3rnia al ««■v ^' ,. ^<-^ #?: * ti < r t* * ni ' LJ 10 EXEMPLARE DIESES WERKES WURDEN AUF KAIS. JAPAN- PAPIER ABGEZOGEN. DIESEL- BEN SIND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT, IN GANZPERGA- MENT GEBUNDEN ZUM PREISE VON M. 25.— PRO EXEMPLAR NUR VOM VERLAGE DIREKT ZU 0 Q Q Q □ BEZIEHEN, q o a o a UdqqS LAFCADIO DHEARND KOKORO ^i EINZIG AUTORISIRTE ^^^^-^^ ÜBERSETZUNG AUS ^--=^^^ ^^^^ DEM ENGLISCHEN V. ^ " BERTA FRANZOS BUCHSCHMUCK VON D EMILORLIKD AN hat mich ans Telephon gerufen, um mir zu sagen, daß Lafcadio Heam ge- storben ist. Gestorben zu Tokio, ge- storben gestern, oder heut nacht, oder heut früh: schnell bringt's der Draht herüber, und heut abends wissen da und dort in Deutschland einige, und weiter westlich ein paar Hun- derte, und noch weiter westlich ein paar Tausende, daß ihr Freund gestorben ist, ihr Freund, dem sie vieles dankten und den sie nie gesehen haben. Und auch ich habe ihn nie gesehen und werde ihn nie sehen, und nie wird in seine Hände, die jetzt starr sind, der Brief kommen, den ich oft an ihn schreiben wollte. Und Japan hat sein Adoptivkind verloren. Tau- sende seiner Söhne verliert es jetzt Tag für Tag: übereinandergetürmt liegen die Leichen, die Flüsse 4 stauen sich an ihnen, auf dem Grund des Meeres liegen sie mit starren Augen, und in zehntausend Häusern wird in stummer, stolzer Frömmigkeit, ohne Heulen und Weinen für einen Toten ein kleines Mahl gerichtet, ein freundliches Licht entzündet. Und nun ist auch der Fremde gestorben, der Eingewanderte, der Japan so sehr liebte. Der einzige Europäer viel- leicht, der dieses Land ganz gekannt und ganz ge- liebt hat. Nicht mit der Liebe des Ästheten und nicht mit der Liebe des Forschers, sondern mit einer stär- keren, einer umfassenderen, einer selteneren Liebe: mit der Liebe, die das innere Leben des geliebten Landes mitlebt. Vor seinen Augen stand alles, und alles war schön, weil es von innen her mit dem Hauch des Lebens erfüllt war: das alte Japan, das fortlebt in den verschlossenen Parks und den un- betretenen Häusern der großen Herren und in ab- gelegenen Dörfern mit ihren kleinen Tempeln — und das neue Japan, durchzogen von Eisenbahnen, fie- bernd von den Fiebern Europas ; der einsame Bettler, der von Buddha zu Buddha zieht, und das große neugeformte, mit uraltem Todesmut erfüllte Heer; der kleine Begräbnisplatz neben der Straße, den spielende Kinder aus Kot und Holzstückchen bauen, und das große Osaka, die gewaltige Industriestadt mit ihren Hunderttausenden, die den Handel leiden- schaftlich und hingebend treiben, wie jene anderen den Krieg, mit ihren unermeßlichen Seidenlagern und den Kommis, die monatelang, fahlen Gesichts, hinter den Vorräten kauern, Sklaven eines Pflichtgefühls, das beinahe ein Märchen aus dieser trivialen Realität „Ein Kommis in einem Seidenwarengeschäft" macht. 5 200103- D Und seine Ohren verstanden, was sie redeten: hunderte von Worten von Kindern stehen in seinen Büchern, und Worte, die Großmütter zu Enkeln reden, und zarte Worte, dünn wie Vogelgezwitscher, die, von liebenden Frauen und von gequälten Frauen ausgesprochen, ohne ihn zwischen papierenen Wän- den kleiner Gemächer verflogen wären, und die Worte uralter Weiser, frommer Regenten, und die Worte sehr kluger Männer unserer Tage, deren Worte gesetzt sind wie die Worte des klügsten, ge- bildetsten Europäers, deren Tonfall in nichts sich von dem Tonfall dessen unterscheidet, auf dem die Last unseres ganzen ererbten Wissens lastet. Unerschöpflich sind diese Bücher. Wie ich sie aufblättere, ist es mir beinahe unbegreiflich, zu denken, daß sie wirklich unter den Deutschen noch fast unbekannt sein sollen. Da stehen sie nebenein- ander: „Glcanings from Buddha fields" und „Glimp- ses of unfamiliar Japan" und das liebe Buch „Ko- koro", vielleicht das schönste von allen. Die Blätter, aus denen sich dieser Band zusammensetzt, handeln mehr von dem inneren als dem äußeren Leben Japans — dies ist der Grund, weshalb sie unter dem Titel „Kokoro" („Herz") verbunden wurden. Mit japanischen Charakteren geschrieben, bedeutet das Wort zugleich „Sinn", „Geist", „Mut", „Entschluß", „Gefühl", „Neigung" und „innere Bedeutung" — so wie wir im Deutschen sagen: „Das Herz der Dinge." Ja, wahrhaftig, das Herz der Dinge ist in diesen fünfzehn Kapiteln, und indem ich ihre Titel überlese, sehe ich ein, daß es ebenso unmöglich ist, von ihrem Inhalt eine genaue Vorstellung zu 6 geben als von einem neuen Parfüm, als von dem Klang einer Stimme, die der andere nicht gehört hat. Ja, nicht einmal die künstlerische Form, in der diese Kmistwerke einer unvergleichlichen Feder konzen- triert sind, wüßte ich richtig zu bezeichnen. Da ist das Kapitel, das die Überschrift trägt: „Auf einer Eisenbahnstation." Es ist eine kleine Anekdote. Eine beinahe triviale Anekdote. Eine Anekdote, die nicht ganz frei von Sentimentalität ist. Nur freilich von einem Menschen geschrieben, der schreiben kann, und vorher von einem Menschen gefühlt, der fühlen kann. Und dann ist da die Geschichte der „Nonne im Tempel von Amida". Das ist fast eine kleine Novelle. Und daneben das Kapitel „Ein Kon- servativer". Das ist keineswegs eine Novelle: das ist eine Einsicht, eine politische Einsicht, zusammen- gedrängt wie ein Kunstwerk, vorgetragen wie eine Anekdote: ich denke, es ist kurzweg ein Produkt des Journalismus, des höchstkultivierten, des frucht- barsten und ernsthaftesten, den es geben kann. Und daneben diese unvergleichlichen Gedankenreihen, die überschrieben sind „Die Macht des Karma", in denen tiefe und schwer zu fassende Dinge wie aus tiefem Meeresgrund ans Licht gebracht und aneinander- gereiht sind. Das ist Philosophie, wenn ich nicht irre. Aber es läßt uns nicht kalt, es zieht uns nicht in die Öde der Begriffe. So ist es wohl Religion. Aber es droht nicht, es will nicht allein auf der Welt sein, es lastet nicht auf der Seele. Ich möchte es Botschaft nennen, freundliche Botschaft einer Seele an andere Seelen, Journalismus außerhalb jeder Zei- tung, Kunstwerke ohne Prätension und ohne Mache, 7 Wissenschaft ohne Schwere und voll Leben, Briefe, geschrieben an unbekannte Freunde. Aber nun ist Lafcadio Heam tot und niemand aus Europa, niemand aus Amerika, keiner von allen seinen unbekannten Freunden wird je ihm ant- worten, keiner ihm danken für seine vielen Briefe, keiner mehr. DaDDDDDDDDaDD R WAR in einer Stadt im Innern des Landes geboren, der Residenz eines Daimyo mit einem Territoriumbesitz von hunderttausend Koko (altes japani- sches Maß). Kein Fremder hatte die Gegend jemals betreten. Die Yashiki^ seines Vaters, eines Samurai von hohem Rang, lag innerhalb der äußern Festungsmauern, von denen der fürstliche Palast umgeben war. Es war eine weitläufige Yashiki, und dahinter und ringsum dehnten sich Land- schaftsgärten. In einem derselben stand ein kleiner Tempel mit dem Bildnis des Kriegsgottes. Vor vier- zig Jahren gab es viele solche Residenzen. Künstler- augen erscheinen die wenigen noch übriggeblie- benen wie Feenpaläste und ihre Gärten wie buddhi- stische Paradiesesträume. Aber die Söhne der Samurais standen in jenen Tagen unter strenger Zucht, und der junge Edel- mann, von dem ich erzählen will, hatte wenig Zeit zum Träumen. Die Zeit der Liebkosungen war ihm sehr karg zugemessen worden, denn noch ehe er mit der ersten „Hakama" (Beinkleid) bekleidet wurde, — dazumal eine große Zeremonie — wurde er ver- hätschelnden Einflüssen soviel als möglich entzogen und gelehrt, den natürlichen Impuls kindlicher Zärt- lichkeit zu unterdrücken. Kleine Spielkameraden frag- ten ihn spöttisch: „Trinkst du noch aus der Milch- flasche?" wenn sie ihn an der Hand seiner Mutter ausgehen sahen, — wohl konnte er daheim rückhalt- los seiner Zärtlichkeit gegen sie Ausdruck geben, aber die Stunden, die er bei ihr zubringen durfte, waren sehr wenige. Alle müßigen Vergnügungen wurden von der 10 Erziehung strenge beschränkt, und es war ihm keiner- lei kleine Bequemlichkeit, außer in Krankheitsfällen, gestattet. Schon im allerfrühsten Kindheitsstadium, — kaum daß er recht sprechen konnte — , hielt man ihn an, die Pflicht als das bestimmende Lebens- motiv zu betrachten, Selbstbeherrschung als das erste Erfordernis des Betragens, und Schmerz und Tod, insoferne sie die eigene Person betrafen, als belang- lose Dinge anzusehen. Diese spartanische Zucht hatte ein noch grau- sameres Erziehungsprinzip, das darauf abzielte, eine kalte Härte großzuziehen, die, außer in der trau- lichen Intimität der Häuslichkeit, niemals abgestreift werden durfte. Die Knaben wurden an den Anblick von Blut gewöhnt. Man nahm sie zu Hinrichtungen mit, man verlangte von ihnen, daß sie keinerlei Gemütsbewegung dabei bekundeten, und bei ihrer Rückkehr nach Hause mußten sie all ihr inneres Grauen unterdrücken und eine reichliche Mahlzeit Reis, der durch einen Zusatz von gesalzenem Pflaumensaft blutrot gefärbt war, verzehren. Ja so- gar noch mehr konnte von einem jungen Kna- ben verlangt werden — man konnte ganz wohl von ihm fordern, zu nachtschlafender Zeit auf den Richt- platz zu gehen, und als Zeichen seines Mutes einen abgeschlagenen Kopf zurückzubringen. Denn Furcht vor den Toten wurde bei einem Samurai als nicht weniger verächtlich angesehen, wie Angst vor leben- den Menschen. Ein Samurai-Kind durfte sich vor nichts fürchten. Bei allen solchen Anlässen hatte es vollkommene Gelassenheit zu zeigen, und die ge- ringste Prahlerei würde ebenso streng verurteilt wor- 11 den sein, wie dies bei einem Zeichen von Feigheit der Fall gewesen wäre. Wuchs ein Knabe heran, mußte er sein Ver- gnügen hauptsächlich in jenen Körperübungen fin- den, die für den Samurai die frühe und unablässige Vorbereitung für den Krieg waren — Bogenwerfen, Fechten, Reiten und Ringen. Man gesellte ihm Spielgenossen, aber sie waren älter als er, Söhne von Lehnsleuten, ausgesucht nach ihrer Begabung, ihn in der Übung kriegerischer Fähigkeit zu fördern. Es lag ihnen auch ob, ihn das Schwimmen zu lehren, ein Boot zu handhaben und seine jungen Muskeln zu entwickeln. Sein Tag war zwischen solchen kör- perlichen Übungen und dem Studium der chinesi- schen Klassiker geteilt. Seine Nahrung, obgleich reichlich, enthielt nie Leckerbissen, seine Kleidung war — außer bei großen Zeremonien, — leicht und von groben Stoffen. Feuer anzuzünden zu dem bloßen Zweck, sich daran zu wärmen, war ihm nicht gestattet. Waren seine Hände beim Studieren an frostigen Wintertagen so kalt geworden, daß sie den Schreibpinsel nicht mehr handhaben konnten, mußte er sie in Eiswasser tauchen, um die Finger wieder gelenkig zu machen, — waren seine Füße erstarrt, hieß man ihn sich im Schnee tummeln, um sie wieder zu erwärmen. Noch strenger war das System, durch das er in die Anschauungen der militä- rischen Kaste über die Würde eines Samurai ein- geführt wurde, und man prägte ihm schon zeitig ein, daß das kleine Schwert an seiner Seite weder ein Zierat, noch ein Spielzeug sei. Man zeigte ihm, wie er damit umgehen müsse, wie er damit sein 12 eigenes Leben ohne Zaudern vernichten könne, wenn es der Ehren-Kodex seiner Klasse so forderte. ^ Wenn er vom Knaben zum Jüngling heranreifte, Heß die Strenge der Beaufsichtigung nach. Man ge- stattete ihm immer mehr und mehr nach eigener Einsicht zu handeln, aber immer in voller Erkennt- nis, daß ein Irrtum nicht übersehen, ein ernstes Vergehen nicht völlig vergeben werden würde, und daß man einen wohlverdienten Vorwurf mehr fürch- ten müsse, als den Tod. Andererseits gab es nur wenige moralische Gefahren, vor denen man ihn zu schützen brauchte. Das professionelle Laster war damals strenge aus vielen Provinzhauptstädten ver- bannt, und die unmoralische Seite des Lebens, wie sie sich in den volkstümlichen Romanen und Dramen wiederspiegelt, blieb einem jungen Samurai unbe- kannt. Er wurde gelehrt, diese alltägliche Literatur, die sich entweder an die weicheren Empfindungen oder an die Leidenschaften wendete, als unmännlich zu verachten, und der Theaterbesuch war seinem Stande verboten. So konnte in diesem unschuldigen Provinzleben des alten Japans ein Jüngling reinen Sinnes und in völliger Unberührtheit aufwachsen. Ganz so war auch der junge Samurai, von dem ich jetzt erzählen will. Furchtlos, höflich, selbst- verleugnend, das Vergnügen verachtend, und ge- gebenenfalls im Augenblicke bereit, sein Leben un- bedenklich hinzugeben, wenn es Liebe, Untertanen- pflicht, oder die Ehre forderte. Aber obgleich er nach seiner körperlichen und geistigen Entwicklung schon als Krieger gelten durfte, war er an Jahren doch kaum mehr als ein Knabe zur Zeit, da das 13 Land zum erstenmal durch das Kommen der „schwarzen Schiffe" aufgeschreckt wurde. D D D Die Pohtik Jyemitsus, die jedem Japaner bei Todesstrafe verbot, das Land zu verlassen, hatte die Nation zwei Jahrhunderte hindurch in völliger Unkenntnis der übrigen Welt erhalten. Von den kolossalen Mächten, die sich jenseits des Meeres bedrohlich entwickelten, wußte man nichts. Die hol- ländischen Kolonisten in Nagasaki hatten Japan in keiner Weise über die Lage, in der ihr Land sich befand, aufgeklärt: Ein orientalischer Feudalismus, bedroht von der um drei Jahrhunderte in der Ent- wicklung weiter vorgeschrittenen abendländischen Welt. Schilderungen der wirklichen Wunder jener Zivilisation hätten den Japanern wie Märchen geklungen, dazu erfunden, um Kinder zu ergötzen, oder sie hätten sie auch in eine Kategorie mit den alten Erzählungen von Horais märchenhaften Palästen gestellt. Das Landen der amerikanischen Flotte, „der schwarzen Schiffe", — wie sie sie nann- ten, — brachte die Regierung zum erstenmal zum Bewußtsein ihrer eigenen Schwäche und der Ge- fahr, die aus der Ferne drohte. Der Volkserregung bei der Nachricht von der zweiten Landung der „schwarzen Schiffe" folgte große Bestürzung, als das Shogunat sich außer- stande erklärte, die fremden Eindringlinge abzu- wehren. Dies konnte ja nur eine noch größere Gefahr bedeuten, als die der Tartaren-Invasion in 14 den Tagen des Hojo Tokimune, wo das Volk die Götter um Hilfe angefleht, ja der Kaiser selbst in Ise die Geister seiner Ahnen beschworen hatte. Die- sem Gebete war eine plötzliche Sonnenfinsternis ge- folgt. Unter schrecklichem Donnergetöse erhob sich ein wütender Orkan, von dem noch bis zum heutigen Tage unter dem Namen „Kami-kaze" (der Sturm der Götter) erzählt wird. Dieses Unwetter zer- schmetterte die Flotte Kublai Khans und versenkte sie in die Tiefe. Warum sollte man nicht auch jetzt Gebete zum Himmel entsenden? Dies geschah denn in Tausenden von Häusern und vor zahllosen Altären. Aber die Allmächtigen gaben diesmal keine Antwort — der „Kami-kaze'* stellte sich nicht ein. Und der Samurai-Knabe vor dem kleinen Altar in seines Vaters Garten fragte sich grübelnd, ob die Götter ihre Kraft eingebüßt hätten, oder ob gar die Völker der „schwarzen Schiffe" unter dem Schutz mächtigerer Götter stünden? DDDDDDDD Bald wurde es klar, daß es gar nicht auf die Vertreibung der fremden Eindringlinge abgesehen war. Sie waren zu Hunderten gelandet, aus dem Osten und aus dem Westen, und für ihren Schutz war alle mögliche Vorsorge getroffen worden. Sie hatten ihre eigenen seltsamen Städte auf japani- schem Boden erbauen dürfen, — ja die Regierung hatte sogar einen Befehl ergehen lassen, daß abend- ländische Wissenschaft an allen japanischen Schulen gelehrt werden, das Studium des Englischen einen 15 wichtigen Gegenstand des Unterrichtswesens bilden, und der öffentliche Schulunterricht nach abendlän- dischem Muster umgemodelt werden sollte. Die Regierung hatte auch erklärt, daß die Zukunft des; Landes auf dem Studium und der Beherrschung der fremden Sprache und der Wissenschaft der Frem- den beruhen müsse. Bis diese Studien günstige Resultate erzielten, sollte Japan unter fremder Vor- mundschaft verbleiben. Dies gestand man freilich nicht öffentlich zu, aber die Bedeutung dieser Re- gierungspolitik war unverkennbar. Nach der ersten heftigen Erschütterung, die die Offenbarung der Sachlage hervorrief, nach der großen Verzweif- lung des Volkes und der unterdrückten Wut der Samurais machte sich eine lebhafte Neugierde nach der Beschaffenheit dieser frechen Eindringlinge gel- tend, die imstande gewesen waren, durch bloße Entfaltung ihrer überlegenen Macht alles zu er- reichen, was sie wünschten. Diese allgemeine Neu- gierde wurde teilweise durch eine ungeheure Pro- duktion billiger Farbendrucke befriedigt, die die Sit- ten und Gewohnheiten der Barbaren, und die merk- würdigen Straßen ihrer Ansiedelungen darstellten. In den Augen der Ausländer würden sich diese Bilder wie reine Karikaturen ausgenommen haben, aber die Absicht der japanischen Künstler ging keineswegs darauf aus zu karikieren, — sie versuchten Fremde zu porträtieren, wie sie sie wirklich sahen, und sie sahen sie als grünäugige Ungeheuer, mit rotem Haar wie Shoyo» und mit Nasen wie Tengu*, die sich in Gewänder von absurden Formen und Farben kleide- ten und in Gebäuden wohnten, die Warenhäusern o 16 oder Gefängnissen ähnlich sahen. Zu Hunderttausen- den im ganzen Lande verbreitet, müssen diese Bilder seltsame Vorstellungen von diesen Neuankömm- lingen her\^orgerufen haben und dennoch waren sie nur harmlose, aufrichtig gemeinte Versuche, das Unbekannte darzustellen. Man sollte diese Bilder in Europa studieren, um zu verstehen, wie wir den Japanern jener Zeit erschienen sind, — wie häßlich, wie grotesk und wie lächerlich! D D D O Der junge Samurai aus der Stadt sah sich bald einem leibhaftigen Abendländer gegenüber, den der Fürst für ihn als Lehrer engagiert hatte. Es war ein Engländer. Er kam unter dem Schutze einer bewaffneten Eskorte, und es wurde Befehl gegeben, ihn als eine Persönlichkeit von Distinktion zu be- handeln. Er sah nicht ganz so häßlich aus, wie die Fremden auf den Bildern, sein Haar war freilich rot und seine Augen hatten eine seltsame Farbe, aber sein Gesicht war nicht unangenehm. Allsogleich wurde er der Gegenstand der allge- meinen Beobachtung und blieb es lange Zeit. Wie genau seine Handlungen beobachtet wurden, kann niemand ermessen, der nicht die seltsamen Vor- urteile, die vor der Meiji- Epoche über die Aus- länder herrschten, kennt. Obgleich man die Abend- länder als intelligente und höchst gefährliche Wesen ansah, galten sie doch nicht voll als Menschen; vielmehr meinte man, daß sie dem Tierreich näher ständen, als der Menschheit. Sie hatten haarige 17 2: Körper von seltsamer Form, ihre Zähne glichen denen der Menschen nicht, ihre inneren Organe wa- ren auch merkwürdig, — und ihre moralischen Ideen gar waren die der Kobolde. Die Einschüchte- rung, die damals die Fremden hervorriefen — nicht bei den Samurais, sondern bei dem Volke — war keine physische, sondern eine abergläubische Furcht. Selbst der japanische Bauer war nie ein Feigling. Aber um sein Gefühl gegen die Fremden von da- mals zu begreifen, müssen wir auch etwas von dem alten, sowohl den Japanern, wie den Chinesen eigen- tümhchen Glauben an die mit übernatürlicher Macht begabten Fabeltiere wissen, die imstande waren, menschliche Gestalt anzunehmen; an die Existenz von Halbmenschen- und Übermenschen- und an die mythischen Wesen der alten Bilderbücher: bärtige Kobolde mit langen Ohren und Beinen (Ashinaga und Tenaga), entweder von naiven Künstlern mit treuherzigem Ernst gemalt, oder von dem Pin- sel Hokusais komisch behandelt. Der Anblick der Fremden schien die von einem chinesischen He- rodot erzählten Fabeln zu verwirklichen, und ihre Kleidung sollte offenbar das verbergen, was sie als nicht menschliche Wesen verraten haben würde. So wurde der junge Lehrer, ohne daß er davon eine Ahnung hatte, als ein seltsames Tier eingehend studiert. Bei alledem erwiesen ihm aber seine Schüler nur Artigkeit. Sie behandelten ihn nach je- nem chinesischen Gebot, „daß man nicht einmal auf den Schatten eines Lehrers treten dürfe". Jn jedem Fall fragten Samurai-Schüler wenig danach, ob ihr Lehrer ein Menschenwesen sei oder nicht, solange 18 er zu unterrichten verstand. Hatte doch den Hel- den Yoshitstume ein Tengu die Kunst ein Schwert zu handhaben gelehrt; Wesen von nicht mensch- licher Gestalt hatten sich des öftern als Gelehrte und Dichter erwiesen. Aber hinter der nie gelüfteten Maske der Höflichkeit wurde über die Gewohnheiten des Fremden genau Buch geführt, und das endgül- tige Urteil, das aus solchen Vergleichungen und Be- obachtungen resultierte, war nicht allzu schmeichel- haft. Der Lehrer selbst wäre nie imstande gewesen, sich von der Kritik seiner Schüler eine Vorstellung zu machen, noch hätte es sicherlich seine Gemüts- ruhe bei dem Korrigieren der Schularbeiten im Schulzimmer erhöht, wenn er die Bemerkungen der Schüler verstanden hätte: „Du kannst an seiner Hautfarbe sehen, wie schlapp sein Fleisch ist. Es wäre ein Kinder- spiel, seinen Kopf mit einem Hieb herunterzu- schlagen." Einmal kam es ihm in den Sinn, an ihren Ringübungen teilzunehmen — zum Spaß natürlich — aber sie wollten seine physische Kraft wirklich erproben, er wurde als Athlet nicht sehr hoch ver- anschlagt: „Seine Arme sind ja stark," sagte einer, „aber er versteht nicht mit dem Körper nachzuhelfen, wenn er sie benützt — und seine Hüften sind sehr schwach — ihm das Rückgrat zu brechen, wäre ein Leichtes." „Ich glaube, es wäre sehr leicht, mit den Fremden zu kämpfen," sagte ein Dritter. „Mit Schwertern wäre es ein Leichtes," entgegnete ein Vierter, „aber in der Handhabung von Feuerwaffen sind sie viel geschickter als wir." D D D D D D 19 D „All dies können wir lernen," sagte der Erste, „und haben wir erst die abendländische Kriegskunst erlernt, dann brauchen wir uns nicht vor ihren Sol- daten zu fürchten." „Die Fremden sind nicht so abgehärtet wie wir," bemerkte ein anderer, „sie ermüden leicht, und fürch- ten die Kälte, — den ganzen Winter über muß unser Lehrer in seinem Zimmer ein großes Feuer haben, — müßte ich nur fünf Minuten dort bleiben, hätte ich schon Kopfschmerzen." — Aber bei alledem waren die Knaben sehr füg- sam ihrem Lehrer gegenüber, und er gewann sie lieb. Veränderungen kamen, wie große Erdbeben kommen, — ohne vorhergehende Warnung: Die feudalen Fürstentümer wurden in Präfekturen um- gewandelt, die Vorrechte der Kriegerkaste abge- schafft, das ganze Gesellschaftsgebäude auf neuer Grundlage rekonstruiert. Diese Ereignisse erfüllten' den Jüngling mit Trauer, obgleich es ihm nicht schwer fiel, seine Lehnspflicht vom Fürsten auf den Kaiser zu übertragen, und obgleich der Reichtum seiner Familie in keiner Weise durch diese Umwäl- zung Einbuße erlitt. Alle diese Veränderungen zeig- ten ihm jedoch, in welcher Gefahr die nationale Kultur schwebte. Sie kündeten das unvermeidliche Verschwinden der alten hohen Ideale und fast aller geliebten Dinge. Aber er war sich dessen wohl be- wußt, hier half kein Trauern, — einzig durch die Selbstumwandlung durfte die Nation hoffen, ihre 20 Unabhängigkeit zu retten. Es war Patriotenpflicht, sich der Notwendiglceit zu fügen und sich darauf vorzubereiten, in dem Drama der Zukunft eine Rolle zu spielen. In den Samurai-Schulen hatte er so viel Englisch gelernt, daß er sich mit den Fremden gut verstän- digen konnte. Er stutzte sein langes Haar, legte seine Schwerter ab und begab sich nach Yoko- hama, um das Studium der Sprachen unter gün- stigem Verhältnissen fortzusetzen. Der Kontakt mit den Fremden hatte selbst die japanische Hafenbe- völkerung umgewandelt — sie waren roh und vul- gär, und sprachen und benahmen sich, wie die unteren Volksschichten in seiner Vaterstadt es niemals zu tun gewagt hätten. Die Fremden selbst machten auf ihn einen noch unangenehmeren Eindruck. Es war der Zeitpunkt, wo die fremden Ansiedler den Ton von Siegern gegen Besiegte anschlagen durften und wo das Leben in den offenen Häfen weit weniger anständig war, wie jetzt. Die neuen Ziegelbauten erinnerten in unangenehmer Weise an die japanischen Farbendrucke, die die Sitten und Gebräuche der Ausländer darstellten, und er ver- mochte seine knabenhaften, phantastischen Vorstel- lungen über die „Fremden" nicht so schnell abzu- streifen. Seine Vernunft ließ sich freilich davon über- zeugen, daß sie wirklich Menschen waren wie er selbst, aber in seinem innersten Empfinden wollte sich das Verständnis für ihr ihm verwandtes Men- schentum noch nicht einstellen. D Das Rasseempfinden ist eben älter als die in- 21 tellektuelle Entwicklung, und er konnte die aber- gläubischen Vorstellungen, die damit zusammen- hängen, nicht so leicht abschütteln. Auch geriet sein kriegerischer Sinn hie und da durch häßliche Dinge, die er sah oder hörte, in Wallung — Vor- fälle, die den heißen Impuls seiner Vorfahren in ihm wachriefen, eine Feigheit zu rächen, oder ein Unrecht zu sühnen. Aber er lernte seinen Widerwillen besiegen, der ein Hindernis für seine Fortbildung sein konnte. Es war Patriotenpflicht, die Natur des Feindes seiner Nation zu studieren. Allmählich eignete er sich die Fähigkeit an, das ihn umgebende Leben vorurteils- los zu beobachten, seine Vorzüge ebenso wie seine Mängel, seine Stärke nicht minder wie seine Schwäche. Er fand Güte, er fand Hingebung an die Ideale, Ideale, die nicht den seinigen glichen, aber denen er seine Achtung nicht versagen konnte, weil sie wie die Religion seiner Vorfahren Selbst- verleugnung in vielen Dingen forderten. Auf diese Weise faßte er Liebe und Vertrauen zu einem alten Missionär, der in seinem Erziehungs- und Bekehrungswerke ganz aufging. Dem alten Manne lag es ganz besonders am Herzen, den Jüng- ling zu bekehren, bei dem er Fähigkeiten ungewöhn- licher Art erkannte, und er gab sich alle erdenkliche Mühe, das Vertrauen des Knaben zu gewinnen. Er stand ihm in vielen Dingen bei, unterwies ihn im Französischen, Deutschen, Griechischen und Latei- nischen und stellte ihm seine große Bibliothek zu freier Verfügung. Zutritt zu einer ausländischen Bibliothek zu haben, die Werke über Geschichte, 22 Philosophie, Reisebeschreibungen und schöne Lite- ratur enthielt, war damals ein seltenes Privilegium für einen japanischen Studenten. Das Anerbieten wurde daher mit größter Dankbarkeit angenom- men, und dem Besitzer der Bibliothek fiel es na- türlich nicht schwer, seinen Lieblingsschüler bald zur Lektüre eines Teiles des Neuen Testaments zu bestimmen. Der Jüngling drückte sein Erstaunen darüber aus, „in den Lehren der bösen Sekte" ethische Vorschriften zu finden, die denen des Con- fucius glichen. Er sagte dem alten Missionär: „Diese Lehre ist uns nicht neu, aber sie ist sicher- lich sehr gut. Ich werde das Buch studieren und darüber nachdenken." DDDDDDDDDD Das Studium und das Nachdenken sollten den Jüngling viel weiter führen, als er für möglich ge- halten hätte. Die Erkenntnis, daß das Christentum eine große Religion sei, brachte neue Zugeständnisse anderer Art mit sich, neue Vorstellimgen über die Zi- vilisation der christlichen Rassen. Es schien damals vielen denkenden Japanern, vielleicht sogar auch den kühnen Geistern, die die nationale Politik leiteten, daß es vielleicht Japans Los sei, unter fremde Herr- schaft zu kommen. Noch war freilich Hoffnung vor- handen, dies zu vermeiden und insolange auch nur der Schatten einer Hoffnung blieb, war jeder- manns Pflicht sonnenklar. Aber die Macht, die das Kaisertum bedrohte, schien unwiderstehlich. Und in- dem er diese ungeheure Macht studierte, konnte der 23 junge Samurai nicht umhin, sich mit einer Verwun- derung, die an Furcht grenzte, zu fragen, woher diese fremde Ziviüsation ihre Stärke schöpfte. Konnte sie, wie sein alter Lehrer behauptete, in irgend einer okkulten Beziehung zu einer höheren Religion stehen? Die alte chinesische Philosophie, die be- hauptete, die Glückseligkeit eines Volkes stehe im Verhältnis zu seiner Befolgung göttlicher Gesetze und seinem Gehorsam gegenüber den Lehren seiner Weisen, bestätigte eine solche Theorie. Und kam die überlegene Macht der abendländischen Zivili- sation wirklich von der Überlegenheit der abendlän- dischen Ethik, war es da nicht klare Pflicht jedes Patrioten, sich diesem höheren Glauben anzuschlie- ßen und die Bekehrung der ganzen Nation anzu- streben? Ein Jüngling dieser Zeit, auferzogen in dem Geiste der chinesischen Wissenschaft, und naturgemäß in Unkenntnis der Geschichte der sozialen Evolution des Abendlandes, konnte sich unmöglich vorstellen, daß die höchsten Formen des materiellen Fortschritts durch eine erbar- mungslose Konkurrenz entstanden seien, die nicht nur den Prinzipien des christlichen Idealismus wider- streitet, sondern auch mit jedem ethischen Prinzip unvereinbar ist. Selbst jetzt noch glauben Millionen gedanken- loser Menschen des Abendlandes an irgend einen göttlichen Zusammenhang zwischen der Militärmacht und dem christlichen Glauben, und selbst von den Kanzeln wird göttliche Rechtfertigung für politische Raubzüge verkündet, und Erfindungen von Explo- sivgeschossen werden als göttliche Inspiration dar- 24 gestellt. Bei uns ist der Aberglaube nicht auszurot- ten, daß die Rassen, die sich zum Christentum be- kennen, von der Vorsehung ausersehen seien, anders- gläubige Rassen zu berauben und zu vernichten. Einige Philosophen haben die Überzeugung ausge- sprochen, daß wir noch Tor und Odin anbeten, nur mit dem Unterschied, daß Odin ein Mathematiker geworden ist, und daß jetzt der Hammer „Mjölne" mit Dampf arbeitet. Aber solche Männer werden von den Missionären für Atheisten und unsittliche Menschen erklärt. Doch wie dem auch sei, es kam der Tag, da der junge Samurai beschloß, sich ungeachtet des heftigen Widerstands seiner Angehörigen zum Christentum zu bekennen. Dies war ein kühner Schritt, aber die strenge Zucht seiner Jugend- erziehung hatte seinen Charakter gestählt, und nichts konnte ihn in seinem Entschlüsse wan- kend machen, selbst nicht der Kummer seiner El- tern. Sein Abfall von dem Glauben seiner Ahnen bedeutete für ihn mehr als einen vorübergehenden Schmerz: er verlor sein Erbrecht, er setzte sich der Verachtung seiner Kameraden aus, büßte seinen Rang ein und sah sich ohne alle Existenzmittel. Aber sein Samurai-Idealismus hatte ihn gelehrt, Eigen- sucht zu verachten. Er sah und dachte nur an das, was ihm als seine Pflicht als Patriot und Wahrheits- sucher erschien, und er folgte diesem Gebot ohne Furcht und Zaudern. DDDDDDDDDD D Diejenigen, welche hoffen, ihren eigenen abend- ländischen Glauben an Stelle einer alten Religion setzen zu können, die sie mit Zuhilfenahme von Ar- gumenten der modernen Wissenschaft bekämpfen, bedenken nicht, daß die gegen den alten Glauben ins Treffen geführten Beweisgründe mit gleicher Kraft gegen den neuen angewendet werden können. Un- fähig, sich selbst zu höheren Gedankensphären auf- zuschwingen, vermag der Durchschnittsmissionär nicht vorauszusehen, welche Wirkung sein mangel- hafter Unterricht auf Individuen von weit höherer In- telligenz als seiner eigenen, ausüben wird. Er ist deshalb erstaunt und betroffen, zu sehen, daß gerade seine intelligentesten Schüler sich am frühesten vom Christentum wieder lossagen. Den religiösen Glauben bei einem klugen Menschen zu zerstören, der mit der buddhistischen Schöp- fungsgeschichte zufrieden war, weil er die mo- dernen Wissenschaften nicht kannte, das ist nicht schwer; aber demselben Geiste abendländische Reli- gion an Stelle orientalischen Gefühlslebens einzu- pflanzen, presbyterianische, lutherische oder päpst- liche Dogmen an Stelle von chinesischer oder bud- dhistischer Ethik zu setzen, ist nicht möglich. Die psychologischen Schwierigkeiten eines solchen Vor- gehens werden von den modernen Evangelisten nicht erkannt. Schon in alten Zeiten, als der Glaube der Jesuiten und der Mönche nicht weni- ger abergläubisch war als die Religion, die sie über- winden wollten, waren dieselben tiefwurzelnden Hin- dernisse vorhanden, und die spanischen Priester mochten selbst, während ihr felsenfester Glaube 26 und ihr fanatischer Feuereifer Wunder vollbrachten, die Empfindung gehabt haben, daß sie zur völligen Vervi^irklichung ihres Traumes die Unterstützung des Schvi'ertes nicht würden entbehren können. Heutzu- tag sind die Bedingungen für Bekehrungswerke weit ungünstiger, als es jemals im sechzehnten Jahrhun- dert der Fall war. Das Erziehungssystem wurde auf wissenschaftlicher Basis umgestaltet: Unser religiöser Qlaube ist durch eine Moral ersetzt worden, die die ethischen Forderungen auf rein sozialer Grundlage durchführt; und die Menge unserer Kirchen be- weist keine Zunahme der Gläubigkeit, sondern nur einen gesteigerten Respekt vor der Konvention. Nie werden die abendländischen Konventionen im Osten herrschend sein, und nie wird man ausländischen Missionären gestatten, in Japan die Rolle der Sitten- wächter zu spielen. Schon haben die liberalen unter unseren Kir- chen, die, deren Kultur die umfassendste ist, die Ver- geblichkeit der Missionsarbeit erkannt. Aber es ist nicht notwendig, den alten Dogmatismus ganz zu stürzen, wenn man ein buddhistisches Volk lehren will, der Wahrheit näher zu kommen: sorgfältige Erziehung würde allein schon genügen, und die Na- tion, bei der das Erziehungswesen am höchsten steht, die Deutschen, senden keine Missionäre mehr in das Innere des Landes. Ein weit bedeut- samerer Erfolg der Missionsbemühungen, als der unvermeidliche, alljährliche Bericht über neue Be- kehrungen, war die Reorganisation der Landesreli- gion, und ein neuerlicher Regierungserlaß, der die höhere Erziehung der Priesterschaft forderte. Ja, 27 lange vor diesem Erlaß, hatten die wohlhabenden Sekten buddhistische Schulen nach abendländischem System errichtet, und die Shinshu-Sekte kann schon auf viele in Paris und Oxford erzogene Bekenner hinweisen, Männer, die den Sanskritgelehrten der ganzen Welt bekannt sind. Sicher wird Japan höhere Glaubensformen brauchen, als es seine mittelalter- lichen waren, aber diese müssen sich selbst aus den alten Formen herausentwickeln. Von innen heraus, nicht von außen, muß die Renaissance kommen. Ein durch die abendländische Wissenschaft gestärkter Buddhismus wird den zukünftigen Bedürfnissen der Nation entsprechen. Durch den neuen Proselyten in Yokohama soll- ten die christlichen Missionäre bald eine ihrer be- schämendsten Niederlagen erfahren. Stellung und Reichtum hatte er aufgeopfert, um ein Christ zu werden, oder eigentlich das Glied einer fremden Religionssekte, und schon nach wenigen Jahren, fiel er öffentlich von dem Glau- ben ab, den er um einen solchen Preis erwählt hatte! Er hatte die großen modernen Geister stu- diert und war in ihre Ideen besser eingedrungen, als seine Lehrer, die nicht mehr vermochten, seine Fragen zu beantworten, — es sei denn durch die Behauptung, daß Bücher, deren teilweises Studium sie ihm empfohlen hatten, als Ganzes eine Gefahr für den Glauben bedeuteten. Da sie aber außer Stande waren, die angeblichen Irrlehren dieser Bü- cher zu beweisen, blieben ihre Warnungen unwirk- sam. Er sagte sich von der Kirche los, nach einer of- fenen Erklärung, daß ihre Lehrsätze nicht auf wah- 28 rer Vernunft oder wirklichen Fakten beruhen, und daß er sich berufen fühle, die Anschauung der Män- ner anzunehmen, die seine Lehrer als Feinde des Christentums verdammt hatten. Sein Abfall machte ungeheures Aufsehen. Der wirkliche Abfall sollte jedoch erst kommen. Im Gegensatz zu anderen, die eine solche Erfah- rung gemacht hatten, wußte er, daß die Religions- frage für ihn nur zeitweilig in den Hintergrund ge- treten war, und daß er kaum noch das Alphabet dessen gelernt hatte, was noch zu lernen war. Er hatte den Glauben an den relativen Wert der Reli- gionen als bewahrende und zurückhaltende Mächte behalten. Die unklare Vorstellung einer Wahrheit, — der Wahrheit eines bestehenden Zusammen- hanges zwischen den Zivilisationen und ihren Re- ligionen, — hatte ihn zuerst auf den Pfad gelockt, der zu seiner Bekehrung führte. Die chinesische Phi- losophie lehrte ihn das, was die moderne Soziologie als Gesetz erkennt: Daß kein menschliches Gemein- wesen je ohne Priesterschaft höhere Entwicklung er- reicht hat. Und der Buddhismus hatte ihn gelehrt, daß selbst die Wunder dem schlichten Geist in Parabel- form als Wirklichkeit vorgeführt, ihren Wert und ihre Berechtigung als Hilfsmittel zur Entwicklung des ethischen Lebens des Menschengeschlechtes haben können. Von diesem Gesichtspunkt blieb sein Interesse für das Christentum unvermindert. Obgleich er das, was ihm sein Lehrer von der höhe- ren Moral der christlichen Nationen gesagt hatte, bezweifelte, — allerdings hatte er in dem Leben der offenen Häfen keine richtigen Beispiele dafür ge- 29 funden, — wünschte er doch sich von dem Einfluß der Religion auf die Sittlichkeit durch eigene An- schauung im Abendlande zu überzeugen. Er be- schloß, europäische Länder zu besuchen und die Ur- sache ihrer Entwicklung und den Grund ihrer Macht zu studieren. Diesen Entschluß konnte er früher ausführen, als er gehofft hatte. Die intellektuelle Regsamkeit, die ihn in religiö- sen Dingen zu einem Zweifler gemacht hatte, hatte ihn auch zum politischen Freidenker gemacht. Er zog sich die Ungnade der Regierung zu durch öf- fentliche Äußerungen, die in Widerspruch mit der herrschenden Politik standen, und mußte gleich an- deren Unvorsichtigen, die unter dem Einflüsse der neuen Ideen handelten, sein Vaterland verlassen. Es begann für ihn eine Reihe von Wanderungen, die ihn allmählich rings um die Welt führten. Zuerst bot ihm Korea eine Zuflucht, dann China, wo er als Lehrer sein Dasein fristete, bis er sich endlich eines Tages an Bord eines Schiffes fand, das nach Marseille segelte. Er besaß nur wenig Geld, aber er machte sich keine Gedanken darüber, wie er in Europa leben können würde. Jung, stark, athletisch gebaut, genügsam und an Entbehrungen gewöhnt, fühlte er sich seiner selbst sicher, und überdies hatte er Briefe an Europäer, die ihm weiter helfen würden. Aber Jahre sollten vergehen, ehe er sein Ge- burtsland wiedersehen konnte, D D D D D D D D Während dieser Jahre lernte er die abendlän- dische Zivilisation so gründlich kennen wie we- nige Japaner. Denn er wanderte durch Europa und Amerika, lebte in vielen Städten, und betätigte sich auf vielen Gebieten, bald geistig, häufiger durch seiner Hände Arbeit, und war so in der Lage, die höchsten und niedersten, die besten und schlechte- sten Seiten dieses Lebens zu studieren. Aber er sah mit den Augen des Orientalen, und seine Art zu urteilen war anders als die unsere. Denn ebenso wie der Abendländer den fernen Osten betrachtet, betrachtet der Orientale das Abendland. — Was in der eigenen Schätzung am höchsten steht, wird naturgemäß von dem Fremden am niedrigsten ge- wertet werden, und beide haben darin sowohl recht wie unrecht. Es hat niemals ein vollkommenes gegenseitiges Verständnis gegeben, und wird nie- mals ein solches geben. Größer und mächtiger als seine Vorstellungen erschien ihm das Abendland, eine Welt von Riesen ! Und das, was auch den mutigsten Abendländer be- drückt, wenn er sich allein und ohne Mittel und Freunde in einer großen Stadt sieht, muß gar oft den Geist des orientalischen Landflüchtigen bedrückt haben. Die vage Unruhe des Vereinsamten, unbe- achtet zu sein, inmitten einer Million hastender Men- schen, in dem betäubenden Getöse des Verkehrs, angesichts der monströsen, seelenlosen Architektur, der überwältigenden Aufhäufungen von Reichtü- mern, die Geist und Hand zwingen, — maschinen- gleich, — ihr Arbeitsvermögen bis zur äußersten Grenze menschlicher Kraft anzustrengen. Vielleicht 31 sah er solche Städte, wie Dore London sah: als einen mächtigen Mammonstempel, mit schweren dü- steren Bogen und Steingewölben, die sich in uner- meßlichen Reihen hintereinander öffneten, mit ge- mauerten Bergen, an deren Fuß die Arbeit glühte und dampfte, wie die Wellen eines Feuermeers, und mit unendlichen Klüften, in denen die geordnete Ar- beit die Resultate von jahrhundertelangen Anstren- gungen zur Schau stellte. Aber nirgends sprach et- was zu seinem Schönheitssinn in all diesen end- losen Steinklüften, die die Sonne, den Himmel und die Winde ausschlössen. All das, was uns zu gro- ßen Städten zieht, bedrückte ihn und stieß ihn ab, selbst das glänzende Paris erfüllte ihn bald mit Überdruß. Paris war die erste fremde Stadt, wo er sich länger aufhielt. Die französische Kunst, wie sie die ästhetischen Gedanken der begabtesten europäischen Nation spiegelte, überraschte ihn sehr, aber ohne ihn zu entzücken. Worüber er sich am meisten ver- wunderte, waren ihre Studien des nackten Körpers, in denen er nur das offene Eingeständnis einer menschlichen Schwäche erblickte, die seine stoische Erziehung ihn gelehrt hatte, — nächst der Feigheit und Unverläßlichkeit am tiefsten zu verachten. Auch die moderne französische Literatur gab ihm Anlaß zur Verwunderung. Er vermochte die erstaunliche Kunst der Erzählung nicht zu würdigen; den Wert der Technik an sich konnte er kaum schätzen, und hätte man ihm das Verständnis hierfür erschließen können wie einem Europäer, wäre er nichtsdesto- weniger überzeugt geblieben, daß eine solche Art, 32 seelische Kräfte für eine rein ästhetische Tätigkeit zu vergeuden, ein Zeichen sozialer Entartung sei. Und bald fand er in dem luxuriösen Leben der Haupt- stadt selbst die Bestätigung dessen, was er aus der Literatur und Kunst gefolgert hatte. Er besuchte die Vergnügungsorte, die Theater, die Oper, er sah mit den Augen eines Asketen und Soldaten und ver- wunderte sich, warum das, was in den Augen des Abendiänders den Wert des Lebens ausmachte, sich so wenig von dem unterschied, was dem Orientalen als Torheit und Weichlichkeit galt. Er sah auf fashio- nablen Bällen von der Mode sanktionierte Ent- blößungen des weiblichen Körpers, auf Eindrücke berechnet, die eine japanische Frau aus Scham hätten in den Boden versinken lassen, und er ver- wunderte sich, daß Abendländer von der natür- lichen, sittsamen, gesunden Halbnacktheit der orien- talischen Bauern bei ihrer Arbeit in der sommer- lichen Sonne chokiert waren. Er sah Kathedralen und Kirchen in großer Zahl, und dicht daneben die Paläste des Lasters und Geschäfte, die durch den Verkauf schamloser Abbildungen, florierten. Er lauschte den Predigten großer Kanzelredner und hörte Blasphemien gegen alle Glaubensiehren, er sah die Kreise der Reichen und die Kreise der Armut und die Abgründe, die sich unter beiden öffneten. Die versittlichende Macht der Religion sah er nirgends. Diese Welt hatte keinen Glauben, es war eine Welt des Trugs, der Verstellung, der Vergnügungs- sucht, des Egoismus, nicht von der Religion be- herrscht, sondern von der Politik, eine Welt, in der geboren zu sein, wahrlich kein Glück zu nennen war! 33 3 a Das düsterere, imposantere, überwältigendere England bot ihm andere Probleme. Er studierte seinen ins Unermeßliche wachsenden Reichtum und dessen Kehrseite, den Schmutz und das Elend, das in seinem Schatten so üppig wuchert. Er sah die großen Häfen vollgepfropft mit den Reichtümern von hundert Ländern, das meiste Raubgut, und er- kannte, daß die Engländer gleich ihren Vorfahren eine Rasse von Plünderern waren, und erwog, wie das Schicksal seiner Millionen sich gestalten würde, wenn es ihnen — sei's auch nur einen Monat lang, nicht möglich wäre, andere Nationen zu zwingen, alles für sie zu beschaffen. Er sah die Liederlichkeit und die Trunksucht, die die Nacht in dieser größten Stadt der Welt zu etwas Verabscheuungswürdigem machte, und er staunte über die konventionelle Heu- chelei, die sich blind stellt; über die Religion, die Dankgebete spricht, angesichts solcher Verhält- nisse; über die Verblendung, die Missionäre dort- liin sendet, wo man ihrer nicht bedarf; und äiber die gedankenlose Wohltätigkeit, die in ihrer Weise zur Verbreitung von Krankheit und Laster iDeiträgt. Er las auch, daß ein großer Eng- länder,5 der viele Länder bereist hatte, erklärte, ein Zehntel der Bevölkerung Englands bestehe aus be- rufsmäßigen Verbrechern und Armenhäuslern. Und all dies, ungeachtet der Myriaden von Kirchen, und der zahllosen Gesetzesbestimmungen! Sicherlich, die englische Zivilisation zeigte ihm weniger als irgend eine andere, die angebliche Macht jener Re- ligion, die man ihn gelehrt hatte, als den Ursprung allen Fortschritts anzusehen. Das englische Straßen- 34 leben enthüllte ihm ganz andere Bilder. In den Straßen buddhistischer Städte sah man nichts der- gleichen. — Nein, diese Zivilisation war ganz ein- fach das Resultat eines verruchten Kampfes zw^ischen dem Arglosen und dem Hinterlistigen, dem Schwachen und dem Starken, wobei sich Stärke und Findigkeit verbündeten, um den Schwachen in eine gähnende Hölle zu stürzen. In Japan würde man sich, selbst in den wildesten Fieberträumen, einen solchen Zu- stand nicht vorstellen können ! Aber dennoch konnte er nicht umhin, zuzugestehen, daß die materiellen und intellektuellen Resultate dieser Verhältnisse über- wältigend waren; und obgleich das Böse, das er sah, das Maß dessen überschritt, was er für mög- lich gehalten hatte, sah er auch viel Gutes bei Arm wie bei Reich — die zahlreichen Widersprüche, und die verblüffende Mischung von Gut und Böse war ihm ein Rätsel, das sein Verstand nicht lösen konnte. Er liebte das englische Volk mehr als die an- deren Nationen, die er kennen gelernt hatte. Das Auftreten der englischen Gentry erinnerte ihn an das der Samurais. Hinter ihrer förmlichen Kälte konnte er große Anlagen zu Freundschaft und Güte erkennen, eine Tiefe der Empfindung, und einen hohen Mut, der eine halbe Welt unter englische Herrschaft gebracht hatte. Aber ehe er Eng- land verließ, um nach Amerika zu gehen, wo er ein weiteres Feld menschlicher Betätigung stu- dieren wollte, hatten die Verschiedenheiten zwischen den Nationalitäten an Interesse für ihn verloren. Sie verblaßten vor seinem Blicke bei seinem wachsen- den Verständnis für die Zivilisation des Abendlan- 35 des, als eines überwältigenden Ganzen, das über- all in imperialistischen, monarchischen oder demo- kratischen Formen, dieselben unerbittlichen Notwen- digkeiten mit denselben erstaunlichen Resultaten zeigte, und überall auf Grundlagen und Ideen ba- sierte, die das totale Gegenteil von denen des fernen Ostens waren. In einer solchen Zivilisation fand er nichts, was er lieben konnte, solange er mitten darin lebte, und nichts, was er vermissen würde, wenn er für immer davon Abschied nahm. Sie stand seinem Seelenleben ebenso fern, wie das Leben auf einem anderen Planeten und unter einer anderen Sonne. Aber er konnte begreifen, was diese Nation wert war, wenn man den Maßstab des menschlichen Leides daran anlegte, er fühlte ihre drohende Macht, und ahnte die unermeßliche Bedeutung ihrer intel- lektuellen Überlegenheit. Und er haßte sie; haßte ihren ungeheuren, unfehlbar fungierenden Mechanismus ; haßte ihre be- rechnete Stabilität, haßte ihre Konventionen, ihre Habsucht, ihre blinde Grausamkeit, ihre ungeheure Scheinheiligkeit, die abschreckende Häßlichkeit ihrer Armut und die Frechheit ihres Reichtums. Boden- lose Tiefen des Verfalls hatte sie ihm gezeigt, aber keine Ideale, die den Idealen seiner Jugend gleichwertig gewesen wären. Es war alles ein gro- ßer wilder Krieg, und es schien ihm geradezu ein Wunder, daß so viel wahre Güte, die er selbst er- fahren hatte, sich dabei erhalten konnte. Die wahre Überlegenheit des Abendlandes war bloß von in- tellektueller Art: weitgestreckte steile Höhen des Wissens, unter deren ewigem Schnee das Gefühls- 36 leben erstarren mußte. Sicherlich, die alte japa- nische Zivilisation des Wohlwollens und der Tu- gend stand unvergleichlich höher in ihrer Auffas- sung des Glücks, in ihren ethischen Bestrebungen, ihrer vertieften Gläubigkeit, ihrem freudigen Mut, ihrer Schlichtheit und Selbstlosigkeit, ihrer Mäßig- keit und Genügsamkeit! Die Überlegenheit des Abendlandes war keine ethische. Sie lag in Kräften des Intellekts, die, durch unermeßliches Leid ent- wickelt, an der Vernichtung des Schwachen durch den Starken angewendet wurden. Und doch, diese abendländische Wissenschaft überzeugte ihn mit ihrer unwiderleglichen Logik, daß diese Zivilisation allmählich immer größere Macht gewinnen und wie eine unwiderstehliche, unent- rinnbare, unermeßliche Sintflut des Weltleids, sich über die Erde ergießen wird. Japan mußte sich in die neuen Lebensformen fügen und sich die neuen Denkmethoden aneignen. Es gab keine andere Alternative. Und nun über- kam ihn der Zweifel aller Zweifel, die Frage, die sich den Weisen aller Länder aufgedrängt hat: Ist die Weltordnung moralisch? Auf diese Frage hatte der Buddhismus die tiefste Antwort gegeben. Aber ob moralisch oder nicht, gemessen mit dem unzulänglichen menschlichen Empfinden, eines blieb, was keine Logik erschüttern konnte: die Gewiß- heit, daß der Mensch die höchsten ethischen Ideale mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft bis zum unbe- kannten Ende anstreben müsse, und sollten sich ihm auch die Sonnen in ihrem Lauf entgegenstellen. Die Notwendigkeit würde die Japaner zwingen, 37 sich die fremde Wissenschaft anzueignen, vieles von der materiellen Zivilisation ihrer Feinde zu adop- tieren, aber eine solche Notwendigkeit konnte sie nicht zwingen, ihre Ideen über Recht und Unrecht, Pflicht und Ehre aufzugeben. Langsam nahm ein Vorsatz in seinem Geiste Gestalt an, ein Vorsatz, der ihn in der Folge zum Führer und Lehrer seines Volkes machen sollte. Mit all seiner Kraft wollte er für die Erhaltung des Besten der alten Zeit wirken und sich furchtlos der weiteren Ein- führung all dessen entgegenstemmen, das nicht we- sentlich der Selbsterhaltung und Selbstentwicklung seiner Nation förderlich war. Wohl konnte er schei- tern, aber er konnte doch hoffen, aus dem all- gemeinen Schiffbruch etwas Wertvolles zu retten. Die Verschwendungssucht des abendländischen Lebens hatte ihm mehr Eindruck gemacht als seine Vergnü- gungsgier und seine Leidensfähigkeit. Inder reinlichen Armut seines eigenen Landes erblickte er Kraft, in seiner selbstlosen Sparsamkeit sah er die einzige Aussicht für den Wettbewerb mit dem Abendland. Die fremde Zivilisation hatte ihn gelehrt, den Wert und die Schönheit seines eigenen Landes zu ver- stehen, wie er es sonst nie zu verstehen vermocht hätte, und er verzehrte sich in Sehnsucht nach der Stunde, die ihm die Erlaubnis bringen würde, in sein Geburtsland zurückzukehren. D D D O D D Es war in dem durchsichtigen Halbdunkel eines wolkenlosen Aprilmorgens, kurz vor Sonnenaufgang, 38 als die Berge seiner Heimatwiedervorihm auftauchten. Langgestreckte Höhenzüge, die dunkelviolett aus dem tiefschwarzen Wasser emporragten. Hinter dem Dampfer, der den Verbannten heimwärts trug, färbte sich der Horizont allgemach mit rosigen Flammeri.. Auf dem Deck standen schon einige Fremde, die sich den ersten, schönsten Anblick des Fuyi vom Meere- aus nicht entgehen lassen wollten, denn der erste Anblick des Fuyi bleibt unvergeßlich in diesem und dem künftigen Leben. Sie blickten über die stufen- förmig aufsteigenden gezackten Bergriesen in die tiefe Nacht, in der noch Sterne flimmerten, und sie konnten den Fuyi nicht sehen. „Ah," lachte ein Offizier, an den sie sich wendeten, „Sie blicken zu niedrig, Sie müssen höher blicken, höher, viel höher!" Dann blickten sie hinauf, hinauf, hinauf in das Herz des Himmels und sahen den mächtigen Gipfel in rosigem Schimmer erglühen wie eine wunder- same geisterhafte Lotosknospe im Morgenrot des- kommenden Tages : ein Schauspiel, das sie sprachlos- machte. Der ewige Schnee färbte sich golden und- verblaßte dann wieder, als die Sonne ihre Strahlen; daraufsandte. Über den dunklen Bergrücken, ja über den Sternen selbst schien der Wunderberg zu schwe- ben, denn die mächtige Basis blieb noch unsicht- bar. Und die Nacht entfloh, ein sanftes blasses Licht huschte über das Himmelsgewölbe und er- weckte schlummernde Farben. Und vor den Blicken der Betrachter öffnete sich die leuchtende Bucht Yokohamas mit dem heiligen Berge, dessen ge- spenstischer Gipfel über dem unsichtbaren Grunde wie eine schneeverhüllte Geistererscheinung in dem 39 unendlichen Himmelsraum über allem zu schweben schien. In den Ohren der Reisenden klang noch das Wort „Ah, Sie müssen höher blicken, höher, viel höher!" — und lieh dem mächtigen, unwider- stehlichen Gefühl, das in ihren Herzen schwoll, einen bestimmten Rhythmus. Dann versank alles für ihn in einen Nebel. Er sah weder den Fuyi dort oben, noch die nahen Berge unten, die ihr duftiges Blau unter den Strahlen der Sonne in Orün wandelten, noch das Gewirr der Schiffe in der Bucht, noch etwas von dem neuen Japan. Vor seinem Geiste tauchte das alte Japan auf: Der Land- wind, erfüllt vom Duft des Frühlings, strich über ihn hin und löste aus lange verschlossenen Räu- men die Schatten von allem, was er einst verlassen hatte, und vergessen wollte. Er sah die Gesichter seiner teuren Toten, er erkannte ihre Stimmen über das Grab hinaus. Er war wieder ein kleiner Knabe in seines Vaters Yashiki, der aus einem leuchten- den Zimmer in das andere lief, auf besonnten Plätzen spielte, wo Blätterschatten über den Rasen glitten, oder in den weichen grünen träumerischen Frie- den der Landschaft blickte. Wieder fühlte er die sanfte Berührung von seiner Mutter Hand, die seine trippelnden Schrittchen zu der Morgenandacht vor dem kleinen Hausaltar, vor die Ahnentafel der Vor- fahren geleitete, und die Lippen des Mannes mur- melten wieder, mit plötzlich neuem Sinn, das schlichte Gebet des Kindes. DDODaana 41 l^^MHNE ein einziges Schiff einzubüßen und ilL^wJf^m^ohne eine einzige Schlacht zu verheren, ||lfemMyhat Japan die Macht Chinas gebrochen, nMiiiij«^|^:^ein neues Korea geschaffen, sein eige- l^^i^lllliUit^nes Territorium erweitert und die ganze poHtische Physiognomie Ostasiens verändert. Wie erstaunlich dies schon in politischer Beziehung ist, erscheint es in psychologischer noch überraschen- der; denn es repräsentiert ein Spiel von Kräften, die man im Auslande dieser Rasse kaum zugetraut hatte, Kräfte einer sehr hohen Ordnung. Der Psychologe weiß, daß die Adoptierung der soge- nannten „abendländischen Zivilisation" innerhalb eines Zeitraums von dreißig Jahren nicht die Erwer- bung von organischen Fähigkeiten bedeuten kann, die das japanische Hirn früher nicht besessen hatte. Er weiß, daß dies nicht irgend eine plötzliche Ver- änderung der geistigen und moralischen Beschaffen- heit der Rasse zur Folge haben kann. Solche Wand- lungen vollziehen sich nicht in einer Generation. Übermittelte Zivilisation wirkt noch langsamer, braucht sogar Hunderte von Jahren zur Herbei- führung bestimmter, bleibender psychologischer Re- sultate. In diesem Lichte betrachtet, ist Japan das merk- würdigste Land der Welt. Und das Wunderbarste in der ganzen Episode seiner Okzidentalisierung ist, daß das Hirn der Rasse einer solchen Erschütte- rung standhalten konnte. Ein solches Faktum steht in der Geschichte der Menschheit einzig da. — Was hat es zu bedeuten? Nichts Geringeres als eine Neuorganisierung eines Teils des vorhandenen Denk- 42 apparats — und schon dies bedeutete den Tod für viele kühne junge Geister. Die Adoptierung west- licher ZiviHsation war keineswegs eine so leichte Sache, wie gedankenlose Leute annahmen, und es ist offenbar, daß diese geistige Reorganisation, die mit hohen Kosten erkauft wurde, nur auf jenen Ge- bieten gute Resultate erzielte, in denen die eigen- artige Begabung der Nation schon früher zutage getreten war. So war die Anwendung westlicher industrieller Erfindungen in den Händen der Japa- ner bewunderungswürdig, hat sich in Industrien be- währt, in denen die Japaner schon seit altersher, in ihrer eigenen besonderen Weise Bemerkens- wertes leisteten. Es war keine eigentliche Umge- staltung; die alten Fähigkeiten wurden vielmehr in neue Bahnen gelenkt. Die wissenschaftlichen Berufe zeigen denselben Entwicklungsverlauf. Für gewisse wissenschaftliche Berufe, wie Medizin, Chirurgie (es gibt keine geschickteren Wundärzte als die Japa- ner), Chemie, Mikroskopie, besitzen die Japaner eine natürliche Begabung, und auf allen diesen Gebie- ten haben sie schon Weltberühmtes geleistet. In der Kriegskunst und Staatskunst haben sie wunder- bares Können bewiesen, und die Geschichte Japans offenbart uns ihre großen militärischen und poli- tischen Fähigkeiten. Auf allen dem nationalen Geiste fremden Gebieten wurde jedoch nichts Besonderes geleistet. So scheint beispielsweise das Studium abendländischer Kunst, Musik, Literatur eine reine Zeitvergeudung gewesen zu sein.i Diese Dinge wen- den sich in hohem Maße an unser Empfindungs- leben; sie wirken aber in keiner Weise auf das 43 Empfindungsleben der Japaner. Jeder ernste Den- ker weiß, daß eine Umwandlung des Empfindens des Individuums durch die Erziehung unmögUch ist. Es wäre absurd anzunehmen, daß eine solche Um- wandlung des emotionellen Charakters einer orien- talischen Rasse innerhalb des kurzen Zeitraums von dreißig Jahren durch den bloßen Kontakt mit abend- ländischen Ideen möglich wäre. Das Empfindungs- leben, das älter und tiefer ist als das geistige Leben, kann durch die Veränderung des Milieus ebenso- wenig umgestaltet werden, wie sich die Oberfläche des Spiegels durch vorüberhuschende Bilder ver- ändert . . . Alles, was Japan so wunderbar zu leisten vermochte, hat es ohne Umgestaltung seines Selbst vollbracht, — und diejenigen, die glauben, es sei uns im Empfinden näher gerückt, als vor dreißig Jahren, verkennen unwiderlegliche Gesetze der Wissen- schaft. Unsere Sympathie wird von unserem Verständ- nis begrenzt. Wir sympathisieren in dem Grade, in dem wir begreifen. Ein Europäer mag sich ein- bilden, daß er mit einem Chinesen oder Japaner sympathisiert, aber die Sympathie kann immer nur auf eine gewisse kleine Oberfläche allgemein- menschlicher Empfindungen beschränkt bleiben, jene Seiten, in denen der Mann und das Kind eins sind. Das komplizierte Gefühlsleben des Orientalen setzt sich aus eine Reihe von ancestralen und individu- ellen Erfahrungen zusammen, für die im Abendland keine Analogie vorhanden ist, und die wir deshalb nicht in vollem Maß erfassen. Aus den gleichen Gründen vermag der Japaner, selbst wenn er es 44 wollte, dem Europäer kein vollkommenes Verständ- nis entgegenzubringen. Während es also dem Euro- päer nicht möglich ist, die richtigen Werte des Geistes- und Seelenlebens der Japaner (eines ist ja mit dem anderen verwoben) zu erkennen, ver- mag er sich gleichzeitig nicht des Eindrucks zu er- wehren, daß dieses Innenleben im Vergleich mit dem unserigen, sehr unbedeutend ist. Es ist zier- lich, es hat latente Möglichkeiten von auserlesenem Reiz und Wert, aber es ist andererseits so dimi- nutiv, daß das des Abendländers im Vergleich damit überwältigend erscheint. Denn wir können nur nach sichtbaren und greif- baren Manifestationen urteilen. Und tun wir dies, welch ein Kontrast ergibt sich dann zwischen west- licher und östhcher Gefühls- und Gedankenwelt! Weit größer als zwischen den gebrechlichen Holz- straßen der japanischen Hauptstadt und der mas- siven Solidität einer Verkehrsader in London oder Paris. Vergleicht man nun die Ausdrucksformen, die der Osten und der Westen ihren Träumen, Bestrebungen und Empfindungen gegeben haben, vergleichen wir beispielsweise eine gotische Ka- thedrale mit einem Shintotempel, eine Verdische Oper oder Wagnersche Trilogie, mit einer Geisha- aufführung, ein europäisches Epos mit einer ja- panischen Dichtung: wie inkommensurabel ist der Unterschied an Gefühlsstärke, an Macht der Phan- tasie und künstlerischer Synthese! Unsere Musik ist freilich eine wesentlich moderne Kunst, aber auch in der Vergangenheit ist der Unterschied an schöpferischer Kraft zwischen japanischer und euro- 45 päischer Kunst kaum weniger markant, sicherlich nicht in der Periode römischer Machtentfaltung, der Zeit der riesigen Amphitheater und Aquädukte, die sich über ganze Provinzen erstreckten, noch in der griechischen Periode göttlicher Skulpturen und un- vergleichlicher Poesie. Und dies führt zu einer anderen Eigentümlich- keit in der plötzlichen Entwicklung der japanischen Rasse. Wo finden wir die äußeren materiellen Zeichen jener ungeheueren Kraft, die sie in der In- dustrie und im Kriege an den Tag gelegt hat? Nirgends! Das, was wir in ihrem seelischen und geistigen Leben vermissen, vermissen wir auch in ihrer Industrie und in ihrem Handelsverkehr: die Großzügigkeit ! Das Land bleibt, was es war. Seine Physio- gnomie hat sich in all den Veränderungen der Meiji- periode kaum verändert. Die Miniatureisenbahnen und Telegraphenstangen, die Brücken und Tunnels verschwinden beinahe in dem uralten Grün der Landschaft. In all den Städten, mit Ausnahme der offenen Häfen und ihrer Fremdenniederlassun- gen gibt es kaum einen Straßenzug, der den Ein- fluß der abendländischen Ideen zeigen würde. Man könnte zweihundert Meilen durch das Innere des Landes reisen, ohne auf merkbare Zeichen moderner Zivilisation zu stoßen. Nirgends findet man, daß der Handel sich in gigantischen Warenhäusern selbst- bewußt ausbreitet, oder daß die Industrie ihre Ma- schinen in Riesenhallen anhäuft. Eine japanische Stadt ist das, was sie vor tausend Jahren war: nicht viel mehr, als ein Gewirr kleiner hölzerner 46 Häuschen, äußerst pittoresk wie Lampions, aber kaum weniger gebrechlich. Und nirgends ist gro- ßes Getriebe oder Geräusch, kein starker Verkehr, kein Drängen und Stoßen zu bemerken. Selbst in Tokio kann man, wenn man will, ländliche Stille genießen. Dieser Mangel sichtbarer und hörbarer Zeichen der neu entdeckten Kraft, die die Märkte des Abendlandes bedroht und die Landkarte des Ostens verändert, ruft einen seltsamen, ich möchte fast sagen, gespenstischen Eindruck hervor. Es ist beinahe dasselbe Gefühl, das einen überkommt, wenn man Meilen weit gepilgert ist, um ein japani- sches Heiligtum zu sehen, und dann nichts findet als Öde, Schweigen und Einsamkeit, ^ ein geisterhaftes, leeres Holzgebilde, das in tausendjährigem Schatten modert. Die Kraft Japans bedarf gleich der Kraft seines uralten Glaubens keiner großen Manifesta- tionen. Beide wurzeln da, wo die echte Kraft jedes großen Volkes wurzelt: in dem Geist der Rasse. Während ich in Gedanken versunken dasitze, taucht die Erinnerung an eine Stadt vor mir auf, eine himmelragende Stadt, die brüllt und tobt wie ein Meer. Zuerst höre ich nur ihr brandendes Tosen, dann gestaltet sich die Vision: Ich sehe einen Ab- grund, der einer Straße gleicht, zwischen Bergen, die aus Häusern bestehen. Ich bin müde, denn ich bin viele Meilen zwischen diesen Steinabgründen gewan- dert, und doch hat mein Fuß keine Erde betreten, sondern nur Steinblöcke, und ich habe nichts gehört, 47 als tosenden Lärm. Ich weiß, tief unter diesen Stein- straßen ist eine unterirdische Welt: ein System von Leitungen für Wasser, Beleuchtung und Dampfan- lagen. Auf jeder Seite türmen sich Fassaden, von Fensterreihen durchschnitten — architektonische Fel- sen, die die Sonne ausschließen. Darüber ist der blaue Himmelsstreifen von feinen Linien durchkreuzt — einem verschlungenen Netz von Telegraphendräh- ten. In jenem Häuserblock zur Rechten wohnen neuntausend Seelen; die Mieter des gegenüber- liegenden zahlen die jährliche Miete von einer Mil- lion Dollars. Sieben Millionen würden nicht ge- nügen, die Kosten jener Steinkolosse zu bezahlen, die den Square drüben beschatten, und es gibt ihrer so viele, daß sie sich auf Meilen erstrecken. Stiegen- aufgänge aus Stahl und Zement, aus Messing und Stein mit kostbaren Balustraden, führen über zehn und zwanzig Stockwerke hinauf, aber kein Fuß be- tritt sie. Durch Elektrizität und Dampf werden die Menschen hinauf und hinab befördert, die Höhen sind zu schwindelnd, die Entfernungen zu groß, um sie zu Fuß zurückzulegen. Mein Freund, der fünftausend Dollars Miete für seine Wohnung im vierzehnten Stockwerke eines solchen Monstrums be- zahlt, hat seinen Stiegenaufgang nie betreten. Ich gehe nur aus Neugierde zu Fuß, sonst täte ich es nicht, denn die Entfernungen sind zu ungeheuer, die Zeit zu kostbar für solch eine langsame Beförderung. Die Menschen fahren von Bezirk zu Bezirk, vom Haus ins Bureau, per Dampf. Die Stimme kann sich durch die kolossale Höhe nicht vernehmlich machen. Be- fehle und Anordnungen werden durch das Telephon D 48 gegeben und entgegengenommen. Aus der Ferne wirkende Elektrizität öffnet die Türen, — ein Druck, und Hunderte von Zimmern werden erleuchtet oder geheizt. Aber all dies Ungeheure hat den Charakter der Härte und Unerbittlichkeit. Es ist die gigantische, für Utilitätszwecke der Dauerhaftigkeit angewendete mathematische Kraft. Diese kolossalen Anhäufungen von Palästen, Warenhäusern und Geschäflsnieder- lagen sind nicht schön, sondern unheimlich. Man fühlt sich schon beklommen durch den bloßen Gedanken an die Kraft, und das Leben, das sie geschaffen hat, ein Leben ohne Gemeingefühl, und eine Kraft ohne Mitleid. Sie sind der architek- tonische Ausdruck des neuen Industriezeitalters. Und der Donner der Hufe und das Getöse der Räder hallt ununterbrochen fort. Will man an seinen Nach- bar eine Frage richten, muß man sie ihm ins Ohr schreien. Es bedarf der Erfahrung, um sich in die- sem Chaos zurechtzufinden oder verständlich zu machen. Dem Neuling ist zumute, als wäre er in eine Panik, einen Wirbelsturm, einen Cyklon geraten. Und dennoch bedeutet dies alles nur: Ordnung. Kurz zusammengefaßt: wir bauen für die Ewig- keit, die Japaner für die Vergänglichkeit. Von den Dingen, die für den täglichen Gebrauch bestimmt sind, werden in Japan nur wenige im Hinblick auf ihre Dauerhaftigkeit verfertigt. Die abgenutzten Stroh- sandalen werden an jeder Reisestation durch neue er- 49 4 setzt ; die Kleider bestehen aus einzelnen Stoffstücken, die mit großen Stichen zusammengeheftet und für die Wäsche mühelos wieder auseinandergetrennt werden können ; im Gasthaus erhält jeder Gast neue Eßstäbchen; die leichten Shojirahmen dienen zu- gleich als Fenster und Wände und werden zweimal im Jahre neu bespannt, die Fußbodenmatten jeden Herbst erneuert, alles dies sind nur aufs Gerate- wohl herausgegriffene Beispiele aus zahllosen klei- nen Dingen im japanischen Leben, die die Fähigkeit der Nation, sich mit dem Undauerhaften zu be- gnügen, beweisen. Was ist die Geschichte eines gewöhnlichen ja- panischen Wohnhauses? Wenn ich des Morgens mein Heim verlasse, sehe ich an der nächsten Straßenecke, wie einige Männer an einer freien Stelle Bambuspfähle aufrichten. Bei meiner Rückkehr, nach fünf Stunden, finde ich an derselben Stelle das Ge- rüst eines zweistöckigen Häuschens. Am nächsten Vormittag sehe ich, daß die Mauern — mit Lehm über- strichenes Flechtwerk, — beinahe fertig sind. Bei Sonnenuntergang ist das Haus schon unter Dach. Am folgenden Morgen sehe ich die Matten schon ge- spannt, und die innere Verputzarbeit schon beendet, und in fünf Tagen ist das Haus fix und fertig. Dies ist freilich ein wohlfeil hergestelltes Haus, ein feineres würde weit mehr Zeit und Kosten erfor- dern. Aber japanische Städte bestehen zumeist aus solchen einfachen Häusern. Sie sind ebenso billig, als sie einfach sind. Ich kann mich nun nicht mehr entsinnen, wo ich zuerst die Bemerkung las, die Kurve eines chine- 50 sischen Daches bewahre die Erinnerung an das no- madische Zelt. Diese Idee verfolgte mich lange, nach- dem mir undankbarerweise der Name des Buchs entfallen war, aus dem ich diese Anregung geschöpft hatte. Und als ich zum erstenmal in Izumo die eigen- tümliche Struktur eines Shintotempels erblickte, mit den seltsamen Kreuzvorsprüngen an seinen ge- giebelten Enden und seinen Dachfirsten, drängte sich mir die Hypothese des vergessenen Essayisten wieder auf. Aber in Japan weist außer den primitiven archi- tektonischen Traditionen noch vieles sonst auf eine nomadische Abkunft der Rasse hin. Überall und immer fehlt das, was wir Solidität nennen, und das ganze äußere Leben trägt, mit Ausnahme der Tracht der ländlichen Bevölkerung und ihrer unveränderten Handwerkszeuge, das charakteristische Merkmal der Vergänglichkeit. Ganz abgesehen davon, daß es während des verhältnismäßig kurzen historischen Zeitraums, den wir in der geschriebenen Geschichte von Japan aufgezeichnet finden, mehr als sechzig Hauptstädte gegeben hat, von denen viele gänzlich vom Erdboden verschwunden sind, darf man kühn behaupten, daß jede japanische Stadt innerhalb einer Generation von Grund aus umgebaut wurde. Einige Tempel und einige kolossale Festungen machen eine Ausnahme davon. Zum Teil ist dieser Umstand auf Feuersbrünste und Erdbeben zurückzuführen, hauptsächlich hat er aber darin seinen Grund, daß die Häuser nicht für die Dauer erbaut werden. Das gemeine Volk hat keinen ererbten Hausbesitz. Der teuerste Fleck Erde ist für alle die Grabstätte, nicht 51 die Wohnstätte, und es gibt wenig Bleibendes im Lande außer den Grüften der Toten und dem Sitz; der alten Heiligtümer. Das Land selbst ist ein Land der Unbeständig- keit. Flüsse verändern ihren Lauf, Küsten ihren Umriß, Ebenen ihr Niveau, vulkanische Berge er- heben sich und zerfallen, Täler werden durch Lava- fluten oder Erdrutsche ausgefüllt, Seen bilden sich und versiegen wieder. Selbst der unvergleichliche Gipfel des Fuyi, jenes schneebedeckten Wunders, das die heimischen Künstler seit Jahrhunderten be- geistert, soll seine Form schon in der Zeit meines Aufenthaltes im Lande verändert, und nicht wenig andere Berge sollen in derselben kurzen Zeit sogar eine völlig andere Gestalt angenommen haben. Nur die allgemeinen Linien des Landes, der Hauptcharak- ter der Natur bleiben. Selbst die Schönheit der Landschaft ist gleichsam ein Trugbild, eine Schön- heit irisierender Farben und wallender Nebel. Nur wer wirklich die Landschaft kennt, kann ermessen, wie gut die neckischen Bergnebel Verwandlungen veranschaulichen, die sich schon vollzogen haben, und wie mystisch sie Veränderungen vorspiegeln, die sich künftig in der Geschichte des Archipels vollziehen werden. Die Götter sind das Bleibende. Nach wie vor umschweben sie ihre Wohnstätten auf den Hügeln und verbreiten stille Andacht in dem Dämmer ihrer Haine, vielleicht gerade weil sie ohne Form und Substanz sind. Ihre Altäre fallen selten der Ver- gessenheit anheim wie die Wohnstätten der Men- schen. Aber jeder Shintotempel muß unbedingt in 52 kürzeren oder längeren Inten'allen umgebaut und das Allerheiligste, der Schrein der Ise, nach altem Gebot alle zwanzig Jahre niedergerissen werden. Sein Holz wird in Tausenden von kleinen Amuletten an die Pilger verteilt. Der Buddhismus mit seiner Lehre von der Un- beständigkeit alles Seins kam aus dem arischen In- dien über China nach Japan. Die Erbauer der ersten buddhistischen Tem- pel in Japan gehörten einer anderen Rasse an und bauten gediegen: dafür zeugen die chinesischen Bauten in Kamakura, die so viele Jahrhunderte über- dauert haben, während von der großen Stadt, die sie einst umgab, keine Spur zurückgeblieben ist. Aber der psychologische Einfluß des Buddhismus war nicht geeignet, in irgend einem Lande Schätzung materieller Stabilität aufkommen zu lassen. Die Lehre, daß das Weltall eine Illusion, das Leben nur eine flüchtige Episode einer unendlichen Reise sei, daß man jede Anhänglichkeit an Menschen, Orte und Dinge mit Kummer und Leiden bezahlen müsse, daß nur Unterdrückung jedes Wunsches — selbst des Wunsches nach Nirvana, — der Menschheit zum ewigen Frieden verhelfen könne, harmonierte sicher- lich mit dem alten Rasseempfinden. Obgleich die breiten Massen des Volkes nie in die tiefere Philo- sophie des fremden Glaubens eindrangen, muß seine Lehre von der Wandelbarkeit aller Dinge im Ver- laufe der Zeit doch den nationalen Charakter tief beeinflußt haben. Sie erklärte und tröstete, sie ver- lieh die Kraft, alles Ungemach tapfer zu ertragen, sie stählte jene Geduld, die ein Charakterzug der 53 Rasse ist. Selbst in der Kunst, die der buddliistische Einfluß entwickelt — wenn nicht gar geschaffen — hat, hat die Lehre der Vergänglichkeit ihre Spuren hinterlassen. Der Buddhismus lehrt, die Welt sei ein Traum, eine Illusion, eine Phantasmagorie ; aber er lehrte auch die Menschen, die vorübereilenden Ein- drücke dieses Traumes zu erfassen, und sie in Be- ziehung zu der höchsten Wahrheit zu deuten. Und sie waren gelehrige Schüler. In der strahlenden Pracht der Blütenentfaltung des Lenzes, in den wechselnden Jahreszeiten, in dem Purpur des welkenden Herbst- laubes, in der geisterhaften Schönheit des Schnees, in dem phantastisch geheimnisvollen Wallen der Flu- ten und Wolken, erblickten sie alte Parabeln von ewiger Bedeutung. Selbst ihr Unglück, — Feuers- brünste, Überschwemmungen, Erdbeben, Pest — kündete ihnen stets wieder die Lehre des ewigen Ver- gehens. Was in der Zeitlichkeit lebt, muß vergehen. Die Wälder, die Berge — alle Dinge. Der sterblichen Zeit verfällt alles, was wünscht. Die Sonne und der Mond, Sakra selbst, mit seinem Trabantengefolge, alle werden sie ausnahms- los vergehen; da ist nicht einer, der bestehen wird. Im Anfange waren alle Dinge miteinander ver- bunden, — später trennten sie sich wieder: Neue Zusammensetzungen geben neuen Substanzen Ur- sprung, denn in der Natur gibt es keinen einheit- lichen, bestehenden Grundstoff. Alle zusammengesetzten Dinge müssen altern; unbeständig sind alle zusammengesetzten Dinge. Bis zum kleinsten Sesamkörnchen gibt es keine Zusam- 54 mensetzung, die beständig wäre. Alles ist ver- gänglich. Angeborene Sterblichkeit haftet allen Dingen an. Alle zusammengesetzten Dinge sind ausnahms- los unbeständig, unsicher, wertlos, vergänglich, zer- fallend; sie sind zufällig wie Spiegelbilder, wie Traumgesichte, wie Schaum ... So wie alle irdi- schen Tongefäße schließlich in Scherben zersplittern, so endet auch das Leben der Menschen. Und ein Glaube an das Dasein der Materie ist sinnlos und unmöglich auszudrücken, er ist weder ein Ding noch ein Unding: und das wissen auch Kinder und unkundige Menschen. D D D D D D Doch es lohnt wohl der Mühe, zu ergründen, ob nicht gerade diese Undauerhaftigkeit und dieser kleine Maßstab irgendwelche EigentümUchkeiten be- sitzen, die vorteilhaft auf die Gestaltung des japa- nischen Lebens eingewirkt haben. Nichts ist charakteristischer für dieses Leben als sein ewiges Fluktuieren, Die japanische Bevölke- rung repräsentiert ein Medium, dessen Partikel in permanenter Zirkulation sind. Die Bewegung an sich ist eigentümlich. Sie ist umfassender und ex- zentrischer, als die einer abendländischen Bevölkerung. Sie ist auch spontaner, so spontan, daß sie in der westlichen Zivilisation nicht möglich wäre. Das Ver- hältnis zwischen der Beweglichkeit der Japaner und der der Europäer könnte durch einen Vergleich zwi- schen den Geschwindigkeitsgraden gewisser hoher 55 und gewisser niedriger Vibrationen veranschaulicht werden. Aber der hohe Geschwindigkeitsgrad würde bei einem solchen Vergleiche das Resultat einer künstlichen Kraft repräsentieren, was hingegen bei der langsamen Vibration nicht der Fall wäre. Und dieser Artunterschied würde mehr bedeuten, als man aus oberflächlichen Andeutungen entnehmen kann. Nach einer Richtung mögen sich die Amerikaner mit Recht für große Reisende halten. In anderer Richtung trifft es sicherlich nicht zu. Der ameri- kanische Mann aus dem Volke kann sich darin keineswegs mit dem Japaner derselben Klasse mes- sen. Und vergleicht man die Beweglichkeit ver- schiedener Völker, so muß man natürlich in erster Linie die breiten Massen in Betracht ziehen, die Ar- beiter, nicht bloß die kleine Klasse der Bemittelten. Die Japaner sind in ihrem eigenen Lande die größten Reisenden unter allen zivilisierten Völkern. Sie sind die größten Reisenden, da selbst ihr Land, das bloß aus Bergketten besteht, für sie kein Hindernis bil- det. Die Japaner, die am meisten reisen, rekru- tieren sich aus der Klasse, die zu ihrer Beförderung Eisenbahnen und Dampfschiffe nicht benötigt. Bei uns ist nun aber der gewöhnliche Arbeiter unvergleichlich weniger frei, als der gewöhnliche Ar- beiter in Japan. Er ist weniger frei, durch den un- endlich komplizierteren Mechanismus der abendlän- dischen Gesellschaft, deren Kräfte auf Zusammen- schluß und Concentration hinarbeiten. Er ist weniger frei, weil die soziale und in- dustrielle Maschinerie, von der er abhängt, ihn nach ihren eigenen bestimmten Bedürfnissen ummodelt, 56 und immer so, daß sie in ihm spezielle Fähigkeiten ausbildet auf Kosten anderer inhärenter Fähigkeiten. Er ist weniger frei, weil er eine Lebenshaltung bei- behalten muß, die es ihm unmöglich macht, durch Sparsamkeit allein ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen. Um sich unabhängig zu machen, muß er einen exzeptionellen Charakter und exzeptionelle Fähigkeiten haben, durch die er den vielen Tau- send Konkurrenten überlegen ist, die ebenso begie- rig sind, sich demselben Joche zu entringen. Kurz, er ist weniger frei, weil der spezielle Charakter sei- ner Zivilisation seine natürliche Fähigkeit lähmt, ohne Zuhilfenahme von Maschinen und Kapital leben zu können. Aber ein solches künstliches Leben bedeu- tet früher oder später eine Einbuße der unabhän- gigen Bewegungsfreiheit. Ehe ein Abendländer sich zu einem Ortswechsel entschließt, hat er gar vieles zu bedenken; der Japaner wird von solchen Sor- gen nicht angefochten. Er verläßt einfach den Ort, der ihm nicht mehr zusagt, und begibt sich an einen ihm genehmen, ohne weiteres Kopfzerbrechen. Er ist durch nichts behindert. Für ihn ist Armut kein Hemmnis, vielmehr ein Ansporn. Er besitzt kein be- wegliches Eigentum, oder wenigstens nur ein solches, über das er in wenigen Minuten verfügen kann. Entfernungen haben für ihn keine Bedeutung. Die Natur hat ihn mit vollkommen wohlgebildeten Füßen begabt, die ihn mit Leichtigkeit fünfzig englische Mei- len täglich zurücklegen lassen. Sein Magen ist so be- schaffen, daß er bei einer kärglichen Kost, von der ein Europäer nicht leben könnte, genügende Ernäh- rung findet. Seine Konstitution ist gegen Hitze, Kälte 57 und Nässe gleich widerstandsfähig, weil er sich noch nicht durch ungesunde Kleidung, überflüssigen Kom- fort und den Gebrauch, Wärme bei Öfen und Ka- minen zu suchen, und vor allem durch die Gewohn- heit, Schuhe aus Leder zu tragen, verweichlicht hat. Es scheint mir überhaupt, daß die Art unserer Fußbekleidung größeren Einfluß übt, als man ge- meiniglich anzunehmen pflegt. Die abendländische Fußbekleidung ist an sich ein Hemmnis der indivi- duellen Freiheit. Sie ist es schon durch ihre Kost- spieligkeit, — aber weit mehr noch durch ihre Form. Sie hat den abendländischen Fuß aus seiner ur- sprünglichen Gestalt zu etwas Zweckwidrigem ver- stümmelt, das ihn zum Gehen untauglich macht. Die physischen Folgen beschränken sich nicht auf die Füße. Was, sei's direkt oder indirekt, als eine Hem- mung auf die Organe der Fortbewegung wirkt, muß seinen Einfluß auf die ganze physische Konstitution erstrecken. Aber macht das Übel da Halt? Vielleicht kommt unsere Bereitwilligkeit, uns den absurden Konventionen unserer Zivilisation zu unterwerfen, da- her, daß wir uns so lange der Tyrannei der Schuh- macher unterworfen haben. Unsere Staatskunst, un- sere soziale Ethik, unsere Religionen, mögen viele Schwächen aufweisen, die mehr oder weniger mit unserer Gewohnheit, Lederschuhe zu tragen, zusam- menhängen. Die Duldsamkeit gegenüber einer körper- lichen Verkrüppelung muß zur Entwicklung der Nach- sicht gegenüber seelischer Unterdrückung beitragen. Der japanische Mann aus dem Volke, dieser geschickte Handwerker, der imstande ist, mühelos 58 jeden abendländischen Handwerker in demselben Industriezweig zu unterbieten, war so glücklich, von der Schuster- und Schneiderplage verschont zu bleiben. Seine Füße sind schön, sein Körper ge- sund, sein Sinn frei. Gefällt es ihm, hundert Mei- len weit fortzureisen, kann er sich für seine Fahrt in fünf Minuten bereit machen, seine ganze Aus- rüstung braucht nicht mehr als fünf Cents zu kosten, und sein ganzes Gepäck kann in einem Sacktuch untergebracht werden. Mit zehn Dollars kann er ein ganzes Jahr lang reiben ohne arbeiten zu müssen, oder er kann einfach seine Reisekosten durch Arbeit verdienen, aber er kann auch als Pilger reisen. Man mag einwenden, jeder Wilde könne dasselbe tun. Zugegeben, — aber jeder zivilisierte Mensch vermag es nicht, — und der Japaner ist seit min- destens tausend Jahren ein hochzivilisierter Mensch. Daher seine jetzige Befähigung, den abendländischen Markt zu bedrohen. Wir waren allzusehr gewöhnt, diese Art frei- zügige Beweglichkeit mit dem Leben unserer Bett- ler und Landstreicher daheim zu vergleichen, als daß wir imstande wären, sie nach ihrem richtigen Werte zu schätzen. Wir haben uns auch gewöhnt, dies Wanderleben in unangenehme Zusammenhänge mit Unreinlichkeit und üblen Gerüchen zu bringen. Aber wie Professor Chamberlain treffend sagt: „Eine japanische Volksmasse ist die wohlriechendste in der Welt." Der japanische „Landstreicher" nimmt täglich sein warmes Bad, solange er auch nur über den Bruchteil eines Cents verfügt, und tut er dies nicht, dann begnügt er sich mit einem kalten. Sein klei- 59 nes Bündel enthält Kämme, Zahnstocher, Rasierzeug und Zahnbürsten. Er vernachlässigt sich nie. An sei- nem Bestimmungsort angekommen, verwandelt er sich in einen Reisenden von gefälligen Manieren und tadelloser, wenn auch schlichter Erscheinung.^ Die Fähigkeit, ohne Möbel, ohne Habe und mit einem ganz minimalen Kleidervorrat zu existieren, ist nicht nur ein Beweis der Überlegenheit der japani- schen Rasse im Kampf ums Dasein, sondern offen- bart den wahren Charakter einiger Schwächen un« serer eigenen Zivilisation. Sie veranlaßt uns, uns über die nutzlose Mannigfaltigkeitunserer eigenen täglichen Bedürfnisse klar zu werden. Wir können uns nicht ohne Fleisch, Brot und Butter behelfen, ohne Glasfenster und Öfen, ohne Hüte und weiße Hemden, ohne Kof- fer und Schachteln, Bettstellen und Matratzen, La- ken, Polster und Decken — und all dies und ande- res mehr kann der Japaner missen und ist dabei in Wahrheit besser dran. Man bedenke doch, welche wichtige Rolle in der abendländischen Toilette dem Stärkhemd eingeräumt ist. Und dennoch ist dieses Leinenhemd, — das sogenannte Kennzeichen des Gentleman, — an sich ein nutzloses Kleidungsstück. Es gibt weder Wärme, noch ist es bequem. Es re- präsentiert in unserer Kleidung das Überbleibsel eines Etwas, das einst eine luxuriöse Klassendistink- tion war, aber heute sinnlos und unnütz ist, wie die Knöpfe, die man an die Außenseite unserer Paletot- ärmel näht. DDDDDDDDDDDDDa D Das Fehlen großer Denkmäler zur Erinnerung an die wirklich großen Dinge, die Japan vollbracht hat, ist bezeichnend für den merkwürdigen Ent- wicklungsgang seiner Zivilisation. Japan produ- ziert ohne Kapital, in unserem Sinne des Wortes. Es ist ein Industrieland geworden, ohne daß seine Kultur wesentlich mechanisch und artifi- ziell wurde. Die große Reisernte wird in Mil- lionen winziger Farmen gezogen; die große Sei- denernte in Millionen kleiner Hütten; die Teeernte wächst auf zahllosen winzigen Grundstücken. Kommt man nach Kyoto, um bei einem der größten Por- zellanerzeuger der Welt eine Bestellung zu machen, wird man finden, daß diese Waren, die man in Lon- don und Paris besser kennt als im Lande selbst, in einer hölzernen Hütte erzeugt werden, in der kein amerikanischer Bauer leben wollte. Der größte Er- zeuger von Cloisonnevasen, der für einen fünf Zoll hohen Gegenstand zweihundert Dollars verlangen kann, vollbringt seine Wunder in einem zweistöcki- gen Rahmenhaus, das vielleicht kaum sechs kleine Stübchen enthält. Die schönen im ganzen Lande berühmten Seidengürtel werden in Häusern gewebt, deren Errichtung keine fünfhundert Dollars kostete. Natürlich sind sie Handarbeit. Aber selbst Fabrikswebereien, die mit der Maschine betrieben werden, — und dies zwar so gut, daß sie weit größere abendländische Unternehmungen über- treffen, — sind mit wenigen Ausnahmen, kaum im- ponierender. Es sind langgestreckte, niedrige, ein- oder zweistöckige Holzschuppen, deren Erbauung etwa so viel kostet, als bei uns ein paar Holzställe. 61 Aber aus diesen Hütten gehen Seidenwaren hervor, die auf allen Weltmärkten verbreitet sind. Manch- mal kann man nur durch das Surren der Maschinen eine Fabrik von einer alten Yashiki, oder einem alten japanischen Schulhaus unterscheiden, es sei denn, daß man die chinesische Inschrift über dem Gartentor zu deuten vermag. Es existieren w^ohl einige große, aus Ziegelsteinen erbaute Fabriken und Brauereien ; aber es sind ihrer nur wenige, und ob- gleich sie den fremden Ansiedelungen ganz nahe- gerückt sind, wirken sie doch in der Landschaft als eine Art Anachronismus. Unsere eigenen Riesengebäude und Maschinen- monstren sind aus großen Kapitalsvereinigungen hervorgegangen. Aber im fernen Osten gibt es keine derartigen Assoziationen, ja, das hierfür erforder- liche Kapital ist überhaupt nicht vorhanden. Und selbst gesetzt, es würde sich in Japan im Verlauf von Generationen eine Kapitalistenvereinigung bil- den, so wäre doch die Errichtung solcher architek- tonischer Monstrositäten nicht zu befürchten. Selbst zweistöckige Ziegelgebäude haben sich in den Haupthandelszentren nicht als praktisch erwiesen. Es ist, als ob die häufigen Erdbeben Japan zu der Beibehaltung der ursprünglichen Einfachheit der Bauart zwängen. Die Beschaffenheit des Bodens selbst sträubt sich gegen die Einführung der abendländischen Architektur und stemmt sich gelegentlich gegen die neuen Verkehrswege durch die Zerstörung ganzer Schienenstränge. Nicht nur die Industrie ist in dieser Weise un- organisiert, sondern auch das ganze Regierungs- 62 System weist einen ähnlichen Zustand auf. Fest- stehend ist nur der Thron. Die Staatsregierung ist in fortwährendem Wechsel begriffen. Minister, Statt- halter, Oberaufseher, Inspektoren, alle hohen Mi- litärs und Staatswürdenträger werden in überaus schnellen Zeiträumen abgesetzt, und eine Menge Unterbeamten fallen jedesmal mit ihnen. Die Provinz, in der ich die ersten zwölf Monate meines japanischen Aufenthaltes zubrachte, hat in fünf Jahren vier verschiedene Gouverneure gehabt. Während meines Aufenthaltes in Kumamoto vor Ausbruch des Krieges wurde der militärische Ober- befehl an diesem wichtigen Posten dreimal gewech- selt. Die höchste staatliche Lehranstalt hatte in drei Jahren drei Direktoren. Auf dem Erziehungsgebiete insbesonders war der Wechsel ein ganz phänome- naler. Während meines dortigen Aufenthaltes lösten nicht weniger als fünf Unterrichtsminister einander ab, und mehr als fünf verschiedene Unterrichtssysteme kamen zur Anwendung. Die sechsundzwanzig- tausend öffentlichen Schulen sind so abhängig von den lokalen Behörden, daß, wenn sich auch kein an- derer Einfluß geltend machen würde, ein konstanter Wechsel unvermeidlich wäre, eben wegen des Wech- sels der Behörden. Direktoren und Lehrer werden von Posten zu Posten versetzt. Es gibt da Männer von kaum dreißig Jahren, die beinahe in allen Pro- vinzen des Landes unterrichtet haben. Es ist fast ein Wunder zu nennen, daß unter solchen Verhältnissen ein Unterrichtssystem so gute und dauernde Re- sultate erzielen konnte. D Wir sind gewohnt von der Ansicht auszugehen, 63 daß ein gewisses Maß von Stabilität für jeden wah- ren Fortschritt und jede Entwicklung unerläßlich sei. Aber Japan hat den Beweis erbracht, daß eine große Entwicklung ohne jegliche Stabilität möglich ist. Die Erklärung hierfür liegt im Rassecharakter, der dem unserigen diametral entgegengesetzt ist. Durch und durch beweglich und durch und durch im- pressionabel, hat dieses Volk einmütig große Ziele angestrebt und sich darein gefügt, daß die ganze Masse seiner vierzig Millionen Einwohner nach den Ideen seiner Herrscher geformt wird, wie das Wasser oder der Sand vom Winde. Und diese gefügige Bildsamkeit beruht auf einer Folge von Eigen- schaften, die zu allen Zeiten das geistige Leben des Volkes ausgezeichnet haben: auf ihrer außer- ordentlichen Selbstlosigkeit, ihrer unerschütterlichen Loyalität. Der relative Mangel des individuellen Egoismus im Nationalcharakter war die Rettung des Kaiserreiches, hat ein großes Volk in stand gesetzt, seine Unabhängigkeit gegenüber einer un- geheuren Übermacht zu behaupten. Deshalb schuldet Japan den zwei Begründern seiner Religionen die größte Dankbarkeit: dem Shintoismus, der lehrt, daß der Mensch an Kaiser und Reich denken müsse, ehe er an sich und seine Angehörigen, denken dürfe, und dem Buddhismus, der ihn dazu erzog, zu ent- sagen, sich zu verleugnen, Leiden zu ertragen und den Verlust der Dinge, die wir lieben, und die Ab- hängigkeit von den Dingen, die wir hassen, als ein unabänderliches Gesetz hinzunehmen. Heutzutage macht sich eine sichtliche Tendenz zu größerer Stabilität geltend, ein Streben, das zu o 64 einem ebensolchen Bureaukratismus führen kann, wie er sich als der Fluch und die Schwäche Chinas erwiesen hat. Die moralischen Resultate des neu- eingeführten Erziehungssystems haben den ma- teriellen Errungenschaften nicht entsprochen. Der Vorwurf des Mangels an „Individualität" (in der üblichen Bedeutung unverfälschter Selbst- sucht) wird gegen die Japaner des nächsten Jahrhunderts kaum erhoben werden. Selbst die Aufsätze der Studenten spiegeln bereits die neue Weltanschauung des aggressiven Egoismus wieder. „Die Wandelbarkeit," — schreibt ein Schüler mit leisem Anklang an den Buddhismus, „ist das We- sen unseres Lebens. Wir sehen oft Leute, die gestern reich waren und heute arm sind. Dies ist das Resultat, das nach den Entwicklungsgesetzen der Wettbewerb hervorbringt. Wir können uns diesem Wettbewerb nicht entziehen, wir müssen einander be- kämpfen, selbst wenn wir es nicht wollen. Mit wel- cher Waffe werden wir kämpfen? Mit der Waffe der Wissenschaft, geschmiedet durch die Erziehung." Nun, es gibt zwei Arten, seine Persönlichkeit auszubilden: eine führt zur ausschließlichen Ent- wicklung der edlen Eigenschaften, und die andere be- deutet etwas, wovon es am besten ist, so wenig als möglich zu sprechen. Aber es ist nicht die er- stere, die das neue Japan jetzt zu studieren beginnt. Ich gestehe, zu jenen zu gehören, die der Ansicht sind, daß das menschliche Herz selbst in der Ge- schichte der Rasse mehr zu bedeuten hat als der In- tellekt, und daß es sich früher oder später zeigen wird, daß das Herz die grausamen Fragen der Le- 65 5 benssphinx besser zu lösen vermag, als der Intel- lekt. Ich glaube noch immer, daß die alten Japaner der Lösung dieser Rätsel näher standen, weil sie die moralische Schönheit als etwas Höheres an- sahen, als die intellektuelle . . . Und zum Schluß möchte ich aus einem Artikel über Erziehung von Ferdinand Brunetiere, folgendes zitieren: „Alle unsere erziehlichen Maßnahmen werden sich als vergeblich erweisen, wenn wir uns nicht der Richtigkeit von Lamennais' schönem Ausspruch bewußt werden: ,Die menschliche Gesellschaft be- ruht auf dem gegenseitigen Geben, oder der Opfer- willigkeit des einen für den anderen, oder jedes einzelnen für alle. Die Aufopferungsfähigkeit ist der Kern des wahren Gesellschaftslebens/ Bisher haben wir das fast ein Jahrhundert lang außer acht ge- lassen, und nun haben wir es aufs neue zu lernen. Ohne daß dieses Prinzip anerkannt wird, kann es keine Gesellschaft und Erziehung geben, zum min- desten nicht, wenn das Ziel der Erziehung dahin geht, Menschen für die Gesellschaft zu bilden . . . Der Individualismus ist heutzutage der Feind der Erziehung, wie er auch zugleich der Feind der sozialen Ordnung ist. Es war nicht immer so, aber es ist so geworden. Es wird nicht immer so sein, aber jetzt ist es so. Und ohne die Ausrottung des Individualismus zu wollen, — was aus einem Extrem in das andere verfallen hieße, — müssen wir erkennen, daß, was immer wir für die Familie, die Gesellschaft, die Erziehung und das Vaterland tun wollen, die Bekämpfung des Individualismus das erste Ziel sein muß." D DD DaDDaDD 66 ESTERN meldete ein Telegramm aus Fukuoka, daß dort ein großer Ver- Ibrecher festgenommen worden sei, der Jmit dem heutigen Mittagszuge zur Hin- ^oM/o/^Brichtung nach Kumamoto gebracht wer- den solle. Man hatte Polizisten entsendet, um den Missetäter in Gewahrsam zu nehmen. Vor vier Jahren war ein verwegener Dieb des Nachts in ein Haus der Ringerstraße eingebrochen, hatte die Bewohner überwältigt und gebunden und war mit einer Menge Kostbarkeiten entflohen. Dem geschickten Spürsinn der Polizei gelang es, ihn inner- halb vierundzwanzig Stunden festzunehmen, noch ehe er imstande war, seinen Raub in Sicherheit zu bringen. Aber auf dem Wege ins Gefängnis glückte es ihm, seine Fesseln zu sprengen, blitzschnell riß er dem Polizisten das Schwert von der Seite, tötete ihn damit und entfloh. Inzwischen hatte man nichts mehr von ihm gesehen und gehört, bis zu dieser Woche. Als nämlich ein Polizeibeamter zufällig das Ge- fängnis in Fukuoka besuchte, fiel ihm in der dor- tigen Arbeitsabteilung ein Gesicht auf, das sich vor vier Jahren seinem Gedächtnis unauslöschlich einge- prägt hatte. „Wer ist dieser Mann?** fragte der Polizeibeamte. „Ein Dieb," lautete die Antwort, „der hier unter dem Namen Kusabe eingetragen ist." Der Detektiv schritt auf den Gefangenen zu und sagte: „Sie heißen nicht Kusabe! — Nomura Teichi, Sie sind in Kumamoto des Mordes bezichtigt." Der Verbrecher gestand alles. ODDDDDDDD 68 D Ich begab mich mit einer großen Volksmenge zur Bahnhofstation, um Zeuge der Ankunft zu sein. Ich erwartete Zornausbrüche zu sehen und zu hören, ja, ich fürchtete sogar Tätlichkeiten. Der Ermordete war sehr beliebt gewesen, sicherlich würden seine An- gehörigen unter der Menge sein — und eine Volks- menge in Kumamoto ist nicht sehr sanftmütig. Ich glaubte auch ein großes Polizeiaufgebot zu finden, meine Voraussetzungen waren irrig. Als der Zug hielt, spielte sich nur die gewohnte geräuschvolle und eilige Ankunftsszene ab: man hörte das lärmende Treiben der zahllosen Reisenden, die aneinander vorbeihasteten, und die Rufe der klei- nen Verkäufer, die Zeitungen und Kumamotolimo- nade ausboten. Wir warteten etwa fünf Minuten hin- ter der Barriere. Dann von dem Polizisten durch die Tür geschoben, erschien der Gefangene, eine stäm- mige wilde Gestalt. Sein Kopf war geneigt, die Hände waren auf dem Rücken festgebunden. Der Gefan- gene und sein Wächter blieben an der Tür stehen, und das Volk drängte nach vorwärts, um zu sehen, aber alles schwieg. Nun rief der Polizeibeamte mit lauter vernehmlicher Stimme: „Sugihara San ! Sugihara O — Kibi ! Ist sie an- wesend?" Eine zarte kleine Frau mit einem Kind auf dem Rücken, die neben mir stand, antwortete: „Hai!" und ging einige Schritte durch die Menge vor. Es war die Witwe des Ermordeten, das Kind auf ihrem Rücken sein Söhnchen. Auf einen Wink des Polizeibeamten wich die Menge zurück und ließ um den Gefangenen und 69 seine Eskorte einen freien Raum. Dort stand die Witwe mit ihrem Knaben und blickte dem Mörder ins Antlitz. Es herrschte Totenstille. Nicht an die Frau wandte sich der Polizeibeamte, er wandte sich an das Kind, und er sprach leise, aber so deutlich, daß ich jede Silbe verstehen konnte: „Kindchen, dies ist der Mann, der deinen Vater getötet hat. Du warst noch nicht geboren, ruhtest noch im Mutterschoß. Daß du die Liebe eines Vaters entbehren mußt, ist das Werk dieses Mannes. Sieh ihn an," — hier faßte der Wärter den Gefan- genen barsch am Kinn und zwang ihn, aufzusehen — „sieh ihn gut an, kleiner Junge, fürchte dich nicht, es ist peinvoll, aber es ist deine Pflicht. Sieh ihn an!" Über die Schultern der Mutter blickte der Knabe mit weit geöffneten Augen, wie in Furcht, dann begann er zu schluchzen, dann stürzten Tränen aus seinen Augen, aber unverrückt und gehorsam, sahen sie unverwandt auf das zuckende Gesicht des Ge- fangenen. Die Menge schien nicht zu atmen. Ich sah, wie das Gesicht des Gefangenen sich verzerrte, — plötzlich warf er sich, ungeachtet sei- ner Fesseln, auf die Knie, schlug sein Gesicht auf den Boden, und mit einer Stimme, die in leiden- schaftlicher Reue erbebte und jedes Herz erschütterte, rief er: „Verzeih mir. Kleiner, verzeih mir! „Was ich tat, geschah nicht aus Haß, es ge- schah nur aus Furcht, in dem Wunsch, mich zu retten. Ich habe Furchtbares, Furchtbares an dir 70 verbrochen — aber nun werde ich mein Verbrechen sühnen, — ich gehe in den Tod — ich will sterben — ich sterbe gern — o Kleiner, sei erbarmungsvoll, — vergib mir!" Das Kind weinte noch immer schweigend. Der Gefangenwärter hob den schluchzenden Verbrecher vom Boden auf, die stumme Menge wich links und rechts zurück, um sie vorbeizulassen. Dann ganz un- versehens begann die ganze Menge zu schluchzen. Und als der gebräunte Wächter mir näher kam, sah ich, — was ich nie gesehen hatte, was wenige Men- schen je sehen — was ich wahrscheinlich nie wieder sehen werde, — Tränen in den Augen eines ja- panischen Polizisten. Die Menge zerstreute sich und ließ mich in Ge- danken über die seltsame Moral dieses Schauspiels zurück. Hier war unerschütterliche aber mitleidsvolle Gerechtigkeit, die dem Schuldigen das Bewußtsein sei- nes Verbrechens durch den pathetischen Anblick der natürlichen Folgen desselben vor Augen führte. Hier war verzweifelte Reue, die vor dem Tode nur noch Vergebung wollte. Und hier war eine Volksmasse, — vielleicht wenn sie gereizt wurde, die gefährlichste im ganzen Kaiserreich, — alles verstehend, allen Regungen der Rührung zugänglich, über die Zer- knirschung und Schmach des Gefangenen Genug- tuung empfindend, und doch nicht von blinder Rach- sucht erfüllt, sondern nur von großem Kummer über die Sünde, durch das schlichte intuitive Erfassen der Schwere des Lebens und der Schwäche der mensch- lichen Natur. D Aber das Bezeichnendste, weil für den Orient 71 am meisten Charakteristische in dieser Episode war, daß der Appell an das Gewissen sich an das Vater- gefühl in dem Verbrecher gewendet hatte — diese potentielle Liebe zum Kinde, die in der Seele jedes Japaners so tief gründet. Es gibt eine Geschichte, die von dem berüch- tigten Räuber Ishikawa Goemon erzählt, dieser sei bei dem nächtlichen Einbruch in einem Hause von dem Lächeln eines Kindes, das ihm seine Händchen entgegenstreckte, so bezaubert gewesen, daß er sein verbrecherisches Vorhaben völlig vergass und im Spiele mit dem Kinde so lange verweilte, daß er darüber den geeigneten Zeitpunkt zur Ausführung seines Anschlags versäumte. Diese Geschichte ist durchaus nicht unglaubhaft. Die Polizeiberichte erzählen jedes Jahr solche Züge des Mitleids und der Schonung von Berufsver- brechern Kindern gegenüber. Vor einigen Monaten berichteten Lokalblätter von einem schrecklichen Fall verruchter Abschlach- tung eines ganzen Haushalts. Sieben Personen waren im Schlafe förmlich zerstückelt worden. Aber die Polizei fand in einer Blutlache unversehrt ein schreiendes Kindchen, und es war unver- kennbar, daß der Mörder außerordentliche Sorgfalt aufgewendet haben mußte, um das Kind nicht zu verletzen. DDDDDDDaaDDDDDa 73 ^ >S INE Frau, die eine Samiseni in der l^^nwu? ^^"^ ^^^1* und von einem etwa sieben- ICWlM jährigen Knaben begleitet war, kam in - .^^n^ mein Haus, um zu singen. Sie trug ^M/M^tsS das Kleid einer Bäuerin und hatte ein blaues Tuch um den Kopf gewunden. Sie war häß- lich, und ihre natürliche Häßlichkeit wurde durch die grausame Entstellung durch Blatternarben noch erhöht. Das Kind trug ein Bündel gedruckter Lieder. Alsbald strömten Nachbarn in meinen Vorhof, — zumeist junge Mütter und Kindermädchen mit kleinen Kindern auf dem Rücken, aber auch alte Frauen und Männer, — die „Inkyos" der Umgegend. Auch die Jinrikshamänner kamen von ihren Stand- plätzen an der nächsten Straßenecke und nun war der ganze Raum überfüllt. Die Frau setzte sich auf meine Türschwelle nie- der, stimmte ihre Samisen, spielte einige Takte als Begleitung, und alsbald senkte sich ein Zauber- bann auf die Zuhörer, und sie starrten einander mit lächelndem Erstaunen an. Denn diesen häßlichen, entstellten Lippen ent- strömte eine wundersame Stimme, jung, tief, un- sagbar rührend in ihrer herzbewegenden Süßigkeit. „Ist's ein Weib oder eine Waldfee?" fragte einer der Zuhörer. — Nur ein Weib, — aber eine sehr große Künstlerin. Die Art, wie sie ihr Instrument hand- habte, hätte die geschulteste Geisha beschämt, aber wann hätte man je bei einer Geisha eine solche Stimme gefunden und ein solches Lied gehört? Sie sang, wie nur ein Landmann singen kann, mit vokalen Rhythmen, die sie vielleicht der Cicade, oder 74 der Nachtigall abgelauscht haben mochte, und mit Intervallen von halben und Vierteltönen, wie sie in der abendländischen Musiksprache niemals nieder- geschrieben v^orden sind. Und wie sie sang, begannen die Zuhörer leise zu weinen. Ich verstand die Worte nicht, aber ich fühlte, wie das Leid und die Anmut und die Ge- duld des japanischen Lebens mit ihrer Stimme sanft in mein Herz drangen, klagend nach etwas suchend, das nie darin gewesen. Eine unsichtbare ZärtUch- keit schien um mich zu schweben und zu vibrieren, und längst vergessene Orte und Zeiten tauchten sachte vor mir auf, verknüpft mit noch geheim- nisvolleren Gefühlen, — Gefühlen, losgelöst von Zeit und Raum. Dann sah ich, daß die Sängerin blind war. DDDDDDDGDDDDDD Als der Gesang verstummte, nahmen wir die Frau mit in das Haus und fragten sie nach ihrem Leben. Sie hatte einstmals bessere Tage gesehen und als junges Mädchen die Samisen spielen ge- lernt. Der kleine Knabe war ihr Sohn. Ihr Gatte war gelähmt, die Blattern hatten ihre Augen zer- stört. Aber sie war kräftig und konnte viele Mei- len gehen. Wenn der Kleine müde wurde, trug sie ihn auf ihrem Rücken. Sie war imstande, sowohl den bettlägerigen Gatten als auch das Kind zu er- halten, denn wann immer sie sang, wurden die Leute zu Tränen gerührt, und gaben ihr Kupfer- münzen und Essen. DDDDDDDDDDD 75 D Dies war ihre Geschichte. Wir gaben ihr etwas Geld und eine Mahlzeit, und sie ging, von ihrem Knaben geleitet, fort. DDDDDDDDDD Ich hatte ein Exemplar der Ballade gekauft, die von einem kürzlich stattgefundenen Doppelselbst- morde handelte: „Die traurige Weise von Tamayone und Takejirö, komponiert von Takanaka Yone, von Nummer vierzehn der vierten Abteilung von ,Nippon- Bashi' im Süddistrikte der Stadt Osaka". Es war offenbar ein Holzdruck, und es waren zwei kleine Bilder dabei. Eines zeigte ein Mädchen und einen Knaben, beide zu Tode betrübt. Das an- dere, eine Art von Schlußvignette, stellte ein Schreib- pult dar, eine erlöschende Lampe, einen offenen Brief, eine Schale mit brennendem Weihrauch, und eine Vase, angefüllt mit „Shikimi", jener heiligen Pflanze, die bei der buddhistischen Zeremonie der Opferdarbringungen für die Toten zur Anwendung kommt. Von dem wunderlichen Kursivtext, der wie senkrecht geschriebene Stenographieschrift aussah, lassen sich nur einzelne Zeilen wie die folgenden übersetzen : „In der ersten Abteilung von Nichi-Hommachi, im weitberühmten Osaka — (oh, über das Weh dieser Shinshugeschichte !) „Tamayone, neunzehn Lenze zählte sie — sie sehen, hieß sie lieben für Takejirö, den jungen Ar- beiter. D „Für die Zeit von zwei Leben tauschen sieGe- 76 lübde gegenseitiger Liebe — (oh, über das Weh, eine Geisha zu lieben). „Auf ihren Arm tätowieren sie einen Regen- drachen, und die Zeichen , Barnbus* — uneingedenk der Sorgen des Lebens . . . „Aber er kann die fünfundfünfzig Yen für ihre Freiheit nicht bezahlen — (oh, über den Kummer in Takejiros Herzen!). „Darum geloben sie sich beide, gemeinsam in den Tod zu gehen, da sie hienieden niemals Mann und Weib werden können . . . „Sie weiß, ihre Gespielinnen werden ihr Weih- rauch und Blumen darbringen — (oh, welch Jammer, daß sie dahinschwinden, gleich dem Tau!) „Tamayone nimmt den nur mit klarem Wasser gefüllten Weinbecher, mit dem sich die, die vor dem Tode stehen, einander geloben. „Oh, wie traurig ist der Selbstmord der Lieben- den — oh, über den Jammer ihres dahin geopferten Lebens !" Kurz, es war nichts Ungewöhnliches an der Ge- schichte, und durchaus nichts Bemerkenswertes an den Versen. Das ganze Wunder des Vortrags lag in der Stimme der Frau. Lange, nachdem die Sän- gerin gegangen war, schien ihre Stimme noch zu verweilen, und zitterte in mir mit einem Gemisch von Wehmut und süßer Lieblichkeit nach, so eigen- artig, daß ich nicht umhin konnte, über das Ge- heimnis dieser magischen Töne nachzusinnen. Und was ich dachte, formte sich so: Aller Gesang, alle Melodie, alle Musik bedeutet nur eine Evolution der ursprünglichen Gefühlsäuße- 77 rung, jener ungekünstelten Sprache des Kum- mers, der Freude, der Leidenschaft, deren Worte Töne sind. Ebenso wie andere Sprachen variieren, ebenso variiert diese Sprache der Tonkombination. Weshalb Melodien, die uns tief bewegen, für ja- panische Ohren keinerlei Bedeutung haben, wäh- rend Melodien, die uns Eindruck machen, das Emp- findungsleben einer Rasse, deren Seelenleben von dem unserigen abweicht, wie etwa Blau von Gelb, vollständig unberührt lassen . . . Und dennoch, woran liegt es, daß in mir, dem Fremden, durch einen orientalischen Gesang, den ich nicht einmal erlernen könnte, durch den gewöhn- lichen Gesang eines blinden Weibes aus dem Volke, so tiefe Gefühle ausgelöst werden? Sicherlich mußten in der Stimme der Sängerin irgendwelche Elemente vorhanden sein, die imstande waren, an etwas Höheres zu appellieren, als an die Erfahrungssumme einer einzigen Rasse, an etwas Großes, wie das menschliche Leben selbst, und Altes, Uraltes, wie die Erkenntnis von Gut und Böse. An einem Sommerabend vor fünfundzwanzig Jahren hörte ich in einem Londoner Park eine Mäd- chenstimme einem Vorübergehenden „Gute Nacht" sagen. Nichts als diese zwei kleinen Wörtchen: „Gute Nacht". Ich weiß nicht, wer sie war, ja, ich habe nicht einmal ihr Gesicht gesehen und diese Stimme niemals wieder gehört. Und doch, nachdem seither hundert Jahreszeiten gewechselt haben, läßt 78 mich die bloße Erinnerung an ihr „Oute Nacht" in einer unbegreiflichen, zwiespältigen Empfindung von Freud und Leid, Leid und Freud erschauern, die zwei- fellos nicht mir, nicht meinem eigenen Leben ange- hört, sondern Präexistenzen und erloschenen Sonnen. Denn das, was den Zauber einer Stimme aus- macht, die man nur einmal vernommen hat, kann nicht von dieser Welt sein. Es gehört zahllosen, ver- gessenen Leben. Sicherlich hat es nie zwei Stimmen gegeben, die genau dieselbe Färbung gehabt haben. Aber in der Sprache der Liebe liegt eine Zärtlichkeit des Timbres, die den Myriaden Millionen Stimmen der ganzen Menschheit eigen ist. Ererbte Gewohn- heit läßt selbst Neugeborene den Sinn des liebkosen- den Tons verstehen. Zweifellos ererbt ist auch un- sere Kenntnis der Laute der Sympathie, der Trauer, des Mitleids. Und so vermag die Stimme dieses blinden Weibes in der Stadt des fernen Orients selbst in einem abendländischen Oeiste tiefere Empfindun- gen als die des individuellen Seins wiederzubeleben, das vage, stumme Pathos vergessener Schmerzen, dumpfe Liebesimpulse unvordenklicher Oeneratio- nen. Die Toten sterben nie ganz. Sie schlummern in den dunkelsten Zellen müder Herzen und ge- schäftiger Hirne, um in seltenen Momenten durch das Echo irgendeiner Stimme, die ihre Vergangen- heit zurückruft, erweckt zu werden. D D D D D g^nS^^ ENN eine Japanerin auf der Reise von gEgjj^^jl^ Schläfrigkeit übermannt wird und sich noI^lß^'J' J "^^^^ niederlegen kann, hebt sie ihren ^^L^^^^ linken Arm und beschattet mit dem /i^;^^ wallenden Ärmel ihr Antlitz, ehe sie einzunicken beginnt. In diesem Waggon zweiter Klasse sitzen jetzt drei schlummernde Frauen in einer Reihe. Alle haben sie ihr Antlitz mit dem linken Ärmel bedeckt, und sie wiegen sich beim Schaukeln des Zuges wie Lotosblumen im leisen Winde. Dieser Gebrauch des linken Ärmels ist entweder bewußt oder instinktiv — wahrscheinlich instinktiv, da die rechte Hand am besten dazu dient, sich im Falle einer plötzlichen Erschütterung zu stützen, an- zuhalten oder anzuklammern. Der Anblick ist zugleich hübsch und drollig, aber vorwiegend hübsch, weil er ein Beispiel jener Anmut gibt, mit der die vornehme Japanerin alles tut, immer in der zierlichsten und unauffälligsten Weise. Aber er ist auch pathetisch, denn die Stel- lung ist auch die des Kummers, und manchmal auch die des müden Gebets. Und all dies aus dem an- erzogenen, eingewurzelten Pflichtgefühl, der Welt nur ein glückliches Gesicht zu zeigen . . . Dies erinnert mich an ein Erlebnis: Ein langjähriger Diener meines Hauses schien mir der glücklichste der Sterblichen. Sprach man ihn an, so lachte er freudig, bei der Arbeit sah er immer frohgemut drein, kurz, er schien nichts von den kleinen Sorgen des Daseins zu wissen. Aber eines Tages hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten, 81 6 als er sich ganz allein glaubte, und sein unbeherrsch- tes Antlitz erschreckte mich. Das waren nicht die Züge, die ich zu sehen gewohnt war, harte Linien des Orams und Zornes waren darin eingegraben und ließen es um vierzig Jahre älter erscheinen. Ich räusperte mich, um mich bemerkbar zu machen — allsogleich glättete sich das Antlitz, sänftigte sich und leuchtete auf, wie durch ein Wunder der Ver- jüngung. In der Tat, ein Wunder unablässiger selbst- verleugnender Beherrschung. DDDDDDDD Die hölzernen Fensterläden in meinem kleinen Hotelzimmer sind weit geöffnet. Allsogleich malt die Sonne durch goldschimmemdes Gezweig den scharf umrissenen Schatten eines Pflaumenbaumes auf meinen Shöji . . . Kein sterblicher Künstler, nicht einmal ein japani- scher, könnte diese Silhouette übertreffen. In Dunkelblau gegen den leuchtenden Glanz sich ab- zeichnend, zeigt das wundersame Bild bald schwä- chere, bald stärkere Töne, je nach der wechselnden Entfernung der unsichtbaren Zweige draußen. Und es zieht mir durch den Sinn, ob nicht vielleicht die Verwendung des Papiers zu Beleuchtungszwecken Einfluß auf die japanische Kunst genommen haben mag. Bei Nacht sieht ein japanisches Haus, in dem nur die Shöjis geschlossen sind, wie eine große Papierlaterne aus, eine Laterna magica, die beweg- liche huschende Schatten nach innen wirft, statt 82 nach außen. Bei Tage kommen die Schatten auf dem Shöji bloß von außen; aber sie mögen früh bei Sonnenaufgang sehr wunderbar sein, wenn ihre Strahlen, wie in diesem Augenblick, sich über einen zierlichen Gartenraum ergießen. Es liegt sicherlich nichts Unglaubhaftes in jener alten griechischen Sage, die den Ursprung der Kunst in dem ersten ungelenken Versuch findet, den Schattenriß des geliebten Wesens auf eine Mauer hinzuwerfen. Sehr wahrscheinlich hat das Kunst- gefühl, wie alles Gefühl des Übersinnlichen, seinen ersten Ursprung in dem Studium der Schatten. Aber die Schatten auf Shöjis sind so wundersam, daß sie geeignet sind, den Schlüssel für gewisse japanische, keineswegs primitive, vielmehr über alle Parallele entwickelte Zeichenfähigkeiten zu geben, die sonst kaum zu erklären wären. Natürlich muß man auch die Besonderheit des japanischen Papiers in Betracht ziehen, das Schatten besser aufnimmt, als irgend eine Glasscheibe, ebenso auch den Cha- rakter der Schatten selbst. So würde zum Beispiel die abendländische Vegetation kaum so anmutige Silhouetten darbieten, wie die der japanischen Gar- tenbäume, die durch jahrhundertelange zärtliche Sorgfalt dazu gebracht wurden, so schön auszusehen, als es die Natur nur irgend erlaubt. Ich wünschte, das Papier meines Shöji hätte mit der Empfindlich- keit einer photographischen Platte jenen köstlichen Lichteffekt festgehalten, den die Strahlen der Sonne hervorzauberten. Denn ach, schon hat das Zer- störungswerk angefangen: schon beginnt die Sil- houette sich zu verlängern. DDDDDDDD 83 D Von allen eigenartig schönen Dingen in Japan sind die schönsten die Anstiege zu den hoch- gelegenen Andachts- und Ruheorten, die Wege, die „nirgendshin" führen und die Stufen, die ins „Nichts" aufsteigen. Ihr eigenartiger Zauber ist der Zauber des Zu- sammenklanges von Menschenwerk mit den feinsten Naturstimmungen von Licht, Form und Farbe, ein Zauber, der sich an regnerischen Tagen ver- flüchtigt; aber, wenn auch launenhaft, ist er darum nicht weniger wunderbar. Der Anstieg beginnt vielleicht mit einer sanft aufstrebenden gepflasterten Allee, die sich eine halbe Meile lang hinstreckt und mit Riesenbäumen besäumt ist. In regelmäßigen Abständen bewachen steinerne Ungetüme den Weg. Dann kommt man zu irgend einer großen, durch das Dämmer emporstrebenden Treppenflucht, die zu einer großen, von noch ge- waltigeren und älteren Bäumen beschatteten Terrasse hinaufführt; und von dort führen wieder Stufen zu andern Terrassen, die alle im geheimnisvollen Schatten liegen. Und man klimmt und klimmt, bis endlich über einem grauen „Torii" ein Tor sich zeigt: ein kleiner, leerer, farbloser Holzschrein — ein Shintö-miyia. Der überwältigende Eindruck der Leere in diesem lautlosen Schweigen und dämmernden Schatten nach all der Erhabenheit des langen Anstiegs ist ganz geisterhaft. Viele solche Offenbarungen des Buddhismus harren desjenigen, der sie suchen will. Ich möchte beispielsweise einen Besuch in Higashi Otani in 84 Kyoto anregen. Eine große Avenue führt zu dem Tempelhof, und von dem Tempelhof führt eine Treppenflucht, massig, bemoost, mit einer prächtigen Balustrade versehen, zu einer gemauerten Terrasse. Der Anblick läßt uns an den Anstieg zu irgend einem italienischen Lustgarten aus den Tagen des Decame- rone denken. Aber hat man die Terrasse erreicht, erblickt man bloß ein Tor, das sich in einen Fried- hof öffnet!! Wollte uns der buddhistische Landschaftsgärtner damit sagen, daß aller Pomp und alle Pracht und Schönheit letzten Endes nur zu solchem Schweigen führt? ... DDaDDaDDDDDDDD Ich habe drei Tage lang fast die ganze Zeit in der National-Ausstellung zugebracht — aber es ge- nügte kaum zu einem flüchtigen allgemeinen Ein- druck des Charakters und der Bedeutung der Aus- stellung. Es ist vorwiegend eine Industrie-Aus- stellung. Doch fast alles entzückt das Auge : mit so wundervollem Gelingen hat die Kunst alle Industrie- Produkte verschönt. Fremde Kaufleute und schärfere Beobachter als ich sehen in der Ausstellung eine andere düstere Bedeutung: die ausgesprochenste Drohung, die der Handel und die Industrie des Orients jemals gegen das Abendland gerichtet hat. „Mit England verglichen," schrieb der Korrespondent der Londoner Times, „steht durchweg ein Farthing gegen einen Penny." Die Geschichte der japanischen Invasion von 85 Lancashire ist älter als die von Korea und China. Es war eine friedliche Eroberung, — ein müheloser Prozeß der Zurückdrängung, welcher sich tatsäch- lich vollzogen hat . . . Die Ausstellung in Kyoto ist ein Beweis der fortschreitenden Ungeheuern Entwicklung des in- dustriellen Unternehmungsgeistes. Ein Land, wo der Arbeitslohn drei Shilling die Woche beträgt und die häuslichen Lebensbedürf- nisse zu entsprechenden Preisen zu decken sind, muß, da alles sonst gleich ist, einen Konkurrenten schlagen, der das Vierfache des japanischen Be- darfes braucht. Sicherlich wird das industrielle „Jiu- jutsu" unerwartete Resultate zu Tage fördern. Der Eintrittspreis für die Ausstellung ist auch charakteristisch: nur fünf Sen! Aber selbst bei diesem minimalen Betrag wird voraussichtlich eine ungeheure Summe eingehen, — so groß ist der Zudrang der Besucher. Massen von Bauern, zumeist Fußgänger, strömen alltäglich in die Stadt, wie zu einer Pilgerfahrt. Und eine Pilgerfahrt ist es auch für Myriaden, denn der größte Sinshu-Tempel wird bei dieser Gelegenheit eingeweiht. Die eigentliche Kunstausstellung scheint mir viel unbedeutender als die 1890 in Tokio veranstaltete. Es waren dort schöne Dinge, aber nur wenige, — vielleicht ein Beweis, daß die Nation alle ihre Kräfte und Talente auf Gebiete richtet, wo „Geld gemacht werden kann". Denn in jenen großen Abteilungen, wo die Kunst mit der Industrie kombiniert ist, — wie Keramik, Emailarbeit, Intarsia, Stickereien, — hätte man nicht schönere und kostbarere Arbeiten 86 zeigen können. In der Tat, der hohe Wert ge- wisser ausgestellter Objekte, veranlaßte einen japa- nischen Freund zu folgender nachdenklichen Be- merkung : „Wenn China die abendländische Produktions- methode adoptiert, wird es in der Lage sein, alle Märkte der Welt zu unterbieten." „Vielleicht in billiger Ware," entgegnete ich. „Aber es ist doch kein Grund vorhanden, warum Japan völlig auf die billige Produktion das Schwer- gewicht legen sollte. Ich glaube, es könnte viel- mehr auf seine Überlegenheit in der Kunst und seinen erlesenen Geschmack bauen. Der künstlerische Geist eines Volkes kann einen speziellen Wert haben, gegen den alle Konkurrenz billiger Produktion nicht aufkommen kann. Unter den europäischen Nationen bietet Frankreich ein Beispiel hierfür. Sein Reichtum liegt nicht in seiner Fähigkeit, seine Nachbaren zu unterbieten. Vielmehr sind seine Waren die teuer- sten der Welt: es handelt mit Dingen des Luxus und der Schönheit. Aber sie werden in der ganzen Welt gekauft, weil sie die besten ihrer Art sind. Warum sollte Japan nicht das Frankreich des fernen Ostens werden?" Der schwächste Teil der Kunstabteilung ist die Ausstellung von Ölgemälden in europäischer Manier. Es ist kein Grund vorhanden, warum die Japaner nicht im stände sein sollten, wunderbar in Öl zu malen, wenn sie dabei ihrer eigenen besonderen Methode des künstlerischen Ausdrucks folgen. Aber ihre Versuche, abendländische Methoden nachzu- ahmen, können sich selbst bei Studien, die sehr 87 realistische Behandlung erfordern, nicht über die Mittelmäßigkeit erheben, Ideale Ölgemälde nach abendländischem Kunst- kanon, sind noch ganz außer ihrem Bereich. Viel- leicht, daß es ihnen noch glückt, für sich selbst eine neue Eingangspforte zum Schönen zu entdecken, — mag sein selbst durch die Ölmalerei, indem sie die Methode den besonderen Erfordernissen des Nationalgeistes anpassen, — aber noch ist kein An- zeichen dafür vorhanden. Das Bild eines nackten Weibes, das sich in einem großen Spiegel besieht, rief einen sehr un- günstigen Eindruck hervor. Die japanische Presse hatte die Entfernung des Werkes verlangt, und das Verlangen mit wenig schmeichelhaften Worten über die abendländischen Anschauungen begleitet. Und doch war das Bild die Arbeit eines japanischen Künstlers. Es war ein Machwerk, aber man hatte es kühn mit dreitausend Dollars bewertet. Ich blieb eine Weile neben dem Bilde stehen, um den Eindruck zu beobachten, den es auf die Beschauer — zumeist Bauern — machte. Sie starrten es an, lachten verächtlich, ließen einige wegwerfende Bemerkungen fallen und wendeten sich ab, um einige Kakemonos zu betrachten, die auch weit mehr der Aufmerksamkeit würdig waren, obgleich sich ihr Preis nur zwischen zehn und fünfzig Yen be- wegte. Die Bemerkungen richteten sich hauptsäch- lich gegen die „fremden" Ideen über guten Ge- schmack (der Künstler hatte die Figur mit einem europäischen Kopf gemalt). Niemand schien das Bild als ein japanisches zu betrachten. D D D O 88 O Hätte es eine japanische Frau dargestellt, die Menge würde es zweifellos nicht geduldet haben. Nun, all die Empörung über das Bild war auch wirklich nicht ungerechtfertigt. Dem Werke fehlte jede ideale Auffassung; es war einfach die Dar- stellung einer nackten Frau, die etwas tut, wobei keine Frau gesehen werden will. Und die bloße Darstellung eines nackten Frauenkörpers, wie gut sie auch ausgeführt sei, ist nie Kunst, sofern Kunst Idealismus bedeutet. Der krasse Realismus der Darstellung war das Anstößige. Ideale Nackheit kann göttlich sein, der göttlichste aller menschlichen Träume vom Übersinnlichen. Aber eine nackte Person ist durchaus nicht göttlich. Ideale Nackt- heit bedarf keines Gürtels, weil der Zauber in den Linien liegt, die zu schön sind, um verschleiert oder gebrochen zu werden. Der wirkliche lebendige Men- schenkörper hat keine solche göttliche Geometrie . . . Frage : Ist der Künstler berechtigt, die Nacktheit um ihrer selbst willen zu schaffen, wenn er diese Nacktheit nicht von jeder Spur des Realen und Per- sönlichen befreien kann? Es gibt einen buddhistischen Text, der erklärt, daß nur der weise ist, der die Dinge ohne ihre Individualität sehen kann. Und diese buddhis- tische Art zu sehen ist es, die die Größe der wahren japanischen Kunst ausmacht. DDDDDDDD O Diese Gedanken kamen mir: D D D D D D D a Eine Nacktheit, welche göttlich ist, welche die 89 Abstraktion der absoluten Schönheit bedeutet, ruft in dem Betrachter eine Erschütterung des Staunens und des Entzückens hervor, in die sich leise Melan- cholie mischt. Nur von sehr wenigen Kunstwerken geht eine solche Wirkung aus, weil nur sehr wenige Werke der Vollendung nahekommen. Aber es gibt Marmorschöpfungen und Qemmen und auch gewisse schöne Abbildungen derselben, wie beispielsweise die von der „Gesellschaft der Dilettanti" veröffentlichten Stiche, die eine solche Wirkung hervorrufen. Je länger man sie betrachtet, desto mehr empfindet man das Wunder, denn man entdeckt nicht eine Linie oder auch nur ein Frag- ment einer Linie, deren Schönheit nicht alle Er- innerung übertreffen würde. Darum wurde das Ge- heimnis einer solchen Kunst lange für übernatürlich angesehen; und wahrlich, die Empfindung des Schönen, die sie vermittelt, ist mehr als menschlich, ist übermenschlich, in dem Sinne dessen, was außer- halb des existierenden Lebens ist, — demnach über- sinnlich, soweit ein dem Menschen bekanntes Ge- fühl dies sein kann. Aber wie ist diese Erschütterung beschaffen? Sie ähnelt seltsam jener Erschütterung, die die erste Liebe bewirkt und ist ihr sicherlich verwandt. Plato erklärt die Erschütterung durch den Schön- heitsanblick als eine plötzliche dämmernde Erinne- rung der Seele an die Welt göttlicher Ideen. Die- jenigen, die hier ein Spiegelbild oder eine Ähnlich- keit der Dinge sehen, die dort sind, erfahren eine Erschütterung wie einen Blitzschlag und sind gleich- sam aus sich herausgehoben. Schopenhauer erklärte 90 die Erschütterung der ersten Liebe als die Willens- macht in der Seele der Rasse. Heute erklärt die positive Philosophie Spencers, daß, wenn die mächtigste aller menschlichen Leiden- schaften zum erstenmal auftritt, sie älter ist, als alle individuelle Erfahrung. So stimmt die antike Auf- fassung und die moderne Metaphysik und Wissen- schaft darin überein, daß die erste tiefe Empfindung des Individuums für menschliche Schönheit, über- haupt nicht individuell ist. Muß nicht dieselbe Wahrheit auch für die Er- schütterung gelten, die durch die höchste Kunst bewirkt wird? Das in einer solchen Kunst ausgedrückte mensch- liche Ideal appelliert zweifellos an die Erfahrung all der Vergangenheit, die in dem Gefühlsleben des Betrachters eingesargt ist, an etwas, von zahllosen Vorfahren Ererbtes. Ja wahrlich, zahllos! Nimmt man drei Generationen für ein Jahr- hundert an und schließt blutsverwandte Ehen aus, so schätzt ein französischer Mathematiker, daß jedes lebende Individuum seiner Nation in seinen Adern das Blut von zwanzig Millionen der Zeitgenossen des Jahres Tausend haben müßte. Oder rechnet man von dem ersten Jahre unserer eigenen Zeit- rechnung, so würde das Ahnenerbe eines Menschen von heute die Totalsumtne von achtzehn Quintillionen repräsentieren. Aber was bedeuten zwanzig Jahr- hunderte gegenüber der Lebenszeit der Menschheit? Nun, dies Gefühl für die Schönheit ist wie alle unsere Gefühle sicherlich das ererbte Produkt von 91 urdenklichen zahllosen Erfahrungen einer unermeß- Hchen Vergangenheit. In jeder ästhetischen Emp- findung ist das Beben von TrilHonen und Aber- trillionen von geheimnisvollen Erinnerungen in den magischen Boden des Hirns eingesargt. Und jeder Mensch trägt in seinem Innern ein Schönheitsideal, welches nur eine unendliche Misch- ung toter Vorstellungen von Gestalt, Farbe, Form und Anmut ist, deren Anblick einst teuer war. Es schlummert, dieses im wesentlichen latente Ideal, es kann nicht willkürlich vor die Phantasie herauf- beschworen werden, aber es kann durch die Wahr- nehmung irgend einer vagen Affinität, die uns unsere äußeren Sinne vermittelten, gleichsam elektrisch auf- blitzen. Dann empfindet man jenes geisterhafte, traurige, köstliche Erschauern, das das plötzliche Zurückebben der Fluten des Lebens und der Zeit begleitet. Nur die Künstler einer Zivilisation, — die Griechen, — waren im stände, das Wunder zu voll- bringen, das Rasseideal der Schönheit von ihrer eigenen Seele loszulösen und seine zitternde Umriß- linie in Juwelen und Stein festzuhalten. Sie machten die Nacktheit göttlich, und sie zwingen uns noch heute, ihre Göttlichkeit beinahe so zu empfinden, wie sie es taten. Vielleicht vermochten sie dies nur, weil, wie Emerson annahm, ihre Sinne so voll- kommen gewesen. Sicherlich nicht, weil sie selbst so schön waren wie ihre eigenen Statuen. Kein Mann und kein Weib konnte dies sein. Nur dies ist gewiß, daß sie ihr Ideal klar erkannten und festhielten, — ein Ideal, das aus zahllosen Millionen 92 von Erinnerungen an tote Anmut in Augen, Augen- brauen, Hals und Wangen, Mund und Kinn, Körper und Gliedern erstand. Der griechische Marmor selbst ist der Beweis, daß es keine absolute Individualität gibt, daß der Geist ebenso eine Zusammensetzung von Seelen ist, wie der Körper eine Zusammensetzung von Zellen. Das edelste Denkmal religiöser Architektur im ganzen Lande ist soeben vollendet worden. Die große Tempelstadt wurde um zwei Gebäude be- reichert, die wahrscheinlich seit den tausend Jahren, solange die Stadt besteht, niemals übertroffen worden sind. Eines der Wunderwerke ist die Gabe der kaiser- lichen Regierung, das andere die des arbeitenden Volkes. Das von der Regierung ins Leben gerufene Werk ist das Dai-Kioku-Den, erbaut zur Erinnerung an die Thronbesteigung des Kwammu-Tennö, des einund- fünfzigsten Kaisers von Japan und Begründers der heiligen Stadt. Dem Geiste dieses Kaisers ist das Dai-Kioku-Den geweiht: es ist also ein Shintotempel, und der herrlichste von allen. Trotzdem ist es aber keine Shinto- Architektur, vielmehr ein Faksimile des ursprünglichen Palastes des Kwammu-Tennö genau nach den Maßstäben des Originals. Die Wirkung, die diese großartige Abweichung von den konven- tionellen Formen auf das Nationalempfinden aus- übt und die tiefe Poesie des ehrfürchtigen Gefühls, das sie inspiriert hat, vermag nur der voll nach- 93 zuempfinden, der weiß, daß Japan noch heute tat- sächhch von den Toten beherrscht wird. Die Bau- denkmäler des Dai-Kioku-Den sind weit mehr als schön. Selbst in dieser altertümlichsten aller japani- schen Städte ist der Eindruck ein frappierender. Jede der spitzbogigen Linien ihrer geschweiften Dächer erzählt von einem anderen und phantastischeren Zeit- alter. Die am bizarrsten wirkenden Teile des Ganzen sind die zweistöckigen fünftürmigen Tore — ver- körperte chinesische Träume, wäre man versucht zu sagen. Der seltsame Reiz der Farbenwirkung ist nicht weniger anziehend, als der der Form. Dies be- ruht hauptsächlich auf der feinsinnigen Verwendung von antiken grünen Ziegeln für das polychrome Dach. An dieser entzückenden Wiederbelebung der Vergangenheit durch die architektonische Nekro- mantie könnte der erhabene Geist Kwammu-Tennös wohl seine Freude haben. Aber das Geschenk des Volkes an die Stadt Kyoto ist noch grandioser. Es wird durch das herrliche Higashi-hongwanji oder östlichen Hongwantempel (Shinshu) repräsentiert. Abendländische Leser mögen sich vielleicht einen annähernden Begriff von seiner Beschaffenheit machen durch den einfachen Hinweis, daß er acht Millionen Dollars zu bauen gekostet und seine Erbauung sieben Jahre in Anspruch nahm Rücksichtlich seiner Ausdehnung wird er von ande ren, wohlfeileren japanischen Gebäuden übertroffen Aber jedem, der mit der buddhistischen Tempelarchi tektur vertraut ist, leuchtet die Schwierigkeit ein einen Tempel zu bauen, der hundertundsiebenund zwanzig Fuß hoch, hundertundzweiundneunzig Fuß 94 tief und mehr als zweihundert Fuß lang ist. Seine eigenartige Form und insbesondere die stark ge- schwungenen Linien seines Daches lassen ihn sogar noch größer erscheinen, als er in >VirkIichkeit ist — geradezu bergartig. Aber in jedem Lande würde er als ein wunderbares Baudenkmal gelten. Da sind Tragebalken von zweiundvierzig Fuß Länge und vier Fuß Dicke, und Säulen von neun Fuß im Durch- messer. Von der Innendekoration kann man sich einen schwachen Begriff machen, wenn man hört, daß bloß die gemalten Lotosblumen auf den ver- schiebbaren Wänden hinter dem Hauptaltar zehn- tausend Dollars gekostet haben. Fast die ganze Arbeit an diesem Bau wurde aus den in Kupfer- münzen dargebrachten Gaben der mühselig arbeiten- den Landbevölkerung bestritten. Und doch gibt es Leute, die glauben, der Buddhismus sei im Erlöschen begriffen ! Mehr als hunderttausend Landleute strömten zur Eröffnungsfeier herbei. Myriaden lagerten sich auf den Matten, die in dem ungeheuren Tempelhof aus- gebreitet worden waren. So sah ich sie dort um drei Uhr nachmittags. Der Hof war ein lebendiges, wogendes Meer. Aber all die Massen hatten bis um sieben Uhr auf die Eröffnung der Zeremonie im glühenden Sonnenbrand ohne Erfrischung auszu- harren. In einen Winkel des Hofes sah ich eine Gruppe von ungefähr zwanzig jungen Mädchen — alle waren sie weiß gekleidet, mit eigentümlichen weißen Hauben. Ich fragte, wer sie seien, und ein Nebenstehender antwortete: „Da alle diese Leute hier viele Stunden warten müssen, ist es zu be- 95 fürchten, daß einige Übelkeit befallen könnte; man hat deshalb Berufspflegerinnen herbeschieden, da- mit sie sich im Bedarfsfalle der Kranken annehmen. Es sind auch Tragbahren und Träger in Bereit- schaft und viele Ärzte anwesend." Ich bewunderte die Geduld und die schlichte Gläubigkeit dieser Massen. Aber freilich, diese Landleute haben auch Ursache, diesen wunderbaren Tempel zu lieben, ist er doch in Wahrheit ihre ureigenste Schöpfung sowohl mittelbar wie unmittelbar. Denn kein ge- ringer Teil der tatsächlichen Arbeit daran ist bloß um der Liebe willen von vielen von ihnen gemacht worden. Die mächtigen Dachbalken waren nach Kyoto von weither, von Berghängen herabgewunden worden, mit Seilen, die man aus den Haaren buddhistischer Frauen und Mädchen gedreht hatte. Eines dieser im Tempel aufbewahrten Seile ist mehr als dreihundertundsechzig Fuß lang und beinahe drei Zoll im Durchmesser. Für mich waren diese zwei herrlichen Monu- mente des nationalreligiösen Gefühls die sichere Ver- heißung des zukünftigen Wachstums dieses Gefühls an ethischer Kraft und zugleich der Zunahme des nationalen Wohlstandes. Zeitweilige Armut ist der Grund des scheinbaren zeitweiligen Rückganges des Buddhismus. Aber ein Zeitalter großen Wohlstandes bricht an. Einige äußere Formen des Buddhismus müssen untergehen; einiger Aberglaube des Shin- toismus ist dem Verfalle geweiht. Die vitalen Wahr- heiten und Erkenntnisse werden sich ausbreiten, erstarken, immer tiefere Wurzeln in den Herzen des Volkes schlagen und es besser für die Kämpfe des o 96 größeren und härteren Lebens stählen, das seiner nunmehr harrt. DDDDDDDDDDDDD Ich habe die Fischereiausstellung besucht, sie ist in Hyogo in einem Garten am Meere veranstaltet. Waraku-en ist ihr Name. Das heißt: „Der Garten der Friedensfreuden." Er ist wie ein Landschafts- garten aus alter Zeit angelegt und verdient seinen Namen. Über seinen Rand hinweg sieht man die große Bucht, Fischer in Booten, ferngleitende weiße Segel im leuchtenden Licht, und am Horizont hoch- ragende Gipfelreihen, die in der Entfernung in zart- violetten Tönen schimmern. Ich sah Teiche von seltsamen Formen mit klarem Meerwasser gefüllt, in denen schönfarbige Fische schwammen. Ich ging zu dem Aquarium, in dem sich Fische noch seltsamerer Art hinter Glas tum- melten — Fische, die wie kleine Spielzeugdrachen geformt waren, andere wie Schwertscheiden, drollige kleine Fische, die sich fortwährend überschlugen, Fische, die wie Schmetterlingsflügel schimmerten, und Fische, die wie Tänzerinnen ihre ärmelförmigen Flossen hin und her schwenkten. Ich sah Modelle aller Arten von Booten, und Netze und Angeln und Fischfallen und Fackelkörbchen für nächtlichen Fisch- fang. Ich sah Bilder von allen Arten der Fischerei und sowohl Modelle als Bilder von Menschen, die Walfische töten. Eines der Bilder war fürchterlich — die Todesagonie eines in einem Riesennetz ge- fangenen Wals und daneben Boote, von einem Wirbel 97 7 roten Schaums gepeitscht, eine nackte Männergestalt auf dem Rücken des Ungetüms, eine einzige sich vom Himmel abhebende Gestalt, mit der mächtigen Klinge den Todesstoß führend, auch den roten Blut- strahl, der ihm folgte, konnte ich sehen . . . Neben mir hörte ich, wie ein japanisches Elternpaar seinem kleinen Knaben das Gemälde erklärte, und die Mutter sagte: „\X^enn der Walfisch sein Ende nahen fühlt, fängt er in seiner Todesnot zu sprechen an — er fleht zu Buddha, ihm beizustehen — ,Namu Amida Butsu!"' Ich begab mich in einen anderen Teil des Gartens, wo zahme Hirsche, ein „goldener Bär" in einem Käfig, ein Pfau in einer Voliere und ein Affe zu sehen waren. Das Volk fütterte den Hirsch und den Bär mit Kuchen, mühte sich, den Pfau zum Radschlagen zu bringen und quälte und neckte den Affen. Ich setzte mich um auszuruhen auf die Veranda eines Lusthauses neben der Voliere, Auch die japanische Familie, die das Gemälde vom Walfisch betrachtet hatte, kam hierher, und ich hörte den kleinen Knaben sagen: „Dort in dem Boote ist ein alter, alter Mann, warum geht er nicht in den Palast zum Drachenkönig des Meeres wie Urishima ?" Der Vater antwortete : „Urishima fing eine Schild- kröte, die keine wirkliche Schildkröte war, sondern die Tochter des Drachenkönigs. Er wurde also für seine Güte belohnt. Aber dieser Fischer hat keine Schildkröte gefangen, doch gesetzt, er hätte auch eine gefangen, so ist er doch viel zu alt zum Heiraten, — deshalb wird er also nicht in den Palast kommen." Q Der Knabe blickte auf die Blumen und das be- 98 sonnte Meer mit den weißen gleitenden Segeln und den violettschimmernden Gipfeln darüber und rief: „Vater, glaubst du, daß es in der ganzen Welt einen schöneren Ort geben kann als diesen?" Das Antlitz des Vaters überflog ein helles Lächeln, seine Lippen öffneten sich zu einer Ant- wort; aber ehe er sprechen konnte, sprang das Kind vor Freuden auf und klatschte entzückt in die Händ- chen, weil der Pfau unversehens die schillernde Pracht seines Rades entfaltet hatte. Und alles hastete zu dem Vogelhaus, und so hörte ich nie die Antwort auf die hübsche Frage. Nachher aber dachte ich, sie könnte vielleicht so gelautet haben: „Mein Kind, wohl ist dieser Garten wunder- schön, aber die Welt ist voll von Schönheit, und so mag es vielleicht noch schönere Gärten geben als diesen. „Aber der schönste der Gärten ist nicht in unserer Welt, es ist der Garten von Amida im Paradiese des Westens. „Und wer sein Leben lang kein Unrecht tut, darf nach dem Tode in diesem Garten weilen. „Dort singt Kuyaku, der Paradiesvogel, von den ,Sieben Schritten' und den ,Fünf Kräften', und breitet sein leuchtendes Gefieder aus, dessen Glanz den Strahlen der Sonne gleicht. „Dort sind juwelenschimmernde Gewässer und darin Lotosblumen von unsagbarer Lieblichkeit. Und diesen Blumen entschweben unablässig Regen- bogenstrahlen und leuchtende Geister neugeborener Buddhas. DDDDaaDDDDDaaaa 99 „Und das zwischen den Lotosblumen rieselnde Wasser flüstert zu ihren Seelen von unendlicher Erinnerung und unendlicher Vision und von den jVier unendlichen Gefühlen'. „Und an diesem Ort ist kein Unterschied zwischen Göttern und Menschen, der Herrlichkeit von Amida müssen selbst die Götter sich beugen. Und alle singen den Lobgesang, der also anhebt: ,0 du von unermeßlichem Licht!' Aber die Stimme des Himmelsstromes tönt in alle Ewigkeit gleich dem Chorgesang von Tausenden : jSelbst dies ist nicht hoch, es gibt ein noch Höheres — dies ist nicht Wirklichkeit — ist noch nicht Friede'." DDDDDDDCDDDDD 101 ^^^^^s LS O-Toyos Gatte, ein entfernter Vetter, der aus Liebe in die Familie aufgenom- men worden war, von seinem Lehns- herrn in die Hauptstadt abberufen ffm^ wurde, machte sich die Zurückgeblie- bene keine Sorge um die Zukunft. Nur Traurigkeit war in ihrem Herzen. Es war die erste Trennung seit ihrer Vermählung. Aber sie hatte Vater undMuttei zu ihrer Gesellschaft, und ihrem Herzen teuerer als alles (obgleich sie es sich selbst kaum eingestehen wollte) ihr Söhnchen. Überdies hatte sie immer alle Hände voll zu tun. Viele häusliche Obliegen- heiten waren zu erfüllen, viel Zeug für Kleider zu weben, sowohl in Seide wie in Baumwolle. Einmal täglich stellte sie kleine, auf einem zier- lichen Lackbrettchen tadellos servierte Miniaturmahl- zeiten, wie sie den abgeschiedenen Geistern der Vor- fahren und den Göttern dargebracht werden, für ihren abwesenden Gatten hin.i Diese Mahlzeiten wurden im östlichen Teil des Zimmers serviert und das Kniekissen des Abwesenden davorgeschoben. E>er Grund, warum sie gerade im östlichen Teil dar- geboten wurden, war, daß der Gatte nach dem Osten gereist war. Ehe O-Toyo die Speisen wieder ab- räumte, hob sie immer den Deckel der kleinen Suppen- schüssel in die Höhe, um zu sehen, ob sich auf der lackierten Innenseite Dampf angesetzt hatte. Denn es heißt, solange man auf der Innenseite des Deckels Dampf sieht, ist der abwesende Geliebte gesund, aber wenn der Deckel trocken bleibt, ist er tot, denn dies ist ein Zeichen, daß seine Seele allein zurück- gekehrt ist, um Nahrung zu suchen O-Toyo fand 102 den Lackdeckel täglich dicht mit Dampfperlen be- deckt. Eter Knabe war ihre stete Freude. Er zahlte nun drei Jahre und stellte Fragen, die nur die Götter befriedigend hätten beantworten können. Wollte er spielen, legte sie die Arbeit weg, um ihm zu will- fahren, gefiel es ihm, ruhig dazusitzen, erzählte sie ihm wunderbare Geschichten oder gab auf seine Fragen den Dingen, die niemand verstehen kann, fromme und schöne Deutungen. Abends, wenn die kleinen Lampen vor den heiligen Altären und Bil- dern entzündet worden waren, lehrte sie ihn die kindlichen Gebete sprechen, und wenn man ihn zum Schlafe niedergelegt hatte, saß sie mit ihrer Ar- beit an seinem Lager, versunken in den Anblick der friedlichen Lieblichkeit seines Gesichtchens. Manch- mal lächelte er in seinen Träumen, und da wußte sie, daß Kwannon, die Göttliche, sein Kinderherz mit Spielen aus dem Schattenreich ergötzte, und sie mur- melte die buddhistische Beschwörung an die Jung- frau, die „sich immer auf den Klang der Gebete gnädig hinabneigt". Manchmal, zur Zeit der klaren Tage, pflegte sie auf den Dakeyamaberg hinaufzuklettern, ihr Söhn- chen auf dem Rücken tragend. Solch ein Ausflug machte ihm große Freude, denn es gab unendlich viel zu sehen und zu hören, worauf sie seine Auf- merksamkeit lenkte. Der sanft ansteigende Weg führte durch Haine und Wälder, über Wiesenhänge und zwischen steilen Felsen hindurch, und da waren Blumen mit Märchen in ihren Herzen und Bäume, in denen Geister hausten. Die wilden Tauben riefen 103 „Korup — korup", und die zahmen schluchzten „O- waö, Owaö", — und Zikaden zirpten, flöteten und surrten. Alle, die fernen geliebten Angehörigen sehnend entgegenharren, pilgern, wenn sie können, zum Gipfel des Dakeyama. Er ist von jedem Punkte der Stadt sichtbar, und von seiner Spitze aus kann man mehrere Provinzen überblicken. Auf seinem höchsten Gipfel steht ein aufrechter Stein, fast von der Größe und Gestalt eines Menschen, und kleine Kieselsteine sind rings um ihn und auf ihm auf- gehäuft. Und nahe davon steht ein altes Shinto- heiligtum, das in alten Zeiten dem Geiste einer Prinzessin geweiht worden war. Denn in ihrem Herzeleid um den fernen Geliebten pflegte diese von jenem Berge nach ihm auszublicken, bis sie sich vor Gram verzehrte und zu einem Steine wurde. Deshalb errichtete das Volk den Tempel, und alle Liebenden, die die Rückkehr eines fernen An- gehörigen ersehnen, beten heute noch dort für seine glückliche Heimkehr. Und jeder der Betenden nimmt beim Fortgehen einen der dort aufgehäuften Steine mit. Und wenn der Ersehnte wieder zurückkehrt, muß der Stein wieder zu dem Häufchen auf dem Berge zurückgetragen und eine Anzahl anderer Kiesel dargebracht werden, als Dank und Erinnerungsgabe. Ehe an einem solchen Tage O-Toyo mit ihrem Söhnchen das Haus erreichen konnte, senkte sich die Dämmerung schon sacht auf sie herab, denn der Weg war lang, und sie mußten hin wie zurück durch das Wirrnis der die Stadt umgebenden Reisfelder mit dem Boote fahren, was eine sehr langsame Art 104 der Beförderung ist. Manchmal erhellten schon die Sterne und die Leuchtkäfer ihren Weg, manchmal auch der Mond, und O-Toyo sang ihrem Kinde das Kinderliedchen an den Mond: D D D D G D D D Nono-San, D O kleine Mondfrau, D a wie alt bist du? D a „Dreizehn Tage, — D a dreizehn und neun." O Q Noch so jung! D a Ja, weil du den Gürtel trägst, D D den schönen roten Gürtel (obi), O Q so prächtig geknüpft ^ D O um deine Hüften. D D Willst du ihn dem Pferd geben? O Q »Nein, o nein!" D a Willst du ihn der Kuh geben? D O „Nein, o nein!" D Und in die blaue Nacht stieg aus all den feuchten meilenweiten Feldern der große, weiche wogende Chor, der die ureigenste Stimme der Erde selbst zu sein scheint, — der Sang der Frösche. Und O-Toyo deutete dem Kinde den Sinn des Sangs: „Me Kayui, Me Kayui, meine Augen brennen mich, ich will schlafen." Das waren glückliche Tage und Stunden. . . . Dann aber, plötzlich, im Verlauf von drei Tagen, verhängten jene Mächte, deren Gebote ewig uner- gründlich bleiben werden, großes Herzeleid über sie. 105 Zuerst erfuhr sie, daß der gütige Gatte, für dessen Heimkehr sie so oft gebetet hatte, nie wieder zu ihr kommen würde, da er zum Staube zurückgekehrt war, aus dem alle irdischen Formen erstehen. Und kurz darauf wurde ihr die Gewißheit, daß ihr kleinei Knabe in einen so tiefen Schlaf versunken war, daß ihn der chinesische Arzt nicht wieder auferwecken konnte. All dies kam ihr nur in plötzlichem Auf- leuchten zum Bewußtsein. Zwischen diesen Blitzen der Erkenntnis herrschte jene tiefe Dunkelheit, die die Götter erbarmungsvoll den Menschen ge- schenkt haben. Es ging vorüber; und als das Dunkel zu weichen begann, sah sie sich dem Erzfeind gegenüber, der Erinnerung heißt. Vor andern vermochte sie ihr Ant- litz sanft und lächelnd zu zeigen, wie in früheren Tagen, aber wenn sie mit ihren Erinnerungen allein war, versagte ihre Kraft. Sie ordnete kleine Spiel- sachen, breitete kleine Kinderkleidchen auf der Matte vor sich aus, liebkoste sie und plauderte flüsternd mit ihnen oder lächelte still vor sich hin. Aber das Lächeln ging immer in ein krampfhaftes, lautes Schluchzen über ; sie schlug ihren Kopf auf die Erde und richtete törichte Fragen an die Götter. D D D Eines Tages verfiel sie auf einen geheimnis- vollen Trost, jenen Ritus, den das Volk „Toritsu- Banashi", die Beschwörung der Toten, nennt. Konnte sie nicht ihren Knaben für einen kurzen Moment wieder zurückbeschwören? Es würde die kleine 106 Seele beunruhigen, aber würde er nicht gerne den Schmerz eines Augenblicks ertragen, um der ge- liebten Mutter willen? — Sicherlich, das würde er. Um Tote zum Wiederkommen zu bewegen, muß man sich an einen buddhistischen oder shintoisti- schen Priester wenden, der mit dem Ritus der Beschwörung vertraut ist, und die Sterbetafel („Ihai") des Toten muß diesem Priester übergeben werden. Dann werden Reinigungszeremonien vorgenom- men, Kerzen und Weihrauch werden vor dem „Ihai" entzündet, Gebete oder Bruchstücke von Sutras wer- den gesprochen, und Gaben von Blumen und Reis werden dargebracht. Aber in diesem Falle darf der Reis nicht gekocht sein. Und wenn all dies vollzogen ist, nimmt der Priester in seine linke Hand ein bogenförmiges In- strument, und indem er mit seiner rechten Hand schnell darauf schlägt, ruft er mit lauter Stimme den Namen des Toten und spricht die Worte : „Kitazo-yo ! kitazo-yo!" was bedeutet: „Ich bin gekommen!" Und indem der Priester ruft, verändert sich allmäh- lich seine Stimme, bis sie endlich den ureigensten Klang der Stimme des Verstorbenen hat, denn dessen Geist ist in ihn eingetreten. Der Tote beantwortet schnell die an ihn ge« richteten Fragen, aber ruft unaufhörlich: „Eile, eile, denn diese meine Rückkehr ist schmerzlich, und ich kann nur eine kurze Weile bleiben!" Nachdem er also Rede gestanden hat, entweicht der Geist, und der Priester fällt besinnungslos auf sein Antlitz nieder. D Aber die Toten zurückzurufen, ist nicht gut, denn 107 sie werden dadurch geschädigt. Bei ihrer Rückkehr in die Unterwelt müssen sie einen niedrigeren Platz einnehmen, als sie früher innegehabt haben. Jetzt sind diese Riten vom Gesetz verboten. Sie trösteten einstmals die Leidtragenden, aber das Ge- setz ist ein gutes Gesetz und gerecht, da es Leute gibt, die mit dem Göttlichen im Menschen ihren Spott treiben. So geschah es, daß O-Toyo eines Nachts in einem einsamen kleinen Tempel an der Peripherie der Stadt vor dem „Ihai" ihres Knaben kniete, den Beschwörungsriten lauschend. Und plötzlich ertönte von den Lippen des Priesters eine Stimme, die sie zu kennen glaubte — eine Stimme, die ihr über alles teuer war — , aber leise und dünn, wie ,Seufzen des Windes. Und die Stimme sagte ihr: „Frage schnell, schnell, Mutter, — dunkel ist der Weg und lang, und ich kann nicht länger säumen." Und sie fragte zitternd: „Warum muß ich um mein Kind trauern? Was ist die Gerechtigkeit der Götter?" Und es kam die Antwort: „O Mutter, betrauere mich nicht also. Ich starb nur, damit du nicht stirbst, denn das Jahr war ein Jahr der Seuche und des Kummers, und ich wußte, daß du sterben solltest, und durch Gebet wurde mir gewährt, an deiner Statt zu sterben. O Mutter, weine nicht mehr um meinetwillen! Es ist nicht recht, um die Toten zu klagen; über den Strom der Tränen führt ihr lautloser Weg, und wenn Mütter weinen, steigt die Flut, und die Seele kann nicht hinüber, sondern muß ruhelos hin und her wandern. D D 108 Und deshalb bitte ich dich, gräme dich nicht, mein Mütterlein ; gib mir nur manchmal ein wenig Wasser." Von dieser Stunde an sah man sie nie mehr weinen. Gelassen und schweigsam erfüllte sie wie in früheren Tagen die frommen Pflichten einer Tochter. Die Zeit verging, und ihr Vater hatte im Sinn, ihr einen anderen Gatten zu geben. Er sagte zu der Mutter: „Wenn unserer Tochter wieder ein Sohn be- schert würde, wäre es für sie und uns alle eine große Freude." Aber die einsichtigere Mutter erwiderte : „Sie ist nicht unglücklich, es ist ausgeschlossen, daß sie sich noch einmal vermählt, ist sie doch wie ein kleines Kind geworden, das nichts von Sünde und Sorge weiß." Es verhielt sich wirklich so, daß sie aufgehört hatte, Kummer zu empfinden. Sie hatte angefangen, eine seltsame Liebe für ganz kleine Dinge an den Tag zu legen. Es begann damit, daß sie ihr Bett zu groß fand, vielleicht infolge des Gefühls der Leere, das durch den Verlust des Kindes entstanden war. Nacht für Nacht, Tag um Tag erschienen ihr auch andere Dinge zu groß : das Haus, die Wohnzim- mer und die Nische mit ihren großen Blumenvasen, ja selbst das Kochgeschirr. Sie wollte ihren Reis nur aus einem winzigen Schüsselchen, mit Miniatureß- stäbchen, wie sie Kinder benutzen, essen. In diesen wie in anderen harmlosen Dingen ließ man ihr ihren Willen, und sie hatte keine anderen Launen. Die 109 alten Eltern beratschlagten viel miteinander über sie. Endlich sagte der Vater: „Es wäre sicherlich für unsere Tochter sehr peinlich, mit fremden Leuten zu leben, und wir sind doch schon so bejahrt, daß wir sie bald verlassen müssen. Vielleicht wäre es das beste für sie, wenn wir sie zu einer Nonne machten. Wir könnten ihr einen kleinen Tempel bauen." Am nächsten Morgen sagte die Mutter zu O- Toyo: „Möchtest du nicht eine heilige Nonne wer- den und in einem winzigen, winzigen Tempelchen mit einem sehr kleinen Altar und kleinen Buddha- bildem wohnen? Wir würden immer in deiner Nähe bleiben. Wenn es dir recht ist, werden wir uns mit einem Priester besprechen, daß er dich die Sutras lehren soll." O-Toyo stimmte mit Freuden zu und bat, daß ein ausgesucht kleines Nonnenkleid für sie angefer- tigt werde. Doch die gute Mutter sagte: „Eine gute Nonne darf alles klein haben, mit Ausnahme ihres Gewandes. Sie muß ein großes, weites Kleid haben, denn so gebietet der Meister Buddha." So verstand sie sich dazu, das gleiche Kleid zu tragen, wie die anderen Nonnen. D D D D D D In einem leeren Hof, wo früher ein großer Tem- pel Amida-ji gestanden hatte, erbauten sie eine kleine Andera, oder Nonnentempel, für sie und nannten ihn auch Amida-ji und weihten ihn Amida-Nyorai und anderen Buddhas. Man schmückte den Tempel mit einem sehr kleinen Altar und diminutiven Oerät- 110 Schäften. Es war darin ein sehr niedliches Exem- plar der Sutra auf einem Miniaturlesepult und win- zige Wandschirme und Glocken und Kakemonos. Und dort lebte O-Toyo lange noch, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Die Leute nannten sie Amida-ji-no Bikuni, was „die Nonne des Tempels von Amida" bedeutet. Gerade vor dem Tor des Tempels stand eine Jizostatue. Aber dieser Jizo hatte eine besondere Aufgabe. Er war der Freund der kranken Kinder. Man sah fast immer kleine Reiskuchen vor ihm auf- gestapelt. Dies bedeutete, daß man ihn für irgendein krankes Kind anflehte, und die Anzahl der Reis- kuchen bedeutete die Anzahl der Jahre des kranken Kindes. Meistens lagen nur zwei oder drei Kuchen da, nur selten sieben bis zehn. Die Amida-ji Bi- kuni trug Sorge für die Statue, entzündete Weih- rauch davor und schmückte sie mit Blumen aus dem Tempelgarten, denn hinter dem Tempel war ein kleines Gärtchen. Nachdem sie ihre Morgennmde mit ihrem kleinen Almosenschüsselchen gemacht hatte, pflegte sie sich gewöhnlich an einen winzigen Webstuhl zu setzen und Stoffe zu weben, die für den wirklichen Gebrauch viel zu schmal waren. Aber die Gewebe wurden immer von gewissen Ladenbesitzern aufge- kauft, die O-Toyos Geschichte kannten. Sie schenk- ten ihr dafür kleine Täßchen, Blumenschälchen und drollige Zwergbäumchen für ihr Gärtchen. Ihre größte Freude war die Gesellschaft von Kin- dern, und daran fehlte es ihr nie. Die japanischen Kinder bringen die meiste Zeit in den Tempelhöfen 111 zu. Und viele glückliche Kindheitsjahre wurden im Tempel der Amida-ji zugebracht. Alle Mütter der Straße sahen es gern, wenn ihre Kinder sich dort aufhielten und schärften ihnen ein, ja niemals die Bikuni-San auszulachen »Ihre Art ist manchmal wunderlich," pflegten sie zu sagen, „aber das kommt daher, weil sie einmal ein kleines Söhnchen hatte, das gestorben ist, und der Schmerz darüber war zu groß für ihr Mutterherz; darum müßt ihr sehr artig und ehrfurchtsvoll gegen sie sein." Artig, das waren sie wohl, aber nicht ganz respektvoll im gewöhnlichen Sinne. Sie fühlten besser, worauf es hier ankomme. Sie nannten sie „Bikuni-San" und grüßten sie freundlich, aber im übrigen behandelten sie sie ganz wie ihresgleichen. Sie spielten Spiele mit ihr, und sie gab ihnen Tee in ganz winzigen Täßchen und bereitete für sie Reis- kuchen, die nicht viel größer waren als Erbsen, und webte auf ihrem Webstuhl Baumwolle und Seiden- zeug für Kleidchen für ihre Puppen. So wurde sie für die Kleinen ganz wie eine Schwester. Sie spielten täglich mit ihr, bis sie zu er- wachsen wurden, um zu spielen, und den Tempel- hof von Amida verließen, um die bittere Arbeit des Lebens zu beginnen und Väter und Mütter von Kin- dern zu werden, die sie an ihrer Statt in den Tempel- hof spielen schickten. Diese Kinder gewannen die Bikuni-San lieb, ebenso wie ihre Eltern es getan. Die Bikuni-San fuhr fort, mit den Kindeskindem derer zu spielen, die sich ihrer noch aus der Zeit erinnerten, als der Tempel gebaut worden war. D D 112 D Das Volk trug Sorge, daß sie keine Not litt. Man gab ihr mehr, als sie für sich selbst brauchte. So war sie imstande, gegen die Kinder so frei- gebig zu sein, als sie es nur wünschen konnte, und auch kleine Tiere verschwenderisch zu bedenken. Vögel nisteten in ihrem Tempel und fraßen aus ihrer Hand und verlernten es völlig, sich, wie früher, auf den Köpfen der Buddhas niederzulassen. D D D Doch eines Tages starb die Bikuni-San, Nach ihrem Begräbnis kam eine Sch^r Kinder in mein Haus. Ein kleines Mädchen von neun Jahren hielt im Namen aller folgende Ansprache an mich: „Herr, wir bitten um eine Gabe für die Bikuni-San, die gestern gestorben ist. Es wurde ihr ein großer ,haka' (Grabstein) gesetzt. Es ist ein schöner ,haka*, aber wir möchten ihr auch einen ganz kleinen ,haka' setzen, weil sie zur Zeit, da sie mit uns war, oft gesagt hat, sie möchte einen ganz winzig kleinen ,haka' haben. Und der Stein- metz hat uns versprochen, einen solchen für uns aus- zuhauen und ihn sehr schön zu machen, wenn wir ihm das Geld bringen können. Wollt Ihr vielleicht geruhen, etwas dazu beizutragen?" „Gewiß," sagte ich, „aber jetzt habt ihr wohl keinen Spielplatz mehr?" Die Kleine antwortete lächelnd: „Wir werden weiter im Tempel von Amida spielen. Sie ist ja da begraben, sie wird unseren Spielen zuhören und sich daran freuen." DDDDDDDDDDD 113 8 114 [ppc^D^Z^ YOGO ist heute von einem zauberhaft ^1^^11|^ durchsichtigen Lichtmeer umflossen, das Äife=^iS unbeschreibHch ist, ein FrühhngsHcht, ^Mf^K;^^ das in seiner duftigen Körperlosigkeit ^2]iSi\lMQa\^ den Dingen in der Ferne etwas Geister- haftes, Überirdisches gibt. Die Formen, obgleich scharf umrissen, werden durch die zarten Farben- töne, die über ihnen schweben, gleichsam ideali- siert; und die großen Hügel hinter der Stadt streben in ein wolkenlos leuchtendes Blau, das eher der Geist des Azurs zu sein scheint, als der Azur selbst. Über den blaugrauen abfallenden Giebeldächern ist ein Schwirren und Wogen von merkwürdigen Gebilden, ein Schauspiel, das mir zwar nicht neu, aber immer gleich köstlich erscheint. Überall flat- tern, an großen Bambusstäben befestigt, ungeheure buntfarbige Papierfische, die genau das Aussehen und die Bewegungen von lebendigen Fischen haben. Die meisten sind zwischen fünf und fünfzehn Fuß lang, aber hie und da sehe ich ein Miniaturexemplar von kaum einem Fuß Länge an den Schweif eines größeren angeheftet. An einigen Stäben hängen vier oder fünf Fische in einer Höhe, die der Größe der Fische entspricht, die größten zu oberst. So wunder- bar in Form und Farbe sind diese Gebilde, daß der erste Anblick den Fremden geradezu verblüfft. Die Leinen, an denen sie schweben, sind immer durch den Kopf durchgezogen, und der Wind, der in den geöffneten Mund freien Zutritt hat, schwellt nicht nur den Körper zu täuschender Lebenswahrheit der Form, sondern erhält ihn in steter Wellen- bewegung. So steigen und sinken sie, schnellen 115 und drehen sich genau so wie lebendige Fische, während der Schwanz auf und ab zuckt und die Flossen tadellose Schwimmbewegungen ausführen. In dem Garten meines Hausnachbars sind zwei wunderbare Exemplare; einer hat einen orange- farbenen Bauch und blaugrauen Rücken, der andere schillert ganz silbern, und beide haben große geister- hafte Augen. Das leise Rauschen, mit dem sie gegen den Himmel segeln, ist wie das Streichen des Windes über Schilfrohr. In einer kleinen Entfernung sehe ich einen anderen großen Fisch mit einem kleinen roten Knaben auf dem Rücken. Dieser rote Knabe stellt „Kintoki" vor, das kraftstrotzendste aller Kin- der, die je in Japan geboren waren, das schon als Säugling mit Bären rang und Koboldvögeln Fallen stellte. Jedermann weiß, daß diese Papierkarpfen oder „Kois" nur zur Zeit des großen Knabengeburtsfestes im fünften Monat des Jahres ausgehängt werden. Ihr Erscheinen über einem Hause kündigt die Geburt eines Sohnes an und symbolisiert die Hoffnung der Eltern, ihr Sohn werde einstmals imstande sein, sich allen Hindernissen zum Trotz seinen Weg durch das Leben zu bahnen, ebenso wie der wirkliche „Koi", der breite japanische Karpfen, große Flüsse gegen den Strom hinaufschwimmt. In vielen Teilen des südlichen und westlichen Japans finden sich diese „Kois" nur selten. An ihrer Statt sieht man lange schmale Baumwollflaggen, „Nobori" ge- nannt, die wie Segel mit kleinen Klammern und Ringen senkrecht an Bambuspfählen befestigt sind und verschiedenfarbige Zeichnungen eines „Koi'* in 116 einem Wasserwirbel, oder des Shöki, des Besiegers der Dämonen, oder solche von Fichten, oder Schild- kröten, oder anderen Glückssymbolen tragen. D D Aber in diesen leuchtenden Frühlingstagen des Jahres 2555 der japanischen Zeitrechnung, wird der „Koi" zum Symbol von etwas Größerem als der Elternliebe: er wird zum Symbol der großen Zu- versicht einer durch den Krieg regenerierten Nation. Die militärische Wiedergeburt des Reiches, das wahre Geburtsfest des „neuen Japan", beginnt mit dem Sieg über China. Der Krieg ist zu Ende, die Zukunft, obgleich bewölkt, scheint voll Verheißungen ; und wie groß die Schwierigkeiten sein mögen, die weiteren Errungenschaften im Weg stehen, Japan hat weder Furcht noch Zweifel. Vielleicht liegt sogar eine zukünftige Gefahr in eben diesem maßlosen Selbstvertrauen. Dies ist kein neues, durch den Sieg geschaffenes Gefühl, es ist ein Rassegefühl, das häufige Siege nur noch verstärkt haben. Von dem Tage der Kriegserklärung an herrschte niemals auch nur für einen Augenblick der geringste Zweifel an dem endgültigen Sieg. All- gemeiner und tiefer Enthusiasmus machte sich über- all bemerkbar, wenn auch keinerlei äußere Kund- gebungen von Erregung stattfanden. Ernste Männer machten sich gleich ans Werk, Geschichten über die japanischen Triumphe zu schreiben. Diese Geschichten, in wöchentlichen oder monatlichen Publikationen veröffentlicht und mit 117 photolithographischen Zeichnungen oder Holzschnit- ten illustriert, fanden Verbreitung im ganzen Lande, lange, ehe fremde Beobachter es gewagt hatten, den endgültigen Ausgang des Kampfes vorherzU' sagen. Von allem Anfang an war sich die Nation ihrer Kraft und der Ohnmacht Chinas bewußt. Die Spielsachenverkäufer brachten Legionen Dinge mit sinnreichem Mechanismus auf den Markt: chinesische Soldaten, die flüchteten, oder wieder solche, die von japanischen Reitern niedergestochen oder mit zusammengebundenen Zöpfen in Gefangen- schaft fortgeführt wurden, oder vor berühmten Gene- ralen, um Gnade flehend, den „Kotau" machten. An Stelle altmodischer Spielsachen, die Samurais in voller Rüstung vorstellten, erschienen Figuren aus Ton, Holz, Papier oder Seide, die japanische Kaval- lerie, Infanterie und Artillerie vorstellten, und Modelle von Festungen nud Batterien, und Porträtfiguren von Kriegsberühmtheiten. Die Erstürmung der Schan- zen von „Port Arthur" durch die Kumamoto-Brigade war der Gegenstand einer dieser sinnreichen mecha- nischen Spielsachen. Andere ebenso ingeniöse zeig- ten den Kampf des Matsushima-Kan mit chinesi- schen Panzerschiffen. Es wurden auch Myriaden von Miniaturgewehren verkauft, die durch Luftdruck mit lautem Knall Korke entluden, und Myriaden winziger Schwerter und zahllose kleine Hörner, deren unablässiges Blasen mir den Zinnhorntumult an einem längstvergangenen Neujahrsabend in New- orleans zurückrief. Jede Siegesnachricht entfesselte eine ungeheure Produktion farbiger Abbildungen, roh hingeworfen 118 und billig ausgeführt, die, wenn sie auch zumeist nur der Phantasie des Künstlers entsprungen waren, sich dennoch trefflich dazu eigneten, die öffentliche Liebe zum Ruhme anzufeuern. Auch wunderbare Schachfiguren tauchten auf; jede Figur stellte einen chinesischen oder japanischen Offizier oder Sol- daten vor^ Mittlerweile feierten die Theater den Krieg in einer noch anschaulicheren Weise. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, daß beinahe jede Episode des Feldzugs auf der Bühne ihre Wieder- holung fand. Ja, Schauspieler suchten sogar die Schlachtfelder auf, um dort Hintergründe und Szenen zu studieren und sich für ihre Darstellung nach der Natur zu bilden. Mit Zuhilfenahme von künstlichen Schneestürmen gelang es ihnen dann, eine wahr- heitsgetreue Vorführung des Kriegsungemaches der Mandschurei-Armee zu geben. Jede tapfere Tat wurde allsogleich dramatisiert. So der Tod des Hornbläsers Shirakami Genjirö,^ der Heldenmut Harada Jinkishis, der sein Leben aufs Spiel setzte, um seinen Kameraden ein Festungstor zu öffnen, der Heroismus der vierzehn Reiter, die sich gegen den Ansturm von dreihundert Mann Infanterie be- haupteten, der erfolgreiche Überfall unbewaffneter Kulis gegen ein chinesisches Bataillon; alle diese und viele andere Vorkommnisse wurden auf Tausen- den von Theatern dargestellt. Ungeheure Illumina- tionen, bei denen auf einer Unzahl von Papierlaternen Loyalitätskundgebungen und patriotische Sprüche prangten, verkündigten den Ruhm der kaiserlichen Armee und erfreuten das Herz und die Augen der 119 Soldaten, die mit der Eisenbahn ins Lager fuhren. In Kobe, wo unablässig Truppenzüge passierten, fanden solche Illuminationen wochenlang Abend für Abend statt, und die Bewohner auch der ärmsten Straße subskribierten immer wieder und wieder für Flaggen und Triumphbogen. Aber die Triumphe des Krieges wurden auch durch die Industrie des Landes gefeiert. In Por- zellan, Metall, kostbaren Geweben, ebenso wie in aktuellen Zeichnungen für Briefpapier und Um- schläge wurden Siege und heroische Taten ver- ewigt. Man sah sie auf dem Seidenfutter der „Haori"3 und auf Frauentüchern von Chirimen,* Gürtelsticke- reien, Mustern von Seidenhemden und Kinderfest- kleidchen, von billigen Waren wie Kaliko und Drill- stoffen ganz zu schweigen. Man sah sie auf Lackarbeiten aller Arten und auf den Seitenwänden und Deckeln von geschnitzten Kästchen, auf Tabaksbeuteln, Ärmelknöpfen, auf Haarschmucknadeln, Frauenkämmen und selbst Eß- stäbchen. Zahnstocherpäckchen wurden in kleinen Schächtelchen feilgeboten, und jeder einzelne Zahn- stocher trug in Miniaturschrift irgend ein Kriegs- gedicht. Und bis zum Friedensschluß oder wenigstens bis zu dem unsinnigen Versuch eines „Soshi"^ den chinesischen Bevollmächtigten während der Verhand- lungen zu töten, war alles so eingetroffen, wie das Volk es wünschte und hoffte. Aber kaum wurden die Friedensbedingungen be- kannt, beeilte sich Rußland zu intervenieren, und 120 nahm Frankreichs und Deutschlands Hilfe in An- spruch, um Japan zu unterdrücken. Das Bündnis fand keinen Widerstand. Die Regierung spielte „Jiujutsu" und täuschte die Erwartungen der Na- tion durch unvorhergesehene Nachgiebigkeit. Japan war nun schon lange darüber hinaus, an seiner militärischen Macht zu zweifeln. Die Kraft seiner Re- serven ist wahrscheinlich weit größer, als man je zu- gegeben hat, und sein Unterrichtssystem mit seinen sechsundzwanzigtausend Schulen ist eine kolossale Drillmaschine. Auf seinem eigenen Boden konnte es Japan mit jeder Macht der Welt aufnehmen. Die Flotte war seine schwache Seite, und dieser Schwäche war es sich vollkommen bewußt. Es war eine kleine Flotte mit kleinen leichten Kreuzern, die jedoch wunderbar gehandhabt wurden. Wohl hatte ihr Admiral ohne Einbuße eines einzigen Schiffes die chinesische Flotte bei zwei Zusammenstößen vernichtet, aber sie war noch nicht stark genug, um der vereinigten Macht dreier europäischer Flotten Widerstand leisten zu können; und die Blüte der japanischen Armee war zu Lande in An- spruch genommen. Man hatte mit großem Scharf- sinn den geeignetsten Moment für die Intervention gewählt, und wahrscheinlich hatte man mehr im Auge, als eine bloße Intervention. Die schweren russischen Schiffe wurden für den Kampf gerüstet, und schon diese allein hätten die japanische Flotte überwältigen können, obgleich der Sieg den Russen teuer zu stehen gekommen wäre. Aber plötzlich wurde die russische Aktion durch die englischen Sympathiekundgebungen für Japan unterbrochen. 121 England war in der Lage, innerhalb einiger Wochen eine Flotte in die asiatischen Gewässer zu bringen, die imstande war, die vereinigten Flotten der euro- päischen Mächte in einem einzigen Gefecht zu ver- nichten. Und ein einziger Schuß eines russischen Kreuzers konnte einen Weltkrieg entfachen. Aber in der japanischen Flotte herrschte ein unbezähmbares Verlangen, mit allen drei Mächten zugleich den Kampf aufzunehmen. Es wäre ein furchtbarer Kampf gewesen, denn kein japanischer Admiral hätte sich dazu verstanden, zu weichen, kein japanisches Schiff wäre dazu zu bringen gewesen, seine Segel zu streichen. Auch die Landarmee war gleich begierig auf den Krieg. Es bedurfte wirklich der ganzen Staatsklugheit und Energie der Regierung, um die Nation zurückzuhalten. Man unterdrückte die freie Äußerung und brachte die Presse zum Schweigen; und durch die Rückgabe der Halbinsel Liao-Tung an China im Austausch für eine größere Kriegsentschädigung als die ursprünglich verlangte, wurde der Friede gesichert. Die Regierung ging wirkhch mit tadelloser Klugheit und Voraussicht vor. Denn in diesem Stadium der japanischen Ent- wicklung hätte ein kostspieliger Krieg mit Rußland die verhängnisvollsten Folgen für die Industrie, den Handel und die Finanzen haben können. Aber der nationale Stolz war tief verwundet, und noch jetzt vermag das Land das Vorgehen der Regierung nicht zu billigen. DDDDDDDDDDDDDD 122 a Der Matsushima-Kan ist von China zurückge- kommen und liegt vor dem Garten der Friedens- freunde verankert. Er ist kein eigentlicher Koloß, obgleich er Ungeheures geleistet hat; aber er sieht immerhin recht imposant aus, wie er so in dem klaren Licht daliegt, eine steingraue Festung aus Stahl, die aus der glatten blauen Flut emporragt. Die Besichtigung wurde der entzückten Bevölke- rung freigegeben, die sich zu dieser Gelegenheit wie zu einer ganz großen Tempelfeier geschmückt hat. Auch mir wird gestattet, mich einigen von ihnen an- zuschließen. Es sieht aus, als ob alle im Hafen vor- handenen Boote für die Besucher gemietet worden wären, so ungeheuer ist der Andrang der Fahr- zeuge, die um das Panzerschiff wimmeln. Es ist unmöglich, die zahllosen Schaulustigen gleichzeitig an Bord zu lassen. Man bedeutet uns, zu warten, während Hunderte früherer Ankömmlinge hinein- gelassen werden und andere hinausströmen. Aber das Warten in der kühlen Seeluft ist nicht unwill- kommen, und das Schauspiel der Volksfreude ist interessant zu beobachten. Welch eifriges frohes Heranstürmen, wenn die Reihe an sie kommt! Welch Drängen und Wogen ! Zwei Frauen fallen ins Meer, flugs werden sie von Teerjacken herausgefischt; sie sagen, sie seien nicht böse, hineingeplumpst zu sein, weil sie sich nun rühmen können, ihr Leben der Bemannung des Matsushima-Kan zu verdanken. In Wirklichkeit waren sie wohl gar nicht in Ge- fahr gewesen zu ertrinken, denn eine Legion ge- wöhnlicher Schiffer standen hilfsbereit da. D Aber den Männern des Matsushima-Kan schuldet 123 das Volk etwas weit Wichtigeres, als das Leben zweier junger Frauen, und das Volk ist redlich be- müht, ihnen mit Dank zu lohnen, denn Geschenke anzunehmen, wie sie Tausende gern darbieten möch- ten, ist ihnen durch ein Disziplinarverbot untersagt. Die Offiziere und die Mannschaft müssen schon sicherlich ermüdet sein, aber sie begegnen dem An- drang der Schaulustigen und ihren Fragen mit der entzückendsten Liebenswürdigkeit. Man zeigt ihnen alles bis ins Detail ; die ungeheure Kanone mit ihrem Ladeapparat und dem Zielmechanismus, die Schnell- feuerbatterien, die elektrischen Scheinwerfer mit ihrem weitstrahlenden Leuchtmechanismus. Ich selbst, der ich als Fremder einer besonderen Erlaub- nis bedarf, werde überall umhergeführt, hinauf und hinab, ja man gestattet mir sogar, einen flüch- tigen Blick auf das Porträt der kaiserlichen Majestä- ten in der Kajüte des Admirals, und man erzählt mir den höchst aufregenden Verlauf der großen Schlacht am Yalu. Unterdessen führen an diesem goldenen Frühlingsmorgen die alten kahlen Männer, die Frauen mit ihren Babies das Kommando auf dem Schiffe. Offiziere, Kadetten, Blaujacken sparen keine Mühe, sich ihnen gefällig zu zeigen. Einige unterhalten sich mit den Großvätern, einige lassen die Kinder mit ihren Schwertgriffen spielen und lehren sie ihre kleinen Händchen hochzuheben und „Teikoku-Ban- zai" zu rufen. Und für die müden Mütter werden Matten ausgebreitet, auf die sie sich in dem Schatten zwischen den Verdecken niederkauern können. Diese Verdecke waren vor wenigen Monaten noch von dem Blute tapferer Männer gerötet, hie 124 und da sieht man noch schwarze Flecke, die dem Scheuerstein Trotz geboten haben, und das Volk bUckt auf diese Male mit zärtlich frommer Andacht. Das Admiralschiff wurde zweimal von enormen Gra- naten getroffen und seine unbeschützten Teile durch einen Hagel von Projektilen durchbohrt. Es hielt den Ansturm aus, aber büßte die Hälfte seiner Be- satzung ein. Sein Tonnengehalt ist bloß viertausend- zweihundertachtzig, und seine Angreifer waren zwei chinesische Panzerschiffe, jedes siebentausendvier- hundert Tonnen. Von außen zeigt sein eherner Leib keine tiefen Risse, denn die geborstenen Platten wurden wieder ersetzt, aber mein Führer weist stolz auf die zahl- reichen ausgebesserten Stellen der Verdecke, auf das stählerne Takelwerk, auf den Rauchfangfirst und auf gewisse schreckliche Vorsprünge mit den kleinen aus ihnen hervorragenden Spitzen in dem fußdicken Stahl der Geschützbänke. Er bezeichnet uns unten den Weg, den die Granate, die das Schiff durch- bohrte, genommen hat. „Als sie kam," sagt er, „warf die Erschütterung Männer so hoch in die Luft" (er hebt seine Hand zwei Fuß über Deck), „im selben Augenblick wurde alles pechschwarz, man konnte nicht die Hand vor den Augen sehen. Dann fanden wir, daß eine der Backbordkanonen zersplittert worden war und die ganze dortige Mannschaft getötet hatte. Vierzig Mann waren auf der Stelle tot, weit mehr schwer verletzt, in diesem Teile des Schiffes konnte sich kein ein- ziger retten. Das Deck geriet in Brand, weil der Munitionsvorrat exnlodiert war, und so mußten wir 125 zugleich kämpfen und uns bemühen, das Feuer zu löschen. Selbst Schwerverwundete, denen die Haut in Fetzen von Gesicht und Händen herunterhing, arbeiteten, als fühlten sie keinen Schmerz, und Ster- bende beteiligten sich mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte an der Arbeit des Wasserzureichens. Aber es gelang uns, den Ting-Yuen mit einer Salve aus unseren Haubitzen endlich zum Schweigen zu brin- gen. Den Chinesen standen europäische Kanoniere bei. Hätten wir es nicht mit Europäern zu tun gehabt, unser Sieg wäre allzu leicht gewesen!" Er spricht die richtige Stimmung aus . . . Nichts hätte an diesem schönen Frühlingstag das Herz der Matsushima-Männer so erfreuen können als der Be- fehl, die Anker zu lichten, um zum Angriff der großen russischen Kreuzer an der fernen Küste zu schreiten. Als ich vor einigen Jahren von Shimonoseki in die Hauptstadt fuhr, sah ich unterwegs viele Regi- menter, die sich eben zum Kriegsschauplatz begaben. Sie hatten alle weiße Uniformen, denn die heiße Jahreszeit war noch nicht vorüber. Diese Soldaten sahen so völlig wie Studenten aus, die ich unter- richtet hatte (und wirklich waren Tausende unter ihnen eben erst aus der Schule entlassen worden), daß ich mich des Gefühls nicht erwehren konnte, es sei doch grausam, solche Jünglinge in die Schlacht zu schicken. Der Ausdruck der Knabengesichter war so offenherzig, so frohgemut, so völlig unbewußt des schweren Ernstes des Lebens! D D D D D D 126 O „Fürchten Sie nichts für sie," sagte ein mitreisen- der Engländer, der sein Leben in Feldlagern zu- gebracht hatte, „sie werden sich sicherlich trefflich bewähren." „Das weiß ich," antwortete ich, „aber ich denke an Fieber, Frost und den Winter in der Mandschurei ; all dies ist furchtbarer, als die Gewehrläufe der Chinesen." Der Hornruf, der beim Anbruch der Dunkelheit die Mannschaft zum Appell zusammenrief oder die Ruhestunde verkündete, war seit Jahren eine meiner Sommerfreuden in den japanischen Garnisonstädten gewesen. Aber während der Kriegsmonate berührte mich dieser langgezogene klagende Ruf ganz anders. Ich glaube nicht, daß an der Melodie etwas Be- sonderes ist, aber mir war's manchmal, als ob sie mit einem besonderen Gefühl gespielt würde; und wenn sie von allen Hörnern einer Division zugleich in die sternenhelle Nacht hinausschallte, hatte dieser reiche Zusammenklang von Tönen eine melancho- lische Süßigkeit, die mir unvergeßlich bleiben wird. Und ich versank in einen traumhaften Zustand, in dem es mir war, als riefe ein Geisterhorn die Jugend und Kraft von Tausenden in das Schattenreich ewiger Ruhe. DDaaaaaDDDDDa Con expressione e a volontä. =SE^ '-^ S za=ßr pp. =i3E :??: m 127 D Heute nun ging ich, um die Rückkehr einiger Regimenter zu sehen. Auf der Straße, die sie passieren sollten und die von Kobe nach der Nanko- San-Station führt (dem größten Tempel, dem Geiste des Helden Kusunoki Masashige geweiht), waren laubgeschmückte Triumphbogen errichtet worden. Die Bürger hatten sechstausend Yen subskribiert, um der Ehre teilhaftig zu werden, den rückkehrenden Soldaten das erste Mahl anzubieten; und viele Ba- taillone hatten diesen liebreichen Willkommensgruß schon empfangen. Die Zelte in dem großen Tempel- hof, wo die Truppen aßen, waren mit Flaggen und Festons dekoriert; für alle Regimenter hatte man Gesdienke vorbereitet, Süßigkeiten, Zigarrenpäck- chen und Tücher, die mit Gedichten zum Preise der Tapferkeit bedruckt waren. Vor dem Tempeltore war ein wirklich sehr schöner Triumphbogen errichtet worden; er trug auf seinen beiden Fassaden Will- kommensworte in chinesischen Goldbuchstaben, und auf seiner Spitze thronte ein Falke, der mit seinen ausgebreiteten Fittichen einen Erdglobus beschattete. Zuerst wartete ich mit Manyemon auf dem Bahn- perron, der sehr nahe dem Tempel ist. Als der Zug einfuhr, bedeutete eine Schildwache den Zuschauern, die Plattform zu räumen; und draußen auf der Straße hielt die Polizei den Andrang zurück und ließ allen Verkehr einstellen. Einige Minuten später zog das Bataillon ein. In regelmäßigen Reihen marschierten sie durch den Triumphbogen, an ihrer Spitze ein ergrauter Offizier, der beim Gehen ein wenig hinkte und eine Zigarette rauchte. Die Menge verdichtete sich um uns, aber keinerlei Hochrufe wurden laut, o 128 man hörte nicht einmal sprechen, einzig der dröh- nende Schritt der Soldaten unterbrach die Stille. Ich konnte gar nicht glauben, dies seien dieselben Männer, die ich in den Krieg hatte ziehen sehen. Nur die Nummern auf den Achsel- klappen machten mir klar, daß es sich doch so ver- halte. Sonnverbrannt und finster waren die Ge- sichter; viele von ihnen trugen große Barte, Die dunkelblauen Winteruniformen waren beschmutzt und zerrissen, die Schuhe zur Formlosigkeit ver- treten, aber der taktfeste, rhythmische Schritt war der Schritt wetterfester Soldaten. Es waren keine Knaben mehr, sondern gestählte Männer, fähig, es mit jedem Kriegsheer der Welt aufzunehmen, Männer, die Blut vergossen, Bollwerke gestürmt hatten, Männer, die auch vieles erduldet, von dem die Ge' schichte nichts erzählen wird. Die Gesichtszüge zeigten weder Freude noch Stolz. Die scharf spähen- den Augen hatten kaum einen Blick für die Will- kommensgrüße, die Flaggen, die Dekorationen, den Triumphbogen mit dem den Erdball überschattenden Kriegsfalken, Vielleicht weil diese Augen oft Dinge gesehen hatten, die Menschen ernst stimmen. Ein einziger Mann nur lächelte beim Vorübergehen und rief mir die Erinnerung an ein Lächeln wach, das ich auf dem Antlitz eines Zuaven gesehen hatte, da ich als Knabe der Rückkehr eines Regiments aus Afrika beiwohnte: ein höhnisches Lächeln, das durchbohrte. Viele der Zuschauer waren sicht- lich bewegt, denn sie fühlten intuitiv den Grund dieser Wandlung, Aber wie dem auch sei, jetzt waren die Soldaten bessere Soldaten, und jetzt harrten 129 9 ihrer Wilikommensgrüße, Geschenke und die warme Liebe des Volkes und dann Ausruhen und Behagen in ihren heimatUchen Feldlagern. D D D D O D Con expressione h a volontä Ich sagte zu Manjemon^ : „Heute werden sie in Osaka und Nagoya sein. Sie werden das Horn- signal vernehmen und beim Appell ihrer armen Kameraden gedenken, die niemals die Heimat wieder- sehen werden." Der Greis antwortete mit schlichtem Ernst: „Die Leute im Okzident glauben vielleicht, daß die Toten niemals zurückkehren. Aber wir denken anders darüber: die japanischen Toten kehren alle zu- rück, sie kennen den Weg. Von China und von Chosen werden sie kommen, und die tief im Meeres- grunde ruhen, alle kehren sie zurück, alle. ' Alle sind sie jetzt mit uns — alle. Und wenn es dunkelt, scharen sie sich zusammen und harren des Signal- rufs. Und sie werden ihn auch an jenem Tage hören, an dem die Truppen des Sohnes des Himmels gegen Rußland marschieren." D D D D D D D iDid^ ^ARU war im Elternhause erzogen wor- l^^lf^den. nach jener altvaterischen Weise, l^^lr^die den lieblichsten Frauentypus hervor- [(^^^^^bringt, den die Welt je gesehen hat. MiMDü.^ Diese häusliche Erziehung bildete be- sonders Schlichtheit des Herzens, natürliche Anmut des Benehmens, Gehorsam und Pflichtgefühl aus und entwickelte sie zu einem Grade wie er außerhalb Japans nirgends erreicht wird. Das moralische Resul- tat wäre für jede andere Gesellschaft als die alte japa- nische allzu fein und schön gewesen. Es war aber keine angemessene Vorbereitung für das härtere Leben der neuen Zeit. Das Mädchen aus guter Familie wurde dazu erzogen, sich von ihrem Manne voll- ständig abhängig zu fühlen. Man lehrte sie, niemals Eifersucht, Kummer oder Zorn zu zeigen, selbst nicht unter Verhältnissen, die diese Gefühle rechtfertigen konnten; man erwartete von ihr, daß sie die Fehler ihres Gatten und Herrn nur durch die Waffe der Sanftmut besiege. Kurz, man mutete ihr zu, fast übermenschlich zu sein und wenigstens äußerlich das Ideal der vollkommenen Selbstlosigkeit zu ver- körpern. Dies konnte sie erfüllen in dem Zusammen- leben mit einem Gatten, der ihr ebenbürtig war, von feiner Unterscheidungsgabe, zart in der Emp- findung, fähig, ihre Gefühle zu erraten und sie nie zu verletzen. Aber Haru entstammte einer weit vornehmeren Familie als ihr Gatte; und sie war ein wenig zu gut für ihn, weil er nicht das richtige Verständnis für sie haben konnte. Man hatte sie sehr jung ver- heiratet. Zuerst waren sie sehr arm gewesen, und 132 ihre Verhältnisse hatten sich allmählich zum besseren gewendet, da Harns Gatte ein tüchtiger Geschäfts- mann war. Manchmal schien es ihr, daß er sie mehr geliebt hatte, als sie sich noch in bescheideneren Lebensumständen befanden; und in solchen Dingen irrt sich eine Frau selten. Sie verfertigte noch all seine Kleidungsstücke, und er pries stets ihre Geschicklichkeit. Sie kam all seinen Wünschen zuvor, half ihm beim An- und Auskleiden; machte ihm in ihrem schönen Heim alles behaglich; sagte ihm in liebreizendster Weise Lebewohl, wenn er des Morgens an seine Geschäfte ging, und bewillkommnete ihn bei seiner Rückkehr; sie empfing seine Freunde in der tadellosesten Weise; führte seinen Haushalt mit bewunderungs- würdiger Ökonomie und verlangte selten von ihm eine Aufmerksamkeit, die Geld kostete. Tatsächlich brauchte sie so etwas auch nicht zu verlangen ; denn er war nie geizig und liebte es, sie zierlich ge- kleidet zu sehen, so daß sie einer schönen Silber- libelle glich, die sich in die Falten ihrer eigenen Flügel hüllt. Und er nahm sie gerne in Theater und andere Vergnügungslokale mit. Sie begleitete ihn zu Ausflugsorten, die berühmt wegen ihrer blühenden Kirschbäume im Frühling waren, wegen des schim- mernden Glanzes ihrer Leuchtkäfer zur Sommerszeit oder wegen ihrer sich purpurn färbenden Ahom- blätter im Herbste. Und manchmal brachten sie zu- sammen einen Tag in Maiko am Meere zu, wo die Fichten sich zu wiegen schienen, wie tanzende Mäd- chen; oder einen Nachmittag in Kiyomidzu, in dem uralten Lusthaus, wo alles wie ein Traum aus femer 133 Zeit ist. Da ruhen große Wälder in tiefem Schatten, und ein murmelndes Bächlein entquillt kalt und klar dem Felsen, und man hört immer die Klage unsicht- barer Flöten, die lieblich in der alten Weise ertönen, ein hebkosender Laut, aus Friede und Wehmut ge- mischt, sowie das goldene Licht einer sterbenden Sonne im Blau verhaucht. Abgesehen von diesen kleinen Vergnügungen und Ausflügen ging Haru selten aus. Ihre einzigen Verwandten und auch die ihres Mannes lebten weit weg in anderen Provinzen ; und sie hatte nur wenig Besuche zu machen. Sie liebte es, zu Hause zu sein, Blumen für die Nischen der Götter zu ordnen, die Zimmer zu schmücken, und die zahmen Goldfische des Gartenweihers zu füttern, die schon die Köpf- chen emporstreckten, wenn sie sie kommen sahen. Noch hatte kein Kind neue Freude oder Trauer in ihr Leben gebracht. Sie sah ungeachtet ihres Frauenkopfputzes wie ein ganz junges Mädchen aus ; und sie war noch so naiv wie ein Kind, trotz ihres praktischen Sinns in häuslichen Angelegen- heiten, den ihr Mann so bewunderte, daß er sich oft dazu herbeiließ, sie in ernsten Dingen zu Rate zu ziehen. Vielleicht urteilte dann ihr Herz besser für ihn als ihr hübsches Köpfchen; aber ob nun intuitiv oder nicht, ihr Rat erwies sich immer als gut. Fünf Jahre lang lebte sie glücklich mit ihm, und in dieser Zeit benahm er sich so rücksichtsvoll gegen sie, wie nur ein junger japanischer Kaufmann gegen eine Frau von vornehmerer Abkunft als seine eigene sein konnte. D Dann aber begann er plötzlich zu erkalten, so 134 plötzlich, daß sie überzeugt war, daß der Grund seines veränderten Benehmens nicht derjenige war, den eine kinderlose Frau mit Recht befürchten konnte. Unfähig, die wahre Ursache herauszufinden, suchte sie sich zu überreden, daß sie es vielleicht in der Er- füllung ihrer Pflichten an irgend etwas hatte fehlen lassen ; sie durchforschte vergebens ihr unschuldiges Gewissen und bemühte sich, ihm alle Wünsche von den Augen abzulesen. Aber er blieb ungerührt. Er sagte kein unfreundliches Wort, aber sie fühlte hinter seinem gezwungenen Schweigen die unterdrückte Lust zu verletzen. Ein Japaner der besseren Klasse wird nicht leicht in Worten gegen seine Frau un- freundlich sein. Es gilt als vulgär und brutal. Der gebildete Mann von normaler Charakteranlage wird selbst den Vorwürfen seiner Frau mit sanften Worten begegnen. Nach der japanischen Etikette verlangt die gewöhnlichste Höflichkeit diese Haltung von ihm; überdies ist sie auch die einzig ratsame. Eine verfeinerte und sensitive Frau wird sich nicht lange einer rohen Behandlung unterwerfen; eine tempe- ramentvolle könnte sich wegen eines im Moment der Leidenschaft ausgestoßenen Wortes sogar töten, und ein solcher Selbstmord entehrt den Gatten für den Rest seines Lebens. Aber es gibt eine still- schweigende Grausamkeit, die schlimmer als Worte ist und sicherer trifft, beispielsweise eine so aus- gesprochene Vernachlässigung und Gleichgültigkeit, daß sie Eifersucht erregen muß. Eine japanische Frau ist freilich dazu erzogen worden, niemals Eifer- sucht zu zeigen; aber das Gefühl ist älter als alle Erziehung, so alt wie die Liebe und wohl auch von 135 so langer Dauer wie diese. Unter ihrer leiden- schaftslosen Maske fühlt die japanische Frau eben- so wie ihre abendländische Schwester, wenn sie, während sie eine fashionable Abendgesellschaft be- zaubert, sich in ihrem innersten Herzen nach der Stunde der Befreiung sehnt, die ihr gestattet, in der Einsamkeit ihrem Schmerz freien Lauf zu lassen. Haru hatte Anlaß zur Eifersucht; aber sie war zu sehr Kind, um den wirklichen Grund sogleich zu erraten, und ihre Diener waren ihr zu sehr ergeben, um sie darüber aufzuklären. Ihr Gatte hatte die Ge- wohnheit gehabt, seine Abende in ihrer Gesellschaft entweder daheim oder auswärts zu verbringen. Aber nun ging er Abend für Abend allein fort. Zuerst hatte er Geschäfte vorgeschützt; später suchte er nach gar keinem Vorwand und sagte ihr nicht einmal, wann er zurückzukehren beabsichtigte. In letzter Zeit begegnete er ihr sogar mit stillschweigender Unhöflichkeit. Er war ein anderer geworden; „als ob ein böser Geist sein Herz behext hätte", sagten die Diener. Tatsächlich hatte er sich in einer ge- schickt gestellten Falle fangen lassen. Das Flüstern einer Geisha hatte seinen Willen gelähmt, ihr Lächeln seine Augen verblendet. Sie war weit weniger hübsch als seine Gattin ; aber sie war sehr geschickt in der Kunst, Netze zu spinnen, die betörenden Netze der Sinnlichkeit, die schwache Männer um- garnen und sie immer enger und enger umstricken, bis schließlich die Stunde der Enttäuschung und des Zusammenbruchs naht. Haru wußte nichts. Sie argwöhnte nichts Böses, bis das seltsame Benehmen ihres Mannes zur Gewohnheit geworden war, und 136 auch dann nur, weil sie merkte, daß sein Geld in unbekannte Hände verschwand. Er hatte ihr nie gesagt, wo er seine Abende zubrachte. Und sie scheute sich, zu fragen, damit er sie nicht für eifer- süchtig halte. Statt ihren Gefühlen in Worten Aus- druck zu geben, begegnete sie ihm mit so ge- winnender Freundlichkeit, daß ein klügerer Gatte alles erraten haben würde. Aber außer in seinen Geschäften war er nicht scharfsichtig. Er fuhr fort, seine Abende auswärts zu verbringen ; sein Gewissen regte sich immer weniger, und sein Fortbleiben dehnte sich immer länger aus. Man hatte Haru gelehrt, daß eine gute Gattin immer des Nachts aufbleiben müsse, bis ihr Gatte und Gebieter heim- käme. Und dadurch, daß sie dies tat, begann sie an Nervosität zu leiden, an den fieberhaften Zuständen, die durch Schlaflosigkeit hervorgerufen werden, und von den düsteren Gedanken der langen einsamen Wartestunden, nachdem sie die Diener zur ge- wohnten Zeit entlassen hatte. Nur einmal, als ihr Gatte besonders spät zurückkam, sagte er zu ihr: „Es tut mir leid, daß du meinetwegen so lange aufgeblieben bist. Bitte, warte nicht wieder auf mich!" In der Befürchtung, daß er sich wirklich um ihretwillen Sorgen gemacht habe, lächelte sie freundlich und sagte: „Ich war nicht schläfrig, und ich bin nicht müde; ich bitte. Hochgeehrter, nicht an mich zu denken!" Und so hörte er auf, an sie zu denken, nur zu froh, sie beim Wort nehmen zu können; und kurze Zeit darauf blieb er eine ganze Nacht fort. Die nächste Nacht machte er es ebenso — und auch die dritte, Nach- 137 dem er die ganze dritte Nacht fortgewesen war, kam er nicht einmal zur Morgenmahlzeit nach Hause. Und nun wußte Haru, daß die Zeit gekommen war, wo ihre Pflicht als Gattin ihr zu sprechen gebot. Sie wartete den ganzen Morgen, in Angst um ihn, in Angst um sich selbst; endlich sich des Un- rechts bewußt, durch das das Herz einer Frau am tiefsten verwundet werden kann. Ihre treuen Diener hatten ihr einiges gesagt; das übrige konnte sie er- raten. Sie war sehr krank, aber sie merkte es nicht. Sie wußte nur, daß sie sehr erzürnt war, selbst- süchtig erzürnt wegen des Schmerzes, den man ihr zugefügt hatte, ein grausamer, erstickender, ver- nichtender Schmerz. Die Mittagsstunde kam heran, und noch immer dachte sie darüber nach, wie sie das, was ihr jetzt die Pflicht zu sagen gebot, in der wenigst selbstsüchtigen Weise sagen könnte, die ersten Worte des Vorwurfs, die je über ihre Lippen kommen sollten. Mit einem Male erzitterte ihr Herz so plötzlich, daß alles vor ihren Augen schwarz wurde, denn sie hörte das Rollen von Kurumarädern und die Stimme eines Dieners, die rief: „Der Ehrenwerte ist heimgekommen." Sie schleppte sich zum Eingang, um ihn zu empfangen, während ihr schlanker Körper in Fieber und Schmerz erbebte und in Angst, diesen Schmerz zu verraten. Und der Mann erschrak, als sie, an- statt ihn mit dem gewohnten Lächeln zu grüßen, mit ihrer zitternden kleinen Hand seinen Seiden- mantel erfaßte und in sein Antlitz blickte mit Augen, die bis auf den Grund seiner Seele sehen wollten, und zu sprechen versuchte, aber nur das 138 einzige Wort „Anata?" [„Du?"] hervorzubringen vermochte. Fast im selben Augenblick löste sich ihr sanfter Griff, ihre Augen schlössen sich mit einem seltsamen Lächeln; und ehe er noch die Arme aus- strecken konnte, um sie zu stützen, fiel sie zu Boden. Er versuchte, sie emporzuheben. Aber das Leben war aus dem zarten Körper entwichen. Sie war tot. Natürlich herrschte große Bestürzung, man lief um Ärzte, man weinte, wehklagte und rief ver- zweifelt ihren Namen. Aber sie lag bleich, regungs- los und schön da, aller Schmerz und Zorn war aus ihrem Antlitz gewichen, und sie lächelte wie an ihrem Hochzeitstage. Zwei Ärzte kamen aus dem öffentlichen Kranken- haus; japanische Militärärzte. Sie stellten strenge kurze Fragen; Fragen, die den Mann bis ins tiefste Herz trafen. Dann sagten sie ihm die Wahrheit, die kalt und scharf wie geschliffener Stahl in seine schuldbewußte Seele drang, und ließen ihn mit der Toten allein. Die Leute wunderten sich, daß er nicht Priester wurde, um seiner Reue Ausdruck zu geben. Nun sitzt er tagsüber zwischen seinen Ballen von Kyoto- seide und seinen Osakagötterbildem, ernst und schweigsam. Seine Bediensteten halten ihn für einen gütigen Herrn; er spricht nie harte Worte 'zu ihnen. Oft arbeitet er bis tief in die Nacht. In das hübsche Haus, wo einst Haru lebte, sind Fremde eingezogen, und der Besitzer sucht es niemals auf. Vielleicht weil er fürchtet, dort einen schlanken Schatten zu erblicken, der Blumen ordnet oder sich mit der An- mut eines Irisstengels über die Goldfische in seinem 139 Weiher neigt. Aber wo er auch ruhen mag, so taucht doch in stillen Stunden dieselbe lautlose Ge- stalt an seinem Kopfkissen auf, nähend, glättend, liebreich bemüht, die schönen Kleider zu schmücken, die er einst anlegte, um sie zu verraten. Und zu anderen Zeiten — in den geschäftigsten Augen- blicken seines geschäftigen Lebens — verstummt der Lärm seines großen Ladens; die Ideogramme an seinen Wänden verblassen und verschwinden; und eine klagende kleine Stimme, die die Götter nie ver- stummen lassen, ruft in sein vereinsamtes Herz gleich einer Frage das einzige Wort: „Anata?" [„Du?"] mm mm W^ ^N DEN den Ausländem erschlossenen i^ japanischen Häfen steht die fremde Niederlassung in grellem Kontrast mit der japanischen Umgebung. In der wohl- Häßlichkeit ihrer Straßen findet man Erinnerungen an Orte, die nicht diesem Teil der Welt angehören, gerade so, als ob Frag- mente des abendländischen Lebens wie durch Zauber übers Meer herübergeweht worden wären: ein Stückchen Liverpool, ein Stückchen Marseille, New- York, New-Orleans, und auch Anklänge an tropische Städte aus Kolonien, die zwölf- und fünfzehn- tausend Meilen entfernt sind. Die Geschäftsgebäude, kolossal im Vergleich mit den leichten, niedrigen japanischen Kaufläden, scheinen gleichsam Drohun- gen der finanziellen Macht. Alle nur erdenklichen Arten von Wohnstätten — von dem indischen „Bun- galow" bis zu dem englischen oder französischen Landsitz mit Türmchen und Bogenfenstern — sind von alltäglichen Gärten mit gestutzten Hecken um- geben; die weißen Fahrwege sind fest und eben wie eine Tischplatte und mit Bäumen besäumt. Bei- nahe alles in England und Amerika Hergebrachte ist in diese Gebiete verpflanzt worden. Man sieht Kirchtürme und Fabrikschlote, Telegraphenstangen und Straßenkandelaber. Man sieht Warenhäuser aus importierten Ziegeln mit Rollläden versehen und Auslagen mit Spiegelfenstern und gußeisernen Ge- ländern. Es gibt Morgen- und Abendzeitungen, Wochenschriften, Klubs, Lesezimmer und Kegel- bahnen; Billardsalons, Barrooms, Schulen und Ka- pellen. Es gibt Elektrizitäts- und Telephongesell- 142 Schäften, Spitäler, Gerichtshöfe, Gefängnisse und eine Fremdenpolizei. Es gibt fremde Rechtsanwälte, Ärzte und Apotheker, fremde Krämer, Konfek- tionäre, Zuckerbäcker, Milchhändler, fremde Schnei- der, fremde Schullehrer und Musikprofessoren. Es gibt ein Rathaus für Gemeindeangelegenheiten und öffentliche Meetings aller Arten, das auch für Dilettantentheateraufführungen, Vorträge und Kon- zerte verwendet wird; und manchmal macht eine auf einer Tournee begriffene Schauspielergesellschaft dort Halt, um die Männer zum Lachen und die Frauen zum Weinen zu bringen, wie sie es daheim zu tun pflegt. Es gibt Kricketplätze, Rennbahnen, öffentliche Parks — oder wie man sie in England nennen würde, — „Squares", — Yachtklubs, athleti- sche Vereine und Schwimmschulen. Zu den täg- lichen vertrauten Geräuschen gehört das Geklimper der Klavierübenden, das Getöse der Musikkapellen und ein zeitweiliges Quieken einer Ziehharmonika. In der Tat, es fehlt nur der Leierkasten. Die Bevölkerung besteht aus Engländern, Fran- zosen, Deutschen, Amerikanern, Dänen, Schweden, Schweizern, Russen, mit einem geringen Einschlag von Italienern und Levantinem. Fast hätte ich die Chinesen vergessen. Sie sind in großer Anzahl vorhanden, und haben einen kleinen Winkel des Distrikts für sich allein. Aber das dominierende Element ist England und Amerika, wobei die Eng- länder überwiegen. Alle Fehler und auch die edleren Seiten der herrschenden Rassen können hier besser studiert werden, als jenseits des Meeres, weil in einem so kleinen Gemeinwesen in diesen Oasen 143 des abendländischen Lebens in dem großen, un- bekannten, fernen Osten, naturgemäß jeder jeden kennt und über ihn Bescheid weiß. Man kann häß- liche Geschichten hören, über die zu schreiben nicht der Mühe wert ist; auch Geschichten über edel- mütige und hochherzige Taten von Männern, die sich für selbstsüchtig ausgeben und konventionelle Masken tragen, um das Beste, was in ihnen ist, vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Aber das Territorium der Fremden ist nicht größer, als daß nicht ein kleiner Spaziergang ge- nügte, um es zu durchmessen, und es kann vielleicht, ehe noch viele Jahre ins Land gegangen sein werden, wieder zu nichts zusammenschrumpfen, aus Grün- den, die ich gleich auseinandersetzen werde. Diese Niederlassungen entwickeln sich gar plötzlich. Sie schössen pilzartig wie die Städte des amerikanischen Westens in die Höhe und erreichten bald nach ihrer Konsolidierung die wahrscheinliche Grenze ihrer Entwicklung. Rings um die Fremdenniederlassung und über sie hinaus erstreckt sich die Stadt der Eingeborenen, — die eigentliche japanische Stadt, bis in unbekannte Regionen. Dem Durchschnittsansiedler bleibt diese eine Welt des Geheimnisses; er hält es nicht der Mühe wert, sie auch nur einmal in zehn Jahren zu betreten. Sie hat kein Interesse für ihn, denn er ist kein Erforscher nationaler Sitten, sondern einfach ein Geschäftsmann, und er hat keine Zeit, darüber nachzudenken, wie merkwürdig das alles ist. Die Ansiedlungslinie zu überschreiten, bedeutet für ihn gerade soviel, wie die Überfahrt über den Stillen o 144 Ozean zu machen, welche lange nicht so weit ist, wie die Kluft zwischen den verschiedenen Rassen. Wagt man sich allein in das endlose Gewirr japani- scher Straßen, wird man von den Hunden angebellt und von den Kindern angestarrt, als wäre man der einzige Fremde, den sie jemals gesehen haben. Viel- leicht rufen sie einem auch noch „Jin", „Tojin", oder „Kotojin" nach, welch letztere Bezeichnung „haariger Fremder" bedeutet und keineswegs ein Kompliment sein soll. DDDDDDDDD Lange Zeit wahrten die Kaufleute der Nieder- lassung in allem und jedem ihre eigene Art und Weise, und oktroyierten den einheimischen Firmen Geschäftsgepflogenheiten auf, denen sich kein abend- ländischer Kaufmann unterworfen hätte, Gepflogen- heiten, die klar zeigten, daß die Fremden alle Japaner für Betrüger ansahen. Kein Fremder wollte da- zumal irgend etwas kaufen, ehe er den betreffenden Gegenstand nicht wieder und wieder der eingehend- sten Prüfung unterzogen hatte, und vi^eigerte sich, irgendeine Ordre für Import entgegenzunehmen, wenn sie nicht von einer beträchtlichen Anzahlung begleitet war. Japanische Käufer und Verkäufer protestierten vergebens; sie waren genötigt, sich dareinzufügen. Aber sie warteten nur, daß die Reihe an sie komme, und fügten sich nur mit dem Vor- satz, später Revanche zu nehmen. Die schnelle Ent- wicklung der Fremdenstadt und das dort so erfolg- reich investierte Kapital bewies ihnen, wieviel sie 145 m noch lernen mußten, bis sie imstande sein würden, sich selbst zu helfen. Sie staunten, ohne zu be- wundern, handelten mit den Fremden, oder arbeiteten für sie, und verabscheuten sie in ihrem Herzen, Im alten Japan rangierte der Kaufmann unter dem ge- wöhnlichen Bauer; aber jene fremden Eindringlinge maßten sich den Ton von Prinzen an und die Frech- heit von Siegern. Als Arbeitsgeber waren sie ge- wöhnlich barsch, ja manchmal brutal. Aber bei alledem erschienen sie ihnen außerordentlich klug im Geldverdienen ; sie lebten wie Könige und zahlten große Gehälter. Es war wünschenswert, daß junge Leute die Leidenszeit in ihrem Dienst durchmachten, um die Dinge zu lernen, die notwendig waren, das Land vor der Fremdherrschaft zu bewahren. Eines Tages würde Japan seine eigene Handelsflotte haben, und seine Bankagenturen in der Fremde und ausländischen Kredit, und wohl imstande sein, diese hochmütigen Fremden abzuschütteln; mittlerweile mußten sie als Lehrmeister geduldet werden. So blieb der Import- und Exporthandel gänzlich in fremden Händen, und er wuchs aus einem Nichts zu einem Wert von Hunderten von Millionen; und Japan wurde gut exploitiert. Aber es war sich wohl bewußt, daß es nur zahlte, um zu lernen ; und seine Geduld war von jener Langmut, die den Schein er- weckt, daß erlittene Unbill vergessen sei. Nach der natürlichen Entwicklung der Dinge kam nun auch die Reihe an die Japaner. Der große Zustrom von Glück- suchern brachte ihnen den ersten Vorteil. Durch die Unterbietung der japanischen Preise konnten die alten Geschäftsgepflogenheiten nicht mehr aufrecht 146 erhalten werden; und da neue Firmen froh waren, Ordres mit allem Risiko auch ohne Angeld entgegen- zunehmen, konnten große Anzahlungen nicht wohl gefordert werden. Gleichzeitig besserten sich die Beziehungen zwischen Fremden und Einheimischen, da die letzteren eine gefährliche Fähigkeit zeigten, sich vereint gegen schlechte Behandlung zu wehren und sich nicht durch Revolver einschüchtern ließen, Mißbrauch keiner Art dulden wollten, und sich der ärgsten Provokateure kurzer Hand zu entledigen wußten. Schon war der rohere Teil der japanischen Hafenbevölkerung, die Hefe des Volkes, geneigt, wenn sie im geringsten gereizt wurde, agressiv zu werden. Erst nachdem zwei Dezennien seit der Grün- dung der Ansiedlung verstrichen waren, begannen jene Fremden, die es anfangs nur als eine Frage der Zeit angesehen hatten, daß das ganze Land ihnen gehören würde, zu verstehen, wie sehr sie die Rasse unterschätzt hatten. Die Japaner hatten wunderbar gelernt, „beinahe so gut wie die Chinesen". Sie verdrängten die fremden kleinen Ladenbesitzer, und verschiedene Etablissements waren genötigt, wegen der japanischen Konkurrenz zu schließen. Selbst für die großen Firmen war die Zeit der leichten Ge- winne vorbei, und die Periode der harten Arbeit begann. In früherer Zeit waren die persönlichen Bedürfnisse der Fremden naturgemäß nur durch Fremde befriedigt worden, so daß sich ein großer Detailhandel unter dem Schutze des Engroshandels entwickelt hatte. Der Detailhandel der Nieder- lassungen war offenbar dem Untergange geweiht, einige seiner Branchen waren verschwunden; die 147 übrigen verminderten sich sichtlich. Heutzutage kann der sparsame fremde Schreiber oder Geschäftsgehilfe es sich nicht leisten, in den Hotels des Ortes zu leben. Er kann eine japanische Köchin zu einem sehr geringfügigen Monatslohn engagieren, oder kann sich seine Mahlzeiten von einem japanischen Restaurant, die Platte zu fünf bis sieben Sen, schicken lassen. Er wohnt in einem Hause, das in einem „halb fremden" Stil erbaut ist, und einem Japaner gehört. Die Teppiche und Matten auf seinem Boden sind japanische Erzeugnisse, seine Möbel wurden von einem japanischen Kunsttischler geliefert. Seine Kleider, seine Hemden, seine Schuhe, sein Spazier- stock, sein Regenschirm, sind „japanische Arbeit", selbst die Seife auf seinem Waschtisch ist mit japanischen Ideogrammen gestempelt. Ist er ein Raucher, so kauft er seine Manila in einem japani- schen Zigarrenladen, um einen halben Dollar billiger die Kiste, als irgend eine fremde Firma für dieselbe Qualität verlangen würde. Will er Bücher haben, kann er sie zu einem weit billigeren Preise von einem japanischen als von einem fremden Buchhändler beziehen, und kann seine Wahl aus einem weit größeren und besser assortierten Lager treffen. Will er sich photographieren lassen, geht er in ein japani- sches Atelier; kein fremder Photograph könnte in Japan reüssieren. Steht sein Sinn nach Kuriositäten, wendet er sich an ein japanisches Haus, der fremde Händler \vürde ihm hundert Prozent mehr anrechnen. Hat er Familie und lebt er in einem Hausstande, so wird sein täglicher Lebensbedarf von japanischen Fleischern, Fischverkäufern, Milchhändlern, Obst- 148 und Gemüsehändlern ins Haus gebracht. Vielleicht, daß er eine Zeitlang fortfährt, englischen oder amerikanischen Schinken, Speck und Konserven von irgendeinem fremden Lieferanten zu beziehen, aber er macht bald die Wahrnehmung, daß japanische Läden jetzt dieselben Waren zu einem weit ge- ringeren Preise liefern. Wenn er gutes Bier trinkt, dann kommt es wahrscheinlich aus einer japanischen Brauerei, und wünscht er eine gute Wein- oder Likör- sorte, kann ihm dieselbe ein japanischer Kaufmann zu weit billigeren Bedingungen liefern, als der fremde Importhändler. In der Tat, die einzigen Dinge, die er nicht bei den einheimischen Firmen kaufen könnte, sind die, deren Anschaffung er sich ohnehin nicht gestatten kann — kostspielige Dinge, die nur von reichen Leuten gekauft werden können. Und end- lich, bei Erkrankungen in der Familie wird er einen japanischen Arzt zu Rate ziehen, der ihm ein Honorar anrechnet, das vielleicht nur den zehnten Teil von dem beträgt, was er einem fremden Arzt hätte zahlen müssen. Fremde Ärzte finden es sehr schwer, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn sie bloß auf ihre Praxis angewiesen sind. Selbst, wenn der fremde Arzt seine Besuche nur mit einem Dollar be- wertet, kann der angesehene, japanische Arzt zwei verlangen und doch in der Konkurrenz den Sieg davontragen ; denn er liefert die Medikamente selbst, zu Preisen, die einen fremden Apotheker zu Grunde richten würden. Natürlich ist ein Unterschied zwischen Arzt und Arzt, wie in allen Ländern; aber der deutsch sprechende japanische Arzt, der befähigt ist, ein öffentliches Militärhospital zu leiten, kann 149 selten in seinem Beruf übertroffen werden; und der fremde Durchschnittsarzt kann unmöglich mit ihm konkurrieren. Er verschreibt keine Rezepte, die vom Apotheker ausgeführt werden müssen; sein Arznei- vorrat ist entweder zu Hause, oder in dem Hospital, das er leitet. Diese wenigen, aus einer Menge aufs Gerate- wohl herausgegriffenen Beispiele zeigen, daß die fremden Verkaufsläden bald aufhören werden, zu existieren. Das Fortbestehen einiger derselben wurde nur durch nutzlose, törichte Geschäftstricks von Seiten einiger japanischen Händler verlängert. Dies geschah durch Versuche, abscheuliche Mixturen unter fremder Etikette in versiegelten Flaschen in Umlauf zu bringen, um importierte Waren zu diskredi- tieren. Aber der gesunde Sinn der japanischen Händler im großen und ganzen widerstrebt solch einem unfairen Geschäftsgebahren, und dem Übel wird bald gesteuert werden. Der eingeborene Kauf- mann kann in anständiger Weise den fremden Händler unterbieten, weil er nicht nur imstande ist, billiger zu leben, sondern sich dabei auch noch Er- sparnisse zu machen. Darüber war man sich wohl schon einige Zeit lang in den Niederlassungen ganz klar. Aber der Irrtum bestand fort, daß die großen Export- und Importfirmen unüberwindlich seien und den Handel mit dem Westen in seinem ganzen Umfang be- herrschen könnten; und daß keine japanische Ge- sellschaft die Mittel aufbringen könnte, sich der Macht des fremden Kapitals zu widersetzen, oder sich die Geschäftsmethoden anzueignen, nach denen 150 es verwendet wurde. Freilich, der Detailhandel würde ihnen entwunden werden. Aber das hätte wenig zu bedeuten. Die großen Firmen würden fort- bestehen und sich vermehren und ihre Leistungs- fähigkeit steigern. DDDDDDDDDDDD Während dieser ganzen Zeit äußerer Umwand- lungen hatte sich das wahre Gefühl zwischen den Rassen — die gegenseitige Abneigung zwischen Orientalen und Okzidentalen — immer mehr ge- steigert. Von den neun oder zehn in den offenen Häfen erscheinenden englischen Blättern gab die Mehrzahl Tag für Tag ihrer Antipathie in ironisieren- der und herabsetzender Weise Ausdruck; und die einheimische Presse erwiderte in gleicher Münze und schlug einen immer schärferen Ton an. Vertraten die antijapanischen Zeitungen auch nicht tatsächlich (wie ich es glaube) die absolute Majorität in ihrer Gesinnung, so verkörperten sie doch immerhin das Gewicht des fremden Kapitals und die vorherrschen- den Einflüsse der Fremdenniederlassung. Die eng- lischen projapanischen Blätter konnten, obwohl sie von scharfsinnigen Männern geleitet wurden, die sich durch ungewöhnliche journalistische Befähigung aus- zeichneten, nicht die mächtige Empörung beschwich- tigen, die die Sprache der Gegner Japans hervor- gerufen hatte. Der Vorwurf der Barbarei oder der Unsittlichkeit, der in englischen Zeitungen erhoben wurde, wurde sofort in den japanischen Tagesblättern mit Berichten über die skandalösen Vorkommnisse 151 in den offenen Häfen beantwortet, die sich alsbald unter all den Millionen Einwohnern des Kaiserreiches verbreiteten. Die Rassefrage wurde durch eine mächtige Anti-Fremdenliga in die japanische Politik getragen; die Fremdenniederlassungen wurden un- verhohlen als Treibhäuser des Lasters bezeichnet; und die nationale Empörung erreichte einen so hohen Grad, daß nur die entschlossenste Haltung der Re- gierung verhängnisvolle Ereignisse verhüten konnte. Nichtsdestoweniger wurde noch Öl in das verglim- mende Feuer gegossen durch fremde Zeitungsheraus- geber, die beim Ausbruch des Krieges mit China offen für China Partei nahmen. Diese Politik beobachtete man während der ganzen Dauer des Kriegs. Berichte über erfundene Niederlagen wurden skrupellos veröffentlicht; unleugbare Siege wurden ungerecht verkleinert; und nachdem der Krieg ent- schieden war, erhob sich der Warnungsruf, daß man die Japaner allzu gefährlich hatte werden lassen. Zu einem späteren Zeitpunkte wurde die Intervention Rußlands akklamiert und die Sympathiekundgebung Englands von Engländern verurteilt. Die Wirkung solcher Äußerungen zu solch einer Zeit war die einer Insulte, die ein Volk, das niemals vergibt, auch nicht vergeben konnte. Es waren Äußerungen des Hasses, aber auch Äußerungen der Beunruhigung — Be- unruhigung über die Unterzeichnung jener neuen Verträge, die alle Fremden unter japanische Juris- diktion stellten — und Furcht, eine nicht unbegründete Furcht vor einer neuerlichen Antifremdenagitation, verstärkt durch das neuerwachte Bewußtsein der nationalen Macht. Warnende Symptome einer solchen 152 Agitation zeigten sich in der allgemeinen Tendenz, die Fremden zu insultieren und zu verhöhnen, und in einigen wenigen, aber exemplarischen Gewalt- taten. Die Regierung sah sich genötigt, Proklama- tionen und Warnungen gegen solche Demonstra- tionen des Nationalhasses zu erlassen ; und sie hörten auch ebenso rasch auf, als sie begonnen hatten. Aber es ist kein Zweifel, daß diese Einstellung der Feindseligkeiten hauptsächlich der freundlichen Hal- tung Englands als Seemacht zuzuschreiben war, und dem Werte seiner Politik für Japan in dem Moment, wo der Weltfriede bedroht war. England hatte auch zuerst die Revision der Verträge ermöglicht, unge- achtet der leidenschaftlichen Proteste seiner eigenen Bürger im fernen Osten ; und die Führer des Volkes waren dankbar. Sonst wäre der Haß zwischen An- siedlern und Japanern gewiß so verhängnisvoll ge- worden, als man gefürchtet hatte. Im Anfange war dieser Antagonismus ein Rasse- gefühl und als solches natürlich ; und die unvernünf- tige Heftigkeit der Vorurteile und der Feindseligkeit, die sich später entwickelte, war bei dem sich immer zuspitzenden Interessenkonflikt unvermeidlich. Kein Fremder, der mit den Verhältnissen vertraut war, konnte sich Hoffnungen auf eine wirkliche Annähe- rung machen. Die Schranken des Rasseempfindens, der Verschiedenheit des Gefühls, der Sprache, des Wesens und des Glaubens, werden voraussichtlich noch auf Jahrhunderte hinaus unübersteiglich bleiben. Obwohl man auch Beispiele warmer Freundschaft, beruhend auf der gegenseitigen Anziehung exzep- tioneller Naturen, die einander intuitiv erraten 153 können, zitieren könnte, versteht doch der Fremde im allgemeinen den Japaner ebensowenig, wie der Japaner den Fremden versteht. Was für den Frem- den schlimmer ist als das Unverständnis, ist die einfache Tatsache, daß seine Position die des Ein- dringlings ist. Er darf unter keinen Verhältnissen dar- auf rechnen, wie ein Japaner behandelt zu werden; und dies nicht nur, weil er mehr Geld zu seiner Verfügung hat, sondern seiner Rasse wegen. Ein Preis für den Fremden, ein anderer für den Ein- heimischen, das ist die allgemeine Regel, aus- genommen in jenen japanischen Warenhäusern, die fast ausschließhch vom fremden Handel abhängen. Wenn du ein japanisches Theater, ein Wachsfiguren- kabinett, irgend ein Vergnügungsetablissement, ja sogar ein Gasthaus betreten willst, mußt du tatsäch- lich eine Taxe für deine Nationalität entrichten. Japanische Handwerker, Arbeiter oder Schreiber werden für dich nicht nach japanischem Tarif arbeiten, es sei denn, daß sie irgend einen andern Zweck im Auge haben, als die Entlohnung. Japani- sche Hoteliers — ausgenommen in jenen Hotels, die eigens für europäische und amerikanische Reisende gebaut und eingerichtet sind — werden deine Rech- nung nicht nach den üblichen Preisen machen. Es haben sich große Hotelgesellschaften gebildet, die diese Regel aufrechterhalten — Gesellschaften, die eine Unzahl Etablissements im ganzen Lande kon- trollieren und in der Lage sind, den Ladenbesitzem und den kleineren Hotels ihre Bedingungen zu dik- tieren. Man hat unverhohlen zugestanden, daß die Fremden höhere Preise als die Japaner für ihre Ver- 154 pflegung bezahlen müssen, weil sie mehr Mühe machen ; und dies ist auch wahr. Aber selbst diesen Tatsachen liegt unverkennbar das Rassegefühl zu Grunde. Jene Hotelbesitzer, welche in den großen Zentren ihre Etablissements für japanische Gäste errichtet haben, legen gar keinen Wert auf den Be- such der Fremden, vielmehr verlieren sie öfters daran; teilweise weil gutzahlende, japanische Gäste Hotels, die von Fremden begünstigt werden, nicht lieben, und teilweise, weil der abendländische Gast das Zimmer für sich allein haben will, das vorteil- hafter an eine japanische Gesellschaft von fünf bis acht Personen vermietet werden kann. Eine weitere Tatsache, die im Zusammenhang damit nicht ge- nügend gewürdigt wird, ist, daß im alten Japan die Entlohnung für geleistete Dienste dem Ehrgefühl des einzelnen überlassen blieb. Der japanische Gastwirt lieferte (und liefert auf dem Lande oft noch heute) die Speisen zum Kostenpreise; und sein wirklicher Profit hing von der Feinfühligkeit des Gastes ab. Daher die Bedeutung des „Chadai" oder des Ge- schenks des Teegelds für das Hotel. Von dem Armen wurde eine sehr geringfügige, von dem Reichen eine größere Summe erwartet, je nach den geleisteten Diensten. In gleicher Weise erwartete der gemietete Diener, mehr nach der Zahlungsfähig- keit seines Herrn, als nach dem Werte seiner ge- leisteten Arbeit, entlohnt zu werden. Der Künstler zog es, wenn er für einen wohlhabenden Auftrag- geber arbeitete, vor, nie einen Preis zu nennen ; nur der Kaufmann suchte durch Feilschen möglichst viel aus seinen Kunden herauszuschlagen — ein un- 155 moralisches Privilegium seiner Klasse. Man kann sich denken, daß die Gepflogenheit, die Bezahlung dem Ehrgefühl anheimzustellen, im Verkehr mit den Abendländern keine günstigen Resultate erzielte. Wir betrachten alles Kaufen und Verkaufen als „Ge- schäft" ; und das Geschäft wird im Abendlande nicht von rein abstrakten Ideen der Moralität geleitet, sondern im besten Falle von relativen und partiellen moralischen Ideen. Einem generösen Manne ist es überaus peinlich, v^^enn man den Preis des Gegen- standes, den er kaufen will, seinem Gewissen über- läßt. Denn wenn er nicht den Wert der Arbeit und des Materials genau kennt, ist er genötigt, eine so große Überzahlung zu leisten, damit er die Gewiß- heit hat, das möglichste getan zu haben ; während der knickerige Mann aus der Situation den Vorteil zieht, so wenig als nur irgend möglich zu bezahlen. Des- halb müssen die Japaner im Verkehr mit den Frem- den spezielle Tarife aufstellen. Aber der Verkehr selbst gestaltet sich infolge des Rasseantagonismus immer mehr oder weniger feindselig. Der Fremde muß nicht nur höhere Preise für jede Art qualifi- zierter Arbeit bezahlen, sondern auch einen höheren Pachtschilling und höheren Zinsfuß entrichten. Selbst zu hohen Löhnen kann man nur die niederste Klasse japanischer Dienstleute für einen abendländischen Haushalt bekommen; und ihres Bleibens ist ge- wöhnlich nicht lange, da sie die von ihnen verlangten Dienstleistungen nur ungerne verrichten. Selbst der anscheinende Eifer der gebildeten Japaner, eine An- stellung bei Fremden anzunehmen, wird gewöhnlich falsch aufgefaßt, da ihre wahre Absicht in den 156 meisten Fällen nur die ist, sich für ihre Tätigkeit in japanischen Geschäften, Warenhäusern und Hotels vorzubilden. Der Durchschnittsjapaner würde es vor- ziehen, für einen seiner eigenen Landsleute fünf- zehn Stunden im Tage zu arbeiten, anstatt bei einem Fremden, der ihm noch dazu einen höheren Lohn zahlt, nur acht. Ich habe Graduierte der Universität in dienender Stellung arbeiten sehen, aber sie arbeiteten nur, um ganz spezielle Dinge zu erlernen. ^^^^^^ Fürwahr, der oberflächlichste Fremde könnte nicht annehmen, daß ein Volk von vierzig Millionen, welches alle seine Kräfte auf die Ausgestaltung seiner absoluten Unabhängigkeit konzentriert, sich damit zu- frieden geben würde, den Import- und Exporthandel seines Landes den Fremden zu überlassen, besonders angesichts der Stimmung in den offenen Häfen. Das Bestehen fremder Niederlassungen in Japan unter Konsulargerichtsbarkeit war an sich dem nationalen Stolz ein ewiger Dorn im Auge — ein Symptom nationaler Schwäche. So wurde es in den Zeitungen dargestellt — in den Reden der Mitglieder der Anti- fremdenliga — in Parlamentsreden. Aber die Kennt- nis des Volkswunsches, den ganzen japanischen Handel zu beherrschen, und die zeitweiligen Feind- seligkeiten gegen die fremden Ansiedler riefen nur vorübergehende Beunruhigung hervor. Man be- hauptete selbstbewußt, daß die Japaner durch jeden Versuch, sich der fremden Kaufleute zu entledigen, sich nur selbst schaden würden. Obgleich beunruhigt 157 durch die Aussicht, unter japanisches Gesetz zu kommen, hielten doch die Kaufleute der Nieder- lassungen eine wirkliche Gefährdung ihrer vitalen Interessen nicht für möglich, es sei denn durch eine Gesetzesverletzung. Es hatte wenig zu bedeuten, daß die „Nippon Yusen Kwaisha" während des Krieges eine der größten Dampfschiffahrtsgesell- schaften der Welt geworden war; daß Japan in direktem Handelsverkehr mit Indien und China stand ; daß in den großen Industriezentren des Abendlandes japanische Bankagenturen errichtet wurden; daß japanische Kaufleute ihre Söhne nach Europa und Amerika schickten, um sich dort eine gründliche kommerzielle Ausbildung anzueignen. Weil japani- sche Rechtsanwälte sich eine große fremde Klientele erwarben; weil japanische Schiffsbauer, Architekten und Ingenieure die Fremden aus den Regierungs- anstellungen verdrängt hatten, daraus folgerte durch- aus nicht, daß die fremden Agenten, die den Import- und Exporthandel mit Europa und Amerika ver- mittelten, entbehrlich waren. Die ganze Handels- maschinerie war in den Händen der Japaner un- brauchbar; und Befähigung für andere Berufe ließ noch keineswegs auf schlummernde kommerzielle Fähigkeiten schließen. Das in Japan investierte fremde Kapital konnte durch keinerlei gegen das- selbe gerichtete Assoziationen ernstlich gefährdet werden. Einige japanische Häuser mochten immer- hin ein kleines Importgeschäft fortführen; aber der Exporthandel erforderte eine genaue Kenntnis der Geschäftsbedingungen in den anderen Weltteilen, und Konnexionen und Kredit, wie er den Japanern 158 nicht zu Gebote stand. Aber das Selbstvertrauen der fremden Importeure und Exporteure erhielt im JuU 1895 einen harten Stoß, als ein englisches Haus, das gegen eine japanische Gesellschaft vor einem japanischen Gerichtshof Prozeß wegen Verweige- rung der Annahme bestellter Waren geführt und einen Schadenersatzanspruch von dreißigtausend Dollars zugesprochen bekommen hatte, sich plötzlich einer es bedrohenden Assoziation gegenüber sah, deren Macht es nicht geahnt hatte. Die japanische Firma appellierte nicht gegen den Urteilsspruch des Gerichtshofs: sie erklärte sich bereit, die ganze Summe auf einmal zu bezahlen, wenn dies verlangt wurde. Aber die Assoziation, der sie angehörte, teilte den siegreichen Klägern mit, daß ein Kom- promiß nur zu ihrem eigenen Vorteil sein würde. Da erkannte das englische Haus, daß es von einem Boykott bedroht war, der seinen vollständigen Ruin herbeiführen mußte — ein Boykott, an dem sich alle Industriezentren des Reiches beteiligen würden. Der Kompromiß kam mit einem bedeutenden Verlust für die fremde Firma rasch zustande; und der Fremdenkolonie bemächtigte sich große Niederge- schlagenheit. Man entrüstete sich sehr über das Unmoralische des Vorgehens. Aber es war ein Vor- gehen, gegen das das Gesetz nichts tun konnte; denn dem Boykott kann das Gesetz nichts anhaben, und es zeigte deutlich, daß die Japaner imstande waren, fremde Firmen zu zwingen, sich ihrem Machtgebot zu fügen — durch schlechte Mittel, wenn gute nicht verfingen. Ungeheure Assoziationen waren von den verschiedenen großen Industrie- 159 zweigen gegründet worden — Organisationen, deren Maßregeln, durch den Telegraph tadellos reguliert, die Konkurrenz zu Grunde richten und selbst den Urteilen des Gerichtes Trotz bieten konnten. Die Japaner hatten in früheren Jahren den Boykott mit so geringem Erfolg versucht, daß man sie unfähig zur Assoziation glaubte. Aber die neue Lage zeigte, wie viel sie aus dem Mißerfolg gelernt hatten und daß sie bei weiterer Ausgestaltung der Organisa- tionen mit Recht erwarten durften, den fremden Handel unter ihre Kontrolle — wenn nicht geradezu ausschließlich in ihre Hände zu bekommen. Es würde der nächste große Schritt zur Verwirklichung des Volkswunsches sein: Japan nur für die Japaner! Wenn auch das Land weiter den Fremden offen stand, würden doch die fremden Kapitalsanlagen nur von dem Gutdünken der japanischen Assozia- tionen abhängig sein. DDDDDDDDDD Diese kurze Darlegung der Sachlage wird ge- nügen, um die Evolution eines bedeutenden, sozialen Phänomens in Japan zu beweisen. Natürlich wird die bevorstehende Erschließung des Landes unter neuen Verträgen, die rasche Entwicklung seiner Industrie und die große jährliche zunehmende Aus- dehnung des Handels mit Amerika und Europa wahr- scheinlich einen Zufluß an fremden Ansiedlern her- beiführen ; und dieses zeitweilige Resultat kann viele über den unausweichlichen Gang der Ereignisse täuschen. Aber alte erfahrene Kaufleute sind selbst o 160 jetzt der Meinung, daß die voraussichtliche Aus- dehnung der Häfen in WirkUchkeit den Aufschwung des nationalen Handels bedeuten wird, der natur- gemäß die fremden Kaufleute verdrängen muß. Die fremden Niederlassungen werden als Gemeinwesen verschwinden: bleiben werden nur einige wenige große Agenturen, wie sie in allen Haupthäfen der zivilisierten Welt bestehen; und die verlassenen Straßen der Fremdenkolonie und die kostspieligen Häuser auf den Anhöhen werden von Japanern be- völkert und bewohnt werden. Große fremde Kapi- talien werden im Inneren des Landes nicht investiert werden. Und selbst die christliche Missionsarbeit muß eingeborenen Missionären überlassen werden; denn ebenso wie der Buddhismus nicht früher in Japan definitive Gestalt annahm, ehe nicht die Lehre seiner Doktrinen völlig japanischen Priestern über- antwortet war, so wird das Christentum nicht dauernde Form annehmen, bis es nicht so um- gestaltet worden ist, daß es mit dem Gefühls- und sozialen Leben der japanischen Rasse übereinstimmt. Selbst so umgestaltet, kann es nicht hoffen, anders als in der Form von einigen wenigen kleinen Sekten zu bestehen. Das eben dargelegte soziale Phänomen läßt sich am besten durch ein Gleichnis veranschaulichen. In vieler Hinsicht kann die menschliche Gesellschaft mit einem individuellen Organismus verglichen werden. Fremde, gewaltsam in das System eingeführte Ele- mente, die sich unmöglich assimilieren lassen, führen zu Reizzuständen und teilweiser Zersetzung, bis sie natürlich ausgeschieden oder künstlich entfernt wer- 161 n den. Japan erstarkt durch Ausscheidung störender Elemente; und dieser natüriiche Prozeß spiegelt sich in dem Entschluß, wieder Besitz von allen Niederlassungen zu ergreifen, die Abschaffung der Konsulargerichtsbarkeit herbeizuführen, und nichts im Reiche unter fremder Kontrolle zu belassen. Dies zeigt sich auch in der Verabschiedung fremder Be- amten, in dem Widerstand, den japanische Kon- gregationen der Autorität der fremden Missionäre entgegenstellen, und in der resoluten Boykottierung der fremden Kaufleute. Und dieser ganzen Rasse- bewegung liegt mehr als das Rassegefühl allein zu Grunde : die feste Überzeugung, daß die Inanspruch- nahme fremder Hilfe ein Beweis nationaler Schwäche ist und daß das Kaiserreich in den Augen der Handelswelt herabgesetzt bleibt, solange sein Export- und Importhandel sich in den Händen der Fremden befindet. Mehrere große japanische Firmen haben sich ganz von der Herrschaft der fremden Mittels- personen emanzipiert; ein ausgedehnter Handel mit Indien und China Wird von japanischen Dampf- schiffahrtsgesellschaften betrieben, eine Verbindung mit den Südstaaten von Amerika durch die „Nippon Yusen Kwaisha" für die direkte Baumwolleinfuhr ist in Bälde zu erwarten. Aber die fremden Nieder- lassungen bleiben stets Herde der Unruhe; und ihre kommerzielle Eroberung durch unermüdliche nationale Bemühungen kann allein das Land zu- friedenstellen und wird besser noch als der Krieg mit China Japans wahre Stellung unter den Nationen zeigen. Diese Eroberung wird sich meiner Über- zeugung nach sicherlich vollziehen. D D G D D 162 D Wie wird sich die Zukunft Japans gestalten? Niemand icann eine positive Voraussagung auf der Grundlage wagen, daß die jetzt vorhandenen Ten- denzen auch in Zukunft wirksam sein müssen. Ohne bei den grausamen Wahrscheinlichkeiten des Krieges zu verweilen, oder bei der Möglichkeit innerer Wirr- nisse, die zu einer zeitweiligen Aufhebung der Kon- stitution und zu einer Militärdiktatur führen könnten — ein wiedererstandenes Shogunat in modernem Gewände — so werden sich doch zweifellos große Veränderungen vollziehen, sowohl zum Guten, wie zum Bösen. Vorausgesetzt, daß diese Veränderungen normal verlaufen werden, darf man schon einige Prophezeiungen wagen, begründet auf der berech- tigten Annahme, daß die Nation durch rasch wech- selnde Perioden des Fortschritts und der Reaktion fortfahren wird, die neu errungenen Erkenntnisse mit dem bestmöglichen Erfolge zu assimilieren. In ihrer physischen Entwicklung werden, glaube ich, die Japaner am Ende unseres Jahrhunderts den Japanern von heute weit überlegen sein. Für diese Annahme sprechen drei gute Gründe. Der erste ist, daß das systematische militärische und gymnastische Training der körperlich gesunden Jugend in Japan in wenigen Generationen voraussichtlich ebenso gute Resultate erzielen wird, wie das militärische System in Deutschland: Zunahme der Körpergröße, des Brustumfangs und Entwicklung der Muskulatur. Ein weiterer Grund ist, daß die japanischen Städter sich jetzt einer reichlicheren Ernährung zuwenden, einer Fleischnahrung, und daß eine nahrhaftere Kost phy- siologische Resultate haben muß, die das Wachstum 163 befördern. Unzählige kleine Restaurants, in denen „abendländische Küche" fast zu so billigen Preisen geliefert wird, wie japanische Speisen, schießen über- all in die Höhe. Drittens muß die durch die Er- ziehung und den Militärdienst notwendig gewordene Hinausschiebung der Eheschließung zu einer immer besseren Qualität der Nachkommenschaft führen. Da verfrühte Heiraten jetzt eher zu den Ausnahmen als zur Regel gehören, wird die Zahl der schwächlichen Kinder dementsprechend immer mehr und mehr ab- nehmen. Die außerordentliche Verschiedenheit der Statur, die man jetzt in jeder japanischen Menschen- menge bemerken kann, scheint zu beweisen, daß die japanische Rasse bei strengerer sozialer Disziplin einer großen physischen Entwicklung fähig ist. Ein moralischer Aufschwung ist kaum zu er- warten, eher das Gegenteil. Die alten ethischen Ideale Japans waren zum mindesten so hochstehend, wie unsere eigenen; und in den ruhigen Zeiten der wohlwollenden patriarchalischen Regierung konnten die Menschen ihnen wirklich nachleben. Unwahrheit, Unredlichkeit und brutale Verbrechen waren seltener als jetzt, wie die offizielle Statistik zeigt; der Prozent- satz der Verbrecher ist seit einigen Jahren beständig im Steigen begriffen, was natürlich unter anderem auch beweist, daß der Kampf ums Dasein sich ver- schärft hat. Der alte Kanon der Keuschheit, wie er in der öffentlichen Meinung zum Ausdruck kam, war der einer weniger entwickelten Gesellschaft als unserer eigenen ; dennoch glaube ich nicht, daß man mit Recht behaupten kann, daß die moralischen Verhältnisse schlechter gewesen wären als bei uns. 164 In einer Hinsicht waren sie sicherlich besser. Denn die Tugend der japanischen Ehefrauen war allgemein zu allen Zeiten über jeden Verdacht erhaben. Wenn die Moral der Männer eine weniger tadellose war, so braucht man nicht erst Lecky zu zitieren, um zu beweisen, daß die Dinge im Abendlande auch nicht viel anders standen. Frühes Heiraten wurde ermöglicht, um die jungen Männer vor den Versuchungen eines leichtfertigen Lebens zu behüten; und man darf wohl annehmen, daß dieses Resultat in einer großen Anzahl von Fällen erzielt wurde. Das Konkubinat, das Privilegium der Reichen, hatte seine Schattenseiten; aber es hatte auch die Wirkung, die Gattin von der physischen Anstrengung zu befreien, viele Kinder in rascher Aufeinanderfolge aufziehen zu müssen. Die sozialen Verhältnisse waren so verschieden von jenen, die die abendländische Religion als die besten annimmt, daß man eine unparteiische Beurteilung derselben nicht von der Geistlichkeit erwarten darf. Eine Tatsache ist unbestreitbar — daß sie dem professionellen Laster nicht günstig waren. Und in vielen der größeren, befestigten Städte — den Wohnsitzen der Prinzen — wurden Freudenhäuser überhaupt nicht geduldet. Bei vorurteilsloser Betrachtung aller Fak- toren wird man finden, daß das alte Japan trotz seines patriarchalischen Systems den Anspruch er- heben darf, selbst in Hinsicht der sexuellen Moral, weniger Angriffspunkte zu bieten, als so manches abendländische Land, Die Menschen waren besser, als ihre Gesetze es von ihnen verlangten. Und nun, da die Beziehungen der Geschlechter durch neue 165 Gesetze geregelt werden sollen — zu einer Zeit, wo neue Gesetze wirklich not tun, — können die ge- wünschten Veränderungen nicht sofort zum Guten ausschlagen. Plötzliche Reformen werden nicht auf legislativem Wege erzielt. Gesetze können nicht un- mittelbar Gefühle hervorrufen. Und wahrer sozialer Fortschritt kann nur durch eine durch langandauernde Disziplin und Betätigung entwickelte Umwandlung des ethischen Fühlens hervorgerufen werden. Mittler- weile muß die Bevölkerungszunahme und die sich verschärfende Konkurrenz, während sie den Verstand anregt, den Charakter verhärten und die Selbstsucht steigern. Intellektuell wird sich zweifellos ein großer Fort- schritt vollziehen, aber kein so schneller Fortschritt, wie diejenigen, die meinen, daß Japan sich in den letzten dreißig Jahren völlig umgewandelt hat, uns glauben machen möchten. Wie sehr die wissenschaft- liche Erziehung auch in die Massen gedrungen sein mag, so kann sie doch nicht sofort den Standard der praktischen Intelligenz zu dem abendländischen Niveau erheben. Die Durchschnittsfähigkeiten müssen noch auf Generationen hinaus niedriger bleiben. Natürlich wird es eine Menge bemerkenswerter Aus- nahmen geben; und eine neue Aristokratie der In- telligenz tritt in Erscheinung. Aber die wirkliche Zu- kunft der Nation beruht rhehr auf den allgemeinen Fähigkeiten der vielen, als auf der Ausnahmebefähi- gung der wenigen. Vielleicht hängt sie hauptsächlich von der Entwicklung der mathematischen Fähigkeit ab, die überall eifrig gepflegt wird. Gegenwärtig ist dies der schwache Punkt; eine Unzahl von Stu- 166 denten wird jährlich von den wichtigeren Klassen des höheren Studiums ausgeschlossen, wegen ihrer Unfähigkeit, in Mathematik zu bestehen. In den kaiserlichen Marine- und Militärakademien jedoch sind Erfolge erzielt worden, aus denen zur Genüge erhellt, daß diese Schwäche in Zukunft behoben werden kann. Die schwierigsten Zweige des wissen- schaftlichen Studiums werden für die Kinder der- jenigen, die sich schon auf diesen Gebieten ausge- zeichnet haben, weniger unüberwindlich sein. In anderer Hinsicht muß man sich wohl auf einen zeitweiligen Rückschritt gefaßt machen. Gerade so gewiß, als Japan das angestrebt hat, was über die normale Grenze seiner Kräfte hinausgeht, ebenso sicher muß es zu dieser Grenze zurücksinken — oder eigentlich sogar unter dieselbe. Ein solcher Rück- schlag wird ebenso natürlich wie notwendig sein : er wird einfach eine innere Kräftigung und eine Vor- bereitung für größere und erhabenere Aspirationen bedeuten. Zeichen dafür zeigen sich schon jetzt in dem Wirken einiger staatlicher Departements, na- mentlich in dem des Erziehungswesens. Die Idee, orientalischen Studenten einen Studiengang, der die Durchschnittsfähigkeit abendländischer Studenten übersteigt, aufzuzwingen ; die Idee, das Englische zur Landessprache oder wenigstens zu einer der Landes- sprachen zu machen; und die Idee, ancestrale Ge- fühls- und Denkweisen durch eine solche Erziehung zum Besseren zu ändern, grenzten an Wahnsinn. Japan muß seine eigene Seele entwickeln: es kann sich keine fremde zu eigen machen. Ein guter Freund, der sein Leben der Philologie widmete, sagte 167 einmal zu mir, als wir über den Verfall der guten Manieren bei den japanischen Studenten sprachen: „Bedenken Sie doch, die englische Sprache ist schon an sich ein demoralisierender Einfluß gewesen!" Diese Beobachtung war eine sehr tiefsinnige. Der auf die ganze japanische Nation ausgeübte Zwang, englisch zu lernen (die Sprache eines Volkes, dem immer nur von seinen Rechten und nie von seinen Pflichten gepredigt wird), war beinahe eine Unvor- sichtigkeit. Diese Politik war ebenso zu summarisch, wie sie zu plötzlich war. Sie involvierte eine große Vergeudung an Qeld und Zeit, und sie trug dazu bei, das ethische Gefühl zu untergraben. In Zukunft wird Japan so englisch lernen, wie England deutsch lernt. Aber wenn dieses Studium in vieler Richtung unfruchtbar war, so ist es in anderer Hinsicht nicht vergeudet gewesen. Der Einfluß des Englischen hat in der einheimischen Sprache Modifikationen herbei- geführt, die sie reicher, biegsamer und fähiger mach- ten, die neuen Formen des Denkens auszudrücken, welche die Entdeckungen der modernen Wissenschaft geschaffen haben. Dieser Einfluß muß noch lange fortdauern. Das Japanische wird eine große Anzahl englischer — vielleicht auch deutscher und französi- scher Worte in sich absorbieren: tatsächlich macht sich diese Absorbierung schon in der veränderten Sprache der gebildeten Klassen geltend, ebenso in den Redensarten der Hafenbevölkerung, die mit ku- riosen Verballhornungen fremder kommerzieller Aus- drücke gemischt sind. Ferner wird die grammatische Struktur des Japanischen beeinflußt; und obgleich ich nicht mit jenem Geistlichen übereinstimmen kann, 168 der kürzlich erklärte, daß der Gebrauch des Passi- vums bei Tokioer Straßenjungen, die den Fall Port Arthurs ausriefen — („Ryojunko ga senryo sera- reta!") — das Wirken der göttlichen Vorsehung zeige, so glaube ich doch, daß es den Beweis erbracht hat, daß die japanische Sprache (assimilationsfähig wie der Geist der Rasse überhaupt), die Fähigkeit zeigt, allen Anforderungen, die die neuen Verhält- nisse an sie stellen, zu entsprechen. Vielleicht wird Japan seiner fremden Lehrmeister im Lauf der nächsten Jahrzehnte freundlicher ge- denken. Aber es wird dem Abendlande gegenüber nie das fühlen, was es vor der Meijiperiode für China empfand, die ehrfurchtsvolle Achtung, die nach altem Brauch dem geliebten Lehrer gebührte. Denn die Weisheit Chinas wurde freiwillig gesucht, während die des Abendlandes ihnen mit Gewalt aufgezwun- gen wurde. Vielleicht werden einige christliche Sekten in Japan entstehen; aber das Land wird unserer englischen und amerikanischen Missionäre nicht in der Weise eingedenk sein, wie es selbst noch jetzt jener großen chinesischen Priester sich erinnert, die einstmals die Erzieher ihrer Jugend waren. Und es wird keine Reliquien unseres Aufenthalts im Lande bewahren, sorgsam siebenfach in Seide gewickelt und in zierliche Kästchen aus weißem Holz verpackt, weil wir ihnen keine neue Schönheitslehre zu offen- baren hatten, gar nichts was zu ihrem Gefühlsleben sprechen konnte. DDDDDDDDDDDD m 170 ^ ^Wj^IE Wissenschaft versichert uns, daß die ^®Sm«1 Leidenschaft der ersten Liebe ihrer Ent- ^^■n stehung nach vollkommen unabhängig ^4lM^^J ^°" ^^^ Erfahrung des Individuums ist. ]OEi^^Mit anderen Worten, das Gefühl, das uns das persönlichste von allen scheint, wäre über- haupt nicht individuell. Die Philosophie entdeckte dasselbe Faktum schon lange vorher und hat nie anziehendere Theo- rien aufgestellt, als v^enn sie versuchte, das Myste- rium der Leidenschaft zu erklären. Die Naturv^issen- schaft hat sich hingegen auf einige wenige Vermutun- gen über dieses Thema beschränkt. Dies ist bedauer- lich, denn die Metaphysiker konnten zu keiner Zeit befriedigende Aufklärung darüber geben, sei es, daß sie lehrten, der Anblick des geliebten Wesens rufe in der Seele des Liebenden eine bis dahin schlummernde angeborene Vorahnung eines göttlichen Ideals wach, sei es, daß sie annahmen, daß die Illusion durch ungeborene Geister bewirkt werde, die eine Inkar- nation suchen. Aber sowohl die Naturwissenschaft wie die Metaphysik stimmen in dem wichtigsten Punkte überein, nämlich daß die Liebenden selbst keine Wahl haben, daß sie beide willenlos von dem- selben Einfluß regiert werden. Die Naturwissen- schaft ist sogar in dieser Behauptung noch bestimm- ter — sie gibt ganz klar zu, daß die Toten, nicht die Lebenden alle Verantwortung trifft. Die erste Liebe, sagt sie, wird von irgendeiner Art geisterhafter Er- innerungen hervorgerufen. Es ist wahr, daß die Naturwissenschaft im Ge- gensatz zum Buddhismus nicht anerkennt, daß wir uns 171 unter besonders günstigen Bedingungen an Erfah- rungen aus unseren früheren Existenzen erinnern und sie wiedererkennen können. Die Seelenwissen- schaft, die sich auf die Physiologie stützt, leugnet sogar die Möglichkeit der ererbten Erinnerung im individuellen Sinne. Aber sie gibt zu, daß etwas viel Mächtigeres, wenn auch Undefinierbares, sich ver- erben kann: die Summe unzähliger ancestraler Er- innerungen, die Summe zahlloser Millionen von Er- fahrungen. Auf diese Weise vermag sie unsere rätsel- haftesten Empfindungen, unsere widerstreitendsten Impulse, unsere seltsamsten Intuitionen zu erklären: all das scheinbar Unvernünftige der Anziehung und Abstoßung, all die vagen Stimmungen der Freude und Trauer, für die in der individuellen Er- fahrung keine Erklärung zu finden ist. Aber sie hat es noch nicht mit ihrer Würde vereinbar gefunden, sich eingehender mit dem Thema der ersten Liebe zu beschäftigen, obgleich die erste Liebe in ihrer Beziehung zu der unsichtbaren Welt das geheimnis- vollste aller menschlichen Gefühle ist. Bei den abendländischen Völkern stellt sich das Problem so: Jeder heranwachsende gesunde und kräftige Jüngling gelangt in seiner Entwicklung zu einer atavistischen Periode, in der er jene primitive Verachtung für das schwächere Geschlecht empfindet, die durch das bloße Gefühl physischer Überlegenheit hervorgerufen wird. Aber gerade in dieser Zeit, wo die Gesellschaft der Mädchen für ihn so uninteres- sant geworden ist, verliert er plötzlich sein Gleich- gewicht. Sein Lebensweg wird von einem Mädchen gekreuzt, er hat sie früher nie gesehen, in Wahr- 172 heit unterscheidet sie sich nur wenig von den übrigen Töchtern der Menschen, den Augen anderer er- scheint sie durchaus nicht wunderbar. In demselben Augenblick fühlt er, wie sein Blut in einer einzigen mächtigen Welle zu seinem Herzen strömt, und alle seine Sinne sind berückt. Von da an, bis sein Liebeswahnsinn endigt, gehört sein Leben diesem neu entdeckten Wesen, von dem er nichts weiß, als daß selbst die Sonnenstrahlen ihm schöner dünken, wenn sie auf „sie" fallen. Von diesem Zauberbann kann keine irdische Macht ihn lösen. Aber woher kommt diese Zaubermacht? Ist es irgend eine Kraft in dem lebenden Abgott? Nein, die Psychologie sagt uns, daß der Einfluß der Toten in dem „Götzenanbeter" wirksam ist. Die Toten haben ihn betört. Von ihnen kommt die Erschütterung in dem Herzen des Liebenden, das elektrische Beben, das seine Adern bei der ersten Berührung einer Mädchenhand durch- zuckt. Aber warum die Toten gerade durch dieses Mäd- chen zu ihm sprechen, das ist der tiefere Teil des Rätsels. Die Lösung, die der größte deutsche Pessi- mist gegeben hat, befindet sich nicht in Überein- stimmung mit der wissenschaftlichen Psychologie. Die Wahl der Toten, vom Standpunkt der Evolutions- lehre betrachtet, dürfte eher auf Erinnerung als auf Voraussicht basieren. Und des Rätsels Sinn ist nicht erfreulich. Es ist allerdings die romantische Möglichkeit vorhanden, daß dieses Mädchen vor allen anderen von ihnen auserkoren wurde, weil in ihr wie in einer Kombinationsphotographie eine schattenhafte 173 Andeutung all der Frauen fortlebt, die sie in ver- gangenen Zeiten beglückt haben. Aber es ist auch ebenso wahrscheinlich, daß sie in ihr etwas von dem Zauber der zahllosen Frauen wiedergefunden haben, die sie einst vergebens liebten. Schließt man sich der düstereren Erklärung an, so müßte man glauben, daß die Leidenschaft, ob- gleich oft und oft begraben, weder sterben noch ruhen könne. Diejenigen, die vergebens um Liebe geworben haben, scheinen nur zu sterben; tat- sächlich leben sie in den Herzen von Generationen fort, damit ihre Sehnsucht einmal Erfüllung finde. Sie warten vielleicht jahrhundertelang auf die Rein- karnation der Züge des geliebten Wesens, ihre nebelhaften Erinnerungsbilder ewig in die Träume der Jugend verwebend. Daher die unerreichten Ideale, daher die gejagte Unruhe der Seelen, die von dem Weibe träumen, das hienieden nicht zu finden ist. Im fernen Osten denkt man anders, und was ich nun erzählen will, bezieht sich auf die buddhi- stische Deutung des Problems. D D D O D D D Dieser Tage starb ein Priester unter sehr selt- samen Umständen. Er war der Priester eines altbuddhistischen Tem- pels in einem Dorfe nahe von Osaka. (Man kann den Tempel von der Kwan-Setsubahn sehen, wenn man nach Kyoto fährt.) D Er war jung, ernst und außerordentlich schön. 174 Allzuschön für einen Priester, sagten die Frauen. Er sah wie eine jener schönen Amidastatuen aus, die die großen buddhistischen Bildhauer der Ver- gangenheit geformt haben. Die Männer seiner Gemeinde hielten ihn für einen reinen und gelehrten Priester, und darin hatten sie recht. Die Frauen dachten nicht bloß an seine Tugend und seine Gelehrsamkeit: denn er besaß die verhängnisvolle Macht, sie wider seinen Willen anzuziehen, in seiner bloßen Eigenschaft als Mann. Sie, sowie auch Frauen anderer Gemeinden bewun- derten ihn in keineswegs heiliger Weise, und ihre Huldigungen störten seine Studien und andächtigen Betrachtungen. Sie ersannen Vorwände, ihn zu allen Stunden des Tages im Tempel aufzusuchen, nur um ihn einen Augenblick zu sehen und zu ihm sprechen zu können. Sie richteten Fragen an ihn, die zu beantworten seine Pflicht war und brachten fromme Gaben, die er nicht gut abweisen konnte. Manche stellten Fragen unkeuscher Art, die ihn erröten mach- ten. Er war von Natur zu weich, um sich mit harter Abweisung zu schützen. Die vorlauten Stadtmädchen erlaubten sich daher, ihm Dinge zu sagen, wie sie ein Landmädchen nie über die Lippen gebracht hätte : Dinge, die ihn zwangen, sie aufzufordern, seinen Tempel zu verlassen. Aber je mehr er vor der Be- wunderung der Schüchternen und der Zudringlich- keit der Kecken zurückscheute, desto mehr nahmen die Anfechtungen zu, bis sie zur Qual seines Lebens wurden.i Seine Eltern waren schon lange tot; keine irdi- schen Bande knüpften ihn an das Leben: er liebte 175 nur seinen Beruf, und die Studien, die damit zu- sammenhingen. Er wollte nicht an eitle und ver- botene Dinge denken. Seine außerordentliche Schönheit — die Schönheit eines lebendigen Gottes — dünkte ihm nur ein Unglück. Reichtum wurde ihm unter Bedingungen angeboten, deren bloße An- deutung ihn schon verletzte. Mädchen warfen sich ihm zu Füßen und flehten vergebens um seine Liebe. Er erhielt fortwährend Liebesbriefe, die er niemals beantwortete. Einige derselben waren in jenem alten bilderreichen Stil abgefaßt, der von „dem felsenfesten Ruhekissen der Liebesbegegnung", oder von den „Wellen, die die Schatten des Angesichtes beleben" und von „Strömen, die sich nur trennen, um sich wieder zu vereinigen", spricht. Andere wieder waren kunstlos, überströmend zärtlich, voll von dem Pathos des ersten Liebesgeständnisses eines Mäd- chenherzens. Lange Zeit ließen solche Briefe den jungen Priester so ungerührt wie jene Statue des Buddha, dessen Abbild er zu sein schien. Aber in Wahrheit war er kein Buddha, sondern nur ein schwacher Mensch, und seine Lage wurde immer unerträglicher. Eines Abends kam ein kleiner Knabe in den Tempel und händigte ihm einen Brief ein, flüsterte den Namen der Absenderin und verschwand in der Dunkelheit. Nach der späteren Zeugenaussage eines Tempeldieners las der Priester den Brief, schob ihn in den Umschlag zurück und legte ihn dann auf die Matte neben sein Kniekissen. Nach- dem er lange in Sinnen versunken dagesessen hatte, holte er sein Schreibzeug, schrieb selbst einen Brief, 176 adressierte ihn an seinen geistlichen Vorgesetzten und ließ das Schreiben auf seinem Pult liegen. Dann warf er einen Blick auf die Uhr und zog eine japa- nische Eisenbahntabelle zu Rate. Es war sehr spät, die Nacht dunkel und stürmisch. Er warf sich vor dem Altar zu einem kurzen Gebet auf die Kniee und eilte dann aus dem Hause. Er erreichte die Bahn- station gerade in dem Augenblicke, als der Expreß- zug aus Kobe brausend einfuhr. Blitzschnell warf er sich auf das Geleise vor dem schnaubenden Ungetüm nieder. Und im nächsten Augenblick hät- ten diejenigen, die seine seltsame Schönheit ange- betet hatten, vor Entsetzen aufgeschrien beim An- blick dessen, was von seinem armen vergänglichen Körper auf den Schienen klebte. D D D D D D Der Brief, den er an seinen Vorgesetzten ge- richtet hatte, wurde gefunden. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß er in dem Gefühl seiner erschöpften Widerstandskraft, beschlossen habe, zu sterben, um nicht der Sünde zu erliegen. Der andere Brief lag noch auf dem Boden, wo er ihn gelassen hatte, ein Brief in jener Frauensprache geschrieben, in der jede Silbe eine demütige Liebkosung ist. Wie alle solche Briefe (sie werden nie durch die Post geschickt), enthielt er kein Datum, keinen Namen, keine Initialen, und der Umschlag trug keine Adresse. In unsere weit sprödere Sprache übertragen, könnte er annähernd so lauten: D „Sich solche Freiheit zu nehmen, heißt allzuviel 177 12 Nachsicht verlangen. Gleichwohl fühle ich, daß ich zu Euch sprechen muß, und darum sende ich diesen Brief. Was mein geringes Selbst betrifft, so sei mir nur vergönnt, zu sagen, daß erst von dem Tage, an dem ich Euch an dem , Feste der Fernen Küste' zum ersten Male sah, meine Gedanken erwachten, und seither konnte ich nicht mehr vergessen. Mit jedem Tage versinke ich mehr und mehr in diesen Gedanken an Euch; er umschwebt mich im Traume, und wenn ich erwachend Euch nicht sehe und es mir bewußt wird, das Traumgesicht sei keine Wahrheit gewesen, fließen meine Tränen. Vergebt mir, daß ich, die in diese Welt als Weib geboren ward, den Wunsch auszusprechen wage, einem so Erha- benen nicht verabscheuungswert zu sein. Es mag Euch töricht und unzart erscheinen, daß ich meinem Herzen gestatte, solche Qual zu erdulden um jeman- des willen, der so himmelhoch über mir steht. Aber nur weil ich weiß, daß ich außer stände bin, mein Herz zu bezwingen, aus dessen Tiefe ich diesen armseligen Worten gestattet habe emporzuquellen, um von meinem ungelenken Pinsel niedergeschrie- ben und Euch gesandt zu werden, bitte ich Euch, daß Ihr mich Eures Mitleids wert halten möget; be- schwöre ich Euch, mir nicht mit grausamen Worten zu begegnen. Habt Erbarmen mit mir, begreift, daß dies nur ein Übermaß meiner demutsvollen Gefühle ist. Geruht, dieses Herz, das sich in seinem tiefsten Elend an Euch zu wenden wagt, zu begreifen und gerecht zu beurteilen. Jeden Augenblick des Tages harre und hoffe ich auf eine beglückende Ant- wort. D DaDDaDODDaDaDaD 178 D Alle guten und glückspendenden Dinge auf Euer Haupt herabflehend D D am heutigen Tage D D von einer in aller ihrer Geringheit D D von dem Erhabenen Gekannten. D O An den Ersehnten, Geliebten, D D Verehrungswürdigsten D D geht dieser Brief." D Ich begab mich zu einem japanischen Freunde, einem buddhistischen Gelehrten, um ihm einige Fragen über die religiöse Auffassung dieses Vor- falls zu stellen. Selbst als Zeichen menschhcher Schwäche angesehen, erschien mir dieser Selstmord heroisch. Nicht so meinem Freunde. Er sprach Worte der Verurteilung, er wies darauf hin, daß der, wel- cher annahm, durch den Selbstmord der Sünde ent- gehen zu können, in den Augen des Meisters ein im geistigen Sinne Verlorener sei — unwürdig der Ge- meinschaft mit heihgen Männern. Was nun den Priester betrifft, hatte er zu jenen gehört, die der Meister Toren nannte. Nur ein Tor könne glauben, durch Zerstörung des eigenen Körpers auch zugleich die Quelle der Sünde in seiner Seele zu vernichten. „Aber," wendete ich ein, „das Leben dieses Mannes war rein. Nehmen Sie an, daß er den Tod bloß suchte, damit er nicht unwissentlich andere zur Sünde veranlasse?" DDaaaDlDDDDD 179 D Mein Freund lächelte ironisch, dann sagte er: „Es war einmal eine vornehme japanische Dame von erlesener Schönheit, die Nonne v^^erden wollte. Sie begab sich in einen Tempel und trug ihren Wunsch vor. Aber der Oberpriester sagte: ,Sie sind noch sehr jung, Sie haben das Leben am Hofe gelebt. In den Augen weltlicher Männer sind Sie sehr schön, und Ihr schönes Antlitz wird eine stete Versuchung für Sie sein, zu den Freuden der Welt zurückzu- kehren. Überdies kann Ihr Wunsch vielleicht nur einem augenblicklichen Kummer entspringen. Ich kann Sie deshalb jetzt noch nicht in den Orden auf- nehmen.* Aber sie fuhr fort so beharrlich in den Priester zu dringen, daß dieser es für das Beste hielt, sich ihren Bitten zu entziehen, indem er sich rasch ent- fernte. In dem Räume, wo sie nun allein war, stand ein großes ,Hibashi' (ein Feuerbecken mit glühen- den Kohlen), sie ergriff die Zange, hielt sie ins Feuer, bis sie glühend rot war, und damit verwundete und zerriß sie erbarmungslos ihr Antlitz und zerstörte so seine Schönheit auf ewig. Der durch den Brandgeruch erschreckte Priester eilte herbei und sah voll Betrübnis das Geschehene. Aber sie erneuerte allsogleich ihre Bitten ohne das geringste Zittern in ihrer Stimme. ,Meine Schönheit war das Hindernis für meinen Eintritt in den Orden,* sagte sie, ,wollen Sie mich nun aufnehmen?' Der Priester willfahrte nun ihrer Bitte. Sie wurde in den Orden aufgenommen und lebte als heilige 180 Nonne. Nun, wer war weiser, die Frau, oder der junge Priester, den Sie preisen wollten?" „Aber war es denn die Pflicht des Priesters, sein Gesicht zu verunstalten?" fragte ich. „Sicherlich nicht! Selbst die Handlungsweise der Frau wäre nicht verdienstvoll gewesen, hätte sie sich damit nur gegen die Versuchung schützen wollen. Selbstverstümmelung irgendwelcher Art, ist durch das Gesetz Buddhas verboten; darin hat sie sich einer Übertretung schuldig gemacht. Aber da sie sich das Gesicht einzig aus dem Grunde verbrannte, um allsogleich in den heiligen Verband aufgenom- men zu werden, und nicht, weil sie sich unfähig fühlte, der Sünde durch eigene Willenskraft zu wider- stehen, war ihr Vergehen verzeihlich, wohingegen der Priester, der sein Leben vernichtete, sich einer großen Sünde schuldig machte. Er hätte versuchen müssen, all die, die ihn verlocken wollten, zu be- kehren. Dazu war er zu schwach. Fühlte er, daß er keine Kraft habe, der Sünde als Priester zu widerstehen, so wäre es weit besser für ihn ge- wesen, in das weltliche Leben zurückzukehren und dort nach dem Gesetz derjenigen zu leben, die nicht den Geboten der heiligen Ordensregeln unterworfen sind." „Der buddhistischen Auffassung nach, hat er sich demnach kein Verdienst erworben?" fragte ich. „Es ist schwer anzunehmen, daß dies der Fall sein könnte. Seine Tat kann nur in den Augen derer, die das Gesetz nicht kennen, verdienstlich erscheinen." D „Und was denken diejenigen, die das Gesetz 181 kennen, über die Folgen, über das Karma seiner Handlung?" Nach kurzem Sinnen sagte mein Freund nach- denklich : „Die ganze Wahrheit dieses Selbstmordes ent- zieht sich unserem Wissen — vielleicht war es nicht das erstemal." „Meinen Sie damit, er könnte schon in irgend einem früheren Leben versucht haben, der Sünde durch die Vernichtung seines Körpers zu entgehen ?" „Ja, oder in vielen früheren Leben." „Wie verhält es sich mit seinem zukünftigen Leben?" „Nur ein Buddha vermöchte über diese Fragen bestimmten Aufschluß zu geben." „Aber was sagt Ihre Religion darüber?" „Sie vergessen, daß es für uns nicht möglich ist, zu wissen, was in der Seele dieses Mannes vorging." „Nehmen wir an, er suchte den Tod nur um der Sünde zu entgehen." „In diesem Falle wird er der Versuchung mit all ihren Schmerzen und all ihren Qualen tausend und tausende Male wieder und wieder begegnen müssen, bis er gelernt hat, sich selbst zu über- winden. Im Tode ist kein Entrinnen vor der ewigen Notwendigkeit der Selbstüberwindung." Als ich meinen Freund verließ, verfolgten mich seine Worte, und sie verfolgen mich noch immer. Meine eigenen Anschauungen erschienen mir nun in einem neuen Lichte. Ich war noch nicht fähig, mir darüber klar zu werden, ob diese geheimnis- 182 volle Interpretation des Liebesmysteriums der Be- achtung weniger würdig sei, als unsere abendlän- dische Auffassung. