius Ep. VII: patere me vider e titulum tuum,

5*

gg Das Pergament.

seine Poesien fur so werthyoll, dass er aie Dicht, wie viele andere, auf einfacher Membrane im Palimpsest steben lâsst, sondem Reîn- scbriften macbt oder macben lâsst auf dem tbeuersten Material for Ëditionen, der cbarta régla; die Umbilici an den Enden seiner Bûcber sind neu; ailes ist scbôn mit Bimmstein geglattet: das heisst natûr- licb, aller Papyrus, so weit er bescbrieben ist oder werden solL Es sind zwei Hauptscbwierigkeiten, die sicb bier darbieten: die Appo- sition der novi libri zu chartae regùie mag bingeben^); die hra rubra aber sind fur unsere Kenntniss des antiken RoUenwesens neu und befremdlicb. Und was ist gar jene membrcma plumbo cUrecta^ ^Wt dem Bleilineal gericbtet werden*' kann wobi die Scbrift, docb aber nicbt das Scbreibmaterial selbst

Man bat sicb also mit Recbt entscblossen, membrana (oder memr hranae im Plural) und lora nibra als Glieder der Aufizâblung jedes fur sicb zu nebmen. Ersteres kann alsdann nur die paenula bedeuten sollen, scbwerlicb dagegen den Sillybus, der vielmebr eine membre- nula war und sonst irgendwie als solcber durcb Zusatz kenntlich gemacbt werden musste'). Unter lora aber pflegt man Bindgam zu yersteben, womit die Bucbrolle zusammengebunden sel. Belege fur dièses Binden der Rollen aus classiscber Zeit feblen nicbt'); dass es indess zur Opulenz der Ausstattung mitgewirkt batte, ist nicbt begreiflicb. Ovid, besonders aber Lygdamus und Martial, sind in der Nambaftmacbung der schmîîckenden Zutbaten des Bucbes so detaillirt wie moglicb; dass sie yon solcbem Gam nicbt reden^), muss uns bedenklicb macben. Selbstyerstandlicb war aber, sollte die zarte Relie nicbt leiden, fur diesen Zweck nur feinster Faden anwendbar, und die Bezeicbnung desselben als „Riemen^ scbeint

^) Denn nur Apposition kônnte es sein. Eine Unterscheidung swischen neu en Bûchem und Charte (die fibrigens auch neu sein musste) ist hier ii dem Apparat des Schreibenden nicht denkbar. EUlis, z. B., bringt VermuthuDgeii, die eines antiquarischen Anhaltes entbehren.

^ Eben darum l&sst sich auch schwerlich lora rubra membranae yerbinden and als der, ans Abbildungen bekannte, Bindfaden yersteben, mit welchem die membranula des Sillybos an die frons der BoUe gefestigt wurde.

*) Vgl. oben Seite 33 u. 48.

«) Vgl. Becker GaUus II S. 379.

Catull c. 22. 69

denn doch eîn etwas handfester Tropus zu sein. Ich wage die Lesung hra in Zweifel zu ziehen. Wenn nach Nennung des Umbilicus von rother Farbe die Rede ist, so erwarten wir nach Analogie der Aus- folirungen der genannten Dichter und des Lukian yor Allem Ton der paenula zu hôren. Hiernach vermuthe ich, indem ich zugleich die ûberlieferten Casusendungen môglichst conservire, dass Catull schrieb:

nec sic ut fit in palimpsesto *Relata: chartae regiae norae libri; Noyi umbilici; coria mbra membranae; £t recta plambo et pumice omnia aeqaata.

Schrieb Suffenus zehntausend Yerse oder mehr, so musste er etwa zehn Bûcher fûllen; dièse Bûcher sind yon neuestem frischem Pracht- papier (ygl. Statius Sily. IV 9, 7: Itbellus novus charia)^ jedes mit neuem Umbilicus, der Membranlederumschlag ist purpum gefarbt; ailes aber (im Text) sowohl auf Linien gestellt als mit Bimstein glatt gemacht. Die nova charta steht zum Palimpsest in offenbarem Gegensatz^).

Soyiel yon den Hauptzwecken, die die classische Zeit des Alter- thums mit ihrem Pergament verbunden hat. Das bis hieher ge- ivonnene Résultat wird manchem yielleicht ûberraschend sein. Um

') Bel coria ist die Arsis aufgelôst wie im V. 19 desselben Gedichtes. £St reda and nicht Derecta schien vorsuziehen, am die Nacbstellung des amnia sa erleichtem. Was Catull in der ersten Zeile scbrieb, bleibt unsicher. Den grieehischen Accusatir palvmpseston konnte Catull bier nicbt anwenden; pa- Umpéestum aber entfemt sicb zu weit tod der Ueberlieferung. Sollte Catull

TÎelleicht gescbrieben baben:

Pnto esM ego illl mil la aat decem ant plara

Pericripta, née sic ut fit in palimpsesto

Celata: chartae regiae norae llbri eqs. Soffenus l&sat die Verse nicbt bQbscb im Fuite liegen und b&lt sie als Brouillon Terborgen, membranis intus positis, eondem sorgt sofort f^r scbleunige Rein- aehrift in Editionsexemplaren ron beater Ausstattung. Hierf&r liesse sicb nocb spraehlicb anfQbren, dass ja relata neben perscripta rollstftndig ûberflQssig ist, sachlicby dass erst nun die Vorstellung beseitigt ist, als ob der Dicbter sicb ein einzelnes Handexemplar so gl&nzend berstellte; yielmehr weisen aile auf- gesàhlten Charakteristica des Bucbs auf Edition; dies wird aber erst klar dnreh den Qegensatz celata (vgl. Kap. VII).

70 ^»" Pergament,

Yon dem Nebensâchlichen , das sich auf Titel und Umschlag be- scbrânkt, ganz abzusehen: das Pergament als Schreibstoff nimmt unter seinesgleichen augenscheinlich die yerachtetste Stelltmg ein; es steht noch Tor der Wachstafel zurûck; es ist kaum gut genug^ Trâger dessen zu sein, was durch den nâchsten besseren Einfidl wieder getilgt wird: auch als Palimpsest fur Notizen und Brouilloiui steht es erst an der zweiten Stelle^). Bas Pergament bat zwar zum Scbreiben, es bat nicbt aber auch zum Lesen gedient. Unmôglich schien es, einem Anderen eine Lektûre auf schlechter Membrane zuztimuthen. Daher nur erklârt sich das AufEiallende, dass man nîcht einmal bei Prîyatbriefen und Billets zur Membrane griff. Wie viel mehr musste dies wohl fur das Lesebuch der Litterator gelten !

Wir besitzen zwar keine comparativen Preisangaben; aber es liegt in der Natur der Sache, es erklârt sich aus der Complicirtheit seiner Fabrikation, dass der Papyrus um Yieles theurer und kost- barer als die Membrane war. Sie ist das Négligé, das die Schrift- werke abwerfen, sobald sie sich unter Menschen sehen lassen.

Gleichwohl begegnen uns nun, wenn auch anfangs nur ganz yer- einzelt, schon in classischer Zeit Beispiele f ûr Umschrift litte- rarischer Werke auf Pergament. Es sind dies die ersten schûcb- temen Yersuche, die der Herrschafb des mittelalterlichen Codex um fast ein halbes Jahrtausend vorbahnend yoraufgingen. Um sie zu wurdigen, gilt es, des bisher Festgestellten eingedenk zu bleiben. Unmôglich kônnen danach in der Zeit etwa des Martial, dem wir gerade die Hauptkenntniss von der Praxis des RoUenbuchwesens ver- danken, Abschriften auf Membrane mit der herrschenden Rollenform auch nur entfemt fur gleichwerthig gegolten haben. Nehmen wir uns die Zeit, die ersten Erwâhnungen derselben einmal etwas schârfer in's Auge zu fassen. Sie scheinen selbst geeignet, ûber den Zweok solcber Abschriften, îîber ihre Werthschâtzung im Publilnim und ûber ihre Bedeutung fur die producirenden Autoren hinreichenden Aufschluss zu ertheilen.

Yoranzustellen ist ein Curiosum, das schon Cicero irgendwo in

^) Vgl. bes. die angefllhrte Quintilianstelle.

< Ente Beispiele des Lesebachs anf Membrane. 71

semen Scliriiten erwahnt hatte. Es ist dies ein Miniaturexemplar der ganzen Homerischen Iliade, das in einer Nuss auf bewahrt wurde und auf Membrane geschrieben war. Plinins bringt dies bei als fast unglaubliches Beispiel fur menschliche Augenschârfe^). Selbstver- stândlich muss Notenschrift in Anwendung gekommen sein, um dièse Spielerei zu ermôgliclien: eine Thatsache, die fur die Ansicht derer in's Grewicht fallt, welche die Tachygraphie fur eine griechische, vor- tironische Erfindung halten*). Das in membrana scriptum aber wird bierbei als abnorm besonders erwâhnt; wer sich die Kleinheit der Bucbstaben vorstellt, die hier nôtbig war, begreift, dass sicb der faserîge Papyrus dafur nicbt eignete.

Aucb die funf weiteren Beispiele, die wir bier anreiben, tragen in etwas nocb den Cbarakter des Curiosums, obne dass aber damit etwa die Vorstellung des Wertbvollen verbunden wâre. Die betref- fenden funf Exemplare ein Homer, ein Vergil, ein Cicero, ein Liyius und Oyid's Metamorpbosen dienen als Festgescbenke und finden sich mit vielen anderen Gescbenken aufgefuhrt im yierzebnten Bucbe des Martial. Wir kônneu nicbt umhin, von diesem Bûche genaue Kenntniss zu nehmen; scheint die Abschweifung anfangs in*s Ziellose zu yerlaufen, so muss sie sich durch ihr Ergebniss zu recht- fertigen yersuchen.

Sein yierzehntes Buch bat Martial mit zweihunderteinundzwanzig Distichen angefûllt, deren ungefâhr jedes den Namen eines Festge- gchenks erklarend begleitet; durch den Titel Apophoreta sowie durch die Einleitung wird speciell an das Schenkfest der Satumalien als Gelegenheit angeknûpft. Dièse Distichen sind also als ènï totç âmQOêç Isyôfkêva gedacht oder als die kurzen Begleitzettel , die, nach Lukian's SatumaliengesetzgebuDg, jeder Schenkende mit Sach- und Werthangabe dem Gegenstand beigeben soll'). Als Empfanger werden fiast nur Mânner Torausgesetzt^); darum nennt Martial das

1) PUn. Nat. hist. VII 85.

S) Gardthausen Pal&ogr. S. 213; freilich scheint Oardthausen mit seiner Thèse bei den fachm&nnischen Beurtheilern nicht durchgedrangen.

') Lnkian Kronosolon 15.

^) Gani besonders in N. 59 und 56. Ausnabmen scheinen freilich die crines nnd pectines^ jedenfalls das mamillarej die fasda^ das amictorium und die zonci.

72 ^^ Pergament.

Fnuenfest der Kalenden des M&rz eînmal im Gegensatz die Satwr- naUa feminarum^), Und so bedachte auch Yespasian nach Sueton") an den Matronalien die Frauenwelt, die Mânner an den Saturoalien mit Apophoreta. Wir haben hier gewissermassen eine Anslese passender Weihnachtsgeschenke vor nos. Es schenkt, wer Lust hat, Tom Kaiser und Senator herab bis zum Proletarier der Stadt und zur Hetâre. Motiy dabei ist lediglich die Aufmerksamkeit*); darum genûgen in yielen F&llen BagateUen und Dinge, die es yermeiden, Eostbarkeiten zu sein, derlei nur der Reiche aufzuwenden yermag. Aber auch der Reiche bemisst den Werth seiner Graben nach dem Ansehen des Empfangers. Augustus selbst schenkte zwar ôfters Gold- und Silbersachen, Zeuge, Geldstûcke jeder Art, daneben aber auch so Werthloses, wie Matten aus Ziegenhaar (ctKcia), Schwamme, Feuerstocher (rutabula), Zangen €Uque cUia id genus, tituHs obseuriê et ambiguis*), Elagen ûber die Winzigkeit der Geschenke waren darum fur den Epigrammatiker ein dankbarer Cregenstand; dahin ge- horen eben solche Erbârmlichkeiten wie Servietten, Wachskerzen, Lôffel und Papyrus') und jener ganze Catalog Ton Siebensachon im Werth yoQ kaum zwei Thalern: 12 tripUces, 7 dentisccUpiay spongioy mappa, calix, semodms fabae, vimen Hcmarum, mgra lagona sapas Laietanae, parva cottana, pruni cani, gravis testa fici Ldbycae^). Der Dichter richtet hierûber seine Beschwerde an die Munificenz des Kaisers selbst^: wogegen Lukian sein Gesetz erlâsst: àjtétrrm de xal %âv lafAfiayoPTCûp fA€(iipt(jtOéQia xaï to nsiHpd'èv onotoy iv ^, Ikiya ôoxsiTCû^), Das Schenken war Leistung und GregenleistuDg und das Fragen nach dem Preise darum um so natûrlicher. Der- selbe Gesichtspunkt ist auch im yierzehnten Bûche nicht yergessen. In diesem Bazar yon den yerschiedensten Dingen des Luxus und

1) Martial V 84,

^ Vespas. 19.

*) Dicere te passes ut meminisse met Mart. IV 88, 8.

*) Sueton Aug. 75.

») Martial V 18.

«) Martial Vil 53; Tgl. auch IV 88; Statius Sily. IV 9, 24 ff.

T) Martial V 19.

^) Lukian Kronosol. 16 init.

Die ApophoreU MartiaPs. 73

des Nutzens, wo neben Marmorstatuen, Eôchen imd Tânzerinnen die

leidigen ZahnBtocher , Ohrlôffel und Federhalter sich anpreisen, ist

die Yerscbiedenlieit des Werthes besonders aufPallig gemacht.

Martial selbst giebt in der Einleitung eine f5rmliche Disposition

seines Bnchs in diesem Sinne, auf die Ton den Editoren bisher nicbt

genûgend Rûcksicht genommen ist. Wir lesen:

SynthesibuB dam gaudet eqnes dominusque senator Dumque deeent nostnim pilea sompta lovem eqs. Diritifl alternas et pauperis accipe sortes. Praemia convivae dent sua quisque suo.

Es sind also mit ganz der nâmlicben strengen Sonderung, die aucb Lnldan seiner Satumalienschriffc zu Grunde gelegt bat, theils Reicbe, theils Arme als Geber gedacht; und durch das Buch sollen ab- wechselnd (aitemae sortes) die reicberen und die dûrftigen Gaben sich folgen. Die Gaben gruppiren sich also paarweise, imd jedes Paar begreift dem Geldwerthe nacb zwei Gegensâtze. Es gilt, dièse Disposition durch aile Nummern zu yerfolgen. Dadurch werden wir zugleich mit der Werthschâtzimg der Gegenstande in yorzûg- licher Weise bekannt gemacht, einer Schâtzung, die in vielen Fâllen leicht genug zu begreifen ist. Yerfolgen wir also mit leichter Mûhe, wie der Satumaliendichter sein Arrangement durchfuhrt. Die Paare hat er gem so componirt, dass beide Theile auf einander Bezug nehmen. Der Reiche schenkt denselben Gegenstand aus werthyoUe- rem Matenal, als der Arme : ein Paar Eâsten, der eine aus Elfenbein, der andere aus Holz, 12 und 13; zwei Candelaber yon Corinthischem Metall oder yon Holz, 43 und 44 ; zwei Latemen, die eine aus Hom, die andere de yesica, 61 und 62; eine Toga (dazu zwei Distichen) oder nur ein Dûfiel (endronUs, ausdrûcklich als pauperis munus be- zeichnet^)) 124 f. 126; Originalbecher des Mentor imd plebejische Glâser, 93 und 94; eine câlirte guldene Phiala und gemeine Bêcher (viUa monmenta Vatmi sutoris), 95 und 96; Schreibtafeln aus Elfen- bein und gewôhnliche cerae {vilia dona), 5 und 6 ; Schreibtafeln yom Holze des kostbaren Citrusbaumes neben einfachen funftheiligen cerae 3, 4; ein Tisch aus demselben Citrus neben einem anderen aus Ahom 89, 90. Hieher gehoren femer die Paare:

1) Vgl. anch Mart. IV 19.

74 ^M Pergament.

7, 8 (= 9): pugillares membranei und J^tteUiani (letztere besonden klein).

10, 11: chartes mcâores und chartae epistolares,

39, 40: lucema cubicidaris und candela,

41, 42: lucema polymyxos und ctfreu«.

45, 46: pila pagattica^) und j[>i/a trigonaUs,

47, 48: /o//w und harpasta^.

79, 80: flagra und fervlae,

97, 98: ton€«« chrysendetae und rcMa Arretma (fictiHa; ne spemoi),

99, 100: bascanda (vent de Britannis) und panaca (VeroneMÎs),

103, 104: co/um nwarium und saams nwarius (letzteres „fur den schlechteren Wein'').

105, 106: urceoîi mmistratorii und urceus fictilis (letzterer for den Stoiker). Und es ist weiter ebenso gedacht, wenn der Reiche das Ross, der Arme nur eînen Windhund (199 und 200), der Reiche die seltenen mulae pumilae, der Arme nur eine catella gaUicana (197, 198), der Reiche einen Vogelkâfig aus Elfenbein, der Arme ein elfenbeinemes Schminkkâstchen (77 und 78), nicht anders auch, wenn der eine den Papagei giebt, der andere blos den Raben (73 und 74), dieser Philo- mele, die Nachtigall, jener die schwâtzende Elster (75 und 76). So auch steht als Gegensatz zum kostbaren bunten Citrusbett der Sattel (85 und 86). Oft aber lâsst auch Martial die geringere Gabe zu der vorangestellten grosseren eine Art Ergânzung bilden: goldene Ringe stehen yoran, der Arme liefert dazu den Easten, die Daktyliothek (122 und 123); derselbe liefert die Cymbeln fur die verfuhre- rische Tânzerin des Reichen (203 und 204), den Liebesgûrtel (206) fur den Liebesknaben des Reichen (205) ; der sehr kostbare Hauskoch wird geschenkt: der Arme gibt den Rost fur die Eûche

') turget difficili pluma; minus laxa folle,, minus arta quam pila, TgL ûbrigens Mart. VII 32.

^ Die Tersohiedene Werthsch&tzung fûr dièse Balle lernen wir erat hieraus; wenn es fbnf Sorten gab (Oribasias Vol. I S. 529 Dar.), eine fuacça, fjityâlti, fAèffti, év/uéyé&tjç und xéytj , so mtkg follis die /Luyâhj sein, pagamca die ivf4iyi&^ç, dagegen liarpasta und trigonalis /uix^â oder /uétni und xêyi; vgl. Marquardt, Priv. Alterth. V, 2 S. 421.

Die ÂpophoreU Martial's. 75

(320 iind 221); ein Bâcker: er gibt das Schmalzgebackene (222 und 223). Ganz ebenso ergânzen sich auch der pumilus und dazu die parma pumilioniê (212 und 213), der GeBchwindschreiber und die Papier glâttende Muschel (208 und 209), der Bûcherschrein und das Bûndei Federhalter (37 und 38). In einer Reihe Ton Beispielen bat sich Martial endlich begnûgt, einfach einen werthyolleren Gegenstand mit einem wertbloseren zu Terbinden.

Dass dièse paarweise Anordnung vom Dichter durchgefuhrt war, wQrde schon durch die zahlreichen soeben mitgetheilten Belege zur bSchsten Wahrscheinlichkeit erhoben werden, selbst wenn er dies Altemiren seîner Apophoreta nicht ausdrûcklich als seine Absicht bezeichnet hâtte. In dem uns yorliegenden Text macht ihre weitere Dorchfulirung geiegentUch die eine und andere Richtigstellung er- forderlich, die einer weiteren Empfehlung nicht bedarf, zumal uns meistens handschriftliche Zeugnisse selbst dabei zu Hûlfe kommen. In diesem Martialbuch ist uns also einmal durch die Disposition eine sichere Contrôle gegeben um zu constatiren, in welchem Grade bei der Textverderbung lateinischer Dichter Yersyersetzungen mitgespielt haben. Auch Ausfôlle Ton Distichen haben an einigen Stellen sicher stattgelunden.

Nâchst den funf Anfangspaaren haben wir zu verbinden:

tali ebumei und tesserae, 14, 15.

die turricula und die tabula lusoria, 16, 17.

die calculi (miles gemmeus) und die nuces (aléa parvà) 20 und 18.

die theca libraria (thecam calams armare mémento) und das graphi- arium 19, 21 (so, 20, 18, 19, 21 ordnen in der That der Thuaneus und der Palatinus optimus P).

dentiscalpium und auriscalpium 22, 23.

acus aurea und pectines 24, 25.

crines (Teutonict) und sapo (die Haare zu farben) 26, 27 (die Reihenfolge im Thuaneus: acus aurea crines, sapo pectines kann nicht wohl richtig sein).

ombella und causia (beides gegen die Sonne) 28, 29.

yenabula and culter yenatorius 30, 31.

parazonium (arma tribunicium cingere digna lotus) und pugio 32, 33.

fialx und securicula (ofifenbar spottend wegen der Werthlosigkeit

76 ^*« Pergmonent.

wird hinzugesetzt: haec quadringenUê nuUbus empta fuit; m steht im ersten Palat P. an ganz yerkehrtem Platze) 34, 35. Die sechs Paare N. 37 bis 48 sind schon besprochen; Yor oder nach N. 36 ist eine Nummer ausgefallen, die zu dem Rasierzeag das Pen- dant bildete. Weiter sodann: haltères und galericulum 49, 50i

strigiles ans Pergamum und der Salbenguss gnttus comeus 51, 52');

das nâchste deutliche Paar ist N. 61 und 62 (latema cornes

und latema de vesica); gehen wir yon da aus rûckwârts, so

erhalten wir als Gregensâtze:

Balsam (opobalsama) und eine Art Seife oder Salbe (lomeotum')

59, 60. Arabischen Balsam (myrobalanum*) und das grôbere aphronitrom*) 57, 58. Zweifelhaft bleibt, ob die vier Nummem 53 bis 56 rhinocéros, crépi- tacillum, flagellum und dentifiricium wirklich zwei Paare ausmachten oder ob hier nicht yielmehr Ausfall anzunehmen ist; Sistra und Peitsche mogen zusammen gehôren; ich vernûsse die Pendants zu N. 53 und 56. Sodann ordnete Martial die primitive gemeine fistula (quid me rides f) hinter die kostbareren tibiae 64, 63 (so hat wirkHch cod. P, sowie die Ausgabe von 1471); es iolgen: soleae lanatae und mammillare 65, Q6, muscarium payoninum und eng damit zu yerbinden muscarium

bubulum 67, 71. copta Rhodia und Priapus siligineus, zwei Esssachen 68, 69. £in ganzes Schwein und eine Wurst, porcus und botulus, als Satumalienspeise 70, 72 (dièse Herstellung 67, 71, 68, 69, 70, 72 wird wiederum durch den Thuaneus bestâtigt; ahnlich oder ebenso P). N. 73 bis 80 geben yier schon besprochene Paare; zu einander passen hiemach :

') Es scheint eu lesen: Oestavit modo fronte me iuvencus: Vemm rhino- cerota eum putabcis; denn das ûberlieferte ist schlechterdings nnTerstândlich. *) Vgl. Mart. III 62: rugcu hmento condere. ») VgL Plin. XII 100 und 103. *) Vgl. Plin. XXXI 112 und 113.

Die Apophoreta Martial's. 77

pera iind scopae 81, 82.

Ëine Eratzhand gegen Flohstich, scalptorium (de/endat manus haec scapulas eqs.), und ein Buchhalter zum Lesen, àraloysToy, manuale lectorium, 83, 84, scheinen ganz zufâllig zusammen- zustehen; allein auch das scalptorium ist ja ein manuale; der Be- griff der manus scheint das Gremeinsame^). Femer, nach 85, 86: die stibadia fur acht Personen und das gustatorium 87, 88; und

weiter, nach 89, 90; die Elephantenzâhne und die Messstange, das Quinquepedal 91, 92. Sodann, mit Uebergehung der besprochenen sechs Paare 93 bis 100 und 103 bis 106: boletaria (nobiïe nomen, gewiss aus Metall) und calices (non viU de pulvere, aber eben docb irden und nichts Besonderes) Surren- tini 101, 102; zu den calathi N. 107 scheint das Nebengeschenk ausgefallen; denn

es sind zusammen zu ordnen calices gemmati und Saguntini 109, 108 (letztere Nmnmer feblt im

Thuaneus). ampuUa potoria (gemmata) und crystallina 110, 111. nimbus yiteus und murrina 112, 113. patella Cumana und calices vitrei 114, 115. lagona niyaria und matella fictilis 116 (bis 118), 119. ligula argentea und cocbleare 120, 121. Es folgen nach 122, 123 Eleidungsstûcke, die sich von selbst ord- nen : y on dem Wohlhabenderen wird toga, canusinae (se. paenulae) fdscae und rufae, lacemae coccineae und Baeticae, die cenatoria, lacemae albae und farbige Capuchons geschenkt, von den Aermeren die Endromis (pauperis est munus), der bardocucullus (cercopitJiecorum nuper erat), eine paenula aus Leder, ein pileum (als bescheidene Gabe eiiarakterisirt), Brustbinde, rauhe zottige laena, Handtuch, Striimpfe aus Bockshaaren: 124 bis 140. Aber auch durch die folgenden Num- mem 141 bis 169 setzen sich die Eleidimgsstûcke noch fort; am klar- sten paart sich zusammen:

^) VgL ttvaXoyiov manuale lectorium in den Interpretamenta, Notices et extr. des mss. XXill 2, 8. 447.

78 I^*> Pergament.

Schwanfederpolster und Heu 161, 162.

Cithara und plectrum 165 (== 166), 167.

Zwei tomenta 159, 160, deren zweites fur ârmere Leute bestimmt heisst. Ob die Schelle N. 163 und der discus 164 (splendida pondéra dUd Spartani) zusammenpassen, ist zweîfelhaft; jedenfalls fehlt zum trochas (in zwei Distichen 168, 169) das Nebengeschenk, und es scheint sacbgemâsser, trochus und discus durch Umstellung zu verbinden und Yor N. 163 einen Ausfall anzunebmen. Im Yorau^ehenden ge- bôren zusammen:

lana ametbystina und weisse italieniscbe, 154, 155,

lana Tyria und scbwarze Pollentinische WoUe 156, 157 (= 158).

sjntbeseis^) und focale 141, 14S.

Pataviniscbes WoUzeug und spongia 143, 144.

paenula gausapina') und cerrical 145, 146.

Zu den kostbaren Friesdecken 147 ist das Pendant ausgefaUen.

lodices und linnenes amictorium 148, 149.

âgyptiscbe Teppicbe und Frauengûrtel 150, 151.

gausapum quadratum und das semicinctium, welcbes als Gabe eines Mittellosen ausdrûcklicb bezeicbnet wird, 152, 153. Fur die ganze Schlusspartie der Apopboreta von N. 197 ab ist die paar- weise Gruppirung zum grossen Tbeil scbon oben nacbgewiesen (namlich 197, 198; 199, 200; 203, 204; 205, 206 und 207; 208, 209; 212, 213; 220, 221; 222, 223); binzuzufugen sind bier nur nocb folgende:

ein PalâstraTorsteher und ein simius bastas emissas elndere doctns 201, 202.

morio und caput vervecinum 210, 211.

die pueri comoedi und die fibula comoedorum 214, 215.

der accipiter als Mittel zum Yogelfang und die calami aucupatorii 216,218.

opsonator und cor bululum 217, 219.

Hiemacb ist es Zeit, uns endlich aucb nacb den Bûcbern um- zuseben, wie sie Martial den Armen und den Reicben an den Satur-

^) Vgl. Martial V 79, 2. >) Vgl. Martial VI 69.

Die Apophoreta Martiales. 79

oalien yerschenken lâsst, eine Art von Festgabe, die schon dem CSatolI (c. 14) bekannt nnd die auch Statius als ûblich yoraussetzt: Mif des Statius Zusendung, eine prâchtig ausgestattete BuchroUe, erlanbt sich der jnnge Plotius den Scberz mit einer ganz alten, Ter- dorbenen zu antworten, dazu des langweiligsten Inbaltes {Bruti senis oêcitationes), gut genug fur Kâsepapier, worûber sich ein ganzes Carmen in Hendekasjllaben ereifert^). Lukian aber in seiner Satur- oalienfestordnung^) gibt genaue Yorschriften : der Arme soll sich darauf beschrânken Erânze zu schenken oder âhnliches Bagatell ; bat er aber Bildung, so wâhle er ein Buch, entweder aus der âlteren Litteratur (fitfiUov x&v naXamv) also etwa eine Rhapsodie des Eomer oder auch ein selbstverfasstes. Der Reiche ist dagegen rerpflichtet es mit freundlichem Gesicht anzunehmen und es sofort EU lesen. Die betreffenden litterarischen Apophoreten beim Martial werden aber noch durch andere Dinge schongeistiger Art yorbereitet und eingefuhrt, Gegenstande der bildenden Eimst, deren yerschiedene Werthschâtzimg wir bei dieser Gelegenheit zugleich nicht ohne Inte- resse yerzeichnen. Wir begreifen, dass dem Reichen die goldene Victoria {aureum wird besonders durch den Thuaneus sicher gestellt), dem Armen dagegen das fictile Bçoviov natdiov zuertheilt ist (170, 171); jenem der Hercules Corinthius, diesem der Hercules fictilis (177, 178); jenem ein Leander in Marmor, dem anderen ein SigiUum gibberi fictile (181, 182). In dasselbe Yerhâltniss werden aber auch Gemâlde zu den Marmor- und Bronzestatuen gestellt: nicht der Sauroctonos Corinthius, sondem der Hyacinthus in tabula pictus (172, 173); nicht der Hermaphroditus marmoreus, sondem die Danae

^) Statius Silr. IV 9. Etwas Anderes ist es hingegen, wenn Leonidas Ton Tarent dem Nero eine Schrift (yçâ/Aina, rielleicht nur ein Epigramm?) ■mn Gebartstag schenkt und fur den n&chsten mehr' verspricht (Anthol. PaL TI 321) oder wenn derselbe Diohter an Agrippina's Oeburtstag» indess Andere Glmsger&th, Silbersachen oder Topase schenken, wiederum nur mit einem Epi- gramm aofwartet.

') Lukian Eronosolon 16: èvTmtfinàTia dt o nértjç i^ nlovcUit o fAtv ntnaèâévfÀivoç fiifilioy rày nakanay et n tvqfi/ÀOV xat cv/LtnoTueôv, tj avtov cvyyQa^^a onoîoy àv âvvtirat xal tovto kafi^avéro) 6 nkovc&oç nâvv (pa^dg^ rf TiQoçiânfp xai lafitjy àyayyyyœcxÎTù} év&vç. ijy di àncj&^rat ^ ànoççi^fj, Unw j^ 1^ Sçnriç ctn€&k^ ïvoj^oç ây xay néfA^p oca iXQ^^'

go Dm Pergmment.

picta (174, 175); nicht die Minerva argentea, sondern die Europa picta^) (179, 180) ist auf den Armen zu beziehen. Nach N. 175 irt eine Kostbarkeit der plastiscben Eiinst ausgefallen, zu welcher die persona fictilis 176 das Gegenstûck war.

Auf das sigillum gibberi fictile (N. 182) folgen non endHch die Bûcber folgendermassen :

183: Homeri batracbomyomacbia.

184: Homerus in pugillaribus membranis.

185: Vergili Culex.

186: Yergilius in membranis.

187: MsvàvÔQOV &dïç.

188: Cicero in membranis.

189: Monobiblos Properti.

190: Titus Liyius in membranis.

191: Sallustius.

192: ÛTidi Metamorpbosis in membranis.

193; Tibullus.

194: Lucanus.

195: Catullus.

196: Calvi de aquae frigidae usu. Wir lemen manches aus diesem Elatalog. Durch die Reihenfolge der Yoraufgeheoden imd der oacbfolgenden Apophoreta stebt es fest, dass hier Ton Martial der grôssere Sach- und Geldwerth denjenigen Stucken beigemessen worden ist, die im Drucke eingerûckt steben. Ferner ist bei allen Titeln ohne Zusatz selbstverstandlich nur ao Papyrusrollen zu denken. Mit der monobiblos Properti ist das ente Cjnthiabuch gemeint, das dem ûbrigen Properz gegenûber am selb- stândigsten steht und auch in unserer handschriftlichen Ueberliefenmg den Separattitel monobiblos fuhrt. Bei den anderen Automamen haben wir jedenfalls an die Gesammtheit ihrer Bûcher zu denken: die Pharsalia des Lucan wurde also complet geschenkt, ebenso aile Catullbûcher ^), yom Sallust moglicherweise nur das Hauptwerk, die

^) Das picta ist nur in T weggefallen.

') Ueber die ÀDEahl der Catullrollen soll im Cap. VIII eine Yermothang gegeben werden.

Die Apophorets Martiales. 31

ffistorien, an welches Martial jedenfalls yorzûglich denkt, wenn er

schieibt:

Hic erit, ut perhibent doetonim corda viromm, Primns Bomana Crispas in historia.

Aucb beim Tibull meint Martial gewiss beide Bûcber; wenigstens

nimmt er in den Worten

Ussifc amatorem Nemisis laseira Tibnllam In tota iurit quem nihil esse domo.

den Namen der Greliebten ans dem zweiten Bucbe, ahmt aber zu-

gleicb einen Vers des ersten nacb; denn von der Délia heisst es

beim Tibull I 5, 29 f. :

Illa reg^ eunetos, illi sint omnia corae. Ah, invet in tota me nihil esse domo.

Merkwûrdig ist es nun zunâcbst zu seben um Yon den vier

letzten Buchtiteln obne Zusatz auszugeben , welch geringenWertb die

zehn Rollen des Lucaniscben Epos etwa flin£zig Jahre nacb ibrem Er-

scbeinen besessen haben soUen im Yergleicb zu den zweien, aber raren

des Augusteers Tibull ! Martial verscbweigt nicbt, dass er den kûnst-

leriscben Wertb des Lucan gering anscblâgt, wenn er ibn sagen lasst:

Sont quidam qui me dicant non esse pœtam; Sed, qui me rendit, bibliopola putat.

Es ist aber nicbt glanblicb, dass der Bucbpreis selbst durcb ein solcbes Eunsturtbeil berabgesetzt worden sei; im Gregentheil sagt uns Martial, dass der Buchbândler, resp. Yerleger den Lucan ^als Dichter*', d. b. fur den Preis yerkaufte, der auf Gedicbtbûchem stand. Dass dieser Bucbhandler die Pbarsalia nicbt fiîr ein Prosawerk nabm, war âosserlicb schon an der Art der Ausstattung der Exemplare nnd an dem Um&ng zu constatiren, den er dem Einzelbucb zubemass^). Yom inbaltlichen Wertb oder Unwertb ibrer Waare vrissen die Bncherrerkaufer selbst nicbt das &eringste, sondem sind imgebildet wie Barbaren, nacb Lukian*). An dem Pbilosopben Hermeias, einem sebr rechtlichen Manne, wird gerubmt, dass er den Xlnverstand dieser Lente nicbt zu seinem Yortbeil ausnutzte. Taxirte der Yerkâufer,

^) Ueber dîesen Umfang s. Cap. YL *) Lukian 58, 4. BIrt, Boehwoaen.

g2 Bas Pergiment.

der nichts davon yerstand (MiMf^ç cSv)^ ein Bucli zu niedrig, 80 berichtîgte Hermeias den Irrthum und zahlte die voile Suxnine^).

Yielmelir war es das Alter, was den Tibull werthYoUer machte als den Lucan. Fanden keine Wiederauflagen statt, so musste ein Antor gelbstvcrstandlich mit der Zeit selten werden. So constatirt Pompo- nius bel seinem Ueberblick ûber die juristische Lîtteratur betreffs der yorhandenen Schriften des Cascellius und Trebatius: Caêcdln scripta non exstant niêi unus liber bene dUctorum, Trebatii plureSy sed minus fré- quent antur*). Die Exemplare des Trebatius waren also selten ge- worden, und Pomponius war im Stande dies zu constatîren; dies konnte er nur durch Hûlfe der Buchhândler. Die Seltenheit steigerte sodann die Preise naturgemâss : das Exemplar eines yergriffenen Autors wurde zur Eostbarkeit. £ben dies belegt uns Lukian*), wenn er einmal den werthlosen Bûchem die naXa&à xai noXiov o|me fitfiUa entgegensetzt. Und so vrirà denn bei demselben Lukian (60, 30) einmal fur ein gefalschtes Exemplar der Rhetorik des Tisias die énorme Summe von 750 Denaren, d. i. 652,50 deutsche KM., ausgegeben *). Wenn uns nun Martial hier die beiden Tibullbûcher als Eostbarkeit Torfuhrt, so steht zu vermuthen, dass eine Wieder- auflage dièses Dichters seit der augusteischen Zeit nicht stattge- funden batte.

Andererseits vrâre nicbt undenkbar, dass die Bibliopolen der Eaiserzeit bei der Unzahl schlechter Dicbter, denen sie dienten, fur das erste Erscheinen eines Werkes wie der Pharsalia zunâchst in der Wabl der Papyrussorte niedrig griffen und etwa erst, wenn ein Werk litterarisch durchschlug, verlangt wurde und breiteren Absatz fand, auch gute Exemplare, das ist solche lieferten, wie sie von den offentlicben Bibliotheken begehrt und als normal anerkannt waren ^). Das zur Herstellung eines Martialbuches verwendete Papier war tomus vilis und kostete, wie es scheint nur 6 oder bochstens

^) Damascias bei Phot. bibl. S. 341 Bekk. und Suid. s. n.

*) Pompon. Dig. I 2, 2, 45; zu frequentantur vgl. frequentatus,

3) 68, 1.

♦) Vgl. K. P. Hermann, Philol. II S. 245.

*) Ueber dièse Sorten s. Cap. V.

-♦ Bachpreise. 83

10 Sesterz^), d. L în modeniem Gelde 1,30 oder 2,17 RM. Die Freisangaben fur die Bûcher, die wir gelegentlich erhalten, sind durch- ans iingenûgend und lassen eine rechte Vergleichiing der Werthe nicht zu. Yon Origenes wird uns berichtet*), dass er seine ganze reichhaltige Bibliothek Terkaufte und dafûr von dem Eâufer eine Lebensrente von taglich 4 Obolen erbielt. Des Chrysippos Schrift nsçl OQjrijç war ungefahr um die Zeit des Martial fur 5 Denare oder 4,35 RM. kâuflich zu haben; frâgt man, auf wie viele RoUen sich der Preis veitheilte, so ist sicher zu antworten: auf eine').

Das Buch, welches Statius an den Satumalien in Purpur-Mem- brane und mit doppeltem Umbilicus seinem Freunde schenkt, ein Eînzelbuch (JibeUus; etwa ein Buch der Silvae selbst?), batte den IHchter nur einen Decussis (etwa 2y, Sesterz =s 55 Pfennig^)) gekostet, ungerechnet den geschriebenen Inhalt: denn dieser scheint von des Bichters eigener Hand gewesen zu sein:

praeter mo mihi constitit decussi.

Das Gregengeschenk, ein verdorbenes abgebrauchtes Exemplar von yBruti senis oscitationes^ taxirt Statius auf praeter propter einen As und zwar einen as Oaianus. Beide Preisangaben werden Scherzes halber nach schlechter Eupfermûnze gegeben sein. Mit dem billigen Schrift- stûck jenes Brutus lasst sich aber vielleicht das fur uns nicht minder obskure vergleichen, welches Martial imter seineu Apophoreten dem Catull entgegensetzt: CcUvi de aquae frigidae usw, man stelle dazu etwa noch den libellus de cura capUhrum, den Domitian schrieb^), und ahnliche, besonders medicinische Eintagslitteratur.

Das erste Gedichtbuch Martiales kostete dagegen, wie das Buch Chrysippos, im Laden des Atrectus 5 Denare*); hiernach bemessen war also die Pharsalia fur deren 50 zu haben, d. h. etwa fur 43,50 deutsche Reichsmark^). Yiel billiger war aber Martiales anderer Ver-

^) VgL hierûber unten Cap. IV. ') EasebiuB, hist. eccL YI 3. *) Epictet dissert. I 4, 6 olov p^piiov, *) Ein Sesters ist ein urçaccâçiov, ») Sueton Domit 18. «) Mart. I, 117, 17.

^ Der Denar zu 8,7 Sgr. gerechnet; TgL FriedL Sg. B. III 315.

6*

34 Du PergamenU

léger Tryphon: er yerkaufte Martiales Xenien fur einen Denar (eir kônnte es auch fOr einen halben thun und doch noch seinen Profit haben, wie Martial^) hinzufugt). Dieser Tryphon hâtte also das erste Martialbuch, das etwa doppelt so dick als die Xenien ist, statt fôr 5 fur 2 Denare geliefert, und ein Scbenklustiger wûrde den Lucan bei ihm somit um 17,40 Mark haben ersteben konnen. Tibull aber, den Martial mit Lucan zun&chst in Gegensatz stellt, muas jedenBidls, nach der Analogie der sonstigen Gegensâtze zu schliessen, mindestens das Doppelte, er kann das Fûnffache, das Zebnfache gekostet haben.

Lucan stebt somit an Wertb zurûck, weil er jûnger, Galvus, yt&l sein Inbalt ûberdies geringfûgig ist. Nicht hieraus, sondem ans der Qualitat des Materials muss sicb der Preisunterschied dagegen bei den ûbrigen funf Paaren (S. 80) erklâren. Jedes dieser Paare besteht ans einem Werk auf Cbarta und einem auf Pergament; jedesmal steht dis pergamentene an der zweiten Stelle; die Membranhandschrift ist damit durchgângig als dûrfkige Gabe gegenîiber den werthvolleren regelrecbt gescbriebenen Werken gestempelt. In einer solcben, wie wir aie hier kennen lemen, fand sicb der ganze Epiker Ovid oder Homer oder Vergfl, fand sicb so scbeint es der ganze Cicero, der ganze Li^ins zusammen. Dass Sallust ûber den Metamorphosen steht , ist nicht eben bemerkenswertb. Aber der ganze Gicero (yielleicht haben wir nnr an die Reden zu denken?) ist nicbts gegen eine einzige Menandiische Komôdie; Livius nicbts gegen das eine Properzbucb; die £pen Ho- mer's nicbts gegen das Homeriscbe Parergon, das als Jugendwerk gah!

Wir werden das ûber Tibull Gesagte auch auf dièse Fâlle aos- dehnen. Des Properz ^Monobiblos^, das Erstlingswerk des Dichteis, konnte sicb gegenûber seinen ûbrigen Bûcbem unter diesem auf- fallenden, ungewobnten Sondertitel bis zu Martiales Zeit nur dann selbstandig halten, wenn seine erste Edition, die nocb keine weitere Bûcberfolge voraussetzte, die einzige geblieben war; hâtte eine er- neute Edition des Dicbters stattgefunden, so wâre es zwecklos ge- wesen, dies Buch nicht einfach in die Gesammtzâhlung mit aufzu- nehmen^); also auch dies Buch war nimmebr, buchhândlerisch betrachtet, eine Antiquitat und Raritât geworden.

») XIII 3.

*) Vgl hierûber unten Cap. VIII.

Geringer Werth der Abschriften auf Membrane. g5

Dasselbe aber galt von dem griechischen Bûhnenstûck; dasselbe Ton dem Froscbmâuseler Homer^s, der im Yergleich zu Dias und Odyssée gewiss ungemein selten Abschriften erfuhr. Und so sah man neben den abgegrîffenen Meisterwerken des romiscben alter Homems in dem CuJex, den man fur einen Jugendversucb des noch onreifen gottlicben Sângers hielt, einen litterariscben Leckerbissen, den es sich mit Geld aufzawiegen yerlobnte.

Und die Membranbandscbrifben? Seben wir zuerst nacb ibrer ânsseren Beschaffenbeit. Trotz ibres starken Inbaltes, den Martial selbst als Merkwûrdigkeit bervorbebt, mûssen sie in Hôbe und Breite Idein und den sonstigen Scbreibtafeln , den pugillares oder ^Hand- bûchem*', gleicb gewesen sein. Nur die Yielbeit der Blâtter und Lagen, also die Dicke macbte die grosse Receptionsfabigkeit môglicb. IJeber Orid's Metamorpbosen sagt der Dicbter:

Haec tibi mnltiplici qaae structa est massa tabella; also zabbreicbe tabellae von Pergament dienen dazu, um ein Ganzes herzurichten, das als massa „ein massig scbwerer Complex'^ bezeicbnet wîrd. Wenn bei dem ersten der funf Exemplare im Titel hinzu- gefugt wird: in puçillarïbus membranis, so wird aucb fiir die folgenden Ideraus zu in membranis das pugUlaribus binzuzudenken sein; ûbrigens aber wûrde bier pugillaris nur Adjectiv sein kônnen und wir bâtten seltsamerweise zu ûbersetzen: ^in faustgrossen Pergamentblâttern^. Dieser Wortlaut stûtzt sicb auf den Codex Tbuaneus: der Spracb- gebraucb lâsst aber yiebnebr durcbaus in pugUlaribus memhraneis er- irarten; dies oder vielmebr m membraneis pugill, bat in der Tbat Bongarsius aus jener vorzûglicben Handscbrift aufnotirt, die er fur das 13. und 14. Martialbucb verglicb^), und, im Anscbluss an dièse Lesung, nebmen wir viehnebr an, dass jener pergamentne Homeros fur Martial nicbts anderes als ein stark verdicktes „Scbreib- oder Notizbeft^ war, in dessen zablreicbe Membranblâtter sowobl Dias als Odyssée sicb bargen:

Multîplici pariter condita pelle latent.

Zu der geringen Hôbe und Breite stimmt, dass der Cicero in mem- branis sogar als Reiselektûre gedacbt ist; es musste also ein bequem transportabler Codex sein:

') Schneidewin in prolegg. S. 72.

g g Du Pergament.

Si cornes Uu tibi fîierit membrana, putato Carpere te longas cam Cicérone rias.

Durch die loDgitudo viarum ist hier die Grosse des Inkaltes ange* deutet: „deine Reise kann lang sein, bevor du dièses Heft ausge- lesen haben wirst.^ Weiter sehen wir die Eleinheit der Exemplare in folgendem Ausrufe besonders hervorgehoben:

Quam brevis immensum cepit membrana Maronem

und in dem anderen:

Pellibus exiguis artatur Lirias ingens.

Wenn beim Cicero auch yielleicht nur die Reden gemeint sind, 80 ist doch dieser Livius mit seinen 140 Rollen complet gedacht. Es Bcheint hiemach unumgânglich, fur aile oder doch fôr dièse zwei Fille Notenschrift eines Tachygraphen und als Motiy âhnliche Spiele- reien anzunehmen, wie bei jenem Homerus in nuce des Cicero. Den Yergil in membranls zierte ûbrigens ein Titelbild: Ipsius en rultus prima tabella gerit').

Dies war indess nur Nachahmung eines im Papyrusbuchwesen hâu- figen Schmuckes, ûber den uns Seneca (de tranqu. 9, 7) Zeuge ist Haben wir richtig auf Notenschrift geschlossen und ailes sonst liber den Gebrauch der Membrane Gresagte nicht yergessen, so lasst sich nicht entfernt glaublich machen, dass die fraglichen funf Exem- plare einer Edition der betreffenden Autoren auf Pergament an- gehort hâtten. Sondem es sind Einzelabschriften, welche die Schenkenden nach einem etwa entlehnten Exemplar erst rer- anlasst oder die sie wahrscheinlicher selbst erst hergestellt haben. Die pauperes setzen an die Stelle des Geldes, das sie zu Einkâufen nicht ûbrig haben, ihren Fleiss und erzeigen beim Schenkfest ihre Aufmerksamkeit durch eigene Handarbeit, die sie nichts kostet als das billigste imd ordinârste der Schreibmaterialien'). Den materiellen Werth der Gabe ersetzt das Originelle des Arrangements. Wie sehr dièses Arrangement Curiosum war, erhellt eben aus unseres Autors

^) Denn dièse Lesung liegt, wie ich glaabe, der Ueberlieferung des Bon- garsius Ipsius et vultus su Grande; rulgo: Ipsius vultus.

') Da, wo Tom bibliopola die Rede ist, beim Lacan, fehlt der Znsatz »• mmbranis.

Dm Lesebueh aof Membrane dient den Âermeren. 37

Darstellung selbst; yielleicht sind als Schenkende gerade notarii von Bemf gemeint.

Femer beachte man wohl, dass Martial txotz des standigen m mtmbranis nîrgends fOr oôthig hait, zu den Werken auf Papyrus m charta hinzuzusetzen. Dies beweist, dass fur ihn bei einfacher Neii«> nung eines Werkes eine andere YorsteUung als die der Rollenform durchauB aosgescblossen war. Die Yerwendung der Membrane muss dagegen als sonderbar ausdrucklicb notirt werden.

Zu dieser Sonderbarkeit war Sparsamkeit der Anlass. Es war jener névfiç nsnatâsvfAivoÇj den der Kronosolon Lukian's be- donders classificirt und so besonders begûnstigt, es war dermittel- lose Gebildete, welchem die erste gelegentliche und noch ganz private Ausnutzung des gemeinen Codex zu Lese- zwecken yerdankt wird.

Was den Geldwertb aDgebt, so wùrde uns die Analogie von Lucanes Pharsalia, die auf Charta nacb unserer obigen Schâtzung 20 Denare, ja 50 Denare werth sein konnte, aucb fur die funf pu- gillares einen nicht geringeren' Preisansatz freistellen. Allein wenn dièse noch nicht Gegenstand regelmâssiger und berufsmâssiger Technik und noch nicht Verkaufsgegenstand waren, so muss fur solches 6e- schenk auch noch eine bestimmte Taxe seines Gesammtwerthes gefehlt baben^).

Verlassen wir endlich Martiales Apophoreten und fragen wir die fibrige Litteratur fOr das soeben Bestimmte nach weiteren Analogien.

Schon die Juristen Sabinus und Cassius redeten allerdings von beschriebener Membrane. Ulpian referirt folgendermassen (Big. XXXII 52, 3): libris autem legatis bihUoihecas non contmeri Sabinus scrilnt idem et Cassms ; ait evàm membranas quae scriptae sint contineri, deknde adiecit neque armaria neque scrinia neque cetera in gtdbus Ubri conduntur deberi, Q^od tamen Cassius de membranis puris seripsit verum est; nam nec chartae purae debentur libris legatis nec eqs. Hier werden also membranae scriptae erst durch eine ausdrûckliche juristische Ëntscheidung unter den Begriff liber gestellt; die Mem-

') Diocleiiaii'B Edikt De pretiis rerzeichnete Membrane (VII 38), die PreisaDgabe daselbst iat aber verloren gegangen.

88 Da« PggMiwt,

bnmen sind abo eigentKdi keine wîiklidien ^Bûcher*^); nnbeschiie- bene Membrane war Ton Cassius dagegen aosgenommen'): mit dem- selben Recht wie imbeacluriebene Chaita. Hier ist kein Anlaas, bei den membranae an anderen Gebranch als den aUtiglichen m denken. Selir bemeikensweith ist hier ûbrigens noch, dass Ulpian Ton der eharta nondmm perscripta und Ton der membrana nondum pernerific weiterbin die Ubri nondum perscripH nnterscbeidet: denn ûber letstore hebt er in § 5 neu zn fragen an; das heisst, nicbt nur nnter Memr brana, sondem ancb unter Gharta Terstand man, wenn man den Ansdmck streng fi^ste, kein wirkliches Bnch, sondem nur loees Schreibmaterial. Zngleicb begegnen wir hier dem ersten Beleg dafor^ dass die ganzen Bûcher oder BoUen yerfertigt zu werden pflegten, bevor die einzehien Selides beschiieben waren, und also fertig, aber leer auf einen Textinhalt warteten*).

Wenn dagegen der Apostel Paulns (oder wer sonst der Verfasser sei) am Schlnsse des zweiten Briefes an Timotheus^) unter anderen Auftrâgen privater Natur auch den folgenden giebt: %oy ipëXoyiir w aTiéhnov iv Tqwiôk jtaqà KiÎQTm iQXÔfèsyoç q>éQ€ »ai ta fiifiXia, ikàXuna ôè zàç ikëik^qdvaç, so ware es allerdings gramma- tîsch Yollkommen zulâssig, zu fuH^na tmy fi^fiUiay zu erg&nzen:

^) Wenn Ulpûm ebenda su Anfang ebenfalls aussagt: et Qaius Caswha scribit deberi et membranas libriè legatày so beweist dieser WorUaut das- selbe; die Membranen sind keine wirklichen ^Bûcher*'. Uebrigens wftrde ûck Platarchy Cum princip. philosoph. fin., dieser ungenaaeren Terminologie gleick- falls bedienen, wenn er wirklich daselbst bei dem fitfikioy, das Palimpsest ist, an Membrane denkt; ygl. oben S. 57 Anmerkang.

