I^M%WM■^1V■ 1 .i^l-
* \
*1
syy
i t
I ^ <
< *
IM;
Digitized by the Internet Archive
in 2011 with funding from
University of Toronto
http://www.archive.org/details/diegedichtedespaOOpaul
Quellen und Untersuchungen
zur
lateinischen Philologie des Mittelalters
herausgegeben von
Ludwig Traube
Dritter Band
Mit sechs Tafeln
MÜNCHEN 1908
C H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
Inhalt des dritten Bandes:
Erstes Heft: Franciscus Modius von Paul Lehmann. Zweites Heft: Textgeschichte Liudprands von Cremona von Joseph Becker. Drittes Heft: Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino von E. A. Loew. Viertes Heft: Die Gedichte des Paulus Diaconus von Karl Neff.
Quellen und Untersuchungen
zur
lateinischen Philologie des Mittelalters
herausgegeben von
Ludwig Traube
Dritter Band, viertes Heft
Kritische und erklärende Ausgabe der Gedichte
des Paulus Diaconus
von
Dr. Karl Neff
Professor am Wilheimsgymnasium zu München
MÜNCHEN 1908
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBÜCHHANDLUNG
OSKAR BECK
DIE GEDICHTE DES
PAULUS DIACONUS
KRITISCHE UND ERKLÄRENDE AUSGABE
VON
Dr. KARL NEFF
PROFESSOR AM WILHELMSGYMNASIUM ZU MÜNCHEN
MIT EINER TAFEL
5-^^^^
MÜNCHEN 1908
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort VII
Einleitung: Geschichte der Forschung XI
Die handschriftliche Überlieferung XIII
1. Übersicht über die Abkürzungen XIII
^ 2. Inhalt der wichtigsten Handschriften ........ XIII
I. Loblied auf den Comersee 1
II. Paulus an Adelperga 7
III. Brief an Adelperga 11
IV. Inschriften auf die Bauten des Arichis 14
V. Andere Inschriften 20
VI. Loblied auf den heiligen Benedikt 23
VII. Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt 35
VIII. An einen Freund 38
IX. Auf das Grab der Königin Ansa 41
X. Auf das Grab der Enkelin Sophia 49
XI. Bittschrift an Karl 52
XII. Petrus von Pisa an Paulus Diaconus 56
XIII. Antwort des Paulus 63
XIV. Brief an Theudemar 69
XV. Grammatische Rhythmen 74
XVI. Rätsel 82
XVII. Petrus an Paulus 84
XVIII. Paulus an den König 88
XIX. Antwort des Paulus 91
XX. Paulus an Petrus 96
XXI. Petrus an Paulus 98
XXII. Antwort des Paulus 101
XXIII. Karl an Paulus 106.
XXIV. Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins 109
XXV. Auf das Grab der A^lheid, Tochter Pippins 112
XXVI. Auf das Grab der Königin Hildegard 113
XXVII. Auf das Grab der Adelheid, Tochter Karls 117
XXVIII. Auf das Grab der kleinen Hildegard 119
XXIX. Auf das Grab des Dichters Fortunat 121
XXX. Paulus an Karl (Widmung seines Auszugs aus Festus) 123
VI Inhaltsverzeichnis.
Seite
XXXI. Brief an Adalhard 126
XXXII. Paulus an Karl 131
XXXIII. Karl an Paulus 135
XXXIV. Karl an Petrus und Paulus 139
XXXV. Auf das Grab des Arichis 143
XXXVI. Auf das Grab des Paulus Diaconus 150
XXXVII. Widmungsgedicht des Petrus von Pisa 157
XXXVIII. Zum Lob des Königs 159
XXXIX. Angilbert an Petrus 163
XL. Karl an Petrus 165
XLI. Karl an Petrus 168
Anhang.
I. Auf das Grab Lothars 170
IL Grabschrift für Eggihard 176
IIL Auf das Grab des Dombercht 178
IV. Fiducia an Angilram 181
V. Verse über die Metzer Bischöfe 186
VI. Fabeln 191
VII. Coniurationes convivarum pro potu 199
VIII. Hausimus altifluo 202
IX. Perge libelle meus 205
X. Filius ille dei 207
XL Hausimus altifluam 209
Indices.
I. Initia carminum et epistularum 213
IL Index nominum 215
IIL Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus 219
Tafel: Abdruck von Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI f. 58 v.
Vorwort.
Die vorliegende Ausgabe der Gedichte ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung des für die ÜberHeferung des Paulus wichtigen handschriftlichen Materials, das mir teils im Original teils in photo- graphischen Wiedergaben vorlag. Durch diese nochmalige Ver- gleichung, die eine reiche Nachlese ergab, wurde ein zuverlässiger kritischer Apparat geschaffen, der, ausführlicher und leichter ver- ständlich angelegt als die früheren, einen Einblick in die bis jetzt bekannte Überlieferung gewährt. Lesefehler und Versehen der Dümm- lerschen Ausgabe wurden dabei nicht angeführt. Der Text der Ge- dichte hat durch die kritische Revision und die genaue Beobachtung des paulinischen Sprachgebrauches hoffentlich abermals gewonnen.
Besondere Beachtung schenkte ich der Lösung der Autorfrage. In diesem Punkt gingen schon die Meinungen Bethmanns und Dahns sehr weit auseinander und auch Dümmler traf hier nicht immer die richtige Entscheidung. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, daß die sonst übliche Methode, nämlich die Autorschaft dadurch festzustellen, daß man zweifellos echte Werke in stilistischer Hinsicht mit bezweifelten vergleicht und aus den Anklängen die Schlußfolgerung zieht, bei karolingischen Dichtern nicht immer zum Ziele führt, da diese, ein und derselben Schule angehörig und in der nämlichen Weise von ihren Klassikern beeinflußt, sich meist der gleichen Aus- drucksformen bedienen. Um dies deutlich vor Augen treten zu lassen führte ich bei den Erläuterungen zu den einzelnen Gedichten möglichst viele Parallelstellen aus der von Dümmler, Traube und P. V. Winterfeld herausgegebenen Sammlung der Poetae aevi Carolini (Poet. I — III) an, während ich mich bei der Angabe antiker Ent- lehnungen, die Manitius in ausführlichster Weise angibt (Poet. II 688), möglichst beschränkte. Bei der Feststellung der Urheberschaft
B Q
M 6 I.
VIII Vorwort.
nahm ich das stiHstische Moment nur dann als Beweis an, wenn es sich um besonders zahlreiche und charakteristische Eigentümlich- keiten handelte. Von größerer Bedeutung war für mich der Inhalt der Gedichte selbst, von der größten die handschriftliche Überliefe- rung, die manchmal ganz allein das entscheidende Wort sprach. Die Grundsätze, die für die Anordnung der einzelnen Gedichte maß- gebend waren, entwickelte ich bei Besprechung des Inhalts.
Meine Ausgabe will aber nicht bloß kritisch, sondern auch er- klärend sein. Deshalb wurden zum Verständnis der oft schwierigen Gedichte außer kurzen Inhaltsangaben auch die für die Lebens- verhältnisse gewonnenen Resultate vorausgeschickt und unter dem kritischen Apparat Erklärungen einzelner Stellen beigegeben.
Um ein vollständiges Bild vom Leben des Paulus Diaconus und seiner Umgebung zu entwerfen hielt ich es für notwendig einige seiner Briefe, dann, wie es schon die Vorgänger getan, die Gedichte des Petrus von Pisa und auch die an Paulus und Petrus ge- richteten anzureihen. Der Anhang enthält einzelne Gedichte, die bis jetzt unter denen des Paulus ihren Platz hatten, und besonders solche, deren Verfasser man nicht kennt, bei deren Untersuchung aber sich für uns wichtige Beziehungen nachweisen ließen. Den Ab- schluß bildet die Herausgabe von drei noch nicht veröffentlichten Gedichten. Den Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus gestaltete ich ausführlicher um einen genauen Einblick in die Formen seiner Darstellung zu eröffnen.
Schließlich möchte ich noch allen denen danken, die mir die Benützung des handschriftlichen Materials ermöglichten oder mich durch Rat und Tat unterstützten, vor allem der k. b. Akademie der Wissen- schaften, dann den Vorständen der Bibliotheken zu Berlin, St. Gallen, Leipzig, London, Madrid, München, Oxford, Paris, Rom, ferner den Herren Arturo Farinelli, Emil Jacobs, Paul Kehr, Pater Leo Kolmer O. S. B., Wilhelm Meyer, Ferdinand Rueß, Karl Schellhaß, Anton Schillinger, Schnorr von Carolsfeld, besonders Wilhelm Engelhardt, Karl Reinwald und Friedrich Vollmer.
Den unvergeßlichen Freund Traube nannte ich nicht. Er wollte keinen öffentlichen Dank und ich könnte auch nicht in Worten die Dankesgefühle zum Ausdruck bringen, die ich für ihn hege. Er erst lehrte mich die Eigenart der exakten wissenschaftlichen Forschung. Durch ihn erst wurde mir klar, daß ihren Wert nicht das Gebiet be- stimmt, dem sie sich zuwendet, sondern der Geist, in dem sie durch-
Vorwort. IX
geführt wird. Unter seiner Leitung erkannte ich, daß jene Pfade, wenn sie auch oft weit weg von der klassischen Höhe in einsam gelegene Täler führen, doch als Vermittler der Antike große Bedeutung haben. Auf seinen Wunsch übernahm ich diese Arbeit. Noch in den letzten schweren Wochen vor seinem Tode unterzog er sie einer eingehenden Durchsicht. Das Manuskript mit den Bemerkungen von seiner Hand ist mir eine wertvolle Reliquie, der Ausdruck seiner Zufriedenheit ein beglückendes Vermächtnis.
Nentschau, den 16. August 1908.
Karl Neff.
Einleitung.
Geschichte der Forschung.
Die umfangreiche Literatur zu Paulus Diaconus findet sich bei Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, 7. Aufl. I, 177 — 186 und bei Cipolla, Note bibliografiche circa Todierna condizione degli studi critici sul testo delle opere di Paolo Diacono, Venezia 1901, verzeichnet. Hier sollen nur die Haupterscheinungen mit wenigen Worten gewürdigt werden, damit man einen Einblick in den Ent- wicklungsgang der Forschung bekommt und das Verhältnis dieser neuen Ausgabe der Gedichte zu den früheren Arbeiten richtig be- urteilen kann.
Der große Benediktiner J. B. Mab i Hon machte sich besonders dadurch verdient, daß er die Berichte des Chronisten von Salerno (SS. III 467 ff.) und der übrigen süditalienischen Quellen auf ihren Wert prüfte und eine sichere historische Grundlage schuf. (Analecta vetera, L Ausg. Paris 1675 — 1685, 2. Ausg. 1703; Annales ordinis S. Benedicti, vol. II 1703.)
Mabillons Untersuchungen wurden erweitert und bestätigt durch den Abbe Jean Lebeuf (Dissertations sur l'histoire ecclesiastique et civile de Paris, vol. I, Paris 1739), der zum erstenmal die meisten Gedichte und Briefe aus dem Parisinus lat. 528 veröffentlichte und dadurch über die Lebensverhältnisse des Paulus mehr Klarheit ver- breitete.
Wenn auch nachher die Forschung nicht stillstand, so wurden doch erst durch Ludwig Bethmann neue wichtige Resultate zutage gefördert. Im Jahre 1851 erschien seine Abhandlung: Paulus Diaconus' Leben und Schriften (Archiv der Gesellschaft f. alt. deutsche Geschichtsk.
XII Einleitung.
X 247 — 334). Hier ist mit staunenswerter Gründlichkeit und Sach- kenntnis das handschrifthche Material verwertet und eine Arbeit ge- schaffen worden, die heute noch in vielen Punkten als grundle.^end zu bezeichnen ist.
Durch Bethmann angeregt, veröffentlichte Felix Dahn seine Schrift: Paulus Diaconus (Leipzig 1876). Er gelangte, wie er selbst in seiner Vorrede sagt, in sehr vielen Einzelheiten der Lebensverhält- nisse zu anderen Ergebnissen, häufig zur bloßen Negation der An- nahmen Bethmanns. Allein viele seiner Gründe sind nicht überzeugend. Dies bewies G. Waitz, der die Verteidigung Bethmanns übernahm (Göttinger gel. Anzeigen 1876 S. 1513 ff.) und wegen seiner Ver- trautheit mit diesem Gebiet (vgl. seine Vorrede zur Historia Lango- bardorum des Paulus) am meisten dazu berufen schien. Auch meine Untersuchung zeigt, daß Dahn die handschriftliche Oberlieferung zu wenig beachtete und deshalb bei der Herstellung des Textes und der Entscheidung der Autorfrage nicht immer das Richtige traf. Dabei darf aber nicht verkannt werden, daß seine Schrift reich ist an wert- vollen, die Lebensverhältnisse des Paulus klärenden Bemerkungen.
Auf allen diesen Vorarbeiten baute Ernst Dümmler im Jahre 1881 seine Ausgabe der Carmina Pauli et Petri Diaconorum auf (Mon. Germ. Poet. lat. aevi Carol. I 27—86 und 625—628). Nach Prüfung des ganzen damals bekannten handschriftlichen Materials (Neues Archiv der Gesellschaft f. alt. deutsche Geschichtsk. IV 102 — 112) stellte er einen möglichst korrekten Text her und gab die Gedichte in der Reihenfolge heraus, in der sie nach seiner Anschauung entstanden waren. Dadurch erleichterte und beförderte er zugleich die weiteren Untersuchungen.
Darunter sind besonders zu erwähnen: Die wichtigen Beob- achtungen über das Leben des Paulus von A. Hauck (Kirchen- geschichte Deutschlands, 2. Aufl. Leipzig 1900, besonders S. 158 ff.), die größtenteils mit meinen eigenen, unabhängig gemachten überein- stimmen; die Aufschlüsse Wilhelm Meyers aus Speyer über die rhythmischen Gedichte des Paulus (jetzt in den Gesammelten Ab- handlungen zur mittellateinischen Rhythmik, 2 Bände, Berlin 1905); die kritischen und historischen Beiträge von L.Traube (Neues Archiv XVI 199, XVII 397, XX 256 und Textgeschichte der Regula S. Benedict! in den Abhandlungen der bayr. Akademie III. Kl. XXI. Bd. III. Abt., München 1898).
Die handschriftliche Überlieferung. XIII
Die handschriftliche Oberlieferung.
1. Übersicht über die Abkürzungen.
Die gesperrt gedruckten Handschriften enthalten eine größere Anzahl von Gedichten. Da ich die von mir verwendeten photo- graphischen Wiedergaben Friedrich Vollmer zu weiterer Verwertung überließ, so kann jeder, der hier neue Studien machen will, mühe- und kostenlos sich einen genauen Einblick in die paulinische Über- lieferung verschaffen. Die mit einem Stern bezeichneten Handschriften enthalten Gedichte, die nicht Paulus Diaconus zum Verfasser haben.
A = Madrid A. 16. fol. mai saec. XII.
B = Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI.
C = Rom Vat. lat. 5001 saec. XIII.— XIV.
D = Berlin Diez. B 66 saec. VIII. ex.
E == Paris lat. 4841 saec. IX.*
F = Paris lat. 2832 saec. IX. med.
G = St. Gallen 899 saec. X. und dazu gehörend Rom Reg. 421.
H = London Harl. 3685 saec. XV.
I =St. Gallen 573 saec. X.
L = Leipzig Rep. I 74 saec. IX.
M= Montecassino 175 saec. XI. ex.*
N = Paris lat. 9428 saec. IX. in.*
p = Paris lat. 528 saec. IX. ex.
Q = Paris lat. 7530 saec. VIII. ex.
R = Rom Palat. lat. 1753 saec. X.*
S = Paris lat. 5294 saec. XI.
U = Rom Urb. lat. 533 saec. XIV.
V = St. Gallen 184 saec. XL*
2. Inhalt der wichtigsten Handschriften.
Die zu Paulus Diaconus in Beziehung stehenden und hier be- handelten Stücke sind gesperrt gedruckt. Die in Klammern gesetzte römische Zahl bezieht sich auf meine Ausgabe.
Berlin Diez. B. 66 (= D), aus dem Ende des 8. Jahrhunderts, beschrieben von Bethmann (Archiv VIII 854), Keü (Gramm. Lat. IV
XIV Einleitung.
p. XXXII) und Dümmler (Zeitschr. f. deutsch. Altert. XVII 144, Neues Archiv IV 108).
Den Hauptinhalt bilden grammatische Schriften, p. 124 Con- lectiones uocum inconditarum quibus exprimitur animi affectus, p. 125 bis 126 Gedichte, herausgegeben von Riese, Anthol. lat. 186 — 188 (vgl. L Müller, Rhein. Mus. XXV 455); p. 126 Nemo diu gaudet quod iniquo iudice unincit und Cum sacra donatus celebrans diuina sacerdos; p. 127 — 128 Omnes gentes quas fecisti (Poet. I 116); p. 217 Albanische Königstafel: Picus regnauit primus in Italia; p. 218 bis 219 ein Bücherkatalog: Werke von Lukan, Statius, Terentius, Jüvenal, Tibull, Horaz, Martial, Cicero, Sallust( Haupt, Hermes 3, 221) p.220CarminamittoPetrofXY"^/^;; p. 220— 221 Alius versus Rex Carulus Petro (XL); p. 221 lam puto nervosis (XX) p. 221 — 222 Versus Fiduciae ad Angelramnum praesulem Carmina ferte mea (Anh. IVj); p. 222 Alius versus: Credere s. vellis (Anh. IVll); p. 223 Incipit centimetrum Servii; p. 277 — 278 Columbanus fidolio fratri; p. 279 Heia uiri nostrum reboans (ed.Peiper, Rhein. Mus. N. F. XXXII p. 523).
St. Gallen 573 (= /), aus dem 10. Jahrhundert, beschrieben von G. Scherrer (Verzeichnis der Handschriften der Stiftsbibliothek p. 185—187).
p. 2 — 166 Inc. opus Paulini Petricordiae de vita s. Martini ep. versibus; p. 166 — 172 Prologus cum versibus Paulini de visitatione nepotuli — et eiusdem de orantibus; p. 173 — 276 Venantii Fortunati Vita S. Martini metrica libri IV (MG. Auct. IV ed. Leo); p. 276—293 Ven. Fortunati Carmen; p. 294 — 319 Visio Wettini (Prosaerzählung des Haito); p. 320 — 367 Visio Wettini metrice (cum prologo pro- saico ad Grimoltum capellanum) auct. Walafrido; p. 367 — 370 Visio mulieris pauperculae de rege Ludovico; p. 370 — 398 Visio Barontis, monachi Longoret. apud Bituric. deinde eremitae Pistoriens.; p. 398 bis 405 Inter florigeras fecundi cespitis herbas etc. Am Ende von anderer Hand: Expliciunt versus Bedae b. de die iudicii; p. 406 — 407 Acrostichon in Lotharium imp.; p. 408 — 466 Vita s. Leodegarii metrica libri II; p. 466 Item in basilica sanctae Mariae: O una ante omnes felix pulcherrima virgo (Vii); p. 466 — 467 Item versus super crucem (Viii); p. 467 — 469 Item alfabetum de bonis sacerdotibus prosa conpositum: Ad perennis vite fontem (Poet. 179); p. 470 — 474 Item alfabetum de malis sacerdotibus: Aquarum meis quis det (Poet. 181); p. 474 — 475 Disticon in foribus: Dulcis amice veni pacem (Poet. I 65); p. 475 Coniurationes convivarum pro
Die handschriftliche Überlieferung. XV
potu: Dulcis amice bibe gratanter (Anh. VII); p. 476 Ante fores basilicae: Haec domus est domini (IViii).
St. Gallen 899 (= G), aus dem 9. oder 10. Jahrhundert; be- schrieben von Dümmler in den Mitteilungen der antiquarischen Ge- sellschaft in Zürich XII p. V, vgl. Sitzungsber. der phil.hist. Klasse der Wiener Akad. XLIII 67, Neues Archiv IV 107, 276. Die fehlenden Stücke stehen in Rom Reg. 421 f. 16—20, 27—28 (vgl. Bethmann Archiv XII 279 und Zeitschr. f. deutsch. Altert. XX 213). Der Sammelband der Bibliothek zu Fulda C 1 1 fol. chart. s. XV. (Zeitschr. f. deutsch. Altert. XIV 496; XV 452) ist nur eine Abschrift der St. Galler, als sie sich noch in unverstümmeltem Zustand befand.
Der Inhalt der von mir noch einmal untersuchten Handschrift weist auf nahe Verwandtschaft mit L e i p z i g R e p. 1, 74 hin. Die Haupt- stücke sind: p. 2 Incipit epistola Symmachi ad Ausonium (Symmachi epist. I 14 ed. Parei); p. 3 Incipit de Pythagoricis diffinitionibus; p. 4 Incipit de aetatibus animantibus hesidion; p. 5 — 6 Incipiunt versus in laude Larii laci: Ordiar unde tuas (I); p. 6 — 7 Fabulae vitulo et ciconia: Quaerebat merens matrem (Anh. VIii); Fabula podagrae et pulicis: Temporibus priscis (Anh. Villi); p. 7 Quid fatis liceat (De Rossi, inscr. urb. Rom. II p. 112; 285); p. 7 — 8 Pauli (Diaconi von späterer Hand) contra Petrum (Diaconum von späterer Hand): lam puto neruosi religata (XX); p. 8 Petri (Diaconi von späterer Hand): Paule sub um- broso (XXI), nur bis V. 15; p. 11 folgt mit Csirceris aut seuo der Schluß (v. 16 — 25); p. 9—10 Cumque ante ora ducum v. 40 — 68 = Schluß der Fabel Aegrum fama fuit (Anh. VI i), deren Anfang, V. 1—40, in Rom Reg. 421 f. 28— 28^ steht; p. 11 De iuvene qui aprum occidit et ipse a serpente percussus est: Anguis aper iuvenis (Riese, Anth. 160) ; De Narcisso : Dum putat esse parem (Riese, Anth. 39) ; Item versus Martialis Damma (Marl. ed. Schneidewin XIII 9); Ne vinum inmoderate bibatur: Qui cupis esse bonus von Eugenius Tole- tanus (ed. Vollmer, MQ. Auct. ant. XIV 236); p. 12 Ad ebrium: Die mihi die ebrie; De vino: Magnus tu bacche; Epitafion Bailiste Latronii: Monte sub hoc; De eulice: Parva culix (Donatus § 29j; De calicae fracto: Abietine calix; p. 12 — 13 Item versus in tribunali: Multicolor qualispecie (Vi); p. 13 — 15 Versus Pauli Diaconi: Sic ego suscepi {XXII); p. 15 — 17 Petri (Diaconi von späterer Hand): Lumine purpureo (XVII); p. 17 Rustice lustrivage capripes (Riese, Anth. 682); Si memini fuerant . . am /?a/zöJ Martial (1 19); p. 17 — 18 Cinthius oeciduas rapidis . . Pauli Diaconi LR. (XVIII); p. 18
XVI Einleitung.
beginnt das Epitaphium Hlotharii: Hoc saltus \nv\x\(\\ (Anh. I) V. 1 — 4, das übrige in der Vatikanischen Handschrift f. 27 — 27^; p. 19 — 21 enthalten Verse von Prospers Poema coniugis ad uxorem (v. 65 — 122); p. 45 Ovidii Nasonis versus: Ut belli sonuere, Sus iuvenis serpens (Riese, Anth. 160)\ Monastica de aerumnis Herculis; p. 57 Epita(/)ion Geroldi comitis (Poet. 1 114)\ p. 57 — 58 E^WdLrpion Constantii (Poet. I78)\ p. 59 Erklärung lateinischer und griechischer Wörter; p. 86 Karolus gratia dei rex (Brief Alkvins MG. Epp. IV 228); p. 117 Versus de cuculo bis v. 38 (Ale. Poet. 1269); p. 120 Versus Theotolfi episcopi: Gloria laus et honor tibi sit, rex Christe, redemptor bis V. 12 (Poet. 1558); p. 120 bis 123 Versus eiusdem (Poet. 1577); p. 123 Albinus precibus postulet (Poet. 1579); Rumpitur invidia (Marl. IX 97); p. 124 lonae episcopi: En adest Caesar (Theodulf Poet. 1 529); p. 126 Ad Hludovicum regem: Rex pie (Poet. II 410); p. 127—129 In adventu Karoli filii Augustorum: Ecce votis (Poet. II 406); In adventu Hlotharii imperatoris: Innovatur nostra laetos (Poet. II 405); p. 144 Postquam primo homini (Wal. Strabi carm. Poet. II 392).
Leipzig Rep. I, 74 (=1), ein Miszellanband der Stadtbibliothek, von Naumann (Catalogus libr. manuscr. bibl. Ups. p. 16) und aus- führlicher von M. Haupt (Berichte der kgl. sächsischen Gesellsch. d.W. phil. hist. Klasse 1850 p. 1 — 14 und in seinen Opuscula I p. 286 bis 300) beschrieben, wurde mit Unrecht von Naumann dem 12. und Dümmler dem 10. Jahrhundert zugewiesen. Die Handschrift stammt aus dem 9. Jahrhundert.
f. 13^ Terra marique victor honorande zur Begrüßung Ludwigs des Erommen and seiner Gemahlin Emengard (Poet. 1 578 Appendix zu Theodulf); f. 14 — 15 versus in laude solis (Riese, Anth. 389); f. 15^ — 24 Questiones enigmatum rethoricae aprtis (= artis): Wil- helm Meyer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik II p, 161 ff.; f. 24 Item de uino: Pulchrior me nullus (XVI); Incipiunt versus Sybillae: ludicio tellus sudabit; f. 25 De iuvene qui aprum occidit et ipse a serpente pe<r>cussus est: Anguis aper iuvenis (Riese, Anth. 160); De Narcisso: Dum putat esse parem (Riese, Anth. 39); f. 25 — 27^ folgen 15 Gedichte Martials: f. 25 Item versus Martialis damma; De quadam vetula; f. 25^ De Galla puella; Ad Levinum; De eo cuius domus arsit; Ad PolHonem; De Candido qui uxorem adulteram habebat; f. 26 De Andragora ad Faustinum; De Fannio; Ad Cottam; Ad Claudiam puellam longam; Ad Crispum; f. 26^ Ad Gallam; Ad Flaccum; Ad eum cum quo cenabat; f. 27 Ne vinum immoderate bibatur: Qui cupis esse bonus von Eugen.
Die handschriftliche Überlieferung. XVII
Tolet. (MG. Aiict. XIV236); Epitafion Ballistae latronis: Monte sub hoc; De culice: Parva culix (Donatas §29); De calice fracto: Abietine calix; f. 27^ — 28^ Item ex libro Ovidii Nasonis de somno, quod viderat: Nox erat et somnus (Ovid, Am. 3, 5); f. 28^ — 31^ Idem eiusdem ex libro metamorphoseon. Actaeon in cervum: lam stabant Thebae (Ovid. Met. 3, 131 — 252) \ f. 31^ — 35^ Gedichte von Eugen. Tötet, und Prosper Aquitanus; f. 35^ — 36 Hos versus Paulus Diaconus conposuit in laude Larii laci: Ordiar unde tuos (I); f. 36 — 36^ Epitafion Sophie neptis: Roseida de lacrimis (X); f. 36^ — 37 Super sepulcrum domne Anse: Lactea splendifico (/Xj; f. 37 — 37^ Item versus in tribunali (am Rand tironische Noten, die nach Angabe von Rueß nur die Überschrift wiederholen): Multicolor quali specie (Vl)\ f. 37^ Item in basilica sanctae Mariae: O una ante omnes (Vll)\ Item versus super crucem (ViiiJ; f. 37^ —38 Christe deus mundi (Poet. I 78); f. 38^—62 Incipit psycho- machia des Prudentius; f. 62^ — 63^ folgen Gedichte von Alcvin f. 62^ Dulcis amice vale (Poet. I 251); f. 63 Ductus amore tuo (1 334) Munera muneribus; Nee tu quippe (1 252); f. 63^ Nix ruit e caelo Tu mihi dulcis amor, davon nur v. 1 — 3 (1 253).
London, Britisches Museum Harleianus 3685 (= H), im fünfzehnten Jahrhundert von einem ungebildeten Schreiber, dem eine schlecht lesbare, angelsächsische Handschrift vorlag (Traube, Karo- lingische Dichtungen), fehlerhaft geschrieben. Den Inhalt gab Dümmler an in der Zeitschrift für deutsches Altertum XXI, 84 A. 1 und Neues Archiv IV 108—109.
Hauptstücke: f. 1 Anguste vite fugiunt consorcia musae (VIII); f. 1 — 1^ Aemula romuleis consurgunt menia templis (IVi) IV Ad abbatem: Sit tibi sancta phalanx (Poet. 1 83); f. 1^—2 Ad Moulinum de Dagulfo: Aspicis eximia rutilantem- luce muolume (Poet. 192); f. 2— 2^ De peste: Ausimus altifluam Petri Pauli- que salutem (Anh. XI); f. 2^ Sanctorum meritis claro semperque beato (Eugen. Tolet. MG. Auct. XIV 268); f. 2^— 3^ Hoc satus in viridi servatur flosculus aruo (Anh. I); f. 3^ — 5^ folgen Epi- gramme und Epitaphien (vgl. De Rossi, Inscript. urb. Rom. II, 1 p. 121); f. 5^ — 6 Epitaphion: Roseida de lacrimis miserorum terra parentum (X); f. 6 Verba tui famuli, rex summe, attende serenus (XI); f. 6^ De sex operibus dei: Primus in orbe dies (Eugen. Tolet. MG. Auct. XIV 67); i.l — 11^ Incipit praefatio tocius libri Smaragdi grammatici: Hunc operis nostri modicum percurre libellum (Poet. 1607); f. 11^ Dum primus pulchro fuerat {Ale. Poet. 1 288); f. 26^—29^ Hoc,
II
XVIII Einleitung.
Modoine, tibi Teudulfus dirigit exul (Poet. 1 563 ff.) \ f. 30^ Eiusdem ad Luduicum valedictio: Qui regit arva, polum (Poet. 1 531); Carmen Nigellii Ermoldi exulis in laudem gloriosissimi Pippini regis: Perge, Thalia, placet (Poet. II 79); f. 33 Ad eundem Pippinum: Sunt mihi praeterea (Poet. II 85); f. 66 Liber de iudicibus exametris versibus compositus incipit: ludicii callem censores (Theod. Poet. I 493); f. 47 ^ Postquam primus homo paradisi liquerat hortos (Ale. Poet. 1 229); f. 50^ — 51^ Carior in cunctis mihimet qui constat alumnis (Theod. carm. appendix Poet. 1 579); f. 53^ — 54 ^ Lege tonantis eri retegit qua crimina lator (Theod. Poet. I 517); f. 55 — 92 Elegia Hermoldi: In honorem Hludowici (Poet. II 5).
Madrid A. 16 fol. mai. (= ^), im 12. Jahrhundert geschrieben, stammt aus Montecassino. Der Inhalt ist ausführlich angegeben Archiv VIII 769.
