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DEC 1 4 1978
Vorrede.
Seitdem Remigius Storf, damals Pfarrer in Hirsch» brunn in Bayern, im Jahre 1877 seine Übersetzung der „Kirchlichen Hierarchie" des Pseudo-Areopagiten in der „Bibliothek der Kirchenväter*' veröffentlichte, ist kein weiterer Versuch mehr gemacht worden, Schriften des unbekannten und doch soviel berufenen Autors ins Deutsche zu übertragen. Jetzt, da es sich um eine Neu- ausgabe der „Bibliothek der Kirchenväter" handelt, wollte die Oberleitung des großen und zeitgemäßen Un- ternehmens wenigstens die beiden Werke des Pseudo- Areopagiten, welche zueinander in Parallele stehen, die „Himmlische" und die „Kirchliche Hierarchie" , neu ver- deutscht dem ganzen Übersetzungswerk einverleibt wis- sen. Daß dieser Wunsch vollauf berechtigt ist, wird nie- mand bestreiten, der sich mit dem Inhalt der beiden Werke nur einigermaßen vertraut gemacht hat. Wenn ihr späteres Entstehen und ihr pseudepigraphischer Charak- ter auch außer Zweifel steht, so enthalten sie doch eine so reiche Fälle von theologischen und philosophischen Anschauungen, liturgischen Belehrungen und kirchenge- schichtlichen Momenten, daß sie immer ein hohes Inter- esse beanspruchen werden. Dazu kommt die außerordent- lich wichtige Rolle, welche die Areopagitika in der Scho- lastik und Mystik des Mittelalters gespielt haben. Um die großen Theologen dieses Zeitalters zu verstehen, muß man in sehr vielen Fällen auf den „Docior hierarchicus" zurückgehen und ihn im Zusammenhang lesen. Gar manchen hat aber die dunkle und schwierige Sprache fies Urtextes von einem tiefern Eindringen in die Ge-
Vf Dionysin« Areopagita
dankenwelt des Areopagiten abgeschreckt und man be- gnügte sich mit den Einzelzitaten, bzw. deren oft unge- nauer Übersetzung.
Nach dem gegenwärtigen Stand der Dionysius- forschung müssen vor allem die Zusammenhänge erfaßt werden, welche die geistige Welt des Areopagiten mit dem Erbgut der kirchlichen Tradition und der neuplato- nischen Philosophie verbinden. Eine Unmasse von Ter- mini, Bildern, Allegorien, Ideen, Leitmotiven, welche man früher als Ureigentum des Paulusschülers vom Areopag, ja zum Teil als Inhalt von unmittelbaren Mit- teilungen des Apostels betrachtete, erscheinen nunmehr als Entlehnungen aus den ebenbezeichneten beiderseiti- gen Quellen. Wenn man die üblichen Verweisungen in den alten Theologen liest: ut dicit Dionysius, ut dicit Hieronymus u. s. w., so möchte man auf den Gedanken kommen, daß die Väterliteratur manche mittelalterlichen Gelehrten gleichsam wie ein Waldgürtel von unabseh- barer Tiefe umgab, der ihren Horizont begrenzte und in dem alle Quellen und Bäche entsprangen, die ihnen so reichlich aus der Vorzeit zuflössen. Es war ihnen nicht beschieden, den Wald auszuwandern und jenseits des- selben neue Landschaften sich dehnen zu sehen, aus* denen hinwieder zahlreiche Wege und Straßen in den Wald hineinführten. Um einigermaßen beim Pseudo- Areopagiten insbesondere auf die Notwendigkeit eines solchen Weitblickes hinzuweisen, sind in den Anmer- kungen mehrfach die literarischen Hindeutungen auf seine Quellen angefügt worden. Weil ich mich aber da- bei auf das knappste Maß zu beschränken hatte, so mögen außer den in der Einleitung Nr. 6 erwähnten Schriften hier noch als sehr instruktive neuere Behelfe für die Dionysiuslektüre empfohlen sein:
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Vorrede VII
1) Die Gotteslehre des heiligen Gregor von Nyssa von Franz Diekamp, Münster 1896.
2) Der Einfluß Philos auf die älteste, christliche Exegese von Paul Heinisch, Münster 1908.
3) Einführung in die christliche Mystik von Josef Zahn, Paderborn 1908.
Werke vom akatholischen Standpunkt, wie „Das antike Mysterienwesen in seinem Einfluß auf das Chris- tentum" von G. Anrieh, Göttingen 1894 und ähnliche sind gewiß lehrreich, aber mit Vorsicht zu benützen. Der neuplatonische Schriftsteller P r o klu s , dem Diony- sius am meisten nahe steht, ist in den nachfolgenden An- merkungen der Übersetzung durch die Schriften ver- treten:
1) Prodi opera, ed. Cousin Paris, 1864 (de Providentia, de fato, de decem dubitationibus, de malorum sub- sistentia, in primum Alcibiadem, in Parmenidem).
2) Prodi institutio theologica, ed. Dübner, Paris 1855.
3) Prodi theologia Platonica, ed. Portos* Hamburg 1618.
4) Prodi commentar. in Timaeum, ed. Schneider, Bres- lau 1847.
Zu den Zitaten aus den Vätern ist außer denen des Apostolischen Zeitalters die nähere Angabe nach Migne beigegeben worden, welche das Nachschlagen zu erleich- tern vermag.
Feldkirch (Vorarlberg).
Jos. Stiglmayr S. J.
Einleitung.
Der wirkliche Verfasser der unter dem Namen des Dionysius Areopagita überlieferten Schriften ist einstweilen noch eine rätselhafte Gestalt, welche sich hinter den bezeichneten Schriften so gut versteckt zu halten weiß, daß man über bloße Vermutungen über seine Person noch nicht hinausgekommen ist. Die frühere Annahme, er sei mit dem Apostelschüler Dionysius (Act. 17, 34) identisch, ist schon seit längerer Zeit unhaltbar geworden; ebensowenig kann die von Hipler aufgestellte und mit vielseitiger Zustimmung verteidigte These, daß ein Abt Dionysiusvon Rhinokorura in Ägyp- ten diese Werke geschrieben habe, gegenüber den neues- ten Forschungen noch einen Anspruch auf ernstliche Be- achtung erheben. Wir mLzsen also zuerst die Schriften selbst nach Umfang, Geschichte, Quellen, Eigenart und Tendenz kurz besprechen, um wenigstens einige Indi- zien über den unbekannten Verfasser zu gewinnen.
1. Der Bestand der Schriften.
Das Korpus der Areopagitischen Schriften, das uns vorliegt, ist schon bei seinem ersten Erscheinen in der Gestalt vereinigt gewesen, die es jetzt besitzt. Es be- steht aus vier Abhandlungen und zehn Briefen. Die bedeutsamste, dreizehn Kapitel umfassende Abhandlung enthält eine Erklärung von „göttlichen Namen' (de div. nominibus1). Sie verbreitet sich über Gottes Güte, Dasein, Leben, Weisheit, Macht, Gerechtigkeit u. s. w. Gott ist zugleich „namenlos'4 und „v i el - nami g"; alle Namen, die ihm die heilige Schrift bei- legt, gewähren nur eine unvollkommene Erkenntnis sei- nes Wesens. Die zweite Abhandlung entwickelt die Lehre von der „himmlischen Hierarchie1' (de caelesti hierarchia) in fünfzehn Kapiteln. Nach einigen
l) Die griechische Aufschrift verwendet nicht den Artikel ur-a lautet: neoi fieicov övojuärov.
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Einleitung IX
einleitenden Bemerkungen über Quellen, Methode und Zweck der Arbeit erklärt D. das Wesen der Hierarchie, die Natur und Eigenschaften der Engel, endlich die Glie- derung derselben in neun Chöre, bzw. in drei Triaden, die je eine engere Ordnung für sich ausmachen. Daran schließen sich einige Ausführungen über besondere Ein- zelfragen, unter denen besonders die Stelle Js. 6, 1 ff. und die mystische Deutung der den Engeln zuerieilten Symbole fcap. 13 u. 15) einen größeren Raum einneh- men. Die dritte Abhandlung bildet ein Seitenstück zur ebengenannten und hat zum Gegenstand die „k ir c h - liehe Hierarchie" (de ecclesiastica hierarchio). Sie befaßt sich mit dem Wesen und den Stufenord- nungen der Kirche, ihren drei Sakramenten (Taufe, Eucharistie und Ölung), ihren drei lehrenden Ständen (Bischöfe, Priester und Diakone) und den drei unter- gebenen Ständen (Mönche, Gemeindeglieder und die in eine Klasse vereinigten Katechumenen, Energumenen und Büßer). Ein Anhang über Bestattung der Toten ist beigefügt. Die vierte Abhandlung ist betitelt „m ysti- s che Theologie" (de mystica theologia); sie gibt in fünf Kapiteln die Leitsätze über die mystische Ver- einigung mit Gott, in der die Seele aller sinnlichen und verstandesmäßigen Tätigkeit sich entäußert, um in das unaussprechliche Dunkel der Gottheit einzutreten und sie auf geheimnisvolle Weise inne zu werden (sTzonxeia). Die zehn Briefe verteilen sich auf nachstehende Adressaten: vier sind an einen Mönch Ca jus und je einer an einen Diakon Dorotheus, an einen Priester Sopater, an einen Bischof Polykarp, an einen Mönch Demophilus, an einen Bischof Titus und an den Apostel Johannes gerichtet. Inhaltlich geben sich die Briefe als Nachträge und Ergänzungen zu den Hauptwerken oder als prak- tische Anweisungen für seelsorgliches Wirken. Weil in allen den genannten Schriften die gleichen Grundgedan- ken wiederkehren und konsequent auf die verschiedenen Wesensreihen der Schöpfung angewendet werden, weil dieselben Eigentümlichkeiten der Diktion in ungetrübter Übereinstimmung überall hervortreten und weil überdies mehrfache Verweisungen von dem einen Werk auf das andere eingestreut sind, so ist eine hinreichende Bürg-
Dionysioi Areop
schaft gegeben, daß wir es nur mit einem Autor zu tun haben, auf den die gesamte Anlage, Stoffwahl und Aus- führung der Schriften zurückzuführen ist.
Die ganze Gedankenwelt in den bezeichneten Schriften ist in ein straffes System geschlossen. Gott, die letzte Ursache aller Dinge, ist in sich selbst über alle Begriffe erhaben; weder die affirmativen noch die nega- tiven Prädikate vermögen uns sein Wesen auszudrücken. Seine Güte, seine Weisheit, seine Gerechtigkeit, sein ewiges und einfachstes Sein suchen wir allerdings in Worte zu fassen, müssen diese aber sofort negieren und etwas zu denken suchen oder vielmehr zu denken auf- geben, was über alle Bejahung und Verneinung (deoXoyia KarafpariKi) und djTO(pariuri) unendlich hinausgeht. Das in- ner trinit arische Leben Gottes (dRoXoyia öiaKEuoi/uevrj) schil- dert D. in kurzen Vergleichen, die von Blüten, Sprossen, Lichtern entlehnt sind und auf die zweite und dritte Per- son angewendet werden. Für das Wirken nach außen sind die theologischen Prädizierungen allen drei Per- sonen gemeinsam (dEoXoyiaijvcyaivrj) . Die Gottheit gibt im Drang der Liebe und* Güte den Wesen außer sich ein tausendfältig abgestuftes, in innigster, wechselseitiger Verkettung verbundenes Dasein (nodobog), umfaßt und hält sie alle innerhalb ihres ordnenden und fürsorglichen Bereiches (jrQövoia) und wendet sie wieder in aufsteigen- der Bewegung zu sich zurück (^jziöTQO(py], uvuXog). So staffelt sich vor dem entzückten Auge des Areopagiten das ganze Universum zu einem riesigen Abstieg und Auf- stieg. Er faßt, wie wir schon andern Orts bemerkten1), in einer großartigen Intuition nicht bloß die Welt der himmlischen Geister und der Kirche Gottes (die beiden Hierarchien) in ein organisches Ganze zusammen, so daß die oberste Stufenordnung der kirchlichen Hierar- chie unmittelbar an die unterste Klasse der Engel sich anschließt, sondern die ganze Schöpfung mit allen ihren Wesensreihen wird ihm zur himmelragenden Leiter, de- ren oberste Sprosse, der Engelchor der Seraphim, Che- rubim und Thronen, bis in das innerste, Gott umgebende Dunkel hineinreicht, während die all eruntersten Stufen
0 Zeitschrift für kath. Theologie B. XXII (1898) S. 253.
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Einleitung XI
in das Reich der vernunftlosen und leblosen Dinge hinab- dringen. Die Fülle des göttlichen Lichtes, welches zu- erst und am reichsten die obersten Engel erfüllt, geht durch alle Zwischenstufen in stetig fortschreitender Ab- nahme hindurch, bis es bei den Dingen der Körperwelt noch in einem schwachen Widerschein zurückgeworfen wird. Denn jedes Ding nimmt nur soviel davon auf, als seine individuelle Natur erlaubt.
Die Art des Her Vorgehens der Dinge aus Gott sucht D. in verschiedenen bildlichen Wendungen uns nahe zu bringen, wobei er sich gegen eine pantheisie- ronde Auffassung, welche heidnische Vorgänger mit sol- chen Ausdrücken verbanden, verwahrt (d. d. n. IV, 10; c. h. IV, 1). Er redet von der Überfülle des Seins in Gott, von einem Hervorsprudeln und Überwallen, von einem Herausblitzen aus dem Lichtmeere der Sonne der Gott- heit, von einem riesigen Wurzelstocke, der eine unabseh- bare Pflanzenwelt aus sich hervorkeimen läßt und doch alles trägt, erhält und beherrscht, von einem Kreise, der alle Radien in seinem Mittelpunkt vereinigt. Die An- wendung dieser Grundgedanken auf die „himmlische" und „kirchliche Hierarchie" wird in nachstehender Über- setzung deutlich vor Augen treten.
Der gleiche Verfasser tut an verschiedenen Stellen auch noch anderer seiner Schriften Erwähnung, welche im Verein mit den bereits skizzierten eine Art theologischer Enzyklopädie darstellen würden. Er spricht von seinen „theologischen Grundlinien" (d. d. n. II, 3); „göttlichen Hymnen" (c. h. VII, 4); „sym- bolischer Theologie" (c. h. XV, 6); dem „gerechten Ge- richte Gottes" (d. d. n. IV, 35); der Abhandlung „über die Seele" (d. d. n. IV, 2) und „über die intelligiblen und sinnfälligen Dinge" (e. h. 1, 2). Aber von all diesen zitierten Schriften läßt sich keine weitere sichere Spur nachweisen; ebensowenig vermochte man bis heute einen sichern Aufschluß über jenen Hierotheuszu gewin- nen, von dem D. als seinem hochverehrten Lehrer einige Proben der Gelehrsamkeit mitteilt. Der Verdacht, daß im einen wie im andern Falle nur eine literarische Fik- tion vorliege, erscheint nicht unbegründet, zumal da es
XIT Pionyilni Areopa^ita
nicht an gewissen Widersprüchen und Unebenheiten in dieser Hinsicht fehlt.
2. Geschichte und Überlieferung der Schriften.
Was die Geschichte der dionysischen Schriften betrifft, so begegnen wir hier einem literarischen Unikum von immenser Tragweite und hoch instruktivem Inter- esse. Der vier Jahrhunderte währende Streit über die Echtheit, welcher bald nach 1500, nach einem Jahrtau- send ruhigen Besitzstandes, entbrannte, erscheint nun- mehr beendigt und somit ist die wissenschaftliche Kritik genau wieder auf dem Punkte angekommen, auf wel- chem sich in der ersten Periode des Auftauchens dieser Schriften der Wortführer der katholischen Partei beim Religionsgespräch in Konstantinopel 533, der gutbele- sene Bischof Hypatius von E p h e s u s , befunden hat. Gegenüber den Severianern, die sich zur Vertei- digung der monophysitischen Lehre nebst andern Vätern auch auf den Dionysius Areopagita beriefen, erklärte Hypatius rundweg, daß er die aus demselben vorge- brachten Zeugnisse durchaus ablehnen müsse. Sein Ar- gument lautet: Wenn diese Schriften schon so lange vor- handen wären und von einem so berühmten Verfasser stammten, so hätten die großen Vorkämpfer der Ortho- doxie, ein Athanasius und ein Cyrillus von Alexandrienf unbedingt in den theologischen Streitigkeiten sich ihrer bedient, weil sie ihnen vorzügliche Dienste gegen die Hä- retiker geleistet hätten1). Tatsächlich waren Zitationen aus dem Areopagiten erst in den Streitschriften des mo- nophysitischen Sektenhauptes S e v er u s, 512 — 518 Pa- triarch von Antiochien, verwertet worden, dem bald so- wohl eigene Parteigenossen wie später nestorianische und monotheletische Schriftsteller hierin folgten. Nur vereinzelte Stimmen unter den Katholiken traten anfäng- lich für den Areopagiten als den Verfasser ein (der Mönch Job, der Erzbischof Ephräm von Antiochien 527
*) Näheres s. in meinem Programm : „Das Aufkommen der Pseudo-Dionysischen Schriften..." (Programm). Feldkirch, 1895. S. 59—63.
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Einleitung XHt
— 545, der gelehrte Leontius von Jerusalem u. a.). Aber allmählich stieg trotz der ablehnenden Haltung des er- wähnten Hypatius das Ansehen der fraglichen Schriften immer höher. Ihr überirdischer Enthusiasmus, das Neue und Überwältigende ihrer Konzeption, das hehre Dunkel ihrer Sprache wirkte ebenso auf den hohen Geist wie das fromme Gemüt hervorragender Männer der Kirche, die zumeist aus dem Mönchsstande hervorgegangen wa- ren. Eulogius, Patriarch von Alexandrien 580 — 607, Papst Gregor der Große, mit Eulogius innig befreundet, Modestus, Patriarch von Jerusalem 631 — 634, Sophro- nius, Patriarch von der gleichen Kirche 634 — 638, und vor allen der Abt Maximus Konfessor (f 662) waren von der Echtheit überzeugt und benützten die Werke für ihre eigene Schriftstellerei. Maximus insbe- sondere leistete der Anerkennung und Verbreitung der Areopagitika den mächtigsten Vorschub, weil er in sei- nen Scholien zu denselben die bedenklich klingenden7 Stellen im korrekten Sinne erläuterte und auf dem Laie- rankonzil 649 zweifellos seinen Einfluß dahin geltend machte, daß die vielberegte Formel ■ÖEavögiui] evägyeia, welche die Monotheteten aus dem Areopagiten entnom- men hatten, gerade zugunsten der katholischen Lehre erklärt wurde. Nachdem Papst Martin 1. auf diesem Konzil und später Papst Agatho in einem dogmatischen Schreiben an Kaiser Konstantin (680), weiterhin das Konzil von Konstantinopel 680 und das zweite Konzil von Nicäa 787 die Echtheit der Schriften vorausgesetzt hatten, verstummte für die fernere Zukunft, d. h. für das ganze Mittelalter, jeder nennenswerte Widerspruch. Von Rom kamen die Werke schon unter Papst Paul I. (757 — 767) nach Frankreich. Noch wichtiger war die Übersendung des griechischen Exemplars, welches Kaiser Michael II. Ludwig dem Frommen 827 zum Ge- schenke machte. Abt Hilduin von St. Denys durfte das kostbare Manuskript in seinem Kloster verwahren und schrieb bei diesem Anlasse die „Areppagitica44, die den weiteren bereits aufgekommenen Irrtum, daß der heilige Märtyrer Dionysius von Paris mit dem Areopagiten eine Person sei, fest begründeten. Die lateinische Über- setzung, welche S k o tu s Er i gena nach jener Hand'
XIV Dionysitu Areopagita
schrift anfertigte, blieb für das Mittelalter die eigent- liche und erste Quelle, aus welcher man, des Griechi- schen nicht mehr kundig, die Lehren des D. schöpfte. Die großen Meister der Scholastik und Mystik, Dichter und Geschichtschreiber, Polyhistoren und Volksschrift- steller vertrauten jetzt unbedenklich dem „großen Diony- sius" und sind überschwenglichen Lobes über ihn voll.
Im Zeitalter des Humanismus erfolgten die ersten Stöße gegen die unsicheren Fundamente des hochragen- den Baues der Dionysiusliteratur. Aber nicht bloß Lau- rent iu s V al la und, seinen Spuren folgend, Erasmus, weiterhin die Männer der Reformation, Luther, Skulte- tus, Dalläus u. a. zerstörten den Nimbus dieser Werke; auch unter den hervorragendsten katholischen Gelehrten verschlossen sich ein Kajetanus, Morinus, Sirmond, Pe- tavius, Lequien, Lenourry keineswegs den Schwierigkei- ten, welche der materielle Inhalt und die stilistische Form für eine Zurückdatierung der Schriften in die apo' slolische Zeit ihnen aufdrängten. Indes vermochten selbst die schlagendsten Gründe, mit welchen namentlich der Oratorianer Morinus in seinem Commentarius de sacris ecclesiae ordinationibus die Echtheit bekämpfte, die Mehrheit der Katholiken nicht zu überzeugen. Die literarische Kontroverse nahm eine riesige Ausdehnung an und wurde mit aller Intensität geführt, da berühmte Namen, wie Baronius, Bellarmin, Lansselius, Corderius, Halloix, Delrio, de Rubeis, Lessius u. s. w. für die alt- ehrwürdige Tradition eintraten. Im 19. Jahrhundert neigte sich die allgemeine Auffassung mehr und mehr der gegenteiligen Ansicht zu, namentlich die deutschen Theologen Mäkler, Feßler, Döllinger, Hergenröther, Al- zog, Funk hielten mit ihrem ablehnenden Urteil nicht zurück. Da trat 1861 Franz H ipl er mit seiner schon obenerwähnten Hypothese hervor. Große Gelehrsamkeit, gewandte Darstellung und die edle Absicht, von dem Manne, der so vielen Jahrhunderten als ein unantast- barer Zeuge aus dem frühesten Altertum der Kirche ge- golten hatte, den * Verdacht einer bewußten Fälschung abzuwälzen, verschafften seinen Darlegungen eine sym- pathische Aufnahme seitens katholischer und protestan- tischer Forscher. Aber bei näherem Zusehen erwiesen
Himmlische und kirchliche Hieiarchie — Einleitung Xf
sich Hiplers Interpretationsversuche gewisser Stellen, an welchen sich D. den Anschein gibt, der Apostelschü- ler des heiligen Paulus zu sein, nicht genügend, um den vonHipler gewollten Sinn herauslesen zu kön- nen. Nicht die späteren Geschlechter haben sich in die- sem Punkte geirrt, wie Hipler meinte, sondern der Text ist wirklich so gestaltet, daß man von einer mit Absicht durchgeführten Fälschung sprechen muß. Der Name des Areopagiten dient dem unbekannten, dem Ausgange de» 5. und Anfang des 6. Jahrhunderts angehörenden Ver- fasser als fromme Maske, um sich leichter und wirk- samer bei den Lesern einzuführen.
Noch vor Ablauf des 19. Jahrhunderts zog übrigens der edle Hipler selbst seine Ansicht zurück, nachdem er von den neuesten Ergebnissen der Dionysiusforschung, die sich an die Namen von Hugo Koch und des Herausgebers nachstehender Übersetzung knüpfen, Kenntnis erhalten hatte. Es erschienen nämlich 1895 fast gleichzeitig die von H. Koch und J. Stiglmayr ganz unabhängig geführten Untersuchungen, welche auf glei- chen Wegen an das gleiche Ziel gelangten. Zur Grund- lage diente beiden eine Abhandlung des Neuplatonikers Proklus (411 — 485) „de malorum subsistentia" , welche nur in einer barbarischen lateinischen Übersetzung von Morbeka (Cousin, Paris 1864) erhalten ist. Eine ein- gehende Vergleichung dieser Schrift mit dem IV. Kapitel aus der Abhandlung von den „göttlichen Namen' (§ 19 — 35) ergab das überraschende Resultat, daß der Ver- fasser der Areopagitischen Werke jene Abhandlung des Proklus gründlich exzerpiert hat. Weitere Arbeiten der beiden genannten Theologen förderten ganze Reihen von Parallelen in Gedankenformen, bildlichen Wendungen und markanten Ausdrücken zu Tage, bei welchen sich D. als der entlehnende Teil, Proklus und andere frühere Schriftsteller als die Quelle darstellten. Demzufolge sind denn auch die kompetentesten Fachmänner, Bar- denhewer, Funk, Ehrhard, Diekamp, Rauschen, de Smedf S. J., Duchesne, Batiffol u. s. w., nicht minder die pro- testantischen Kenner der altchristlichen Literatur Gei- zer, Harnack, Krüger, Bonwetsch u. a. durchaus zu- stimmend einem solchen Resultate beigetreten. „Die
XY7 I)lony3ius Areopagrta
Akten über diese, die Jahrhunderte erfüllende Streit- frage sind demnach geschlossen" (Geher).
3. Über die Quellen der dionysischen Schriften.
Während man früher die bei Dionysius einerseits und christlichen wie heidnischen Schriftstellern andrer- seits zu Tage tretenden Übereinstimmungen dahin er- klärte, daß die letztern eben aus ersierem geschöpft hät- ten, eine von der Verlegenheit erpreßte Annahme, läßt sich bei der nunmehrigen Datierung (5.J6. Jahrh.) mit einer Fülle von Beispielen nachweisen, daß D. ebenso eine ganze Reihe von Vätern wie mehrere neuplatonische Schriftsteller gekannt und benützt hat. Er selbst gibt zwar als seine einzige und eigentliche Quelle nur die heiligen Schriften des Alten und Neuen Testamentes an und erwähnt nebenher einige Männer aus der aposto- lischen Zeit, von denen er ein paar kurze Zitate mit- teilt1). Tatsächlich macht er von der heiligen Schrift den ausgedehntesten Gebrauch, um seine theosophischen Entwicklungen mit dem inspirierten Worte Gottes zu bekräftigen oder zu illustrieren. Er erlaubt sich hiebei manche willkürliche und gezwungene Auslegung und fügt bei andern Gelegenheiten Stücke von verschiedenen Texten in eine Schriftstelle zusammen. Seine Vorliebe für einen gesteigerten Ausdruck verleitet ihn auch, dem schlichten Wort der Schrift mit eigenmächtigen Verstär- kungsmitteln nachzuhelfen. Zahllos sind seine Paren- thesen: „wie die Schrift sagt"; aber nicht weniger oft bildet ein heiliger Text, freilich ganz subjektiv umge- prägt, den Untergrund der Gedankenführung.
Unter den Vätern und kirchlichen Schriftstellern hat er besonders Clemens von Alexandrien, Origenes, Cyrillus von Jerusalem, Basilius, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa, Chrysostomus und Cyrillus von Alexandrien benutzt Er kennt die Kirchengeschichte
s) Dazu gehören Clemens, Simon, Elymas, Jnstus, Bartholo- mäus, Karpus, Timotheus, Titus, Johannes. D. nennt auch einen heidnischen Philosophen Apollophanes ; es ist wohl möglich, dass er diesen Namen aus Eusehius H, E. 6, 19 (M. s. gr. 20, 568) entnommen hat
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Einleitung XVII
des Eusebius, die Schriften der Apollinaristen und die griechischen Liturgien. Selbstverständlich darf er diese Quellen nicht nennen, weil er sonst den Schein eines Apostelschülers zerstören würde. Aber es ist ihm doch wieder nicht gelungen, alle verräterischen Spuren zu ver- wischen, obschon er sich dieses Kunstgriffes wohl be- wußt ist (c. h. XV, 8) und durch Verdunkelung der Sprache, ungebräuchliche Titulaturen und Hinweise auf geheime Überlieferungen für Unkenntlichkeit der ausge- hobenen Stellen zu sorgen sucht.
Ein ähnliches Verfahren beobachtet er gegenüber seinen neuplatonischen Vorlagen1): Plotinus, Jambli- chus, Porphyrius, P r oklus, ebenso bei den Werken Philos, in denen er sich gleichfalls bewandert zeigt. Bei Benützung dieser Quellen war ihm noch größere Vor- sicht geboten, weil ihnen das nichtchristliche Kolorit zu benehmen und eine Anpassung an die christliche Ge- dankenwelt zu vermitteln war. Daher häufig ein plötz- liches Ausweichen und Abspringen vom zitierten Origi- naltext und Substituier ung einer korrekten kirchlichen Wendung. Mehr als einmal ist jedoch vom neuplatoni- schen Gehäuse des Ausdrucks das eine oder andere Fragment stehen geblieben und starrt fremdartig in seine Umgebung hinein.
Einen beträchtlichen Bruchteil des Inhaltes der sämtlichen Werke bilden die subjektiven Erkenntnisse des Verfassers, zu denen er auf einem doppelten Wege gelangt. Der eine Weg ist die all e gor is c h- my - s t i s c h e Erklärung der bildlichen Ausdrücke der heiligen Schrift und der symbolischen Zeichen, Zeremo- nien und Gegenstände des christlichen Kultus. D. hat sich hier die Allegorese eines Origenes und eines Gregor von Nyssa zum Vorbild genommen. Er geht in die ein- zelnsten bildlichen Elemente und Nebenzüge, Beiwörter
') Inwieweit D. unmittelbar aus Plato schöpfte, ist schwer zu bestimmen, weil die neuplatonische Literatur alle bemerkenswer- ten Gedanken, Bilder und Wendungen des Altmeisters reproduziert. Fine wörtliche Uebernahme aus Gorgias 470 C findet sich im Epi- log zu d. d. n. 13, 4 : jurjöe änouäjuyg <pUov ävÖQa etiegyercov. Aber solche Floskeln waren zur Zeit des D. bereits als traditio- nelles Gut aus der klassischen Zeit im Kurse.
S t i g ! m a y r, Dionys. Areop. B
XVTTT Wonyifüi Aroopafp'ta
unJ Metaphern ein, um aus der bildlichen, sinnfälligen Umhüllung den geistigen Gehalt herauszuschälen1). „Das Ähnliche im Unähnliche n", die Analo- gien des Höheren, die im Niedern wiederkehren, aufzu- decken, das Unsichtbare im Spiegel des Sichtbaren nahe- zurücken, das ist seine Wonne und seine ihm wohl be- wußte Stärke (c. h. II, 4. XV, 5. u. 8). Einen wahren Tummelplatz derartiger mystischer Deutungen, vom grü- belnden Verstände erzwungen, bietet das letzte Kapitel der „himmlischen Hierarchie". Die „symbolische Theo- logie", welche D. dem Titus schickt (ep. IX, 6), ist nach des Verfassers eigenem Urteil eine „vortreffliche Auf- finderin" aller symbolischen Sachen.
Der andere Weg zu neuem Gedankenmaterial ist der etymologische. D. sucht insbesondere in der Abhandlung von den „göttlichen Namen" und in der „himmlischen Hierarchie" aus dem Etymon des betref- fenden Gottes- oder Engelnamens eine Reihe von Be- stimmungen zu erschließen,' die sich indessen vielfach berühren und nur synonyme Umschreibungen ein und desselben Begriffes sind. Er sagt selber c. h. VII, 1: „Jeder Name der himmlischen Geister enthält einen Aufschluß über jegliche Eigentümlichkeit." Demgemäß reproduziert er nicht bloß die naiven Etymologien, wie sie im Kratylus Piatons vorkommen, sondern beutet auch die Ausdrücke -dQÖvoi, öwäjusig, KvQiörrjTeg u. s. w. möglichst ergiebig aus. Selbst die hebräischen Worte Seraphim und Cherubim erklärt er nach der griechischen Übersetzung iujrQ7]OTai und yvoig yvcöcecoc in breiter Aus- führung der Nominalbedeutung. Mancherlei naturwis- senschaftliche Reflexionen machen sich nebenher gel- tend, wenn er z. B. von den Eigenschaften des Feuers, des Lichtes, der Wärme, des Schalles spricht.
4. Die stilistische Seite der Schriften.
Die stilistische Eigenart des D. ist von jeher aufge- fallen und das mit vollem Rechte. Weder vor ihm noch
') Im Briefe an Titus (ep. IX, 2) erklärt D. die ganze sicht- abre Welt als eine durchscheinende Hülle der unsichtbaren Eigen- schaften Gottes, indem er sich auf Rom. 1, 20 beruft.
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Einleitung XTX
nach ihm kennen wir einen Schriftsteller, dem eine so ungewöhnliche Diktion eigen wäre. Es hat nicht an be- geisterten Bewunderern dieses Stiles gefehlt, in dem einer derselben sozusagen die Sprache der Engel zu hören vermeinte1). Aber das Urteil war hier offenbar von der irrigen Voraussetzung beeinflußt, daß der heilige Paulus seine höchsten Entzückungen und Visionen dem Verfasser, seinem Schüler vom Areopag, unmittelbar mitgeteilt habe. Nüchterne Beurteiler, wie z. B. Mori- nus, sprechen dagegen von „asiatischem Schwulste" t rügen die ungewöhnlichen, mitunter riesigen Komposita, die überladenen, schwerfälligen Perioden und die end- lose Häufung von Nebenbestimmungen, welche bei jeder Gelegenheit wiederkehren. Auf jeden Leser muß eine solche Darstellung zunächst abschreckend wirken und eine gewisse Energie herausfordern, wenn er die Lektüre nicht bald wieder aufgeben will. Besonders unangenehm berührt die Wahrnehmung, daß der Enthusiasmus des Verfassers öfters nicht lange genug vorhält und dann durch die gesteigerten und forcierten Sprachmittel, hoch- tönenden Worte und Phrasen und Häufungen von Syno- nymen ersetzt werden soll. Die in der kirchlichen Lite- ratur und Kultpraxis herkömmlichen Ausdrücke klingen unserm Hierophanten zu gewöhnlich. Er sucht und hascht nach seltsamen, vielfach heidnischen Ursprung verratenden Benennungen sogar für offizielle Ämter, kirchliche Zeremonien und die heiligen Sakramente2). Er bildet hinwieder ganz neue Wörter durch kühne Zu- sammensetzungen mit — CLQXla> — Elbr}5> — TiQEJzrjg, aüxo — s eqo — , i)n£Q— u. s. w. Wenn dergleichen Komposita auch schon früher vorkommen, so hat er doch den Kreis der- selben erheblich erweitert. Er kann sich gar nicht genug tun in Superlativen, in Negationen, selbst in negierten i)7Z£Q— (z. B. vJz£Qäyv(d6Tog). In Wortspielen (z. B. öjuötqo-
*) Vgl. die Disputatio Lansselii bei M. s. gr. 4, 1001 C (aus einem Schreiben des L. Lessius).