*) Man wird bemerken, dass der Wortlaat in der ftberlieferten Lesnng unklar ist. Es wird ans Cassius referirt son&chst die Entseheidung ûber membranae scriptae, dass sie libri sein soUen; nicht sum Bach gehdren dagegen scrinia und armaria: es wird fortgefahren : i,was Cassius hingegen ûber mem- branae non scrtptae entscheidet, ist richtig; denn auch eharta non scripta ist kein Buch" etc.; es musste aber vielmehr fortgefahren werden: „das8 Cassius hingegen membranae non scriptae vom „Buch'' ebenso ausschliesst, wie die serinia, ist richtig; denn auch eharta pura ist kein Buch" etc. Dièse einûg natûrliche Fortftihrang der Rede erlangt man durch eine sehr leichte Aendenmg: (iuod tamen Cassius [idem] de membranis scripsit^ verum est eqs. Ueber das idem wurde su dem folgenden dem hinweggelesen.

*) VgL unten Cap. V.

«) Paul. II ad Thimoth. 4, 13.

n^aç. 89

Paulus hfitte danach in Troas Bûcherkasten und Bûcher yergessen,

Ton den letzteren die auf Membrane for die wichtigsten gehalten,

und BO hatte die Bibliothek eines Paulus schon zu einem grossen

Tkeîl ans pugillares membranei bestanden, gleich denen Martiales.

Indeaa haben wir nach Massgabe der sonstigen Verhâltnisse die

andere grammatîsch gleich môgliche Interprétation yorzuziehen, wo-

nach das fuiX&(fia auch zum fpeXôpfjç in Gegensatz tritt. „Buch-

kasten^) undBollen bringe mir nach, Yor allem aber das Wichtigste,

die Membranen, das heisst: meine eigenen Brouillons oder Notizhefte

oder Rechnungsbûcher.''

Hiemach erûbrigt nor noch ein Beispîel. Wir lesen in der

Piilzer Anthologie folgendes Epigramm des Erinagoras ^) :

BvfiXmv fi yXvKtQfi Xvq^x^p iv T€vj(iï Tfpdi

mvràç à/utfiiittay ïqya (féçtt Xaqirtav,

jiytKXQsœy xàd* 6 Tti'ioç

fidvç nçiafivç iyçaipiv $

naç' olyov ri avy Ifiégoêç.

dàçoy d* fiç iêQ^y lAyrùtyip vptofAfy ^cu

xâkUvç xal itQignidiûy i^o^' iyiyxafÀtyp.

Des Epigramm richtet sich an Antonia, die Nichte des Augustus,

Tochter des Antonius Ton der Octaida, welche Erinagoras, Zeitge-

nosse des cantabrischen Krieges imd der germanischen Feldzûge des

Drusus und Tiber, auch sonst in den Ereis seiner Poésie zog. Es

aind funf Biîcher des Anakreon, die ihr hier zu fruher Morgenstunde

ûberreicht werden. Also auch hier ein litterarisch werthvolles Ge-

schenk, vielleicht, analog den Apophoreten MartiaPs, an den Ealenden

des Mârz dargebracht. Yereinigt sind die Bûcher nun aber in einem

têvxoç* Bedeutet i€vxoç den Codex, so ist hiermit ein Yorlâufer fur

die ptigillares membranei Martiales gegeben aus betrâchtlich ârûher Zeit.

Ein Anakreoncodex zur Zeit des Augustus ! Ein Zweifel an ihm

^) ^Sfl* ^^^^ dièse UeberseUung oben S. 65.

') AnthoL Pal. IX 239. Das Epigpramm wird von einem daktylischen Distîchon erOfinet und abgeschlossen. Was dazwischen steht, hatte offenbar anderes Metnim. Der Codex aelbst giebt:

'AyaxQiioyjoç o Diioç ^dvç nçécfivç Pyçttipiy $ nuQ* olvoy ri ahy 'ifiiçotç, Man wird mit leiser Aenderung beliebte melîsche Formen, zwei Glyconeen und «nen Dimeter, hersustellen haben.

90 I^ Pergament.

scheint nicht môglich; aber er ist geeignet, uns zu yeidutzen, ein Rabe im Taubenschwarm, dieser einsame Codex unter den DichterroUen seiner Zeit! Sehen wir nâher zu, so mîndert sîch die Analogie mit den funf pugillares Martiales alsbald bedentend berab. Wen denkt Martial als Empfânger fur aie pauperis sortes wie Wacb&stock, Hea fur's Lager, sigillum fictile u. 8. £.? Gewiss in erster Linie die Ar m en selbst; denn er neont &ie eben „Loose des Armen^. In den pauperit sortes haben wir diejenigen nûtzlichen und angenebmen Gegenstâode beisammen, mit denen ein Mann von einfachen Bedûrfiiissen und be- 8cbrânkten Mitteln damais sein Leben umgab. Ebensowohi wartete man aber gewiss auch den reicben Patronen mit derlei Gaben auf^ als geringen Zeicben guteo WiUens; so also auch mit jenen dicken, ûbe^ fullten MembranbQcbem. Allein dièse Membranen gebôren doch eben durchaus dem Bedûrfnisskreise des Armen an und scbeinen in dem Torliegenden Falle des Krinagoras vôllig undenkbar. Denn er schickt den Anakreon an die Nichte des Kaisers, an die zweityomehmste Dame der damaligen Welt! £r batte sich fur eine so ungewohnte, schlechte, plebejische Ausstattung angelegentlicbst zu entscbuldigen gebabt. Femer wird man bemerken, dass Martial uns just die funf allgelesenen, landlâufigsten Autoren seiner Zeit nennt: von den griechiscben nur den Homer, ûbrigens Yergil, Cicero, Livius und Ovid, die Lektûre der Kinder- und Rbetorenschulen und jedes, der lesen gelemt batte. Der kleine Mann wird damab in Rom seine litterariscben Genûsse eben hierauf bescbrânkt haben« Dagegen wird fur die rômischen Elegiker, fur den Menander, fur die selten gelé- senen Epyllien YergiFs und Homer^s beim Martial an eine Umschrift auf Pergament nicbt gedacbt. Und Anakreon? dièse gewiss schon damais kostbaren, seltenen Bûcher auf Pergament? Antonia hâtte Recht gebabt, ein solches Geschenk des doch sonst verstândigen Krinagoras als absurd zurûckzuschicken.

Indess, solche Ueberlegungen halten noch nicht Stich. Es ver- lohnt der Mûhe, sich nach der Wortbedeutung von tévxoç in dem Griechisch der Zeit, von der wir handein, umzusehen.

Freilich wird unser Krinagorasepigramm in den Wôrterbûchem als erster Beleg fur die Bezeichnung einer Buchform als tsvxoç aufgefûhrt. Man wird indessen gut thun, vorerst fur die Bestimmung

nvxoç. 91

der Wortbedeutuûg den mittelalterlichen Sprachgebrauch yon dem des augustisch - tiberischen Zeîtalters sorgfaltîg zu sondera. Die Autoren des classischen Alterthums^) kennen das Wort ausschliess- lich DUT in den Bedeutungen «Gefass, Bebâiter, Eiste, Topf^, daneben auch ^Krug^ und ^IJrae^, die aile unter einander nabe yerwandt sind. Auch das Lexikon des Suidas interpretirt demgemâss nur %svxoç* àyystoy. Da fur Augustus^ Zeit und ûberbaupt fur die classische Zeit bis in^s dritte Jahrbundert die Bedeutung Codex nicht nacbweisbar ist, so seben wir uns zunâcbst genotbigt, die Worte des Krinagoras iy %€V%bÏ %&ôs vielrnebr mit m hoc capsa, in armario hoc zu ûbersetzen^.

Und fur dièse Geltung des tevxoç im Bucbwesen als capsa glaube icb nun ûberdies einen direkten Beleg beibringen zu konnen. Das scbon mehrfacb angezogene griecbiscb-lateiniscbe Glossar des Montepessulanus 306') bietet einen besonderen Abscbnitt de ludo Utterario {tuqI â^âaaxaJieiov) ; derselbe setzt durcbaus das Papyrus- bucbwesen Yoraus^); die Terminologie ist nocb durcbaus antik; kein Geringerer als Julius Pollux ist, nacb Boucberie's einleucbtender Combination, Urheber dieser quotidiana locutio, und sie datirt sich um 200 n. Cbr. Das bezeicbnete Eapitel ist sachlicb disponirt und die Wôrter steben nicht obne Ordnung: voran 15 nomina personalia*), sodann wird im IJnterricbt erst gel es en; dazu geboren die nâcbsten

^) Abgesehen Ton den Epikern und Tragikern, die im Plural die Eriegs- rûstung daninter Terstehen. Ueber das jfldisch-christliche nv^oç s. S. 107 N. 4.

*) Ein anderes Beispiel ftir nv^oç in Bezug auf Bucbwesen, das ange- fUbrt su werden pflegt, gehOrt dem Agathias und damit der sweiten H&lfte des sechsten Jahrhnnderts an; ygl. dessen ProOm in Anthol. Pal. IV 4, 9:

okfiêot iav f^yiifÀtj ntyvrwy iyl nv^fat filfiktay àlk* ovx xéyiàç iixoyaç iyâtân. Hier Lit der nachklassische Buchterminus allerdings und selbstverst&ndlich an- saerkennen.

') Notices et extr. des mss. XXIII 2; vgl. bes. S. 447 if.

^) Die Rollenform wird durch Erw&hnung des ofxtfaloç garantirt; ftïr Charta sind sécha yerschiedene Lemmata, fûr d^j^d-tçat nur eines.

*) yQtt/4/LiaTodnJaaxttkoç etc; na^âiia und naiç wird sur Erkl&rung des ntudayioyoç eingef&gt; der èçd^arartiç ist Ton diesen personalia nur durch das àyaXoyttoy abgetrennt; die ursprQngliche Folge war gewiss: naKheyayyôç, oQ^ocnxTtiç, àyaloyûoy xrA.

92 -^^

Wôrter àyaJUfcléir*) firfiiMfiçêW tfix^ç ÇfivfiUar)^ Ofà^paUç. Sodann folgt das Rcdmen und SchieibeD, emgefuhrt mit ^(ffÇwr^Mç') CttUulatiOr mvjrQopfÊiç praacriphim, Sfulia dietatum; hienn reîheii sich die SchreibnuOeiûlieii seibst: &éXto^, TuroMidsç, rrvSs ^n^#

^fxf : «fofJUç; mfiçêop: xâç^r^ç, ZO^ifC arO^'^V^» Z«Ç*^Ç «w- lijnoç, ^a^Tfç àmiiâfÊiàévoç, ni|ioç z^*it^^^s ima&^zQaipoy', hîet- oach einnudiges âi^f^éçcui dann xaymy, gêiXêfioç, fêôXêfiôoç^ tuHa- /êoç, xala§iOç (eannà); nwr dus nichste scheint nicht nach der Ordnimg zn steben: ira/Qâfàfêata , môfày^fèa, tfHfàvStay, hif^ç, xàyydfiaQiÇ, t/^ijifoç, fâiXQCÎTnoyj fàdçffimç'). Endlick sind noch funf Yerba angehingt^

Zu tëVXPÇ lesen wir nun die Uebersetsung anma valumen, Jhm unmittelbar voiauf geht fivfiXuHfô^v Bcrimum. Dasa voJumen durdi Irrtham hier eindrang, ist aus der abnonnen Beschaffenheît dear ganzen Stelle seibst firûber dargethan worden*). Wir constatîren hier erstlich : Tëv%oç ist von Pollux jedenûdls nicht mit codex interprétât worden. Sodann firagen wir: was soll ixrma bedeuten? «Werkzeuge* im Allgemeinen kônnten doch nnr gemeint sein, wenn wir «ztfxf lasen; dièse Bedeutung aber wûrde schlecht zu den umstebenden WÔrtem passen. Man wird wohi nicht mnhin kônnen, zu ergânzen: TiV%oç armarium. Dièse Ergânzung wird durch das benachbarte ^v^iÀOffàq^ov noch ganz besonders empfohlen. Vielleicht ist der Ab- Êdl der Ëndung durch das Eindringen des voJumen yeranlasst worden.

Haben wir aber das antike Glossar richtig yerstanden, so folgte

') Boucherie «ccentoirt irrig àvaXôyMy,

^ CTo^x^vriiç ist hier fiUschlich eingedning^n und darum ohne Interpré- tation geblieben, wogegen fur das lat, volumen das griechiscke Lemma ansfiel; darflber ygl. oben S. 16.

') Cod. ^'ijS^fiôç; Boucherie t/'tjtfaofioç, Auch Hippolyt. de aatichrist. c. 59 brancht ^tjtfa/ÀOÇ.

^) nfçiyçttffoç praeducta muss eine Art yqat^iov sein.

^) Dies offenbar um swei Stellen abgesprengt Tom noÇidêoy,

^ Wir erwarten etwa: ipifxv^iov, xêyyâfiaçêç, fAOçffimoy, fui^tnoç, int' yçâfÂ/Ltara, vnôfiytjfia, kôyoç, ^^(foç,

^ àyayyyycioxity, yçâtfny, ftay^yny, fnXitay, ipilonovHy,

8) Oben S. 16.

rtvxoç. 93

Krinagoras abo nur der xa&fifUQiv^ ofAtlia, wenn er die Bûcher- kiste des Anakreon ein tsvxoç nannte.

Und wie bat die spâtere griechische Sprache ûberhaupt dazu kommen kônnon, den Codex oder die gehefkete Membranhandschrift alfl einen ^Easten^ zu bezeichnen? Fehit fur dièse Thatsache bisher eine Erklarung und auch nur ein Erklârungsyersucb, so scheint der Bedeutungsûbergang nunmehr durchaus yerstandlich. Ein Werk in Tielen Rollen gewann eine Raumeinbeit nur durch das armarium^); dieselbe Raumeinbeit gewann es spâter im Codex: der Codex mit Inhalt trat an die Stelle des vollen Rollenbebâlters; er ûbernabm zugleicb seinen Namen. Darum aucb tbeilte tevxoç keineswegs aile Bedeutungen des codex der Rômer (S. 95), sondem nur dièse eine, abgeleitete des grossen Litteraturbucbes.

Treten wir biemacb in das zweite Jabrbundert ein, und moge der weitere Gang des Sucbens dem betbeiligten Léser nicbt allzu bescbwerlicb scbeinen. Die Gefabr an bedeutsamen Einzelmomenten Torbeizugeben ist gross und yielleicbt unentrinnbar; um so weniger werden wir den folgenden Wabmebmungen unsere Acbtsamkeit ent- zieben dûrfen. Tinter den juristiscben Scbriftstellem der Trajaniscben Aéra erregt Neratius Priscus, der Freund und intendirte Nachfolger') des Kaisers, unsere Aufmerksamkeit. Die Digesten excerpiren Yon ibm ein Werk Begularum in funfzebn Bûcbem, ein anderes BesponsO' rum in dreien, Yor allem aber sieben Bûcher unter dem Titel Mem- br€auMe^, Der Inhalt war durch nichts Ton der ûblichen Art der juristiscben Werke wesentlich unterschieden. Es enthielt miscellan- weise eine Reibe Ton Einzelentscheidungen des Autors, de furtis, de ture dotmm, de damno in/ecto, de usu fructu u. s. f. Zimmem sagt znm Titel, sehr richtig: „ein ofiPenbar Yom StofiP, worauf geschrieben wurde, entlehnter Name^^). Nur bragt es sich, ob das Werk des

1) Vgl. oben S. 33 f.

*) Spart. Hadr. c. 4. Vgl. ftberhaupt ûber diesen Juristen J. C. Sickel, de Neratio Priaco Icto, Leips. 1788.

*) Die Excerpte findet man susammen bei C. F. Hommel^ Palingenesia Iflnr. iur. reL I S. 501 ff.

^) Gesch. des rOm. PrÎTatrechts I 326 Note, yerweisend auf Bertrand fiioê yofjuKmv, Toul. 1617, und Nenber, Die jurist. Classiker, Berl. 1806.

94 ^^ PerguneiK.

Neratius in seiner Yemelfiltigung selbst -wirklich auf ihm geschrie- ben war. Yerfiel der vomehine Mann wirklich auf daa sehr nnge- wôlmliche Yorhaben einer solchen Edition auf Membrane, 80 irai doch noch sonderbarer, ein Werk emsthafter Er5rterung nach diesem StofiP betiteln zu wollen, annahernd so befremdlich, wîe wenn mu modemer Yerfasser seine Untersuchungen „einen Band Druckpapier* betitebi wollte. Titel wie 7dyà§ und iyxê^iôia geben doch immer einen Hinweis auf Inhalt und Zweck des Werks; solche wie fiifiho- &i^xfl oder nayâéxtai^) wollen auf das Umfassende seiner Anlage hinweisen; solche endlich wie des Origenes tàfjkoi*) oder die xoïkdQUt des Arîstonymos verzichten gleichfalls auf eine Inhaltsbestimmang, ch»- rakterisiren doch aber die Disposition des Werkes aie einer -Einheit in yielen Theilen. Das Einzelbuch des Neratius heisst nun liber («eewi- àusy tertius etc.) membranarum*); man wird fHhlen, dass dies f&r Uber membraneus oder membran€u:eu8 eine keineswegs natûrliche Be- zeichnung sein wûrde. Eine andere, inhaltliche Deutung liegt non nicht fem. Membranae sind die ûblichen Trâger der Notizen, Brouillons, vmgjvy^fàata, sie sind Privatskripturen wie die Briefe. So wie ako epistularum Ubri edirt wurden und auch Neratius selbst edirte solche^) , ebenso giebt Neratius dem Pubiikum hier seine ,,Notizen* preis; und es liegt darin wohi eine feine Bescheidenheit^ eine Bitte um Nachsicht: ^eigentlich waren dièse Yersuche ftbr kein fremdes Auge berechnet*'.

') Ueber aile dièse Titel sîehe Plin. Nat. hist. praef. § 24; rgL Dîodor'B ^Bibliothek^y Pomponius' iy^nçid^oy (in 2 Bûchern) und Paulus' manualia (3 Bb.). Sehr BchOn liesse sich der Titel xtjçia rergleichen, den Gellius (Noct. Att. praef. 6) aufft\hrt, wenn wir daninter wirklich Wachatafeln (ygl. AnthoL PaL IX 191) und nicht vielmehr genauer „Honigwaben*' su yeratehen hâtten, d. b. ein gelehrtes Werk voll Sûssigkeit und mit Bienenfleiss susammengetragen, rgL Macrob Satam. I praef. 5: apes enim quodammodo debemus imUari quae va- gantur et floreè carpunt,, deinde quidquid attulere dispomtnt ac per favof ditidunt eqs. Der Titel Diptyckon beim Prudentius ist l&ngst beseitigt, die ûberlieferte Schreibung dtmxaloy (vg!. Gennad. vir. illustr. 13) aber noch nicht hiDl&nglich erkl&rt.

>) Vgl. oben S. 28.

') So wird meistens citirt, dreimal auch Neratius libris membranarum.

^) liber quartus epistularum citirt in Digest. 33, 7, 12 (% 35 u. 43).

Neratîos' Membruiae. Codex, codicillas. 95

In der That, Edition in Pergamenthandschriffcen ist noch fiir jan^s Zeit so gut wie unmoglich gewesen. Dies ergiebt sicli, wenn

fortechreitend den Gebrauch der Schreibmaterialien im dritten irhundert in Betracht ziehen.

Reprâsentant der ersten Hâlfte des dritten Jahrhunderts ist uns >ian, in seinem schon mehrfach angezogenen Titulus ûber Bûcher- ite. Er ist der erste, bei dem wir im Zusammenhang des Buch- lens den Terminus codex antrefiPen; und es ist an der Zeit, kurz Herkunft imd ursprûnglichen BegrifiP desselben zu erinnem. Der Codex im Sinne der mittelalterlicben Handscbrifb entstand

ein&cher Erweiterung der Schreibtafebi, der cerae oder pugillares mbranei. Die Définition Isidor^s^) codex multorum librorum est 8t schon auf die funf Beispiele, die Martial uns fur solcbe Erwei- ing kennen lehrte. Seneca') giebt die antiquariscbe Notiz: pubUcae ulae codices dicuntur, und zwar quia plurium tabtUarum contextus dex apud antiquos vocatur, Seneca scbeint sich auf Yarro zu iehen, der dieselbe im dritten Buch seiner Schrift de vita populi nom gegeben batte'). Besonders blieb codicillua gebrauchlich fur

Wachstafeln, die bald als Brief^), bald auch den Dichtem fur

Brouillon dienen. Man erinnert sich der Scène bei Seneca, wo id^s Freunde bitten aus den Werken des Dichters drei Verse tilgen dûrfen; Orid wûnscht selbst drei Verse zu tilgen: beide Parteien xren sodann ihre drei Verse in codicilli imd die Vergleicbxmg iebt, dass beide dieselben notirt haben '). Die moecha putida bei mil hat sich mehrere seiner noch unedirt auf Tafeln geschriebenen dichtchen angeeignet und nun ruft sie der Dichter an: redde codi- •). Femer bleibt das Wort fur die Rechnungsbûcher gebrâuch- I, die ein Geschafbsmann, insbesondere der Argentarius fûhrt: nach

1) hidor Orig. VI 13, 1 ; ygl. oben S. 44 Note.

*} De brer. TÎtae 13.

^ Nonins S. 535, 20.

^ de. ad famil. IV 12, 2, VI 18, 1; ad Quintum fr. II 11, 1.

^) Es muBB Seneca Controv. II 2, 12 gelesen werden: rogcUus aliquando ttmiciê «uû, ut tollere liceret [namlich amicis] très versus, invicem petiit ipse ires exciperet in quos nikil illis liceret,

^ CatoU c 42.

96 Dm PergAment.

Gaîus^) braucht er dieselben in einem Rechtsstreit niclit ganz, soih dern nur, soweit es fur den Fall in Betracht kommt, znr Einsidit Yorzulegen : Edi autem ratio ita inteUegitur si a capite edatur .... sciUcet ut non totum cuique codicem totasqtiemembranasinspicieiià dtscrïbendique potestas fiât, sed ut ea tcmtum pars ratUmum quae ad mstruendum aliquem pertineat inspiciatur et describatur,

Femer gilt der Codicill fur Diplôme und Ehrenbriefe*) oder ftr die Tafeln, auf denen der letzte Wille statt Testamentes aofgesetst wurde^). Auch die tabulae des Testaments endlich sind ein codais wenn sie sicli nicht gar auf mehrere Codices yertheilten ^).

In Yerbindung mit litterarischen Dingen ist der Terminas di- gegen nicbt nachweisbar bis in die Zeit des Ulpian hinab. Freilidi, wenn die Tabemen der Bibliopolen scbon in Cicero's Zeit eodkm yerkauften, so wâre dies fur unseren Satz eine bedenklicbe An»- nahme: denn dann wâren also schon damais Texte in dieser Foim im Buchbandel geweseni Wir erfahren durch Asconius^): die Leiehe des Demagogen P. CJodius wurde vom Volk in der Curie Rom's t«^ brannt und das Feuer genabrt subsdUis et tribunalibus et mensis A codidbus librariorum : hiemach hat man yermuthet, dass es am Forum bei der Curie Buchlâden gab, gleich den sonst erwâbnten Buchlâdea um das Argiletum bei Martial, denen in Sandalario oder in Sigil- lanis '). Allein, der Unterschied ist erheblich ; denn aile die letzteren handeln eben, so yiel wir hôren, nur mit Ubri, volumma; sie handeln

1) Dig. II, 13, 10.

') Vgl. Epictet III 7, oder Tacîtus, der in seinem Dialog 7, 10 folgender- massen schrieb : hahere^ quod si non cUioqmn {in alto die Hdschir.) oritur^ née codicillis datur nec cum gratia ventt.

') Vgl. Plin. Epist. II 16 die codicilli Aciliani testamento non confirmatL

^) Vgl. Ulpian Dig. 42, 5, 3: Si tabulae in pluribus codicibus scriptae êint omnes interdicto isto continentur, quia unum testamentum est,

^) Ascon. in Milon. p. 29 éd. Kiessling-SchoU : Populaa duce Sex, Clodio scriba corpus P, Clodi in curiam intulit cremavitque subselUis et tribunoHbus et mensis et codicibus librariorum: quo igné et ipsa curia /iagratfit eqs.

^) Bein in Becker's Gallus II S. 387; A. Schmidt, Gesch. der Denk- nnd GUnbensfreiheit S. 122, der den Ascon nicht selbst eingeaehen hat, wenn er ihn mit Glossem citirt: codicibus librariorum, qui nimirum iuxta curiam et ad Forum ad manum erant!

Codîces seit Ulpian. 97

niemals mit codices. Ënthielt jene Tabeme ad curiam aber ausser jenen Codices auch PapyrusroUeD (wie doch nothwendig war!), warum war das Yolk so unpraktisch dièse RoUen unbenutzt liegen zu lassen? Denn es ist bekannt, dass gerade der Papyrus fur Scheiterhaufen als Brennmaterial im Gebrauche war^). Nun findet das Yolk die drei âbrigen Gegenstande , Tribunalien, Sessel und Tische, jedenfalls in ier Curie selbst Tor; die Tische in der Curie dienen wohl fur die Assistirenden Schreiber; dass auch Codicille dieser Scbreiber, be- scbriebene wie unbeschriebene, in dem Lokal der Senatssitzungen sicb Yorfanden, ist nicbt nur natûrlich, sondem war nothwendig. Die librarii mûssen hier also die Senatssekretâre, scriptores librarii, sein (Horaz Ars poet. 354).

Lesen wir hiemach den schon mehrfach angezogenen Abschnitt des Ulpian im Zusammenhange, den uns die Digesten de legatis et &deicommissis') ûberliefem: Librorum appellatione continentur omma volumina, tsive in charta swe in membrana sint sive in qnavis aUa materia; sed et si in pMyra aut in tHia (ut nonnvlU conficiunt) aut m quo aUo corio, idem erit dicendum, Quod si in codicibus sint mem- braneis vd chartaceis vel etiam eboreis vel alterius materias vel in ceratis codicilUs, an debeantur videamus. Et Gaius Cassius sctibit deberi et membranas libris legatis : consequenter igitur cetera quoque debebuntur ri non adversetur voluntas testatoris, Si cui centum libri sint legati, eentum volumina ei dabimus, non centum, quae qvis ingemo suo metitus est, qui (quasi scr.) ad Ubri scripturam sufficerent: utputa cum haberet Homerum totum in uno volumme, non quadraginta octo libros compu- tamus, sed unum Homeri volumen pro Ubro accipiendum est.

Dièse imd die folgenden Ausfuhrungen standen in Ulpian^s Tier- undzwanzigstem Buch ad Sabinum, Wenn schon die Digesten ims den Wordaut der Originalstellen nicht YoUkommen sicher garantirent), so fehlt doch ein Anzeichen, um hier irgendwie Zweifel zu hegen.

1) Martial X, 97:

Cam levls arsura straitnr Libitina papjro, and Vm 44, 14:

Fartas papyro dam tibi toros crescit. S) Dig. 32, 52.

*) Kach JuBiinian selbst, De confirm. digestorom § 10. Blrt, BoehweMn. 7

98 --- ^M Pergament.

Wir bemerken sogleich, dass Ulpian noch auf dem Stftndpnnkt aller frûheren steht. Sind libri GegeDstand eines Légats, so unter- scheidet er Yor allem und principiell zwischen den zwei Tenchie- denen For m en fur Schriftstûcke, volumina und codices. Darans folgt unweigerlich, dass auch noch Ulpian nicht im Stande irar, bei einem volumen an anderes als an wirkliche Rollen zu denken, eine That- sache, die uns spater betrefifis des unum vohunen Homeri gute Dienste leisten wird. Und weiter sind es auch fur ihn nur die voUimma, die zweifellos unter den BegrifiP Buch fallen und also legirt sind, seien aie nun aus Charta oder aus Membrane; der YoUstândigkeit halber werden noch Rollen aus Lindenbast hinzugefugt, mit UUa wird pMfra noch einmal rein lateinisch ausgedrûckt^) und aile Môglichkeiten mit m quo aiio corio erschôpft'). Dahingegen ist es f&r Ulpian noch ebenso firaglich, wie fur Gassius und Sabinus im ersten Jahrhundert, ob auch Codices ^Bûcher'' seien; Ulpian adoptirt eben die Entscheî- dung jener alten Autoritaten. Codices sind auch hier noch, was sie bisher waren; codices eborei und codicilli cerati stehen damit noch auf einer Linie.

Und dièse Anschauung kommt bei Ulpian im Folgenden noch einmal zur Geltung'). Es ist entschieden worden, dass unbe- schriebene Bûcher von den libri legati ausgeschlossen seien; ei folgt: sed perscripti libri nondutn malleati vd omati continebuntwr (se. Ubris legatis): proinde et nondutn conglutinaii vd emendati (xmUne- buntur. Sed et membranae nondum consutae continebuntur. Also membranae sind kein Buch ; denn sie stehen zu liber erg&nzend, gegen- sâtzlich; ^Buch" ist noch Papyrusrolle.

^) Uebor die tiliae pugillares vgl. bos. Marquardt, Bdm. FrÎTaulterth. y 2, 382, der ohne Noth annimmt, dass Ulpian tilia und philyra antencheide.

') Vgl. z. B. die plumbea charta bei Saeton Nero 20. Aehnlîche Sorg- fait wendet Ulpian an Dig. 37, 11, 1 fûr den Begriff tabula: tabuias tettamenti accipere debemus omnetn materiae figuram: sive igitur tabulae sint ligneae sive cuiuscunque cUterius fnateriae: sive chartae sive membranae sint vd êi corio [alicuius animaliê]^ tabulae recte dicentur; zu den chartae und membrana/e rgL den ausdrûcklichen Vermerk in Paullus' Sententiae IV 7: tabularum amUm appellatione chartae quoque et membranae continentur^ n&mlich bei Testamenten; es sind damit codices chartacei und membranei gemeint.

') Daselbst % 5.

Codices im 3. Jahrhundert. 99

Und nun, nach dieser Einzelinterpretation des Abschnittes ûber Qcherlegate, îst noch auf eine weitere Thatsacbe aller Nacbdruck 1 legen, die das Scbriftwesen dieser Zeit in das bellste Licbt stellt. ^r Môglichkeiten eines Legates Scbriftwerke betrefiPend kennt der urist des dritten Jabrhunderts nicbt mebr als vier: entweder es atet auf libri îegoH: fur sie sind Ulpian's Ëntscbeidungen soeben dtgetbeilt. Oder es lautet zweitens auf chartae legatae: bierunter Simen streng genommen keine Bûcber, sondem nur das Scbreib- wterial yerstanden werden; ist es freilicb ein Gelebrter, der einem relebrten (studioaus studioso) yermacbt ^chartas meas universas^ und esitzt er keine cbarta ausser in seinen Bûcbem, so wird niemand weîfebi, dièse Bûcber darunter zu yersteben; ferner ist bei diesem «gat ausgeschlossen das robe papyrum selbst ad char tas paratum >wie aucb die chartae nondum perfectae, Oder drittens konnen legirt ^erden chartae purae: dann sind ausgescblossen sowobl membranae '. ceterae ad scribendum materiae als aucb libri scribi coepti, Oder ddlicb yiertens das Yermâcbtniss lautet auf die bibîiotheca: dann Ut es, wie Nerra der Jurist entscbied, festzustellen, ob der Testator ilbst bei dem doppelsinnigen Worte nur die