Nach Werken Bedas folgen Gedichte chronologischen Inhalts: Item de anno solari: Annus solis continetur quattuor temporibus; Versus de sexta aetate huius seculi: Prima sexcentum annis; f. 52^ Item versus Pauli Diaconi de annis a principio: A principio saeculorum (II); Item versus de annis a principio: Deus a quo facta fuit (Zeitschr. f. deutsch. Altert, XXII 426); f. 55 Arati liber de astronomia; f. 75 Ordo computus; f. 87 Galieni expositio pro infirmis; de humanae vitae cautela; Spera Pitagore quam Apuleius descripsit; de quattuor ventis, angulis celi et temporibus; f. 89 De natura corporis humani; Ypocratis ep. de flebotomia; Ypocratis dicta de anni circulo; f. 93 ex libro Solini; f. 99 Scarpsum ex cronica Origenis; f. 101 De gentibus ex Ysidoro; f. 102 De lapidibus ex libro eiusdem; Beda de naturis rerum; f. 160 Epistola Karoli ad Albinum de septuag. sexag. quinquag. et quadrag.: Karolus gratia dei (MG. Epp. IV 228); f. 163^ Gedicht über Superbia et humilitas: Non mihi Sit ductrix; de pace et concordia: Pax veneranda mecum; de castitate et libidine; f. 165 Sententiae Septem sapientum; f. 166 Epitaphium Alchuini: Huc rogo (Poet. I 350); f. 171 Ex libro XI Plinii: Miror quidem Aristotelem; aus Paulus Diaconus: In Italia sicut d. a. circa diem natalis domini in humbra — meridiem videntur; (Hist. Lang. I cap. 5); f. 189 Scarpsum ex libro Josephi: Boves mugiunt — vas in aqua bilbit; f. 190 Item de provinciis Italie aus Paulus Diaconus (SS. rer. Langob. p. 188); f. 190 Con- stantins Schenkung; f. 193 Africanus ad Aristidem de genealogia Christi: Ut autem clarius fiat; f. 195 Incipit liber Junioris philosophi, in quo continetur totius mundi descriptio: Post omnes ammonitiones.
Die handschriftliche Überlieferung. XIX
Daran schließen sich noch Schriften geographischen, ethnographischen und naturwissenschaftlichen Inhalts.
Oxford, Bodleian Library 28 188 = Add. C 144 {= B) aus dem 11. Jahrhundert, beschrieben von Madan, Summary Catalogue of Western Manuscripts in the Bodleian Library at Oxford, Vol. V p. 419; H. Schenkl, Bibliotheca patrum latinorum Britannica II, Sitzungs- berichte der Wiener Akademie phil.hist. Kl. CXXIII Jahrg. 1890.
f. 1 De pronomine . pronomen est pars orationis (Donati gramm.; Keil IV 379, 22) \ f. 33 De barbarismo . barbarismus est una pars orationis (Keil 392, 5) \ f. 34 De soloecismo . soloecismus est Vitium (Keil 393, 6)\ f. 35^ De syllabis apud grammaticos . Syllaba grece latine conceptio siue complexio dicitur. nam syllaba dicta (Keil 423, 11)\ De syllabis tractatus Bedae. Syllaba est comprehensio litterarum uel unius uocalis (KeilVII, 229, II) \ f. 37^ De tropis Bedae. Tropus est dictio translata (Keil 611, 19); f. 39^ Incipit de meta- plasmis. Metaplasmus est transformatio quaedam (Keil IV 395, 28) ; f. 40 Mauri Serui grammatici de centum metris (Keil IV 456); f. 46^ Ein kurzes Glossar; f. 47 Incipit de littera. diximus enim, quod bene fecit donatus (Pompei commentum artis Donati Keil V 98, 6); f. 55 de pedibus. Pedes omnes uiginti et quattuor (Keil V 120, 21);*f. 5S Item versus Pauli Diaconi: Candidum lumbifido proscissum vomere campum {XIX); f. 58^ versus Paulini: Hausimus alti- fluo; Perge, libelle (Anh. VIII, IX, vgl. auch die beigegebene Tafel); Sinonima Ciceronis: orator, actor; f. 63^ Incipit de officiis grammaticae artis: Nam in loco; f. 66 ^ Quis primus phylosophy nomine nuncupatus est?; f. 68^ ludicii Signum (vgl. Aug. de civ. Dei 41, 579; auch Beda 90, 1182); f. 89 Sententiae quorundam philo- sophorum: Amicuitanis cferas (!) facias necesse tua (cfr. Meyer, Publilii Syri sententiae p. 12); f. 70 Versus Siluii; Spes ratio uia uita (Riese Anthol. lat. 689a). Den Schluß bilden Glossen und grammatika- lische Stücke.
Paris lat. 528 (= P), aus dem 9. Jahrhundert. Die Haupt- stücke des Inhalts, den der Abbe Lebeuf zuerst veröffentlichte, führen Bethmann (Archiv X 247) und Dümmler (Neues Archiv IV 104) an. Diese Handschrift hat für die OberHeferung der Gedichte des Paulus Diaconus die größte Bedeutung.
Nach theologischen und rhetorischen Werken und Hymnen beginnt f. 121 ein neuer Quaternio von feinerem Pergament und von derselben, wenn auch etwas kleineren Schrift, f. 120 — 121^ Exhortatio Eugenii Toletanae sedis episcopi: Rex deus (MG. Auct. XIV
XX Einleitung.
232); f. 121^ Brief formet (Neues Archiv IV 104)-, f. 122— 122^ Zwei Epitaphien, die am Hofe Karls bei Abfassung anderer zum Vorbild dienten: Epitaphium Constantis: Hie decus Italiae (Poet. I 78) und Epitaphium Toctronis: Clauditur hoc tumulo (Pauli Hist. Lang. III €.19); f. 123 — 123^ Item versus Petri grammatici: Nos dicamus Christo (XII); f. 123^— 124 Versus Pauli: Sensi cuius (XIII); f. 124—125 Item versus Petri ad Paulum: Lu- mine purpureo (XVII); f. 125 — 125^ Versus Pauli ad Petrum: Candido lumbifido (XIX); f. 125^—126 Item versus Pauli missi ad regem: Cynthius occiduas (9^V7//^; f. 126 — 126^ Item versus Pauli ad regem precando: Verba tui famuli (XI); f. 126^ — 127 Epitaphium Sophiae neptis: Roseida de lacri- mis (X); f. 127 — 128^ Incipit epistola: Amabillimo mit drei Hexametern am Schlüsse (Paulus Diaconus an Theudemar XIV); f. 128^ — 129 Versus de episcopis sive sacerdotibus: Ad perennis (Poet. I 79); f. 129 — 130 De malis sacerdotibus: Aquarum meis quis det (Poet. 1 81); f. 130— 131^ Versus in laude sancti Benedicti: Ordiarundetuos (VI); f. 132 — 133 Cartula perge cito (Alcvin Poet. 1220); f. 133— 133^ Versus Petri in laude regis: Culmina si regum (XXXVIII); f. 134 — 135 Sententiae septem philosophorum: Periander Corinthius; im Anschluß daran eine kleine griechische Grammatik (XII) , dann grammatische Bemerkungen über die Kom- paration, Aufzählung von homonima: species acies aries; von Syno- nima: terra humus; f. 135^ Epitaphium Chlodarii pueri regis: Hoc satus in viridi (Anh. I); f. 135^ — 136 Item versus metrici: Paule subumbroso (XXI); f. 136 Epistola: lUe Christi fretus auxilio rex: Cum in adquirendis fidelium (MQ. Epp. IV 532). Den Abschluß des Quaternio bildet Grammatisches. Dann folgt von einer anderen Hand geschrieben eine Vita Audoeni, ein Martyrologium und Theo- logisches.
I.
Loblied auf den Comersee.
'Wie soll ich Dein Loblied beginnen, wie Deine reichen Gaben preisen (1 — 6)? Olivenwälder umsäumen Deine von ewigem Früh- ling beglückten Gestade und in üppigen Gärten leuchten aus dem Grün der Lorbeerbäume rote Granatäpfel hervor. Myrten, Pfirsiche und Zitronen erfüllen alles mit ihrem lieblichen Duft (7 — 16).
Kein See kann sich mit Dir vergleichen, nur das Galiläische Meer, auf dem einst Jesus gewandelt (17 — 22). Bringst Du den Schiffern kein Verderben, dann bleibst Du der Liebling aller. Lob und Preis sei der Dreieinigkeit, die solche Wunder schafft. Du aber, Leser, empfiehl mich der Gnade des Erlösers und mißachte mein Gedicht nicht (23—30).'
Eine so begeisterte Schilderung konnte nur ein Dichter ent- werfen, der die Reize jener Gegend selbst geschaut und gefühlt hatte. Dies ist zwar von Paulus nicht wörtlich überliefert, läßt sich aber mit Bestimmtheit aus seinem nicht anzuzweifelnden Aufenthalt im nahgelegenen Monza folgern (vgl. Hist. Lang. IV 21, 22, 47; V 6, 38). Traube kommt in seiner Textgeschichte der Regula S. Benedicti S. 44 zu dem Resultat, daß Paulus in dem nach der Tradition von Desi- derius gegründeten Peterskloster bei Civate, nicht weit vom Comer- see, sich aufhielt.
Dahn „Paulus Diaconus" S. 66, der die Autorschaft des Paulus bestreitet, sieht darin, daß die Schilderung der Vegetation, der Natur- schönheit an diesen Ufern poesievoller ist als in irgend einer der unzweifelhaft echten Dichtungen, einen Beweis für die Unechtheit des Gedichtes. Allein die Stoffe, die Paulus später behandelte,
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 1
2 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
boten ihm keine Gelegenheit zu einer derartigen lebendigen Schil- derung und dann kann man doch auch aus deren Behandlung er- kennen (vgl. Hist. Lang. II 4, wo er die Pest, und IV 37, wo er den Verfall seines Stammsitzes schildert), daß er Phantasie und Gewandtheit in der Darstellung in hervorragendem Maße besaß. Außerdem fällt dieses Gedicht in eine Zeit, wo er noch jugend- licher fühlte, wo er in seiner angesehenen Stellung als Lehrer der Prinzessin am Hofe glückliche Tage verbrachte, von denen er in Gedicht VIII v. 1 — 4 andeutungsweise spricht (vgl. auch Anm. zu XXXVI V. 18).
Auch der Hinweis darauf, daß Paulus unmöglich das Loblied auf einen See mit den gleichen Worten habe anfangen können, wie das auf den heiligen Benedikt, beweist nichts. Ich sehe darin nur eine Bestätigung der Anschauung, daß beide Gedichte Erstlings- werke sind, und glaube, daß er in der späteren Zeit, als er infolge der vielfachen Anregungen Karls des Großen in ausgedehnterem Maße dichterisch tätig war, solche Wiederholungen vermieden hätte. Man muß eben auch hier, was bei stilistischen Untersuchungen zur Bestimmung der Autorschaft eines Werkes von großer Wichtigkeit ist, in Betracht ziehen, daß sich eines Dichters Anschauungen und Dar- stellungsformen im Lauf der Zeit oft bedeutend ändern. Wer würde den Dichter des Faust im Götz wiedererkennen? Mir erscheint dieser gleiche Anfang im Gegensatz zu Dahn als Beweis für die Autor- schaft des Paulus und ich verweise dabei auch auf die Anmerkung zu Gedicht VI v. L
Das entscheidende Wort spricht hier nur die Oberlieferung. In der Leipziger Handschrift, die wegen ihres Alters — sie ist in das neunte Jahrhundert zu verlegen — und ihres Inhalts für die Über- lieferung paulinischer Gedichte von großer Bedeutung ist, trägt unser Gedicht die Überschrift, an deren Echtheit nicht zu zweifeln ist: Hos versus Paulas Diaconus conposait in laude Larii lad. Betrachtet man ferner die Gedichte, die sich in dieser Leipziger Handschrift an das unsrige anschließen, so erkennt man, wie die späteren Untersuchungen zeigen werden, daß wir hier eine Samm- lung von Gedichten des Paulus vor uns haben, die besonders auf den langobardischen Hof mit Sicherheit hinweisen. In der St. Galler Handschrift 899 aus dem zehnten Jahrhundert ist zwar der Name des Dichters nicht mitüberliefert, das Gedicht befindet sich aber in einem Kreis von solchen, die zweifellos Paulus zum Verfasser haben.
Loblied auf den Comersee. 3
Sahen wir schon, daß die Umgebung, in der das Gedicht über- liefert ist, auf den langobardischen Hof hinweist, so ergibt sich das gleiche auch aus v. 6 Regificis mensis manera magna vehis. Wegen der Entfernung der Örtlichkeiten kann nicht die Tafel Karls, sondern nur die eines langobardischen Königs gemeint sein. Dem- nach ist die Abfassungszeit unseres Gedichtes vor den Untergang des Reiches, also vor 774, zu verlegen. Da Paulus sich jeden- falls 763 in Benevent befand (vgl. Vorbem. zu VI), so mag es schon vor dieser Zeit entstanden sein und zwar am Hofe des Desi- derius, eine Behauptung, die durch das Epitaph auf Ansa, die Ge- mahlin des Desiderius, gestützt wird, das in der Leipziger Hand- schrift sich anschließt.
Die Darstellung des Paulus Diaconus steht, wie die Erklärung der Verse beweist, unter dem Einfluß Virgils und besonders auch Eugens von Toledo. Werke dieses Dichters, den jedenfalls, wie auch den Martial, der Spanier Theodulf an den Hof Karls brachte, sind wie in allen für die Überlieferung paulinischer Gedichte wichtigen Handschriften, so auch in der Leipziger überliefert. Aber schon früher hatten sich die großen Werke der spanischen Literatur (wie Taio, Eugenius, Isidorus) nach Italien verbreitet.
Was die Form anlangt, so besteht sie aus epanalemptischen Disticha (auch versus reciproci, serpentini, echoici genannt, vgl. Traube Poet. III p. 392, 7 und Index p. 815). Diese finden sich schon vereinzelt zu bestimmten Zwecken bei Ovid, dann zur Er- reichung einer besonderen Wirkung in einem längeren Gedicht bei Martial (IX n. 97 Rampitar invidia; dieses Gedicht ist wie das unsrige in der St. Galler Handschrift überliefert neben anderen karo- lingischen), ferner bei Pentadius in den drei Gedichten de fortuna, de adventu veris, auf Narcissus, bei Sedalias (M. Jahrh.) in einem dichterischen Vergleich des alten und neuen Testamentes und sonst öfters. In späterer Zeit scheint bei Dichtern wie Venantias Fortanatas (VI. Jahrh. Mon. Germ. Auct. IV ed. Leo), Eugen. Tolet. (VII. Jahrh.) und Beda (VIII. Jahrh.) mehr das Streben nach Ab- wechslung oder auch die Bequemlichkeit maßgebend gewesen zu sein. Paulus verwendet sie nur in Gedichten, die der Zeit an- gehören, wo er noch nicht am Hofe Karls sich aufhielt, so in seinen beiden Lobliedern (auf den Comersee und zum Preis der Wunder des heiligen Benedikt) und in einer Inschrift auf einer Kirchentüre.
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Ordiar unde tuas laudes, o maxime Lari?
Munificas dotes ordiar unde tuas? Cornua panda tibi sunt instar vertice tauri;
Dant quoque sie nomen eornua panda tibi. Munera magna vehis divinis, dives, asilis,
Regificis mensis munera magna vehis. Ver tibi semper inest, viridi dum cespite polles;
Frigora dum superas, ver tibi semper inest. Cinctus oliviferis utroque es margine silvis;
Numquam fronde cares cinctus oliviferis. Punica mala rubent laetos hinc inde per hortos;
Mixta simul lauris Punica mala rubent.
HOS UERSUS PAULUS DIACONUS CONPOSUIT IN LAUDE LARII LACI Z. /. 35v; INCIPIUNT UERSUS IN LAUDE LARII LACI G p. 5.
1 unde] un auf Rasur Z. || 5 vehis] ue auf Rasur L \ diues aus diuis corr. L diuis G \ asylis G || 7 inest fehlt G || 8 superas] semper eras G || 9 oliviferis aus soliuiferis corr. L \\ 10 cinctus] i auf Rasur Z. || 11 laetos] et auf Rasur L, leteres G | hie G | hortos in ortos corr. L ü 11 12 Punica] n beidemal auf Rasur G.
1 0 maxime Lari: Verg. Georg. II 159 te, Lari maxime, (memo rem). An dieser Stelle nennt Virgil ebenso wie Paulus V. 17 und 20 den Averner und Lukriner See; vgl. auch Hist. Lang. V 38 ad insulam, quae intra lacum Lariam non longe a Como est.
3—4 Ein die Gestalt des Sees an- schaulich wiedergebender Vergleich, den er auch in seiner Hist. Lang. II 21 von Italien gebraucht: in sinistro Italiae cornu. — dant quoque sie nomen cornua: ,Die gekrümmten Hörner geben Dir auch den Namen'. Man könnte meinen, daß Paulus den Namen Larius mit den Laren in Verbindung brächte, die aus gekrümmten Füllhörnern (cor- nua) ihre Gaben spenden; denn er zählt im folgenden die Gaben des Sees auf (munificas dotes); allein schwerlich kannte er Stellen wie Tibull I 1, 19 vos quoque, felicis quondam, nunc pauperis agri Gastodes, fertis munera
vestra, Lares; vielleicht war ihm das Attribut der Laren geläufig.
5 divinis asilis = für die Klöster und die damit verbundenen Kirchen; sonst gebraucht Paulus asylum in der Bedeutung von Kirche, vgl. IV ii v. 5 construxit asylum (Salomon), Hist. Rom. I 2 condito templo, quod (Romulus) asylum appellavit; vgl. auch Theodulf Poet. I 478 V. 41 Salomon sapiens, sancti constructor asyli.
7 ver tibi semper inest; vgl. XI v. 4 semper inest luctus. — viridi dum ce- spite polles vgl. Grabschrift Lothars (An- hang I) V. 33 vernali cespite poltet und Verg. Aen. III 304 viridi quem caespite (sacraverat).
11 Punica mala (= Granatäpfel) mixta simul lauris, vgl. die Schilderung, diePaulinusvonAquileja von den Gefilden des Jordans gibt (Poet. aev. Carol.I 128). Hier, v. 70, 71, sagt dieser auch Punica mixta simul foliis sed poma retentat.
Loblied auf den Comersee.
15
20
Mirtea virga suis redolet de more corimbis,
Apta est et foliis mirtea virga suis. Vincit odore suo delatum Perside malum;
Citreon has omnes vincit odore suo. Cedat et ipse tibi me iudice furvus Avernus,
Epirique lacus cedat et ipse tibi. Cedat et ipse tibi vitrea cui Fucinus unda est,
Lucrinusque potens cedat et ipse tibi.
13 mirtea virga] myrtea mixta (mixta durch Punkte getilgt) virga G \ co- rimbos G \\ 14 myrtea G II 17 18 caedat G \\ 18 eripique L Epyrique G. Epirique H. J. Müller, Euripique Haupt \\ 19 der Vers fehlt L \ caedat G tibi über der Zeile zugesetzt G \\ 20 der Vers fehlt L \ caedat G \ potens] patens coni. H. J. Müller.
14 apta est et foliis: in ihrem Blätlerschmucli stellt sie da, foliis ist als Abi. zu fassen und aptus bedeutet ornatus, von Virgil in dieser Bedeutung verwendet, Aen. IV 482, VI 797, XI 202; vgl. auch Thesaurus ling. Lat. II p. 327.
15 — 16 delatum Perside malum = der Pfirsich; der Dichter will sagen: Die Myrte duftet, noch mehr der Pfirsich, am meisten aber die Frucht des Zitronat- baumes. Die Stellung von has omnes verbietet citreon als erklärenden Zusatz zu delatum Perside malum zu fassen, vgl. V. Hehn „Kulturpflanzen und Haus- tiere" 6. Aufl., 1894, p. 453 und Dios- COrides 1, 166*. xä ds [xrjdixa ksyofieva rj TieQOixä rj >ieÖQ6fxr]?M , gcof^aiozl ds xixQia.
17 — 20 cedat et ipse tibi me iudice: Verg. Ecl. IV 38 cedet et ipse mari (je- doch in anderer Bedeutung), besonders aber Eugen. Tolet. (ed. Vollmer XXXIII 11 p. 254) iudice me cygnus et gar- rula cedat hirundo, cedat et inlustri psittacus ore tibi. — Nachdem Paulus die Vegetation des Sees gerühmt hat, vergleicht er ihn mit anderen bekannten Seen, mit dem Averner, Fuciner, Lukriner und mit einem See in Epirus. Die Er-
wähnung des letzteren inmitten lauter italienischer Seen erscheint nach der Er- klärung von H. J. Müller (Symbolae ad emendandos scriptores Latinos, Progr. des Friedr. Werderschen Gymn. Berlin 1876 p. 29) nicht mehr auffallend. Es gibt nämlich in Epirus, wie auch in Kam- panien, einen See Acherusia, der gerne in Verbindung mit dem Avernus genannt wird, da auch dorthin die Sage den Ein- gang in die Unterwelt verlegt (vgl. Plin. n. h. III 5, 61; IV I, 4). Auch Vibius Sequester bringt in seiner Aufzählung einen Acheron nach dem Avernus. Pau- lus wählt diese Ausdrucksweise jeden- falls aus metrischen Gründen statt Acheron. — vitrea cui Fucinus unda est: Verg. Aen. VII 759 vitrea te Fuci- nus unda (flevit) ; vgl. auch in den Schlußversen des Briefes an Theude- mar XIV Margine de vitreae Mosellae, Hist. Rom. XIV 10 fluvius vitreis labebatur fluentis. — Lucrinusque potens findet seine Erklärung durch Isidorus Orig. XIII 19, der bei der Auf- zählung von Seen vom Lukriner sagt: Lucrinus autem dictus, quia olim prop- ter copiam piscium vectigalia magna praestabat.
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
25
30
Vinceres omne fretum, si te calcasset lesus,
Si Galilaeus eras, vinceres omne fretum. Fluctibus ergo cave tremulis submergere Untres;
Ne perdas homines fluctibus ergo cave. Si scelus hoc fugias, semper laudabere cunctis;
Semper amandus eris, si scelus hoc fugias. Sit tibi laus et honor, trinitas inmensa, per aevum;
Quae tam mira facis, sit tibi laus et honor. Qui legis ista, precor, 'Paulo' die 'parce, redemptor',
Spernere neve velis, qui legis ista, precor.
21 calcassit G | hiesus G \\ 22 galileus G \\ 23 lyntres G || 25 fugias aus fugius corr. L fugia G li 26 amandus] andu auf Rasur L \\ 28 quae tam] qui aetam G \\ 30 der Vers von derselben Hand, aber mit kleineren Buchstaben zwischen die Zeilen geschrieben G \ neve velis] neuelis L.
21 — 23 vinceres: Die Verkürzung der letzten Silbe findet sich auch bei Fortunat (vgl. Leo p. 424). — fluctibus tremulis vgl. Paul. XVIII v. 15 Anm.
27 — 30 trinitas mit verkürztem ersten / ist in ganz später Zeit nicht selten. — Bei V. 27 — 28 ist wiederum der Ein- fluß Eugens von Toledo (p. 254 v. 19—20) unverkennbar. Dieser schließt sein Ge- dicht mit einem Lobpreis Christi ab: Gloria summa tibi, laus et benedictio,
Christe, Qui praestas famulis haec bona grata
tuis
(vgl. Paul. V. 28 quae tam mira facis). Jedenfalls hatte auch Paulus ursprünglich für sein Gedicht diesen seiner Vorlage entsprechenden Abschluß gewähU und fügte V. 29 — 30 erst später hinzu, als er sein Gedicht an den Hof Karls brachte und es dort vorlegte. Wenn das Gedicht VI (vgl. Vorbem.) mit den gleichen Versen (153 und 154) abschließt, so lag dem Verfasser wohl die ur- sprüngliche Fassung unseres Gedichtes I vor; vgl. auch Theodulf Poet. I 558 v. 1 Gloria, laus et honor tibi sit, rex Christe, redemptor.
II- Paulus an Adelperga.
'Von der Erschaffung der Welt bis zur Sintflut sind 2242 Jahre, von da bis Abraham 942, bis zur Gesetzgebung des Moses 505, zum salomonischen Tempelbau 480, zur babylonischen Gefangenschaft 512, zur Geburt Christi 518 und bis zur Gegenwart 763 (1 — 8). Un- getrübter Friede herrscht jetzt in Italien unter Desiderius und Adel- chis und auch in Benevent unter Arichis und Adelperga (8 — 10). Möchten doch diese beiden am jüngsten Tag der ewigen Seligkeit teilhaftig werden (11—12).'
Wie das Akrostichon (Adelperga pia) beweist, hat Paulus dieses Gedicht seiner Schülerin, der Tochter des Königs Desiderius, gewid- met zur Förderung ihrer geschichtlichen Studien (vgl. Vorbem. zu III). Es ist das einzige Gedicht, von dem uns die Entstehungszeit an- gegeben ist. Aus Strophe 8,3 geht hervor, daß es Paulus im Jahre 763 verfaßte und zwar jedenfalls in Benevent selbst.
Überliefert ist es in einer Madrider Handschrift A 16 saec. XII, die einstens in Montecassino sich befand und deshalb für die Her- stellung des Textes eine sichere Grundlage bietet. Nicht mehr in beneventanischen Zügen geschrieben, stammt sie aus der Zeit und dem Kreise, vielleicht aus der Hand des Petrus Diaconus. Der von Dümmler in seiner Ausgabe der Gedichte des Paulus Diaconus (Poet. I p. 35) herangezogene Florentiner Codex Strozz. 46 saec. XIV ist eine Abschrift des Madrider und bedeutungslos.
Paulus gibt hier eine Einteilung der Weltchronologie in Welt- alter, wie sie nach dem Vorgang von Eusebius (Hieronymus) und Augustin auch Isidor in seinem Chronicon anwendet. Da nun in der Madrider Handschrift auf unser Gedicht unmittelbar eines folgt,
8 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
das den Titel trägt Item versus de annis a principio und den gleichen Stoff behandelt, so untersuchte ich das Verhältnis, in dem beide Ge- dichte zueinander stehen.
Paulus ist in seiner Einteilung von der bei Isidor und den anderen üblichen etwas abgewichen: Die dritte Epoche umfaßt bei ihm die Zeit von Abraham bis Moses und die vierte von Moses bis zum salomonischen Tempelbau, während Isidor daraus nur eine Epoche macht und sie von Abraham bis David reichen läßt. Diese nämliche Art der Einteilung, wie sie Paulus hat, zeigt jenes zweite Gedicht, das aus Irland nach Benevent gekommen war. Es finden sich auch einige stilistische Anklänge, vgl. Paul. 6, 1 und 2 quo salatem virgo mundi peperit, quem prophetae prae- dixerunt und v. 28 in dem anderen Madrider Gedicht: salas mundi praedicatur; Paul. 11,2 dies sed aut hora quando non patet morta- libus und im andern v. 35 horam autem atque diem finis huius saeculi nee, ut puto, certum sciunt et caelomm angeli. Bedeutender als diese Anklänge erscheint mir aber, daß Paulus seinem Gedicht die gleiche Verszahl gab, nämHch 36, nur daß er, wie bei seinem grammatischen Rhythmus (XV) diese Verse in zwölf Gruppen zu je drei Zeilen zusammenstellt, von denen zwei oder drei meist assonie- ren (in dem anderen Gedicht ist ein- und zweisilbige Assonanz kon- sequent durchgeführt). Mit dieser Gruppierung erreichte Paulus, daß seine chronologische Einteilung übersichtlicher erscheint und also seinem Zweck zu belehren mehr entspricht.
Diese Vergleichung und auch der Umstand, daß beide Gedichte in einer Handschrift aus Montecassino und zwar beieinanderstehend überliefert sind, scheint mir dafür zu sprechen, daß das zweite Ge- dicht für Paulus die Vorlage bildete. Wenn er nur den Inhalt der ersten sechzehn Zeilen seiner Vorlage in seinem Gedicht verwendete und die anderen auf profane Geschichte bezüglichen Angaben aus- schied, so hat dies seinen Grund in dem Wunsch Adelpergas, daß mehr die heilige Geschichte betont werden möge (vgl. Vorbem. zu III).
Dieses zweite Madrider Gedicht, das zuerst Dümmler in der Zeitschr. f. deutsch. Altert. XXII 426 herausgab, kannte auch Bethmann (Archiv X 294) und hielt es nicht für ausgeschlossen, daß es dasselbe Gedicht sei, das Leo von Ostia I 15 Necnon et universas fere an- nalis computi lectiunculas rithmice composuit und Petrus de viris illustribus Casinensibus 8 zitiert: Universas etiam lectiunculas a principio usque ad suam aetatem una cum annali computo rithmice composuit.
Paulus an Adelperga. 9
Beide meinen aber vielmehr den hier herausgegebenen Rhyth- mus. Ein anderes rhythmisches Gedicht mit komputistischem Inhalt, das in einer Handschrift aus La Cava steht, hat Traube zweifelnd mit Paulus in Verbindung gebracht, Textgeschichte der Regula S. Benedicti S. 113.
1. A principio saeculorum usque ad diluvium
duocenti quadraginta duo bina milia evoluta supputantur annorum curricula.
2. Dehinc usque quo fidelis Abraham exortus est,
novies centeni duo quadraginta pariter sibi successisse anni scribuntur ex ordine;
3. Ex hoc tempore quousque Moysi in heremo
praeceptorum instituta tradidit altissimus,
annos quinque et quingentos praeterisse terminos.
4. Legis datae a diebus et conscriptae caelitus
usque quo templum dicavit rex sapientissimus, quadringenti octoginta orbes evoluti sunt.
5. Percucurrit hinc annalis ordo sua spatia
quingentenis et bissenis annis, Babylonica donec populum vastavit Israel captivitas.
6. Exhinc usque quo salutem virgo mundi peperit,
quem prophetae praedixerunt venturum Emmanuel, octodecem et quingenti peracti sunt circuli.
Item versus pauli diaconi de annis a principio A f. 52v. 2,3 scribuntur aus scribantur corr. A || 5,1 spacia A \\ 5,3 uastabit A 6,3 octodeceni Bethmann. octodeni Huemer.
1,2 duocenti ist entspreciiend der handschriftlichen Überlieferung beizu- behalten und damit zu erklären, daß dem Dichter anni statt annorum curri- cula vorschwebte.
3,1 Moysi in heremo vgl. Paulin. Poet. 1 141 V. 4 Moyses in eremo. — prae- terisse: veranlaßt durch scribuntur.
4,3 orbes vgl. hier die Abwechslung im Ausdruck: 1,3 evoluta annorum curricula (Hist. Langob. I cap. 4), 5,1 percucurrit annalis ordo sua spatia, 6,3 peracti sunt circuli; ähnlich Hist. Rom. XIII 3 Septem mensibus evolutis, XV 2 annali emenso spatio, XV 7 annali circulo evoluto.
10 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
7. Rex aeternus mundum venit restaurare perditum:
quinque milia expletis annis a principio
centum atque nonaginta novem <sunt> per calculum.
8. Glorioso ab adventu redemptoris omnium
ad hunc usque prima annum in quo est indictio, septingenti sexaginta tresque simul anni sunt.
9. Alta pace nunc exultat Ausonia regio
Desiderio simulque Adelchis regnantibus florentissimis et piis, cum haec annotata sunt,
10. Principatum Beneventi ductore fortissimo
Arechis regnante freto superni auxilio Adelperga cum tranquilla stirpe nata regia.
11. Iudex veniet supernus velut fulgor caelitus,
dies sed aut hora quando non patet mortalibus, felix erit, quem paratum invenerit dominus.
12. Ante tuum, iuste iudex, dum steterit solium
Arechis benignus ductor cum praeclara coniuge, dona eis cum electis laetari perenniter.
7,3 sunt fehlt A, hinc Bethmann, novenis Vollmer \\ 9,1 regio Ausonia Waitz, haec Ausonia Dahn, Ausoniana Eyssenhardt \\ 10,3 stirpentata regio A \\ 11,3 dominus invenerit Bethmann.
7 expletis annis a principio vgl. ventana regio hoc nomine appellata est, Hist. Rom. I 1 expletis a mundi princi- postea vero tota sie coepit Italia voci-
pio annis quattuor milibus. — sunt per calculum: „Nach Ablauf der Jahre vom Anfang an ergibt die Zusammenrechnung 5199" ; zu sunt vgl. 4,3, 6,3, 8,3.
9 Ausonia regio: Der Widerstreit des Wort- und Versakzentes veranlaßte mit Unrecht Waitz, Dahn und Eyssen- hardt zu Textveränderungen; vgl. auch Hist. Lang. II 24: Italia etiam Ausonia dicitur . . . Primitus tamen Bene-
tari. — Adelchis, der Sohn des Desi- derius (757 — 774), war vom Jahre 759 an Mitregent seines Vaters.
10 Arichis war Herzog von Bene- vent 758—787.
11 felix erit, quem paratum in- venerit dominus, vgl. M. G. Epp. IV p. 81, 9 Beatus ille, quem, cum venerit dominus eius, invenerit vigilantem nach Luc. 12, 37.
III.
Brief an Adelperga.
„Da Du nach dem Vorbild Deines Gatten wissenschaftliche Studien treibst und Dich auch mit weltlicher Geschichte und der des Reiches Gottes beschäftigst, so habe ich Dir den Eutrop als Lektüre überreicht (1 — 10). Das, was Dir beim Durchstudieren mißfiel, habe ich beseitigt, indem ich die Geschichte erweiterte und Zusätze aus der heiligen Schrift anfügte (11 — 21).
Ich begann die geschichtliche Darstellung ein wenig früher und fügte zu der nur bis Valens reichenden Schilderung noch sechs Bücher bis zur Zeit Justinians. Wenn es Euer Wunsch ist und ich am Leben bleibe, will ich die Geschichte bis auf unsere Zeit fortsetzen (22 — 28)."
Dieses Widmungsschreiben, das wegen seines für die Lebens- verhältnisse des Paulus sehr wichtigen Inhalts nach den Ausgaben Droysens (M. G. Auct. ant. vol. II, Berlin 1895, und Schulausgabe der M. G., Berlin 1879) hier abgedruckt wird, zeigt uns, wie am lango- bardischen Hof die Wissenschaften gepflegt wurden, und welche An- forderungen man damals in hochgebildeten Kreisen an die Geschicht- schreibung stellte.
Wir entnehmen ihm zugleich, daß Paulus Lehrer der Prinzessin Adelperga war. Als diese sich mit Arichis, dem Herzog von Bene- vent, vermählte, wollte sie offenbar in ihren neuen Verhältnissen den Mann unter ihrem Gefolge nicht missen, der ihr am Hofe ihres Vaters geistlicher und wissenschaftlicher Berater gewesen war. Sehen wir ja auch, wie Kleriker die verlobte Tochter Karls, Rothrud, nach Byzanz begleiten sollten (XII 12). Zudem bestanden zwischen ihrem Gatten und Paulus insofern Beziehungen, als der Herzog, wie aus dem Anfang des Briefes hervorgeht, ein großer Freund wissenschaft- licher Studien war und sein Geschlecht der Heimat des Paulus, Friaul, entstammte. Endlich scheint mir auch die Art, wie Paulus
12
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
die Bauten des Arichis schildert (vgl. IV' v. 24 — 25), auf einen Auf- enthalt des Paulus am beneventanischen Hof hinzuweisen. Ohne Zweifel besteht zwischen dem chronologischen Gedicht (II) und diesem Brief, der das Vorwort zu dem von Paulus nach den Wünschen Adelpergas geänderten Eutrop bildet, ein innerer Zu- sammenhang, der sie auch zeitlich einander naheliegend erscheinen läßt: Paulus hatte seiner Schülerin den Eutrop in seiner ursprüng- lichen Gestalt zum Studieren gegeben, sie hatte aber ihre Unzufrieden- heit mit dieser Art geschichtlicher Darstellung geäußert, die nur römische Geschichte, nicht aber auch die des Reiches Gottes be- handle. Daraufhin versprach Paulus ihr beides in enger Verbindung vorzuführen. Zuvor aber verfaßte er für sie 763 das Gedicht von den Weltaltern, um damit seiner Schülerin gleichsam eine kompendiöse chronologische Grundlage zu geben. Dann erst entstand seine Historia Romana. Droysen (p. VI) verlegt die Entstehung des Briefes vor das Jahr 764, allein schon die Erwähnung von drei Kindern Adel- pergas, von denen das älteste 763 geboren wurde, weist auf spätere Zeit und so nehme ich an, daß er zwischen 766 und 769 entstand (vgl. auch Dahn S. 15 und Vorbem. zu VI).
DOMNAE ADELPERGAE EXIMIAE SVMMAEQVE DVCTRICI
PAVLVS EXIGWS ET SVPPLEX.
Cum ad imitationem excellentissimi comparis, qui nostra aetate solus paene principum sapientiae palmam tenet, ipsa quoque subtili ingenio et sagacissimo studio prudentium arcana rimeris, ita ut philo- sophorum aurata eloquia poetarumque gemmea dicta tibi in promptu sint, historiis etiam seu commentis tam divinis inhaereas quam mun-
a = Perugia // 75 saec.YÄV', b = Wien 104 saec.YÄV; c = Florenz Laur. 89, 41 saec. XIII.
Historie romane a paulo diacone ordinis sancti benedicti monasterii montis Cassini edite ex historiis eutropii ad adelbergam ducis comparis coniugem prologus et liber primus incipit b.
1 dominae b c \ adelbergae b \\ 3 et supplex fehlt ^ || 5 paene fehlt b I principium a \ suctili a \\ 6 et fehlt b c \ prudentum b \ archana a . || 7 gemea c \ tibi dicta c || 8 seu] et a.
1 — 5 exiguus et supplex: an Theu- demar (XIV) schreibt er pusillus filius supplex, in XXXII an Karl famulus supplex, in XXXI an Adalhard bloß
supplex. — nostra aetate solus paene principum sapientiae palmam tenet: Paulus preist auch sonst die Weisheit des Arichis vgl. IVi 15, XXXV 10—12.
Brief an Adelperga.
13
danis, ipse, qui elegantiae tuae stiidiis semper fautor extiti, legendam tibi Eutropii historiam tripudians optuli. lo
Quam cum avido, ut tibi moris est, animo perlustrasses, hoc tibi in eius textu praeter immodicam etiam brevitatem displicuit, quia utpote vir gentilis in nullo divinae historiae cultusque nostri fecerit mentionem. Placuit itaque tuae excellentiae, ut eandem historiam paulo latius congruis in locis extenderem eique aliquid ex sacrae textu 15 scripturae, quo eius narrationis tempora evidentius clarerent, aptarem. At ego, qui semper tuis venerandis imperiis parere desidero, utinam tam efficaciter imperata facturus quam libenter arripui. Ac primo paulo superius ab eiusdem textu historiae narrationem capiens eamque pro loci merito extendens quaedam etiam temporibus eius congruentia ex divina 20 lege interserens eandem sacratissimae historiae consonam reddidi.
Et quia Eutropius usque ad Valentis tantummodo Imperium narrationis suae in ea seriem deduxit, ego deinceps meo ex maiorum dictis stilo subsecutus sex in libellis superioribus, in quantum potui, haud dissimilibus usque ad lustiniani Augusti tempora perveni pro- 25 mittens deo praesule, si tarnen aut vestrae sederit voluntati aut mihi vita comite ad huiusmodi laborem maiorum dicta suffragium tulerint, ad nostram usque aetatem eandem historiam protelare.
Vale divinis domina mater fulta praesidiis celso cum compare tribusque natis et utere felix. 30
9 qui] quia a \ studiis fehlt a \ factor b \\ 10 obtuli ^ ll 11 tibi ut c \\ 12 15 19 testu a \\ 14 mensionem a \\ 16 scripturae textu b \\ 20 excedens a \ etiam] et a \\ 23 in eam b \\ 24 subsequutus a \\ 25 tempora augusti c \\ 26 praeside a \\ 27 huiuscemodi a \\ 28 uestram c \\ 29 suffulcta b \ celo b \\ 30 tribus a \ comparentibusque c.
6 — 10 philosophorum aar ata elo- quia: auch von ihrem Gatten werden die philosophischen Studien besonders er- wähnt XXXV V. 11. Diese Stelle gibt einen Einblick in die Erziehung einer langobardischen Prinzessin. Adelperga studierte demnach Philosophie, Literatur und Geschichte. — qui elegantiae tuae studiis semper fautor extiti: Paulus war nicht erst in Benevent nach ihrer Ver- heiratung ihr Lehrer, sondern schon am Hofe ihres Vaters, was durch semper ausgedrückt ist.
16 quo eius narrationis tempora
evidentius clarerent: Paulus beabsich- tigte also, daß durch seine Ausgabe des Eutrop Adelperga mehr Klarheit über die chronolpgischen Verhältnisse bekomme. Sie soll bei Erwähnung eines Ereignisses aus der Weltgeschichte immer zugleich wissen, in welche Zeiten der Geschichte des Reiches Gottes dies fällt.
25 — 28 vita comite: eine in den Briefen des Paulus beliebte Wendung. — promittens ad nostram aetatem pro- telare: Paulus konnte infolge der po- litischen Verhältnisse sein Versprechen nicht halten.
IV.
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
I.
'Die Mauern wetteifern an Höhe mit den Tempeln Roms, ver- danken aber nicht wie diese Stadt ihre Größe Raubzügen durch die ganze Welt und eitler Ruhmsucht (1 — 8). Nicht Heiden bauten sie, sondern der katholische Fürst Arichis, den alle Vorzüge des Körpers und Geistes zieren (9 — 19).
Eingedenk des jüngsten Tages ließ er einen hohen und präch- tigen Tempel erstehen. Christus möge die frommen Gebete der Be- drängten erhören (20 — 32).'
Arichis, der seit 758 schon unter Desiderius fast unabhängig über den größten Teil Unteritaliens herrschte (Abel-Simson Jahrb. d. fränk. R. I 363), ließ nach dem Bericht des im Jahre 978 verfaßten Chronicon Salernitanum (cap. 17) Salerno befestigen und dort einen sehr großen und schönen Palast und eine Kirche des Petrus und Paulus errichten. An einer anderen Stelle (cap. 37) berichtet der Chronist, Paulus habe für jenen Palast Inschriften in Versen verfaßt: undiqae versibus illustravit.
Wenn man auch den Angaben des Salernitaners, bei denen wohl auch der Lokalpatriotismus mitspielt, im allgemeinen keine zu große Bedeutung beilegen darf, so ist hier an ihrer Richtigkeit nicht zu zweifeln. Denn was erscheint natürlicher, als daß der Herzog seine neu geschaffenen Bauten mit Versen seines Freundes geschmückt sehen wollte. Da aber die Tradition einer berühmten PersönHchkeit, von der man wußte, daß sie in einer Gegend wirkte, gerne im Laufe der Zeiten auch Werke zuschreibt, die andere- schufen, so darf man auch hier nicht alle Inschriften für Bauten des Arichis ohne weiteres dem Paulus zuschreiben.
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
15
Eine sichere Entscheidung scheint mir nach den bis jetzt zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln bei Titulus II und III unmöglich; denn hier weisen weder stiUstische EigentümHchkeiten noch die hand- schriftliche Überlieferung bestimmt auf Paulus hin. Da aber kein Grund zu finden ist, der gegen diese Autorschaft spricht, so schien es ungerechtfertigt diese beiden Gedichte auszuscheiden.
Dagegen ist der Titulus I zweifellos paulinisch. Er zeigt die klare Anordnung der Gedanken, wie wir sie in den Gedichten des Paulus finden, und die Schilderung der PersönHchkeit des Arichis ent- hält inhaltlich und formell mehrfache Anklänge an zweifellos pau- linische Werke (vgl. III und XXXV). Dann spricht auch die hand- schriftliche Überlieferung dafür. Das Gedicht steht im Harleianus 3685, einer Handschrift, die zum Unterschied von den andern für die Überlieferung der Gedichte des Paulus wichtigen nur solche von ihm enthält, die, wie wir sehen werden, alle der Zeit vor seinem Aufenthalt am Hofe Karls angehören.
Da in diesem Gedicht der größte Teil der Verse dem Arichis selbst gewidmet ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß wir hier jene von Petrus Diaconus de viris illustribus Casinensib. cap. 8 er- wähnten versus Pauli ad Arichis vor uns haben.
Aemula Romuleis consurgunt moenia templis Ampla procul fessis visenda per aequora nautis. lila sed externis sumpsere augmenta rapinis Et toto exuviis miserorum ex orbe petitis. Dum male perduntur viduatae civibus urbes, Pro pudor, et fragilis captantur flamina laudis. Haec vero ex causis capiunt exordia iustis Inpensisque probis nullo et cum crimine partis.
Ohne Überschrift H f. \.
1 menia (und ebenso immer e für ae, außer Aemula 1, Aeterni 10, quaeque 2b) H II 3 sumsere H \ aucmenta H \\ 1 kX vero H corr. Dümmler.
1 Romuleis templis: eine bei Paulus beliebte Ausdrucks weise, vgl. Hist. Lang. II 23; Gest. epp. Mett. SS. II p. 265; XXX; XXVI v. 18; XXXV V. 36. — moenia sc. Salernitana.
5 — 10 viduatae civibus urbes vgl.
Verg. Aen. VIII 571 viduasset civibus urbem. Fortunat IV 8, 23 viduatam civibus urbem. — captantur flamina laudis: flamen = aura der sanfte, uns schmei- chelnde Hauch des Ruhmes. — extiterant
16
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
20
Adde quod extiterant auctores luminis illis
Aeterni expertes, Veneri Phoeboque lovique
Atque pharetrigerae ponentes tura Dianae,
Quosque referre pudet. Horum est nam structor herilis
Catholicus princeps Arichis, tarn corpore pulcher
Pectore quamque magis virtute insignis et armis,
Omnia conponens quem sie sapientia compsit,
Redderet ut variis satis artibus esse potentem,
Quo merito Latiae dicatur gloria gentis,
Bardorum et culmen, pietatis cultor et index,
lustitiaeque tenax, summus servator honesti.
Iste pater patriae, lux omne <decusque> suorum,
10 phoebque // || 11 pharetrigera H \\ 12 scrutator H corr. Dümmler \ herilis aus herelis corr. H \\ 19 lusticieque H \ sumus H \\ 20 decusque von Dümmler hinzugesetzt.
auctores: Die Gründer Roms waren Heiden, Salerno aber verdankt seinen Ausbau einem katholischen Fürsten.
12 quosque referre pudet: et eis deis tura ponentes, quos referre pudet, vgl. Sedul. carm. pasch. I 276 plura referre pudet. — horum est nam: nam ist hier adversativ gebraucht, eine Eigentümlich- keit, die sich bei Fortunat (vgl. IV 26, 30; VI 10, 28) u. a. häufig, selten aber bei Paulus findet (vgl. XXXV 39). — struc- tor herilis vgl. XXXV 34 structorem, orba, tuum, clara Salerne. gemis; vgl. ductor herilis Poet. II 650 v. 1 1 ; 651 v. 53.
13 — 15 catholicus princeps Arichis: Leo von Ostia Chron. mon. Casin. I, 8 (SS. VII 568 N. 47, 48) Hie Aridiis pri- mus Beneventi principe m se appellari iussit, cum usque ad istum, qui Bene- vento praefuerant, duces appellaren- tur. — tarn . . quamque oft bei Paulus, vgl. Neff De Paulo D. Festi epitomatore p. 24. — virtute insignis et armis vgl. Verg. Aen. VI 403. — quem sie sapientia compsit vgl. Poet. I 60 v. 22 bene quem patientia compsit.
16 variis satis artibus esse poten- tem: auch im Brief des Paulus an Adel-
perga rühmt er seine Weisheit (vgl. oben III). — qui nostra aetate solus paene principum sapientiae palmam tenet vgl. auch das im Gedicht XXXV entworfene Bild.
17 Latiae dicatur gloria gentis: ein auch sonst beliebter Versschluß, vgl. Verg. Aen. VI 767, Ovid. Met. XII 530, Alcvin. I 247 v. 4 u. s. w.
18 Bardorum: Paulus braucht in seinen prosaischen Schriften nur Lango- bardi. Daraus ist aber kein Beweis gegen seine Autorschaft zu entnehmen (vgl. Dahn S.68); denn die längere Form läßt sich im Vers schwer verwenden (vgl. Gedicht des Petrus XXXVIII 10 Hie domuit Lango-properans ad proelia -bardos); Bardi findet sich noch IX 11 und in seiner Grabschrift XXXVI 9. — pietatis cultor et index vgl. XXXV 13 divini cultor et index.
19 lustitiaeque tenax, summus ser- vator honesti vgl. Luc. Phars. II 389 iusti- tiae custos, rigidi servator honesti.
20 iste pater patriae vgl. Fortun. V 10, 1; VIII 15, 1; IX 10, 1 summe pater patriae; Alcvin. I 172 v. 118 Factus amor populi, patriae pater et decus
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
17
Mente satis vigili pensans et acumine magno Tempore supremo Ventura pericula saeclo, Ut nostris cecinit labiis reparator et auctor, Omne quod hie spatiis effertur in ardua vastis'
25 Quaeque stupens lustras diti caperisque decore, Suscipiens promissa patris, cui fallere non est, Suppetias dedit esse suis portumque quietis. Christe potens, via, vita, salus, spes sola tuorum, Qua quisque innixus numquam est confusus ab aevo,
30 Ne patiare umquam frustrari cordis anheli
21 pensans Wattenbach, pensaret et H \\ 22 suppremo H I spaciis H \\ 25 diti Traube, de te //, tacite Wattenbach \\ 30 haneli //.
24 his Dümmler 27 supetias H \\
aulae. — lux omne decusque suorum: das in der Handschrift fehlende decus einzusetzen veranlassen ähnliche Ver- bindungen bei Paulus, vgl. XXXII v. 2 unten luxque decusque; XXXV v. 10 luxque decorque, Epp. IV 514 unten Vale, Salus patriae, lumenque decusque tuorum: auch bei gleichzeitigen Dichtern finden sich ähnliche Ausdrucksformen: Alcvin. I 226 v. 21 o decus omne tuis (Verg. Ecl. V 34 tu decus omne tuis), vitae lux maxima nostrae; Theod. Poet. I 522 V. 2 cleri luxque decusque vigens; Poet. II 661 V. 24 luxque decorque', an Stelle von lux tritt dann auch laus vgl. Alcvin. I 254 v. 22 o laus atque decus; Theod. I 534 v. 74 lausque decusque; Alcvin. I 257 V. 26, 258 v. 60 laus honor atque decus.
22 Ventura pericula saeclo, ut ce- cinit vgl. Ventura saeclo praecinens VII 4. — ut nostris cecinit labiis beweist, daß Paulus am Hofe des Arichis als Geistlicher tätig war.
23 reparator et auctor vgl. Alcvin. I 285 V. 20 redemptor et auctor.
24 — 27 omne quod: auch sonst, vgl, Theod. I 507 v. 530. — hie spatiis effer- tur in ardua vastis: Arichis dachte an die am jüngsten Tag der Weh bevor- Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA,
stehenden Gefahren und schuf alles, was in diesen gewaUigen Räumen hoch emporragt und was du staunend be- trachtest, als Hort und Hafen der Ruhe für die Seinen, nämlich eine Kirche in Salerno. Aus v. 24 und 25 kann man entnehmen, daß der Dichter selbst sie geschaut hat. — suscipiens promissa patris: Arichis erfüllte damit ein Gelübde seines Vaters. — cui fallere non est: bezieht sich auf Arichis. — portumque quietis vgl. XXXV v. 27 tu requiesque tuis portusque salusque fuisti.
28 via, vita, salus, spes sola tuo- rum: eine auch sonst in der karolingi- schen Dichtung behebte Zusammenstel- lung alliterierender Wörter, vgl. Alcvin. I 241 V. 37 Sit via, vita, salus, spes; 259 v. 85 spes alma tuorum, Sit tibi vita, Salus Sit sine fine; 261 v. 44; 321 v. 22 lux, via, vita, salus; Theod. I 530 v. 3; 554 v. 15 via, vita, salus; vgl. Joh. XIV 6.
29 numquam est confusus ab aevo: Psalm. XXX 2 ; LXX 1 in te. Domine, speravi, non confundar in aeternum; Rom. IX 33 et omnis, qui credit in eum, non confundetur; Alcvin. I 279 v. 116 in domino sperans malus confunditur umquam; vgl. Petr. I 2, 6 und Jes. 28, 16.
III, 4. 2
18 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Vota precesque pias, mage sed sustolle iacentem, Corde tibi ut relevato omni spes fida redundet.
31 mage Dümmler, magne H \\ 32 Sic scripsi, corde tibi utre leuata bonis spes fidet redütet H, corda tibi ut relevata bonisque fideque redundent coni. Dümmler, corde tibi ut relevata boni spes rite redundet Traube.
II. Diese nur lückenhaft erhaltene Inschrift wurde für die Kirche des Petrus und Paulus in Salerno verfaßt und ist uns nur von Ughelli (Italia Sacra VII 358) überliefert, der sagt: Ecclesiam (S.Petri et Pauli Salernitanam) luculentissimis versibus exornavit Paulus Diaconus, quorum aliquos vetusta consumpsit antiquitas; qui super- fuerunt, hi sequuntur:
Christe salus, utriusque decus, spes unica mundi, Duc et educ Clemens, Arichis pia suscipe vota Perpetuumque tibi haec condas habitacula templi. Regnator tibi, summe decus, trinominis ille Hebreae gentis Solymis construxit asylum, Pondere quod factum sie circumsepsit obrizo; Duxit opus nimium variis sculptumque figuris Brac
8 Brac<teolis> Traube.
1 — 4 utriusque: Petrus und Paulus — spes unica mundi: Der gleiche Vers- schluß findet sich bei Paulin. Poet. 1 130 V. 142 und Sedul. carm. pasch. I 60 —
educ (e); vgl. Joh. 10, 3 (Gleichnis vom guten Hirten). — trinominis (i) Hebreae gentis = Israelitae, Judaei, Hebraei.
III. Wie beim vorausgehenden Titulus, so weist auch bei diesem nur die Erwähnung des Arichis auf Paulus hin und läßt es als mög- lich erscheinen, daß er der Verfasser ist. Gewichtige Beweispunkte dafür sind aber außerdem ebensowenig zu finden wie dagegen. Die Verse sind der St. Galler Handschrift 573 saec. IX — X entnommen (7) und stehen dort inmitten einer kleinen Sammlung von Inschriften,
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
19
von denen nur die zwei ersten (V, n und lll) wahrscheinlich pauHnisch sind (vgl. Vorbem. zu V).
10
Haec domus est domini et sacri ianua regni,
Huic properate viri: haec domus est domini. Hie deus ipse manet proprie, qui semper ubique est,
Currite huic populi: hie deus ipse manet. Si qua piacla nocent, oHm quae forte patrastis,
En qui pellat adest, si qua piacla nocent. Amne rigate genas, sanentur ut ulcera cordis,
Ut Salus adveniat, amne rigate genas. De bonitate dei cuncti confidite semper,
Diffidat nullus de bonitate dei. Mitis enim pater est, se numquam spernit amantes,
Qui bona dat gratis, mitis enim pater est. Pectora vestra sonent: „parce et miserere, precamur;"
„Parce Arichis, Christe," pectora vestra sonent.
ANTE FORES BASILICAE J p. 476.
1 SACRA IANUA (der ganze Vers ist in Capitalis geschrieben) J \\ 2 und 4 huc Traube \\ 5 parastis in patrastis corr. J. \\ 13 und 14 sonet J \\ 14 parce Arichis, Christe Dümmler, parce xpe arichis J, parce, <o> Christe, Arichis Traube.
2 huic properate: vgl. Eug. Toi. carm. XII 2; huc properate viri und Hildr. Grabschrift des P. D. XXXVI 28 huc pro- verasti.
3 proprie wird wohl besser zu manet
gezogen : Gott, der Allgegenwärtige, weilt besonders gerne in der Kirche.
7 amne rigate genas vgl. Ovid. ars am. 532 imbre rigante genas.
V. Andere Inschriften.
Während die vorausgehenden Inschriften durch ihren Inhalt zweifellos auf den beneventanischen Hof hinweisen, so veranlaßt mich die handschriftliche Überlieferung zu der Annahme, daß die folgenden drei den langobardischen betreffen.
Sie sind nämlich in der oben erwähnten Leipziger Handschrift (vgl. Vorbem. zu I) überliefert und schließen die mit dem Loblied auf den Comersee beginnende Sammlung vorkarolingischer Gedichte des Paulus ab. Dieser Abschluß ist durch das am Ende der Kreuzes- inschrift stehende Explicit auch äußerlich angedeutet und ich schied deshalb und mit Rücksicht auf Form und Inhalt das sich anschließende Gebet: Christe, deas mundi (Dümmler Poet. aev. Carol. I 78) als nicht paulinisch aus.
Da die I. Inschrift, die auch in der St. Galler Handschrift 899 inmitten paulinischer Gedichte steht, sich unmittelbar an das Epitaph der Königin Ansa anschließt, so liegt es nahe sie für einen Titulus der betreffenden Grabkirche zu halten. Die Inschriften II und III stehen ebenso vereint in der anderen St. Galler Handschrift 573.
Multicolor quali specie per nubila fulget Iris, caerulei cum cingunt aethera nimbi.
ITEM UERSUS IN TRIBUNALI (diese Worte in L am Rand, teilweise in tironisdien Noten, wiederholt) L f. 37, G p. 12. 1 fulgit L G \\ 2 cerulei L
1 fulgit, V. 4 nitit: da sich bei Pau- lus selten die Vertauschung der Konjuga- tionen findet (vgl. XIII 3 und 11; XXII 22), so wurde hier, ebenso wie IX 1, trotz
der handschrifthchen Überlieferung die regelmäßige Form eingesetzt.
2 — 3 Iris multicolor vgl. Sedul. Poet. III 198 V. 6 Multicolor varians Iris
Andere Inschriften.
21
Vel primum radios cum Titan spargit in orbem, Haud alio mirum nitet hoc fulgore tribunal, In quo terribilis vultus dominantis et una Sanctorum effigies pulchre sub enigmate vefnant.
4 haud] a mit darüber geschriebenem e G 6 pulchre LG, pulchro Dümmler.
alio fehlt in G j nitit L G
honore micat. — caerulei cum cingunt aethera nimbi: von den dunklen Regen- wolken hebt sich um so strahlender der Regenbogen ab, vgl. zum Gedanken Verg. Aen. VIII 622: qualis cum caerula nubes Solis inardescit radiis longeque refulget.
4 — 5 tribunal: Es ist hier an ein Mosaikgemälde in der Apsis der Kirche zu denken, auf Goldgrund Christus in- mitten von Heiligen. Nach den Worten terribilis vultus dominantis ist anzu-
nehmen, daß hier Christus als Richter beim Weltgericht abgebildet war. Chri- stus wurde im neunten Jahrhundert mit flammenden Augen dargestellt, vgl. J. V. Schlosser (Beiträge zur Kunstgeschichte aus den Schriftquellen des frühen Mittel- alters, Sitzungsberichte der Wiener Akad. philol. hist. Kl. CXXIII, 1890, S. 11 ff.). — pulchre sub enigmate vernant = in schöner Darstellung erglänzen die Bilder, vgl. Thes. ling. Lat. p. 987, 3. sub v. aenigma.
II.
O una ante omnes felix pulcherrima virgo, Quae lapsum casto reparasti viscere mundum, Posce deum natumque, piis quem contines ulnis, Salvet ut hanc proprio quaesitam sanguine plebem.
ITEM IN BASILICA SCAE MARIAE L f.ZJy, J p. 466. 2 reparasti] das erste r auf Rasur £ 1| 3 contenis J salueat corr. L \ sanguine J.
4 saluet ut aus
1 vgl. Verg. Aen. III 321 0 felix una ante alias Priameia virgo.
3 quem contines ulnis: In der Apsis der Marienkirche befand sich demnach
eine Darstellung der Maria mit dem Jesus- kind auf dem Arm und darunter standen diese Verse (vgl. J. v. Schlosser a. a. O.). 4 vgl. Act. Apost. 20, 28.
22
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
III.
Adam per lignum mortem deduxit in orbem, Per lignum pepulit Christus ab orbe necem.
2. Crux tua, Christe potens, his sit protectio saeptis, Ne lupus insidians possit adire gregem.
3. Crux tua, rex regum Christe, hoc tueatur ovile, Ne leo crudelis carpere possit oves.
Crux tua, lux lucis, has vallet fulgida caulas, Fundere ne serpens dira venena queat.
ITEM UERSUS SUPER CRUCEM Z. /. 37v, J p. 466.
2 lignum aus dignum corr. J \\ Überschrift von 3, 4 (rechts neben 2) ITEM ALITER (ALIAZ) JI || 3 septis J \\ Überschrift von 5, 6 (rechts neben 4) ITEM ALITER (At L) J L || 5 vor ouile ein Wort (etwa obile^ radiert L \\ Überschrift von 7, 8 (rechts neben 6; ITEM ALITER J L \\ nadi 8 EXPt L.
1 Adam per lignum mortem de- duxit: vgl. zum Gedanken Theod. I 451 V. 295 Ligno mors subiit, redit et vita inclyta ligno und besonders Alcvin. I 337
V. 5 — 8 : Mors mala per hominem para- disi ex arbore fluxit. Per tactum ligni paradisum clauserat Adam, Perque cru- cis lignum Christus reseravit Olimpum.
VI. Loblied auf den heiligen Benedikt.
In diesem und dem folgenden Gedicht schildert Paulus das Leben und die Wunder des heiligen Benedikt, wobei er sich an das zweite Buch der 593 verfaßten Dialoge Gregors eng anschließt. Die Kenntnis dieses zweiten Buches (zuletzt herausgegeben von J. Cozza- Luzi, Historia S. Benedicti, Grottaferrata 1880, und Mittermüller, Gregorii dialogorum lib. II, Regensburg; Auszüge in SS. Langob.) ist zum Verständnis beider Gedichte notwendig. Einigermaßen brauchbar sind die Glossen von Händen des XI. und XII. Jahr- hunderts am Rand der vatikanischen Handschrift Reg. lat. 801 saec. X, in denen eine Vergleichung mit Gregor schon durchgeführt ist. Sie werden über dem kritischen Apparat nach den Angaben Dümmlers abgedruckt werden.
Beide Gedichte führen uns in das Kloster Montecassino, das nach der Zerstörung durch die Langobarden im Jahre 581 und nach der 717 erfolgten Neubesiedlung in den Jahren 720 — 883 zu hoher Blüte gelangte und sich zu einem bedeutenden Kulturzentrum erhob (vgl. Traube, Textgesch. der Regula S.B. S. 29 und 97).
Die Frage, wie und wann Paulus nach Montecassino kam, fand bis jetzt, wie man aus Abel (I 413 Anm. 5) ersehen kann, eine ver- schiedenartige Beantwortung. Gewöhnlich wird die Meinung vertreten, Paulus habe durch die traurigen politischen Verhältnisse veranlaßt die Stille des Klosters aufgesucht. Faßt man aber seine Beziehungen zum langobardischen Hof näher ins Auge, so wird es klar, daß er nicht dem Drange seines Herzens, sondern dem Zwange der Not- wendigkeit folgend, nach Montecassino ging, daß dieses Kloster also der Ort seiner Verbannung war.
24 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Die Berufung des Paulus zum Lehrer der Prinzessin Adelperga beweist, wie hoch ihn Desiderius schätzte. Ohne auf das Zeugnis des Salernitaners (praeclams atque carus ab ipso rege et ab omnibus erat, In tantum ut ipse rex in omnia archana verba consiliariam eum haberet) Wert zu legen kann man annehmen, daß Paulus auch in poHtischen Dingen zu den einflußreichsten Ratgebern des lango- bardischen Königs gehörte.
Als im Jahre 763 in Italien tiefer Friede herrschte (vgl. II 9 alta pace nunc exultat Ausonia regio), da bedurfte der König seiner nicht und Paulus konnte dem Herzogspaar in Benevent seine Dienste widmen. Mit dem Jahre 769 aber beschäftigten hochpolitische Fragen den langobardischen Hof; galt es doch zwischen dem Papst und den Franken eine solche Stellung einzunehmen, daß unter Vermeidung ernstlicher Verwicklungen Desiderius sein Ziel, die Erweiterung der langobardischen Macht in Italien, stets im Auge behalten konnte (vgl. Abel I 65 ff.). Das Jahr 770 brachte die Vermählung Karls mit einer Tochter des Desiderius, die aber im nächsten Jahr aus politischen Gründen wieder gelöst wurde. In jenen für sein Land und seine Familie so schweren Zeiten hatte der König ohne Zweifel den Paulus unter seinen Räten, ihn, den Geburt, Bildung, Stellung und besonders freundschaftliche Beziehungen zur königlichen Familie mehr als andere dazu geeignet erscheinen ließen die Verhand- lungen zu leiten, die hauptsächlich mit dem heiligen Stuhl geführt werden mußten.
Demnach ist es wahrscheinlich, daß Paulus im Jahre 769 Bene- vent wieder verließ und sich in Pavia befand. Sicherlich gehörte er damals, als die Feindseligkeiten zwischen Karl und Desiderius schließ- lich zum Kampf führten, zu den rührigsten Gegnern des Franken- königs und stritt für seinen König und die langobardische Sache, wenn auch nicht mit dem Schwerte, so doch mit Waffen, mit denen der gebildete, von Patriotismus erfüllte und einflußreiche Mann dem Gegner ebenso empfindlichen Schaden zufügen konnte.
So ist es erklärlich, daß nach dem Fall Pavias im Juli 774, der dem Herrn die Verbannung brachte, auch den Berater und Mitstreiter das gleiche Los traf. Er mußte als Verbannter in Montecassino leben und wählte sich nicht, wie einige behaupten, aus Schmerz über den Fall seines Volkes oder aus Überdruß am weltlichen Leben dieses Kloster zum Aufenthaltsort. Sowohl das vorliegende Gedicht als auch VIII enthalten Andeutungen, die unsere Behauptung noch weiter stützen werden.
Loblied auf den heiligen Benedikt. 25
Die Entstehung beider Loblieder auf den heiligen Benediktus (VI und VII) fällt wohl in die erste Zeit seines Aufenthaltes in Monte- cassino, also kurz nach 774. Noch hat er sich mit dem Wechsel seiner Lebensverhältnisse nicht befreundet, noch fühlt er sich als hilfloser Verbannter, noch hängt er mit ganzer Seele an seiner schönen Vergangenheit. Weit ist er noch entfernt von besonderen Studien über die Geschichte des Klosters, wie er sie später anstellte. Außer Gregor kennt er nur das Gedicht des Marcus (vgl. Traube, Textgeschichte S. 100). Auch metrische Verstöße verraten deutlich den Anfänger.
In der Historia Langobardorum schickt Paulus dem ersten Lob- lied folgende Einleitung voraus:
Diebas lustiniani orthodoxi imperatoris beatas Benedictas pateVy qvd monachomm regalam institait et prius in locOy qal Sublacus dicitur, qai ab arbe Roma quadraginta milibus abest, et postea in Castro Casino, quod Arx appellatiir, et magnis vitae meritis et apostolicis virtutibas falsit. Cuius vitam, sicat notam est, beatas papa Gregorias in suis dialogis suavi sermone composuit. Ego quoque pro parvitate ingenii mei ad honorem tanti patris singula eius miracula per singula distica elegiaco metro contexui.
Von dem Schluß des Gedichtes (von v. 127 an) liegt uns eine dreifache Fassung vor. Die ursprüngliche, d. h. diejenige, in welcher Paulus am Beginn seines ersten Aufenthaltes in Montecassino das Loblied abfaßte, haben wir in P vor uns und in der Leidener Hand- schrift Voss. lat. Q. 15 saec. X(a). Dafür spricht nicht nur die große Bedeutung, die P für die Oberlieferung der paulinischen Gedichte hat, von denen eine große Anzahl in fast fehlerfreiem Texte erhalten ist, sondern auch der Inhalt. Die Verse 127 — 130 gehören an die Stelle, wo sie in P stehen, was ein Vergleich des Gedichtes VII mit dem unsrigen, seiner Vorlage, deutlich beweist, und die Verse 131 bis 138 bilden einen zum Ganzen passenden Abschluß (vgl. Anm.).
Die zweite Fassung, bei welcher die Verse 127 — 130 und 135 bis 138 weggelassen sind, stammt auch von Paulus. Als er das Loblied in die Hist. Lang, aufnahm, ließ er das Gebet für die Klosterbrüder und für seine Persönlichkeit aus leicht erklärlichen Gründen weg.
Weniger leicht läßt sich die Entstehung der dritten Fassung er- klären. Man möchte zuerst daran denken, daß Paulus, der jedenfalls alle seine Gedichte an den Hof Karls mitnahm, diese Zusätze und
26 I^arl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Änderungen vornahm, bevor er sie vorlegte. Dagegen sprechen stiHstische Erwägungen. Auch kann man schwerHch annehmen, daß er den gleichen Schluß, den er bei einem andern vorgelegten Gedicht (auf den Comersee I) verwendet und durch Hinzusetzung von zwei neuen Versen erweitert hatte, nun bei diesem wiederholte.
Wahrscheinlicher ist, daß ein Mönch in Montecassino zur Ab- fassung eines größeren Gebetes an den heiligen Benedikt aus der ursprünglichen Fassung die Verse 127 — 130 und 135 — 138 heraus- nahm, die Verse 139 — 152 hinzudichtete und zum Abschluß des Ganzen die Schlußverse des Lobliedes auf den Comersee (vgl. Anm. zu I v. 27 — 30) verwendete, veranlaßt durch den gleichlautenden An- fang. Möglicherweise wollte er auch dadurch den Glauben hervor- rufen, als sei es ein selbständiges Gedicht des Paulus. Würden die Handschriften, in denen diese dritte Fassung überHefert ist, nicht dem IX. und XI. Jahrhundert angehören, so hätte man an Petrus diaconus Casinensis als Verfasser denken können. Allein auch sonst hat man in Montecassino an dem vorhandenen literarischen Besitzstande in ähnlicher Weise herumgearbeitet. Vgl. Traube Poet. III 393 über die Gedichte des Bertharius.
Im Apparat wird die erste Fassung (P a) als I zusammen- gefaßt. Wenn oben vorausgesetzt wurde, daß P eine besonders gute und alte paulinische Tradition darstellt, so gilt dies vom Wort- laut im einzelnen doch gerade in diesem Gedicht nicht in gleichem Maße. Es fehlt nicht an Interpolationen. Manche Fehler erweisen, daß die Vorlage in nicht allgemein geläufigen Zügen geschrieben war, etwa spanisch oder insular.
Die OberHeferung der Historia Langobardorum, für die ich mich auf Bethmann-Waitz (M. G. SS. Langob. et It. saec. VI — IX) und Dümmler (Poet. I 36) stütze, wird als II aufgeführt. Sind einzelne Handschriften oder Handschriftengruppen zu erwähnen, so geschieht es, ohne daß damit immer die gleichen bezeichnet werden, durch IIa, IIb u. s. w.
Mit III ist die Übereinstimmung der Handschriften bezeichnet, aus denen die dritte Fassung sich zusammensetzt: Montecassino 453 saec. XI (= n), Montecassino 55 saec. XI (— r), Casanat. B IV. 18 saec. IX (= t). Es versteht sich, daß für II und III nur eine Aus- wahl der Lesarten zu geben war.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
27
10
Ordiar unde tuos, sacer o Benedicte, triumphos?
Virtutum cumulos ordiar unde tuos? Euge beate pater, meritum qui nomine prodis!
Fulgida lux saecli, euge beate pater! Nursia, plaude satis tanto sublimis alumno;
Astra ferens mundo, Nursia, plaude satis. O puerile decus, transcendens moribus aevum,
Exsuperansque senes, o puerile decus. Flos, paradise, tuus despexit florida mundi;
Sprevit opes Romae flos, paradise, tuus. Vas pedagoga tulit diremptum pectore tristi;
Laeta reformatum vas pedagoga tulit.
Gregor. Dial. LH.
c. 1
Glossen in Reg. lat. 801 attulit — diremptum] scissum.
11 vas] capisterium — pedagoga] nutrix — tulit]
UERSUS IN LAUDE SCI BENEDICTI P f. 130.
2 cumulos I! III Püiulos A ll 5 6 gaude P || 7 aeuum I III, annos II (+ r).
In der Einleitung (oben S. 25) wurde magnis vitae meritis eingesetzt mit Rück- sicht auf Gesta episcoporum Mettensium (SS. II 262) magnis in vita meritis (vgl. Ausg. der Hist. Lang, von Waitz).
1 Paulus beginnt das Loblied auf den Comersee mit den gleichen Worten wie das auf den heiligen Benedikt. Dahn geht zu weit, wenn er sagt (S. 66) : 'Es wäre dem frommen Sinn unseres Paulus wie Blasphemie erschienen seinen heili- gen Vater und einen profanen See mit den nämlichen Worten anzusingen'. Unmöglich kann man diesen Punkt als entscheidenden Beweis anführen, daß Paulus nicht der Verfasser des Lobliedes auf den Comer- see ist. Der gleiche Anfang mag seine Begründung darin finden, daß es sich in beiden Gedichten um ein Loblied handelt und daß er dort die Wunder der Schöpfung (vgl. I 28 quae tam mira facis), hier die des heiligen Benedikt zu preisen vorhat (vg. auch Bem. zu Gedicht I).
3 — 10 meritum qui nomine prodis: Dein Name Benedictus sagt schon, daß
Du große Verdienste hast, vgl. Sedul. carm. pasch. I 185 merito qui et nomine ful- gens; Anhang IV v. 3 nomine, non meritis Fiducia. — plaude satis vgl. Ven. Fort. C. III, 7, 17 Gallia, plaude libens (dar- nach Ermold. Nig. Poet. II 26 v.79 Francia plaude libens). — puerile decus Theod. I 558 V.2, Stat. Silv. 3, 4, 31 ed. Vollmer. — transcendens moribus aevum: vgl. Greg. Dial. II Einl. aetatem moribus transiens. Der in v. 7 und 8 ausgesprochene Gedanke findet sich auch bei Paulus X v. 5 — 6 und Poet. II 659 V. 15 — 16 Canitie cordis iuve- niles vicerat annos, Transcendens sensu plurima iura senum ; vgl. auch Stat. silv. 2, 1 , 40. — jlos despexit florida mundi: solche Wortspiele liebt Paulus vgl. XXXV v. 16 Anm., vgl. Greg. Dial. II Einl. despexit iam quasi aridum mundum cum flore. 11 Mit diesem Vers beginnt die Auf- zählung der Wunder des heiligen Benedikt; die Hinweise auf die einzelnen Kapitel der Dialogi des Gregorius, denen sie entsprechen, habe ich wie Dümmler auf dem Rand gegeben.
28
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
20
25
30
35
Urbe vocamen Habens tironem cautibus abdit;
Fert pietatis opem urbe vocamen Habens. Laudibus antra sonant mortaHbus abdita cunctis;
Cognita, CHriste, tibi laudibus antra sonant. Frigora, flabra, nives perfers tribus alacer annis;
Temnis amore dei frigora, flabra, nives. Fraus veneranda placet, pietatis furta probantur;
Qua sacer altus erat, fraus veneranda placet. Signat adesse dapes agapes, sed lividus obstat;
Nil minus alma fides signat adesse dapes. Orgia rite colit, CHristo qui accommodat aurem;
Abstemium pascens orgia rite colit. Pabula grata ferunt avidi ad spelea subulci;
Pectoribus laetis pabula grata ferunt. Ignis ab igne perit, lacerant dum viscera sentes;
Carneus aetHereo ignis ab igne perit. Pestis iniqua latens procul est deprensa sagaci;
Non tulit arma crucis pestis iniqua latens. Lenia flagra vagam sistunt moderamine mentem;
Excludunt pestem lenia flagra vagam. Unda perennis aquae nativo e marmore manat;
Arida corda rigat unda perennis aquae. Gurgitis ima, calibs capulo divulse, petisti;
Deseris alta petens gurgitis ima, calibs. lussa paterna gerens dilapsus vivit in aequor;
Currit vectus aquis iussa paterna gerens.
C.2
C.3
c. 4
C.5
c. 6
C.7
13 Urbe v. h.] Romanus quasi nomen habens a Roma — cautibus] rupibus
— 17 flabra] ventos — 19 probantur] Romani monachi — 20 altus] nutritus — 23 orgia] festa pro pasca posuit — accomodat] sc. presbiter — 24 abstemium] absti- nentem — 25 subulci] pastores — 26 pabula] spiritalia — ferunt pro referunt — 27 ignis] libidinis — igne] urticarum — sentes] Spinae — 31 flagra] flagella — mentem] monachi vagae mentis — 32 pestem] demonis — 33 marmore] petra — 35 calibs] ferrum — capulo] manubrio — divulse] excusse — 37 gerens] Placidus
— dilapsus] tractus ab unda — 38 currit] Placidus.
13 tyronem P \\ 17 alacer I (-{- n D impiger II (+ t) \\ 18 tempnis II III (+ A) II 21 Signa in signat corr. P \ libidus II | opstat P \\ 22 nihil P \\ 35 36 calips P \ diuulpse P \\ 37 currit in aequor r.
14 fert pietatis opem vgl. Eug. Tolet. hex. 311 p. 47, Ven. Fort. VI, 3, 16.
29 sagaci ist Dativ, vgl. v. 56 nee
tibi cernitnr.
34 unda perennis aquae vgl. Sedul. carm. pasch. IV 224.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
29
Praebuit unda viam prompto ad praecepta magistri; 40 Cursor! ignaro praebuit unda viam.
Tu quoque, parve puer, raperis nee occidis undis;
Testis ades verax, tu quoque, parve puer. Perfida corda gemunt stimulis agitata malignis; Tartareis flammis perfida corda gemunt. 46 Fert alimenta corax digitis oblata benignis; Dira procul iussus fert alimenta corax. Pectora sacra dolent inimicum labe peremptum;
Discipuli excessum pectora sacra dolent. Lyris amoena petens ducibus comitaris opimis; 50 Caelitus adtraheris Lyris amoena petens.
Anguis inique, iuris, luco spoliatus et aris;
Amissis populis, anguis inique, furis. Improbe sessor, abi, sine dentur marmora muris; Cogeris imperio; improbe sessor, abi! 55 Cernitur ignis edax falsis insurgere flammis;
Nee tibi, gemma micans, cernitur ignis edax. Dum struitur paries, lacerantur viscera fratris;
Sospes adest frater, dum struitur paries. Abdita facta patent, patulo produntur edaces; 60 Muneris accepti abdita facta patent.
Saeve tyranne, tuae frustrantur retia fraudis; Frena capis vitae, saeve tyranne, tuae.
c. 8
c. 10
c. 11
c. 12. 13
c. 14
Glossen in Reg. lat. 801 — 39 prompto] oboedienti — 40 cursori] Mauro
— 43 corda] Florentii presbiteri — 45 corax] corvus — 46 fert] proicit — 47 ini- micum] Florentium — labe] casu solarii — 48 excessum] sc. sui Mauri, cum de inimici morte exultavit — 49 Lyris] nomen fluminis Cassiniensis — opimis] duobus angelis — 51 aris] altaribus — 52 populis] paganis — 53 marmora] saxa — muris] officinarum — 54 imperio] Benedicti — 56 tibi] a te — micans] pater Benedicte
— 59 facta] eorum, qui cibum contra regulam sumpserunt — patulo] aperte — 60 accepti] epularum et potuum — 61 tyranne] Totila — 62 frena] terminos, quia novem annis regnas, decimo morieris.
39 40 prebuit (nicht selten e für ae) P \ promto P \\ 43 corda fehlt P II 48 excessum // ///, excessu / i| 51 luco I (-f TT ^), lucos II«, loco II (-|- r) II 53 Inprobe P \\ 53 54 sersor P \\ 58 Sospis P i| 62 seue aus seuae P.
45 — 46 dira alimenta: heiligen Schauer erregend, vgl. Verg. Aen. VIII 350 dira religio loci.
50 Lyris amoena petens: die Ver- wendung des Neutr. plur. an Stelle eines
Substantivs ist in diesem Gedicht be- sonders häufig.
55 ignis edax Verg. Aen. II 758. — gemma micans Paul. X v. 2.
30
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
65
70
75
80
Moenia celsa Numae nullo subruentur ab hoste;
Turbo, ajt, evertet moenia celsa Numae. Plecteris hoste gravi, ne lites munus ad aram;
Munera fers aris; plecteris hoste gravi. Omnia saepta gregis praescitum est tradita genti;
Gens eadem reparat omnia saepta gregis. Fraudis amice puer, suado captaris ab ydro;
Ydro non caperis, fraudis amice puer. Mens tumefacta, sile tacita et ne carpe videntem;
Cuncta patent vati; mens tumefacta, sile. Pellitur atra fames delatis caelitus escis;
Nilominus mentis pellitur atra fames. Pectora cuncta stupent, quod eras sine corpore praesens;
Quod per visa monens, pectora cuncta stupent. Vocis ad imperium tempnunt dare frena loquelis;
E bustis fugiunt vocis ad imperium. Vocis ad imperium sacris non adesse sinuntur;
Intersunt sacris vocis ad imperium. Tellus hiulca sinu corpus propellit humatum;
lussa tenet corpus tellus hiulca sinu.
c. II
c. 16
c. 17
c. 18
c. 20
c. 21
c. 22
c. 23
c. 24
Glossen in Reg. lat. 801 — 63 Numae] Romae, Roma a gentibus non exter- minabitur — 64 turbo] tempestates — ait] sc. Benedictus — 65 aram] clerice, a demonio libera te — 66 gravi] postponens imperium viri dei — 67 genti] sc. Lango- bardorum — 68 gens] sc. Langobardorum, ut in sequentibus invenitur per Petronacem civem Brexianum monachum apud Cassinum effectum — 69 puer] qui flascones a domino suo attulerat — suado] suadenti — ydro] serpente — 71 tumefacta] superbi pueri — ne carpe] pro 'ne carpas' — videntem] sc. abscondita tua — 73 escis] in- certum quibus deferentibus ducentos farinae modios — 74 mentis] fratrum, qui dubitaverant — 75 praesens] quando fabricam monasterii in visu fratribus apparens disposuit — 76 visa] i. e. per visum — 77 loquelis] sanctimoniales — 78 imperium] diaconi — 79 sacris] missarum sollempniis — 80 imperium] patris Benedict! — 81 hiulca] patefacta — sinu] sc. suo.
63 subruentur P II (+ r) euertentur A H ^ 11 64 allidet // ///, euertet / {+ uertet //« und auertet IIb) — 67 68 septa P \\ 71 carpe /////, caspe / ] silet acita in sile tacita corr. P \\ 73 delatis aus delatus corr. P \ aescis P \\ 75 praeses P \\ 77 loquilis aus loquillis corr. P \\ 79 80 gleichzeitig am Rand nachgetragen P \\ 79 non adesse P, non esse // ///, nee adesse A ; vgl. 87.
63 Paulus sprach vielleicht ae in subruentur einsilbig.
65 ne lites: i hier lang.
74 nilominus: o ist hier kurz gebraucht.
79 Es sieht fast so aus, als habe hier und' v. 87 Paulus ursprünglich non gemessen, vgl. handschriftl. Überl.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
31
85
90
95
100
105
Perfidus ille draco mulcet properare fugacem;
Sistit iter vetitum perfidus ille draco. Exitiale malum capitis decussit honorem;
It procul imperiis exitiale malum. Fulva metalla pius, non habens promittit egenti;
Caelitus excepit fulva metalla pius. Tu miserande, cutem variant cui fella colubrae,
Incolumem recipis, tu miserande, cutem. Aspera saxa vitrum rapiunt nee frangere possunt;
Inlaesum servant aspera saxa vitrum. Cur, promoconde, times stillam praebere leciti?
Dolia, cerne, fluunt; cur, promoconde, times? Unde medela tibi, spes est cui nulla salutis?
Qui semper perimis, unde medela tibi? A lacrimande senex, hostili concidis ictu,
Ictu sed resipis, a lacrimande senex. Barbara lora manus ignaras criminis arcent;
Sponte sua fugiunt barbara lora manus. Ille superbus equo reboans clamore minaci,
Stratus humi recubat ille superbus equo. Colla paterna ferunt extincti viscera nati;
Viventem natum colla paterna ferunt. Omnia vincit amor: vicit soror imbre beatum;
Somnus abest oculis: omnia vincit amor.
c. 25
c. 26
c. 27
c. 28
c. 29
c. 30
c. 31
c. 32
c. 33
Glossen in Reg. lat. 801 — 83 mulcet] suadet — fugacem] fratrem — 84 sistit] pro 'iubet* — 85 malum] leprosi — 86 imperiis] sc. patris — 87 fulva] duodecim solidos — 88 excepit] super arcam monasterii — 89 cui] ei, qui venenum accepisti — 91 vitrum] ampullae — 93 promoconde] cellarari — stillam] olei — lechiti] i. e. ex lechito — 95 In modum medici pergebat ad fratres potionem eis dare — 97 hostili] demonico — ictu] dum hauris aquam — 98 ictu] alapa — 99 barbara] Zallae — lora] ligamina — manus] rustici innocentis — 100 sponte sua] nemine solvente — manus] nofnts {?) — 101 ille] Zalla — 103 paterna] rustici — ferunt] apportant — 104 ferunt] reportant — 105 vinxit] retinendo — beatum] fratrem.
84 Sistud P 11 86 Id P jj 87 non habens /, nee habet // ///; vgl. 79 |1 89 fella // ///, feile / (+ IIa) \ colobre / |1 90 Incolomem P \\ 93 leciti /, lechiti ///// 11 95 96 medella / 1| 96 perimis /////, perimes /, retines //«, metuis //ö, times IIc 11 98 miserande P \\ 105 uinxit soror P.
83 perfidus ille draco Sedul. carm. pasch. II 8.
93 promocondus Kellermeister. — lediiti mit kurzem e gebraucht, entstanden aus Xijxv&og der Krug; der Vers wird von
Micon schon im Jahre 825 zitiert (Poet. III 287): Cur proconde times stillam praebere lechito.
105 omnia vincit amorV^rg. Ecl.X 69.
32
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
110
115
120
125
Simplicitate placens instar petit alta columbae;
Regna poli penetrat simplicitate placens. O nimis apte deo, mundus cui panditur omnis,
Abdita qui lustras, o nimis apte deo. Flammeus orbis habet iustum super aethera nantem;
Quem pius ussit amor, flammeus orbis habet. Ter vocitatus adest testis novitatis habendus;
Carus amore patris ter vocitatus adest. Dux bone, bella monens exemplis pectora firmas;
Primus in arma ruis, dux bone, bella monens. Congrua signa dedit vitae consortia linquens;
Ad vitam properans congrua signa dedit. Psalmicen assiduus numquam dabat otia plectro;
Sacra canens obiit psalmicen assiduus. Mens quibus una fuit, tumulo retinentur eodem;
Gloria par retinet, mens quibus una fuit. Splendida visa via est, facibus stipata coruscis;
Qua sacer ascendit, splendida visa via est. Rupea saepta petens nancta est errore salutem;
Errorem evasit rupea saepta petens.
c. 34
c. 35
c. 36
c. 37
c. 38
Glossen in Reg. lat. 801 — 107 placens] beata Scolastica — 109 apte] care
— 110 lustras] sub uno solis radio — 111 orbis] sy<d>era ignea — nantem] euntem: metafora — 112 ussit] arsit — amor] dilectionis dei — 113 adest] Servandus dia- conus — 115 firmas] scribendo monachorum regulam — 116 ruis] exemplis facto- rum — 117 Signa] transitus sui — vitae] huius — 118 vitam] caelestem — 119 psalmicen] psalmos canens — plectro] linguae — 120 canens] inter verba orationis
— 124 sacer] Benedictus — 125 septa] speluncae illius — est] mulier — 126 er- rorem] demonis.
Unterschiede der drei Fassungen in der Anordnung des Sdilusses von t;. 127 an: I ordnet, wie unser Text gibt, nur fehlen v. 139 — 154 ^135 — 138 stehen am Schluß der Seite, aber fortlaufend und von gleicher Hand gesdirieben in P): in II fehlen 127—130 und 135—154; /// ordnet: 131—134, 127—130, 135—154 (aber t gibt 133—138, 127—130, 139—154;.
109 mundis P 1| 112 ussit // ///, iussit / 1| 113 est in adest corr. P \\ 117 linquens aus linguens corr. P \\ 125 126 septa P.
111 super aethera nantem = vo- lantem vgl. Verg. Georg. IV 59.
112 quem pius ussit amor vgl. Verg. Ecl. II 68, 0 V. Ep. IV52 me tarnen urit amor.
113 ter vocitatus vgl. Ver. Aen. VI 506 ter voce vocavi.
116 in arma ruis vgl. Verg. Aen. II 353, XI 886.
117 vitae consortia linquens vgl. Poet. I 103 V. 27, Paul. VIII 1 angustae vitae consortia.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
33
130
135
Nunc, venerande pater, cunctis celeberrime saeclis,
Mitis adesto gregi nunc, venerande pater. Funde, benigne, preces validas, quo noxia vitet;
Quo vitam capiat, funde, benigne, preces. Poemata parva dedi famulus pro munere supplex.
Exsul, inops, tenuis poemata parva dedi. Sint, precor, apta tibi, caelestis tramitis index,
O Benedicte pater, sint, precor, apta tibi. Vincula solve mei solita virtute piacli;
Pectoris et plectri vincula solve mei.
Glossen in Reg. lat. 801 — 131 poemata] sc. ubi (? Vollmer coni. üsi = versi) — dedi] o Benedicte — famulus] sc. tuus ego Paulus — 133 tramitis] regulae — index] monstrator.
129 ualidas quo noxia uitet /, caueat quo noxia uitae /// ll 130 qui P \\ 131 132 dedi /, dedit // ///.
129 funde, benigne, preces vgl. XXXIX V. 9 fundito, quaeso, preces be- nignus.
131 poemata nur hier dreisilbig. — dedi famulus supplex vgl. Paul. XXXII.
132 exsul, inops, tenuis: Paulus fühlt sich als heimatlos, verbannt, da er seine Heimat hatte verlassen müssen. Hätte er dies freiwillig getan, etwa aus An- hänglichkeit an den König Ratchis, der in Montecassino als Mönch seinen Wein- berg bebaute (Wattenbach I 181), so hätte er nicht diese Worte gebrauchen, nicht in dieser Weise ein selbstgewähltes Los beklagen können. Ähnlich äußert sich auch Theodulf Poet. I 563 v. 15, als er von seiner Verbannung spricht: exsul, inops, pauper; mit inops meint Paulus seine Hilf- und Mittellosigkeit; denn als Verbannter hatte er nicht bloß seine Habe verloren, sondern er mußte auch die Verbindung mit seinen Freunden ab- brechen, die ihm früher eine Stütze waren, wie mit dem Hof von Benevent; mit tenuis will er sagen, daß er, der einst am Hofe so großen Einfluß hatte, jetzt ohne jeg- liche Bedeutung sei. In den Worten exsul, inops, tenuis gibt Paulus den Grund an, warum seine Gedichte unbe-
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA
deutend sind, ebenso wie er VIII 4 sagt: Musae . . . pauperiem fugiunt.
133 apta = accepta vgl. v. 109 o nimis apte deo.
136 — 137 pectoris et plectri: Im An- schluß an XXXIV 7 et cordis plectro tu die möchte man hier stellen et solve vincula plectri pectoris mei, allein die Pentameter bringen fast durchgängig ohne Verbindung einen neuen Gedanken. Paulus bittet also, Benedikt möge die Bande seines Herzens und seiner Zunge lösen, die ihm in seiner traurigen Stim- mung wie zugeschnürt erscheinen und ihn keine guten Gedichte machen lassen; ein ähnliches Bild bei Petrus XXXVIII V. 28 nullaque maeroris servantur vin- cula cordis; plectrum = lingua ist sehr häufig, vgl. V. 119 und im Index zu Poet. III p. 810. — arce varias figuras: In dieser Bitte, Benedikt möge seinem Her- zen verlockende Bilder fernhalten, sehe ich nicht eine übliche Gebetformel, son- dern das stillschweigende Bekenntnis, daß sein Herz sich nach allem, was er vor nicht langer Zeit verlassen mußte, zurücksehnt. Bestätigt wird diese Auf- fassung durch den Anfang des Gedichtes VIII.
III, 4. 3
34
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Arce piis meritis varias a corde figuras;
Desidiam et somnos arce piis meritis. Currere cede viam tua per vestigia sursum; 140 Nil remorante fide currere cede viam.
Guttura Claude lupi semper lacerare parati;
Ne male me rapiat, guttura Claude lupi. Cor labiumque meum fac laudent cuncta creantem;
Christum habeant semper cor labiumque meum. 145 Pestifer ille draco mea ne procul intima turbet
Nonque michi occurrat pestifer ille draco. Me tua sancta phalanx habeat post funera carnis;
Oro, ne excludat me tua sancta phalanx. Omnia nempe potes meriti pro lampade summi; 150 Magnus amice dei, omnia nempe potes.
Perfice cuncta, precor, per eum, quem semper amasti;
Dulcis amande pater, perfice cuncta, precor. Sit tibi laus et honor, pietas immensa, per aevum,
Qui tam mira facis, sit tibi laus et honor.
140 fidem TT II 145 146 draco TT T, latro ^ H 146 occurrat] excludat t.
138 desidiam et somnos: Seine un- glückliche Stimmung raubt ihm die Lust zu jeglicher Tätigkeit. Wir sehen also, daß die Verse 131 — 138 inhaltlich zu- sammen gehören.
145 pestifer ille draco vgl. v. 83 perfidus ille draco.
147 sancta phalanx Poet. I 83 v. 1, vgl. XXXV V. 38 peregrina falanx; da- für steht öfter auch cohors Alcvin I 317 V. 5 sancta cohors fratrum, vgl. auch Paul. XXVI 26.
VII.
Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt.
Paulus behandelt hier den gleichen Stoff, aber in jambischen Dimetern. Er nahm die Umarbeitung vielleicht deshalb vor, damit man die Wundertaten des heiligen Benedikt dem Gedächtnis leichter einprägen könne.
Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt jedenfalls der des vor- ausgehenden sehr nahe. Paulus fügte es auch seiner Hist. Lang, ein, wo er (I 26) folgende Worte vorausschickt: Hymnum quoque singula eiasdem patris miracula continentem metro iambico ardiiloico ita texaimas. Es ist nur durch die Hist. Lang, auf uns gekommen. Die Überlieferung ist sehr gut. Wir geben wie bei VI unter dem Text nur die Erklärungen des Reginensis.
L Fratres, alacri pectore Venite, concentu pari Fruamur huius inclitae Festivitatis gaudiis.
2. Hac Benedictus aurea, Ostensor arti tramitis,
Ad regna conscendit pater Captans laborum praemia.
3. Effulsit ut sidus novum Mundana pellens nubila. Aetatis ipso limine Despexit aevi florida.
2,2 ostensor arti tramitis vgl. VI 133 caelestis tramitis index.
2,3 aurea regna Poet. I 92 v. 3, Paulin. Aquil. I 128 v. 54.
3*
36
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
4. Miraculorum praepotens, Afflatus Alti flamine, Resplenduit prodigiis Ventura saeclo praecinens.
5. Laturus esum pluribus Panis reformat vasculum. Artum petens ergastulum Extinxit ignes ignibus.
6. Fregit veneni baiulam Crucis per arma cymbiam. Coercuit mentem vagam Leni flagello corporis.
7. Funduntur amnes rupibus. Redit calybs e gurgite. Currit per undas obsequens. Peplo puer vitat necem.
8. Virus patescit abditum. Mandata praepes efficit. Hostem ruina conterit. Cedit fremens leo grave.
9. Immota fit moles levis. Rogus migrat fantasticus. Fractum revisit sospitas. Excessus absentum patet.
10. Rector vafer, deprenderis. Inique possessor, fugis. Futura, praenoscimini ; Arcana, cor, non contegis.
Glossen in Reg. lat. 801 — 5,1 esum] animae — 5,2 vasculum] capisterium
— 5,3 ergastulum] heremi — 5,4 ignes] luxuriae — ignibus] urticarum — 6,1 baiu- lam] latricem — 6,2 cymbiam] fialam — 6,3 vagam] monachi vagi — 7,2 calybs] ferrum falcastri — 7,4 peplo] melote — 8,1 virus] panis infecti — 8,1 abditum] Floren- tium — 8,2 mandata] iussa — praepes] corvus — 8,3 ruina] solarii — conterit] dat locum malignus spiritus — 8,4 grave] graviter — 9,1 immota] supersedente daemone
— moles] saxi — 9,2 rogus] quoquinae — 9,3 fractum] conlisum — 9,4 absentum] fratrum, qui contra regulam cibum sumpserant — 10,1 rector] rex Totila — depren- deris] daemon crudelitatis eius anterioris — 10,3 futura] novem annis regnas.
4,4 Ventura saeclo vgl. IV i 22.
9,2 rogus fantasticus nur in der
Phantasie, nicht in Wirklichkeit bestehend, vgl. VI 55.
Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt.
37
11. Fundantur aedes somniis. Tellus vomit cadavera. Dracone frenatur fugax. Aether pluit nomismata.
12. Vitrum resistit cautibus. Manant olivo dolia. Vinctum resolvit visio. Vitam receptant funera.
13. Tanti potestas luminis Voto sororis vincitur —
Quo plus amat quis, plus valet Enare quam cernit polum.
14. Non ante saeclis cognitum Noctu iubar effulgurat, Quo totus orbis cernitur Flammisque subvehi pius.
15. Haec inter instar nectaris Miranda plectro damit. Nam pinxit apte lineam Vitae sacrae sequacibus.
16. lam dux alumnis at potens Adsis gregis suspiriis. Gliscat bonis ydrum cavens, Sit callis ut sequax tui.
11,1 aedes] monasterii per uisum dispositi — 11,2 cadavera] resuscitatorum
— 11,3 dracone] correctore — frenatur] castigatur — fugax] sc. monachus — 11,4 nomismata] duodecim solides — 12,1 vitrum] ampulla in saxis proiecta — 12,2 olivo] oleo — 12,3 vinctum] rusticum — visio] orbati rustici — 13,2 sororis] Scolasticae
— 13,3 quis] aliquis — 13,4 Enare] evolare — 15,1 haec] doctrina — 15,3 lineam] iter — 16,3 ydrum] diabolum — 16,4 callis] itineris.
13.3 quo plus amat quis, plus valet vgl. VI 105 omnia vincit amor.
13.4 enare quam cernit polum vgl. VI 107—108.
15,1 instar nectaris vgl. XIII 9, 2. — plectro vgl. VI 136 Anm.
15,3 pinxit apte lineam, er bezeich- net die Regula S. Benedict!.
16,1 iam dux adsis gregis suspiriis vgl. VI 128 nunc mitis adesto gregi.
16,3 gliscat bonis ydrum cavens vgl. VI 129.
VIII. An einen Freund.
'Einem engbegrenzten Leben hinter Klostermauern kehren die Musen den Rücken. Sie lieben es nur- auf Rosenauen ihr Spiel zu treiben. Daher meine schlechten Gedichte (1 — 7). Nimm sie trotz- dem gerne an und sei überzeugt, daß ich gerade so wie Du nach dem Himmelreich trachte und in unwandelbarer Liebe Dir zugetan bin (8—20);
Der Harleianus, der allein und ohne Angabe des Verfassers dieses Gedicht überliefert, enthält noch andere als paulinisch erkannte und zwar lauter solche, die der Zeit angehören* die vor Paulus' Aufenthalt am Hofe Karls liegt (vgl. oben S. 15). Noch mehr als die Überlieferung sprechen aber Inhalt und Form für die Autorschaft des Paulus Diaconus.
'Einst und jetzt' könnte die Oberschrift dieses stimmungsvollen Gedichtes lauten. Einst konnte Paulus bei seiner Stellung als Hof- geistlicher an den Höfen von Pavia und Benevent ein behagliches Leben führen, konnte, nicht durch strenge Klosterregeln gebunden, seine Schritte lenken, wohin er wollte, durfte frei und froh die schönen Gegenden an den Ufern des Comersees durchwandern. Jetzt bannt ihn das Machtwort Karls hinter die Klostermauern von Montecassino.
Dieser Kontrast seines gegenwärtigen Lebens, mit dem er sich noch nicht abgefunden, zu den vergangenen glücklichen Tagen liegt ihm schwer auf der Seele und erzeugt jene Stimmung, die er auch in dem Gedicht VI 132 und 135 — 138 zum Ausdruck
An einen Freund.
39
bringt. Die ersten Verse unseres Gedichtes geben gleichsam die
Erläuterung dazu.
cassino.
Es entstand nicht lange nach 774 in Monte-
10
Angustae vitae fugiunt consortia Musae
Claustrorum saeptis nee habitare volunt, Per rosulenta magis cupiunt sed ludere prata,
Pauperiem fugiunt deliciasque colunt. Quapropter nobis aversae terga dederunt
Et comitem spernunt me vocitare suum. Inde est, quod vobis inculta poemata mitto,
Suscipe sed libens qualiacumque tarnen. Inmodico flagrat de vestro pectus amore,
Crede, pater, nostrum, semper amande mihi. Et peream, si non tecum captare per aevum
Per domini munus regna beata volo. Hoc mihi est votum, hoc fido pectore spero,
Hoc licet indignus nocte dieque precor.
Ohne Überschrift H f. \.
1 anguste (und so fast immer e für ae) H \ consorcia H \\ 2 dubitare H, corr. Dümmler \\ 5 nobis aus vobis corr. H \\ 8 sed H, Sethe Traube \\ 14 hoc licet indignus Wattenbach, hodie et indignos H.
1 — 5 angustae vitae consortia, claustrorum saeptis, pauperies: Damit meint er sein Leben in Montecassino, mit rosulenta prata und delicias die glücklichen Tage am Hofe, in der Nähe des Comersees. — per rosulenta prata vgl. Prudent. Peristeph. III 199. — aversae terga dederunt vgl. Verg. Aen. IX 686 versi terga dedere.
8 Die überlieferte Lesart ist aus metrischen Gründen nicht annehmbar; es verbirgt sich ein Eigenname; Traube (Neues Archiv XVII 399) schlägt suscipe Sethe libens vor mit Hinweis auf ein Gedicht Columbans (M. G. Epp. III 183 V. 1).
10 — 14 crede pater: Wen Paulus damit meint, läßt sich nicht sagen, man kann nur aus der Erwähnung des Rheins V. 17 schließen, daß der Angeredete sich in den Rheingegenden aufhält. — per aevum ist nicht, wie Wattenbach tut, in perennis zu ändern; denn es ist ein beliebter Versschluß vgl. I 27, VI 153. — et peream : Er fürchtet durch seine ein- leitenden Worte (v. 1 — 4) den Glauben erweckt zu haben, als ob sein Herz an weltlichen Dingen hänge; deshalb diese nachdrucksvolle Beteuerung (v. 13 und 14); vgl. auch Paul. XIII 5, 1. — mihi est: In späteren Gedichten ist der Hiatus ver- mieden.
40
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15 Tu quoque, si felix vigeas de munere Christi, — Namque potes — misero redde, beate, vicem. Ante potest flavos Rhenus repedare Suavos
Ad fontem et versis pergere Tibris aquis, Quam tuus e nostro labatur pectore vultus, 20 Ore colende mihi tempus in omne pater.
16 potis H \\ 17 hrenus H \\ 20 vielleicht O recolende Traube.
15 — 20 Diese Verse finden sich mit fast gleichen Worten wieder am Schlüsse des Briefes an Adalhard XXXI. — misero redde vicem vgl. XXIX 11 redde vicem misero. — quam tuus e nostro Verg.
Ecl. I 59 — 63 entnommen, vgl. auch XL 9 — 12. — Die Erwähnung des Tiber deutet auf den Aufenthalt des Schreibenden, auf Italien (Montecassino).
IX. Auf das Grab der Königin Ansa.
'Die hier begrabene Königin wird weiterleben, solange die Welt steht; denn groß sind ihre Verdienste um Staat und Kirche. In den Zeiten der Not des Vaterlandes stand sie hilfreich ihrem Gatten zur Seite (1 — 8). Sie ist die Mutter des Adelchis, des Hortes der Langobarden, und durch die Vermählung ihrer Töchter knüpfte sie Verbindungen mit mächtigen Herrschern und Staaten an (9 — 14). Berühmt ist sie auch durch Gründung von Kirchen und Hospizen. In ihr vereinigen sich die herrlichsten Tugenden (15 — 28).'
Die Gemahlin des Desiderius wurde nach dem Berichte der Annalen im Jahre 774 mit ihrem Gatten und einer Tochter von Karl in die Verbannung geschickt. Desiderius soll nach Lüttich geführt und in Corbie an der Somme gestorben sein (Abel-Simson I 194 Anm.). Das Todesjahr der Ansa ist nicht bekannt.
Mit Haupt (Opuscula I 295) zweifle ich nicht an der Autorschaft des Paulus, trotzdem Dahn (Paul. Diac. S. 67 und Allgemeine Deutsche Biogr. V 73) sich entschieden dagegen ausspricht. Abgesehen von stilistischen Erwägungen sprechen dafür besonders die handschriftliche Überheferung (vgl. meine Vorbem. zu I) und die nahen Beziehungen des Paulus zu der Tochter der Verstorbenen und zum Königshause überhaupt.
Um die paulinischen Epitaphien richtig würdigen zu können muß man bedenken, daß sich diese poetische Gattung unter dem Einfluß griechischer Vorbilder entwickelte und daß allmählich be- stimmte Ausdrucksformen geprägt wurden, die ein Dichter vom andern übernahm (vgl. Lier, Topica carminum sepulcralium Latinorum, Philologus XVI [1903] S. 445, 563 und XVII [1904] S. 54). Eine
42 Karl Neff, Gediclitc des Paulus Diaconus.
Untersuchung der zahlreichen Epitaphien des I. Bd. der Poet. aev. Carol. soll nun zeigen, welche Grundsätze bei der Anordnung der Gedanken für die Dichter maßgebend sind, welche Ausdrücke sich wiederholen, besonders aber, welche Stellung Paulus Diaconus dieser Tradition gegenüber einnimmt.
Gewöhnlich nennt am Anfang des Epitaphs der Dichter den Namen des Toten, der hier seine Ruhe gefunden, gibt dabei auch einige Andeutungen über das Äußere des Grabmals und erwähnt gerne, daß nur der Körper hier liegt, die Seele aber schon zu den Sternen emporgeeilt ist:
Hac iacet egregius nivea sab mole sacerdos p. 20 v. 7;
Hac tamalatur hämo . . . Nomen avis tribait p. 103 v. 1 — 2;
Hlc Sacra beatt membra Camiani solvuntur p. 107 II v. 1;
Marmore Natalis tegitar vener abile corpus p. 107 III v. 1;
Hoc humata iacent Joannis membra sepulchro p. 109 V v. 1;
Pallida sab parvo claudantur membra sepalcro,
Ärdua sed caeli spiritus astra petit p. 109 VI v. 1 — 2;
Mole sab hac magni servantur membra Qeroldi p. 114 v. 1;
Hlc Gislebertus praesul requiescit humatus,
Corpus terra tegit, Spiritus astra petit p. 305 v. 1 — 2;
Mole sub hac tegitur Chaidocus iure sacerdos p. 365 v. 1 ;
Hoc iacet in tumulo Pippinus p. 405 v. 1 ;
Aurea funereum complectit littera Carmen,
Verba tonat fulvus et lacrimosa color p. 489 v. 1 — 2.
Bei der Darstellungsform des Lebensganges selbst bedient sich der Dichter meist der dritten Person, springt aber oft in die zweite über und sagt dem Toten gleichsam seine Charakteristik vor: 'Du warst . . ., Du tatest dies oder jenes . . .' Nur in wenigen Epitaphien (p. 101, 420, 444) erzählt der Tote selbst dem an seinem Grab Stehenden seine Lebensgeschichte. Er spricht wie aus dem Grab zu ihm heraus, so p. 432 v. 1 : Te precor ex tumulo, f rater.
Gewöhnlich aber redet der Dichter gleichsam im Auftrage des Toten den FremdHng an, der auf seiner Wanderschaft an das Grab kommt, und fordert ihn auf Gott zu bitten, daß er dem Toten gnädig sein möge. Auch diese Darstellungsform geht auf griechische Vor- bilder zurück (vgl. Lier S. 468):
Tu quicumque legis die die 'peccata remitte' p. 102 v. 22;
Tu quicumque cupis requies cognoscere fratrum.
Et loca quo quisque spectat ab arce deum p. 344 v. 1 — 2;
Auf das Grab der Königin Ansa. 43
Et si forte cupis nomen meritumque sepulti
Discere, tu poteris magna viator amans p. 19 v. 5 — 6;
Same tarnen laudes, quas Petri captus amore
Extremo venlens hospes ab orbe Legat p. 114 v. 41 — 42;
Quisquis legas versus devoto pectore supplex
Die 'miserere deus' p. 113 v. 25 — 26;
Quisquis ab occasu venis huc vel quisquis ab ortu p. 108 v. 1;
Quam quis ab occasu properans vel quisquis ab ortu p. 490 v. 23;
Quisquis es hunc cernens titulum, die pectore puro:
Sit requies Uli, lector opime, precor p. 406 v, 1 — 2;
Quisquis es, 'Hadriano', die, 'sit amoena quies' p. 490 v. 26;
Pro peregrino me, posco, precare tuo p. 404 v. 16.
Meist erklärt der Dichter am Anfang oder Schluß, daß er un- fähig sei alle Vorzüge und Taten in würdiger Weise zu preisen:
Cuius haud, lector, vitam tibi prodere scalptor
Quit calibis stilo, artatus marmore parvo p. 103 v. 4 — 5;
Jam quoniam digne non possumus omnia versu
Promere, conticeat nostrae nunc fistula linguae p. 104 v. 26 — 27;
Plura quid enumerem sanctis virtutibus istis,
Dicere quas nequeo, scribere nee valeo p. 407 v. 27 — 28;
Sensus et eloquiis formam describere laudis
Cuius non possit pleniter ulla manus p. 430 v. 7 — 8.
In einigen Epitaphien nennt auch der Dichter seinen Namen und bittet den Leser sich für dieses Gedicht erkenntlich zu zeigen, indem er für ihn bete:
Post patrem lacrimans Carolus haec carmina scripsi p. 113 v. 17;
Hoc lacrimans cecini David ego flebile Carmen p. 112 v. 27;
Promere quae Carolum compellit amorque dolorque p. 489 v. 3;
Nunc Angilbe rti carmine fulget, amen p. 366 v. 8;
Tu mihi redde vicem, lector, rogo, carminis huius
Et die: 'Da veniam, Christe, tuo famulo' p. 350 v. 17;
Sed iam posco, vicem reddas mihi carminis huius,
Atque 'Illius', die, 'miserere deus'f p. 420 v. 23 — 24.
Bei der Durchführung des Lebensbildes selbst beginnen die Dichter naturgemäß mit der Herkunft des Toten, wobei sie mit Vor- liebe hinzufügen, daß seine Taten noch edler waren als sein Ge- schlecht:
Scotia quem genuit p. 365 v. 2;
Francia quem genuit p. 405 v. 3;
44 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Nobilis ex magna genitus iam gente parentum, Sed sacrls longe nobilior meritis p. 113 v. 5 — 6; Transcendunt cuius gesta set alta genas p. 430 v. 12.
Dann folgt meist die Erwähnung seiner körperlichen Vorzüge, von denen es aber gewöhnlich heißt, daß sie von den Verdiensten des Toten übertroffen werden:
In specie pulcher, nobilior meritis p. 405 v. 12; Deqae sua facie superabat lilia piilchra p. 405 v. 9; Mirandus specie, set plus mirabilis actis p. 430 v. 15.
Bei der Aufzählung der geistigen Vorzüge lieben es die Dichter oft zwei Verse mit lobenden Adjektiven auszufüllen, besonders heben sie Bildung und Mildtätigkeit hervor.
Moribus et forma consilioqae vigens p. 111 v. 8;
Mente nitens formaqae decens sensuqae renidens p. 489 v. 7;
Eloquio falgens . . . Qrammaticae studio, metroram legibus
aptus p. 20 V. 9 — 10; Eloquio dulcis, f actis probus, ore serenus p. 404 v. 13; Alloquio clarus, vita sed clarior alma p. 104 v. 22; Nobilis alloquio, moribus nobilior p. 102 v. 12; Grammatica pollens, mundana lege togatus, Divina instructus nee minus ille fuit p. 111 v. 9 — 10; Solamen egenis p. 107 v. 3;
Pauperibus largus, nulli pietate secundus p. 113 v. 11; Rex bonus et placidus, nulli bonitate secundus p. 405 v. 15; Promptus ad omne bonum an vielen 'Stellen.
Bedeutende Männer werden meist als Helden, als Leuchte, Ruhm, Zierde und Hoffnung ihres Vaterlandes gepriesen:
Helmengaldus nobilis heros, Gloria qui patriae et decus omne
fuit p. 532 V. 1—2; Lumen erat patriae p. 20 v. 17. Patriae decus p. 102 v. 3; Unica spes patriae, murus et arma suis p. 111 v. 4; Militibus periit murus et arma tuis p. 112 v. 4; Qui tibi tutor opum, murus et arma fuit p. 490 v. 28; Spes iam Samnitis certa salutis erat p. 430 v. 14; Jpse suae gentis spes requiesque fuit p. 430 v. 32.
SchließUch spricht der Dichter auch von der Wirkung, die der Tod auf die Hinterbliebenen ausübte, und bittet das Grabmal nicht zu verletzen:
Auf das Grab der Königin Ansa. 45
Hanc flevit civis, luxit peregrinas et exter p. 104 v. 15; Hunc deflet Italiis contrito pectore Francus p. 110 v. 13; Itala, Romana . . . Morte tua, prlnceps, gens sine fine doLet
p. 431 V. 35—36; Ut nullus violet quod tenet ipse solam p. 20 v. 32; Obsecro nulla manus violet pia iura sepulcri p. 350 v. 19; Quem, peto, nulla manus violet p. 420 v. 27.
Untersucht man die Epitaphien des Paulus Diaconus, so findet man, daß die für Ansa und Sophia verfaßten in Form und Anordnung der Gedanken von den übhchen Darstellungsformen ab- weichen, seine späteren aber, die am Hofe Karls entstanden, die erwähnten Eigentümlichkeiten zeigen. Diese beweisen, daß auch er sich der Vorbilder bediente, nach denen der literarische Kreis des Königs arbeitete. Zu diesen Vorbildern gehörte besonders das Epitaphium Constantii, das in der Pariser Handschrift 528 und in der St. Galler 899 neben Gedichten überliefert ist, die am Hofe Karls entstanden (vgl. Mommsen Grabschrift des Kaisers Constantius Chlorus, Hermes, XXVIII, 1893, S. 33; Carmina epigraphica ed. Bücheier II 1335).
Die Verschiedenheit der Grabschrift für die Königin Ansa von den untersuchten liegt besonders • in der Anordnung der Gedanken. Der Dichter sagt nichts von ihrer Abstammung, wie es sonst am Anfang geschieht, und geht nach einer kurzen Bemerkung über ihre körperlichen Vorzüge (coniux pulcherrima v. 3) sofort zur Darlegung ihrer Verdienste über, die er scharf in politische und kirchliche teilt. Erst am Schluß kommt er mit wenigen Worten auf ihre geistigen Eigen- schaften zu sprechen.
Über die Abfassungszeit des Gedichtes bestehen verschiedene Anschauungen. Dahn (S. 68) und nach ihm Abel (II 506) glauben, daß es noch zu Lebzeiten der Königin abgefaßt worden sei, noch vor dem Untergang des langobardischen Reiches, und zwar zwischen 770 und 771. Zu dieser Anschauung sahen sie sich besonders durch die Verse 12 — 14 veranlaßt, wo auf Karl als Schwiegersohn (770) angespielt ist, und Dahn meint: „Es muß doch überraschen, daß unter den starken Helden, den drei Eidamen, auf welche Ansa sich stützt, auch Karl genannt wird, der Ansa nach Zerstörung des Reiches mit ihrem Gemahl in die Gefangenschaft geführt hat," und an einer anderen Stelle: „Die Grabschrift nennt Karl, Ansas bittersten Feind, ihren Stützer neben denen, die es wirklich waren, Arichis und Thassilo".
46 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Dieser Sinn liegt nicht in den allerdings etwas allgemein ge- haltenen Worten: fortia natamni thalamis slbi pectora vinxit. Paulus will nur sagen, daß Ansa politisch wichtige eheliche Ver- bindungen gestiftet hat, und wenn er bei fortia pectora wohl auch in erster Linie an Arichis und Thassilo dachte, so konnte er doch auch den Feind seines Volkes dazu zählen.
Auch die Verse 7 — 8 zwingen nicht zur Annahme, daß das Gedicht vor dem Untergang des Reiches entstand. Wenn der Dichter sagt, Ansa habe an der Seite ihres Gemahls das von Kriegen heim- gesuchte und dem Zusammensturze nahe Reich aufgerichtet, gefestigt und emporgebracht, so meint er damit die Verdienste, die sie sich beim Regierungsantritte ihres Gatten um das Reich erwarb, das unter den unglücklichen Kriegen, die sein Vorgänger Aistulf (749 — 757) mit Pipin, dem Vater Karls, führte, viel zu leiden gehabt hatte. Diese Erklärung mag auch darin ihre Bestätigung finden, daß Paulus bei der Aufzählung ihrer Verdienste, dem eigentlichen Thema der Grabschrift, chronologisch vorgeht: Zuerst segensreiche Tätigkeit bei Beginn der Regierung ihres Gatten 757, dann Lob auf Adelchis, der 759 Mit- regent seines Vaters wurde, hierauf Vermählungen ihrer Töchter mit auswärtigen Fürsten, der Adelperga mit Arichis (763 Geburt ihres ersten Kindes), Liutperga mit Thassilo (zwischen 764 und 769, vgl. Abel I 58) und Desiderata (?) mit Karl (770, vgl. Abel I 80).
Es liegen demnach keine Gründe vor, die zur Annahme zwingen, daß das Epitaph, was ja an und für sich nichts Ungewöhnliches wäre, noch zu Lebzeiten der Königin entstand, und ich verlege die Ent- stehungszeit zwischen 774 und 782, in die Zeit, wo Paulus sich in Montecassino als Verbannter aufhielt und noch keine Annäherung an Karl erfolgt war. Dazu veranlaßt mich außer der oben erwähnten Eigenart des Epitaphs selbst die Auffassung des Satzes Bardis spes maxima mansit (v. 1 1). So sehr man auch auf Grund obiger Zusammen- stellung geneigt ist ihn als einen der Gemeinplätze zu bezeichnen, die in den Epitaphien auftreten, so sprechen doch die historischen Verhältnisse dagegen. Adelchis war wirklich nach 774 der Mann, auf den die Patrioten hoffend ihre Blicke richteten und der auch während seines Aufenthalts beim griechischen Kaiser in Konstantinopel immer für die Sache seines Volkes tätig war. Auch in den An- nalen kommt dies zum Ausdruck (vgl. Anm. zum Gedicht). Diesen Gedanken kann aber Paulus nicht in einer Zeit ausgesprochen haben, wo er bereits Karl näher getreten war, d. h. also nicht nach 782.
Auf das Grab der Königin Ansa.
47
Ob Ansa in der Verbannung im Frankenreich starb und ihre Leiche nach ItaHen geschafft wurde, oder ob sie von Karl später er- wirkte, daß sie den Rest ihres Lebens bei einer ihrer Töchter ver- bringen durfte, läßt sich nicht entscheiden. Ihr Grab befand sich, wie Haupt erkannte, in der von ihr und Desiderius gestifteten Abtei San Salvatore in Brescia (vgl. Urkunde vom Jahre 769 bei Muratori Antiq. Ital. I 525).
10
Lactea splendifico quae fulget tumba metallo Reddendum quandoque tenet laudabile corpus. Hie namque Ausonii coniux pulcherrima regis Ansa iacet totum semper victura per orbem Famosis meritis, dum stabunt templa tonantis, Dum flores terris, dum lumen ab aethere surget. Haec patriam bellis laceram iamiamque ruentem Compare cum magno relevans stabilivit et auxit. Protulit haec nobis, regni qui sceptra teneret, Adelgis magnum, formaque animoque potentem, In quo per Christum Bardis spes maxima mansit. Fortia natarum thalamis sibi pectora vinxit, Discissos nectens rapidus quos Aufidus ambit, Pacis amore ligans cingunt quos Rhenus et Hister.
SUPER SEPULCRUM DOMNE ANSE REGINAE L f. 36 v.
1 fulgit I II 6 flores terris Dümmler, flores e terris vor e eine Rasur L \ ethere L \ surget Dümmler, surgit Z, I| 10 adelgis aus adelchis corr. Z, jj 12 vin- xit L, iunxit Haupt und Dümmler \\ 14 quos Rhenus Haupt, chorentis L.
3 — 6 Ausonii regis des Desiderius, vgl. Bern, zu II 9,1. — totum semper victura per orbem meritis vgl. Hist. Lang. III 19, Grabschrift des Drokton v. 2 nam meritis toto vivit in orbe suis. — dum stabunt etc. vgl. zum Gedanken Verg. Ecl. V 76 — 78; surget ist statt surgit einzusetzen wegen des vorausgehenden stabunt (vgl. oben S. 20 Anm.).
8 — 10 compare cum magno vgl. Brief des Paulus an Adelperga III 29 celso cum compare. — regni qui sceptra teneret vgl. XXVI 19 — 20 teuere regni aurea sceptra. — formaque animoque
potentem vgl. Poet. I 60 v. 59 sensu formaque animoque decorus, Poet. 1104 V. 18 censuque animoque potenti; an dieser Stelle ist wohl auch sensuque zu verbessern.
11 Bardis vgl. IV^ 18. — spes ma- xima mansit vgl. Einhard Vita Karoli cap. 6 Adalgisum, in quem spes om- nium inclinatae videbantur, Ann. Einh. in quo Langobardi multum spei habere videbantur.
12—14 Die Flüsse Aufidus, Rhein und Donau deuten das Land des Arichis, Karls des Großen und Thassilos an.
48
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
20
25
Quin etiam aeterno mansit sua portio regi, Virgineo splendore micans, his dedita templis. Cultibus altithroni quantas fundaverit aedes Quasque frequentat egens, pandit bene rumor ubique. Securus iam carpe viam, peregrinus ab oris, Occiduis quisquis venerandi culmina Petri Garganiamque petis rupem venerabilis antri. Huius ab auxilio tutus non tela latronis, Frigora vel nimbos furva sub nocte timebis; Ampla simul nam tecta tibi pastumque paravit. Plura loqui invitam brevitas vetat inproba linguam. Concludam paucis. Quicquid pietate redundat, Quicquid mente micat gestorum aut luce coruscat, In te cuncta simul, fulgens regina, manebant.
26 quicquid] das erste q auf Rasur L \\ 28 manebat L.
15 — 16 quin etiam aeterno mansit sua portio regi: Ansa vermählte ihre Töchter nicht bloß irdischen Königen, auch dem ewigen König blieb sein Teil dadurch, daß Ansilperga Äbtissin von San Salvatore in Brescia wurde. — his dedita templis: aus dieser Stelle schloß Haupt mit Recht, daß die Grabschrift im Salvatorkloster sich befand und hier Ansa begraben wurde.
17 — 18 quantas fundaverit aedes quasque frequentat egens: quantas ■= quot; Paulus will sagen: quantas aedes cultibus altithroni fundaverit et quantas aedes, quas frequentat egens: 'Allge- mein bekannt ist, wieviele Gotteshäuser und Hospize sie gründete.'
19 — 21 securus iam carpe viam: Der Dichter wendet sich hier an den zu dem Grab kommenden Pilger, der entweder nach Rom oder zum Heilig- tum des Erzengels Michael auf dem Monte Gargano wallfahren will. — venerandi culmina Petri vgl. Angil- bert Poet. I 420 v. 1 venerandi culmina templi. — venerabilis antri: Nach der Legende hatten Hirten auf der Suche
nach einem entlaufenen Rind in einer Grotte des Monte Gargano die Er- scheinung des heiligen Michael und zwar am 8. Mai unter Papst Gelasius (S.Jahr- hundert). Zur Erinnerung daran wurde eine Kirche erbaut, die heute noch ein besuchter Wallfahrtsort ist.
25 — 28 improba brevitas: 'Die leidige Kürze (der geringe Raum auf dem Grab- stein) verbietet der Zunge noch mehr zu sagen, so sehr sie sich auch sträubt.' Es ist dies zugleich eine Wendung um zum Schluß zu kommen, wie sie ähnlich auf- tritt XXVI 15 sed quid plura feram?; Theodulf Poet. I 528 v. 27 quid referam? virtute cluis, pietate redundas. — quic- quid pietate redundat: beliebter Schluß, vgl. außer der eben angegebenen Stelle bei Theodulf auch Angilb. Poet. I 366 v. 22; Sedul. carm. pasch. II 260; Eug. Toi. carm. XVI 3. — luce coruscat: vgl. Angilb. Poet. I 366 v. 12. — manebant = erant: Zu manebat wurde der Schreiber jeden- falls durch den Schluß der beiden vor- ausgehenden Zeilen veranlaßt, vgl. auch XXXVI 35 in te . . . omne simulque bo- num semper, venerande, manebat.
X. Auf das Grab der Enkelin Sophia.
*Du warst die Schönste Deines Geschlechts und an Kenntnissen Deinen Jahren weit voraus. Dein Geist erfaßte alles im Fluge (1 — 8). Dein Tod war auch der Tod der Großmutter. Statt zu Deiner Hoch- zeit rüstet man sich zu Deiner Leichenfeier. Alles trauert um Deinen frühen Tod (9—18).'
An der Autorschaft des Paulus Diaconus ist nicht zu zweifeln, da diese Grabschrift in drei für die paulinische Oberlieferungs- geschichte wichtigen Handschriften (der Leipziger Rep. I 74, vgl.Bem. zu V; der Pariser lat. 528, vgl. Bem. zu VI; dem Harleianus, vgl.Bem. zu VIII) enthalten ist und auch stilistische Beobachtungen auf ihn hin- weisen. Fraglich aber erscheint, wer mit Sophia neptis gemeint ist. Bis jetzt dachte man an eine Nichte des Dichters (vgl. Gedicht XII, wo von seinem Bruder Arichis vier Kinder erwähnt werden), allein mir ist es wahrscheinlicher, daß hier an eine Enkelin der Königin Ansa zu denken ist. Dafür spricht vor allem die Überlieferung: das Epitaph geht in der Leipziger Handschrift unmittelbar dem der Ansa voraus. Dann auch der Inhalt: nur mit wenigen Worten gedenkt der Dichter der Eltern und hebt besonders die Wirkung des Todes der Jungfrau auf die Großmutter hervor.
Das kleine Gedicht, das nicht ohne poetischen Reiz ist und noch nicht die in der karolingischen Zeit üblichen Gemeinplätze der epitaphistischen Literatur zeigt, entstand zwischen 774 und 782.
Quellen u. Untersuch, z, lat, Philologie des MA. III, 4. 4
50
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Roseida de lacrimis miserorum terra parentum
Haec te, gemma micans, cara Sophia, tenet. Tu decus omne tuis, virgo speciosa, fuisti,
Qua non his terris gratior ulla manet. Heu fueras teneris, dulcis, tarn docta sub annis,
Longaevi ut stuperent iam tua verba senes. Et quae longa dies aliis praestare puellis
Vix poterat, raptim cuncta fuere tibi. Te moriente avia iam vivere posse negavit
Illius et mortis mors tua causa fuit. Iam thalamus sponsusque tibi parabantur et inde
Spes quoque iam nobis grata nepotis erat.
Epitaphium sophiae neptis P /. 126v; EPITAFION SOPHIE NEPTIS L f. 36; Epithaphion H f. 5^.
2 haec te gemma micans] die Buchstaben vom ersten a bis g durch Nässe zerstört P, haec regem manicans H \ caro P \ sofia H \ tenit // || 3 von decus ist c und u nidit zu erkennen P \ tuis aus tui corr., dann durchgestrichen und verbessert an den Rand geschrieben H \\ 5 Heu eras dazwischen eine durch Rasur entstandene Lücke Z. |1 6 longeui P L H \ cuperent // || 7 prestare (und so fast immer e für ae) H \\ 9 avia] uia H \ uivere aus uiuire corr. L \\ 10 mortis] moestis // || 11 thalamus aus talamus corr. L \ inde PH, ecce L.
doctior in terris nulla puella foret;
1 — 4 roscida de lacrimis: vgl. XXXV V. 1 lugentum lacrimis populorum rosci- da tellus. — gemma micans VI 56 ; vgl. auch XXIX 7. — tu decus omne tuis Verg. Ecl. V34; vgl. IV^ 20 omne decus- que suorum, XXXV v. 27 tu requiesque tuis . . . fuisti. — qua non his terris gratior ulla manet: vgl. XXVI 8 qua non occiduo pulchrior ulla foret. — Es mag auffallen, daß Paulus bei der Grab- schrift einer Prinzessin nicht mit ihrer edlen Abkunft beginnt, wie es nach an- tikem Vorbild die karolingischen Dichter gewöhnlich tun (vgl. S. 43), aber Paulus arbeitet noch nicht nach den Vorbildern, die ihm später bei seinem Aufenthalt am Hofe Karls vorlagen.
5 — 8 Der Hinweis auf den hoch- entwickelten Geist der in so jungen Jahren Verstorbenen findet sich auch in Epitaphien älterer Zeiten, vgl, Vollmer zu Stat. silv. 2, 1, 38; Carmina latina epigraphica ed. Bücheier 1166 quod si longa tuae mansissent tempora vitae,
649, 7 ultra annos sapiens praeceps fata invida raptum. — longaevi senes (Ovid. Ep. V 40). Vgl. zum Gedanken VI 8 ex- superansque senes, o puerile decus und Poet. II 659 V. 15, 16. — stuperent darf nicht mit H gegen P L in cuperent ge- ändert werden, da eine Vertauschung der Konjugationen oder die Verkürzung eines langen Vokals in längeren Formen bei Paulus und auch sonst (vgl. Fortunat ed. Leo Index) nichts Ungewöhnliches ist, vgl. V. 11 parabantur : XIV v. 1 fluebat.
9 avia (mit langem Nominativ -a!) = Ansa, vgl. die Vorbemerkung. — vivere posse negavit: Es ist in alten Epitaphien häufig zu lesen, daß die Über- lebenden so in Trauer versetzt sind, daß sie sich selbst den Tod wünschen, vgl. Lier, Philol. XVI (1903) S. 464.
11 spes quoque iam nobis: Der Dichter stellt sich hier und v. 13 und 15 an die Stelle der Eltern (vgl. auch IX 9; XXVIII 9).
Auf das Grab der Enkelin Sophia.
51
Hei mihi, pro thalamo dedimus tibi, virgo, sepulchrum,
Pro taedis miserum funeris officium. 16 Tundimus heu maesti pro plausu pectora pugnis
Pro cithara et cantu planctus ubique sonat. • Gemmantem vitem decoxit saeva pruina
Purpureamque tulit dira procella rosam.
13 Hei mihi P L, H mihi H \\ 14 thaedis P, theHs (am Rand uel tedis) L, caedis H \\ 15 heu aus eu corr. L \ moesti H \ plauso P \ pugni am Rand s L \\ 16 chithara L, cythara P \ canto P \\ 17 fehlt H || 18 purporeamque L \ tulit fehlt P I rosa P. Daran sdiließen sich in P folgende, wie es sdieint, später eingetragene Verse:
Christe potens, sollers summi sapientia patris, Da sensum, da verba tuo (corr. aus \o), deposco, fideli. Hierauf folgt der Brief des Paulus an Theudemar.
14 — 18 funeris officium Poet. I 104 V. 28. — tundimus heu maesti pro plausu pectora pugnis: eine jedenfalls beabsich- tigte Alliteration; vgl. den gleichen Vers- schluß Verg. Aen. IV 673, XII 871; Ovid. Met. III 535. — planctus ubique sonat XXXV 31. — purpureamque tulit dira procella: ähnliches Bild XXVIII 2; vgl. Lier, Philol. XVI (1903) S. 583. — Die Verse Christe potens sind wahrschein- lich von Paulus selbst hinzugefügt und
zwar, als er das Gedicht an den Hof Karls brachte (vgl. I). Meine Vermutung sehe ich dadurch gestützt, daß sich an diese Verse der Brief des Paulus an Theudemar anschließt. Wenn man be- denkt, welche Anforderungen Karl an Paulus stellte, so begreift man wohl seine Bitte um sensus und sapientia: sollers ist nicht wie Dümmler will (M. G. Epp. IV 506, 10) zu Christe, sondern zu sapientia zu ziehen (vgl. Anhang XI 6
4*
XI. Bittschrift an Karl.
*Es gibt auf der Welt keinen unglücklicheren Menschen als mich, seitdem nun noch ein neues trauriges Ereignis, die Gefangennahme meines Bruders, mich mit Schmerz erfüllt (1 — 8). Seine Frau und Kinder müssen, ihres väterlichen Besitzes beraubt, in der Heimat betteln gehn. Meine Schwester weint sich in ihrem Elend fast die Augen aus (9 — 16). Nur Du kannst helfen; hab' Erbarmen und gib ihnen Besitz und Stellung wieder. Dann will ich Christi Lob verkünden, der allein gebührenden Lohn spenden kann (17 — 28).'
Die Gedichte VI und VIII gaben schon, wenn auch nur an- deutungsweise, einen Einblick in die traurige Stimmung, die den Dichter in der frühesten Zeit seiner Verbannung nach Montecassino erfüllte. Hier schildert er sich in den ersten vier Versen als den un- glücklichsten Menschen, den es gibt. Außer seiner eigenen Bestrafung bereitet ihm ein neuer Anlaß großen Kummer: die Wegführung seines Bruders Arichis in fränkische Gefangenschaft und das Elend der zurück- gebliebenen Familie.
Abgesehen davon, daß uns Paulus in Hist. Lang. IV 37 den Namen seines Bruders nennt, und außer den Andeutungen im vor- liegenden Gedicht gibt es keine Oberlieferung über dessen Schick- sale. Wir wissen aber, daß der Herzog Hrodgaud in Friaul 776 gegen Karl sich empörte (Abel I 245 ff.), daß im April gleichen Jahres der Aufstand niedergeschlagen war und daß Karl über die Empörer strenge Strafen verhängte: Fortführung in fränkische Ge- fangenschaft, Konfiskation ihres Vermögens und ihrer Güter (Abel 1 252). Arichis, der Bruder des Paulus, wohnte in Friaul. Hier hatte Karl, ebenso wie am Hof des von Friaul stammenden Herzogs von Benevent,
Bittschrift an Karl. 53
die erbittertsten Gegner (vgl. Ann. Einh. 788 SS. I 173; Einh. Vita Car. cap. 11). Demnach ist es sehr wahrscheinlich, daß Arichis ebenso wie sein Bruder auch infolge der früheren Beziehungen ihrer Familie zum Hof in Pavia zur Nationalpartei gehörte und sich an dem Auf- stand des Herzogs Hrodgaud beteiligte; denn es trafen ihn die gleichen Strafen wie die anderen Empörer.
Die Autorschaft unseres Paulus wird nicht bloß durch den In- halt, sondern auch durch die Überlieferung gestützt: in der Pariser Handschrift lat. 528 (P) steht unser Gedicht unter zweifellos paulini- schen Gedichten, die auch zeitlich ihm nahestehen, außerdem im Harleianus (H) und im Urbinas (U).
Die Abfassungszeit läßt sich aus v. 5 folgern: septimus annas adest, ex quo nova causa dolores generat: das siebente Jahr ist da, d. h. nimmt seinen Anfang, es sind gerade sechs Jahre vorüber, seitdem jenes neue Ereignis, die Bestrafung seines Bruders, eintrat (vgl. auch Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands II ^ 161 Anm. 1). Wenn nun Arichis im April 776, wo der Aufstand unterdrückt war, bestraft wurde, so war genau im April 782 das sechste Jahr vorbei und schon im Mai 782 konnte er sagen: adest septimus annus. Demnach verfaßte Paulus wahrscheinlich in dieser Zeit die Bittschrift, vgl. auch Hauck a. a. O. und Abel I 253 Anm. 3, und ließ sie durch Petrus von Pisa überreichen (vgl. Vorbem. zu XII).
Das Gedicht gehört unstreitig zu den schönsten Erzeugnissen des karolingischen Kreises und hat jedenfalls auch auf Karl seine Wirkung nicht verfehlt, der gerade in jener Zeit Männer von dichteri- scher und wissenschaftlicher Befähigung an seinen Hof zu ziehen suchte.
Verba tui famuli, rex summe, adtende serenus.
Respice et ad fletum cum pietate meum. Sum miser, ut mereor, quantum vix ullus in orbe est.
Semper inest luctus tristis et hora mihi.
IT UERS PAULI AD REG PCANDO P /. 126, H f. 6, ohne Übersdirift U f.Sl.
1 attende H U \\ 2 ei affectum U \\ 3 illus M.
2 ut mereor: Paulus will sagen: „Wenn ich auch einer der Unglück- lichsten bin, so verdiene ich doch meine Strafe der Verbannung, und ich bitte des-
Bruder." Durch diese Selbstlosigkeit ver- leiht er der Bitte für seinen Bruder mehr Nachdruck.
3 — 6 semper inest luctus vgl. I 7
halb nicht für mich, sondern für meinen \ ver tibi semper inest.
54
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Septimus annus adest, ex quo nova causa dolores Multiplices generat et mea corda quatit. Captivus vestris extunc germanus in oris
Est meus afflicto pectore, nudus, egens. Illius in patria coniunx miseranda per omnes 10 Mendicat plateas ore tremente cibos.
Quattuor hac turpi natos sustentat ab arte, Quos vix pannuciis praevalet illa tegi. Est mihi, quae primis Christo sacrata sub annis Excubat, egregia simplicitate soror. 15 Haec sub sorte pari luctum sine fine retentans Privata est oculis iam prope flendo suis. Quantulacumque fuit, direpta est nostra supellex Nee est, heu, miseris qui ferat ullus opem. Coniunx est fratris rebus exclusa paternis 20 lamque sumus servis rusticitate pares.
NobiHtas periit, miseris accessit egestas. Debuimus, fateor, asperiora pati.
6 quattit H \\ 7 vestris] extris U \ horis P// il 8 afflictu H \\ 9 coniux P \\ 10 plateas aus plates corr. U \ tremento U \\ 11 quatuor H U \ hac aus ac corr. P I turpi] uirpi P \ arce H \\ 12 praevalet illa tegi P H, quis ualet illa tegit ü II 13 que (öfter e für ae) U \\ 14 simplicitatae H \\ 17 quantulacunque U \ suppellex P H U \\ 20 sumus aus summus corr. P \\ 21 accessit aus accedit corr. P, successit U
aegestas P H.
12 quos vix pannuciis: Der Gedanke ist klar, nicht aber der Wortlaut. Nach V könnte man deuten: quos illa vix tegit, quis pannuciis valet: mit Müh und Not hüllt sie ihre Kinder in die wenigen ihr zu Gebote stehenden Lumpen (vgl. die ähnliche Ausdrucksweise in den Briefen: XIV tota qua solum valeo mente und XXXI oculis quibus solis valeo. Allein diese Les- art sieht sehr nach Interpolation aus; PH bieten die richtige Lesart: „Mit Mühe und Not bringt es die Mutter fertig, daß diese (= ihre Kinder) sich in Lumpen hüllen."
13 est mihi soror: Daraus erfahren wir, daß Paulus außer seinem Bruder Arichis noch eine Schwester hatte, die ins Kloster gegangen war.
18 nee vgl. Vollmer, Philol. Suppl. X 302, 89.
19 — 21 rebus exclusa paternis: Da- mit ist jedenfalls der Besitz ihres Vaters gemeint. — servis rusticitate pares: rusticitas ist der Gegensatz zu nobilitas: infolge ihrer Armut können sie nicht mehr standesgemäß leben, sondern sind zu einer niedrigen Lebensführung, ähn- lich den Unfreien verurteilt, vgl. zum Gedanken Alcvin. Poet. I 187 v. 798—799 nie tarnen metuit clara se stirpe fateri Progenitum dicens: pauper sum et rusticus unus; vgl. auch Dahn S. 5. — nobilitas periit: Hist. Lang. VI 24.
22 debuimus asperiora pati: kann kaum bedeuten: „wir mußten wirklich zu Hartes erdulden", sondern wegen fateor und sed (v. 23) nur: „wir hätten noch Härteres erdulden sollen". Vgl. Bethm. S. 260, Dahn S. 29.
Bittschrift an Karl.
55
25
Sed miserere, potens rector, miserere, precamur Et tandem finem his, pie, pone malis.
Captivum patriae redde et civilibus arvis, Cum modicis rebus culmina redde simul,
Mens nostra ut Christo laudes in saecla frequentet, Reddere qui solus praemia digna potest.
25 redde et] reddet H | civilibus] genitalibus U \\ 26 sumul U P I secuta U II unter 28 xeXwo U.
27 laude
26 cum modicis rebus culmina redde: Er bittet, Karl möge diesem Elend ein Ende machen, den Gefangenen wieder in die heimatlichen Gefilde ziehen lassen und ihm seinen Wohnsitz (culmina = tectum) nebst einem bescheidenen Teil seines Besitztums zurückgeben; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß culmina auch die angesehene Stellung be- deutet, besonders wenn man zu
den modicae res auch Haus und Hof rechnet.
27 Paulus erklärt hier, daß er, wenn seine Bitte erfüllt und seine Trauer geschwunden sei, seine Tätigkeit nur Christus weihen wolle, der dann Karl seine Gnade lohnen werde. Man kann die Zusage herauslesen, daß er von nun an der Politik ferne zu bleiben und als Mönch zu leben entschlossen sei.
XII. Petrus von Pisa an Paulus Diaconus.
^Gelobt sei Christus, der die Hölle überwunden und auch Dich Paulus, den hochgelehrten und sprachenkundigeu Dichter, an unsern Hof sandte (1 — 4). Deine unermüdliche Tätigkeit als Lehrer des Lateinischen und Griechischen erweckt in mir die Hoffnung, daß Du uns nicht wieder verlassen wirst (5 — 9). Für die Förderung der Kenntnisse im Griechischen sage ich Dir ganz besonderen Dank; denn nunmehr können auch die Kleriker im Gefolge meiner Tochter mit dieser Sprache bekannt gemacht werden (10 — 12).'
Der Verfasser dieses im Auftrage Karls an Paulus gerichteten Gedichtes ist Petrus von Pisa, der in den Handschriften die Beinamen diaconus, archidiaconus, grammaticus und magister hat. Alcvin er- zählt in einem Briefe aus dem Jahre 799 (iVL G. Epp. IV 285), daß er als junger Mann sich auf einer Reise nach Rom in Pavia auf- gehalten und hier eine Disputation mitangehört habe, die ein Jude Lullus mit diesem Petrus hatte, und fügt bei et scriptam esse eandem controversiam in eadem civitate audivi. Es scheint sich also um einen wichtigen wissenschaftlichen Streitpunkt gehandelt zu haben.
Diese Bemerkungen Alcvins sind deshalb von großer Bedeutung, weil man daraus entnehmen kann, daß in der Residenz des Desiderius, während dessen Regierungszeit (757 — 774) Alcvin jedenfalls diese erste italienische Reise machte, wissenschaftlich hochstehende Männer lehrten. Da nun auch Paulus an diesem Hofe sich aufhielt, so ist es in Anbetracht seiner Stellung und seiner wissenschaftlichen Be- strebungen zweifellos, daß diese beiden gelehrten Männer sich nahe-
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus. 57
traten und Freunde wurden; was man auch aus v. 8 im Gedicht XVIII antiquo et caro quondam mittente sociale herauslesen kann.
Als Karl im Jahre 780 nach Italien zog und sich längere Zeit auch in Pavia aufhielt, bekam er einen Einblick in dajs wissenschaft- liche Leben, das in italienischen Städten herrschte, und wollte, daß auch sein Hof eine Pflegestätte feiner Bildung werde, was Angilbert (Poet. I 360 V. 19—22) mit deutlichen Worten ausspricht: David habere capit sapientes mente magistros Ad decas, ad laudem cuiuscumque artis in aala, Ut vetenim renovet studiosa mente sophiam. David amat vates, vatoram est gloria David.
Da galt es nun geeignete Männer für seine Zwecke zu ge- winnen und so berief er um jene Zeit Petrus (vgl. Hauck, Kirchen- gesch. II 155 ff.) und im Jahre 782 Alcvin, den er in Parma kennen gelernt hatte, an seinen Hof (Abel I 390).
Daß in demselben Jahre Paulus, wie klar gelegt wurde, seine Bittschrift verfaßte, scheint mir kein Zufall zu sein. Jedenfalls hatte ihm sein Freund Petrus geraten diesen Zeitpunkt zu wählen, als Karl Gelehrte für seine Akademie suchte. Damals mag wohl jener bei der Überreichung dieser Bittschrift seinen Freund als geeignetes Mit- glied jener zu gründenden gelehrten Gesellschaft empfohlen und da- durch Karl veranlaßt haben Paulus zu begnadigen und im Jahre 782 an seinen Hof zu berufen. Wenn sein Erscheinen als göttliche Fügung hingestellt wird (Str. 4), so ist das ebenso zu verstehen, wie wenn in Str. 11 der fromme König ein Ereignis, das nur das Ergebnis diplo- matischer Berechnung war, auch als solche bezeichnen läßt.
In dem literarischen Kreise bildete der damals schon hochbetagte Petrus von Pisa den Mittelpunkt. Er wurde in lateinischer Grammatik und Literatur zugleich Lehrer des Königs (vgl. Einh.Vita Caroli cap.25: In discenda grammatica Petrum Pisanam diaconem senem audivit) und auch Angilberts (vgl. Ged. XXXIX und M. G. Epp. IV 285, 6). Über seine weiteren Lebensverhältnisse und seine schriftstellerische Tätigkeit soll im Anschluß an spätere Gedichte gesprochen werden.
Die Gedichte XII und XIII entstanden jedenfalls in der ersten Zeit des Aufenthaltes des Paulus am fränkischen Hof, etwa Anfang 783; denn noch gibt dieser keine Andeutung, ob er länger bleiben wolle, und auch der König spricht nur die Hoffnung aus ihn viel- leicht doch dauernd gewinnen zu können.
Gewählt ist der volkstümliche, sehr verbreitete trochaeische Fünf- zehnsilber, der auch dem Paulus geläufig war, vgl. oben Gedicht II
58 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
und Wilhelm Mayer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik I 204.
Das überschwengliche Lob, das Karl dem Paulus für seine Lehr- tätigkeit ausspricht, ist wohl schon deshalb nicht wörtlich zu nehmen, weil er durch besondere Anerkennung seiner Verdienste ihn zum Bleiben veranlassen will. Sicher aber hat Paulus als Lehrer der griechischen Sprache wirklich etwas geleistet, da der König an drei Stellen des Gedichtes davon spricht (Str. 7, 8, 10). An der letzten Stelle preist er diese seine Tätigkeit als etwas ganz Besonderes, das nie gehofften Ruhm einträgt.
Daraus kann man zwar nicht folgern, daß in karolingischer Zeit durch Paulus überhaupt zum erstenmal das Studium des Griechischen jenseits der Alpen Eingang fand, sondern daß er es neu belebte und viele unterrichtete (vgl. 9, 1 post Graecam, multis quam ostendis, regalam). Ganz besonders war aber der König wohl deshalb darüber erfreut, weil er nun Gelegenheit hatte die Kleriker, die mit seiner Tochter Rothrud nach Byzanz ziehen sollten, durch einen Nichtgriechen unterrichten lassen zu können und es erfüllte ihn in seinem Bestreben alles zur Hebung der Bildung zu tun mit Befriedigung, daß er auch diese infolge des regen Verkehrs mit Byzanz wichtigen Studien an seinem Hofe angeregt hatte. Vor Paulus' Ankunft am Hof im Jahre 781 nach der Verlobung der Prinzessin war der Eunuch und Notar Elissaeus (Abel I 385 bis 386) beauftragt worden ihr griechische Sprache und Sitte zu lehren (vgl. Theophanes ed. de Boor I 455 y.axüdnev 'EhooaTov . . . TiQdg TO diöd^ai amrjv rd rs icbv Fgaizcbv ygä/ijuaTa xal ti]v yXwooav), Paulus kann zwar griechisch, wie aus Gest. epp. Mett. SS. II 264 hervorgeht; er hatte es in jungen Jahren am Hof in Pavia gelernt, aber seine Kenntnisse in dieser Sprache sind, wie er XIII 11 und 12 sagt, sehr gering. Das Studium des Griechi- schen lag im achten Jahrhundert im Westen vollkommen darnieder und man begnügte sich mit dem Einlernen einzelner Formeln und Verse.
Ein klareres Bild davon gibt uns ein kurzer grammatischer Traktat, der sich im Parisinus lat. 528 f. 134^ — 135 findet und zuerst von H. Omont (Bibliotheque de l'Ecole des chartes XLII 1881, 126 — 127) veröffentlicht wurde. Da das Stück sich an eine größere Anzahl paulinischer Gedichte anschließt, und zwar solcher, die am Hofe Karls entstanden sind, so kann man annehmen, daß es auf Paulus und seine Lehrtätigkeit zurückgeht. Ich habe die Handschrift,
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus.
59
die auch den Rhythmus selbst enthält, noch einmal benützt und gebe hier einen Teil des Traktates mit allen Fehlern und Eigenheiten ge- treulich wieder. In genauem Anschluß an Donat (vgl. Keil, Gramm, lat. IV 355) wird das Wort doctas grammatikalisch behandelt; die Form ist, wie so oft, dialogisch, die Methode die des /legio^uog oder emjusQiojuog (vgl. Baebler, Beiträge zu einer Geschichte der lateinischen Grammatik im Mittelalter S. 17).
TI ECTIN DOCTUS.
MEPOC ÄUrU.
TI MEPOC AUrU ECTIN.
ONOMA ECTIN.
nOCA nAPEnONTE TUTO
ONOMATIt EX.
noiA.
IIOIOTIC, CYNCPICIC, GENOC
APITHMOC, CKEMA, niHOCIC.
TINOC nOIOTITOC ECTIN.
nPOCITOPIIUAC
TIC BATMOC CINKPICEOC
ECTIN. THETICOC CYNKPICEOC BATHMI nOIO-
CIN TRIC IIOIOI THETIKOC CINKPITIKOC. YnEPTETIKOC TINOC FENOC ECTIN APENIKU. THIAIKON UDETEPU. KOINON nANTOC EniKOINON
Quid est doctus?
Pars orationis.
Quae pars orationis est?
Nomen est.
Quot accedunt huic nomini?
Sex.
Quae?
Qualitas, comparatio, genus.
Numerus, figura, casus.
Cuius qualitatis est?
Appellativae.
Quis gradus conparationis est?
Positivus.
Conparationis gradus quot sunt?
Tres.
Qui?
Positivus.
Conparativus.
Superlativus.
Cuius generis est?
Masculini.
Feminini.
Neutri.
Communis.
Omnis.
Promiscui.
Auch in der St. Galler Handschrift 899 p. 84, in der viele Stücke zum karolingischen Hof Beziehungen aufweisen, fand ich Notizen, die sich passend hier anschheßen.
60
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
NOYC nATPIKOC sensus paternus.
AOrOC verbum sive ratio.
ON quod est.
TOY ONTOC qui sit.
IIROON pexistentia.
TO MH ON quod non est.
MH ONTA quae non sunt.
AOrOI sermones.
TQ NOI sensui.
TOY ONTOC qui sit.
HYAE materia vel corpus.
MH ONTÜC non sit.
YAHN corpus.
TH YÄH huic corpori.
1. Nos dicamus Christo laudem genitoris unico, mundi legitur librorum qui creator paginis, cuius fine Clemens venit liberare perditos.
2. Ante saecula qui natus paterna substantia,
ut salvaret, quos creavit, carnem nostram induit et innumeris ostendit virtutem miraculis.
3. Rupit tartara calcato draconis imperio, cuius mors terrarum orbem vastabat invidia, vinctos diu paradysi perduxit ad gaudia.
4. Qui te, Paule, poetarum vatumque doctissime, unguis variis ad nostram lampantem provinciam misit, ut inertes aptis fecundes seminibus.
IT. UERS. petri grammatici Pf. 123— 123v.
4,1 doctissime] e auf Rasur P, doctissimum Dümmler \\ 4,2 prouintiam P \\ 4,3 aptis fecundes aus aptes fecundis corr. P.
1,1 Christo genitoris unico dem eingebornen Sohne des Vaters ; unicus = unigenitus.
2,1 ante saecula qui natus paterna substantia vgl. im Symbolum Athana- sianum : Deus ex substantia Patris ante saecula genitus.
4,1 — 2 poetarum vatumque: vates ist der dichterisch begeisterte Sänger und
poeta der schaffende Dichter. — lam- pantem Unguis variis: Er verstand also Lateinisch, Griechisch und Hebräisch und war demnach trilinguis (vgl.Poet. III 167 V. 27; 229 v. 1). Dies ist aber nur für die lateinische Sprache wörtlich zu nehmen; denn für diese Zeit waren Kenntnisse im Hebräischen eine Seltenheit. Was das Griechische betrifft, vgl. Vocbem.
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus.
61
5. Graeca cerneris Homerus, Latina Vergilius,
in Hebraea quoque Philo, Tertullus in artibus, Flaccus crederis in metris, Tibullus eloquio.
6. Tu nos gestu docuisti exemplorum credere, quod amoris agro nostri plantatus radicitus tenearis nee ad prisca cor ducas latibula.
7. Cum grammaticae Latinis fecundare rivulis non cesses nocte dieque cupientis viscera partiumque satione Graecorum sub studio,
8. Haec nos facit firmiores doctrina laudabilis vestra de permansione qua fuit dubietas,
quod te restis nostrae cinxit nee dimittit anehorae.
5,1 Greca (oft e für aej P \\ 6,1 docuisti zweimal P \\ 6,2 radictus P \\ 7,1 latinis] das erste i corr. P \\ 7,3 ratione P, satione Traube.
5,1 — 3 in Hebraea quoque Philo: Der Jude Philo war dem karolingischen Kreis aus lateinischen Übersetzungen be- kannt. Paulus nennt den in Alexandria geborenen Philosophen XIII 4 Memphiti- cus. — Tertullus in artibus: Wen Petrus damit meint, läßt sich nicht bestimmt sagen, möglicherweise den in der Apostel- geschichte (24, 1) genannten jüdischen Redner, der gegen den Apostel Paulus auftritt. Daß er ihn neben dem Juden Philo nennt, könnte dafür sprechen. — Homer galt (Poet. I 97 v. 54) als vatum summus, ohne daß er gelesen wurde, und Angilbert hatte als Mitglied des ge- lehrten Kreises Karls diesen Beinamen, Alcvin hieß mit seinem Dichternamen Flaccus. Horaz war aber jedenfalls auch nicht durch Lektüre bekannt, vgl. P. v. Winterfeld Rh. M. 60, 1905, 33. Welche Schriftsteller in der karolingischen Zeit besonders gelesen wurden, erfahren wir aus Poet. I 203 v. 1535 ff. und 543 v. 1—18.
6,1 gestu exemplorum = prae te gerens exempla — credere, quod: Die Konstruktion mit quod statt acc. c. inf., sonst eine häufige Erscheinung (vgl. in
diesem Gedicht 8,3 u. 11,1), wird von Pau- lus selten gebraucht. Aus dieser und aus der 8. Strophe geht hervor, daß Paulus noch keine Zusage machte, ob er am Hofe Karls bleiben wolle. Er scheint also noch nicht lange dort geweilt zu haben. — prisca latibula weist auf Montecassino hin, wo seine wissenschaftHche Bedeu- tung nicht solche Würdigung fand wie in der gelehrten Gesellschaft Karls.
7 — 8 Die von Traube (Neues Archiv XVII 399) vorgeschlagene Lesart pra- torumque satione bringt ein zu fecun- dare rivulis passendes Bild; vgl. auch 4,3 fecundes seminibus; doch fordert der Gedanke nicht die Änderung des überlieferten /7flr^/w/w; Petrus kann sagen, daß Paulus im Gegensatz zum Lateini- schen vom Griechischen nur die partes orationis lehre (vgl. 9). — vestra de permansione: sc. firmiores de vestra permansione, de qua fuit dubietas, quod „fester im Glauben betreffs eures Ver- weilens, daß". — Ein Vergleich dieses Gedichtes des Petrus von Pisa mit dem folgenden zeigt deutlich den Vorzug der Darstellungsweise des Paulus.
62
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
9. Credimus post Graecam, multis quam ostendis, regulam te iam doctis traditurum Hebraeorum studia, quibus ille Gamalihel doctor legis damit.
10. Magnas tibi nos agamus, venerande, gratias, qui cupis Graeco susceptos erudire tramite. Quam non ante sperabamus, nunc surrexit gloria.
11. Haud te latet, quod iubente Christo nostra filia Michaele comitante sollers maris spatia
ad tenenda sceptra regni transitura properat.
12. Hac pro causa Graecam doces clericos grammaticam nostros, <ut> in eins pergant manentes obsequio
et Graiorum videantur eruditi regulis.
12,2 ut fügte Dümmler ein.
9 post Graecam regulam, vgl. 12,3 Graiorum videantur eruditi regulis und 10,2 Graeco susceptos erudire tramite: Aus dieser Ausdrucksweise entnehme ich, daß der Unterricht im Griechischen sich nur auf einzelne grammatikalische Erscheinungen bezog. — doctis tradi- turum = die in den Kenntnissen bereits Fortgeschrittenen , Gegensatz suscepti, d. h. die in die schola palatina Auf- genommenen. — Gamalihel doctor legis, zu dessen Füßen der Apostel Paulus saß (Act. Apost. 5, 34; 22,3).
11 Während Karl im Jahre 781 sich in Rom aufhielt, warb die Kaiserin Irene für ihren zehnjährigen Sohn Konstantin um die Hand von Karls achtjähriger Tochter Rothrud (Abel I 386). Diese Ver- lobung wurde 787 wieder aufgelöst (Abel 1 569). — Michaele comitante: Michael war ein griechischer Gesandter, vgl. M. G. Epp. IV 547, 16; 556, 20). — sollers: Rothrud wird auch sonst we^en ihrer
geistigen Vorzüge gerühmt, vgl. Angil- bert Poet. I 361 v. 43 Rotthrud Carmen amat, mentis clarissima virgo. — ad tenenda sceptra regni vgl. Petrus XXI 18 nunc regni sceptra tenentis. — transi- tura properat: Damit ist jedenfalls nur gemeint, daß die Prinzessin zu dieser Vermählung Vorkehrungen trifft. Dahn (S. 47) liest aber in diesen Worten die Andeutung, daß diese schon in aller- nächster Zeit stattfinde. Da nun die Prinzessin 781, im Jahre ihrer Verlobung, nicht älter als neun Jahre war, so wäre der früheste Zeitpunkt ihrer Vermählung das Jahr 785, wo sie ungefähr das Alter ihrer Mutter Hildegard, die zwölf Jahre alt sich mit Karl verheiratete (vgl. XXVI 21 Anm.), erreicht hätte. Nach der Dahn- schen Erklärung der Stelle wäre also unser Gedicht erst 784/785 entstanden, was aber der sonstige Inhalt (vgl. Vor- bem.) nicht als annehmbar erscheinen läßt.
XIII. Antwort des Paulus.
Ich habe wohl gemerkt, von wem die mir überbrachten Zeilen stammen. Das mir gespendete Lob erscheint mir als Ironie und Spott. Nie nahm ich mir jene heidnischen Dichter, mit denen ich verglichen werde, zum Vorbild (1 — 5). Meine Kenntnisse im Grie- chischen und Hebräischen sind sehr gering, bilden aber meinen ein- zigen Reichtum und ich kann nichts anderes zum Geschenke machen als diese und meinen guten Willen. Was mich hier festhält, ist nicht Ruhmsucht, es ist der Anker eurer Liebe (6 — 9).
Wenn die Kleriker im Gefolge Deiner Tochter nur so viel griechisch reden, als sie von mir gelernt haben, dann werden sie wie Statuen erscheinen und verlacht werden. Aber einen Beweis, daß ich nicht ganz unkundig in den Sprachen bin, will ich geben. Dies lernte ich als Knabe, das andere entschwand mit den Jahren (10 — 12).' — Daran schließt sich die auch sonst bekannte römische Obersetzung eines griechischen Epigramms ohne den zugehörigen, von Paulus vergessenen Schluß.
Man hätte erwartet, daß Karl für die segensreiche Tätigkeit des Paulus nicht bloß anerkennende Worte haben, sondern ihm die Er- füllung seiner Bitte, wenn auch nicht sofort gewähren, aber doch wenigstens in Aussicht stellen würde. Daß auch Paulus dies er- wartete, beweist seine Antwort. Sie ist in sehr zurückhaltendem, manch- mal sogar kühlem Tone gehalten. In dem ganzen Gedicht, das an Karl gerichtet ist, bringt er keine andere Anrede in die Feder als gegen den Schluß rector (10,2). Man vergleiche nur die anderen am Hofe Karls entstandenen Gedichte und man wird dann diesen Punkt nicht als belanglos ansehen. Während Petrus zwei volle Strophen (6 u. 8)
54 K^rl Neff, Gediclite des Paulus Diaconus.
dazu verwendet um Paulus zu versichern, wie man ihn schätze, und wie viel Karl daran liege ihn, der nunmehr frei über seinen Auf- enthaltsort verfügen könne, an seinem Hofe festzuhalten, bringt Paulus mit einfacher Verwendung des von Petrus (8,3) gebrauchten Bildes nichts anderes als die sehr geschraubten und gewundenen Worte : anchora me sola vestri hie amoris detinet, nectar omne quod praecellit qaodqae f lagrat optime. Wenn er anfügt, daß ihn nicht eitle Ruhmsucht festhält, so konnte Karl zwischen den Zeilen lesen, daß dem Paulus als Ziel viel mehr die Befreiung seines Bruders vor- schwebte und daß diese ihm erwünschter war als das maßlos ge- spendete Lob.
Von besonderer Bedeutung scheinen mir Str. 7 u. 8 zu sein. Mit der auffallenden durch zwei Strophen hindurchgehenden und durch nichts im Gedichte des Petrus veranlaßten Äußerung, daß er keine materiellen Güter besitze und nicht wie andere solche zum Geschenk machen könne, will er Karl in verblümter Weise nur sagen: könnte ich Dir Schätze bieten, wäre mir meine Bitte vielleicht schon erfüllt worden. Wahrscheinlich enthält auch die Stelle 7,3: vitam litteris ni emam in ihrer doppeldeutigen Ausdrucksweise, insofern als er nicht sagt, wessen Leben er gleichsam durch seine wissen- schaftliche Tätigkeit erkaufen möchte, eine stille Mahnung.
Wenn man das ganze Gedicht überblickt, so erkennt man, wie fein Paulus dem König zu verstehen gibt, daß er sich mit Lob nicht abspeisen läßt und bis jetzt keinen Grund hat die Zusage seines Bleibens zu geben.
L Sensi, cuius verba cepi exarata paginis,
nam a magno sunt directa, quae pusillus detulit. Portes me lacerti pulsant, non inbellis pueri.
Versus Pauli P f. 123v— 124. 1,1 coepi P.
1 verba exarata: Worte, die ent- 1 mer), carta mit einem campus candidolus standen, indem man die Wachstafel mit i (campi albentes), die Zeilen mit Furchen
dem Griffel durchfurchte. Auch in der karolingischen Zeit wurde ein Gedicht zuerst auf einer Wachstafel niederge- schrieben; für scribere wird daher mit Vorliebe arare, perarare, sulcare, chara- xare gebraucht; penna wird mit einer zweigespaltenen Pflugschar (bifidus vo-
(occae) verglichen (XIX 1 u. 2) ; vgl. Poet. I 361 V. 45. — a magno sunt directa, quae pusillus detulit: Karl ist der Ab- sender und ein Page der Überbringer des Schreibens; an einer anderen Stelle (XVIII 6) ist es ein Adjutant des Königs (clarus miles).
Antwort des Paulus.
65
2. Magnus dicor poetarum vatumque doctissimus omniumque praeminere gentium eloquio cordis et replere rura fecundis seminibus.
3. Totum hoc in meam cerno prolatum miseriam, totum hoc in meum caput dictum per hyroniam. Heu, laudibus deridor et cacinnis obprimor.
4. Dicor simihs Homero, Flacco et Vergiho, similor Tertullo seu Philoni Memphitico, tibi quoque, Veronensis o Tibulle, conferor.
5. Peream, si quenquam horum imitari cupio, avia qui sunt sequuti pergentes per invium; potius sed istos ego conparabo canibus.
2,1 doctissimos P \\ 2,2 preminere (einige Male o, für ae) P \\ 4,2 similor aus simulor corr. P \ philoni aus philom com P \\ 5,2 auia mit c über u P.
2 entspricht der 4. Str. im voraus- gehenden Gedicht.
3 Beachte die wirkungsvolle Ana- phora verbunden mit Reim. — in meam miseriam: „Das ganze Lob ist nur vor- gebracht worden um mir meine Arm- seligkeit, das, was mir fehlt, recht zum Bewußtsein zu bringen,und alles ist Ironie"; in meum caput = in me, vgl. XXII 22 deridetque meum caput. — heu: Die handschriftliche Überlieferung ist beizu- behahen; heu ist zweisilbig gebraucht wie seu,ceuA,2 und XV^Q, 1, vgl. Traube, Karolingische Dichtungen S. 112 ff. und O Roma nobilis, Abh. d. I. Cl. d. Akad. d. Wiss. XIX Bd. II S. 320. — deridor: Ver- tauschung der Konjugation, vgl. XIII 11 deridentur, XXII 22 deridet (beides als Fut. gebraucht); X 6 stuperent.
4 bringt die Antwort auf XII 5. — Veronensis o Tibulle: Paulus verwechselt den aus Verona stammenden Catullus mit Tibullus. Von diesem sind alte Hand- schriften nicht überliefert, er war aber den Karolingern nicht ganz unbekannt.
5 avia qui sunt sequuti pergentes per invium: Beachte das Wortspiel avia- invium. Paulus verwahrt sich gegen einen Vergleich mit den in Str. 4 ge-
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA
nannten Männern, die das vom rechten Weg Abliegende im Auge hätten und dabei durch Unwegsames gingen. Er will damit sagen, daß diese Schriftsteller als Heiden in der Irre gehen, da sie nicht den rechten Weg einschlagen, den allein das Christentum zeigt, und Dinge zu er- gründen suchen (pergentes per invium) , wie der Philosoph Philo, die dem mensch- lichen Geist versagt sind (vgl. Verg. Aen. II 736 avia cursu dum sequor et nota excedo regione viarum). — potius sed istos ego conparabo canibus: Dieser Vergleich erscheint befremdend, da Pau- lus ein so gelehriger Schüler der Antike ist, aber er gebraucht ihn vielleicht in Er- innerung an Matth. XV 26, wo Jesus die Heiden auch mit Hunden vergleicht im Gegensatz zu den oves domus Israel. Möglich ist aber auch, daß Paulus sagen will: Jene Schriftsteller laufen, eben weil sie nicht den rechten Weg, nämlich den des Christentums gehen, wie die Hunde, bald hierhin bald dorthin. Im ähnlichen Sinne sagt Alcvin Poet. I 279 v. 121— 123: Converti ad dominum ne tardes tra-
mite recto; Doctrinis etiam variis non flexilis esto, Te via nam domini teneat firmissima; III, 4. 5
66
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
6. Graiam nescio loquellam, ignoro Hebraicam. Tres aut quattuor in scolis quas didici syllabas, ex his mihi est ferendus maniplus ad aream.
7. Nulla mihi aut flaventis est metalli copia aut argenti sive opum, desunt et marsuppia. Vitam Htteris ni emam, nihil est, quod tribuam.
8. Pretiosa quaeque vobis dona ferant divites, aHi conportent gemmas Indicosque lapides: meo pura tribuetur voluntas in munere.
9. Anchora me sola vestri hie amoris detinet,
nectar omne quod praecellit quodque flagrat optime. Non de Htteris captamus vanae laudem gloriae.
6,2 scolis aus scoli corr. P \\ 8,2 conportent aus conportant corr, ? P.
Sedul. carm. pasch. I 300:
Arrius infelix, qui curvaperavia rectum
Flectere nisus iter, foveam delapsus in
atram; vgl. auch Poet. I 82, 22.
6 in scolis didici: Darin liegt kein Widerspruch, wie Dahn S. 10 behauptet, mit den Angaben Hildrichs, des Ver- fassers der Grabschrift des Paulus (unten XXXVI 14): divino instinctu regalis pro- tinus aula te sumpsit alendum. Paulus wurde in der schola palatina in Pavia unterrichtet, vgl. Bern, zu XXXVI 15. — ferendus maniplus ad aream: Er muß eine Handvoll der Öffentlichkeit über- geben.
7 — 8 Ein Vergleich unseres Gedichtes mit dem vorausgehenden zeigt, daß Paulus in seiner ebenfalls zwölf Strophen um- fassenden Antwort auf jede Strophe des Petrus erwidert, nur 7 und 8, wo Paulus hervorhebt, daß er nicht im Besitze von Schätzen sei, sind durch keine Andeu- tung im vorhergehenden Gedicht ver- anlaßt; vgl. Vorbem. — nulla flaventis metalli copia vgl. Brief an Theudemar (XIV 35) nullae me, credite, divitiae, nulla praedia, nulla flaventis metalli copia a vestro poterunt separare col- legio; vgl. auch VI 132 und Brief an Adalhard (XXXI am Anfang). — con-
portent ist in Rücksicht auf ferant ein- zusetzen. Die Reichen mögen kostbare Geschenke aller Art geben, er kann nur seinen guten Willen anbieten, d. h. seine Bereitwilligkeit das zu erfüllen, was Karl von ihm wünscht. — gemmas Indicosque lapides: vgl. XXVI 6 Indica gemma; Anh. \\2 et rutilat vario Indus honore lapis. Damit kann der Beryll gemeint sein (vgl. Isid. Etymol. XVI cap. 7 Beryllus in India gignitur, gentis suae lingua nomen habens) oder auch die Perle, vgl. Plin. nat. bist. IX 106 culmen omnium rerum pr etil mar gar itae tenent. Indiens maxime has mittit oceanus.
9 nectar quod flagrat optime: Die Verwechslung von fragrare, f lagrare und auch fraglare findet sich in den Hand- schriften sehr häufig (vgl. Poet. I 3 v. 8; 98 v. 14; 128 V. 67, 133 Str. 3 u. 5; Index zu Poet. III). Hier erwartet man frag- rare, vgl. Poet. I 261 V. 34 et totum redolet pectus amore dei; Poet. I 79 V. 9 Romanis blando quantum frag- lavit (flagravit G) amore. Die Ver- wendung von flagrare, wenn von Liebe die Rede ist, lag näher; vgl. auch Grab- schrift Hildrichs XXXVI v. 33 nectareus et pacis amor. — non de Htteris cap- tamus laudem: Paulus will sich nicht durch wissenschaftliche Tätigkeit Be-
Antwort des Paulus.
67
10. Nee me latet, sed exulto, quod pergat trans maria vestra, rector, et capessat sceptrum pulchra filia, ut per natam regni vires tendantur in Asiam.
11. Si non amplius in illa regione clerici
Graecae proferent loquellae, quam a me didicerint, vestri, mutis similati deridentur statuis.
12. Sed omnino ne linguarum dicar esse nescius, pauca, mihi quae fuerunt tradita puerulo, dicam; cetera fugerunt iam gravante senio:
11,2 proferent Traube, proferunt P \ loquillae P aus i corr. P \\ 12,1 dicä P.
dedicerint das erste e
rühmtheit verschaffen, sondern nur Gott dienen. Diese Worte bilden die Erwide- rung auf XII 10: nunc surrexit gloria. — laudem gloriae: Ähnliche Ausdrucks- weisen sind in der karolingischen Zeit häufig, vgl. Index zu Poet. III unter abundantiae exempla.
10 gibt die Antwort auf XII, 11. — ut per natam regni vires tendantur: Paulus schließt sich in dieser Strophe enge an die Worte Karls an, setzt aber statt iubente Christo, worauf Bezug zu nehmen ihm eigentlich näher lag, den wahren Grund und beweist dadurch, daß er die politischen Verhältnisse wohl im Auge behalten hat.
1 1 proferent wurde in Rücksicht auf didicerint und deridentur (vgl. Bern, zu Str. 3) eingesetzt.
12 dicar esse nescius: Da die überlieferte Lesart dicam esse nescius nicht dem Sprachgebrauch des Paulus entspricht, so wurde die auch inhaltlich mehr entsprechende dicar gewählt. Da- mit man nicht sage, er habe überhaupt keine Sprachenkenntnisse besessen, so fügt er die lateinische Übersetzung fol- genden griechischen Epigramms {^Xdxxov Anth. Pal. VII 542) bei:
"Eßgov x^i/^isgioig äzalog XQVfÄoToi ÖE'&Evxog
HovQog ohoßrjQoTg tzooölv ed QavosTidyov ,
zov JtagaovQOfisvoio nsQiQgaysg av/Jv'
sxoyjsv
drjyaXsov jtozaf-iov Biarovioio xQvcpog. 5 Kai t6 [a,£v rjQTidad^rj divaig f^sQog' t] ds
XEXovoa
Xeicpdlv vjiSQ'ßs xdcpcp fxovvov edrjXE
xdga. MvQOfXEvrj 8s xdXaiva 'xixog, xixog' eIjze
'x6 (JLEV aov
TivQxal'rj, x6 8e oov Jitxgov £§ayj£v vScoq.' Paulus kann damit nicht etwa den Be- weis liefern wollen, daß er imstande sei ein griechisches Original in poetischer Form zu übersetzen, sondern nur, daß er in seiner Jugend die bereits lange vorher übersetzten lateinischen Verse kennen gelernt habe. Die Worte pauca, mihi quae fuerunt tradita puerulo, dicam etc. sagen, daß er das Gedicht aus der Er- innerung wiedergibt, das ihm einst sein Lehrer vorlegte, und daß ihm nicht alles mehr im Gedächtnis geblieben ist. — iam gravante senio: Damit ist nur gesagt, daß er sich schon alt fühlt. Da sein Geburtsjahr nicht überliefert ist, so kann man nur unbestimmte Angaben machen. Nehmen wir an, daß er als Gast an der königlichen Tafel (Hist. Lang, II 28) des Ratchis, der 744 zur Regierung kam, mindestens 18 Jahre alt war, dann fällt seine Geburt ungefähr ins Jahr 726 und er war demnach bei Abfassung dieses Gedichtes (783) bereits 57, im Jahre 786, wo er nach Montecassino zurückkehrte, 60 Jahre.
5*
68
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
DE PUERO QUI IN GLACIE EXTINCTUS EST.
Trax puer adstricto glacie dum ludit in Hebro, Frigore concretas pondere rupit aquas.
Dumque imae partes rapido traherentur ab amni, Praesecuit tenerum lubrica testa caput.
Orba quod inventum mater dum conderet urna, *Hoc peperi flammis, cetera,' dixit, 'aquis'.
Vgl. die handschriftliche Überlieferung bei Baehrens, Poet. lat. min. IV 103 und Riese, Anthol. lat.^ Nr. 709 S. 174. Demnach sind zwei Versionen zu unter- scheiden, die eine vertreten durch einen cod. Bellovacensis = W, die andere, hier wiedergegebene durch P.
1 dum ludit in Hebro] cum luderet Hebro 1^ |1 2 concretas] frenatas l^|l
3 dumque] cumque W \ rapido traherentur ab amni] fundo raperentur ab imo W \\
4 praesecuit tenerum] abscidit a iugulo U^ |1 5 orba quod] quod mox W \ urna] igni W II Bei W finden sich noch die Verse:
Me miseram! Plus amnis habet solumque reliquit, Quo nati mater nosceret interitum.
Aus Strophe 12 geht hervor, daß wir keine selbständige Arbeit des Paulus vor uns haben, wie Riese a. a. O. und M. Rubensohn behaupten (Neue Jahr- bücher für Philol. und Pädagogik CXLVII, 1893, S. 764: „Eine Übersetzung des Paulus Diaconus aus der griechischen Anthologie"). W überliefert wohl die ursprüngliche Übersetzung, wie sie Pau-
lus in der Schule kennen lernte, P die von ihm aus dem Gedächtnis nieder- geschriebene. Daher die Vertauschung des cum mit dem ihm geläufigeren dum, daher die Änderung in v. 3, die beweist, daß ihm nur noch der Klang im Ohre geblieben war, daher das Fehlen des letzten Distichons.
XIV. Brief an Theudemar.
'Wenn ich auch räumHch getrennt bin, weilt mein Herz doch stets bei Euch und die Erinnerung an all das, was ich verlassen mußte, erfüllt mich mit Wehmut (1 — 15). Trotz der guten Aufnahme, die ich überall fand, erscheint mir der Palast wie ein Kerker und ich sehne mich nach dem Frieden Eures Klosters (16 — 26). Nichts soll mich abhalten zu Euch zurückzukehren, sobald der Herr des Himmels von mir die Nacht der Trauer und von den Meinen das Joch der Knechtschaft wegnimmt und mir die Gnade des Fürsten dazu die Erlaubnis gibt. Betet für mich zu Benedikt, daß Gott mich bald heimsende (27—43).
Schreibt mir, wie es Euch und den Brüdern geht, welchen Zu- wachs ihr bekommen und wen ihr durch Tod verloren habt (44 — 58).'
Der Brief entstand im Jahre 783, wo Karl in Diedenhofen sein Hoflager hatte (vgl. Abel I 414 Anm. 3) und zwar, wie aus der poetischen Nachschrift hervorgeht, am 10. Januar. Diesen inhaltlich und auch formell dem Gedicht XIII ganz nahe stehenden Brief reihe ich nach nochmaliger Vergleichung des Parisinus lat. 528 hier an, weil sich Paulus hier gegenüber dem vertrauten und verehrten Mann, an den er den Brief richtet — es ist Theudemar, der Abt von Monte- cassino (778 — 797) — , offener ausspricht als in seinem poetischen Antwortschreiben an den König und dadurch einen tieferen Einblick in die Stimmung tun läßt, die ihn in den ersten Zeiten seines Auf- enthaltes am königlichen Hof beherrscht.
70 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Einst war ihm die Zelle in Montecassino als Kerker und Ver- bannungsort erschienen (vgl. Bern, zu den Gedichten VI u. VIII), jetzt sehnt er sich nach ihr zurück. Dieser Umschwung der Stimmung ist nicht nur dadurch zu erklären, daß Paulus während seines un- gefähr achtjährigen Aufenthalts sich in die klösterlichen Verhältnisse eingelebt und sie liebgewonnen hatte (sehr anmutig ist die Art, wie er im Geiste an den einzelnen Obliegenheiten der Kommunität teil- nimmt [22 — 26]), sondern besonders durch den Kontrast seines gegenwärtigen Lebens mit dem damaligen.
Da Karl mit rastlosem Geiste auf allen Gebieten des Staats- lebens, vor allem in kirchlichen und wissenschaftlichen Dingen durch- greifende Umgestaltungen und Verbesserungen vornahm, so stellte er auch an seine Umgebung die größten Anforderungen und es ist kein Zweifel, daß besonders Paulus wegen seiner vielseitigen Bildung ihm bei der Durchführung seiner Maßnahmen mit Rat und Tat behilflich sein mußte. Wie oft mag ihn wohl gerade in der ersten Zeit, wo der Grund zur Hebung des wissenschaftlichen Lebens gelegt werden sollte, Karl veranlaßt haben sich schriftlich oder mündlich über be- stimmte Punkte zu äußern oder zur Belehrung des Königs und zur Klärung strittiger Punkte mit einem anderen Gelehrten zu disputieren oder zur Unterhaltung Gelegenheitsgedichte zu machen und zwar in einer Zeit, wo Paulus nicht die entsprechende Stimmung hatte. Nimmt man dazu die anstrengende Lehrtätigkeit, die er, wie alles andere, mit um so größerer Gewissenhaftigkeit ausübte, als er dadurch eher für seinen Bruder die Gnade des Königs zu erringen hoffte, so be- greifen wir, wenn ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht nach der be- schaulichen Stille und Ruhe des Klosters ergriff und er an seinen Abt die Worte schrieb: Ad conparationem vestrl coenobii mihi pala- tium carcer est, ad conlationem tantae, quae apud vos est, guietis hie mihi degere tempestas est.
Auch hier sagt er deutlich, daß er bei seinem Aufenthalt nur den Zweck verfolge die Befreiung seines Bruders zu erwirken und daß er, unbeeinflußt durch die glänzenden Aussichten, die ihm ein Bleiben am Hofe eröffnete, heimkehren wolle, sobald es möglich sei. Dabei aber verschweigt er nicht, daß Karl sich ihm gnädig zeigte.
Brief an Theudemar.
71
AMABILLIMO ET TOTIS MIHI PRAECORDIIS DILECTO
DOMINO MEO, PATRI ABBATI THEUDEMARI, PAULUS
PUSILLUS FILIUS SUPPLEX.
Quamvis prolixa terrarum spatia corpore tenus a vestro con- sortio dividant, iungit me tarnen utcumque vestro coetui tenax et 5 quae dividi numquam poterit Caritas, tantusque singulis paene mo- mentis me vester meorumque seniorum et fratrum amor excruciat, quantum nee epistolaris valet relatio nee pagellarum exponere bre- vitas. Cum enim menti subeunt occupata tantum in divinis operibus otia ac mei statio hospitioli gratissima, cum vester pius et religiosus lo affectus, cum sancta tantorum Christi militum divinis cultibus insudans caterva, cum singulorum fratrum in diversis virtutibus exempla ful- gentia, cum dulcia supernae patriae perfectionum colloquia, haereo, stupeo, langueo nee inter imo pectore tracta suspiria retinere lacrimas possum. 15
Inter catholicos et christianis cultibus deditos versor; bene me omnes accipiunt, benignitas mihi affatim amore nostri patris Benedicti et vestris meritis exhibetur; sed ad conparationem vestri coenobii mihi palatium carcer est, ad conlationem tantae, quae apud vos est, quietis hie mihi degere tempestas est. Solo ab hac patria debili 20 corpusculo teneor, tota, qua solum valeo, mente vobiscum sum. Videorque mihi nunc suavibus nimium vestris Interesse concentibus, nunc consedere satiandis in caenaculo plus lectione quam cibo, nunc
INCP EPISTOLA P/. 127.
6 pene (häufig e statt ae^ P \\ 9 diuinis] u auf Rasur P \\ 14 imo über i stehen zwei Punkte und darüber ein Budistabe wie i P \ retenere P \\ 16 deditos aus deditus corr. P \\ 17 benignitas Traube, benigniter P.
3 — 10 pusillus filius supplex vgl. Anm. zum Anfang des Briefes an Adel- perga (III). — quae dividi numquam poterit Caritas: Ähnlicher Gedanke bei Alcvin M. G. Epp. IV 53, 11. — occu- pata tantum in divinis operibus otia: In diesen Worten liegt, daß seine Tätig- keit am Hofe meist weltlichen Dingen gewidmet war. — cum vester: Die Ana- phora tritt in diesem Brief besonders häufig auf, vgl. 22, 27, 34.
11 — 14 sancta Christi militum ca- terva vgl. 27 Sacra et venerabilis pha- lanx; VI v. 147 u. 148 sancta phalanx. — inter imo pectore tracta suspiria vgl. Ovid. Met. X 403 suspiria duxit ab imo pectore.
21 — 26 tota, qua solum valeo, mente vgl. Brief an Adalhard XXXI inter- ioribus oculis, quibus solis valeo. — ad instar auch sonst von Paulus gebraucht Gest. epp. Mett. SS. II 267; Hist. Lang. I 14; IV 47.
72
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
singulorum considerare in diversis officiis studia, nunc gravium iam
25 senio seu languidorum, quomodo quisque valeat, perdiscere causas, nunc ad instar mihi paradisi dilecta sanctorum terere limina.
Crede, pater et domine, crede sacra et venerabilis phalanx, solo me affectu misericordiae, solis pietatis precibus, solis animae hie profectibus ad tempus detineri; et, quod his est ampHus, tranquilH
30 nostri regis et domini potestate. Ceterum quam primum valuero et mihi caeH dominus per pium principem noctem maeroris meisque captivis iuga miseriae demiserit, si tamen quomodocumque clemen- tissimi principis iocundum quivero emereri permissum, mox ad vestra consortia nulla aha, vita comite, detentus occasione repedabo. Nullae
35 me, credite, divitiae, nulla praedia, nulla flaventis metalli copia, nullus quorumlibet affectus a vestro poterunt separare collegio.
Te itaque, pater dulcissime, vosque, o carissimi patres et fratres, inploro, pro me continue beatissimum communem patrem et prae- ceptorem poscere dignamini Benedictum, ut suis apud Christum ob-
40 tineat meritis, ut me quantocius dignetur reddere vobis. Spero equi- dem in deo nostro, qui numquam in bonis patitur desideriis quem- quam fraudari, quod me secundum anhelantis mei cordis desiderium vobis citius restituat cum congruo fructu.
26 terrere P \\ 27 phallanx P \\ 28 me] mea P \ precibus Waitz, patri- bus P, visceribus Lebeaf \\ 29 deteneri P \ tranquilli Dahn, tranquill a P |1 31 meis qua P \\ 34 decentus P \\ 35 me credite nicht lesbar P \ flaventis aus labentis corr. P \\ 36 a vestro] auexo P \\ 39 obteneat P \\ 40 quantotius P.
27 — 29 solo me affectu misericordiae: In diesen Worten gibt er deutlich an, was ihn noch festhäU, nämlich das Ge- fühl des Mitleids für die Seinen, ihre Bitten und der Gewinn, den er durch ihre Befreiung für seine Seele erringt; damit kann er seine innere Ruhe meinen oder das angenehme Gefühl anderen Gutes getan zu haben. — tranquilli nostri regis et domini potestate: Daß Karl ihn nicht fortlassen will, ist deutlich auch in XII 6 u. 8 ausgedrückt; vgl. auch XIII 9 ancora me sola vestri hie amoris detinet; man beachte auch, daß er Karl immer den gnädigen Fürsten nennt (tran- quillus, pius, clementissimus) .
31 — 35 mihi noctem maeroris meis- que captivis iuga miseriae: Mit der Be-
freiung der Gefangenen schwindet auch seine Trauer, vgl. zum Gedanken XXI v. 12 taetro maerore relicto; v. 9 quod tepost tenehras fecit cognoscere lumen. — nulla flaventis metalli copia: Diese wört- lich in XIII 7 von Paulus gebrauchten Worte bestätigen die nahen Beziehungen zwischen diesem Gedicht und unserem Brief.
40 — 52 ut me quantocius dignetur reddere vobis: In den prosaischen Schriften des Paulus finden sich nicht selten Vers- schlüsse oder ganze Verse, vgl. Neff, De Paulo D. Festi epitomatore p. 8. — cum congruo fructu: Mit dem ent- sprechenden Erfolg meint er die Be- freiung der Gefangenen. — pro nostris dominis eorumque exercitu: Es ist nicht,
Brief an Theudemar.
73
Superfluum vobis aestimo, ut effundatis preces pro nostris dominis eorumque exercitu, scribere, cum sciam vos in hoc ipso 45 semper insistere; pro domno illo abbate, sicut et facitis, Christum deposcite, cuius hie singulari post principalem munificentiam nutrior largitate. Tanta mihi, carissimi, vestra illuc copia existit, ut, si vehm vos singulariter nuncupare, tota haec vestris nominibus pagina non possit sufficere. Unde generahter omnibus et opto et scribo salutem, so obsecrans, ut non obHviscamini mei. Te vero, mi domine et vene- rabihs abba, seu quicumque es, nonne praeposite, peto, ut mihi scribi faciatis de vestra fratrumque salute, vel quales vobis fructus praesens annus adtulerit; utque eorum fratrum mihi dirigatis cum nominibus numerum, qui mundanis exuti vincuHs migrarunt ad Christum. Nam 55 plurimos obisse audio; sed nominatim nonnum illum, qui, si vere ita est, mei cordis partem non modicam abstuHt secum. Vale, pater sanctissime, et memor esse dignare fiUoU tui.
lam fluebat decima de mense diecula lani,
Margine de vitreae cum sum directa Mosellae. ^
Cum patre melHfluo, fratres, sine fine valete!
48 ex istit P \ und i eine Rasur P wischt P.
ut aus et corr. P \ uellim P \\ 56 nominatim] zwisdien t I 59 diecula] deicola? P \\ 60 mosellae fast ganz ver-
wie Dahn S. 31 will, an Karl und seine Söhne Pippin und Ludwig zu denken, da diese seinem Herzen noch ferne stehen und ihm noch als die Feinde seines Vaterlandes und seiner Familie erscheinen. Er bezeichnet damit Äbte oder Kloster- vorstände mit ihren Mönchen, vgl. XIV 11 sancta Christi militum caterva. — dom- no ilL: Möglicherweise stand an Stelle des ///. der Name Adalhards, des Abtes von Corbie an der Somme, der infolge seiner Bekanntschaft von Montecassino her sich jedenfalls des Paulus annahm, als er am Hofe Karls erschien (vgl. Vor- bem. zu XXXI). — seu quicumque es, nonne praeposite: Schon Lebeuf erschie- nen diese Worte auffähig und er änderte deshalb quocumque es nomine. Bethmann nimmt an, daß dies ein Zusatz ist, der
nachträglich gemacht wurde, als man den Brief für die Klosterschule als Muster ab- schrieb. Dem Schüler soHte gesagt werden, daß er, wie hier Paulus seinen Abt anredet, er die Anrede zu wählen habe, die seinem Adressaten zukommt. Man kann auch denken, daß Paulus, lange ohne Nach- richt von Montecassino geblieben, die Möglichkeit nicht ausschließen will, daß an Theudemars Stelle, der abwesend oder gestorben sein könnte, ein anderer älterer Bruder den Brief in Empfang nimmt.
53 quales fructus: Paulus erkundigt sich, wie der Zusammenhang ergibt, nicht nach der Ernte, sondern nach dem Zu- gang neuer Mönche.
59 fluebat: vgl. die Anm. zu X 6. — Die Verse bilden gleichsam die Adresse zu dem Brief, vgl. XXXIX.
XV. Grammatische Rhythmen.
In diesen beiden rhythmischen Gedichten werden 40 Perfekt- formen der vier Konjugationen aufgezählt und zwar so, daß das II. Gedicht einen Nachtrag zum I. liefert.
Sie sind in der Pariser Handschrift lat. 7530 (Q) überliefert, wo f. 5^ eine prosaische Abhandlung de speciebus praeteriti perfecti beginnt. Daran schließt sich f. 7^ der I. abecedarische Rhythmus. Ihm folgt f. 8 ein II. aus 10 Strophen bestehender, deren Anfänge die Worte Paulus feci bilden.
Schon die ersten Herausgeber (Nouveau traite de diplomatique I 293), dann Dümmler (Poet. I 625) und Traube (Neues Archiv XV 200) erkannten darin ein Werk des Paulus Diaconus, denn dieser be- schäftigte siciT viel mit grammatikalischen Studien (vgl. die Ausgabe seines dialogisierten Donat von Amelli, Montecassino) und war am Hofe Karls auch als Lehrer der Grammatik tätig. Er ist ferner der Verfasser andrer rhythmischer Gedichte und verwendete auch sonst die Form des Akrostichons (II und XVI).
Das wichtigste Beweismittel bietet aber die handschriftliche Ober- lieferung. Die in beneventanischer Schrift geschriebene Pariser Hand- schrift stammt ohne Zweifel aus Montecassino und P. Lejay (Revue de Philologie XVIII 42 — 52) verlegt ihre Abfassungszeit ins Jahr 779.
Traube bezweifelt aber, daß der Parisinus mit den Rhythmen des Paulus „soas ses yeux oa du moins par ses ordres" entstanden sein könne, da er dafür zu fehlerhaft geschrieben sei; er hält es für möglich, daß er aus einer älteren Vorlage vom Jahre 779 abgeschrieben wurde (Traube, Textgesch. S. 112). Zur Entscheidung dieser Frage ist zunächst festzustellen, daß die Darstellung in formeller und inhalt- licher Beziehung die Annahme zweier Verfasser fordert und der I. Rhythmus nicht von Paulus verfaßt sein kann.
Grammatische Rhythmen.
75
Da er nichts anderes ist als eine rhythmische Bearbeitung der Grammatik des Diomedes, so haUe ich es für sehr wahrscheinlich, daß er erst entstand, als Adam die Bibliothek Karls mit einer Ab- schrift der Grammatik des Diomedes bereicherte, wofür er mit der Abtei Wasmünster belohnt wurde (Poet. I 93 c.VI), also nicht vor 780. Weil nun Karl im nämlichen Jahre die wissenschaftlichen Studien an seinem Hofe neu belebte, so liegt der Gedanke nahe, daß der um die gleiche Zeit von ihm berufene Grammatiker Petrus von Pisa, sein Lehrer in der Grammatik, im Jahre 781 den Diomedes rhythmisch behandelte um ihn dadurch leichter zu Lehrzwecken verwenden zu können. Als aber Paulus Diaconus im Jahre 782 an den karolingischen Hof kam und seine Lehrtätigkeit begann (vgl. XII 7 cum grammaticae Latinis fecundare rivalis non cesses), verfaßte er den II. gramma- tischen Rhythmus, das Resultat eigener Studien, zur Ergänzung des I. Beide bildeten dann als ein Ganzes die Grundlage für die grammati- kalischen Unterweisungen am Hofe. Als Paulus wieder nach Monte- cassino zurückgekehrt war, also nach 786, wurde die Abschrift ge- macht, die wir im Parisinus vor uns haben. Verlegt man mit P. Lejay die Entstehung unserer Rhythmen in das Jahr 779, in dem Paulus Diaconus noch als Verbannter in Montecassino lebte, so könnten wir folgern, daß er schon hier als Lehrer der Grammatik tätig war. Die vielen Fehler, die sich in beiden Rhythmen und besonders im I. finden, lassen es aber als vollkommen ausgeschlossen erscheinen, daß wir im Parisinus eine erste Niederschrift oder etwa das Hand- exemplar des Paulus haben.
L Adsunt quattuor in prima iunctione species: 'a' ex eis prima habet in perfecto tempore, una syllaba plus, ut est famulavi famulo.
2. Bino loco constituta est secunda species, quae 'a' vitat et in solam 4' vocalem desinit sine Ulla consonante, ut est sono sonui.
1 vgl. Diomedisart.gramm.I (Gramm, lat. ed. Keil I 364, 15 (Coniugationis primae temporis perfecti formae sunt quattuor . . . prima est, in qua semper 'a' inest et una abundat syllaba . . .
famulo famulavi.
2 Diom. p. 365, 25 Secunda forma est, quae ... 'a' libentius vitat et in 'i' littcram purum desinit milla duce con- sonante, ut est sono sonui.
76
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
3. Continetur isto modo tertia iam species, alebh litteram non habet atque eius syllabae iteratio fit, sicut obsto obstas obstiti.
4. Dicam <iam> de forma quarta, quae sie solet fieri: in 'vi' syllaba finitur, sed transacto tempore prima brevis prolongatur, lavo lavi <sic>ut est.
5. Ecce quinque formis adest secunda coniunctio, cuius prima in 'i' cadit absque consonantibus, cuius tale est exemplum: splendui et splendeo.
6. Forma sequitur secunda, quam si cupis discere, mox dicemus: est correpta instanti in tempore, sed producitur perfecto, sedeo ut sedi est.
7. Genus tertiae iam modo formulae dicendum est: terminatur *i', sed prima geminata syllaba,
ut est spondeo spopondi, quae perit conposita.
8. Hinc iam quartae prosequamur ordinem speciei, cuius terminum 'si' tenet ultima conplexio, haereo ut est et haesi et arsi et ardeo.
9. Inde quinta in 'xi' exit, ceu ruxi luxi est. Vidi quoque sive prandi aut nullius formulae verba sunt aut sextam sibi vindicabunt speciem.
3,2 atque eius] et eiusdem Dümmler \\ 4,1 iam fügte Dümmler ein || 4,3 brebis Q \ labo Q \ ut (?, sicut Dümmler \\ 5,1 coniugatio Q, corr. Dümmler \\ 6,1 qua si Q \\ 7,3 spopondiq Q, corr. Dümmler \\ 8,3 et hes. Q \\ 9,1 exit] exi Q.
3 atque eius syllabae: nämlich die- jenige Silbe, die 'a' nicht hat. Es ist nicht nötig mit Dümmler et eiusdem syllabae zu schreiben; vgl.Diom.p.366,7 Tertia forma est, qua 'a litter a eximitur et iteratio syllabae fit, ut . . . obsto obstiti.
4 Diom. p. 366, 17 Quarta species in 'vi' quidem syllabam desinit, sie ta- men ut prior syllaba, quae in praesenti correpta fuerat, perfecto tempore pro- ducatur, ut lavo lavas lavi.
5 Diom. p. 366, 21 Secundae con- iugationis formae sunt quinque: prima est, quae in '/' litteram cadit nulla duce consonante, splendeo, splendui.
6 Diom. p. 366, 31 Secunda forma est, qua prima syllaba ex correpta per- fecto producitur, sedeo sedi.
7 Diom. p. 366, 33 Tertia forma est, quae desinit quidem in '/' litteram praepositis consonantibus variis, sed inceptiva verbi littera sive syllaba ge- minata, ut . . . spondeo spopondi . . .; adiecta vero praepositione geminatio cessat syllabae.
8 Diom. p. 367, 5 Quarta forma est, quae desinit in 'si' syllabam, ut . . . ardeo arsi, haereo haesi.
9 ceu ist zweisilbig zu lesen, vgl. oben S. 65 (Anm. zu XIII); es ist aber nicht ausgeschlossen, daß ruxi vel luxi
Grammatische Rhythmen.
77
10. Koniugationis novem tertiae sunt species, coniugationis primae quarum prima quidem est: alfam habet in 'vi' cadens, pasco pavi quäle est.
11. Lucide dicamus eia de secunda specie: multiformis haec *i' tenet nulli iunctam grammati; colo colui, exemplum si requiras, istud est.
12. Modus tertiae iam formae a nobis dicendus est, cuius inceptiva semper syllaba gemella est,
ut est pungo et pupugi, nam et punxi lectum est.
13. Namque quartae normae (modus) non praetereundus <est>, cuius clausulam supremam *es' et 'iota' retinent:
ludo lusi hoc utuntur exemplo grammatici.
14. Optat si quis quintam scire, sensum huc accomodet: in 'xi' longa haec desistit, ut cinxi vel coxi est, sunt et alia, quae versus non valet recipere.
10,1 Koniugationis] g auf Rasur Q \\ 10,3 habens in ui cadens Q, habens in 'vi' cadit Dümmler \\ 11,2 multiformem Q \\ 12,1 est] dicendus eius Q, corr. Dümmler \\ 12,2 syllaba] b auf Rasur Q \ gimella Q \\ 13,1 modus und est von Dümmler hinzugefügt \\ 13,2 clausula Q \ iotam Q \\ 13,3 lusi] ludi Q, corr. Dümmler.
est die richtige Lesart ist, vgl. 14, 2 in 'xV longa haec desistit, ut cinxi vel coxi est; Diom. p. 367, 10 Quinta forma est, quae extrema syllaba in 'xi' litteras cadit ut . . . rugeo ruxi, lugeo luxi . . . Duo sane verba video et prandeo, quae nullius formae regulam servant, aut rede excipientur aut sextam sibi for- mam vindicabunt, ut video vidi, prandeo, prandes prandi.
10 alfam habet in vi cadens: diese Lesart wurde besonders in Rücksicht auf 3,2 und auf die Stelle bei Diom. p. 367, 18 gewählt: Coniugationis tertiae . . . for- mae sunt novem. Prima est, quae desinit quidem in 'vi' syllabam, sed ... 'a' habet . . . ut pasco pavi.
11 multiformis haec sc. species: Wie vielgestaltig diese Art ist, ersieht man aus den bei Diom. p. 367, 21 angegebenen Beispielen: Secunda forma in 'i' purum
litteram desinit, ut . . . colo colui . . . in- cumbo incubui, consulo consului, pecto pexui, pono posui, gigno genui.
12,3 nam = sed (vgL 13,1; 20,2). Diom. p. 367, 28 Tertia forma est, quae desinit in '/' quidem litteram appositis variis consonantibus , sed inceptiva verbi litte ra sive syllaba geminata in hunc finiuntur modum . . . pungo pu- pugi . . . sed et punxi dicimus.
13,2 Diese Lesart findet ihre Be- stätigung in 8,2 cuius terminum 'si' tenet ultima conplexio und in 22,2 eius sigma atque iota retinent f ine m; iota wird nicht dekliniert (22,2 u. 23,2); Diom. p. 369, 1 Quarta forma est, quae desinit in 'si' syllabam, ut . . . ludo lusi.
14 Diom. p. 369, 9 Quinta forma est, quae desinit in 'xi' syllabam, ut . CO quo coxi, cingo cinxi.
78
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15. Post haec suo sexta loco formula concxa est, quae 'vi' syllaba finitur <in perfecto tempore, ut est cupio cupivi et sapivi sapio).
16. Quo na<m> ter<minetur modo septima iam praedico). <Cui>us ter<minum *i' tenet), 'e' sedet in limine,
et ex agili pigriscit, capio ut cepi est.
17. Rite sequitur octava, quam concludit littera consonantibus 'i' iuncta, uti verto verti est. Oritur haec <in> instanti a persona media.
18. Superest, ut nona harum scribatur posterior, cuius semper bis pulsatur ultima conplexio, ut est abdidi <et abdo> sie dictum accipimus.
19. Transeamus hinc ad quartam quam nonnulli nominant coniugationem: formis haec ex quinque prima est, quae ut garrio garrivi in <per>fecto duplex est.
20. Venit iam secunda forma, textus tum vicesima, 'ui' namque terminatis modus litteris sonet,
ut est volo voluique, malo atque malui.
15,2 — 3 und 16,1 — 2 diese Zeilen in Q fast gänzlidi zerstört \\ 16,2 in limine resedet (et.?) Q \\ 16,3 coepi Q \\ 17,1 sequuntur Q \\ 17,2 consonantibus] b ist nur undeutlich zu erkennen Q \ consonanti iota Dümmler \\ 17,3 in- stanti Q, ab instanti Dümmler \\ 18,3 et abdo fügte Traube ein \\ 19,3 infecto Q, corr. Dümmler \\ 20,1 venit] i zwischen n und t darübergesdirieben Q \ forma
15 Diom. p. 369, 25 Sexta forma est, quae desinit in 'vi' syllabam, ut cupio cupivi, sapio sapivi et sapui.
16 in limine = initio vgl. VII 3 aetatis ipso limine. — ex agili pigriscit = 4,3 brevis prolongatur; Diom. p. 370, 2 Septima forma est, quae desinit in 'i' quidem litteram, ita tamen ut instantis syllaba prima correpta perfecto tempore producatur, ut . . . capio cepi.
17 in instanti vgl. 6,2 instanti in tempore; Diom. p. 370, 10 Octava forma est, quae desinit in '/' quidem litteram, ita tamen ut a secunda persona in- stantis temporis venire videatur, ut . . . verto verti.
18 Diom. p. 370, 12 Nona forma est.
quae desinit in 'di' syllabam, ita tamen ut iteratio mediae syllabae fiat . . . ab- do abdidi.
19 Diom. p. 370, 24 Coniugationis tertiae productae, quam quidam quartam nominant, formae sunt quinque. Prima est . . . ut garrio garrivi garrii. — Dio- medes teilt wie Donat und Probus die 3. Konjugation in die mit kurzem und langem 'is' in der 2. Pers. Sing., Priscian spricht nur von vier Koniugationen. Diese werden seit Diomedes an amo doceo lego audio gelernt (vgl. Baebler, Beiträge zu einer Geschichte der latein. Gram- matik im Mittelalter S. 60).
20 'ui' namque terminatis litteris vgl. 7,2 terminatur '/'; II 2,1 'io' termi-
Grammatische Rhythmen.
79
21. X. in tertia in 'eo' vocalibus desinit,
quae ut prima in Vi' exit nee tarnen bifida est: est exemplum eo ivi et queo similiter.
22. Ymnum Christo decantantes quartae textus formulae scripti tenus, eins sigma atque iota retinent finem, farcio et farsi ut solemus dicere.
23. Zeta tandem adtingentes, nunc supremae formulae, quae 'x' habet ante iota, depromendus ordo est, ut est sanxi: Diomedessic de his locutus est.
textus tum vicesima] formam tous tu uicesima Q, forma totius vicesima Dümmler, in textu vicesima Traube \\ 20,2 nonaque terminaris Htteris modus resonet Q, in 'ui' qui terminatis Htteris modus sonat Dümmler, in 'ui' qui terminatis modus sonat litteris Meyer, in 'ui'que terminalis htteris quo 'u' sonet Traube \\ 20,3 uoluique Q \ atqu(^ Q II 21,1 desinit vocalibus Dümmler \\ 22,1 textu Q \\ 22,2 scriptotenus Dümmler \ sima Q \\ 22,3 farsio Q \\ 23,1 adtengentes Q.
natas formas, 3,1 'ui' terminatur; Diom. p. 371, 3 Secunda forma est, quae de- sinit in 'i' litteram puram, ut volo volui, malo malui.
21 vocalibus desinit: Trotz des Wi- derstreites zwischen Rhythmus und ge- wöhnlicher Betonung ist diese über- lieferte Stellung beizubehahen, vgl. 12,3 pungo et pupugi; 21,2 bifida est. Diom. p. 371, 4 Tertia forma est, que desinit in 'vi' quidem syllabam ad similitudinem
primae formae .. .ut queo quis quivi, . . eo ivi.
22 decantantes: Der gleiche Ge- brauch des Part. Rel. wie 23,1 adtingentes. — eius sc. formulae. — Diom. p. 371, 13 Quarta forma est, quae desinit in 'si' syllabam, ut farcio farsi.
23 Diom. p. 371,15 Quinta forma est, quae desinit in 'xi' syllabam, ut sancio sanxi.
IL
1. Post has nectit subsequentes in secunda species septimam atque octavam sapientum Studium, ut est deleo delevi, gaudeo gavisus sum.
1,1 species Q, specie Dümmler \\ 1,2 optavam Q.
1 in secunda sc. iunctione vgl. 2,1 ad correptam tertiam; verbinde post has
species nectit subsequentes.
80
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
2. Addunt etiam <et> istas ad correptam tertiam 'io' terminatas quinque formas, nam est decima supra nonam *o' *vi' mutans, ut cupivi cupii.
3. 'Ui' terminatur sequens, ut sapio sapui. Sigma litteram bis sena, ut percussi, geminat. In „xi", ut aspexi, exit tertia et decima.
4. Leniter hinc bis septena, ut salio salii, geminatur. Sex sunt 'io' terminatae formulae tertiae correptae, binas bis producta retinet.
5. 'Uo' terminata verba duas habent species: quinta decima fit ita: induo <et> indui. Instruo instruxi datur formae sextae decimae.
6. Septima, ut ago egi, 'a' *e' mutat decima,
fitque longa, sed non crescit subsequenti formula. mutat *a', ut frango fregi, *n' et perit consonans.
7. Fit hoc species tenore nona atque decima, 'i' sine vocalem solam, perimitur consonans, scindo ut est atque scidi. Addamus vicesimam.
8. Exit haec in „psi", ut carpsi. Prima et vicesima 's', ut messui, habetur geminata littera.
Hinc, ut fisus sum, secunda ad passivum transmeat.
2,1 et fügte Dümmler ein \\ 2,3 'i' 'vi' Dümmler, 'io' 'vi' mutans Traube \ cupii Q, cupio Vollmer \\ 3,1 sapio sapii Q, sapui sapio Dümmler \\ 3,2 s. litte- ram Q II 3,3 in cxi Q \\ 4,1 salii] sisili Q \\ 5,2 et fügte Dümmler ein \\ 7,2 'i' (aus n) sine uocali sola Q.
2 decima supra nonam: Er fügt zu den im vorhergehenden Rhythmus auf- gezählten neun Arten noch eine zehnte; vgl. 9,2 sexta super illas quinque. — 'o' 'vi' mutans: Das 'o' von cupio wird in 'vi' verwandelt. Es ist kein Grund die überlieferte Lesart zu ändern.
4 salio salii vgl. Diom. p. 374, 5 Salio : perfectum suavius enuntiare vide- mur salii, quasi munii; sed plerique
veter um salui dixerunt. — sex sunt 'io' terminatae formulae: Paulus zählt hier nur fünf auf: cupio sapio percutio aspicio salio, rechnet aber capto im vorher- gehenden Rhythmus dazu. — binas bis producta retinet: er meint garrio farcio sancio in 1 19, 22 u. 23 und aperio in II 9. 7,2 Man möchte lieber stellen: sine '/' vocalem solam, consonans perimitur.
Grammatische Rhythmen.
81
9. Coniugationi quartae una tantum iuncta est,
hoc est sexta super illas quinque, ut praemissum est: 'io' aperio, mutat quae 'ui' aperui.
10. Istas si quis quadraginta <species didicerit), . . . quid . certe . . tur. . humiliter.
9,3 quae mutat in ui (? |j 10,1 — 3 in Q größtenteils durch Feuchtigkeit zerstört. Nach Istas si quis quadraginta beginnt 8"^. Den Schluß bildet: EXPLICIT DE SPECIEBUS PRETERITI PERFECTI.
9 ut praemissum est im vorher- gehenden Gedicht. — 'io' aperio: die gleiche Betonung wie 3,1 sapio, 4,1 salio. — 'ui' ist wie 3,1 zweisilbig zu lesen. — 'io' mutat 'ui' vgl. 2,3; 6,1.
10 quadraginta: 24 im I. und 16 im II. Rhythmus. — Eine Ergänzung der
lückenhaften Strophe versuchte ich ohne Erfolg. Der Sinn scheint zu sein: Wer diese 40 Perfektformen kennt, der hat sichere Kenntnisse. SchließHch fordert der Dichter den Leser auf für ihn zu beten, etwa mit den Worten: Pro me tarnen posce, lector, dominum humiliter.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. 111, 4.
XVI.
Rätsel.
^Etwas Schöneres als ich bin, gibt es nie in einem Pokale. Mir gebührt der Vorrang. Durch meine Kräfte kann ich viele täuschen. Gesetz und Recht verlieren ihre Wirkung. Wer reichlich mich ge- nießt, wird staunend meine Kraft spüren (1 — 6).'
Die Anfangsbuchstaben dieses Rätselgedichtes geben den Namen Paulus. Daß der Verfasser unser Paulus ist, dafür sprechen mehrere triftige Gründe. Abgesehen davon, daß ihm die Form des Akro- stichons nicht fremd war (oben I und XV") und wir ihn auch als Verfasser von Rätselgedichten kennen lernen werden, ist es besonders die Oberlieferung und die Form des Gedichtes, die zweifellos auf Paulus Diaconus hinweisen.
In der Leipziger Handschrift Rep. I 74 saec. IX (L) ist fol. 15^ — 24 eine größere Sammlung von Rätseln unter dem Titel Questiones enig- matum rhetoricae aprtis (^= artis) überliefert. Sie wurde heraus- gegeben von P. Brandt im Tirocinium philologicum des Bonner Seminars S. 101 — 133 und von W. Meyer aus Speyer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik II 161 ff.
Für die Autorschaft sprechen folgende Gründe. Vor allem, daß unser Gedicht in einer Handschrift steht, die zweifellos paulinische Gedichte enthält. Dann auch seine Eigenart. Meyer hat durch ge- naue Untersuchung von Form und Inhalt nachgewiesen, daß jene Rätsel in der Lombardei entstanden und zwar im 7. oder 8. Jahr- hundert. Sie bestehen aus rhythmischen Hexametern, die Meyer (a. a. O. S. 16) auch langobardische nennt, weil er sie nur in lom- bardischen Inschriften fand und auch der Inhalt für diese Herkunft spricht. Unser Rätsel, ebenso sechszeilig wie die vorausgehenden, schließt nun die Reihe dieser langobardischen Rätselgedichte ab und weist schon dadurch zweifellos auf unseren Paulus hin.
Wenn man nun erwägt, daß Karl der Große seinem gelehrten Kreise nicht bloß ernste Fragen vorlegte, sondern eine besondere Freude daran hatte, wenn Rätsel aufgegeben und gelöst wurden, so
Rätsel. 83
erscheint es sehr wahrscheinHch, daß Paulus diese langobardische Rätselsammlung als Beitrag lieferte, damit man ähnlich wie bei den Epitaphiensammlungen Muster habe, wie derartige Dichtungen ge- macht werden könnten. Zugleich aber wollte er diese Sammlung nicht überreichen ohne selbst eine Probe seines Könnens geliefert zu haben und dabei gleichsam sein Künstlersignat zu geben.
Man darf aber nicht annehmen, daß die ganze Sammlung der langobardischen Rätsel, die in mehreren voneinander stark abweichen- den Handschriften vorkommt, Paulus zum Verfasser hat. Wahrscheinlich fand er sie bereits vor und stellte sie in etwas geglätteter Form an die Seite der zahlreichen ähnlichen hauptsächlich angelsächsischen Samm- lungen, die damals, vielleicht durch Alcvin verbreitet, am fränkischen Hof behebt waren, wie denen des Aldhelm, Eusebius und Bonifatius. Gerne las man damals auch den sogen. Symphosius (Baehrens IV 364).
Unser Rätselgedicht ist jedenfalls in der ersten Zeit seines Auf- enthalts am Hofe Karls entstanden, also zwischen 782 und 786.
Die hier gebrauchten rhythmischen Hexameter sind Nach- bildungen des quantitierenden Hexameters, wobei aber der Wort- akzent maßgebend ist. Jede Zeile schließt wie der gewöhnliche Hexameter, ohne daß auf die Quantität der Silben Rücksicht ge- nommen ist. Beim Lesen der Verse betone man, wie die Prosa es verlangt. Sonst verweise ich auf die oben angeführten eingehenden Untersuchungen W. Meyers (S. 13 — 16). Über ähnlich gebaute Verse, die im 6. Jahrhundert in Montecassino entstanden, vgl. Traube, Text- geschichte der Regula S. 91.
Pülchrior me nüllus | versätur in pöculis ümquam, Ast ego primätum | in Omnibus teneo sölus. Viribus atque meis | pössum decipere mültos, Leges atque iura | per me virtütes amittunt. 5 Värio me si quis | haurire volüerit üsu, Stupebit ingenti | mea percüssus virtüte.
ITEM DE UINO L f. 24. 5 hauri L \ vor usu Rasur L
1 pülchrior me nullus: Man er- wartet das Neutrum; aber aus den an- deren Gedichten geht hervor, daß das Masculinum gesetzt wurde, auch wenn die Lösung ein Wort im Neutrum ergab, vgl. Meyer a.a.O. S. 164 de ovo: Nati mater ego, natus ab utere mecum, prior illo non sum, und S. 167 demelle: Lucida
de domo lapsus diffundor ubique.
2 ast reiht einen neuen aus dem Vorausgehenden sich ergebenden Ge- danken an. — Dem Sinne nach gehören immer zwei Verse zusammen.
3 vgl. Bonif. aenigm. Poet. 1 14 v. 376 Viribus atque meis valeo dep eller e sensus.
6*
XVII. Petrus an Paulus.
'Im Mittag stand die Sonne, der Hirte ruhte im Schatten der Pappel, Schlummer umfing Menschen und Tiere, Stille lag über Ge- birg und Meer; da brachte mir ein Jüngling, ausgezeichnet durch Vorzüge des Körpers und Geistes, das Rätsel: „Der Erzeuger gibt dem Erzeugten, was er fühlt selbst nicht zu haben." Mir fällt die Lösung zu schwer, darum versuche es Du, dem sie keine Schwierig- keit bereiten wird (1 — 28). Laß den Bruder in Ruhe und löse noch ein Rätsel: ein Daktylus kommt heraus. Gott erhalte König Karl (29—45).'
Petrus überschickt also seinem Freunde zwei Rätsel, von denen das erste jedenfalls von Karl, das zweite von ihm selbst gestellt wurde. Damit beginnt die Reihe der Gedichte, die uns zeigen, daß sich der gelehrte Kreis Karls auch mit Fragen weniger ernsten Inhalts befaßte.
Lumine purpureo dum sol perfunderet arva, lam radiis medium caeli transcenderat axem, Populea et fessus pastor recubabat in umbra Cingebatque sopor homines fulvosque leones
ITEM UERS. PETRI AD PAULUM P f. 124, PETRI G p. 15.
1 aruam G \\ 3 populea aus pupulea corr. P \\ 4 cingebatque] cingebat hi P.
1 — 4 lumine purpureo: vgl. In lau- dem solis, Riese, Anth. lat.i 389 v.36 (ein auch in der Leipz. Handschr. stehendes und damals bekanntes Gedicht) Sol qui purpureo diffundit lumine terras; vgl. auch Culex 42, 107 f. — populea et fessus
pastor vgl. Verg. Georg. IV 511 populea sub umbra: Nemes. (ed. H. Schenkl) III 3 fessus ■ recubare sub ulmo: Poet. I 389 V. 65 non solitus pastor gelida recubare sub umbra. — fulvi leones Ov. Her. X 85; Verg. Aen. II 722.
Petrus an Paulus.
85
5 Et lapidum solito sat iure silentia montes Stringebant pelagique gravis cessaverat ira: Extemplo iuvenem prospexi corpore pulchro, De cuius niveo florebat barbula mento, Respectu placitum, sensu, pietate, loquella,
10 Ingenio cunctos superantem nomine summo. Hac me subridens voluit palpare sagitta: *Iam nova ventifero surgunt miracula mundo, Quae penitus priscis fuerant abscondita saeclis. E quibus est unum, quod te dicente, poeta,
15 In nostris missum subito pandatur ocellis: Dat genitor genito, quod se non sentit habere Nee quaquam in genitore potes cognoscere, lector, Quod praebuit firmo nascenti pectore proli. Verborum sapiens, animo scrutare secretum,
20 Ut possit dictis media resonare caterva.
5 solitos at G \ silentio P 11 6 pelagique aus