*) So spricht er statt von ölq^Q^S oder imönojcot immer von l£QäQxai, statt 7tQ£0ßvT£Q0i sagt er immer t£Q£ig, statt öiä- y.ovoi das gewählte Xmrovgyol ; den Propheten' nennt er i)jro<prj- i^Ä', den weihenden Bischof reAerd^^?^ den Zelebrant tegore- XEGvqg, den Mönch ^£Qanevxrigi die Engel ivdöeg,
B*
XX Dionysinfl An-opagita
nog — öjuoTQorpog, flr.oAoyla — t'frovnyla; [lafielv — traö&P u. ä. aus älteren Quellen) und insbesondere in gewissen Redefiguren (Oxymoron, Paronomasie, Repetitio) leistet er das denkbar Mögliche1). Wo ihm bei seiner fleißigen Lektüre irgend ein auffälliger Ausdruck, der eine mo- mentane Wirkung beim Leser nicht verfehlt, vorgekom- men ist, da hat er ihn gewiß behalten und ihn später bei seiner eigenen Schriflstellerei pretiös verwertet2). Er läßt uns selbst einmal einen Blick in seine diesbezüg- lichen Grundsätze tun, denn d. d. n. IV, 11 sagt er ge- radezu: „Wenn der Geist vermittels der sinnfälligen Vorstellungen zu spekulativen Erkenntnissen Anregung zu finden trachtet, dann verdienen die signifikanteren Vermittlungen der Sinneswahrnehmung, die Worte von deutlicherer Schärfe, die eindringlicheren Momente der sichtbaren Welt durchaus den Vorzug". Es ist aber nicht zu verkennen, daß sich D. nach Möglichkeit in einer sprachlichen Grenzzone bewegt, d. h. solchen mehr un- gewöhnlichen Ausdrücken den Vorzug gibt, welche zu- gleich bei den neuplatonischen und dem einen oder an- dern christlichen Schriftsteller schon vorkommen. So ist z. B. deoXöyoi = inspirierte Schriftsteller, sei es des alten oder neuen Testamentes, auch aus Athanasius u. a. mehrmals zu belegen; teQäoxrjg, juvörrjg, diaöog u. a. liest man bei Eusebius von Cäsarea, ■diao^vqg bei Origenes,
') So z. B. d. d. n. II, 2 rä iusl ueiueva fpQOvoeiv . . . ev rf} (fQovQä töv Xoyiov (pQovQov/J-evot Kai noög abxcbv et- tö cp QovQovvrag avrä (pQOVQElddat dvvajuovjuevoL. Oder d. d. n. II, 5 uad' äg (sc. öcoQEäg) £k tcöv fxexo%(bv Kai tgjv ucx£%o'vT<dv bjuvEivai rä äjbtedeKTCog psrexöfiEva.
2) So nennt er den Taufbrunnen e. h. II, 2, 7 jurjrga rfjg vlodeölag „Mutterschoß der Kind esann ahme", während Ciem. v. AI. vor ihm einfacher gesagt hatte jurjTQa üdarog ström. 4, 25 (M. s. gr. 8, 1369 A) und Cyrill v. Jerus. in verständlicher Er- weiterung üöcoq Kai räfpog i)/ulv iyivero Kai iur)rr)Q cat. 20 (M. s. gr. 33. 1080 C). Ein Beispiel im Stil des Proclus: iväg na- öcöv eväöcov theol. Plat. p. 182 = iväg ivonoiög änäoqg £vä~ bog Dion. d. d. n. I, 1. Hin und wieder trifft es sich dann, daß der einzelne aus dem Kontext ausgehobene Ausdruck kaum mehr verständlich ist. So nennt D. e. h. III, 3, 6 die Ungetauften äjreQioäAmyKTOi. Die Anspielung auf Exod. 19 macht Giegor v. Nyssa de vita Moys. (M. 44, 377) leichter erkenntlich.
Himmlische und kirchliche Hieiarchie — Einleitung XXI
uadrjyefMbv, ein Lieblingswort des Proklus, findet sich auch bei Gregor v. Nyssa; deoanevTfis = Mönch sagt Clemens v. AI., ovjujuvorrjg brauchte im ironischen Sinn Basilius d. Gr. Besonders stark ist die Terminologie des Clemens v. AI. ausgebeutet, der seinerseits eine Menge von den der antiken Mysteriensprache angehangen Ausdrücken in seine Darstellung christlicher Wahrheiten herübernahm. Es bleibt aber immer eine auffällige Tatsache, daß D., der doch zu einer Zeit schrieb, wo die christliche Litera- tur sich in dieser Hinsicht geläutert hatte, wieder so be- harrlich und zielbewußt nach dem für Christen allmäh- lich außer Kurs gesetzten Sprachgut zurückgriff.
5. Der Verfasser.
Am sichersten läßt sich vorab die Zeit datieren, in welcher der merkwürdige Autor seine Schriften erschei' nen ließ. Sie ist eingeschränkt auf etwa dreißig Jahre, ungefähr 485 — 515, denn vor dem Tode des Proklus (f 485), dessen Werke so ausgiebig kompiliert und christlichen Interessen dienstbar gemacht sind, mochte D. schwerlich eine solche Publikation wagen. Auch das im Jahre 482 erlassene Henotikon des Kaisers Zeno scheint für D. nicht bloß zu existieren, sondern auch ein besonderes Interesse zu besitzen. Zu der untern Zeit- grenze werden wir durch den Umstand hingeleitet, daß im zweiten Dezennium des 6. Jahrhunderts bereits Ver- weisungen auf die Areopagitischen Schriften auftreten, bei Severus, Patriarch von Antiochien 512 — 518, und bei Andreas, Bischof von Cäsarea in Kappadozien, um 520. — Was die Heimat der Schriften betrifft, so muß vor allem Syrien in Betracht kommen. Die frühesten litera- rischen Zeugnisse über sie stammen zumeist aus Syrien, bzw. Palästina. Die aus den liturgischen Andeutungen zu erschließenden Indizien weisen gebieterisch auf Sy- rien1). Gerade dieses Land ist für die allgemeine Ent- wicklung der mystischen Literatur mit seinen vielen Klö- stern von der höchsten Bedeutung gewesen. Syrien bil-
») Vgl. die in der Zeitschr. t kath. Theol. B. XXXIII (1909) S. 383 jüngst nach Rahmani mitgeteilten Parallelen üder die Bi- schofs-, Priester- und Diakonenweihe.
XX TT DionyBhw Areopagita
dete endlich den fruchtbarsten Nährboden für eine Un- menge pseudepigraphischer Schriften; es war das Land, wo ein Pseudo-Clemens und Pseudo-lgnatius, wo die apollinaristische Schule ihre gefälschten Produkte zu Markte brachten. Gfrörer, Loofs, Frothingham, in neue- ster Zeit H. Koch u. a. haben sich unter solchen Um- ständen lieber für Syrien als das mitunter geltend ge- machte Ägypten entschieden.
Die geistige Physiognomie des Verfassers tritt mehr in schattenhaften als hell beleuchteten Zügen hervor. D. verrät einen hochüiegenden Sinn, Begeiste- rung für große, umfassende Ideen, Durst nach höchsten Erkenntnissen, unermüdliches Lesen und Betrachten, religiösen Enthusiasmus und pietätsvolle Anerkennung der Autorität. Sein Benehmen gegenüber den äußeren Verhältnissen und den kirchlich-politischen Wirren der Zeit kennzeichnet sich durch berechnete Zurückhaltung, Friedensliebe und Versöhnlichkeit. Die wenigen bio- graphischen Notizen, welche er direkt über sich selber einstreut, müssen aber mit aller Vorsicht aufgenommen werden, weil er, wenn er anders die Fiktion ein Apostel- schüler zu sein aufrecht erhalten wollte, nur mit äußer- ster Behutsamkeit von sich reden durfte. Wenn er als ein Richter vom Areopag erscheinen wollte, so konnte er doch immerhin von sich sagen, daß er im Heidentum geboren und erzogen worden sei (c. h. IX, 3), daß ihm die hellenische Weisheit nicht fremd geblieben (ep. VII, 2) und daß er nach seiner Bekehrung mit großem Eifer die heiligen Schriften (Schweigen über die Väter!) stu- diert habe (c. h. 1, 1. 2. 3 u. s.). Klingt es aber wahr- scheinlich, daß er, als nachmaliger, vom heiligen Paulus eingesetzter Bischof von Athen (Euseb. hist. eccl. III, 4), „ein untergeordneter Lehrer Neuge- taufter' gewesen sei und zu deren Nutzen im Auftrage seiner Obern diese Werke geschrieben habe? Es scheint vielmehr, daß D. gelegentlich aus der Rolle fällt und wider Willen einige wahre persönliche Andeutungen gibt, die aber natürlich äußerst mager ausfallen.
Hier wäre auch die Stelle, nach der wirklichen Ten- denz zu fragen, welche den merkwürdigen Mann zur Ab- fassung seiner Schriften bestimmte. Die Antwort ist ver-
Himmlische trad MrcMiche Hierarchie — Anleitung XXTTT
schieden gegeben worden. Die einen halten es für wahr- scheinlich, daß ein heidnischer Konvertit beim Eintritt in das Licht der christlichen Wahrheiten mit staunendem Enthusiasmus erfüllt worden sei, weil er zwischen dem früher verehrten neuplatonischen System und der jetzt erschlossenen christlichen Gedankenwelt soviele frap- pante Ähnlichkeiten zu entdecken vermeinte. Im Drange nach einer intellektuellen Ausgleichung habe er dann diese Werke geschrieben, um sich über die wogende Fülle seiner Vorstellungen und Ideen zu orientieren. Dazu kam, wie manche glauben, allerdings auch die gute Absicht, die ehemaligen Gesinnungsgenossen mit dem Christentum zu versöhnen, das ihnen möglichst mund- gerecht gemacht werden sollte. Es fehlte auch nicht an Stimmen, welche den Verfasser nur als einen scheinbaren Christen ausgaben, der dem kirchlichen Literatur- und Lebenskreise die äußere Form abgeborgt habe, um seine im Grunde heidnischen und pantheistischen Anschauun- gen darin zu verstecken. Die ehemaligen Verteidiger der Echtheit der Schriften wagten natürlich keinen Zweifel an der Orthodoxie des Pseudo-Areopagiten, sie vindi- zierten ihm vielmehr die größten Verdienste um die kirchliche und insbesondere mystische Wissenschaft. Der Dominikaner Lequien durchforschte mit großem Scharf- sinn alle Stellen in den christologischen Ausführungen des Verfassers und trug kein Bedenken, ihn als Mono- physiten (Petrus Fullo oder einer aus dessen Kreise) zu bezeichnen. Unsere Ansicht haben wir schon im Jahres- programm 1895 ausgesprochen und sehen keinen Grund davon abzugehen, daß nämlich die Schriften in der Zeit- sphäre des kaiserlichen Henotikons (482) entstanden sind und von einem Anhänger jener Mittelpartei her- rühren, welche zwischen den schrofferen Monophysiien und den strengeren Orthodoxen eine Einigung herbeizu- führen suchte.
6. Zur Literatur.
Die immense Literatur, welche während des Mittel- alters und in der neuern Zeit über den Pseudo-Areopa- giten erwachsen ist, mag man bei Chevalier nachsehen. Wichtigere direkte Bearbeitungen aus früherer Zeit sind
XX fV OionyHinfl Areopagita
zunächst die lateinischen Übersetzungen von Skotus Eri- gena (s. oben S. IX), trotz der zahlreichen Mißverständ- nisse und der sprachlichen Barbarismen eine für jene Zeit phänomenale Leistung; von Johannes Sarrazenus (1170) und Robert Grosseteste (1220), zwei Engländern; von Thomas von Vercclli (1400), Ambrosius Camaldu- lensis (1436) und Marsilius Ficinus (1492), die beiden letztern schon durch ihre gebildete Diktion in gewaltigem Abstände von den früheren; von Faber Stapulensis und Perionius im 16. Jahrh.; von Lanssellius und Corde- r i u s (1634). Die letzgenannte Übersetzung ist mit ihrem griechischen und lateinischen Texte bis auf unsere Tage maßgebend geblieben, obgleich sich das Bedürfnis nach einer kritischen Ausgabe in moderner Editionstechnik, welche den ganzen Bestand der Handschriften und die sehr alten syrischen Übersetzungen zu Rate zöge, drin- gend fühlbar macht. Von den großen Kommentaren der Scholastiker seien wenigstens die folgenden vier hervor- gehoben: der Kommentar des Hugo von St. Viktor, aus» gezeichnet durch seine Wärme und gemütvolle Idealität, das Erläuterungswerk des Albertus Magnus von mäch- tigstem Umfange und Reichtum, die meisterhafte Erklä- rung der Abhandlung von den „göttlichen Namen" durch Thomas von Aquin und endlich die alles Frühere groß- artig zusammenfassenden „Elucidationes" des frommen Karthäusers Dionysius, des doctor ecstaticus (Bd. XV und XVI der neuen Ausgabe seiner Werke).
Über die neuere Literatur orientiert am schnellsten B ar d enhew er s Patrologie 3. Aufl. S. 463 ff. Hier seien daraus nur die Hauptschriften notiert, welche den Umschwung in der Frage herbeiführten: J.S t i gl may r S. J., der N euplatoniker Proklus als Vorlage des sog. Dionysius Areop. in der Lehre vom Übel. Histor. Jahrb. XVI (1895), 253—273, 721—748. Derselbe: Das Auf- kommen der Pseudo-Dionysischen Schriften und ihr Ein- dringen in die christl. Literatur bis zum Laterankonzil 649 (Progr.), Fddkirch 1895. Derselbe: Sakramente u. Kirche nach Pseudo-Dionysius — und — Die Eschatolo- gie des Pseudo-Dionysius, zwei Artikel in der Ztschr. für kath. Theol., Bd. XXII (1898) 246—303 u. XXIll (1899) 1 — 21, auf welche ich hier mehrfach zurückgreif
Himmlische und kirchliche Hierarchie — Einleitung XXV
fen konnte. H. K o c h, der pseud epigraphische Charak- ter der dionysischen Schriften, Theol. Quartalschr. LXXVII (1895) 353—420. Derselbe: Proklus als Quelle des Pseud o-Dionysius Areopagita in der Lehre vom Bösen. Philologus LIV (1895) 438—454. Derselbe: Pseud o-Dionysius Areop. in seinen Beziehungen zum Neuplatonismus und Mysterienwesen, Mainz 1900.
7. Die vorliegende Übersetzung.
Eine Übersetzung der Dionysischen Werke ins Deut- sche hat mit mannigfachen Schwierigkeiten zu ringen. Engelhardt (Sulzbach, 1823) hat sich die Sache in- sofern zu leicht gemacht, als er eine Menge Gräzismen wörtlich übersetzte und auch sonst allzugetreue Nach- bildungen der griechischen Termini und Konstruktionen sich erlaubte, welche dem deutschen Sprachgefühl wider- streben. Dazu kann ihm der schon von andern erhobene Vorwurf nicht erspart werden, daß an merkwürdig vie- len Stellen der Sinn durchaus verkehrt wiedergegeben ist. Storf (Kempten, 1877), mein Vorgänger in der „Bibliothek der Kirchenväter" ', hat sich zwar ehrlich be- müht, dem spröden Original gerecht zu werden, aber mehr als einmal scheint ihm doch die Kraft zu erlahmen, so daß er entweder auf sklavische Übertragungen oder schiefe Umschreibungen und schleppende Anfügungen herabsinkt. Seine Einleitung erscheint ferner nach dem jetzigen Stand der Frage antiquiert und die Anmerkun- gen bieten einen allzu dürftigen Gehalt. Unter den aus- ländischen modernen Übersetzungen ist es besonders die französische von D arb oy (Paris, 1845), aus welcher man für das richtige und feine Erfassen des griechischen Textes lernen kann. Leider wird an schwierigen Stellen die Übersetzung eher zu einer Paraphrase. Der nach- stehende Versuch einer neuen, selbständigen Übersetzung will nach Möglichkeit die beiden Klippen eines allzu mechanischen Anschlusses an das Original und einer un- nötig freien Abweichung von demselben vermeiden. Cha- rakteristische Redeweisen des Autors, die sich noch er- träglich verdeutschen lassen, wie z. B. deaQxLa JUrgott- heif", &EonaQäboTO£ „gott eingegeben4 (= inspiriert), f)Aiö- tsvktos „sonnenerzeugt" glaubte ich möglichst beibehalten
X X VF IxonyKiuß Arooj.
zu sollen, um wenigstens in etwa das eigenartige Kolorit zu wahren. Vielfach mußte aber die dem griechischen Idiom mögliche Kürze, welche in den Komposita erreicht wird, geopfert werden. So z. B. dürfte ein Ausdruck wie TeXeräofflC, eigentlich „Weiheurheber", le^oreXeötifl eigentlich „Weiheheiligender" und viele andere kaum anders als durch eine knappe Umschreibung wiederzu- geben sein. Die Vorliebe des D. für allgemein gehal- tene Termini, wobei namentlich rrJ.en), reXio, leQÖg und ähnliche einen breiten Umfang einnehmen, gibt seiner Diktion oft etwas Vages und V erschwommenes. Im In- teresse der Deutlichkeit habe ich häutig die engere Be- deutung, die dem Worte nach dem Kontext zukommt, übersetzt. Über andere zweckdienliche Abweichungen geben die Anmerkungen Aufschluß. Besonderes Augen- merk wurde der Wiedergabe der langen Perioden zuge- wendet. Bei der unumgänglichen Notwendigkeit, sie oft in kleinere Sätze aufzulösen, durfte natürlich der Ein- blick in das logische Verhältnis der vielen Partizipien und Konjunktionalsätze nicht eingebüßt werden. Um be- züglich der Erklärung fremdklingender Ausdrücke die Rubrik der Anmerkungen zu entlasten, hielt ich es für angemessen, jedem Paragraphen eine gedrängte Inhalts- angabe mit Verwendung der gewöhnlichen Termini vor- auszuschicken, so daß der sachliche Gehalt sofort be- hoben werden kann. Die Einteilung nach Kapiteln und Paragraphen ist nach der Ausgabe von Corderius beibe- halten, obwohl sie leider bei manchen Paragraphen un- gereimt und zweckwidrig erscheint. Es wären sonst für den Leser bei Vergleichung der Übersetzung mit dem Original neue Schwierigkeiten entstanden. Den Varian- ten gegenüber, welche Corderius in sehr bescheidenem Maße mitteilt, kann man sich ziemlich ablehnend ver- halten. Gelegentlich habe ich einen offenbaren Fehler im rezipierten Text nach der Forderung des Zusammen- hanges verbessert. Auch die Scholien boten in einigen wenigen Fällen einen belehrenden Wink für die richtige Lesart»
HIMMLISCHE HIERARCHIE
KAPITEL L
Der Presbyter Dionysius an den Mitpresbyter
Timotheus.1)
Jede göttliche Eingebung tritt aus Güte in buntge- brochenem Lichte in die der Vorsehung unterstellte Weit hervor und bleibt doch einfach. Aber noch mehr, sie bildet auch die Wesen, in welche sie einstrahlt, ins Eine um,
§ 1. Gleich allen Gaben Gottes sieigt auch der Strahl göttlicher Erleuchtung vom Vater hernieder; er führt aber auch hinwieder zu der einen Quelle empor und be- wirkt Einheit und Ähnlichkeit mit Gott.
Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, indem es vom Vater der Lichter herab- steigt2). Aber jedes Hervortreten der vom Vater erreg- ten Lichtaustrahlung, welche gütig verliehen zu uns
') 1. Petr. 5, 1: Die Presbyter unter euch ermahne ich als Mitpresbyter u. s. w. Die Anlehnung an die Schriftstelle will den Schein erwecken, dass D. auf derselben hierarchischen Stufe wie Timotheus steht. Vgl. oben S. XVIII.
2) Jak. 1, 17. Ygl. eine ähnliche "Verwendung der Schrift- stelle bei Cyrillus von Alex, in Joann. 1. IV [c. VI, 65, 66] (M. s. gr. 73, 605 D): Die vornehmste Gabe des „Vaters der Lichter" besteht in der Verleihung geistlicher Erkenntnis. D. gibt aber dem Gedanken eine Ergänzung, die durchaus der neuplatonischen Grundidee von jtQÖoöog und £möTQO(prj entspricht und zu zahl- reichen Sätzen bei Prokius eine Parallele bildet (theol. Plat. IV, 16; inst, theol. c. 146). Das abermalige Zurückgreifen auf die heilige Schrift (Roem. 11, 86) ermöglicht die christliche Fassung der Lieblingsidee des Prokius vom uvukog. Somit erscheint gleich der Eingang der c. h. als ein typisches Beispiel für die amalga- mierende Methode des D. Andrerseits hat schon Clemens v. AI. ström. 4, 25 (M. s. gr. 8, 1365 B) die grandiose Konzeption vom HimÄog naöCov xcbv öwäiieav (Christus A et Q) ausgesprochen.
Stiglmayr Dionys Areop., Himml. Hierarchie. 1
Dionysius Areopagita
dringt, führt uns auch hinwieder als eine in Eins gestal- tende KraÜ aufwärts und vereinfacht uns und wendet uns wieder zur Einheit des Vaters, der vereinigt« und zu seiner vergottenden Einfachheit zurück. Denn aus ihm und zu ihm hin ist alles, wie das heilige Wort sagt1).
§ 2.
1) Unter Anrufung Jesu möge man an das Studium der heiligen Schriften herantreten, um aus ihnen Er* kenntnisse über die himmlischen Geister zu schöpfen. 2) Das geistige Schauen auf die Lichter gießung des Va- ters soll uns dann von dem Anblick der sinnfälligen Ab- bilder hinweg zu dem einfachen Strahl (der Offenbarung) emporheben. 3) Wenn dieser Strahl auch, um die der Vorsehung unterstehenden Wesen in Eins zu gestalten und mit sich zu vereinigen, in eine Vielheit austritt, so verharrt er doch in seiner Einheit und gliedert sich seine Adepten einheitlich ein. 4) Nur auf diese Weise, wenn der göttliche Strahl, durch mannigfache Hüllen verdeckt, für unsere (geistig-sinnliche) Natur moderiert ist, kann er uns aufleuchten.
Laßt uns also Jesus anrufen, das Licht des Vaters; das wirkliche, wahrhafte Licht, welches einen jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt2), durch welchen wir den Zutritt zum Vater, dem Urquell des Lichtes, erlangt haben, und so dann zu den von den Vätern überlieferten, in den heiligsten Schriften enthal- tenen Erleuchtungen nach Möglichkeit emporblicken. Die von ihnen auf sinnbildlichem und anagogischem Wege uns geoffenbarten Hierarchien der himmlischen Geister wollen wir, soweit es in unserer Macht liegt, zu schauen suchen, die ursprüngliche und überursprüngliche Lichtergießung des urgöttlichen Vaters (welche uns die seligsten Hierarchien der Engel in bildlich geformten Zeichen offenbart), mit immateriellen und zuckungsfreien Augen des Geistes aufnehmen und dann hinwieder von
x) Rom. 11, 36.
2) Joann. 1, 9. Die Bitte um den göttlichen Beistand vor Beginn einer Abhandlung, insbesondere zum Christus Logos, ist seit Origenes den Vätern geläufig. Proklus betet so nach seinem Standpunkt m Eingang der tlieol. Plat.
Himmlische Hierarchie, Kap. I
ihr aus zu ihrem einlachen Strahl uns erheben1}. Denn dieser selbst verliert ja auch nie etwas von der ihm eigenen einheitlichen Einfachheit2), während er sich zum Zwecke der anagogischen und einigenden Anpassung an die von der Vorsehung geleiteten Wesen vervielfältigt und (zu ihnen) austritt. Er bleibt vielmehr innerhalb seiner selbst in unbeweglicher Selbstgleichheit un- erschütterlich und dauernd fest und zieht diejenigen, welche geziemend zu ihm emporblicken, ihrer Natur ent- sprechend (zu sich) empor und gestaltet vermöge seiner (eigenen) Wesenseinheit, die eine vereinfachende Kraft besitzt, auch in ihnen das Eine. Denn es ist gar nicht möglich, daß der urgöttliche Strahl in uns hereinleuchte, es sei denn, daß er durch die bunte Fülle der heiligen Umhüllungen, welche einen höhern Sinn enthalten, ver- deckt und in väterlicher Fürsorge unseren Verhältnissen naturgemäß und entsprechend angepaßt sei.
§ 3.
1) Die Rücksichtnahme auf unsere geistig-sinnliche Natur hat Gott bestimmt, unsere „kirchliche Hierar- chie" nach demselben Grundgesetze zu gestalten wie die „himmlische Hierarchie" , daß wir nämlich im Sinn- fälligen das Unsichtbare erfassen. 2) Unser Erkenntnis- vermögen ist zunächst auf die wahrnehmbaren Erschei- nungen der Sinnenwelt, auf sichtbare Kultformen ange- wiesen, um sich ihrer als einer handgreiflichen Leitung zu bedienen und so die Engelwelt nachzuahmen. 3) Weil wir der himmlischen Hierarchie im heiligen (liturgischen) Dienst zugesellt sein sollen, sofern wir eine Nachbildung ihres himmlischen Priestertums darstellen, deshalb hat Gott in der Bildersprache der heiligen Schriften die Engel unserem V or Stellungsvermögen nahe gebracht, da- mit wir vom Sinnlichen zum Geistigen aufsteigen können.
Deshalb hat auch die heilige Satzung, welche dem Urquell aller Weihen entstammt, unsere heiligste
0 Vgl. 2 Cor. 3, 18.
2) Die Lesart &v6vqxog verdient den Vorzug vor ivöovrjrog, weil D. die Zusammenstellung von Wörtern desselben Begriffes (hier iviui] ivörtjg) mit Absicht vorzunehmen liebt.
Dionysina An op
(kirchliche) Hierarchie in d e r Form gewährt, daß sie dieselbe einer überweltlichen Nachahmung der himm- lischen Hierarchie würdigte und diese eben erwähnten immateriellen Hierarchien in materiellen Gestalten und zusammengesetzten Gebilden auf mannigfach verschie- dene Weise darstellte1). Wir sollen nämlich unserer eigenen Natur entsprechend von den heiligsten Gebilden aus zu den einfachen und bildlosen Aufschwüngen und Verähnlichungen erhoben werden. Denn es ist unserm Geiste gar nicht möglich, zu jener immateriellen Nach- ahmung und Beschauung der himmlischen Hierarchien sich zu erheben, wofern er sich nicht der ihm entspre- chenden handgreiflichen Führung bedienen wollte. Und diese findet er darin, daß er die in die äußere Sichtbar- keit tretenden Schönheiten als Abbilder der unsicht- baren Herrlichkeit studiert, darin daß er die sinnlich wahrnehmbaren Wohlgerüche als Typen der geistigen Ausstrahlung und die materiellen Lichter als ein Sinn- bild der immateriellen Lichtergießung betrachtet; darin daß er die ausführlichen heiligen Lehrvorträge als einen Widerhall der geistigen, in Beschauung gewonnenen Be- friedigung, die Rangstufen der irdischen (kirchlichen) Ordnungen als einen Abglanz des harmonischen und wohlgeordneten Verhältnisses zum Göttlichen, die Teil- nahme an der göttlichen Eucharistie als eine Darstellung der Gemeinschaft mit Jesus erkennt2). Und das Gleiche
*) Ygl. unten e. h. 1, 2, wo eine eingehende Yergleichung der beiden Hierarchien durchgeführt wird. Das schöne "Wort „Hierarchie'" ist vor D. nicht nachweisbar ; es bedeutet „Hei ls- o r d n u n gu. Die persönliche Bezeichnung legägyiig ist schon vor- christlich und bedeutet den Verwalter des Yermögens und Inven- tars bei einem Tempel. Ygl. Ztschr. f. kath. Theol. XXII (189«) S. 180 ff.
s) Dem "\ erf asser steht die glänzende Feier der Liturgie in einem Tempel vor Augen. Die Annahme dürfte nicht zu gewagt sein, dass der Anblick der nach ihren Rangstufen den Altar um- gebenden Kleriker die Idee von den Rangordnungen der Engel in ihm wachrief, die er dann mit Zuziehung neuplatonischer Gedan- ken weiter ausbaute. Aber auch Clem. v. AI. (ström. 6, 13 M. 9, 328 C) sieht schon in den Stufen der bischöflichen, priester- lichen und Diakonenwürde Nachbilder (lujur^tava) der Herrlich- keit der Engel.
Himmlische Hierarchie, Kap. II
gilt von allen übrigen Dingen, welche den himmlischen Naturen auf eine überweltliche, uns aber auf eine sym- bolische Weise gewährt sind.
Um dieses uns entsprechenden Weges der Vergött- lichung willen offenbart uns die menschenfreundliche Urquelle aller Weihe die himmlischen Hierarchien und vollendet unsere Hierarchie durch die möglichst treue Verähnlichung mit dem gottähnlichen Priestertum jener zur Mitgenossin im heiligen Dienste1). Das also ist der Grund, weshalb sie uns die überhimmlischen Geister in sinnlisch wahrnehmbaren Bildern durch die mit heiligem Griffel in den heiligen Schriften gezeichneten Umrisse dargestellt hat, um uns so vermittels des Sinnlichen zum Geistigen und von den heilig umrissenen Sinnbildern aus zu den einfachen Höhenspitzen der himmlischen Hierarchien emporzuführen.
KAPITEL II.
Das Göttliche und Himmlische wird geziemend auch durch die nicht ähnelnden Sinnbilder veranschaulicht.
§ 1.
1) Angabe der Disposition: Zweck der Hierarchie, ihre Vorteile, die himmlischen Chöre selbst, die plastischen Darstellungsmittel für diesel- ben, Abwehr von körperlichen, groben Vorstellungen, zu welchen die bildlichen Aus-
*) Eine schöne Ausführung in ähnlichem Sinne findet sich schon, um von Eusebius und andern zu schweigen, bei Gregor v. Nyssa de vita S. Ephr. M. s. gr. 46, 849 C. Er bittet den hei- ligen Yater Ephräm, dass er am himmlischen Altare, wo er mit den Engeln die Liturgie zu Ehren der Dreifaltigkeit feiert (Xsltovq- y<ov Ovv äyyeÄoig — vq gcöaQxiuf} nah bneQayla TQiäöi) der üeberlebenden gedenke. — Noch früher hat Clemens von Alex., gestützt auf verschiedene Stellen der hl. Schrift, den Satz ausge- sprochen, dass die kirchliche Hierarchie ein Abbild, bzw. eine Fortsetzung der himmlischen ist (ström. 6, 13 M. s. gr. 9, 328 C); er schildert auch schon das Einwirken höherer Kreise auf die nie- deren und unterscheidet deren drei, wobei die Menschen einbe- zogen sind (1. c. 9, 412 D).
6 Dionvsius Aroopaffita
drücke der heiligen Schrift, welche von Füßen, Ange- sichtern der Engel spricht und sie unter dem Bilde von Stieren, Löwen, Adlern, Vögeln u. «?. w. darstellt, Anlaß geben könnten. 2) Nur mit Rücksicht auf uns hat uns Gott diese in Sinnbildern verhüllten Aufschlüsse über die Engelwelt gegeben.
Nun denn müssen wir, denke ich, zunächst darlegen, was wir als Ziel jeder Hierarchie erachten und wel- chen Nutzen jegliche ihren Mitgliedern bringt; dar- nach haben wir die himmlischen Hierarchien nach ihrer Offenbarung in den heiligen Schriften zu schildern. Im Anschluß daran müssen wir dann zeigen, in welche heilige Gestalten die heiligen Beschrei- bungen der Schrift die himmlischen Ordnungen einklei- den und zu welcher Einfachheit man durch die (körperhaften) Gebilde erhoben werden soll, damit wir nicht auch gleich der (ungebildeten) Menge die unheilige Auffassung teilen, als wären die himmlischen und gott- ähnlichen Geister Wesen mit vielen Füßen und vielen Gesichtern und sie seien nach der tierischen Figur von Stieren oder nach der Raubtiergestalt von Löwen gebil- det, oder sie seien nach dem Bilde der Adler mit einem Krummschnabel oder wie die (kleineren) Vögel mit einem struppigen Gefieder ausgestattet; damit wir nicht (sage ich), uns einbilden, es liefen da gewisse feurige Räder über den Himmel und es seien da Throne aus irdischem Stoff, welche der Urgottheit zum Zurücklehnen dienen, und es gäbe gewisse buntscheckige Pferde und speertragende Kriegsoberste und was sonst alles von der Schrift in heiliger Plastik durch die bunte Fülle der be- deutungsreichen Sinnbilder uns überliefert ist1). Denn
*) Eine überreiche Aufzählung derartiger symbolischer En- geldarstellungen und ihre mystische Deutung s. unten im 15. Ka- pitel. Die moralische Entrüstung des D. über solche niedrige Auf- fassungen der Geisterwelt, ja Gottes selbst (d. d. n. I, 4 M. 3, 592 B, IY, 11 ; 708 C) ist nicht vereinzelt. Bereits Cyrill v. Jer. rügt die rohen Vorstellungen von „Feuer", „Flügeln", rGebrülr' cat. 6, 8. 11 (M. s. gr. 33, 552 A; 556 A), Noch energischer eifert dagegen Gregor v. Nyssa und hofft, dass keiner seiner Leser so viehisch. dumm (KTrp>ebdr}g) sein werde c. Eunom. 1. (M. s. gr. 45, 344 f.) Näheres bei Koch „Ps.-Dion. in s. Beziehungen . . ." S. 206 f.
Himmlische Hierarchie, Kap. II
ganz natürlich hat sich die Offenbarung bei den gestalt- losen Geistern der dichterischen heiligen Gebilde be- dient, weil sie, wie gesagt, auf unser Erkenntnisvermö- gen Rücksicht nahm und für die ihm entsprechende und naturgemäße Emporführung Fürsorge trug und in An- passung an dasselbe die anagogischen heiligen Darstel- lungen aufbildete1).
§2.
1) Einwand: Bildliche Bezeichnungen für geistige Dinge sind zwar nicht zu verwerfen, aber der Bilder- Apparat der heiligen Schrift ist ungeziemend; sie sollte wenigstens geistig entsprechendere und naturgemäß ed- lere Anschauungsmittel gebrauchen. Nicht zu billigen ist es, wenn die Schrift zu den niedrigen Vergleichungen herabsteigt, wodurch die himmlischen Geister beleidigt, wir selbst in Irrtum geführt und mit unwürdigen Vor- stellungen erfüllt werden. 2) Antwort: Es offenbart sich gerade in dieser Redeweise der Schrift eine heilige Um- sicht; weder wird ein Frevel an den Himmlischen be- gangen noch eine niedrige Auffassung befördert. Da- durch wird vielmehr unserem sinnlich-geistigen Erkennt- nisvermögen Rechnung getragen und die schützende Ver-, hüllung der ehrwürdigen Geheimnisse entzieht sie unhei- ligen Blicken. 3) Zweiter Einwand: Aber es sind doch häßliche Dinge, deren man sich schämt, unter diese Bil- der gemischt. 4) Antwort: Es ist eine zweifache Art dieser geheimnisvollen Offenbarung zu unterscheiden.
Aber wie, wenn nun jemand damit einverstanden ist, die heiligen figürlichen Darstellungen zwar gelten zu lassen, weil das an sich Einfache unerkennbar und un- sichtbar ist, aber doch der Meinung ist, die bildlichen Beschreibungen der heiligen Geister, welche in den hei-
') D. rechtfertigt jetzt und noch weitläufiger ep. IX den Ge- brauch der bildlichen Ausdrücke für geistige Dingo in ähnlicher Weise wie Clemens v. Alex, ström. 6, 15 (M. s. gr. 9, 349 B; 356 C) und Origenes de princ. 4, 15 (M. s. gr. 11, 373—376). Die Neuplatoniker ihrerseits suchen den heidnischen Mythen durch ähnliche symbolische Deutung das Anstössige zu benehmen. Philo übte übermässig das allegorisierende Verfahren bei den Büchern ies Alten Testamentes.
Dionysins Areopagita
ligen Schriften enthalten sind, seien unpassend und über- haupt sei, so zu sagen, dieser ganze Apparat der Engel- namen absonderlich, und wenn er sagt, die Verfasser der inspirierten Schriften müßten, wenn sie an die körper- hafte Darstellung ganz körperloser Dinge herantreten» sie in entsprechenden und nach Möglichkeit naturver- wandten Formen aufbilden und offenbaren, indem sie diese Formen von den bei uns geehrtesten und sozusagen stofflosen und höherstehenden Wesen entnehmen, nicht aber die Wesen von himmlischer und gottähnlicher Ein- fachheit mit dem gemeinsten Gestaltenreichtum, wie er auf Erden zu treffen ist, umkleiden? Das eine Verfahren müßte einerseits nämlich eine stärkere erhebende Kraft für uns besitzen und würde die überweltlichen Offen- barungen nicht zu den unpassenden Unähnlichkeiten herabziehen. Das andere Verfahren aber versündige sich sowohl frevelhaft an den göttlichen Mächten und führe auch gleichermaßen unsern Geist in die Irre, da dasselbe sich auf die unheiligen Bildungen stütze. Und leicht wird er auch glauben, die überhimmlischen Regio- nen seien mit Löwen- und Pferdeherden und mit einem Hymnengesang von Rindergebrüll und mit einem Reich der Vogelwelt und anderen Tieren und noch unansehn^ licheren Dingen erfüllt, welche in den ganz und gar un- ähnlichen Vergleichen der heiligen Schriften, die doch zur Aufklärung dienen sollen, geschildert werden, indem sie zum Unpassenden, Falschen und Sinnlichen herab- gleiten.
Aber die Erforschung der Wahrheit zeigt, wie ich denke, die heiligste Weisheit der Schriften, welche bei der bildlichen Darstellung der himmlischen Geister nach beiden Seiten gute Fürsorge trifft, daß wir weder gegen die göttlichen Mächte, wie einer sagen möchte, freveln, noch daß wir uns sinnlich an den Erdenstaub und die Gemeinheit der Bilder heften. Denn für die Behaup- tung, daß mit Fug und Recht die Bilder vor das Bildlose und die Gestalten vor das Gestaltlose gewoben sind, möchte einer nicht bloß die uns eigentümliche analoge Erkenntnisweise als Grund anführen, welche nicht im Stande ist, zu den geistigen Betrachtungen sich unmittel- bar zu erheben und vielmehr geeigneter, naturgemäßer
9 Himmlische Hierarchie, Kap. II 9
Emporführungsmittel bedarf, welche in den uns fass- baren Gebilden die gestaltlosen und das Natürlich« übersteigenden Erkenntnisse verschleiert bieten, sondern auch diesen weiteren Grund, daß dieses Verfahren den geheimnisvollen (heiligen) Schriften am besten ziemt, daß sie nämlich in geheimen und heiligen Rätselworten verborgen werden und daß für die große Menge die ge- heime und heilige Wahrheit über die überweltlichen Geister unzugänglich gemacht wird. Denn nicht jeder ist heilig und nicht aller ist, wie die Schrift sagt, die Erkenntnis1). Wenn aber jemand die unpassenden Bild- zeichnungen anschuldigen wollte, indem er sagte, man müsse sich schämen, so häßliche Gestaltungen unter die gottähnlichen und heiligsten Ordnungen (des Himmels) zu mischen, so genügt für ihn die Antwort, daß die Art und Weise der (bildlichen) Offenbarungen eine doppelte ist.
§ 3.
1) Die eine Art der Offenbarung bedient sich der homogenen Bilder, wie „Logos", „Verstand" u. s. w., die andere aber der ganz unähnlichen und unpassenden Typen. 2) Wieder andere Bezeichnungen sind „Licht" und „Leben", welche allerdings mehr immaterielle Dinge besagen, aber gleichwohl nicht eine genügende Vorstel- lung von der über alles erhabenen Gottheit vermitteln. 3) An andern Stellen wird die Gottheit vermittels Nega- tionen der betreffenden Ähnlichkeiten geschildert, z. B. „unsichtbar", „unendlich" u. s. w. Und diese Form der Prädizierung ist bei Gott passender, weil wir wahrheits- gemäß sagen, daß Gott nicht etwas nach Art der Dinge sei. 4) Sind demnach die verneinenden Aussagen (äno<pä- oeig) über Gott den bejahenden (ußtacpäoeig) vorzuziehen, so ist auch die Offenbarung durch die unähnlichen Dar- stellungsformen die angemessenere. Gerade die krasse- ren Einkleidungen erinnern an die Erhabenheit der himmlischen Geister und fügen ihnen keine Unehre zu. Desgleichen wohnt den stofflicheren Bildern eine stär-* kere Kraft inne, uns zum Geistigen zu erheben, denn an
') I. Cor. 8, 7: ovk iv näOiv f] yvööig. D.: otiöe nav* T6)v \] yvcöotg.
10 Pionvsius Areopagita 10
den edleren Gestalten würde man leichter hängen blei- ben und für buchstäblich nehmen, was nur metaphorisch gemeint ist. 4) Um solchen Irrtum zu verhüten, läßt sich die Schrift zu den niedrigeren Vergleichungen herab und scheucht uns von einem Verbleiben bei denselben hinweg. 5) Übrigens ist kein Ding gänzlich von der An- teilnahme am Schönen ausgeschlossen.
Die eine Art (der Offenbarung) nun nimmt, wie es sich geziemt, ihren Weg durch die ähnlichen, heilig ge- formten Bilder, die andere durch die unähnlichen Ge- staltungen und formt diese in einer Weise, daß sie ganz ungeziemend und unpassend erscheinen. Bekanntlich be- zeichnen die mystischen Überlieferungen der Offen- barungsschriften die verehrungswürdige Seligkeit der überwesentlichen Urgottheit an den einen Stellen als Logos und Nus und Usie (Wort, Geist und Wesen), um die göttliche Vernunft und Weisheit, sowie die wahrhaft seiende Existenz Gottes und die wahre Ursache der Existenz von allem, was ist, zu offenbaren. Und auch als Licht stellen sie die Urgottheit dar und benennen sie als Leben, figürliche, heilige Bezeichnungen, welche zwar ehrwürdiger sind und über die stofflichen Gestaltungen in gewisser Weise erhaben zu sein scheinen, aber auch so hinter einer wirklichen Ähnlichkeit mit der Urgott- heit zurückbleiben. Denn sie ist über jegliche Wesen- heit und jegliches Leben entrückt, kein Licht gibt es, das sie kennzeichnen mag, gar kein Gedanke (Aöyog) und gar kein Verstand (vovg) ist mit ihr zu vergleichen und reicht an eine Ähnlichkeit mit ihr heran.
Andern Orts wird sie aber auch von ebendenselben Schriften mit Prädikaten negativer Art überweltlich gefeiert, wenn sie dieselbe nämlich als Unsichtbares, Unermeßliches, Unbegrenztes bezeichnen und das her- vorheben, woraus nicht abzunehmen ist, was sie ist, son- dern, was sie nicht ist. Denn das ist meines Erachtens ihr gegenüber auch mehr berechtigt, weil wir, wie die geheime und priesterliche Überlieferung nahe legte, in Wahrheit sagen, daß die Gottheit nicht nach Art eines der bestehenden Dinge existiere, daß wir aber ihre über- wesentliche, unerkennbare und unaussprechliche Unbe-
11 Himmlische Hierarchie, Kap. II 11
grenztheit nicht kennen. Wenn also die verneinenden Aussagen in Bezug auf das Göttliche wahr, die bejahen- den dagegen unzutreffend sind, so ist dem Dunkel der unaussprechlichen Dinge die Offenbarung vermittels der unähnlichen Gebilde in dem Gebiet des Unsichtbaren mehr angemessen1). Mithin erweisen auch die heiligen bildlichen Züge der Schriften den himmlischen Ordnun- gen nur Ehre und fügen ihnen keine Schmach zu, wenn sie dieselben vermittels unähnlicher Gestaltungen offen- baren und eben dadurch sie über alles Stoffliche über- weltlich erhaben darstellen.
Daß aber auch die unpassenden Vergleichungen un- sern Geist besser emporheben, das, denke ich, wird kein Verständiger in Abrede stellen. Denn es ist natürlich, daß man bei den ehrenvolleren heiligen Bildern' auch abirre und auf die Meinung kommt, es seien die himm- lischen Wesen sozusagen goldartige Männer, lichtge- staltet, funkelnd, von herrlicher Schönheit, in schim- merndes Gewand gekleidet und ohne zu schaden feurig blitzend, oder irgendwelche ähnlich gebildete Figuren, in welchen sonst noch die Offenbarung die himmlischen Geister äußerlich dargestellt hat. Um nun diejenigen, welche keine höhere Schönheit kennen als die äußerlich erscheinende, vor diesem Fehler zu bewahren, läßt sich die anagogische Weisheit der heiligen Verfasser der Offenbarungsschriften auch zu den unpassenden Unähn- lichkeiten heilig herab und duldet nicht, daß der sinn- liche Teil in uns an den unedlen Bildern haften bleibe und in ihnen ruhe. Sie regt vielmehr das Höhere der Seele an und stachelt sie durch die Mißgestalt der ent- worfenen Bilder auf, da es ja selbst den ganz fleisch- lichen Menschen nicht zulässig und wahr zu sein scheint, daß diesen so häßlichen Dingen die überhimmlischen und göttlichen Erkenntnisobjekte in Wirklichkeit ähn- lich sind. Übrigens muß man auch den Umstand in Be- tracht ziehen, daß nicht einmal ein einziges der beste-
*) Schon Clemens v. Alex, empfiehlt die Verwendung der negativen Begriffe über Gott ström. 5, 11. 12 (M. s. gr. 9, 109 A, 116 B) und ihm folgen Basilius, Gregor v. Nyssa, Theodoret u. s. w. Die Termini äno<päöeig und KaTa<päöet£ hat D. Tön Proklus übernommen.
12 Dionysiufl Areopagita 12
henden Dinge der Teilnahme am Guten ganz und gar beraubt ist; da ja, wie die Wahrheit der Schrift sagt, „alles überaus gut ist"1).
1) Man kann aus allen materiellen Dingen geistige Anschauungen gewinnen und ihnen die „unähnlichen Ähn- lichkeiten' (scheinbar widersprechende Vergleichungen) entnehmen. 2) Auf andere Weise kommen die betreffen- den Prädikate den geistigen, auf andere den körperlichen Dingen zu. Erläuterung durch vier Beispiele: Zorn, Be- gierde, Unbändigkeit, Vernunft- und Empfindungslosig- keit. 3) Selbst aus den niedrigsten Teilen der Materie kann man passende Bilder für die himmlischen Geister formen, denn auch sie hat ihr Dasein von dem wahrhaft Guten und ein Echo der geistigen Harmonie und Schön- heit klingt aus allen ihren Bereichen wider. 4) Solche Bilder können uns zu den immateriellen Urtypen er- heben, vorausgesetzt, daß die betreffenden Ähnlichkeiten anders für das Geistige, anders für das Sinnfällige auf- gefaßt werden.
Man kann also aus allem schöne (geistige) An- schauungen ersinnen und sowohl für die hohen wie für die höchsten Geister (vorjxolg xe Kai voeooiS) aus dem Gebiet der Materie die erwähnten sogenannten „unähn- lichen Ähnlichkeiten" entnehmen. Natürlich besitzen die geistigen (erkennenden) Wesen das in anderer Weise, was den sinnlich wahrnehmbaren verschieden von jenen zugeschrieben ist. Der Zornesmut z. B. liegt in der Natur der vernunftlosen Tiere infolge eines leidenschaftlichen Antriebes und ihre Zorneserregung ist jeglicher Unvernunft voll. Bei den geistbegabten Naturen aber muß man die Eigenschaft des Zornes (xö övfuuöv) auf andere Weise verstehen, denn sie bezeich- net meines Erachtens ihre männlich entschiedene Ver- ständigkeit und ihre unerschütterliche Haltung in den gottentsprechenden und unveränderlichen Bestimmun-
0 Gen. I. 31.
13 Himmlische Hierarchie, Kap. II 1$
gen1). Desgleichen sagen wir von der Begierde, sie sei bei den vernunftlosen Tieren eine aller Umsicht bare, materielle Affektion, welche aus einem angebornen Triebe oder aus Gewöhnung im Wechsel der veränder- lichen Dinge ungebändigt auftritt; die Begierde sei die vernunftlose Übermacht des körperlichen Verlangens, welches das ganze Lebewesen zu dem sinnlich begeh- renswerten Gut hinstößt. Wenn wir dagegen die „unähn- lichen Ähnlichkeiten" den geistig erkennenden Wesen beilegen und ihnen Begierde zuschreiben, so müssen wir dabei an die göttliche Liebe zum Geistigen, welche über Gedanke und Verstand erhaben ist, und an die unbeug- same, nie erschlaffende Sehnsucht denken, welche nach der überwesentlich lauteren und leidenschaftslosen Be- schauung und nach der wahrhaft ewigen und geistigen Gemeinschaft mit jener reinen und höchsten Klarheit und mit jener untrügerischen, verklärenden Schönheit gerichtet ist. Die Unbändigkeit dürften wir ver- stehen als das Straffe und Unentwegte (der Engelnatu- ren), das durch nichts gebrochen werden kann, weil ihre Liebe zur göttlichen Schönheit ungetrübt und unverän- derlich ist und weil sie ganz und gar dem wahrhaft Be- gehrenswerten zugewandt ist. Aber auch selbst die Vernunftlosigkeit und Empfindungslo- sigkeit nennen wir zutreffend bei den unvernünftigen Tieren oder den leblosen Körpern Mangel der Vernunft und der Empfindung, bei den immateriellen und intellek- tuellen Wesen dagegen anerkennen wir ehrfürchtig (mit solchem Ausdruck) die ihnen als überweltlichen Gei- stern zukommende Erhabenheit über unser diskursives und von der Materie abhängiges Denkvermögen und über das körperliche, den körperlosen Geistern fremde Emp- findungsvermögen. Man kann also für die himmlischen Wesen auch aus den niedrigsten Elementen der Materie Gestalten formen, welche nicht unpassend sind. Denn auch die Materie hat ihr Dasein von dem wahrhaft Schö- nen und besitzt durch alle Reiche ihrer Stoffwelt hin-
x) Das griechische Wort dv/iög ist bei seiner vielseitigen Be- deutung für den Nachweis der Analogie entschieden brauchbarer als irgend eine deutsche Uebersetzung. Näher trifft noch furor, motus irascibilis die Sache.
14 Dionysins Areopa^ita 1 |
durch gewisse Nachklänge der geistigen Schönheit1). Vermittels derselben vermag man sich zu den immate- riellen Urbildern zu erheben, vorausgesetzt, daß man, wie gesagt, die Ähnlichkeiten nicht als ähnlich nehme und dieselben nicht auf ein und dieselbe Weise, sondern in entsprechendem Einklang mit den geistigen und sinn- fälligen Eigenschaften bestimmt.
§ 5.
1) Eine solche Bildersprache gebrauchten die inspi- rierten Schriftsteller nicht bloß, um die Engelordnungen zu schildern, sondern auch um Offenbarungen über Gott zu vermitteln. 2) Dreierlei Arten dieser Bilder kann man unterscheiden; sie sind entnommen erstens von glänzen- den Dingen, wie der Sonne u. s. w., zweitens von Gegen- ständen mittleren Ranges, wie dem Feuer, drittens von den untersten Gebieten, wie Salben und Steinen, selbst vom Tierreich, wie Löwen u. s. w., ja sogar von Wür~ mern. 3) Auf diese Weise erreichen die heiligen Schriften einen dreifachen Zweck: erstens entrücken sie das Allerheiligste den Uneingeweihten; zweitens verwehren sie uns an den Bildern als vermeintlich wahren hängen zu bleiben; drittens lehren sie, daß die verneinenden Prädikate über Gott und die dis- paraten Nachbildungen mit ihrem schwächsten Nachhall des Göttlichen ehrenvoller für Gott sind. Mithin sind die Bilder auch für die Engel zulässig. 4) Der Verfasser bekennt von sich selbst, daß ihn gerade die Dissonanz in diesen Vergleichen zu eindringenderem Studium ange- spornt, von den abstoßenden Gestalten hinweggescheucht und an geistige Auffassung gewöhnt habe. 5) Nach der Rechtfertigung der „hylischen" Vergleiche will er sich
-) Eine Lieblingsvorstellung des D. ist hier ausgesprochen - Ein Widerhall (ä7tr}%iyua) der göttlichen Harmonie und Schön- heit ist aus allen Gebieten des Geschaffenen heraus zu vernein* men, der allerdings immer schwächer wird, je weiter sie von de: göttlichen Urquelle alles Seins abstehen (d. d. n. IY, 4, IV 20 YI, 6; Tu, 2; c. h. XIK, 8; XV, 8 u. s. w.). Wie sehr sich D. hiebei an die Neuplatoniker anlehnt, s. bei Koch 1 c. S. 1 95 ff. Be- kannt ist die bei den Scholastikern so häufig erwähnte „obscura- resonantia'*.
16 Himmlische Hierarchie, Kap. II Ifir
anschicken, das Wesen der Hierarchie und ihren Nutzen zu erklären. 6) Daran schließt sich die Bitte an „seinen Jesus", ihm als Wegweiser voraufzugehen, und die ernste Mahnung an den Empfänger der Schrift, den Bi- schof Timotheus, die nachfolgenden Lehren einerseits zur eigenen Heiligung ehrerbietig zu vernehmen, andrer- seits sie vor den Unheiligen geheim zu halten.
Die mystischen Verfasser der inspirierten Schriften kleiden nicht bloß, wie wir finden werden, die Offenba- rungen über die himmlischen Ordnungen (Chöre) heilig in diese Bilder ein, sondern bisweilen sogar auch die Mitteilungen über die Urgottheit. Bald gehen sie bei deren Schilderung von den glänzenden äußeren Erschei- nungen aus, wenn sie dieselbe z. B. Sonne der Gerechtig- keit1), den Morgenstern, der heilig im Geiste aufsteigt2), das Licht, welches unverhüllt und geistig hernieder- strahlt3), nennen. Bald bedienen sie sich der mittleren Gattung (der sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände) und reden von der Gottheit als dem Feuer, das leuchtet ohne zu schaden4), als von dem Wasser, das die Fülle des Lebens spendet und, um sinnbildlich zu sprechen, in den Leib eintritt und unerschöpflich fortquellende Ströme (de^ Lebens) ergießt5). Dann hinwieder nehmen sie die niedrigsten Dinge zum Ausgangspunkt, wie z. B. die wohlriechende Salbe6) oder den Eckstein7). Ja sogar Tiergestaltung wenden sie auf sie an, legen ihr die Eigenart des Löwen8) und Panthers9) bei und sagen, sie werde ein Pardel10) und eine der Jungen beraubte Bä- rin10) sein. Ich will auch noch hinzufügen, was niedriger und ungeziemender als alles andere zu sein scheint, daß nämlich die in göttlichen Dingen bewanderten Männer
1) Malach. 4, 2.
2) Apoc. 22, 16 (2, 28). ') Joann. 1, 9.
4) Exod. 3, 2; Deuter. 4, 24.
6) Joann. 7, 38. 39.
•) 1. Joann. 2, 27; Act. 10. 38.
T) Js. 28, 16.
•) Os. 13, 8.
•) Os. 5, 14.
,0) Os. 13, 7. 8.
16 Dionysius Areopagjti 16
uns von der Gottheit überliefert haben, daß sie sich selbst die Gestalt eines Wurmes beilegt1).
Auf diese Weise entrücken alle Gotteskundigen und Ausleger der geheimen Inspiration ,,das Heilige des Hei- ligen" (Sancta sanctorum) unberührbar den Uneinge- weihten und Unheiligen und halten jene abweichende heilige Gestaltenbildung hoch, damit weder das Gött- liche den Profanen leicht in die Hände falle, noch die eifrigen Beschauer der heiligen Bilder an den Typen hängen bleiben, als ob diese in sich wahr wären. Der weitere Zweck ist, daß das Göttliche durch die negati- ven Aussagen und durch die disparaten Anähnelungen, welche sogar bis an die äußerste Grenze des entspre- chenden Nachhalls gehen, geehrt werde. Und so ist es also gar nicht ungereimt, wenn die heiligen Schriften auch für die himmlischen Wesen aus den widerspre- chenden unähnlichen Ähnlichkeiten wegen der erwähn- ten Gründe bildliche Züge entnehmen.
Auch wir selbst ja würden vielleicht nicht aus dem Zweifel heraus zur Erforschung, nicht durch genaue Un- tersuchung der heiligen Probleme zum höheren Sinn vor- gedrungen sein, wenn uns nicht das Abstoßende der bild- lichen Offenbarung über die Engel aufgeschreckt hätte. Es ließ unseren Geist nicht bei den disharmonischen Bil- dungen verweilen, sondern reizte uns, die materiellen Affektionen in Abrede zu stellen und gewöhnte uns hei- lig daran, vermittels der äußeren Erscheinungen zu den überweltlichen Erhebungen uns zu erschwingen2). Soviel
J) Ps. 21, 7. Noch viele andere Anthropomorphismen und auffällige Vergleiche erwähnt D. ep. IX. Er konnte bei Greg. v. Naz. or. XXXI, 22 (M. 36, 157) eine ähnliche Sammlung vor- finden und zugleich die „mystische Deutung4' ihm absehen. S. unten Kap. XV, 11 über Adrianus. Auch Greg. v. Nyssa und weiter zurück schon Origenes, um von Philo nicht zu reden, gehen da- rauf aus, solche anthropomorphistische Vorstellungen über Gott abzuwehren. (Vgl. Diekampl. c. S. 211.) Koch bietet zahlreiche Par- allelen aus den Neuplatonikern (1. c. S. 201 ff.).
2) Origenes bekennt von sich ein ähnliches „Aufgeschreckt wer- den" de princ. 4, 15 (M. 11, 373 B); Gregor v. Nyssa gibt den Rat, die Sache gleich richtig zu verstehen, statt sich ,, erschrecken" zu lassen, de vita "Mos. (M. s. gr. 44, 381 C; vgl. c. Eun. 3. M. 45, 609 D) ; D, kehrt wieder mehr zum Ausdruck des Origenes zurück
17 Himmlische Hierarchie, Kap. HI 17
also soll von uns wegen der materiellen und unpassenden bildlichen Darstellungen, welche die heilige Schrift als Engelgestalten bietet, vorausgeschickt sein.
Nunmehr aber müssen wir bestimmen, was wir als das Wesen der Hierarchie selbst betrachten und wel- chen Nutzen von eben dieser Hierarchie diejenigen gewinnen, welche Anteil an ihr erlangt haben. Den Gang <ler Abhandlung möge Christus leiten, mein Christus, wenn ich so reden darf, dessen Inspiration alle Offen- barung über die Hierarchie zu verdanken ist. Du aber, mein Sohn, höre gemäß der heiligen Satzung, welche hinsichtlich unserer hierarchischen Überlieferung be- steht, für deine Person ehrfurchtsvoll den heiligen Vor- trag und werde über der Einweihung in die gotterfüllten Geheimnisse selber gotterfüllt, vor der unheiligen Menge aber bewahre das Heilige, das ja eingestaltig ist, in der Verborgenheit des Geistes. Denn es ist nicht erlaubt, wie die Schrift sagt, die ungetrübte, lichtglänzende und verschönernde Zier der geistigen Perlen vor die Schweine zu werfen1).
KAPITEL III.
Das Wesen der Hierarchie und ihr Nutzen.
§ 1. 1) Hierarchie ist ihrem Wesen nach eine heilige Stufenordnung, Wissenschaft und Wirksamkeit, welche Verähnlichung mit Gott auf dem Wege der Erleuchtung bezweckt. 2) Die göttliche Urschöne, an sich allerdings durchaus einfach und unnahbar, teilt von dem eigenen Lichte nach Gebühr jedem mit, um ihn nach sich umzu- gestalten und zu vollenden.
*) Matth. 7, 6. — Eine ähnliche Mahnung, die mitgeteilten Lehren, geheim zu halten, wiederholt D. auch im Eingang zur „Kirchlichen Hierarchie'1 (S. unten e. h. Kap. I, § 4).
Stiglmayr, Dionys. Areop., Himml. Hierarchie. 2
IN Dionysius Areopagita 18
Die Hierarchie ist nach meiner Ansicht eine heilige Stufenordnung, Erkenntnis und Wirk- samkeit1). Sie will nach Möglichkeit zur Ähnlichkeit mit der Gottheit führen und gemäß den ihr von Gott verliehenen Erleuchtungen in entsprechendem Verhält- nis zum Nachbilde Gottes erheben. Die Gott eigene Schönheit ist, soferne sie einfach, gut, Urquell aller Vol- lendung ist, allerdings durchaus jeder Unähnlichkeit (jedem ihr fremdartigen Zuge) unnahbar entrückt, sie ■will aber von ihrem eigenen Lichte jedem nach dessen Würdigkeit mitteilen und ihn durch göttlichste Weihe- vollendung vollkommen machen, indem sie die Jünger der Vollkommenheit harmonisch nach ihrer Unverän- derlichkeit gestaltet.
§ 2.
1) Zweck der Hierarchie ist Verähnlichung und Vereinigung mit Gott, welche dadurch erreicht wird, daß die Glieder der Hierarchie unverwandt auf Gotte* Schönheit schauen und zu Gottesbildern, zu Spiegeln werden, welche aus dem Urquell des Lichtes den göttlichen Strahl aufnehmen und neidlos auf die tiefer- stehenden Ordnungen weiterstrahlen. 2) Hiebei herrscht ein strenges Gesetz: die Träger der Weihegewal- ten (teäeotüO und die Empfänger der Weihen (reAo{ue- voi) dürfen nie gegen die Bestimmungen Gottes han- deln und in gar keinem Widerspruch mit ihnen stehen, wenn sie anders nach dem Glänze Gottes begehren und darnach sich umbilden wollen. 3) Das Wort „Hierar- chie" bezeichnet also eine heilige Institution, ein Abbild der göttlichen Schönheit, welches in abgestuften Ord- nungen und Erkenntnissen die Geheimnisse der ihm ge- ivordenen Einstrahlung auswirkt. 4) Die Vollendung besteht in der entsprechenden Erhebung zum Nachbilde Gottes und — was das Aller göttlichste ist — in der Teil- nahme an der Wirksamkeit Gottes. 5) Weil die hierar- chische Ordnung die aktive und passive Seite der Reini-
*) Vgl. zu dieser trefflichen Definition unten die ergänzenden Erklärungen e. h. Kap. I, 3.
19 Himmlische Hierarchie, Kap. III 19
gung, Erleuchtung und Vollendung umfaßt, so wird auch jedem Mitglied der himmlischen Hierarchie nach beiden Beziehungen das Bild Gottes zuteil werden. 6) Das Wesen der Gottheit duldet keine Vermischung mit etwas Fremdartigem, wirkt aber doch in den Geschöpfen Rei- nigung, Erleuchtung und Vollendung, ist selbst alles die- ses oder vielmehr über alles dieses erhaben und der sub- sistierende Urquell aller Weihe und Vollendung1).
Zweck der Hierarchie ist also die möglichste Ve r ä hn 1 i c h u n g und Einswerdung mit Gott. Hiebei hat sie ihn selbst zum Lehrmeister in jeglicher hierarchischen Erkenntnis und Wirksamkeit, blickt zu seiner göttlichsten Schönheit unverwandt em- por, gibt dieselbe soweit als möglich im Nachbild wieder und vervollkommnet ihre Mitglieder2) zu göttlichen Bil-
*) Die Grundgedanken eines stufenweisen Aufstieges zum Göttlichen sind uralt (Plato, Philo, Plotin, Jamblich). Schärfei un- terschieden und so. wie wir es bei D. finden, charakterisiert wer- den sie bei Proklus (in L Alcib. 517 ff.). Er spricht ganz be- stimmt von der Reinigungs-, Erleuchtungs- und Vollendungsstufe,, so dass D. sie nur zu verchristlichen brauchte. Gleichwohl wäre es nicht richtig, wenn man nur die eine einseitige Anlehnung an die Neuplatoniker bei ihm voraussetzen wollte. Er war sich wohl bewusst, dass dieser dreistufige Weg, den er in allen seinen Schriften beharrlich zur Geltung bringt, auch bei den kirchlichen Schriftstellern oft genug erwähnt oder wenigstens stillschweigend anerkannt ist. Clemens v. Alex, legt dem Aufbau seiner Trilogie: Protreptikus, Pädagogus, Stroniata den Stufengang jzQOTQinov ävadev, gjzeira jvaiöayoyöjv, enl näötv iKÖidäaucov Paed. 1, 2 (AI. s. gr. 8, 252 B) zu Grunde. Desgleichen stellt er die fort- schreitende Ausbildung des Christen mit den drei Phasen des My- sterienkultes : Lustratiouen, kleine Mysterien, grosse Mysterien str. 5, 11 (9, 108 A) in Parallele. Vgl. 9, 328 G. Auf seinen Spu- ren geht Greg. v. Naz. or. 38, 7 M. s. gr. 36, 317 C tieög ua- •daiQEi — deoeibeig äjreQyägerai — deolg yevouevoig tcqooo- uiAei — eine Terminologie, die bei D. wörtlich verwendet wird Vgl. ib or. 39, 8. (36, 344 A). Ueber Basilms s. Koch 1. c. 175 i
2) Das griechische „fliaö&zai", das hier D. gebraucht, stösst wegen der kühnen Uebeitragung (,, Teilnehmer an einem Thiasus des Bacchus''). Origenes übernimmt das Wort von Celsus, der es spöttisch von den Jüngern Christi aussagte c. CIs. 3, 23 (M. s. gr. 11, 945 D).
2*
20 Dionymus Areopagita 20
dem, zu lautersten, fleckenlosen Spießein, welche im Stande sind, den urgötllichen Strahl aus der Urquelle des Lichtes in sich aufzunehmen, zu Spiegeln, welche dann, von dem einstrahlenden Glänze heilig erfüllt, diesen hin- wieder neidlos über die nächstfolgenden Ordnungen leuchten lassen, sowie es den urgültlichen Satzungen entspricht. Denn es ist den Trägern der hei < i Weihegewalten oder den Empfängern der heiligen Weihen nicht erlaubt, überhaupt etwas zu wirken, was gegen die heiligen Anordnungen des Urhebers ihrer eige- nen Weihe verstößt. Nicht in irgend einem Widerspruch dürfen sie zu ihm stehen, wenn sie seines vergöttlicher - den Glanzes begehren und mit geziemender Heiligkeit auf ihn blicken und gemäß dem entsprechenden Grade, den jeder der heiligen Geister einnimmt, nach ihr sich umbilden.
Demnach besagt der Ausdruck „Hierarchie" eine gewisse ganz heilige Institution, ein Abbild der urgött- Üchen Schönheit, welches in hierarchischen Abstufungen und Erkenntnissen die Mysterien der entsprechenden Erleuchtung heilig auswirkt und Verähnlichung mit dem eigenen Urbild, soweit es nur immer geschehen kann, hervorbringt. Denn für jedes Mitglied der Hierarchie besteht die Vollendung darin, daß es seinem zu- ständigen Grade entsprechend zum Nachbild Got- tes erhoben werde, ja daß es wahrhaftig, was noch göttlicher als alles andere ist, wie die Schrift sagt, z u einem Mitwirkenden mit Gott werde1) und in sich selbst die göttliche Wirksamkeit nach Möglich- keit zeige und hervortreten lasse. Durch die Stufenord- nung der Hierarchie ist es bedingt, daß die einen gerei- nigt werden, die andern reinigen, daß die einen erleuch- tet werden, die andern erleuchten, daß die einen vollen-
*) Dies der vielzitierte Satz : omnium divinorum divinissimum cooperari Deo in salutem animarum (tö df] ozävzov fisiöreQOP Oeov OwBQybv yeveödat) vgl. 1. Cor. 3, 9 tfeoü yäQ £öju&> öwegyoi und 3. Joann. 8 övveQyol rQ äh^JeLa. Bemerkenswert ist aber, dass die Formulierung „das Göttlichste von allem" der Diktion des Proklus entspricht: inst theol. c. 122 tö ueyiGxöv iönv ov tö äyadoeibeg ä?JA tö äyadovoyöv.
Himmlische Hierarchie, Kap. III 21
det werden, die andern vollenden1) . Und wie nach diesem Gesetze einem jeden das Nachbild Gottes angemessen sein wird, so wird er zur Teilnahme an Gottes Wirken erhoben werden. Die göttliche Glückseligkeit aber ist, nach Menschenart zu reden, jeglicher Vermischung mit irgend einem fremdartigen Element unzugänglich, er- füllt von ewigem Lichte, vollkommen und, gar keiner Vollkommenheit ermangelnd, reinigend, erleuchtend und vollendend, besser gesagt, heilige Reinigung, Erleuch- tung und Vollendung, die über Reinigung und über Licht erhaben ist, die vor Anbeginn vollkommene subsistie- rende Urquelle aller Vollkommenheit, die über alles Heilige im Übermaß hinausgerückte Ursache jeglicher Hierarchie.
§3.
1) Die Reinigung, Erleuchtung und Vollendung im passiven Sinne besteht darin, daß die Glieder der Hierarchie von jeder Vermischung mit fremdartigen Elementen befreit, mit göttlichem Licht zur Kontemplation befähigt und der Kenntnis der ge- schauten Mysterien teilhaftig werden. 2) Die aktive Reinigung, Erleuchtung und Vollendung umfaßt die dreifache Wirksamkeit innerhalb der Hierar- chie, gemäß welcher die einen von der Überfülle der eige- nen Reinheit den minder Reinen mitteilen, die andern den im eigenen Geiste überströmenden Lichtglanz auf die empfänglichen Geister der tiefem Ordnung ergießen, die dritten vermöge ihrer vollkommenem Erkenntnis auch andere in die Wissenschaft der geschauten Geheimnisse
*) Schon Clemens v. Alex, entwirft die Grundzüge zum christ- lichen Bilde jener grossartigen Verkettung aller Dinge, wie sie aus Gott durch den Logos ausgehen, in abgestufter Ordnung sich folgen und die von oben empfangenen Kräfte weiterleiten, ähnlich wie die Kraft des Magnets durch eine Menge von Eisenringen hin- durch bis auf den äussersten wirkt, so dass alles beständig mit der ersten Ursache wieder zusammenhängt, ström, 7, 2 (M. s. gr. 9, 413 B). Vgl. ström. 4, 25 (8, 1365) wo auch schon das Bild vom Kreise (uvuXog) verwendet ist Aber die Darstellung des D., namentlich seine strenge Triadenlehre, verrät zugleich An- ehnung an Proklus.
22 Dionysioi Areopftgita 22
einweihen. 3) So wird jede hierarchische Stufe ihrem Grade entsprechend zum Mitwirken mit Gott erhoben; sie wirkt aus Gnade, was der Gottheit von Natur zu- kommt und von ihr in der Hierarchie geoffenbart wird.
Es müssen nämlich, wie ich denke, diejenigeo, welche gereinigt werden, zu einer ganz voll- kommenen Lauterkeit geführt und von jeglicher fremd- artigen Beimischung befreit werden. Diejenigen, wel- che erleuchtet werden, müssen mit dem gött- lichen Lichte erfüllt und mit ganz heiligen Augen des Geistes zur beschaulichen Verfassung und Befähigung erhoben werden. Die endlich, welche vollendet werden, müssen aus dem Zustand der Unvollkommen- heit enthoben und der vollendenden Wissenschaft der geschauten heiligen Geheimnisse teilhaftig gemacht wer- den. Andrerseits müssen diejenigen, welche Reini- gung zu wirken vermögen, bei ihrer Überfülle der Reinheit andern von der eigenen Makellosigkeit mit- teilen. Diejenigen, welche zu erleuchten ver- mögen, müssen als heller durchleuchtete Geister, die zur Aufnahme und Mitteilung des Lichtes ihrer Natur nach geeignet und mit heiligem Glänze ganz glückselig erfüllt sind, das ihr ganzes Wesen überströmende Licht auf die des Lichtes Würdigen überleiten. Diejenigen endlich, welche Vollendung erzeugen, müs- sen, weil mit der Wissenschaft der vollendenden Mittei- lung ausgestattet, die Glieder, welche vollendet werden, durch die ganz heilige Einweisung in die Erkenntnis der geschauten heiligen Geheimnisse zur Vollkommenheit fördern. So wird also jede Stufe der hierarchischen Ordnung gemäßihrementsprechendenRan- g e1) zur Mitwirksamkeit mit Gott erhoben, indem sie
*) Das hier angedeutete strenge Grundgesetz der Dionysischen Spekulation, das unzähligemal wiederkehren wird, findet sein Ana- logon in neuplatonischen Schriften, insbesondere bei Proklus, der die in starrer Proportion zur jeweiligen Kangstufe sich abmin- dernde Vollkommenheit aufs schärfste betont, z. B. inst. theoL c. 36, in Tim. 42 D, in Parmen. 874 („Soweit es die Eigenart eines jeden Dinges gestattet, geniessen die teilnehmenden Dinge bis zu den letzten Gliedern hinab Anteil am Ganzen1'). Circa Provid. 98: (Etenim hoc Providentiae optimae opus, omnibus quidem Boni
23 Himmlische Hierarchie, Kap. IV 23
das, was der Urgottheit ihrem Wesen nach in einer un- sere Naiur überragenden Weise innewohnt und von ihr überwesentlich gewirkt und zum Zwecke möglichst ge- treuer Nachahmung der gottliebenden Geister in der Einrichtung der Hierarchie äußerlich kund getan wird, durch Gnade und gottverliehene Kraft vollendet.
KAPITEL IV.
Die Bedeutung des Namens „Engel",
§ i.
1) Nachdem das Wesen der Hierarchie Überhaupt bestimmt ist, soll die Hierarchie der Engel beschrieben werden. Die bildlichen Darstellungen derselben in der heiligen Schrift erfordern geistige Auffassung, damit man sich zu ihrem einfachen, gottähnlichen Wesen er- hebe und Gott preise. 2) Erste Grundwahrheit ist, daß Gott aus Güte alle Dinge ins Dasein gerufen hat. Denn es ist ihm eigen, die Geschöpfe zur Teilnahme am Sein zu rufen, soweit es mit deren Natur übereinstimmt. 3) Alle Dinge unterstehen also auch der göttlichen Vor- sehung, welche von der allerzeugenden Ursache, der sie das Dasein verdanken, ausgeht. 4) Die leblosen Dinge ha- ben von Gott das Sein, die belebten (vernunftlosen) Ge- schöpfe nehmen teil an seiner belebenden Kraft, die ver- nünftigen und intelligiblen Geister partizipieren an sei- ner unendlichen Weisheit. 5) Selbstverständlich um- stehen ihn zunächst diejenigen, welche in mehrfacher Weise an ihm Anteil haben.
uerovoiav (i. e. participationem) esse, mensurari autem suscipien- tium dignitate eius participationem et tantum unumquodque capere, ■quantum potest recipere. — Ueber die abweichenden Meinungen der mittelalterlichen Theologen betreffs der illuminatio inferiorum ange- lorum per supefiores vgl. Dionys. Carth. XV (I) p. 78 f. Der gleiche Erklärer des Areopagiten macht schon die Bemerkung, dass diese Lehre mit den dicta philosophorum übereinstimme — „ex Elemen- tatione Prodi (Instit. theol.) et libro de Causis (Auszug aus dem vorigen) facile est probare".
24- DionysiuB ' 24,
Nachdem wir die Hierarchie an und für sich richtig, wie ich denke, nach ihrem Wesen bestimmt haben, müs- sen wir weiterhin die Hierarchie der Engel beschreiben und die heiligen bildlichen Darstellungen, welche sich von ihr in der heiligen Schrift firden, mit überweltlichen Augen betrachten, damit wir durch die mystischen Gebilde zu ihrer gottähnlichsten Einfachheit erhoben werden und den Urquell aller hierarchischen Erkenntnis in gottgeziemender Ehrfurcht und Dank- sagung gegen den Urheber aller Weihevollendung feiern. Zuvörderst vor allem ist nun die Wahrheit aufzustellen, daß die überwesentliche Urgottheit allen Wesen des Universums aus Güte Bestand gegeben und sie ins Dasein gerufen hat1). Denn es ist dies der Allursache und der über alles erhabenen Güte eigen, die Dinge zur Gemeinschaft mit sich selbst zu rufen, so- wie es einem jeden existierenden Wesen seitens des ihm eigenen entsprechenden Verhältnisses bestimmt ist. Alles in der Welt nun erfreut sich der Vor- sehung, welche aus der überwesentlichen und all- ursächlichen Gottheit ausgeht. Denn es wäre überhaupt kein Ding, wenn es nicht an dem Wesen und dem Ur- prinzip von allem Anteil erlangt hätte. Die leblosen Dinge haben durch ihr Sein an ihm Anteil, denn die über alles Sein erhabene Gottheit ist das Sein aller Dinge. Die belebten (vernunftlosen) Wesen haben an seiner über das Leben erhabenen, Leben schaffenden Macht Anteil. Die vernünftigen und intellek- tuellen Wesen haben an seiner über alle Vernunft und Intelligenz erhabenen, in sich vollkommenen (abso- luten) und urvollkommenen Weisheit Anteil2). Es ist
J) Diese Stelle (wiederholt d. d. n. 4, 1) lehrt deutlich, dass D. keinen panth eistischen Standpunkt einnimmt. Die von neu- platonischen Reminiszenzen herrührenden Ausdrücke und Ver- gleiche (d. d. n. 10, 1; 13, 1, besonders 4, 1) müssen also nach den korrekter formulierten Termini (pjroözijGai, TTQÖg tö elvai no.o- äyeiv u. s. w.) verstanden werden.
9) Die dreifache Unterscheidung der leblosen Dingp. der be- lebten vernunftlosen "Wesen und der vernunftbegabten Wesen und die darnach abgestufte Teilnahme am göttlichen Sein (primum Ens, prima Vita, prima Mens) s. auch entwickelt bei Proklus insu theol. c. 102.
25 Himmlischo Hierarchie, Kap. TT 25
klar, daß jene von den Wesen um die Gottheit (zu- nächst) sind, welche in mehrfacher Weise an ihr Anteil erlangt haben.
§ 2.
1) Die Engelchöre haben in höherem Grad« als die übrigen Wesen Anteil an dem göttlichen Sein, 2) Sie bilden sich in rein geistiger Weise nach dem Bilde Gottes um; ihrem intensiven Verlangen nach Gott- ähnlichkeit entspricht eine reiche Anteilnahme an Gott und göttlichem Leben, 3) Wie sie zuerst und mehrfach am Göttlichen Anteil nehmen, so sind sie auch die er - st e n und mehrfach verwendeten Organeder gött- lichen O f f enb ar u ng. Daher ihr Name „Engel" (äyysÄoi = Melder), denn sie erfahren zuerst die götU liehe Erleuchtung und vermitteln dann uns die Offen- barungen. 4) So wurde das Gesetz durch Engel gegeben und von Engeln wurden die großen Männer mannigfach zu Gott geführt.
Die heiligen Chöre der himmlischen Wesen haben in einem höhern Maße als die Wesen, welche bloß das Sein besitzen, als die unvernünftigen Lebewesen und die vernünftigen Glieder unseres Geschlechtes An- teil an der urgöttlichen Mitteilung. Sie bilden sich in rein geistiger Weise zu Nachbildern Gottes um, schauen überweltlich auf das urgöttliche Vorbild und begehren ihre intellektuelle Gestalt darnach zu formen. Die natürliche Folge davon ist, daß sie stärkere Gemein- schaft mit der Gottheit genießen, da sie beharrlich und immerdar nach dem Höheren, soweit es möglich ist, in der Spannkraft der göttlichen und unwandelbaren Liebe sich nach oben erheben und die Erleuchtungen der Ur- quelle auf immaterielle und ungetrübte Weise in sich aufnehmen, nach ihnen sich richten und das ganze Leben geistig besitzen. Diese Wesen sind es, die an erster Stelle und vielfältig zur Anteilnahme am Göttlichen ge- langen und hinwieder zuerst und in mehrfacher Art das Verborgene der Urgottheit offenba- ren. Deshalb sind sie auch vor allen besondere mit
26 DionyBJM Areopagita 26
dem Namen „Enge l"1) ausgezeichnet, weil die urgött- liche Erleuchtung in sie zuerst einstrahlt und dann durch sie die unsere Erkenntnis überragenden Offenbarungen uns vermittelt werden2). So wurde, wie die Gottesoffen- barung sagt, das Gesetz uns durch Engel gegeben. Und Engel waren es, welche unsere großen Väter vor und nach dem Gesetze zum Göttlichen emporführten, sei es daß sie praktische Pflichten lehrten und aus Irrtum und unheiligem Leben auf den geraden Weg der Wahrheit führten, sei es, daß sie heilige Ordnungen oder geheime Gesichte überweltlicher Mysterien oder irgendwelche göttliche Vorhersagungen andeuteten und offenbarten,
§ 3.
1) Gott selbst ist nach seinem verborgenen Wesen nie einem Menschen erschienen, er hat sich aber manchen Heiligen in Visionen geoffenbart. Die heilige Schrift nennt solche Gesichte „Theophanien". 2) Unsere heiligen Väter wurden durch die Engel solcher Erscheinungen Gottes gewürdigt, so z. B. wurde Moses das Gesetz ge- offenbart. 3) Derselbe Umstand, daß durch Engel das Gesetz vermittelt wurde, belehrt uns auch über die all- gemeine Grundregel, daß die Mitglieder der tiefern Ordnung vermittels der höhern zu Gott emporgeführt werden, ja daß auch innerhalb ein und derselben Ord-
*) D. verbindet mit dem Namen „Engel" auch einen uns weniger geläufigen Begriff, dass sie nämlich, schon durch ihr faktisches Sein eine objektive Offenbarung Gottes bilden, ähnlich wie die Planeten mit ihrem erborgten Lichte die Sonne offenbaren.
2) Das Bild, das diesen Ausführungen zu Grunde liegt, ist schon oben (III, 2) ausdrücklich bezeichnet: „hellste und flecken- lose Spiegel, welche den urgöttlichen Strahl" aufnehmen. Je heller die Sonne in den Spiegel strahlt, desto leuchtender wirft dieser ihr Bild zurück, ja er wird sozusagen selber eine Sonne und ent- sendet nun seinerseits als ein neuer Lichtquell seine Strahlen in einen andern Spiegel und dieser wieder einen andern u. s. f. VgL 2 Kor. 3, 18 vrjv bögav kvqiov uaTonTQi^ofJLSvoi vf\v aittrjv elKÖva fi.erafioQ(povlaeda vxk. Aber D. wählt lieber die Aus- drücke äjvoTvnovöfiai, äQxiyorog änrCg u. ä., mit denen seine Diktion ins Neuplatonische (z. B. Proklus in L Alcib. 328; 377) schillert.
27 Himmlische Hierarchie, Kap. IV 27
nung sich wieder erste, mittlere und letzte Kategorien nach derselben Funktion unterscheiden.
Wenn aber jemand meinen sollte, es seien manchen heiligen Männern auch unmittelbar Erscheinungen Got- tes an sich geworden, so möge er deutlich aus den hei- ligen Schriften erkennen, daß niemand das verborgene, eigentliche Wesen Gottes gesehen hat1), noch je sehen wird. Aber in den Gottes würdigen Offenbarungen sind vermittels heiliger, den Schauenden entsprechender Vi- sionen den Heiligen Theophanien gewährt worden2) . Die ganz weise Gotteswissenschaft {„tieohoyia") nennt die so beschaffene Vision, welche die Züge des göttlichen Bildes, insofern Gestaltloses durch Gestaltetes wieder- zugeben ist, in sich aufzeigte, auf Grund anagogischen Aufschwunges des Schauenden zum Göttlichen mit Recht „Gotteserscheinung" (deo(päveia)z). Wird ja durch sie den Schauenden eine göttliche Erleuchtung eingestrahlt und die heilige Einführung in irgend ein Geheimnis des Göttlichen vermittelt. Unsere großen Vorväter wurden durch das Dazwischentreten der himmlischen Mächte in diese göttlichen Visionen eingeweiht. Oder sagt nicht die Überlieferung der heiligen Schrift, daß die heilige Ge- setzgebung von Gott auf eben diesem Wege dem Moses verliehen worden ist4), um uns wahrheitsgetreu darüber geheimnisvoll zu unterrichten, daß jenes Gesetz (vom Sinai) ein Ausdruck des göttlichen und heiligen Gesetzes sei. Aber weise lehrt die Offenbarung Gottes, nach wel- cher jenes Gesetz durch Engel zu uns gekommen ist, auch dies, daß infolge der durch die göttliche Gesetz- gebung festbestimmten Ordnung die Glieder der zweiten Ordnung durch die der ersten
*) L Joann. 4, 12.
2) Genes. 3, 8; 18, 1.
*) Der Terminus tieocpäveia kommt in der heil. Schrift nicht vor; deshalb kann tieoZoyia hier nicht „Offenbarung" bedeuten. Uebrigens brauchen die Väter das Wort deoyävEia auch von der Incarnation, Geburt und Taufe Christi.
4) Die angezogene Schriftstelle Gat 3, 19 (Act 7, 53) btarayelg bC äyyäXov (vötuog) iv %siqL jueoirov findet hier eine VerwenduDg, die man in dieser Form bei den Vätern rei- geblich suchen wird.
28 Dionysiua Aroopajrita 2H
Ordnung zum Göttlichen emporgeführt werden1). Denn nicht bloß bei den liölierslehenden und tieferstehenden Geislern, sondern auch unter den gleichstufigen ist von dem überwesentlichen Prinzip aller Rangordnungen diese Satzung bestimmt, daß es in jeder Hierarchie erste, mittlere und letzte Ordnungen und Mächte gebe und daß die göttlicheren den geringe- ren als Mystagogen und Führer zur Nähe, zur Erleuch- tung und Gemeinschaft Gottes dienen.
§ 4. Weitere Beispiele: 1) Engel haben die Menschwer- dung Christi zuerst erfahren und sie dann uns mitgeteilt. So hat Gabriel dem Zacharias die Geburt eines Sohnes verkündet und derselbe Engel belehrte Maria über ihre Mutterschaft. Ein anderer Engel klärte die Zweifel Josephs auf. Wieder ein anderer brachte den Hirten die frohe Botschaft und ein ganzes Heer von Engeln ließ den Lobgesang erschallen. 2) Selbst Jesus hat den durch Engel vermittelten Befehlen des Vaters sich unter- worfen, wie bei der Flucht Josephs nach Ägypten und bei der Rückkehr nach Judäa. Auch unmittelbar ward Jesu der Wille des Vaters durch Engel kundgetan und er fügte sich ihnen, wie z. B. am Ölberg. Ja er selbst wird „Engel des großen Ratschlusses" genannt, da er uns meldete, was er vom Vater gehört.
Ich sehe, daß Engel auch zuerst in das göttliche Ge- heimnis der Menschenliebe Jesu eingeweiht wurden und durch sie dann die Gnade der Erkenntnis zu uns ge- langte. So nun machte der göttlichste (Engel) Gabriel den Hohenpriester (leoäQxrjg) Zacharias2) mit dem Ge- heimnis vertraut, daß der Sohn, welcher wider Erwarten durch Gottes Gnade ihm geboren würde, ein Prophet der menschlichen Gottestätigkeit Jesu sein werde, wel- che der Welt zum Segen und Heil erscheinen sollte. Maria aber belehrte derselbe Gabriel, daß in ihr das
J) Exod. 31, 18; 34, 1 ff.
2) Luc. 1, 5 ff. D. nennt den Zacharias leQäo/^g, was „Ho- herpriester" bedeutet, während das Evangelium sagt leosvg ri£ „ein gewisser Priester"« Die gleiche Verwechslung s. bei Ckry- sostom, und andern.
29 Himmlische Hierarchie, Kap. IV 29
urgöttliche Geheimnis der unaussprechlichen Gott- gestaltung (Fleischwerdung Gottes) sich vollziehen werde1). Ein anderer Engel urterrichtete Joseph, daß die Versprechungen, welche auf göttlichem Wege seinem Ahnherrn David gemacht worden, in Wahrheit erfüllt seien2). Wieder ein anderer brachte den Hirten, da sie durch Absonderung von der großen Menge und Ruhe eines reinen Herzens waren, die frohe Botschaft und mit ihm ließ eine himmlische Heerschar die Menschen auf Erden jenen vielgepriesenen Lobgesang vernehmen3).
Laßt uns aber auch zu den höchsten Lichtstrahlun- gen der Schrift emporblicken. Denn ich sehe, daß Jesus selbst, die überwesentliche Ursache der überhimmlischen Wesen, als er ohne irgend eine Veränderung zu erleiden zu unserer Natur gekommen war, von der schönen, sei- ner Menschheit geziemenden Ordnung, die von ihm selbst bestimmt und erwählt worden, nicht abging, son- dern gehorsam den durch Engel vermittelten Weisungen seines Vaters und Gottes sich unterwarf. Durch ihre Vermittlung wird Joseph die vom Vater verordnete Flucht des Sohnes nach Ägypten und ebenso die Rück- kehr aus Ägypten nach Judäa angekündigt4) . Und durch Engel sehe ich Jesus selbst unter die Befehle seines Va- ters sich unterordnen, denn ich unterlasse es, dir, der die in unsern priesterlichen Überlieferungen enthaltenen Offenbarungen kennt, auch über den Engel zu sprechen, der Jesus stärkte5), oder davon zu reden, daß Jesus sogar selbst gemäß seiner rettenden Heilstätigkeit an uns, nachdem er einen Offenbarungsberuf angetreten hatte, „Engel (= Bote) des großen Ratschlus- s e s"6) genannt worden ist. Denn wie er selbst mit Wor- ten, die auf einen Engel (Boten) passen, sagt, hat er uns von allem Botschaft gebracht, was er von sei- nem Vater gehört hatte7),
*) Luc. 1, 26 ff. 2) Matth. 1, 19 ff. •) Luc. 2, 8 ff. *) Matth. 2, 13 ff. •) Luc. 22, 43. *) Js. 9, 6. ?) Joann. 15, 15.
80 Dionysius Aroopagita 30
KAPITEL V.
Warum alle himmlischen Wesen mit dem gemeinsamen Namen „Engel" bezeichnet werden.
1) Wenn die heilige Schrift den Namen „Enge T* insgemein für alle himmlischen Geister gebraucht und doch für die unterste Stufe der Engelchöre im besondere verwendet, so liegt der Grund darin, daß die höheren Ordnungen aller Erleuchtungen der tieferen teilhaftig sind, nicht aber umgekehrt. 2) Die obersten Stufen kön- nen mit Recht „Engel" genannt werden, denn auch sie offenbaren die göttlichen Einstrahlungen. Dagegen dür- fen die Engel der untersten Chöre nicht den Namen eines höheren Chores führen, weil sie nicht dessen Vorzugs besitzen, sondern von ihm abhängen. 3) Höchstens könnte man sämtliche Engelnamen insoferne allen Engeln gemeinsam zuerteilen, als sie alle an der Gottähnlichkeit mehr oder weniger teilnehmen. Aber im Interesse der Klarheit sollen die Eigentümlichkeiten, welche die Schrift von den einzelnen Engelordnungen angibt, int Auge gefaßt werden.
Das also ist nach unserra Dafürhalten der Grund, warum die heilige Schrift den Namen „Enge 1" ge- braucht. Wir müssen aber auch, denke ich, untersuchen« warum die inspirierten Schriftsteller einerseits die himm- lischen Wesen gemeinsam „Engel" heißen, andrerseits aber, wenn sie an die Darstellung ihrer überweltlichen Ordnungen herantreten, den besondern Namen „Engel'" nur derjenigen Abteilung geben, welche die göttlichen und himmlischen Stufen zu unterst abschließt und vol- lendet, dagegen den Erzengeln, Fürstentümern, Gewal- ten, Mächten und allen Ordnungen, welche die Offen- barungsüberlieferung der Schrift als diesen überlegene Wesen erkennt, einen höhern Platz über ihnen anweisen. Wir behaupten nun, daß in jeder heiligen Ordnung die höhern Abteilungen auch die Erleuchtungen und Kräfte der tieferstehenden besitzen, daß dagegen die letzten
81 Himmlische Hierarchie, Kap. VI 31
Stufen der Vorzüge der höhern nicht teilhaftig sind1), So nennen also die Verfasser der Offenbarungsschrifte« die heiligsten Rangstufen der höchsten Wesen auch En- gel, denn auch sie offenbaren die urgöttliche Einstrah- lung. Die letzte Ordnung der himmlischen Geister aber kann man nur widersinnig Fürstentümer, Throne oder Seraphim nennen, denn sie hat keine Gleichstellung mit den höchsten Mächten. Wie dieselbe vielmehr unsere gotterfüllten Hierarchien zu den von ihr erfaßten Strah- len der Urgottheit emporführt, so haben die ganz heili- gen Mächte der ihr übergeordneten Wesen die Fähigkeit, diese die himmlischen Hierarchien abschließende Ord- nung zu Gott zu erheben. Es müßte denn etwa einer auch dieses sagen, daß alle Namen der Engel gemeinsam seien, weil alle himmlischen Mächte in Hinsicht auf die Gottähnlichkeit und die aus Gott strömende Lichtfülle einen schwächeren oder intensiveren Anteil besitzen. Damit aber unsere Abhandlung in besser geschiedener Einteilung verlaufe, laßt uns mit heiliger Ehrfurcht die heiligen Eigentümlichkeiten jeder einzelnen himmlischen Ordnung sehen, wie sie in den heiligen Schriften vor Augen gestellt sind.
KAPITEL VL
Die erste, zweite und dritte Ordnung der himmlischen
Wesen.
§ 1-
1) Zahl, Beschaffenheit und Vollendung der himm- lischen Ordnungen kennt nur Gott. Die Engel selbst wissen um ihre eigenen Kräfte, Erleuchtungen und ihren Staat. 2) Die Menschen sind nur insoweit im Stande, die Mysterien der Engelwelt zu erfassen, als Gott durch die Engel selbst sie belehrt hat. Daher kann nur im An"
*) Die zur Illustration dieses Satzes von D. verwendeten Bei- spiele von Licht und Wärme s. unten Kap. XIII, 3.
32 Dionysiu» Areopagita ßf
Schluß an die göttliche Offenbarung von der Frage ge- handelt werden.
Wie viele Ordnungen der überhimmlischen Wesen es gibt, wie beschaffen sie sind und wie ihre Hierarchien vollendet werden, das weiß nur, wie ich denke, das gött- liche Urprinzip derselben. Auch sie selbst erkennen fer- ner meines Erachlens ihre eigenen Kräfte und Erleuch- tungen und ihre heilige und überweltliche, schön abge- stufte Ordnung. Denn für uns ist es unmöglich, die Ge- heimnisse der überhimmlischen Geister und ihre heilig- sten Vollkommenheiten zu erkennen, außer insoweit als uns die Urgottheit durch die Engel selbst, die ja mit den eigenen Eigentümlichkeiten wohl vertraut sind, in diese eingeweiht hat. Sonach wollen wir nichts aus eigenem Antriebe vorbringen; was aber die Verfasser der heili- gen Schriften von den Engeln in Bildern gesehen haben, das wollen wir, nachdem wir darüber geheimnisvolle Lehren empfangen haben1), nach besten Kräften aus- einandersetzen.
§ 2.
1) Die heilige Schrift hat neun Namen für die Engel; der „Lehrer" des D. ordnet je drei Chöre in eine Gruppe und stellt also drei Triaden auf. 2) Die erste Triade ist die nächste um Gott und umfaßt die Throne, Cherubim und Seraphim. Sie ist Gott am ahn-
l) Von wem ist D. in diese Lehren „eingeweiht" worden? Nach den Angaben d. d. n. 3, 2 ist nächst dem Apostel Paulus der hochgefeierte Hierotheus sein Lehrer gewesen. Weil zu- gleich die Fiktion festgehalten wird, dass D. der vom heiligen Paulus bekehrte Areopagite sei (Act. 17, 34), will der Verfas- ser seine Erkenntnisse offenbar auf die beiden direkt zurückfüh- ren; im nächsten Paragraph deutet er mithin auf den „Hierotheus1, als den Gewährsmann für die Triadeneinteilung. Denn beim hei- ligen Paulus findet sich keine Spur von solchen Triaden; dagegen hat kein anderer das Triadensystem so ausgebildet wie Proklus. Das strenge Schema der von D. konsequent festgehaltenen Tria- dentheorie hat seinen Ursprung im Neuplatonismus. Sie erscheint in ihren Grundzügen schon bei Piotin, Jamblichus und Syrian; bei Proklus erhält sie aber ihre detaillierteste Ausbildung. Vgl. die Dreiteilung: Engel, Dämonen, Heroen und die Charakteristik dieser Trias von geistigen Wesen in Tim. S. 290, in T. Aloib. 377 ff.
$3 Himmlische Hierarchie, Kap. YI 33
lichsten und empfängt die göttlichen Strahlen unmittel' bar. Die zweite Triade besteht aus den Gewalten, Herr- schaften und Mächten. Die letzte Triade bilden die' Engel, Erzengel und Fürstentümer.
Die Offenbarung hat den sämtlichen himmlischen Wesen neun Namen gegeben, die über sie Aufschluß bieten1). Der göttliche Lehrer, der uns in die heilige Wissenschaft einweihte2) , gruppiert sie in drei drei- teilige Ordnungen. Die erste, sagt er, ist die- jenige, welche immerdar um Gott steht und, wie die Überlieferung sagt, ununterbrochen und, den andern vor- aus, unmittelbar mit ihm vereinigt ist. Denn die Offen- barung der heiligen Schriften, sagt er, habe überliefert, daß die heiligsten Throne, die mit vielen Augen und vie- len Flügeln versehenen Rangstufen, Cherubim und Se- raphim nach dem hebräischen Worte genannt, gemäß ihrer alle übertreffenden Nähe unmittelbar um Gott ge- stellt sind. Diese triadische Ordnung bezeichnete unser großer Meister gleichsam als eine und eine gleich- stufige und eigentlich erste Hierarchie. Keine andere ist Gott ähnlicher und den unmittelbaren Ausstrahlungen der Urgottheit direkt näher unterstellt als diese. Die zweite Triade, sagt er, sei diejenige, welche von
*) D. spricht hier seinen Grundsatz ans, aus den betreffen- den Namen der Engel eine Erklärung über deren Eigenart zu schöpfen. Bei Euseb. H. E. II, 17 findet sich eine Hinweisung auf Philo, wo gesagt ist, dass die Therapeuten in den Namen wie in einem Spiegel wundervolle, schöne Gedanken gefunden hätten. Origeaes entdeckte insbesondere in den Namen einzelner Engel, Michael, Gabriel, Raphael eine Fülle von Aufschlüssen, c. Cels. 1, 25 (M. s. gr. 11, 705 f.). Gregor v. Naz. stellt sich die Aufgabe, die geheimnisvolle Tiefe der Namen Christi (jö xdv dvo,uärcov juvörfjQiov) zu betrachten or. 30, 16 (M. s. gr. 36t 125 ff.). D. selbst sucht, ähnlich wie in der c. h., so auch d. d. n. 1, 8 ff. in die geistige Bedeutung der Gottesnamen einzudrin- gen. Andererseits sind auch die Neuplatoniker in diesem Punkte sehr weitläufig (Koch 1. c. S. 224 u. s.).
2) Der von D. geprägte Ausdruck leQOTeXeotfjg atmet litur- gisches Pathos. Er bedeutet zunächst den Mystagogen, der feier- lich in die grossen Geheimnisse einführt Die Neuplatoniker be- dienten sich ähnlicher Termini für ihre Spekulation. Annähernd iönnte man übersetzen: „Konsekrator".
Stiglmayr, Dionys. Areop., Himml. Hierarchie. 3 /i .
34- DionyBiiis Areopagita 34
den Gewallen, Herrschaften und Mächten gebildet wird. Die dritteTriade unter den letzten der himmlischen Hierarchien bestehe aus den Engeln, Erzengeln und Für- stentümern1).
KAPITEL VII.
Die Seraphim, Cherubim und Throne und die erste von ihnen gebildete Hierarchie.
§ t.
1) Die Namen der Engelchöre bezeichnen die Eigen- tümlichkeit derselben. 2) „S e r a p h i m" bedeutet die „Entflammer" oder „Erglüher", „Cher ubi m" besagt „Fülle der Erkenntnis" oder „Ergießung der Weisheit", 3) Mit Recht wird der Dienst der obersten Hierarchie von den höchsten Engeln versehen, welche zunächst die Strahlen der Gottfreit aufnehmen. 4) Die „Thron e" sind der gleichen beiden Namen teilhaftig. 5) Die Be- nennung „Seraphim" deutet auf das Bewegliche, Glü- hende dieser Engelnaturen, welche nach Art des Feuers die tief erstehenden Wesen ebenfalls erglühen machen» reinigen und jegliches Dunkel verscheuchen. Der Name „Cherubim" bezeichnet die Fülle der Erkenntnis Gottes, die höchste Aufnahmsfähigkeit hiefür und das Vermögen, von diesem Lichte mitzuteilen. Der Name „Throne" gibt zu verstehen, daß die also genannten Engel über alles Niedrige erhöht und dem Höchsten unentwegt zugesellt
!) Die neun Chöre, welche D. auf Grund der in der heili- gen Schrift vorkommenden Namen bildet, sind bei keinem kirch- lichen Schriftsteller vor ihm in der gleichen Reihenfolge aufge- zählt. Bei den meisten Autoren erscheint nicht einmal die volle Neunzahl ; mehrere hervorragende Väter versichern ausdrücklich, das» man hierüber nichts Bestimmtes sagen könne. Augustinus z. B. bekennt: Quid inter se distent quatuor illa vocabula (sedes, domi- nationes, principatus, potestates) dicant, qui possunt . . . ego me ista ignorare confiteor. Enchir. c. 58 (M. s. 1. 40, 259). VgL Greg. v. Naz. or. 28, 31 (M. s. gr. 36, 72) über die Schwierig- keit dieses Themas.
35 Himmlische Hierarchie, Kap. VII 35
sind, daß sie der Einkehr Gottes gewürdigt und „Gottes- träger" ( deocpögoi ) sind, die für die göttlichen Einspre- chungen die ehrfurchtsvollste Empfänglichkeit zeigen.
Indem wir die geschilderte Stufenfolge der heiligen Hierarchien gelten lassen, behaupten wir, daß jeg- liche Benennung der himmlischen Gei- ster eine Offenbarung über die gottähn- liche Eigentümlichkeit eines jeden ent- h ä 1 1. Der heilige Name der Seraphim bedeutet nach den Kennern des Hebräischen1) entweder „E n t - f 1 a mm e r" oder „Erglühe r"; der Name „Cheru- b i m" dagegen „Fülle der Erkenntnis" oder „Ergießung der Weishei t". Mit Recht wird nun der heilige (liturgische) Dienst in der ersten himm- lischen Hierarchie von den allerhöchsten Wesen verse- hen; denn diese hat eine höhere Rangstufe als alle übri- gen und die unmittelbar gewirkten Gottesoffenbarungen und Einweihungen (in das Göttliche) werden ursprüng- licher auf sie übergeleitet, weil sie (Gott) am nächsten steht. „Erglüher" und „Ergießung der Weisheit" werden nun auch die T h r o n e genannt, ein Name, der ihre gottähnliche Beschaffenheit offenbart. Denn der Name der Seraphim lehrt und offenbart ihre immerwäh- rende und unaufhörliche Beweglichkeit um das Gött- liche, ihre Glut, ihre Schärfe, das Übereifrige ihrer be- ständigen, unablässigen, nie wankenden Immerbewegung, ihre Eigenschaft, die tieferstehenden Ordnungen, sofern sie dieselben zu einer ähnlichen Glut entfachen und entzünden, emporführend wirksam sich anzugleichen, ihre Kraft, in brennenden und alles verzehrenden Flam- men zu reinigen, ihren Charakter, der kein Verhüllen und kein Erlöschen zuläßt, der immer sich gleichmäßig verhält, lichtartig und lichtspendend, Verscheucher und Vernichter jeder lichtlosen Verdunkelung ist.
Der Name der Cherubim offenbart ihre Gabe des Erkennens und Gottschauens, ihre Fähigkeit, die
l) Es ist an Philo als Quelle zu denken, dessen Onomasticum. nominum Hebraeorum für die Späteren massgebend wurde. D. bekennt sich des Hebräischen unkundig; wahrscheinlich benützte er eines jener von Oiigenes erweiterten Exemplare des Onoma- Bticum, die in den griechischen Bibliotheken häufig zu finden waren.
3*
30 UnmyBHU Areopagita 3*
höchste Lichlmitleilung aufzunehmen und die urgoüliche Schönheit in ihrer direkt und unmittelbar wirkenden Macht zu schauen, ihr Geschaffensein für die weise- machende Mitteilung und ihren Drang, durch Ergießung der von Gott geschenkten Weisheit neidlos mit den We- sen zweiter Ordnung in Gemeinschaft zu treten. Der Name der höchsten und erhabenen Throne bezeichnet, daß sie jeder erdhaften Niedrigkeit ungetrübt enthoben sind, daß sie überwelllich nach oben streben und von jedem untersten Gliede unerschütterlich weggerückt sind, daß sie um das wahrhaft Höchste mit ganzer Voll- kraft ohne Wanken und sicherstehend gestellt sind, daß sie der Einkehr Gottes in aller Freiheit von sinnlichen, materiellen Störungen genießen, daß sie Gottesträger und für den Empfang der göttlichen Erleuchtungen ehr- furchtsvoll erschlossen sind1).
§ 2. 1) Nach Erklärung der Namen ist das besondere Wesen der obersten Hierarchie (Triade) zu erklären, denn daß Reinigung, Erleuchtung und Vollendung, so- wohl im aktiven wie im passiven Sinne, jeder Hierarchie eigen ist, wurde schon früher gezeigt. 2) Jene höchsten Geister, welche unmittelbar um Gott stehen, bilden eine eigene Hierarchie. 3) Rein sind sie zu nennen, nicht bloß weil sie keiner Verunreinigung ausgesetzt sind, son- dern weil sie die höchste Heiligkeit besitzen und unwan- delbar die Höhe ihrer Vollkommenheit behaupten. 4) Beschauend sind sie, nicht in dem Sinne, als ob sie sinnlich wahrnehmbare Bilder nötig hätten, sondern in- sofern als sie in immateriellem Lichte die Trinität schauen und mit Jesus in nächster Gemeinschaft stehen. Sie prägen das Nachbild Gottes am treuesten in sich aus und stehen der Einwirkung von Christi Tugenden am nächsten. 5) Vollendet werden sie genannt, weil sie nicht eine diskursive Erkenntnis besitzen, sondern von
') Die symbolische Bedeutung von ■dQÖvog (fieod) verwendet schon Origenes (de orat. 22 M. s. gr. 11, 485 C): alle diejenigen, welche „das Bild des himmlischen Menschen" an sich tragen, sinn Throne (= Himmel) Gottes. Ähnlich Makarius d. Gr. hom. 6, 5. (M. s. gr. 34, 521).
87 Himmlische Hierarchie, Kap. VII 87
der Gottheit in der höchsten Form unmittelbar erleuch- tet und vollendet werden.
Dieses also ist nach unserer Auffassung die Erläu- terung ihrer Namen. Es ist nun zu zeigen, was wir als das (besondere) Wesen ihrer Hierarchie betrachten. Denn daß das Ziel jeder Hierarchie unwan- delbar auf die Nachbildung Gottes und Ähnlichkeit mit ihm gerichtet ist und daß die Funktion jeder Hierarchie in das heilige Empfangen und Mitteilen ungetrübter Reinheit, göttlichen Lichtes und vollendender Erkennt- nis zerfalle, das glaube ich genügend schon besprochen zu haben. Jetzt aber wünsche ich in einer der höchsten Geister würdigen Weise zu sagen, wie ihre Hierarchie durch die heilige Schrift geoffenbart wird. Für die ersten Wesen, welche gleich nach der Urgottheit, der sie ihr Sein verdanken, ihre Stellung haben und sozusagen in der Vorhalle1) derselben ihren Platz einnehmen und so jeglicher sichtbaren und unsichtbaren geschöpf liehen Macht übergeordnet sind, muß man eine eigene und in jeder Beziehung gleichgeartete Hierarchie annehmen.
Für rein muß man diese Geister erachten, nicht nur insofern, als ob sie von unheiligen Flecken und Makeln befreit und materiell-sinnlichen Phantasievor- stellungen unzugänglich wären, sondern in dem Sinne, daß sie ungetrübt über jede Schwächung und über alles minder Heilige hinaus entrückt sind; daß sie gemäß ihrer höchsten Heiligkeit vor allen gottähnlichsten Mächten einen höheren Rang besitzen und entsprechend ihrer unveränderlichen Gottesliebe den ihnen eigenen, von ständiger und gleichmäßiger Bewegung (der Liebes- glut) erfüllten Stand unerschütterlich behaupten; (in dem Sinne, sage ich,) daß sie das Sinken zum Geringe- ren in irgend welcher Richtung ganz und gar nicht ken- nen, sondern die ungetrübteste Festigkeit ihrer ent- sprechenden, gottähnlichen Eigenart ohne Wanken und Wechseln immerdar bewahren.
*) Das klassische Bild, von der „Vorhalle" des königlichen Palastes auf die Nähe Gottes übertragen, ist Proklus sehr geläufig (Koch S. 98); aber auch Eusebius beutet es oratorisch aus. De laud. Const. I, 1 (M. 20, 1320).
88 DionysiuB Areopagita M
Als beschauend muß man sie anerkennen, nicht als ob sie Beschauer von sinnlich wahrnehmbaren und geistig zu deutenden Symbolen wären und durch die bunte Fülle der auf heilige Bilder gestützten Betrach- tung zum Göttlichen erhoben würden, sondern insofern, als sie mit einem Lichte erfüllt sind, das jegliche imma- terielle Erkenntnis übertrifft, und mit der Beschauung jener Urschönheit, welche Schönes schafft, überwesent- lich ist und in dreifachem Strahle leuchtet, soweit als möglich ersättigt werden. Man muß ferner annehmen, daß sie auf dieselbe Weise der Gemeinschaft mit Jesus gewürdigt sind, nicht vermittels heilig gestalteter Bilder, welche in äußeren Formen die Verähnlichung mit der Wirksamkeit Gottes ausprägen, sondern auf Grund des wahrhaften Nahetretens zu ihm, welches sich in der (unmittelbaren) ersten Anteilnahme an der Erkenntnis des Lichtes seiner Gottestaten vollzieht. Desgleichen ist zu glauben, daß ihnen das Nachahmen Gottes in der sublimsten Weise verliehen ist und daß sie, soweit es immer geschehen kann, in unmittelbarer Kraftwirkung an seinen in Gotteswerken und Menschenliebe betätig- ten Tugenden teilhaben.
Vollendet müssen wir desgleichen diese Engel erachten, nicht etwa, weil sie mit einer diskursiven, aus einer heiligen Mannigfaltigkeit (von Symbolen) gewon- nenen Erkenntnis erleuchtet würden, sondern weil sie mit der ersten und vorzüglichsten Gnade der Vergottung erfüllt werden, sowie es der höchsten den Engeln mög- lichen Erkenntnis des göttlichen Waltens entspricht. Denn nicht durch andere heilige Wesen sondern unmit- telbar von der Urgottheit werden sie hierarchisch voll- endet, weil sie durch die ihnen eigene, alles übertref- fende Kraft und Rangstellung unmittelbar zu ihr sich aufschwingen. Und demnach sind sie in der vollkomme- nen Heiligkeit und im höchsten Grade der Unerschütter- iichkeit fest begründet, sie werden zur immateriellen und geistigen Schönheit, soweit es möglich ist, zum Zwecke beschaulicher Erkenntnis erhoben und, als der erste um Gott gebildete Kreis, in die ihrer Einsicht zu- gänglichen Pläne der Gottestaten unmittelbar von der
89 Himmlische Hierarchie, Kap. VIT 39
Urquelle aller Weihevollendung1) eingeweiht und auf die erhabenste Weise hierarchisch vollendet.
§3.
1) Beweis aus der heiligen Schrift, daß die tiefer- stehenden Engel von den höhern über die Werke Gottes unterrichtet, diese letztern aber unmittelbar von Gott selbst aufgeklärt werden: An der einen Stelle der Schrift erscheinen Engel, welche über Christus von andern En- geln belehrt werden; ferner führt die Schrift eine Gruppe von Engeln ein, welche über Jesus im Ungewissen sind und direkt von ihm eine Antwort erhalten. 2) Wunder- bar ist die Zurückhaltung, mit welcher selbst die höch- sten Engel nach Aufschluß der göttlichen Geheimnisse verlangen. 3) So wird also die oberste Triade der Engel von Gott selbst gereinigt, erleuchtet und vollendet. 4) Es beruht sowohl die Reinigung wie die Erleuchtung und Vollendung auf der Mitteilung der göttlichen Erkenntnis, sofern diese die Unwissenheit vertreibt, positive Erleuch- tung gewährt und im Genüsse des Lichtes vollendet.
Die Tatsache, daß die tieferstehenden Ordnungen der himmlischen Wesen von den höheren in der Erkennt- nis der Gottestaten unterwiesen, daß hingegen die aller- obersten Stufen von der Urgottheit selbst, soweit es mög- lich ist, mit geheimnisvollen Lehren erleuchtet werden, sprechen die Verfasser der Offenbarungsschriften deut- lich aus. Denn einige der Engel schildern sie, wie diese von den höheren heilig in jenes Geheimnis eingeweiht werden, daß derjenige, welcher in menschlicher Gestalt in den Himmel aufgenommen wurde, der Herr der himm-
*) Hier gebraucht D., wie schon oben Kap. I, 3 ; HE, 2 und wie- der YII, 8 den neuplatonischen Ausdruck reXeraQxla (TU, 2 auch aÜTOTeXexaQxia), der einer adäquaten Uebersetzung von gleicher Kürze widerstrebt. Proklus entschuldigt sich (theol. Plat 217 f.), dass er es wage, den offiziellen Titel reXeräQxai (principes sacro- rum) auf die Götter anzuwenden. D. Hess sich diesen Fund nicht entgehen, den er unter die TQaviöTEQa (s. Einleitung S. XVT) rechnete und auch adjektivisch {reXevaQxiKog) ausmünzte. Ähn- lich prunkt er auch mit dem Äer magischen Telestik entlehnten und von Proklus bevorzugten Ausdruck xeteöiovQyög „consecrando perficiens" und dessen Derivaten.
40 Dionysius Areopapita 40
lischen Mächte und der König der Glorie sei1). Bei an- dern Engeln offenbaren sie deren Ungewißheit Jesu selbst gegenüber und wie sie die Kenntnis über sein für uns vollbrachtes Gotteswerk erlangen, wie Jesu* selbst sie unmittelbar geheimnisvoll belehrt und ihnen in erster Mitteilung sein menschenfreundliches Heils- werk offenbart. „Ich, sagt er nämlich, lehre Gerechtig- keit und ein Gericht des Heils"2). Ich muß mich aber wundern, daß auch die ersten der himmlischen Wesen» welche die andern so weit überragen, die urgöttlichen Erleuchtungen nur mit Ehrfurcht ersehnen, wie sie ja nur mit den mittlem Flügeln fliegen3). Denn nicht ohne weiteres fragen sie: „Warum sind deine Kleider rotge- färbt?" Sie sind vielmehr erst bei sich selbst im Zweifei und geben zu verstehen, daß sie lernen wollen und nach der Erkenntnis des göttlichen Wirkens begehren, keines- wegs aber der Erleuchtung vorauseilen, welche ihnen nach dem Gesetze des göttlichen Hervortretens beschie- den ist.
Es wird also die erste Hierarchie der himmlischen Geister unmittelbar von dem Urprinzip aller Weihevoll- endung durch die direkte Erhebung zu demselben hierar- chisch vervollkommnet, mit der allerheiligsten Reinheit des unermeßlichen Lichtes der übervollkommenen Weihewirkung im entsprechenden Verhältnis erfüllt und also gereinigt, erleuchtet und zur Vollendung geführt, durch kein Sinken nach unten getrübt, mit dem ur- sprünglich ersten Lichte erfüllt und durch Teilnahme an der erstverliehenen Erkenntnis und Wissenschaft voll- endet. In Kürze dürfte ich wohl auch mit Recht dieses sagen, daß sowohl die Reinigung wie die Erleuchtung und Vollendung nichts anderes als die Mitteilung des urgöttlichen Wissens ist, welche (erstens) gewissermaßen von der Unwissenheit durch die nach Gebühr verliehene Kenntnis der vollkommenem Einwei- hungen reinigt, welche zweitens durch eben jene gött- liche Erkenntnis dann erleuchtet, durch welche sie auch
») Ps. 23, 10. *) Is. 63, l.
s) Ygl. unten e. h. Kap. IY, 38.
41 Himmlische Hierarchie, Kap. VII 41
die vorige Stufe des Wissens reinigt, in der man noch nicht alles das schaute, was jetzt durch die höhere Er- leuchtung geoffenbart wird, (welche endlich drittens) durch eben das Licht, d. i. durch das zuständlich dau- ernde Wissen der lichtvollsten Einweihungen auch voll" endet1) .
1) Die geschilderte erste Triade genießt die höchste Sicherheit, Ehre und Wonne der unmittelbaren Anschauung Gottes. Die Quelle dieser Seligkeit ist in sich höchste Einheit, in ihren Ausflüssen Vielheit; Ähnlichkeit, Gemeinschaft und Mil Wirksamkeit mit Gott und höchste Kenntnis Gottes entspringen ihr. 2) Eine Ahnung davon gehen uns die Lohgesänge der Engel im Himmel, von denen in der heiligen Schrift die Rede ist« Der Verfasser verweist darüber auf sein früheres Werk über die „Göttlichen Hymnen". 3) Aus demselben soll wiederholt werden, daß die oberste Hierarchie ihr Wis- sen gütig den tieferen mitteilt und dadurch zu erkennen gibt, daß die Gottheit mit Fug und Recht von den seligen Geistern verherrlicht werden soll. 4) Aber auch die eine Gottheit in drei Hypostasen, die allwaltende Vorsehung, Urquell und Ursache von allem, ist Gegenstand jenes Lobpreises.
Diese also ist, soweit ich es verstehe, die erste Ord- nung der himmlischen Wesen. Sie steht unmittel«' barinderRundeum Gottundum Gotther, in unablässigem Reigen bewegt sich ihr einfaches Den- ken in der ewigen Erkenntnis Gottes, wie es der immer bewegten, höchsten Rangstellung unter den Engeln ent- spricht. Sie genießt reinen Blickes viele wonnevolle An- schauungen, sie wird von einfachen und unmittelbaren Strahlen funkelnd erleuchtet und mit göttlicher Speise gesättigt, die zwar in der ersten Ergießung aus der
') Diese Erklärung, dass die „Reinigung" der Engel in der Entfernung der Unwissenheit besteht, also im Grunde auch Er- leuchtung ist, wird von D. ausführlicher wiederholt e. h. "VT, 3, 0 (& d. Anm.). Der Gedanke, den Geist von Unwissenheit zu „rei- nigen", ist neuplatonisch. Plotin. Enn. HI, 6, 5. Proklus in Par» men. 559: uadaQTiKoi xqg äyvolag TQÖnoi.
4-2 DiopyBim AreopagHa 42
Quelle eine reiche Fülle darstellt, aber bei der Einheit- lichkeit der urgöltlichen Labung, welche kein Vielerlei kennt und in Eins verwandelt, doch nur eine ist. Diese (höchste Triade) ist einer intensiven Gemeinschaft und Mitwirksamkeit mit Gott infolge der möglichsten Ver- ähnlichung ihrer herrlichen Eigenschaften und Tätigkei- ten mit ihm gewürdigt; sie erkennt in bevorzugter Weise viele Geheimnisse des Göttlichen und ihr ist, soweit es statthaft ist, die Teilnahme an göttlichem Wissen und Erkennen gewährt'1).
Deshalb hat auch die Offenbarung den Menschen auf Erden deren Lobgesänge überliefert, in welchen sich der Vorzug ihrer höchsten Erleuchtung heilig kund- gibt. Denn die einen Glieder dieser Hierarchie lassen« um die Sprache der Sinne zu reden, gleichwie das Rau- schen vieler Wasser2) den lauten Ruf erschallen: ,, Hoch- gelobt (sei) die Herrlichkeit des Herrn an ihrem Orte"8). Die andern erheben jenen vielgerühmten und tiefster
*) Eine merkwürdige Uebereinstimmung mit dieser Schilde- rung weist unter den Vätern besonders Greg. v. Naz. or. 28, 31; 44, 3; 45, 5 (M. s. gr. 86, 72 ff.) auf; selbst die gleichen Ausdrücke %OQ£veiv, iAAäjuneodai rr\v KaOaQcoräTijv iXXafixpiv usw. treten in die glänzende Schilderung, ein welche nachstehende Momente umfasst: 1) Die Engel, bzw. die obersten Engel sind Lichtnaturen; 2) ihr Licht ist ein Abglanz des un- geschaffenen Lichtes; 8) sie strahlen am reinsten vor allen an- dern Wesen; 4) sie stehen Gott zunächst; 5) sie umkreisen ihn im Jubelreigen ; 6) sie entsenden ihr Licht auf tieferstehende Gei- ster (ßevxEQa <pä)ra) mit Verminderung der Lichtstarke, sowie es der Natur und .Rangordnung der tiefern Engel entspricht. — Cy- rill v. Alex, übernimmt diese Züge zum Teil de ador. in Spir. IX (M. 68, 604 B). Andrerseits vergleiche man bei Proklus in 1. Alcib., 825 ff. die Schilderung der drei rägeig igcoriKaL Er lässt sie auch einen entzückten Reigen um den überwallenden Quell gött- licher Schönheit aufführen; er versetzt sie in das Dunkel der höchsten Götternähe; er legt ihnen die Aufgabe bei, das unmit- telbar von dort empfangene Licht nach unten weiterzuleiten und die damit erfüllten Seelen emporzuführen. Indes schon Plato (Phädr. 250 B) spricht von mystischen Reigen der Seelen um das Urschöne; Philo und Plotin gebrauchen das gleiche Bild von der Mhern Erkenntnis. Origenes ist auch hierin Platoniker.
Apok. 1, 15.
Ezech. 3, 12.
?
43 Himmlische Hierarchie, Kap. YIT 43
Ehrfurcht vollen Gottespreis: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist erfüllt von seiner Herrlichkeit"1). Diese erhabensten Lobgesänge der überhimmlischen Geister haben wir bereits in dem Werke „Über die göttlichen Hymnen" nach unserm Ver- mögen erläutert und es ist über sie daselbst unserm Stande entsprechend das Ausreichende gesagt. Es ge- nügt, daraus für den gegenwärtigen Moment nur dies eine wieder ins Gedächtnis zu rufen, daß die erste Ord- nung, nachdem sie von dieser urgöttlichen Güte mit der Wissenschaft Gottes nach Möglichkeit erleuchtet worden ist, auch den unter ihr folgenden Stufen der Reihe nach als eine gütig geartete Hierarchie mitgeteilt hat. Und damit legt sie, um mich kurz auszudrücken, diese Wahr- heit nahe, daß es mit gutem Grunde sich zieme, daß die Ehrfurcht heischende, über die Maßen zu preisende und allgepriesene Urgottheit von den gottautnehmenden (d£obö%o>v) Geistern nach Möglichkeit erkannt und ge- priesen werde. Denn diese sind, wie die Schrift sagt, die göttlichen Ruheorte der Urgottheit2). Eine zweite Wahrheit lehrt uns der Lobgesang dieser Hierarchie, daß nämlich die Gottheit eine Monas und Einheit in drei Hypostasen ist3), welche von den überhimmlischen We- sen bis zu den äußersten Dingen dieser Erde herab ihre liebreichste Vorsehung über die ganze Schöpfung er- streckt, da sie überursprünglicher Ursprung und Grund jedes Dinges ist und alles mit unbezwingbarer Um- schließung zusammenhält.
*) Is. 6, 3.
f) Die heilige Schrift hat diese Bezeichnung (rönoi t^s "deaQXMfjg uaranavöeog) keineswegs. Man kann höchsteng an Ps. 10, 5 ; 75, 3; Is. 18, 4 und sinnverwandte Stellen denken, welche eine Uebertragung auf die Engel zulassen.
8) Bei Äthan, or. super Matth. 11, 27 (M. s. gr. 25, 217 D) ist das Trisagion zuerst in dieser von Gregor v. Naz. gerühm- ten und von D. stillschweigend übernommenen Deutung verwertet. Die dreimalige Wiederholung des „Heilig" bezeichnet die drei göttlichen Personen, das einmalige „Herr** offenbart die eine We- senheit
A4 DionysiiiA Areopagita 44
KAPITEL VIII.
Die Herrschaften, Gewalten und Mächte und die von ihnen gebildete mittlere Hierarchie.
§ i-
1) Bei Betrachtung der mittleren Ordnung bilden wieder die betreffenden Namen der Chöre den Schlüssel der Erklärung. 2) Die Herrschaften (uvQidvqxEg) erfreuen sich eines jeder Knechtschaft ent- rückten Herr scher tums, streben stets zur Urquelle aller Herrschaft empor und bilden nicht nur sich selbst dar- nach um, sondern ziehen auch die untern Chöre zu ihr hinauf. 3) Die Mächte (öwäjuEig) besitzen eine uner- schütterliche Mannhaftigkeit und Aufnahmsfähigkeit für die göttlichen Erleuchtungen. Im steten Hinblick auf die göttliche Urmacht stellen sie deren Bild in sich selbst her und führen die tieferen Chöre zu ihr empor. 4) Die Gewalten (igovoiat) bilden eine unverwirrbare Ord- nung für die Aufnahme des Göttlichen, mißbrauchen nie ihre Kräfte zu niederen Zwecken, sondern erschwingen sich unbehindert zu Gott und fördern die tieferstehen- den Chöre in der gleichen Richtung. 5) Auf diese Weise vollzieht sich für die zweite Triade die Reinigung, Er- leuchtung und Vollendung, indem die göttlichen Strah- len durch Vermittlung der ersten Triade auf sie überge- leitet werden.
Wir müssen nunmehr zur mittleren Ordnung der himmlischen Geister übergehen, indem wir nach Mög- lichkeit jene Herrschaften und die wahrhaft machtvollen Betrachtungsbilder (deäfiara) der göttlichen Gewalten und Mächte mit überweltlichen Augen schauen. Denn jeglicher Name der uns überragenden Wesen offenbart die Gott nachgebildeten Eigentümlichkeiten ihrer gott- ähnlichen Natur.
Der redende Name der heiligen Herrschaf- ten offenbart meines Erachtens einen gewissen unbe- zwingbaren und von jedem Sinken zum Irdischen freien Aufschwung nach oben, ein Herrschertum, welches gar
45 Himmlische Hierarchie, Kap. VIII 45
nicht irgend einer Entartung ins Tyrannische in irgend einer Weise überhaupt zuneigt und in edler Freiheit kein Nachlassen kennt, ein Herrschertum, welches, jeder er- niedrigenden Knechtung entrückt, jedem Erschlaffen un- zugänglich und, über jegliche Unähnlichkeit (Selbstent- fremdung) erhaben, unaufhörlich nach dem wahren Herr- schertum und der Urquelle alles Herrschertums hinan- strebt und nach der herrschgewaltigen Ähnlichkeit mit demselben soweit als möglich sich selbst und gütig auch das unter ihm Stehende umbildet, ein Herrschertum, welches keinem der eitlen Scheindinge, sondern dem wahrhaft Seienden gänzlich zugewendet ist und immer- dar, soweit es ihm verstattet ist, an der Ähnlichkeit mit Gott als dem Urquell des Herrschertums teilnimmt1).
Der Name der heiligen Mächte bezeichnet nach meiner Meinung eine gewisse männliche und unerschüt- terliche Mannhaftigkeit in Hinsicht auf alle ihre gott- ähnlichen Tätigkeiten, welche bei der Aufnahme der ihr verliehenen urgöttlichen Erleuchtungen durchaus keine kraftlose Schwäche zeigt, sondern mächtig zur Gottähn- lichkeit aufstrebt, eine Mannhaftigkeit, welche durch keine Unmännlichkeit von ihrer Seite die gottähnliche Bewegung aufgibt, sondern vielmehr unentwegt auf die überwesentliche und machtbildende Macht hinblickt und deren machtspiegelndes Abbild wird, welche zu ihr als
J) Die betäubende Fülle von Synonymen und Tautologien, deren sich D. besonders in der Beschreibung dieses und der zwei folgenden Chöre bedient, verrät, dass er in früheren Quellen nichts Greifbares hierüber gefunden hat. Gregor d. Gr. versuchte, im Anschluss an D., aus den Namen ebenfalls eine Charakteristik zu schöpfen, aber er zieht konkretere Momente herbei. So meint er, die „Dominationes" trügen ihren Namen davon, dass die andern tiefem Chöre ihrer Macht unterstellt sind. Den Namen „Virtu- tes" bezieht er auf die grossen "Wunder und Zeichen, welche durch die also benannte Engelklasse geschehen. Den „Potestates" schreibt er eine besondere Macht zu, die bösen Geister zurückzudrängen, damit' sie die Menschen nicht so heftig versuchen, hom. 34. (M. s. lat. 76, 1251). Wenn D. den merkwürdigen Ausdruck „tvqclv- vtuai ävojuoiÖT7]T€^c gebraucht, so ist er sicher von Proklus (in I. Alcib. 329 ; in Tim. 53 F) beeinflusst. Andrerseits führt der Gegensatz: kvqioi — tvqclvvoi zu der Gleichsetzung rvQavvov ävo- uoiörrjreg = die Verschiedenheiten des ,, Tyrannen" vom „Herrn'1'.
46 Dionysius Areopagita 4*
der Urquelle der Macht mächtig hingekehrt ist und zu den Wesen der tiefern Ordnung machtspendend und gottähnlich heraustritt1).
Der Name der heiligen Gewalten, welche mit den göttlichen Herrschaften und Mächten auf gleicher Stufe stehen, besagt, wie ich glaube, die wohlgeordnete und unverwirrbare Harmonie bei Aufnahme des Gött- lichen und das Festbestimmte der überweltlichen und geistigen Gewallstellung, welche die aus der Gewalt fließenden Kräfte nicht mit tyrannischer Willkür zu den minderen Zwecken mißbraucht, sondern unbesiegbar zum Göttlichen in schöner Ordnung empordringt und die tieferstehenden Wesen gütig aufwärts leitet, welche der gewaltschaffenden Urquelle der Gewalt soweit als möglich sich verähnlicht und sie kräftigst nach den wohlgeordneten Stufen der aus der Gewalt fließenden Macht den Engeln einstrahlt.
Im Besitze dieser gottähnlichen Eigentümlichkeiten wird die mittlere Ordnung der himmlischen Geister nach der erwähnten Weise von den urgöttlichen Erleuchtun- gen, welche ihr an zweiter Stelle durch die erste hierar- chische Ordnung eingestrahlt und durch deren Vermitt- lung als Offenbarungen des zweiten Grades zugeführt werden, gereinigt, erleuchtet und vollendet2).
§2.
1) Die Tatsache, daß einem Engel durch einen an- dem (höhern) Engel eine Kunde vermittelt wird, lehrt
*) Wenigstens an diesem einen Beispiele sei das Sp:el mit der fignra etymologica hervorgehoben : „öwä/ieig" , dwarcog, bwa- fwjzoiög övvajuig, öwajuoeiörjg, äQxiövvajuog, öwartig, bwa/xo- öözcog folgen sich in dem kurzen Abschnitt; dazu die Synonyma äQQEvojvög ävÖQia, äÖQavcog, ävavÖQia usw.
*) Auffallender Weise hält D. die Zusammenstellung der mitt- lem Triade, die er hier gibt, nicht konsequent fest, obwohl er eine unverrückbare Stufenordnung als Norm für die Prozesse der ge- genseitigen Einwirkung voraussetzt. Die ,. Herrschaften" und „Mächte1' einerseits, die ,.Gewalten'1 nnd ..Mächte" andrerseits tauschen ihre Rangstufen (Kap. VI, 2 ; VIII, 1 ; IX. 2 ; XI, 1). — Dante lässt den heil'gen Dionysius beim Eintritt Gregors d Gros- sen in den Himmel lächeln, weil dieser nicht die von Dionysius aufgestellte Ordnung beibehalten habe (Faradiso 28, 130—139)»
47 Himmlische Hierarchie, Kap. VIII 47
daß die so vermittelte Vervollkommnung eine abge- schwächte ist; es herrscht hier dasselbe Gesetz, welches auch in der kirchlichen Hierarchie gilt. Deshalb werden auch die obersten Engel von der kirchlichen Überlieferung als Vollender, Erleuchter und Reiniger der untern Chöre bezeichnet. 2) Die Urquelle aller Stu- fenordnung hat dies als festes Gesetz aufgestellt, daß die niedern Klassen durch die höhern an den göttlichen Einstrahlungen Anteil gewinnen. 3) Verschiedene Bei- spiele aus der heiligen Geschichte bestätigen dies, so z. B. die Vision des Zacharias über das Wiederaufblühen Jerusalems, desgleichen die Ezechiel gewordene Ver- heißung, daß die Unschuldigen von den Schuldigen' aus- gesondert würden. Andere Beispiele aus Daniel 9, 23; Ezechiel 10, 1 und 10, 7; Daniel 8, 16 werden noch ange- führt. 4) Je mehr die kirchliche Hierarchie nach diesem in der himmlischen Hierarchie herrschenden Fundamen- talgesetz sich gestaltet, desto mehr wird sie an der Schönheit derselben teilnehmen und dem obersten Prin- zip aller hierarchischen Gliederung angenähert werden.
Zuverlässig werden wir nun die Tatsache, daß in besagter Weise von einem Engel zum andern die Kunde durch Rede vermittelt wird, zum Maßstab dafür nehmen, wie sich die Vervollkommnung auf weitere Entfernung vollzieht und über dem Her- austreten in die tiefere Ordnung ver- dunkelt wird. Wie die Kenner unserer heiligen Weihen sagen, daß die unmittelbare Erfüllung mit dem göttlichen Lichte vorzüglicher sei als die Mitteilung sei- tens anderer, welche Gott zu schauen gewürdigt werdenr so ist auch nach meinem Dafürhalten die unmittelbare Anteilnahme jener Engelordnungen, welche an erster Stelle zu Gott sich erheben, lichtvoller als die der mit- telbar zur Vollkommenheit geführten Geister, Deshalb werden auch von unserer priesterlichen Überlieferung die obersten Engel vollendende, erleuchtende und reini- gende Mächte der tieferstehenden genannt, insofern diese durch jene zum überwesentlichen Prinzip aller Dinge emporgeführt werden und, soweit es ihnen ver- stattet ist, an der Reinigung, Erleuchtung und Vollen-
*8 DionyBTOi Areopa^ita 4«
düng, die von dem Urquell aller Weihe und Vollendung ausgehen, Anteil nehmen.
Denn das ist überhaupt ein von dem göttlichen Prin- zip aller Ordnung (ra^iaQyla) in gottgeziemender Weise aufgestelltes Gesetz, daß die Glieder der zwei- ten Ordnung durch Vermittlung der er- stenan denurgöttlichen Einstrahlungen teilhaben.
Du wirst aber auch bei den inspirierten Schriftstel- lern dieses Gesetz oft geoffenbart finden. Denn als die väterliche Menschenfreundlichkeit Gottes Israel zum Zwecke der Bekehrung und heiligen Rettung in Zucht genommen und strafenden, grausamen Völkern zur Bes- serung überliefert hatte, da ließ er, unter mannigfacher Hinleitung seiner Schützlinge1) zum Besseren, sie aus der Gefangenschaft auch wieder ziehen und führte sie abermals in die frühere glückliche Lage liebreich zurück. Einer der Propheten, Zacharias2), sieht da einen Engel, der meines Erachtens zu den ersten gehört, welche um Gott stehen (denn der Name Engel ist, wie gesagt, allen gemeinsam), wrie er unmittelbar von Gott die tröst- lichen Worte über diese Tatsache, wie erwähnt, ver- nimmt. Dann sieht er einen andern der untergeordneten Engel dem ersten entgegeneilen, wie zur Aufnahme und Mitteilung der Erleuchtung, und ihn alsdann von jenem als Hierarchen in den göttlichen Ratschluß eingeweiht werden und sieht an ihn den Auftrag erteilt, dem Pro- pheten die geheime Kunde mitzuteilen, daß Jerusalem in reicher Fruchtbarkeit blühend von einer Menge Men- schen werde bewohnt werden. Ein anderer der Prophe- ten aber, Ezechiel, sagt, daß dieses Gesetz in all- heiliger Weise von der über den Cherubim thronenden3) , überherrlichen Gottheit selbst sei aufgestellt worden. Denn als die väterliche Menschenfreundlichkeit, wie ge- sagt, Israel auf dem Wege der Zucht zur Besserung hin-
T) Das Textwort bei D. tö>v tzqovoov^svcov (/lezaycjyi]), das hier eine so konkrete Beziehung hat, ist dem philosophischen Ter- minus rä jTQovoov.ueva (Proklus in Parmen. 1225) nachgebildet.
2) Zachar. 1, 12. Hier und im folgenden steht üeo/.oyog e= Prophet.
•) Ezech. 10, 1.
49 Himmlische Hierarchie, Kap. VIII 49
lenkte, erachtete sie es in gottgeziemender Gerechtigkeit für angemessen, die Schuldigen von den Unschuldigen abzusondern. In diesen Ratschluß wird nach den Che- rubim zuerst der Engel eingeweiht, dessen Hüfte mit einem Saphirgürtel umgürtet ist und der zum Zeichen der hierarchischen Würde das bis zu den Füßen nieder- wallende Kleid trägt1). Den andern Engeln aber, welche die Beile tragen, befiehlt die göttliche Urordnung, von dem ersten Engel über die hierin von Gott getroffene Sonderung sich belehren zu lassen. Denn dem einen gebietet er, mitten durch Jerusalem zu gehen und auf die Stirne der unschuldigen Männer das Zeichen zu machen. Den andern aber sagt er: Gehet hinter ihm her in die Stadt und hauet nieder und schonet nicht vor euren Augen, aber an alle, an welchen das Zeichen ist, tretet nicht heran. Was möchte einer über den Engel sagen, der zu Daniel sprach: „Das Wort ist ergangen"2) oder über jenen ersten Engel selbst, der das Feuer aus der Mitte der Cherubim empfing3). Oder, was ein noch stär- kerer Beweis als dieser für die schöne Stufenordnung <ler Engel ist, daß die Cherubim das Feuer in die Hände jenes legen, der mit dem weißen Kleide angetan ist4). Oder über den Engel, welcher den göttlichsten Gabriel rief und ihm sagte: Lasse ihn die Vision erkennen5), oder was sonst alles von den heiligen Propheten über die gottähnliche Wohlordnimg der himmlischen Hierarchien gesagt ist6). Wenn sich ihr die Ordnung unserer Hierar- chie nach Möglichkeit verähnlicht, so wird sie die engel-
') Ezech. 9, 1—6.
2) Dan. 9, 23.
8) Ezech. 10, 1.
4) Ezech. 10, 7.
6) Dan. 8, 16.
6) Ein Vorbild für solche Deutungen über die eüvagLa der Engelordnungen bot schon Clemens v. AI. in seinen Hypotyposen : Sic etiam et Moyses Michael virtutem per vicinum sibi et infimum angelum vocat . . . Sed Moysi quidem propinquus ac vicinus ange- lus apparuit. „Der Engel des biblischen Textes, der dem Moses erschien . . . war ein* untergeordneter Engel . . . Dieser Engel aber war ein Werkzeug des' Erzengels Michael, der wiederum der Stell- vertreter des Logos ist" (nach Heinisch, 1. c. S. 219),
Stiglmayr, Dionys. Areop., Himml. Hierarchie. 4
50 DionysiuB Areopagita 5*
hafte Schönheit wie in Abbildern besitzen, da sie durefe jene gestaltet und zur überwesentlichen Urordnung jeder Hierarchie emporgeführt wird.
KAPITEL IX.
Die Fürstentümer, Erzengel und Engel und die letzte von ihnen gebildete Hierarchie.
§ 1. 1) Die letzte Triade wird aus den Fürsten- tümern, Erzengeln und Engeln gebildet und es ist wieder eine Erklärung der ihnen beigelegten Na- men zu geben. 2) Der Name der Fürstentümer besagt den Fürstencharakter dieser Engel, ihre Hinwendung zum Urquell alles Fürstentums und die Emporführung anderer zu demselben, ferner die Verähnlichung mit dem Urprinzip alles Fürstentums und dessen Wiederspiege- lung in der schönen Ordnung der fürstlichen Gewalten.
Es ist für die heilige Betrachtung noch die Ordnung übrig, welche die Hierarchien der Engel abschließt und von den gottähnlichen Fürstentümern, Erzengeln und Engeln gebildet wird. Zuerst nun glaube ich nach mei- nen besten Kräften die Aufschlüsse, welche in ihren hei- ligen Namen enthalten sind, erläutern zu müssen. Denn der Name der Fürstentümer [äoxai) bezeichnet den gottähnlichen Fürsten- und Führercharakter der himmlischen Fürstentümer in Verbindung mit der heili- gen und den Fürstengewalten bestgeziemenden Ord- nungsstufe, ferner ihre gänzliche Hinwendung zum über- fürs Hieben Fürstentum und ihre fürstliche Leitung ande- rer; endlich ihre möglichst treue Nachbildung nach ebem jenem Prinzip, das Fürstenherrschaft schafft, und die Offenbarung des überwesentlichen Urgrundes aller Stu- fenordnung vermittels der Musterordnung der fürst- lichen Gewalten.
§ 2.
1) Der gleichen Ordnung wie die Fürstentümer ge- hören die Erzengel (&QxäyyeXoi) an. Gemäß der
51 Himmlische Hierarchie, Kap. IX 51
Gliederung jeder Hierarchie in erste, mittlere und letzte Stufen bilden die Erzengel durch ihre Mittelstellung die Verbindung der äußeren Glieder. Mit den Fürstentümern haben sie gemeinsam die Hinwendung zum Urquell der Herrschaft und die Einigung der Engel vermittels einer wohlgeordneten Leitung. Mit den Engeln haben sie Teil an der Stellung von Dolmetschern, sofern sie die gött- lichen Erleuchtungen durch die ersten Engel empfangen* den Engeln mitteilen und durch diese uns offenbaren. 2) Die Engel schließen die himmlischen Ordnungen ab. Sie werden mit größerem Rechte als die andern „Engel" genannt, weil sie der irdischen Welt am nächsten stehen. Es ist nämlich zu glauben, daß die oberste, Gott am nächsten siehende Triade auf die zweite hierarchisch einwirke, daß dann die zweite hinwieder Führerin der dritten sei, weil sie mehr als die erste, weniger aber als die dritte in die Erscheinung tritt, daß endlich die dritte Triade das Vorsteheramt über die Hierarchien unter den Menschen inne hat, damit so einerseits der stufen- weiseAufstiegzu Gott und die Vereinigung mit ihm, andrerseits der auf der Güte Gottes beruhende, harmonische Abstieg seiner Mitteilun- gen sich vollziehe. 3) Deshalb finden wir in der Schrift unsere Hierarchie den Engeln zugewiesen, Michael als Herrscher des jüdischen Volkes und andere Enget als Herrscher anderer Völker bezeichnet.
Der Chor der heiligen Erzengel steht mit den himmlischen Fürstentümern auf gleicher Stufe. Denn sie und die Engel bilden, wie ich sagte, eine Hierarchie und Ordnung. Da es nun aber keine Hierarchie gibt, welche nicht erste, mittlere und letzte Mächte besäße, so hält der heilige Chor der Erzengel durch seine Mit- telstellung in der Hierarchie die (beiden) End- glieder gemeinschaftlich zusammen; denn er steht in Ge- meinschaft mit den heiligsten Fürstentümern und mit den heiligen Engeln, mit den einen, weil er zur über- wesenQichen Fürstenhoheit in fürstlicher Weise hinge- wendet ist und ihr soweit als möglich sich nachbildet und gemäß seinen wohlgeordneten, festbestimmten und unsichtbaren Führungen die Engel ins Eine vereinigt. Mit
52 Dionysios Areopa^ita 52
den andern hat er Gemeinschaft, weil auch er die Stel- lung von Dolmetschern einnimmt, insofern er die urgött- Hchen Erleuchtungen durch Vermittlung der ersten Mächte in sich hierarchisch aufnimmt und sie dann den Engeln gütig offenbart und vermittels der Engel auch uns kund tut, wie es dem heiligen Grade eines jeden der göttlich Erleuchteten entspricht.
Denn die Engel schließen, wie wir schon gesagt haben, die sämtlichen Ordnungen der himmlischen Gei- ster ergänzend ab, weil sie unter den himmlischen We- sen das Eigentümliche der Engelnatur im untersten Grade besitzen. Und sie werden von uns mit um so grö- ßerem Rechte gegenüber den höheren Geistern „Engel" genannt, weil ihre Hierarchie auch mehr im Gebiet des mehr Sichtbaren ist und der irdischen Welt näher steht. Denn man muß annehmen, daß die höchste Ordnung, wie gesagt, weil sie dem Verborgenen in erster Rangstufe zunächst steht, auf verborgene Art die zweite Ordnung hierarchisch leite, diese zweite aber, welche von den heiligen Herrschaften, Mächten und Gewalten gebildet wird, der Hierarchie der Fürstentümer, Erzengel und Engel vorstehe, mehr in die Sichtbarkeit tretend als die erste Hierarchie, verborgener aber als die nach ihr fol- gende Hierarchie. Endlich (muß man dafür halten), daß die offenbarende Ordnung der Fürstentümer, Erzengel und Engel durch ihre gegenseitige Einwirkung den Hierarchien unter den Menschen vor- stehe, damit nach einer abgestuften Ordnung die Em- porführung und Hinwendung zu Gott, Gemeinschaft und Vereinigung mit ihm und desgleichen die Ausstrahlung aus Gott, welche allen Hierarchien in Güte zuerteilt wird und gemeinschaftlich mit V/ahrung der heiligsten Ordnungsschönheit zufließt, bestehen bleibe. Deshalb hat die Gottesoffenbarung unsere Hierarchie den Engeln zugewiesen, da sie Michael den Fürsten des Judenvol- kes1) und andere (Engel) (die Fürsten) anderer Völker nennt. Denn es hat der Höchste die Grenzen der Völker nach der Zahl der Engel festgestellt2).
*) Dan. 10, 21.
*) Deuter. 32, 8 (nach der Septuag.).
58 Himmlische Hierarchie, Kap. IX 53
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§3.
1) Auf den Einwand, warum dann bloß das tsra- elitische Volk der Offenbarung teilhaft wurde, ist zu erwidern, daß man die Verirrung der andern Völker nicht den über sie gesetzten Engeln schuldgeben dürfe, sondern den Fehlern der Völker selbst zuschreiben müsse. Ein Beweis hiefür ist der Vorwurf, der selbst dem auserwählten Volke Gottes gemacht wurde. 2) Die Menschen haben ihren freien Willen; der Strahl der Er- leuchtung wird nicht in sich verdunkelt, sondern tritt entweder gar nicht in das geistige Auge ein, falls es keine Empfänglichkeit besitzt, oder teilt sich in verschie- dener Stärke mit, je nachdem dasselbe mehr oder weni- ger gut disponiert ist. 3) Auch die heidnischen Völker, welchen der Verfasser ehedem angehörte, hatten nicht fremde Götter zu ihren Vorstehern; es gibt vielmehr nur einen Ursprung von allem und zu dem führten alle Engel empor. So z. B. ist Melchisedech ein Hierarch des wah- ren Gottes; er heißt „Priester" (Gottes), um anzudeuten, daß er nicht bloß für seine Person sich zu Gott wandte, sondern auch andere zu Gott führte.
Wenn aber jemand sagen sollte: „Aber wie ward dann das Volk der Hebräer allein zu den urgöttlichen Strahlen e m p o r g e f ühr t ?", so ist zu erwidern, daß man nicht die zielgerechte Vor- standschaft der Engel für die Abirrung der andern Völ- ker zu den falschen Göttern, sondern jene Völker selbst verantwortlich machen soll, weil sie durch die eige- nen Triebe von dem geraden, zu Gott führenden Aufstieg abgewichen sind, nämlich durch ihre Selbst- sucht, Vermessenheit und die dem entsprechende Ver- ehrung dessen, was ihnen als Göttliches erschien. Ist es doch sogar vom Volke der Hebräer bezeugt, daß es dieses (Unglück) erlitten hat. Denn es sagt Gott: „Die Kenntnis Gottes hast du verworfen und bist deinem Herzen nachgewandelt"1). Das Leben, das wir haben,
*) Das Schriftzitat ist zusammengesetzt aus Os. 4, 6 (Seien- tiam reppulisti) und Jerem. 7, 24 (abierunt ... in pravitate cor- dis sui malf}.
54- Dionysiua Areopagita
ist nämlich niclit dem Zwange unterworfen und wegen der Willensfreiheit derer, welche Gegenstand der Vorsehung sind, wird das göttliche Licht der von der Vorsehung ausgehenden Einstrahlungen nicht ver- dunkelt, sondern entweder macht die heterogene Be- schaffenheit der geistigen Augen die Teilnahme an der übervollen Lichtspendung der väterlichen Güte ganz un- möglich und läßt sie vergeblich abprallen, oder sie be- wirkt verschiedene Grade der Mitteilung, kleine oder große, dunkle oder helle des einen und einfachen Strahls, der in seiner Quelle immer sich gleichbleibt und übereinfach ist. Denn auch über die andern Völker — aus welchen auch w i r1) zu jenem unermeßlichen und reichen Ocean des göttlichen Lichtes uns emporrichte- ten2), der für alle zur willigen Mitteilung ausgebreitet ist — regierten nicht fremdländische Götter. Es gibi: vielmehr nur e i n Urprinzip von allem und zu diesem führten die Engel, welche in jeglichem Volke die Hierar- chie innehatten, alle empor, die ihnen folgen wollten. Was den Melchisedech betrifft, so muß man in ihm einen gottliebenden Hierarchen nicht der falschen Götter, sondern des wahrhaft seienden, höchsten Gottes erkennen, denn die Gotteskundigen nennen ihn nicht bloß einfachhin Freund Gottes, sondern auch Priester, um den verständigen (Lesern) anzudeuten, daß er nicht bloß für sich allein dem wahren Gotte sich zugewendet hatte, sondern auch andere als ein Hierarch in der Emporführung zur wahren und einzigen Urgottheit leitete3).
*) Hier bekennt D. seine frühere Zugehörigkeit zum Heiden- tum. In Verbindung mit andern Stellen, besonders d. d. n. 3, 2 dient diese persönliche Bemerkung der Fiktion, daß der Verfasser der Areopagita sei.
2) Zum bemerkenswerten Ausdruck rof) tieaoxiuov (pcorög äneiQÖv re ual ä<püovov jcekayog vergleiche man Greg. v. Naz. or. 38, 7 und 45, 3 (M. 36, 317; 625) olöv xi ne?.ayog ovoiag äneiQOv Kai äÖQiOrov . . . xoöavra neQiXäfxnov . . . Basilius c. Eunom. 1, 16 (M. 29, 548 C) spricht vom göttlichen Wesen als einem jceXayoc gcorjg.
*) Genes. 14, 18; Ps. 109, 4; Hebr. 7, 1.
55 Himmlische Hierarchie, Kap. IX 55
§ 4. 1) Dem Pharao wurde von dem Engel Ägyptens, dem König von Babylon von dem zugehörigen Engel die Macht Gotte$ in Gesichten nahegebracht und Diener des wahren Gottes, wie Daniel und Joseph, traten für sie als Deuter solcher Offenbarungen auf. 2) Es gibt nur ein Vrprinzip für alles und die Urgottheit hat nicht in dem Sinn die Leitung Israels als ihres „L o s a n t e i l s" ge- übt, daß für sich selbständige Engel oder fremde Götter fln der Spitze der andern Völker gestanden hätten, son- dern das Schriftwort ist so zu verstehen, daß zwar die Vorsehung alle Menschen der Führung der zustehenden Engel überwiesen, tatsächlich aber fast eben nur Israel der Erkenntnis des wahren Gottes sich zugewendet hat, 3) Die Offenbarung will einerseits Israels Auslosung zum Dienste des wahren Gottes bezeichnen, andrerseits nennt sie Michael den Führer des Volkes Israel, um anzudeu- ten, daß dieses gleicherweise wie andere Völker irgend einem Engel zuerteilt worden ist. 4) Hierin liegt die Lehre von der Einheit der Vorsehung und von der ge- meinsamen Aufgabe der Engel, die einzelnen Völker zu Gott zu führen, ausgesprochen.
Auch an diese Tatsache wollen wir deine hierarchi- sche Einsicht erinnern, daß dem Pharao von dem Schutzengel Ägyptens1) und dem Herrscher von Baby- lon von dem zugehörigen Engel2) in den Gesichten die Fürsorge und Gewalt der über alles sich erstreckenden Vorsehung und Herrschermacht vermittelt wurde. Wir erinnern daran, daß die Diener des wahren Gottes jenen Völkern als Führer in der Deutung der von den Engeln in bildlichen Erscheinungen gewährten Offenbarung auf- traten, welche (Offenbarung) den heiligen, den Engeln nahestehenden Männern, einem Daniel und einem Joseph, von Gott aus durch Engel enthüllt wurde3), denn es gibt nur eine Urquelle und Vorsehung von allem. In keinem Falle darf man der Ansicht sein, daß die Urgottheit nach der Auswahl des Loses die
*) Genes. 41, 1-7; 17—24.
•) Dan. 2, 31 35; 4, 7-14.
») Genes. 41, 25— 32; Dan. 2, 36—45; 4, 17—23.
50 Dionysius Arnopagita .r>5
Juden leite, Engel dagegen auf eigene Faust, sei es in gleicher, sei es in entgegengesetzter Tendenz3), oder irgend welche andere Götter an der Spitze der andern Völker stehen. Jenes Schriftwort darf man nicht in dem heiligen Sinne verstehen, als ob Gott mit andern Göttern oder mit Engeln die Regierung bei uns Menschen geteilt halle, wobei Israel ihm als dem Herrscher und Führer des Volkes „durch das Los zugefallen wäre", sondern auf folgende Weise. Die eine allgemeine Vorsehung des Al- lerhöchsten hat alle Menschen behufs ihrer Rettung den emporführenden Handreichungen der zugehörigen Engel überwiesen, aber so ziemlich ist nur Israel im Gegensatz zu allen zur Erleuchtung und Erkenntnis des wahren Herrn bekehrt worden. Daher sagt die Offenbarung, um anzudeuten, daß Gott sich Israel zum wahren Gottes- dienste erlost habe, „Anteil des Herrn ist Israel gewor- den"2). Damit aber das Offenbarungswort zugleich zu verstehen gebe, daß auch Israel in gleicher Weise wie die übrigen Völker3) irgend einem der heiligen Engel zuerteilt worden sei, um durch ihn die eine höchste Ur- sache von allem zu erkennen, deshalb sagt es, daß Michael das jüdische Volk regiere und lehrt uns damit deutlich, daß es nur eine Vorsehung von allem gebe, welche überwesentlich über allen unsichtbaren und sicht- baren Mächten thront, und daß alle Engel, welche die einzelnen Völker regieren, zu ihr als dem eigentlichen Ursprung die freiwillig Folgenden nach Kräften empor- führen.
0 Dan. 10, 13.
*) Deut. 82, 8. D. folgt den griechischen Vätern, wenn er seine Argumentation auf die Lesart der LXX ward äoiüuöv äyyiZcov deov stützt. Nur Origenes erklärt einmal „secundum numerum filiorum Israel'1 für die bessere Version (hom. 13 in Ezech. M. 13, 758 C). Von den zahlreichen andern Zeug- nissen der altern kirchlichen Zeit, welche von den Schutzengeln handeln, macht D. keinen direkten Gebrauch.
8) Gregor v. Naz. spricht or. 28, 31 (M. 36, 72 C) ausdrück- lich von Schutzengeln der verschiedenen Länder, indem er sich an Origenes de princ. 3, 6 (M. 11, 330 D) und andere anlehnt (s, in den Dogmatiken „Angelologie").
67 Himmlische Hierarchie, Kap. 3£ 57
KAPITEL X.
Wiederholung und Zusammenfassung des über die Engelordnung Gesagten.
§1.
1) Die oberste Ordnung der Engel wird unmittelbar von Gott auf eine uns mehr entrückte und lichtvolle Weise gereinigt, erleuchtet und vollendet. 2) Von dieser obersten Trias wird dann die zweite, von der zweiten die dritte Trias, von dieser endlich unsere Hierarchie zum Urprinzip aller Ordnung emporgeführt.
Wir haben also das Ergebnis gewonnen, daß die vornehmste Ordnung der um Gott stehenden Geister von der Einstrahlung, die dem Urquell aller Weihevollen- dung entströmt, hierarchisch erfüllt und in unmittelbarer Erhebung zu demselben durch eine verborgenere und glanzvollere Lichtmitteilung der Urgottheit gereinigt, erleuchtet und vollendet wird. Durch eine verborgenere, insofern sie geistiger, mehr vereinfachend und mehr einigend ist, durch eine glanzvollere, weil sie zuerst gegeben, zuerst erscheinend und volleren Um- fangs ist und in reichlicherem Maße in diese (erste) Ordnung, die ja durchleuchtbar ist, sich ergießt. Von ihr wird dann in entsprechendem Grade die zweite Ordnung, von der zweiten die dritte und von der dritten unsere Hierarchie nach dem gleichen Gesetz des wohlgeordne- ten Prinzips aller Ordnung in göttlicher Harmonie und Ebenmäßigkeit zu dem überanfänglichen Anfang und Endabschluß jeglicher Wohlordnung hierarchisch em- porgeführt.
§2.
1) Jeder Chor hat die Aufgabe, von dem ihm zu- nächst übergeordneten Chor Kunde zu geben, denn zur sukzessiven Emporführung ist das so bestimmt und jede Hierarchie dreistufig abgeteilt. 2) Auch innerhalb der einzelnen Ordnung sind wieder harmonische Abstufun« gen, wie aus Is. 6, 3 hervorgeht.
58 Dioi ta T)S
Alle Chöre der Engel sind aber Offenbarer und Künder derer, die vor ihnen sind, die vornehmsten sind Offenbarer Gottes, ihres Bewegers; in entsprechendem Maße sind dann die übrigen Engel Offenbarer der von Gott bewegten Geister. Denn auf solche Art hat die überwesentliche Harmonie des Alls für die heilige Mu- sterordnung und die festbestimmte Emporführung eines jeden vernünftigen und geistigen Wesens vorgesorgt, da sie auch für jede einzelne Hierarchie heiligmäßige Stufen festsetzte und wir jede Hierarchie in die ersten, mittleren und letzten Mächte geteilt sehen. Aber auch die einzelne Ordnung selbst hinwieder hat die Vor- sehung, um es richtig zu sagen, nach den gleichen, gött- lich harmonischen Maßverhältnissen unterschieden. Da- her sagen die inspirierten Schriftsteller, daß sogar die göttlichsten Seraphim einer dem andern zugerufen hät- ten1), womit sie, wie ich glaube, deutlich zu erkennen geben, daß die ersten Engel den zweiten von den Er- kenntnissen der Gotteswissenschaft mitteilen2).
§3.
Auch jeder Engel und Menschengeist besitzt eine dreifach abgestufte Ordnung von Kräften, welche dem hierarchischen Doppelgesetz des Nieder- und Aufstiegs unterworfen sind, um der Reinigung, Erleuchtung und Vollendung teilhaftig zu werden. Denn alles, ausgenom- men Gott, bedarf der V ervollkommnung.
Auch das dürfte ich wohl schicklich hinzufügen3), daß selbst jeder einzelne himmlische und menschliche Geist für sich erste, mitt-
*) Js. 6, 3.
') Nach der Vorstellung des D., die zwar mit dem Schrift- wort gedeckt wird, aber durchaus der Spekulation des Proklus ent- spricht, könnte man sich die Sache nach Art einer Parole denken, welche vom obersten Führer ausgeht und dann alle Reihen nach- einander von Mund zu Mund durcli läuft
8) Diese „Hinzufügung ' kommt allerdings nur auf Rechnung des Verfassers und seiner neuplatonischen Quelle Proklus, nicht eines kirchlichen Schriftstellers. Proklus folgt hinwieder (Inst theol. 201) dem Plotin (Ennead. 1, 8, 14) : „Die Seele hat erste, mittlere uud letzte Kräfte."
19 Himmlische Hierarchie, Kap. XI 59
lere und letzte Ordnungen und Kräfte eigentümlich besitzt, welche analog den ge- schilderten Erhebungen, wie sie den Einstrahlungen der einzelnen Hierarchien entsprechen, offenbar werden. Ge- mäß diesen Ordnungen und Kräften erlangt jeder ein- zelne Geist in dem ihm zustehenden und erreichbaren Maße Anteil an der überheiligsten Reinheit, dem über- vollen Lichte, der absoluten Vollendung. Denn nichts ist in sich selbst vollendet oder überhaupt der Vollen- dung unbedürftig, außer das wahrhaft in sich selbst Vollendete und absolut Vollkommene1).
KAPITEL XL
Warum alle himmlischen Wesen mit dem Namen „himm- lische Mächte" bezeichnet werden.
§ i-
1) Warum allen Engeln auch der gemeinsame Name t,M acht e" beigelegt wird, obwohl der Chor der Mächte nicht der nach unten abschließenden Ordnung angehört und obwohl die höheren Chöre zwar alle Erleuchtungen der tiefern besitzen, nicht aber umgekehrt. 2) Werden doch die himmlischen Geister keineswegs mit dem Na- men „Seraphim" oder „Throne" oder „Herrschaften* gemeinsam bezeichnet; wohl aber sind die Chöre, welche erst nach den Mächten im Range folgen, auch unter dem Namen „Mächte" eingeführt.
') Mit dem gleichen Gedanken begründet „Heraclides, Bischof von Kappadozien" (?) seine genau dem D. entsprechende Theorie von der Einstrahlung des göttlichen Lichtes, soferne es sukzessive durch die Stufenordnungen der Engel hinabsteigt. „Nur allein der Gott des "Weltalls ist keiner Belehrung bedürftig u. s. w." Der Anschluß an D. ist so auffallend, dass man versucht sein möchte, das betreffende der Historia Lausiaca vorausgeschickte Schriftstück, <iem die erwähnte Stelle entnommen ist, einem späteren Autor zuzuweisen (M. s, gr. 34, 1002). Aber auch Clemens r. AI. hat ganz gleiche Wendungen über die göttliche Weisheit ström. 1, 20 (M.. 8, 817 A),
60 Dionysiua Al60ptgHl 60
Nach diesen unterscheidenden Bestimmungen ver- dient auch die Frage Erwägung, aus welchem Grunde wir alle Engelnaturen mit dem gemeinsamen Namen himmlische „M ächte" zu bezeichnen pflegen1). Denn man kann nicht, wie bei den Engeln, sagen, daß die Ord- nung der heiligen Mächte die letzte von allen ist. Und es haben doch nur die Ordnungen der höheren Wesen an der heiligen Erleuchtung der letzten Anteil, keineswegs aber (umgekehrt) die letzten an der Erleuchtung der ersten. Und deshalb werden zwar alle göttlichen Geister himmlische „Mächte" genannt, in keiner Weise aber „Seraphim" und „Throne" und „Herrschaften", denn die letzten Ordnungen sind der Eigentümlichkeiten der er- sten nicht nach dem vollen Umfange teilhaftig. Die Engel aber nun und die über ihnen stehenden Erzengel, Für- stentümer und Gewalten, welche von der göttlichen Of- fenbarung im Range unter die Mächte gestellt sind, wer- den oft von uns gemeinsam und zusammen mit den an- dern heiligen Wesen himmlische „Mächte" genannt.
§2.
1) Durch die erwähnte gemeinsame Benennung ent- steht keine Verwirrung in den Engelordnungen, Denn weil in allen göttlichen Geistern die Dreiheit von Wesen, Macht und Wirksamkeit vorhanden ist, so dürfen wir sie umschreibend auch himmlische Wesen oder himm- lische Mächte nennen. 2) Es haben die höheren Stände alles, was in den niedern ist, aber nicht umgekehrt; nur teilweise nehmen die tiefern Ordnungen an dem Lichte teil, das ihnen durch die höhern vermittelt wird.
Wir behaupten, daß wir dadurch keinerlei Verwirrung in den Eigenschaften jeglicher Ord- nung stiften, daß wir bei allen gemeinschaftlich die Be- nennung „himmlische Mächte" verwenden. Weil vielmehr bei allen göttlichen Geistern nach dem ihnen zukommenden überweltlichen Charakter Wesenheit, Macht und Wirksamkeit unterschieden sind, so muß man dafür halten, daß wir, so oft wir alle oder einige
*) Dan. 3, 61 (bzw. 38) EvXoyelxe näöai al öwäfAZis (Aquila), V*g. auch Ps. 23, 10; 79, 5. 8. 15. 20; 102, 21.
61 Himmlische Hierarchie, Kap. Xu 61
von ihnen ohne Unterschied „himmlische Wesen" oder „himmlische Mächte" nennen, diejenigen, von welchen die Rede ist, in umschreibender Form nach der den ein- zelnen eigenen Wesenheit oder Macht benennen. Denn das soll man durchaus nicht meinen, daß wir die höhere Eigenart der von uns bereits genugsam geschiedenen hei- ligen Mächte auch den untergeordneten Chören im vol- len Umfange zusprechen wollten, um dadurch die un- vermischbare Stufenreihe der Engelordnungen umzu- stoßen. Denn gemäß dem von uns schon oft und richtig gelieferten Nachweis haben die höherstehenden Ordnun- gen auch die Eigenschaften der tieferstehenden auf eine überschwengliche Weise, die letzten Ordnungen dagegen besitzen nicht die überlegene Gesamtfülle der vorneh- meren, da die zuerst aufleuchtenden Einstrahlungen durch die ersten Chöre ihnen nur teilweise in entspre- chendem Verhältnis vermittelt werden.
KAPITEL XII.
Warum die Hierarchen bei den Menschen „EngeF*
heißen.
§ 1-
Warum der Bischof „Engel" genannt wird, da doch das Niedere nicht die ganze Fälle des Höheren besitzt.
Aber auch folgende Frage wird von den Männern, welche gerne in den geistlichen Aussprüchen forschen, aufgeworfen. Wenn das Letzte nicht an der Gesamt- fülie des Höheren teilhat, aus welchem Grunde ist dann der Hierarch unserer Kirche von der Schrift „E ngel des allmächtigenGottes" genannt?1)
') D. setzt für legevg äyyslog kvqiov bei Zachar. 2, 7 als gleichbedeutend seinen eigenmächtig für den Titel „Bischof" ver- wendeten Terminus l€QäQxn£.
62 Dionysiu« Arpopaßita I 2
§ 2.
Antwort: 1) Das Niedere hat zwar nicht nach der ganzen Fülle am Höheren teil, aber doch wegen der Kontinuität aller Ordnungen in entsprechendem Teil- maße. So z. B. ist die Weisheit und Erkenntnis der Cherubim in einem bestimmten abgeschwächten Grade auch den tieferen Chören eigen; irgendwie der Weisheit und Erkenntnis teilhaftig zu sein ist ein gemeinsamer Vorzug aller gottähnlichen Geister, aber der verschie- dene Grad der Teilnahme entspricht der verschiedenen Aufnahmsfähigkeit. 2) Dieses Gesetz gilt von allen gött- lichen, geistbegabten Wesen. Demnach nennt die heilige Schrift mit Recht unsern Bischof einen Engel, weil er an dem Berufe der Engel, das Göttliche zu deuten, teil- nimmt und ähnlich wie sie eine verkündende Tätigkeit ausübt.
Die Benennung widerspricht meines Erachtens kei- neswegs den früher aufgestellten Sätzen. Wir sagen näm- lich so. Die letzten (Glieder der Hierarchie) ermangelt! allerdings der totalen und erhabenen Macht der vorneh- meren Ordnungen, denn sie besitzen dieselbe nur in einem entsprechenden Teilmaße, sowie es die eine har- monische und alles verbindende Gemeinschaft bedingt. So z. B. hat der Chor der heiligen Cherubim an einer höhern Weisheit und Erkenntnis teil, die Ordnungen der ihnen nachstehenden Wesen dagegen nehmen zwar auch an der Weisheit und Erkenntnis Anteil, aber nur, im Vergleich zu jenen, in einem partiellen und abgeminder- ten Grade. Überhaupt ist Weisheit und Erkenntnis mit- zubesitzen ein gemeinsames Gut aller intelligenten We- sen, die Gott ähnlich sind, aber unmittelbar und an er- ster Stelle, oder in zweitem und tieferstehendem Grade daran teilzunehmen, das ist nicht mehr gemeinsam, son- dern verschieden, sowie es für einen jeden seitens des ihm eigenen entsprechenden Fassungsvermögens be- stimmt ist. Dieses Gesetz dürfte man nun auch hinsicht- lich aller göttlichen Geister ohne zu irren feststellen. Denn gleichwie die ersten die eigentümlichen heiligen Kräfte der letzten überschwenglich besitzen, so haben die letzten die Eigenschaften der ersten, allerdings nicht
63 Himmlische Hierarchie, Kap. XIII 63
in ähnlichem, wohl aber in untergeordnetem Grade. So ist es also, wie ich denke, nicht unpassend, wenn die Offenbarung auch unsern Hierarchen „Engel" heißt, da er ja entsprechend der ihm eigenen Macht an dem den Engeln zukommenden Berufe eines Deuters (der gött- lichen Dinge) teil hat und, soweit es Menschen möglich ist, zu dem ihnen ähnlichen Range eines Verkündigers erhoben wird.
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Sogar den Namen „Götter" legt die Schrift den En- geln und den heiligen Männern bei, obschon die Gottheit über alles Geschaffene erhaben ist. Trotzdem kann auch das geschaffene Wesen, welches zu möglichster Einigung mit Gott sich erhebt, den Gottesnamen tragen.
Du wirst aber finden, daß die Offenbarung sowohl die himmlischen, uns überragenden Wesen wie die heili- gen Männer unter uns, welche die größte Gottesliebe besitzen, auch „G ö 1 1 e r"1) nennt, obschon doch die urgöttliche Heimlichkeit überwesentlich über alles ent- rückt und erhaben ist und nichts von den geschaffenen Dingen im eigentlichen und vollen Sinne als ihr glei- chend bezeichnet werden kann. Gleichwohl ist alles, was in der geistigen und vernünftigen Welt nach Kräf- ten zur Einigung mit ihr sich vollständig hingewendet hat und zu ihren göttlichen Einstrahlungen nach Mög- lichkeit sich unaufhörlich erhebt, auf Grund der nach ganzer Kraft erstrebten Nachahmung Gottes, wenn man so sagen darf, auch des göttlichen Namens gewürdigt.
KAPITEL XIII.
Warum es heißt, der Prophet Isaias sei von den Sera* phim entsühnt worden.
§ U
Die auffällige Sendung eines Seraph zum Propheten Isaias.
y) Exod. 7, 1 (von Moses); 22, 8 (von den Richtern); 22, 28 (von den Vorgesetzten) ; Ps. 94, 3; 81, 1.
64- Dionysius Areopagita • 4
Wohlan, laßt uns nach bestem Wissen auch unter- suchen, aus welchem Grunde der Seraph, wie (in der Schrift) gesagt ist, zu einem der Propheten abgesandt wird1). Man möchte ja darüber im Unklaren sein, war- um nicht irgend einer von den untergeordneten Engeln, sondern gerade einer, welcher zu den vornehmsten We- sen zählt, den Propheten [u7io<pi]rr}s) entsühnt*).
§ 2. Erste Lösung: Es sei nicht einer der höchsten Engel zur Entsühnung des Propheten entsendet worden, son- dern einer von den Engeln, die den Menschen vorstehen, und dieser sei mit dem Namen „Seraphim" bezeichnet worden, weil er sich der glühenden Kohle bediente. Die Schrift meine hier nicht einen eigentlichen Seraph.
Einige sagen nun, daß gemäß dem schon früher er- wiesenen Gesetze der unter allen Geistern herrschenden Gemeinschaft die Schrift (hier) nicht einen der ersten, um Gott stehenden Geister be- zeichnet, der zur Entsühnung des Propheten gekom- men wäre. Es sei vielmehr einer der über uns gesetzten Engel als Vollzieher der Entsühnung des Propheten mit dem Namen Seraph belegt worden, weil er die erwähn- ten Fehler durch feurige Glut hinwegnahm und den Ent- sühnten zum göttlichen Dienste entflammte3). Das SchriftWort habe, sagen sie, nur allgemein (im weitern Sinn) von einem der Seraphim gesprochen, nicht von
') Js. 6, 6.
2) Warum verschmäht D. das gewöhnliche "Wort juQO<prjrr]g und wählt statt dessen i)no(pr}vr]gti Doch wohl nur, um durch das Ungewöhnliche des Ausdrucks, den die hellenistische Literatur für die Orakeldeuter verwendet, Eindruck zu machen. Eosebius sagt ähnlich in feierlich getragener Weise von Constantin d. Gr. ofd rig vjrocprjvrjg rov JiajußaoiÄeoyg deov (reo navri kögjuo) ■HEKQaysv) de laud. Const. c. 10 (M. s. gr. 20, 1373). Merkwür- digerweise treten auch sonst viele Ähnlichkeiten zwischen dieser Lobrede, welche ein aus Christen und Heiden gemischtes Lese- publikum voraussetzt und der Schreibweise des „irenischenu Dionysius hervor.
3) Tgl. die oben Kap. YI1, 1 gegebene Erklärung des he- bräischen Wortes „Seraphim". Die feurige Bereitwilligkeit des Propheten ist aus seinen Worten erschlossen Ecce ego, mitte me.
-65 Himmlische Hierarchie, Kap. XIII 65
denen, die um Gott stehen, sondern von den entsühnen- den Mächten, die uns vorstehen.
1) Eine andere Lösung meint, jener dem Propheten erschienene Engel habe das Geschäft der Entsühnung auf Gott und nächst Gott auf die erstwirkende Hierarchie zurückbezogen. Die göttliche Macht durchdringt und durchwirkt nämlich alles. 2) Sie teilt ihr Licht zunächst den vornehmsten Geistern und durch diese in entsprechenden Maßen den tieferstehenden En- geln mit. 3) Als Gleichnis dient das Sonnenlicht, welches durch die erste Materie am hellsten hindurch- geht, durch die dichteren Stoffe dagegen wegen ihrer un- geeigneten Beschaffenheit nur verdunkelt oder beinahe gar nicht dringt. 4) Ein zweites Gleichnis wird dem Gesetze der Wärmestrahlung entnommen. Das Feuer bringt die Stoffe, welche für seine Aufnahme ge- eignet sind, leichter zur Entzündung als die weniger brennbaren Dinge, welche dem Wesen des Feuers nicht so verwandt sind und deshalb der V erähnlichung mit ihm widerstreben. Diese können aber immerhin durch Vermittlung brennbarer Stoffe ebenfalls erhitzt werden, wie z. B. das Wasser. 5) Analog den geschilderten^ physikalischen Vorgängen wird die Lichtmitteilung aus der Urquelle durch die höheren Wesen den niedern ver- mittelt. Die vornehmsten Geister sind durch erstgradiges Erkennen, Lieben und Nachahmen Gottes ausgezeichnet, ihre neidlose Mitteilung weckt dann einen ähnlichen Wetteifer bei den tieferen Ordnungen. 6) Gott ist das wesenhafte Licht und Prinzip alles Seins und Schauens; gemäß göttlicher Anordnung ist dann jede höhere Stufe mittelbar in abgeminderten Maßen die Lichtquelle für die nächst niedere. 7) Dieses Gesetz erkennen die Engel der untern Stufen und führen demnach alle ihre Wirk- samkeit auf Gott als letzte Ursache und auf die obersten Engel als erstwirkende Organe zurück. So hat also die erste Ordnung das höchste Maß von Liebe, Erkenntnis und Aufnahmsfähigkeit für das Göttliche, die tieferen Ordnungen dagegen haben an diesen Eigenschaften ge- ringeren Anteil und schauen und streben aufwärts nach
Stiglmayr, Dionys. Areop., Himml. Hierarchie. 5
ßß Dionysins Aieopagita 54
den höheren, sie erleuchtenden Chören. Urnen schreiben sie daher als ihren Hierarchen nächst Gott die also mit- geteilten Kralle zu.
Ein anderer aber bot mir für den in Rede stehenden Einwand eine nicht eben unpassende Lösung dar. Er sagte nämlich, daß jener große Engel — wer es nun im- mer sein mochte — , der behufs der Einführung des Pro- pheten in die göttlichen Geheimnisse die Vision hervor- brachte, den ihm zusicu?nden heiligen Dienst der Entsü^nungauf Goti Uii*InIch»tGottaul die erst- "irkende Hierarchie z.irückge- i ü h r t h a b e. Und ist nun dieses Wort nicht der w'ahr- heit entsprechend? Denn "es sagte mein Gewährsmann, daß die urgöttliche Kraft über alles hingeht und sich er- streckt und durch alles ungehemmt hindurchdringt una doch hinwieder allem unsichtbar ist, nicht bloß, weil sie über alles überwesentlich erhaben ist, sondern auch, weil sie verborgener Weise ihre fürsorglichen Wirkungen in alles entsendet. Aber nun fürwahr zeigt sie sich allen geistigen Wesen auf entsprechende Weise und indem sie die Ergießung ihres eigenen Lichtes den vornehmsten Wesen spendet, verteilt sie dasselbe durch diese als die ersten hindurch in schöner Ordnung auf die tieferstehen- den, entsprechend der harmonisch abgestuften jeglicher Ordnung eigenen Kraft, Gott zu schauen.
Um deutlicher zu sprechen und natürliche nahelie- gende Beispiele zu gebrauchen (mögen sie auch Gott gegenüber, der über alles erhaben ist, unzulänglich sein, so sind sie doch für uns anschaulicher), der mitgeteilte Sonnenstrahl geht durch die erste Materie, welche durchleuchtbarer als alle andern ist, ohne Widerstand ein und läßt durch sie hindurch seinen eigenen Glanz lichter aufblitzen.
Wenn er aber auf die dichteren Stoffe fällt, so ist sein mitgeteiltes Licht mehr verdunkelt, weil die erleuch- teten Gegenstände kein günstiges Verhältnis für Ver- mittlung der Lichtspendung besitzen und infolge davon v/ird der Strahl allmählich nahezu bis zur vollständigen Unmöglichkeit des Weiterdringens aufgehalten. Die Warme des Feuers desgleichen teilt sich mehr den dafür empfänglicheren Stoffen mit, welche sich zur Ver-
67 Himmlische Hierarchie, Kap. XIII 67
ähnlichung mit ihm gut eignen und erheben lassen. An den widerstrebenden, entgegengesetzten Stoffen dagegen erscheint entweder gar keine oder nur eine dunkle Spur von der in Feuer verwandelnden Wirkung. Und was noch bedeutsamer ist, wenn es mit Stoffen in Berührung kommt, welche mit ihm verwandt sind und eine entspre- chende Beziehung zu ihm haben, da macht es nach Um- ständen zunächst die Dinge, welche sich leicht verwan- deln lassen, feuerförmig und erhitzt dann durch diesel- ben das Wasser oder irgend einen andern nicht leicht zu erhitzenden Stoff in entsprechender Weise. Nach dem gleichen Gesetz nun, das in der physikalischen Ordnung herrscht, läßt auch das ursprüngliche Ordnungsprinzip jeder sichtbaren und unsicht- baren Ordnung übernatürlicher Weise den Glanz der von ihm ausgehenden Licht- spindung in allseligen Ergießungen den hoch» sten Wesen im ersten Erscheinen auf- leuchten und durch diese nehmen dann die nach ihnen folgenden Wesen am gött- lichen Strahle teil. Denn jene erkennen Gott zuerst und streben im überragenden Maße nach der gött- lichen Tugend und deshalb sind sie auch gewürdigt, in erster Linie die Gott nachahmende Kraft soviel als mög- lich auszuwirken und zu betätigen. Die nach ihnen fol- genden Wesen aber erheben sie gütig, soweit es möglich ist, zu wetteiferndem Streben, indem sie ihnen von dem ihnen zuströmenden Glänze neidlos mitteilen. Und diese hinwieder handeln so gegenüber den tieferstehenden. Und auch jedes einzelne erste Wesen teilt dem nach ihm folgenden von dem geschenkten und durch die Vor- sehung allen im rechten Verhältnis zufließenden gött- chen Lichte mit. So ist also Gotr für alle, die erleuchtet werden, von Natur aus wesentlich und eigentlich Prin- zip der Erleuchtung, da er wesenhaftes Licht und Ur- heber des Seins und Sehens selber ist. Dagegen ist das einzelne graduell übergeordnete Wesen für das nach ihm folgende nach positiver Anordnung und in Nachahmung Gottes Prinzip der Erleuchtung, sofern die göttlichen Lichtströme durch jenes auf dieses übergeleitet werden« Die höchste Ordnung der himmlischen Geister nun er-
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kennen alle übrigen Engelnaturen mit Recht nächst Gott als die Quelle aller heiligen Gotteserkenntnis und Got- tesnachahmung, da durch dieselbe auf alle Engel und auch auf uns die urgöttliche Erleuchtung verbreitet wird. Deshalb führen sie auch jede heilige und Gott nachah- mende Tätigkeit auf Gott als ersten Urheber, auf die ersten, gottähnlichen Geister aber als auf die ersten Or- gane und Lehrer des Göttlichen zurück. Deshalb hat die erste Ordnung der heiligen Engel mehr als alle die Eigentümlichkeit des Erglühens und die freich) ergos- sene Mitteilung der urgöttlichen Weisheit und die Er- kenntniskraft für das höchste Wissen der göttlichen Einstrahlungen und besitzt das Charakteristische der Throne, das die offene Empfänglichkeit zur Aufnahme Gottes andeutet1). Die Ordnungen der tief erstehenden Wesen haben zwar an der Kraft des Erglühens, an der Weisheit, der Erkenntnis, der Aufnahme Gottes Anteil, aber in einem verminderten Grade, indem sie auf die ersten Wesen schauen und durch sie, die in erster Wir- kung der Nachahmung Gottes gewürdigt sind, zu der er- reichbaren Höhe der Gottähnlichkeit erhoben werden. Daher führen sie die erwähnten heiligen Eigenschaften, an welchen vermittels der ersten Wesen die nach ihnen folgenden Anteil gewinnen, nächst Gott auf eben diesel- ben (ersten) als Hierarchen zurück.
§ 4. 1) Die gegebene Lösung setzt voraus, daß dem Pro- pheten durch einen niedrigeren Engel jene Vision vermittelt worden sei, in der ihm die höchsten Engel und Gott selbst gezeigt wurden. Isaias erkannte hiedurch, daß Gott über alles Sichtbare und Unsichtbare erhaben, der Urgrund aller Dinge und das Fundament ihres Seins und Bestehens ist. 2) Desgleichen wurden dem Seher die Eigenschaften der Seraphim geoffenbart, da ihm der Name Seraphim die Glutnatur derselben an- deutete. 3) Die sechs Flügel der Seraphim bedeutende- ren unablässige Erhebung zu Gott, die Menge ihrer Füße und Augen offenbaren die außerordentliche Sehkraft,
*) Vgl. oben Kap. VII, 1 und 2.
69 Himmlische Hierarchie, Kap. XIII 69
das Bewegen nur des mittleren Flügelpaares die heilige Ehrfurcht und Zurückhaltung. 4) Ferner hörte der Pro- phet den Lobgesang der Seraphim und ward auch darüber belehrt, daß selbst für die Reinen die Teilnahme am göttlichen Licht weitere Reinigung bewirkt. 5) Dieses Licht, das sich allen heiligen Geistern geheimnisvoll mit- teilt, ergießt sich in die zunächst um Gott stehenden Engel in hellerem Glänze, in die entfernter oder zu äußerst stehenden Vernunftwesen aber in dem Maße, als es dem betreffenden Abstand entspricht. Es leuchtet den Gliedern der tiefern Ordnung vermittels der ersten Engel und wird durch diese sozusagen aus dem Verborgenen ans Licht gezogen. 6) In dieses Gesetz nun, daß Reini- gung und alle übrigen Wirkungen zuerst in den obersten Wesen hervortreten und durch diese dann den niedern nach Verhältnis vermittelt werden, wurde der Prophet eingeweiht und deshalb führte er die Tätigkeit des Rei- nigern (Entsühnens) nächst Gott auf die Seraphim zu- rück. 7) Wie G ott , da er jeglicher Reinigung Urgrund ist, alle reinigt, wie auf unsern Bischof, der durch Diakone und Priester reinigt und erleuchtet, die Reini- gung und Erleuchtung der Gläubigen zurückgeführt wird, so führt auch der Engel, der den Propheten entsühnt, die Gabe zu entsühnen auf Gott als den Urheber, auf den Seraph als erstwirkenden Hierarchen zurück. Wieder- holung des Gesagten. 8) Die eine oder andere der beiden Lösungen möge dem Adressaten genügen, oder er suche eine neue zu finden, oder von einem andern zu erfahren. Der Verfasser wünscht deren Mitteilung1).
J) Die eine wie die andere Lösung erscheint als eine er- künstelte Interpretation des klaren Schriftwortes. D. kann freilich von seinem Triadensystem und seiner Grundidee aus, daß nur die untersten Engel direkt mit den Menschen verkehren, sich nicht besser behelfen. Die mittelalterlichen Theologen befassen sich alle mit der gleichen Stelle, ohne jedoch sämtlich an D. sich anzu- schließen. Die Hauptschwierigkeit gegen D. liegt in den Worten des Hebräerbriefes 1, 14: Nonne omnes sunt admiaistratorii Spi- ritus in ministeriummissi etc. Keiner von den heiligen "Vätern vor D. hat eine solche Umdeutung des heiligen Textes gewagt; Gregor d. Gr. nach ihm will die Frage nicht entscheiden hom. 34 (M, s. Ut 76, 1255 A).
70 Dionygiqj Areopagita 70
Es sagte nämlich der Mann, der die Erklärung gab, jenes Gesicht sei dem Propheten durch einen der heili- gen und glückseligen Engel gezeigt worden, welche über uns als Vorsteher gesetzt sind, und durch dessen er- leuchtende Anleitung sei er zu jenem geistigen Schauen erhoben weiden, in welchem er die höchsten Wesen (um in Symbolen zu sprechen) unter Gott und mit Gott und um Gott gestellt sah und die überursprüngliche, auch über sie alle in überunaussprechlicher Weise ent- rückte Spitze inmitten der höheren Mächte erhöht erblickte. Durch die Vision erkannte der Prophet, daß die Gottheit in aller überwesentlichen Vorzüglichkeit unvergleichlich weit über jede sichtbare und unsichtbare Macht erhaben und, wahrhaftig einfachhin allem ent- rückt, auch nicht den ersten Wesen der Schöpfung ver- gleichbar ist. Er erkannte ferner, daß die Gottheit das Prinzip und die wesengebende Ursache und das unveränderliche Fundament des unauflöslichen Bestandes der Dinge sei, von welchem auch selbst die übergeordneten Mächte das Sein und das glückliche Sein haben. Weiterhin wurde der Prophet über die gott- gleichen Kräfte der heiligsten Seraphim selbst geheimnisvoll aufgeklärt, da ihm der heilige Name derselben ihre Feuernatur anzeigte. Wir werden darüber ein wenig später reden, um nach unserem Vermögen die Aufschwünge der feuererfüllten Kraft zur Gottähnlich- keit zu schildern.
Wenn dann der heilige Prophet die unbehinderte und höchste Erhebung der heiligen, sechsflügelig gebildeten Gestalten zum Göttlichen in ersten, mittlem und letzten Erkenntnissen, ferner die zahllose Menge der Füße und Augen sah, und wie mit den Flügeln das Schauen unter die Füße und über das Antlitz verhindert wurde und nur in den mittlem Flü- geln eine beständige Bewegung war, so ward er zur gei- stigen Erkenntnis der geschauten Dinge emporgehoben. Denn es wurde ihm die weitreichende und vielschauende Sehkraft der höchsten Geister, ihre heilige Scheu, wel- che sie überweltlich gegen die selbstmächtige, kecke und unerreichbare Erforschung der zu hohen und zu tiefen Geheimnisse hegen, und die unablässige, höchststre-
"71 Himmlische Hierarchie, Kap. XJTt 71
bende Beweglichkeif., welche sich allzeit in harmonischer Ordnung der gotf nachahmenden Tätigkeiten zeigt, ge- offenbart. Auch in jenen urgöttlichen und vielgepriese- nen Lobgesang wurde er eingeweiht, da der Engel, welcher das Visionsbild formte, nach seinen Kräften dem Propheten von der eigenen heiligen Erkenntnis mit- teilte. Er belehrte ihn desgleichen darüber, daß für alle, wie rein sie auch immer sein mögen, die geheimnisvolle, möglichste Teilnahme an dem urgöttlichen Strahlenglanze (weitere) Reinigung ist. Dieser Glanz nun, der von der Urgottheit selber aus er- habenen Ursachen in alle heiligen Geister in überwesent- licher Heimlichkeit mystisch verbreitet wird, erscheint den Mächten, welche um Gott stehen, weil sie die höch- sten sind, in einem gewissen helleren Lichte und zeigt und teilt sich ihnen in höherem Grade mit. Bei den Geistern der tiefern Ordnung oder bei den letzten ver- nunftbegabten Wesen unter uns beschränkt sie in dem Verhältnis des Abstandes, den jedes in der Gottähnlich- keit einnimmt, das klare Licht, welches sie auf das einige und unerforschliche Wesen ihrer eigenen Heimlichkeit iallen läßt. Sie strahlt aber in die einzelnen Glieder der zweiten Ordnung vermittels der ersten hinein und wird, um es kurz zu sagen, zuerst durch die obersten Mächte aus der Verborgenheit ans Licht gebracht.
In diesem Gesetze also wurde der Prophet von dem Engel, der ihn erleuchtete, unterrichtet, daß nämlich die Reinigung und alle urgöttlichen Wirkungen, durch die obersten Wesen erstrahlend, auf alle übrigen verteilt werden, sowie es dem jeweiligen Grade der An- teilnahme am göttlichen Wirken entspricht. Deshalb hat er auch die eigentümliche Kraft durch Feuer zu reinigen geziemend nächst Gott auf die Seraphim zurückgeführt. Es ist daher kein Widerspruch, wenn es heißt, daß der Seraph den Propheten reinige. Wie nämlich Gott da- durch, daß er jeglicher Reinigung Ursache ist, alle rei- nigt, oder deutlicher (ich will ein naheliegendes Beispiel gebrauchen) gleichwie von unserm Hierarchen, wenn er durch seine Diakone oder Priester reinigt oder erleuchtet, gesagt wird, daß er selbst reinige und er- leuchte, insofern die von ihm konsekrierten Stände ihre
72 DionyBiufl Aroopagifa 1t
eigenen heiligen Tätigkeiten auf ihn zurückführen, so führt auch der Engel, welcher die Reinigung des Pro- pheten mystisch vollzieht, seine eigene Wissenschaft und Kraft des Entsühnens auf Gott als den Urheber, auf den Seraph aber als erstwirkenden Hierarchen zurück. Man möchte sagen, daß er mit der Ehrfurcht eines Engels den von ihm gereinigten Propheten also belehre: „Das er- habenste Prinzip der von mir an dir vollzogenen Reini- gung, ihr Wesen, ihr Vollzieher, ihr Urheber ist der- jenige, welcher auch die vornehmsten Naturen ins Da- sein gerufen hat und sie rings um sich in fester Stellung erhält und sie vor jeder Veränderlichkeit und jedem Ab- fall bewahrt und sie zur unmittelbaren Teilnahme an seiner eigenen fürsorgenden Tätigkeit anregt". Denn diesen Sinn habe die Sendung des Seraph, sagte mir der Mann, der mich hierüber belehrte: „Als Hierarch und als Führer nächst Gott vollzieht die Ordnung der vor- nehmsten Wesen, von welcher ich auf gottähnliche Weise das Entsühnen gelehrt worden bin, durch mich an dir die Entsühnung. Sie ist es, durch welche die (höchste) Ursache und BeWirkerin jeglicher Reinigung ihre eige- nen fürsorglichen Tätigkeiten aus der Verborgenheit auch auf uns erstreckt hat." Diese Geheimnisse lehrte mich jener, ich aber teile sie dir mit. Sache deiner ver- ständigen und kritischen Einsicht dürfte es nun sein, entweder mit Rücksicht auf den einen der beiden be- sprochenen Gründe dich von der Schwierigkeit zu be- freien und ihn vor dem andern zu bewerten, weil er die Wahrscheinlichkeit und das Vemunftmäßige und viel- leicht auch die Richtigkeit für sich hat; oder auf eigene Faust etwas der eigentlichen Wahrheit näher Verwand- tes ausfindig zu machen, oder von einem andern zu er- lernen (indem Gott natürlich das Wort verleiht und die Engel es vermitteln) und uns, die wir Liebe zu den Engeln tragen, eine (wenn es anders möglich ist) kla- rere und uns noch liebere Erkenntnis mitzuteilen.
73 Himmlische Hierarchie, Kap. XIV-XV 73
KAPITEL XIV.
Bedeutung der überlieferten Zahl der Engel,
Wenn die heilige Schrift über die Zahl der Engel redet, so deutet sie an, daß wir die Menge der seligen Geister überhaupt nicht berechnen können. Das ist nur Gott bekannt, welcher den Engeln das Sein gegeben hat und mit seiner Kraft sie alle erhält.
Auch dieses ist, wie ich denke, der geistigen Be- trachtung wert, daß die Überlieferung der Schrift über die Zahl der Engel von tausend Tausenden und von My* riaden von Myriaden spricht1), indem sie die höchster» unserer Zahlen wiederholt und multipliziert und da- durch deutlich zu verstehen gibt, daß die Ordnungen der himmlischen Wesen für uns nicht zählbar sind. Denn die seligen Heere der überweltlichen Geister sind viele; sie übersteigen den mäßigen und beschränkten Umfang unserer materiellen Zahlen und werden bloß von der ihnen eigenen überweltlichen und himmlischen Erkenntnis und Wissenschaft geistig bestimmt, welche ihnen in allseliger Art von der urgöttlichen und uner- meßlich erkenntnisreichen Weisheitswirkerin geschenkt ist, die überwesentlich alle* JDinge allzumal Urgrund und M/esenschaffende Ursache und zusammenhaltende Kraft und umfassende Abschließung ist.
KAPITEL XV.
Was bedeuten die bildlichen Gestalten der Engelmächte, als da sind die Feuergestalt, die Menschengestalt, die Augen, die Nase, die Ohren, der Mund, der Tastsinn, die Augenwimpern, die Brauen, die Jugendfrische, die Zähne, die Schultern, die Ellbogen und die Hände, das
>) Dan. 7, 10.
74 Dionyi ins 74
Herz, die Brust, der Rücken, die Füße, die Flügel, die Nacktheit, die Bekleidung, das lichtweiße Kleid, das priesterliche Kleid, der Gürtel, die Stäbe, die Speere, die Beile, die Meßschnüre, die Winde, die Wolken, das Erz, das Elektron, die Reigen1), das Händeklatschen1 ), die Farben der verschiedenartigen Steine, die Löwenge- stalt, die Stiergestalt, die Adlergestalt, die Pferde und der Unterschied in den Farben der Pferde, die Flüsse, die Wagen, die Räder, die sogenannte „Freude" der
Engel.
§ /.
1) Nach der anstrengenden Betrachtung über Wesen und Ordnungen der Engel folgt eine leichtere Studie über die bildlichen Formen, unter denen sie dar- gestellt werden. 2) Aber auch die bunte Vielheit, die sich hier entfaltet, führt wieder zur Einfachheit der Engelnatur zurück. 3) Es ist kein Widerspruch, wenn die Schrift ein und dieselbe Ordnung der Engel bald als aktiv-hierarchisch, bald als passiv-hierarchisch erkennen läßt und bei jeder Hierarchie erste, mittlere und letzte Mächte unterscheidet. Denn ein und dieselbe Hierarchie verhält sich gegenüber einer andern nicht zugleich aktiv- und passiv -hier archisch, sondern aktiv immer nur gegen die tief er siehende, passiv gegen die höhere. 4) Mit Recht wird aber allen Ordnungen zugeschrieben, daß sie nach oben streben, konstant sich um sich selbst bewegen und an der Fürsorge für die tieferstehenden teilnehmen, allerdings mit Wahrung der Gradunterschiede.
Wohlan, nun erübrigt noch, daß wir, wenn es gut scheint, das geistige Auge von der Anstrengung, die bei den erhabenen Betrachtungen über die Engel am Platze war, ruhen lassen und in die breite Fülle von vielteiligen Einzelheiten herabsteigen, wel- che in der vielgestaltigen Buntheit der bildlichen Engel- darstellungen uns entgegentritt. Dann aber wollen wir hinwieder von diesen aus als Bildern zur Einfach-
0 Die „Reigen" und das „Händeklatschen" finden in der nachfolgenden Erklärung keine Berücksichtigung. Ist dem Ver- fasser über der grossen Masse ein Versehen begegnet?
75 Himmlische Hierarchie, Kap. XV 75
h e i t der himmlischen Geister auf analytischem Wege uns emporwenden. Es sei von dir aber im vorhinein klar erkannt, daß die Aufschlüsse, welche uns die heili- gen bildlichen Darstellungen gewähren, bisweilen die gleichen Ordnungen der himmlischen Wesen hierarchisch tätig und dann wieder hierarchisch leidend offenbaren und zwar die letzten Ordnungen in hierarchischer Tätig- keit und die ersten in hierarchischer Passivität und, wie bereits gesagt worden, ebendieselben Ordnungen im Be- sitze von ersten, mittlem und letzten Mächten, ohne daß ein Widerspruch begangen wird, wenn eben nur der folgende Modus der Erklärung eingehalten wird- Wenn wir nämlich behaupten wollten, daß irgend- welche Ordnungen von den höheren hierarchisch geleitet würden und dann hinwieder diesen zugleich auch hierar- chisch vorständen und daß die höheren Ordnungen, wel- chen die Leitung der tiefern zukommt, von eben diesen tiefern, dem Gegenstand der hierarchischen Leitung, selbst wieder geleitet würden, dann wäre tatsächlich die Sache absurd und voller Verwirrung. Wenn wir aber sagen, daß ein und denselben Ordnungen allerdings eine aktive und passive hierarchische Führung eigen ist, nicht aber seitens der gleichen und über die gleichen, sondern daß vielmehr eine jede einzelne Ordnung von den höhe- ren hierarchisch geleitet wird, die tiefern aber leitet, so dürfte man wohl ohne Widerspruch behaupten, daß man ebendieselben Gestalten, welche die heilige Schrift in heiligen Bildern vorführt, gelegentlich sowohl den er* sten, wie den mittleren und letzten Mächten zutreffend und wahrheitsgemäß zuteilen kann. Und allen himm- lischen Wesen wird mithin unfehlbar zukommen, daß sie sich zum Höheren hinwenden und emporschwin- gen, daß sie beharrlich unter Wahrung der ihnen eigen- tümlichen Kräfte sich um sich selbst bewegen und daß sie durch mitteilsames Heraustreten zu der tiefern Ord- nung auch Anteil an der fürsorgenden Kraft gewinnen1).
J) Eine ähnliche dreifache Bewegung der seligen Geister schildert D. d. d. n. 4, 8. Die eine Bewegung um Gott nennt er die kreisförmige, die zweite um sich selbst eine spiralförmige, die dritte auf Fürsorge für die tiefern Wesen abzielende eine gerade. Näheres bei Koch a. a. 0. S. 83 ff.
76 Dionysina I
Allerdings wird das den einen im überragenden und vol- len Maße, (wie bereits oft gesagt worden,) den andern aber nur teilweise und in abgeschwächtem Grade zuteil.
§ 2. 1) Zunächst wird untersucht, warum das Feuer so oft als Sinnbild für die Eigenschaften der Engel ver- wendet wird: feurige Räder, feurige Lebewesen, feurige Männer, feurige Throne, feurige Seraphim u. s. w. 2) Dan Feuer bezeichnet den höchsten Grad der Gleichförmig- keit mit Gott, weil auch die Eigenschaften Gottes in der heiligen Schrift vielfach mit den Eigenschaften des Feuers verglichen werden. Deren werden sechsund- dreißig aufgezählt, ohne sie erschöpfen zu wollen.
Wir müssen aber die Rede beginnen und im Eingang unserer Erläuterung der Typen untersuchen, warum, wie sich herausstellt, die Offenbarung Gottes vor allen an- dern gerade das vom Feuer entlehnte heil ig e Bild bevorzugt. Du wirst wenigstens finden, daß sie nicht bloß feurige Räder schildert1), sondern auch feuerglühende Lebewesen2) und Männer, die gleichsam von Blitzen zucken3), daß sie sogar um die himmlischen Wesen her Haufen feuriger Kohlen4) und lodernde Feuerströme mit unermeßlichem Rauschen5) anbringt. Auch von den Thronen sagt sie, daß sie feurig seien und selbst bei den höchsten Seraphim deutet sie durch den Namen an, daß sie feurig erglühen und legt ihnen die Eigenart und Wirkung des Feuers bei8). Überhaupt liebt sie allerorts die vom Feuer hergenommene bildliche Darstellung in vorzüglichem Grade. Meine Ansicht ist nun, daß das Charakteristische des Feuers die größte Gottähnlichkeit der himmlischen Geister andeute. Denn die heiligen inspirierten Schriftsteller schildern die über- wesentliche und gestaltlose Wesenheit vielfach im Bilde
') Dan. 7, 9. a) Ezech. 1, 13. 8) Matth. 28, 3. 4) Ezech. 10, 2. 6. 7.
6) Dan. 7, 10. Den ausschmückenden Zug „mit unermeß- lichem Rauschen" hat D. in den heiligen Text eingetragen. 6) Js. 6, 6. 7 (vgl. oben Kap. YII, 1 und Kap. XIU, 3).
77 Himmlische Hierarcnie, Kap. XV 77
des Feuers, weil dieses, (wenn man so sagen darf), von der urgöttlichen Eigentümlichkeit viele Abbilder im Sichtbaren darbietet. Das sinnlich wahrnehmbare Feuer ist nämlich sozusagen in allen Dingen und durchdringt unvermischt alle und ist allen entrückt. Während es ganz Licht und zugleich verborgen ist, ist es an und für sich unerkennbar, wenn ihm nicht ein Stoff vorgelegt wird, an dem es seine eigentümliche Wirkung offenbaren kann. Es ist unbezwingbar und unerkennbar, Herr über alles und zieht alles, woran es kommt, in seine eigene Wirkung hinein. Es hat die Kraft zu verwandeln, sich allem mitzuteilen, was irgendwie in seine Nähe kommt, mit seiner feurig belebenden Wärme zu verjüngen, mit seinen unverhüllten Strahlungen zu erleuchten, unbe- siegt, unvermischt, zertrennend, unveränderlich, auf- wärts steigend, scharf durchdringend, hochgehend, kei- nerlei Niedersinken zum Boden duldend, immer beweg- lich, selbstbewegt, anderes bewegend, umfassend, selbst nicht umfaßt, keines andern bedürftig, unvermerkt sich selbst vergrößernd, an den aufnahmsfähigen Stoffen seine gewaltige Größe zeigend, wirksam, mächtig, allem unsichtbar gegenwärtig. Wenn man sich nicht darum bemüht, scheint es nicht da zu sein, über dem Reiben aber flammt es, gleichwie wenn es sich suchen ließe, sei- ner Natur und Eigenart entsprechend plötzlich auf und entflattert hinwieder ohne Bleibens, unvermindert bei all seinen allbeglückenden Mitteilungen. Noch viele an- dere Eigentümlichkeiten des Feuers möchte einer aus- findig machen, insofern sie in sinnlichen Bildern der urgöttlichen Wirksamkeit entsprechen1). Da nun die Gotteskundigen das wissen, so kleiden sie die himm- lischen Wesen in vom Feuer entlehnte Formen und
l) Diese ausgiebige Betrachtung der Eigenschaften des Feuers mag darin ihren Grund haben, daß die Neuplatoniker (z. B. Plo- tin Ennead. 1, 6, 3) das Feuer unter deij ,,vier Elementen" am höchsten stellen. Zugleich dürfte aber der Hinweis auf Isidor v. Pel. epp. 4, 66 (M. s. gr. 78, 1124) am Platze sein, wo die Frage beantwortet wird : „Warum alle göttlichen Dinge mit dem Namen «des Feuers bezeichnet werden.'' D. scheint die kurzen Andeu- tungen daselbst zum Ausgangspunkt seiner Studie gemacht zu haben.
7B Dir.nysiiiB Areopagita 73
offenbaren so deren Gottähnlichkeit und Bestreben, nach Möglichkeit Gott nachzuahmen1).
§ 3.
Die Darstellung der Engel in Menschenge- stalt wird als solche im ganzen und dann nach den einzelnen Teilen des menschlichen Körpers mystisch gedeutet.
Aber auch in Menschengestalt stellen sie (die Verfasser der heiligen Schriften) die Engel dar. Die Gründe dafür sind das Erkenntnisvermögen und die auf- wärts gerichtete Sehkraft des Menschen, die gerade und aufrechte Haltung seiner Gestalt, sein natürliches Herr- schervermögen, sein Führertalent, der im Vergleich mit den. andern Kräften der vernunftlosen Wesen geringe Grad seines sinnlichen Wahrnehmungsvermögens einer- seits und andrerseits die Überlegenheit über alle infolge der überragenden Macht seines Geistes und infolge der auf vernunftmäßiges Wissen begründeten Gewalt, end- lich die der Natur der Seele entsprechende Ununter- jochbarkeit und Unbezwinglichkeit.
Man kann aber auch, wie ich denke, einzeln in der Vielgliedrigkeit unseres Leibes zutreffende Bil- der für die himmlischen Mächte entdecken2). Wir kön- nen sagen, daß die Sehkraft den klar" .j Aufblick zu den göttlichen Lichtstrahlen und andrerseits auch die einfache, schmiegsame, nicht widerstrebende, vielmehr schnellbewegliche, reine, empfängliche Aufnahme der urgöttlichen Erleuchtungen3) ohne leidenschaftlichen Affekt bedeute.
*) Eine aszetisch-mystische Anwendung s. bei Dionys dem Kar- thäuser im Korn mentai zur Stelle.
2) D. verfällt nunmehr in die kleinlich klügplnde Art des Allegorisierens, wie er sie allenfalls bei Greg. v. Nyssa in der Ausdeutung des Bundeszeltes, der hohenpriesterlichen Kleidung u. s. w. vorfand.
8) Die £AAäßyj£i£ (ߣaQ%iKai), von denen hier die Rede ist, kehren im Verlauf der folgenden Abhandlungen sehr häufig wie- der * abwechselnd gebraucht D. dann die Verbal formen von iAAäjLijrEiv und iÄÄäjujteodai. Man kann nicht sagen, der nach- mals so berühmt gewordene Terminus („illuminatio" bei den
79 Himmlische Hierarchie, Kap. XV 79
Die unterscheidende Kraft des Geruch sinnes bedeutet, so laßt sich weiterhin sagen, das Vermögen, den über alle Vorstellungen süßen, ausströmenden (gei- stigen) Wohlgeruch nach Möglichkeit wahrzunehmen und alles, was nicht von dieser Beschaffenheit ist, ein- sichtig zu unterscheiden und gänzlich zu fliehen.
Die Kraft des Gehöres bedeutet das Vermögen, die urgöttliche Inspiration zu empfangen und mit Ver- ständnis aufzunehmen«
Der Geschmacksinn bedeutet die Ersätti- gung mit der geistlichen Speise und die Aufnahme der göttlichen Nahrungszuflüsse1).
Der Tastsinn bedeutet das geistige Unterschei- dungsvermögen für das Zuträgliche oder Schädliche.
Die Wimpern und Augenbrauen bedeuten das Vermögen, die aus dem Schauen Gottes gewonnenen Erkenntnisse zu bewahren.
Das raannbare und juge/idstarke Alier be- deutet das Wesen uer immerdar blühenden, belebenden Kraft.
Die Zähne bedeuten das Vermögen, die aufgenom- mene vollkommene Nahrung zu zerteilen. De-1 jedes geistige Wesen zerteilt die ihm von einem göttlichem Wesen gespendete einfache Erkenntnis und zerlegt sie in fürsorglicher Kraft in eine Vielheit, sowie es der Em- porführung des bedürftigeren Wesens entspricht.
Die Schultern, Ellbogen und auch die Hände bedeuten die Kraft zu schaffen, zu wirken und zu handeln2).
Scholastikern) sei von D. zuerst eingeführt worden. Abgesehen von den Neuplatonikern, denen die iAAäjuipeig sehr geläufig sind, spricht schon Origenes von iXAäjuyjsig xov qxoxög xov Oeoü in Joaün. t. 10, 25 (M. 14, 388 B) und verwendet iXXä/ujzo mehrfach. Greg. v. Naz. gebraucht das Wort in der Bedeutung, die D. besonders in der c. h. und sonst damit verbindet, nämlich von der sekundären Lichteinstrahlung der obern Engel in die un- tern or. 28, 31 (M. 36, 72 B).
*) D. sagt -üeioi ual xQ6(pijuioi ö%sxol, wobei er Theodoret (in Ps. 64, 10, M. 80, 1356 A) zu folgen scheint; x&QlS T0& Jlvevuaxog elg ö%zxovg diaiQovjuevr}, Spiritus Sancti gratia in- rivulos divisa etc.
2) Dan. 14. 35; Ps. 90, 4. x12.
HO Dionysiua Areopagita so
Das He r z ist ein Sinnbild des gottgleichen Lebens, welches die eigene Lebenskraft gütig auf die Gegen- stände seiner Fürsorge verteilt.
Die Brust ferner bedeutet die Unbezwingbarkeit und sozusagen die Schutzwehr für die lebenspendende Ausströmung des dahinter liegenden Herzens.
Der Rücken bedeutet die Kraft, welche die leben- erzeugenden Kräfte alle zusammenhält1).
Die Füße bedeuten das Bewegungsvermögen, das Schnelle und das Laufen der nach dem Göttlichen eilen- den, steten Beweglichkeit2). Aus diesem Grunde hat auch die göttliche Offenbarung die Füße der heiligen Geister beflügelt dargestellt3). Denn der Flügel bedeutet die Schnelligkeit des geistigen Emporführens, das Himm- lische, die Wegbahnung nach oben, das Entrücktsein von allem, was an der Erde haftet, infolge der aufwärts- tragenden Kraft. Die Leichtigkeit der Flügel aber be- deutet, daß das Wesen (des Engels) in keiner Hinsicht erdhaft ist, sondern ganz unvermischt und der Schwere nicht unterworfen sich zur Höhe erhebt. Das Nackte und die Barfüßigkeit4) bedeuten das Freigelassen- sein, das leichte Losgelöstsein, das Schrankenfreie, das Reinsein von äußeren Anhängseln und die möglichste Verähnlichung mit der göttlichen Einfachheit.
§ 4.
Erklärung der Kleider, welche die heilige Schrift den Engeln beilegt.
Da aber die einfache und zugleich vielf örmige Weis- heit die unbekleideten Wesen auch umkleidet und gewisse Geräte ihnen zu tragen gibt, so laßt uns auch die heiligen Gewänder und Werkzeuge der himm- lischen Geister nach unsern Kräften erklären.
Das lichtfarbene und das feuerfar- b e n e Kleid5) bezeichnet meines Bedünkens im Bilde des Feuers die Gottähnlichkeit und die durch den Ruhe-
0 Ezech. 1, 18 (nach LXX).
2) Ezech. 1, 14.
*) Js. 6, 2.
4) Vielleicht erschlossen aus Gen. 18, 4; 19, 2.
B) Luc. 24, 4. Ezech. 1, 4. 13, 14. 27. DaD. 10, 6,
®1 Himmlische Hierarchie, Kap. XV 81
ort im Himmel hinleuchtende Kraft, da ja im Himmel das Licht und überhaupt alles ist, was auf geistige Weise erleuchtet oder intellektuell erleuchtet wird. Das prie- sterliche Kleid1) aber bezeichnet die zum Gött- lichen und zu mystischen Betrachtungen emporführende Kraft und die Heiligung des gesamten Lebens.
Die Gürtel2) bedeuten die Wachsamkeit über ihre zeugenden Kräfte und daß ihre gesammelte Verfassung in sich selbst einheitlich gekehrt ist und in schönem Rhythmus mit unentwegtem Gleichmaß sich um sich selbst kreisförmig bewegt.
§5.
Die mystische Bedeutung der den Engeln beigeleg- ten Geräte und Instrumente.
Die Stäbe3) bedeuten das Königliche, den Cha- rakter der Führerschaft und der alles nach dem Richt- maß vollendenden Kraft.
Die Speere und die Beile4) bedeuten die das Ungleiche zertrennende Kraft und die Schärfe, die Ener- gie und das Wirksame der trennenden Kräfte.
Die Meß- und Baugeräte5) bezeichnen die Kraft, Fundamente zu legen und aufzubauen und fertig zu stellen und alle Tätigkeiten, welche sonst zu der em- porführenden und bekehrenden Fürsorge für die tiefer- stehenden Wesen gehören.
Bisweilen sind auch die bildlich dargestellten Werk- zeuge der heiligen Engel Symbole der Gerichte Gottes über uns. Die einen offenbaren die bessernde Erziehung, die andern die strafende Gerechtigkeit, wie- der andere die Befreiung von Bedrängnissen, oder das Endziel der Erziehung, oder die Wiedererlangung des früheren Glückes oder die Hinzufügung anderer Gaben, großer oder kleiner, sinnlich wahrnehmbarer oder gei- stiger. Überhaupt dürfte der scharfsinnige Verstand
>) Apoc. 1, 13. a) Apoc. 15, 6.
8) Ezech. 19, 11; Judic. 6, 21. *) 2. Machab. 5, 2, 3. ■) Ezech. 11 i; Zach. 2; Apoc. 21. Stiglmayr, Dionys. Areop., Himnal. Hierarchie.
82 Dionysiua Aroopngita 8£
wohl nicht in Verlegenheit sein, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren in entsprechenden Einklang zu bringen.
§ 6.
Die mystische Bedeutung der über die Engel ge- brauchten Ausdrücke: Windeund Wolken.
Wenn die Engel ferner „W inde" genannt werden, so bezeichnet das ihren schnellen und nahezu zeitlosen Flug über alles hin, ihre von oben nach unten und des- gleichen von unten nach oben führende Bewegung, wel- che das Tiefere zur oberen Höhe emporführt und das Oberste zum mitteilenden und fürsorgenden Hervortre- ten zum Tieferen bewegt3). Man konnte auch sagen» daß der Name Wind, sofern er für den wehenden Luft- hauch gebraucht ist, auch die Gottähnlichkeit der himm- lischen Geister bezeichne. Denn auch dieser enthält ein Bild und einen Typus der urgöttlichen Energie (wie wir in der „Symbolischen Theologie" bei der geistlichen Deutung der vier Elemente ausführlich dargetan haben) in Hinsicht auf das Bewegliche und Lebenzeugende sei- ner Natur und sein schnelles, unbezwingliches Kommen und Gehen und die uns unbekannte und unsichtbare Heimlichkeit des Anfanges und Endes seiner Bewegung. „Denn du weißt nicht", sagt er, „von wannen er kommt und wohin er geht"2).
Aber auch Wolkengestalt8) legt die Offenba- rung bildlich den Engeln bei, indem sie dadurch andeu- tet, daß die heiligen Geister mit dem verborgenen Lichte überweltlich erfüllt sind, daß sie das ursprünglich her- vortretende, erstmalig erscheinende Licht ohne Stolz in sich aufnehmen und es neidlos auf die tieferstehenden Wesen in einer zweiten Lichtergießung und nach Maß- gabe der Empfänglichkeit mitteilen. Es wird endlich (durch die Wolken) auch angedeutet, daß die Engel eine
*) Dan. 14, 35.
f) Joh. 3, 8. Eine direkte Bezeichnung der Engel als ,/Windea (ävejuoi) kann man in der heil. Schrift nicht finden, außer wena Ps. 103, 4 und etwa Ps. 103, 3 „ambulas super pennas ven- torum" dahin verstanden wird.
•) Wahrscheinlich ist auf Js. 5, 6 angespielt : nubibus man- dabo, ne pluant super eam (sc. Yineam Domini) imbrem.
83 Himmlische Hierarchie Kap. XV 85
zeugende, lebengebende, vermehrende und vollendende Kraft besitzen, sofern eine Regenerzeugung im geistigen Sinne iiinen eigen ist, welche den aufnehmenden Schoß mit befruchtendem Regen zu lebendigen Geburten1) er- weckt.
§ 7.
Die mystische Bedeutung des Erzes, des Elek- tron und der buntfarbigen Steine, welche die Schrift in der Schilderung der Engel verwendet.
Wenn die Schrift auch die Gestalt des Erzes2), des Elektron3) und buntfarbiger Steine4) bei der Schilderung der himmlischen Wesen verwendet, so bezeichnet das Elektron, weil es zugleich goldfarben und silber- farben ist, einerseits mit Rücksicht auf das Gold den unvergänglichen, unerschöpflichen, unverminderten und ungetrübten Hellglanz, andrerseits, soweit es das Silber betrifft, den klaren, lichtvollen und himmlischen Schim- mer.
Dem Erze ist entweder der Charakter des Feuri- gen oder des Goldfarbenen gemäß den früher angegebe- nen Gründen beizulegen.
Die Gestalten der buntfarbigen Steine be- deuten, wie zu glauben ist, entweder durch ihr Weiß das Lichtähnliche oder durch ihr Rot das Feurige, oder durch ihr Gelb das Goldähnliche oder durch ihr Grün das Jugendliche und Blühende. Kurz in jeder Gestalt wirst du eine anagogische Aufklärung der typischen Bil- der finden.
Nachdem ich nun dieses nach Kräften genügend be- sprochen zu haben glaube, müssen wir zur heiligen Aus- deutung der heiligen Darstellung der Engel in Tierge- stalt übergehen.
§ 8. Die mystische Erklärung der Tiergestalten der Löwen, der Stiere, der Adler, der Pferde.
*) Den kühnen Tropus vecpcöv cbblveg (nubium partus) s. bei Theodore! de prov. Dei (M. s. gr. 83,984).
2) Ezech. 1, 4.
3) Ezech. 1, 7; 8, 2; Dan. 10, 5. 6; Apoc. 1, 15.
4) Ezech, 28, 13- fApoc. 15, 6. Variante Aifiov für Alvov).
6»
84- Dionysius Arcopa^itn 84
Was die Löwengestalt1) betrifft, so muß man dafür halten, daß sie den Herrschcrcharakter, das Starke, das Unbezwingliche bedeute sowie die Eigen- tümlichkeit, der Heimlichkeit der unaussprechlichen Ur- gottheit durch das Verdecken der geistlichen Spuren sowie durch die geheimnisvolle, prunklose Verhüllung des unter göttlicher Einstrahlung aufwärts führenden Ganges zur Gottheit nach Kräften sich zu verähnlichen.
Die Gestalt der Stiere1) bezeichnet die Stärke und Lebenskraft und das Aufreißen der geistlichen Fur- chen, um die himmlischen und befruchtenden Regen- güsse aufzunehmen. Die Hörner aber bedeuten die schützende Wachsamkeit und Unbesiegbarkeit.
Die Adlergestalt1) bedeutet das Königliche, den zur höchsten Höhe strebenden, schnellen Flug, den scharfen Blick, die Vorsicht, das schnelle Herankommen, die Leichtigkeit um die kraftgebende Nahrung zu gewin- nen, endlich die Eigenheit, im machtvollen Anspanne» des Sehvermögens ohne Hindernis gerade und unver- wandt in den vollen und vielhellen Strahl der urgött- lichen Sonnenstrahlung zu schauen.
Die Pferdegestalt2) bedeutet den Gehorsam und die zahme Willfährigkeit. Die Farbe der weißen Pferde bedeutet das Lichtglänzende und dem göttlichen Lichte am meisten Verwandte; die Farbe der dunklen Pferde bedeutet das Verborgene; die Farbe der roten Pferde bedeutet das Feurige und Energische; die Farbe der scheckigen Pferde, die aus Weiß und Schwarz ge- mischt ist, bedeutet die Eigenheit, die äußeren Gegen- sätze durch die überleitende Kraft zu verbinden und das Erste mit dem Zweiten, das Zweite mit dem Ersten ziel- "wärtsstrebend oder fürsorglich hervortretend8) zu ver- knüpfen.
Wenn wir nicht auf den gebührenden Umfang der Abhandlung Bedacht zu nehmen hätten, so würden wir nicht unfüglicher Weise auch die einzelnenEigen-
*) Ezech. 1, 10; Apoc. 4, 7. 2) Apoc. 6, 2 ff.
*) Die kurzen Termini imöTQejzmiög und jrQOvoqTiKög sind nur im Lichte der Gesamtanschauung des D. verständlich.
Bh Himmlische Hierarchie, Kap. XV SB
tümlichkeiten der erwähnten Tiere und alle Bildungen ihrer körperlichen Glie- der nach dem Grundsatze der „unähnlichen Ähnlich- keiten" auf die himmlischen Mächte analog übertragen. Den Zorn der Tiere könnten wir auf die geistige Mann- haftigkeit, von welcher der zornige Mut ein äußerstes Echo bildet, die Begierde (der Tiere) auf die göttliche Liebe und, um es kurz zu sagen, alle Sinnesempfindungen und die vielen Glieder der unvernünftigen Tiere auf die immateriellen Erkenntnisse der himmlischen Wesen und die eingestaltigen Mächte mystisch übertragen. Für die Verständigen genügt jedoch nicht bloß das Gesagte, son- dern auch die mystische Erläuterung eines einzigen be- fremdlichen Bildes zum gleichartigen Erklären der ähn- lichen Dinge1),
§9.
Die mystische Bedeutung der Bilder von Flüssen. Rädern und Wagen, endlich der Freude der Engel. — Epilog. Das Vorgetragene ist keineswegs voll- ständig, genügt aber, um niedrige Vorstellungen von den Engeln fernzuhalten. Der Verfasser bekennt sein man- gelhaftes Wissen und bedarf selbst eines kundigeren Leh- rers; unnötige W iederholungen will er vermeiden.
Wir müssen aber auch noch erwägen, daß (in der Schrift) von Flüssen, Rädern und Wagen im Zusammen- hang mit den himmlischen Wesen die Rede ist. Die feu- rigen Flüsse2) bezeichnen die urgöttlichen Rinnsale, welche ihnen reichlichen, unversiegbaren Zufluß gewäh- ren und lebengebende Fruchtbarkeit fördern. Die R ä - d e r3) bedeuten, wenn sie mit Flügeln versehen sind und ohne Zurückdrehen unablässig vorwärts gehen, die Kraft
J) Vgl. oben Kap, II, 4. Hier verrät also D. das Geheimnis seiner eben nicht originellen mystischen Methode. Man vergleiche Adrianus, Isagoge in S. Scripturas M. s. gr. 98, 1273-1320, eine wahre Fundgrube für die allegorisch-mystischen Deutungen, wie sie D. liebte, und zugleich eine Anleitung nach bestimmten Rubriken l
2) Eccli. 24, 40; Dan. 7, 10.
*) Ezech. 1, 15 ff.; 10, 2 ff.; 4. Reg. 2, 11 6, 17.
86 Pionysius Areopa^ita 86
ihrer auf geradem und rechtem Wege dahinstrebenden Energie, indem all ihre geistige Rotation überweltlich zu dem gleichen, stetigen und geraden Gange gerichtet wird.
Man kann aber die Bilddarstellung der geistlichen Räder auch noch in einem andern mystischen Sinn deu- ten. Es ist ihnen nämlich auch, wie der Prophet sagt, der Name „Geige 1" gegeben, was in der hebräischen Sprache Umwälzungen und Enthüllungen bedeutet. Denn die feurigen und gottähnlichen Räder haben ihre Um- wälzungen durch die nie ruhende Bewegung um ein und dasselbe Gut, ihre Enthüllungen aber durch die Offen- barung des Verborgenen, durch die Emporführung des Niedrigen und durch die auf das Tieferstehende nieder- wärts geleitete Vermittlung der höchsten Erleuchtungen.
Es erübrigt uns noch zur Besprechung das Wort von der Freude1) der himmlischen Ordnungen, denn für die affektive Lust, die uns eigen ist, sind sie ganz und gar unempfänglich. Es heißt aber, daß sie sich mit Gott über das Finden der Verlornen mitfreuen, sowie es der göttlichen Wonne und der gütigen und neidlosen Fröhlichkeit über die Fürsorge und Rettung derer, die sich zu Gott bekehren, und jener unaussprechlichen Lust entspricht, welcher oft auch heilige Menschen teilhaftig geworden sind, wenn die göttlichen Erleuchtungen unter göttlichen Wirkungen in sie einströmten.
Soviel soll denn von mir über die heiligen Gestalt- bildungen gesagt sein; es bleibt freilich hinter der ge- nauen Ausdeutung derselben zurück, erreicht aber doch meines Erachtens den Zweck, daß wir nicht in niedriger Weise an den bildlichen Vorstellungen haften.
EPILOG.
Wenn du aber einwenden solltest, daß wir nicht der Reihe nach aller Kräfte, Tätigkeiten und Bilder der Engel, welche in der heiligen Schrift enthalten sind, Er-
*) Luc. 15, 10.
87 Himmlische Hierarchie, Epilog 87
wähnung getan haben, so werden wir in Wahrheit ant- worten, daß wir die überweltliche Wissenschaft von den- selben nicht kennen gelernt haben und darin eher selbst eines andern bedürfen, der uns die Leuchte vortrage und uns einführe. Was aber mit dem Gesagten sich als gleichwertig deckt, haben wir bei Seite gelassen, einer- seits im Interesse des Ebenmaßes der Abhandlung, an- drerseits um die über uns hinausliegende Verborgenheit mit Schweigen zu ehren.
ÜBERSCHRIFTEN DER KAPITEL NACH DEM GRIECHISCHEN ORIGINALTEXT.
1. Kapitel: Widmung der Schrift an Timotheus.
Jede göttliche Erleuchtung strahlt in Güte in buntgebrochenem Lichte in die Gegenstände der Vorsehung und bleibt doch einfach. Aber noch mehr, sie bildet auch in den Wesen, in welche sie einstrahlt, das Eine heraus. . S. 1
2. Kapitel: Das Göttliche und Himmlische wird ge-
ziemend auch durch die nicht ähnelnden Sinn- bilder veranschaulicht S. 5
3. Kapitel: Das Wesen der Hierarchie und ihr
Nutzen S. 17
4. Kapitel: Die Bedeutung des Namens „Engel". S. 23
5. Kapitel: Warum alle himmlischen Wesen mit
dem gemeinsamen Namen „Engel" bezeichnet werden S. 30
6. Kapitel: Die erste, zweite und dritte Ordnung
(Trias) der himmlischen Wesen. . . . S. 31
7. Kapitel: Die Seraphim, Cherubim und Throne und
die erste von ihnen gebildete Hierarchie . S. 34
8. Kapitel: Die Herrschaften, Gewalten und Mächte
und die mittlere von ihnen gebildete Hierar- chie S. 44
88 Dionyam Areopapita 88-
9. Kapitel: Die Fürstentümer, Erzengel und Engel und die letzte von ihnen gebildete Hierar- chie S. 50
10. Kapitel: Wiederholung und Zusammenfassung
der Engelordnung S. 57
11. Kapitel: Warum alle himmlischen Wesen mit dem
gemeinsamen Namen „himmlische Mächte" be- zeichnet werden S. 59
12. Kapitel: Warum die Hierarchen bei den Men-
schen „Engel" heißen S. 61
13. Kapitel: Warum es heißt, der Prophet Isaias sei
von den Seraphim entsühnt worden. . . S. 63
14. Kapitel: Bedeutung der überlieferten Zahl der
Engel S. 73
15. Kapitel: Was bedeuten die bildlichen Gestalten
der Engelmächte, die Feuergestalt, die Men- schengestalt u. s. w. . • c S. 73-
KIRCHLICHE HIERARCHIE
KAPITEL I.
Der Presbyter Dionysius an seinen Mitpreibyter Timotheus.1)
§ i.
1) Die konstitutiven Elemente der „Kirchlichen Hierarchie": Wissen, Kraftwirkung und Vollendung. 2) Quellen für die Kenntnis der Hierarchie: die heiligen Schriften. 3) Art der Behandlung des Stoffes: Geheim- haltung dieser Kenntnisse vor den Uneingeweihten, ein mit Ehrfurcht gepaartes Studium, geistiges Erfassen des Gegenstandes. 4) Analogie der kirchlichen Hierarchie mit der himmlischen: beide haben das gleiche Prinzip Jesus, das gleiche Ziel der Erleuchtung und Verklä- rung im göttlichen Lichte, aber verschiedene Mittel, ent- sprechend der reingeistigen Natur der Engel und dem sinnlichgeistigen Wesen der Menschen. 5) Die Organe der kirchlichen Hierarchie: die Träger des Priesiertums; ihre persönliche Vervollkommnung und ihre Tätigkeit an den Gläubigen.
Unsere Hierarchie, heiligster Sohn unter heiligen Söhnen, hat zum Gegenstande die in Gott gegründete, göttlich erhabene und göttlich wirkende Wissenschaft, Wirksamkeit und Vollendung. Aus den überweltlichen, hochheiligen Schriftworten müssen wir das Gesagte für diejenigen nachweisen, welche kraft der hierarchischen 'Mysterien und Überlieferungen zum geweihten Stand des heiligen sakramentalen Dienstes (der heiligen „My- stagogie") konsekriert worden sind2). Aber siehe zu,
*) Ygl. 1. Petr. 5, 1 und die Bemerkung oben zu c. h. Kap. I § 1 S. 1. Fraglich ist überhaupt die Authentizität der Über- schriften.
a) Die weitläufige Umschreibung kann nur in dem Sinne ver- standen werden, dass D. sein Werk nicht Laien und Priestern, sondern den Kirchenobern, den Bischöfen, widmen will.
92 Dtonyriga Ajeop^Ha 92
daß du nicht das Allerheiligste ausplauderst1), sondern mit Ehrfurcht bewahrest und die Geheimnisse des ver- borgenen Gottes in einem intellektuellen, dem Sichtbaren entrückten Erfassen in Ehren hältst. Gegenüber den Ungeweihten schütze sie vor Mitteilung und Besude- lung und nur den Heiligen unter den Heiligen teile sie auf heiligmäßige Art in heiliger Erleuchtung mit. Denn auf diese Weise strahlt auch, wie die Gottesoffenbarung uns, ihren Jüngern, überliefert hat, Jesus, der urgött- lichste und überwesentliche Geist, der jeglicher Hierar- chie, Heiligung und Gotteswirkung Prinzip und Wesen ist, er, die urgöttlichste Macht, in die seligen, über uns stehenden Wesen lichtvoller und geistiger zugleich hin- ein und bildet sie nach Möglichkeit nach seinem eigenen Lichte um. Die vielfachen Besonderungen unseres We- sens aber schließt er durch die zu ihm emporstrebende und uns mitemporhebende Liebe zum Guten und Schö- nen einheitlich zusammen, vervollkommnet sie zu einem eingestaltigen, göttlichen Leben, Zustand und Wirken und gewährt uns so die heiligmäßige Gewalt des gött- lichen Priestertums. Während wir aber aus dieser her- aus an die heilige Betätigung des Priesteramtes heran- treten, gelangen wir selbst in größere Nähe der über uns stehenden Wesen und zwar durch die möglichste Ver- ähnlichung mit dem Beharrlichen und Unveränderlichen ihres Zustandes. Und indem wir dergestalt zum seli- gen, urgöttlichen Strahl, Jesus, emporblicken und eine möglichst hohe Stufe heiliger Beschauung ersteigen, werden wir, mit der Erkenntnis der geschauten Dinge erleuchtet, in den Stand gesetzt werden, nicht bloß selbst in das Heiligtum der mystischen Wissenschaft einzutre- ten, sondern auch anderen Führer dahin zu sein, wir werden ebenso in uns lichtgestaltet werden wie göttliche Wirksamkeit an andern entfalten, wir werden selbst zur Vollendung gelangen und zugleich zu Lehrern der Voll- kommenheit ausgebildet werden.
*) Der griechische Ausdruck igoQxelödai („austanzen") ent- stammt der Mysteriensprache und bezieht sich auf die Profanie- rung der heiligen Tänze.
$3 Kirchliche Hierarchie, Kap. I 93
§2.
1) Verweisung auf das frühere Werk des Dionysius über die „Himmlische Hierarchie" , welchem die vorlie- gende Abhandlung als Gegenstück und Ergänzung zur Seite tritt. 2) Das beiden Hierarchien Gemeinsame: a) Dasselbe Grundgesetz der Mitteilung, daß die höheren Ordnungen den tief erstehenden die Erleuchtungen ver- mitteln; b) das gleiche Ziel, nämlich Annäherung an Gott und Verähnlichung nach seinem Bilde. 3) Das Unter- scheidende der beiden Hierarchien: Die Engel vollziehen den bezeichneten Prozeß der Vergöttlichung auf rein- geistige Weise, wie es ihrer geistigen Natur entspricht; wir Menschen dagegen müssen uns als sinnlichgeistige Wesen der sinnlich wahrnehmbaren Dinge der Körper- welt bedienen und von ihnen ausgehend zum Geistigen aufsteigen. Daher umfaßt unsere Hierarchie einen wei- ten Kreis mannigfaltiger Erscheinungen der Sinnenwelt.
Was die Hierarchie der Engel und Erzengel, der überweltlichen Fürstentümer, Gewalten, Mächte, Herr- schaften, der göttlichen Throne, oder der zur gleichen Ordnung mit den Thronen gehörenden Geister betrifft, welche, wie die Gottesoffenbarung überliefert, beständig und immerdar Gott umstehen und bei Gott sind, — die Schrift nennt sie mit dem hebräischen Worte „Cheru- bim" und „Seraphim" — so wirst du darüber in dem Buche über die heiligen Rangstufen und Abteilungen ihrer Ordnungen und Hierarchien1), wenn du es zu Han- gen nimmst, Aufschluß finden. Wir haben darin zwar nicht gebührend aber doch so gut als möglich, indem wir der Offenbarung der hochheiligen Schriften als Führerin folgten, die „Hierarchie der Engel" geschildert.
Soviel muß jedoch wieder gesagt werden, daß so- wohl jene himmlische wie die ganze nunmehr von uns beschriebene Hierarchie durch ihr ganzes hierarchi- sches Walten hindurch ein und dasselbe Grundvermögen besitzt und daß die Person des Hierarchen einerseits selbst, entsprechend seiner Natur und seiner analogen hohen Stellung, in den göttlichen Dingen vollendet und
') Direkte Verweisung auf die „caelestis hierarchia" ; es is (iein anderes "Werk neben dieser gemeint
94 DionysiiM Areopacito 94
vergöttficht zu werden vermag, andrerseits die Unterge- benen, je nach Würdigkeit der einzelnen, an der heiligen Vergottung, die ihm selbst von Seiten Gottes geworden, Anteil nehmen zu lassen im Stande ist. Die Untergebe- nen ferner, so müssen wir wieder erinnern, folgen ihrer- seits den Höherstehenden und führen hinwieder die Tie- ferstehenden nach oben. Diese desgleichen schreiten selbst voran und werden ebenso nach Möglichkeit Weg- weiser für andere3). Und vermöge dieser gotterfüllten und auf die hierarchischen Gesetze gegründeten Har- monie nimmt ein jeder, soweit es tunlich ist, an dem wahrhaft Schönen, Weisen und Guten Anteil.
Die uns überragenden Wesen und Ordnungen, die ich mit heiliger Ehrfurcht erwähnte, sind körperlos, ihre Hierarchie ist geistig und überweltlich. Unsere Hierar- chie dagegen sehen wir, in entsprechender Anpassung an unsere Natur, durch die bunte Fülle der sinnlich wahrnehmbaren Symbole in eine ausgedehnte Vielheit erweitert. Durch diese Symbole werden wir auf hierar- chischem Wege, in dem uns entsprechenden Maße, zur eingestaltigen Vergottung, zu Gott und zu göttlicher Tugend, emporgeführt. Jene (himmlischen Wesen) er- kennen als reine Geister auf die ihnen zuständige Weise; wir dagegen werden durch sinnfällige Bilder, soweit es (für uns) möglich ist, zum göttlichen Schauen erhoben. In Wahrheit ist es E i n e s, das alle begehren, die Gottes Bild in sich tragen, aber nicht auf eine Weise nehmen sie an eben diesem Einen Anteil, sondern so, wie es einem jeden die Wage des göttlichen Gerichtes2) gemäß dem verdienten Lose zuerteilt.
Indessen ist das alles von uns in dem Werke über „die geistigen und sinnlichen Ding e"8) ausführlich besprochen worden. Jetzt also werde ich
1) Vgl. die ständige Wiederholung dieses Satzes in der ,,Himm- liehen Hierarchie". Das gleiche Gesetz von der Rezeptivität und Mitteilung des Lichtes, das unter den Engelchören herrscht, hat auch seine Geltung in der „Kirchlichen Hierarchie". S. unten e. h. III, 3, 14.
2) Vgl. Apoc. 6, 5, woher Dion. den bildlichen" Ausdruck der "Wage entnommen hat.
3) Vgl. hierüber Einleitung S. VIL
95 Kirchliche Hierarchie, Kap. I 95
unter Anrufung Jesu versuchen, unsere Hierarchie, ihren Ursprung und ihr Wesen nach Möglichkeit zu be- schreiben.
§3.
Definition von „Hierarchie*4 überhaupt und von der „Kirchlichen Hierarchie'4 im besondern. Die Eigentüm- lichkeiten der letztern betreffen 1) den Hierarchen selbst in seiner erhabenen Berufsstellung als Haupt der ein- zelnen Hierarchie (der kirchlichen Gemeinde]; 2) den letzten Urgrund der Hierarchie, die heiligste Dreifaltig- keit und ihren gütigen Willen, uns zum Heile zu führen; 3) die Stufen dieses Heilsprozesses oder der Vergött- lichung, nämlich die Abkehr vom Gottfremden, das rieh' tige Beurteilen der Dinge nach ihrem eigentlichen Werte, die Einsicht in die heiligen Schriften, die innerliche Um- gestaltung zum Bilde Gottes nach dem Einen hin, endlich die genußvolle Betrachtung des Göttlichen.
Hierarchie im allgemeinen ist, gemäß unserer ehr- würdigen Überlieferung, das Gesamtsystem der vorhan- denen Heilsmomente, der umfassendste Inbegriff der heiligen Dinge dieser oder jener Hierarchie. Unsere (kirchliche) Hierarchie nun ist und heißt jene die Ge- samtheit der eigentümlichen Heilsmittel umfassende An- stalt, in welcher (zunächst) der göttliche Hierarch zur Vollkommenheit gelangt und an all dem Hochheiligen, das zu seinem Amte gehört, Anteil haben wird. Trägt er ja seinen Namen von der Hierarchie1). Wie man nämlich mit dem Worte Hierarchie in gemeinsamer Zusammenfassung die Veranstaltung aller Heilsmittel bezeichnet, so bedeutet der Name Hierarch den gott- erfüllten, göttlich erhabenen Mann, der alles hierar- chischen Wissens kundig ist und in welchem auch die
J) „cög leQOQxiag inaywfio^*. Der antike Terminus €jzü)vv/uo$ (üqxcjv) bezeichnet den Vorsitzenden im Archontenkollegium, nach welchem das laufende Jahr benannt wurde. Es widerstreitet aber dem Ausdruck auch nicht der andere Sinn, der nach dem Zusam- menhange hier gefordert ist, nämlich, daß vom Amt der Namer auf den Träger desselben übergeht
96 Dionysius Areopagita »6
ganze ihm unierstehende Hierarchie als in ihrer reinen Spitze kulminiert und erkannt wird1).
Den Ausgangspunkt dieser Hierarchie bildet die Quelle des Lebens, die wesenhafte Güte, die eine Trias, welche aller Dinge Ursache ist, von der sie durch Güte nicht bloß das Dasein sondern auch das glückliche Dasein haben. Diese über alles erhabene, ur- göttliche Seligkeit der dreifältigen Monas, welcher das Sein im eigentlichen Sinn zukommt, hat, uns zwar nicht faßbar aber ihr selbst bewußt, die geistige Wohlfahrt unserer Natur wie der über uns stehenden Wesen zum Gegenstand ihres Wollens. Es kann aber unsere Wohl- fahrt auf keine andere Weise erfolgen als durch die Ver- göttlichung der Geretteten. Vergöttlichung hinwieder ist das höchstmögliche Ähnlich- und Einswerden mit Gott. Überhaupt ist dies das gemeinsame Ziel jeder Hierarchie: die ununterbrochene Liebe zu Gott und zu göttlichen Dingen, welche auf Gott fußend und in der Tendenz nach dem Einen sich heilig auswirkt, zuvör- derst aber die vollständige und unwiderrufliche Abkehr vom Gegenteil, die Kenntnis der Dinge nach ihrem eigentlichen Sein, das Schauen und Verstehen der heili- gen Wahrheit, die gotterfüllte Teilnahme an" der einge- staltigen Vollendung, ja an dem Einen selbst, soweit es möglich ist, der süße Genuß der Betrachtung, welcher jeden zu ihr erhobenen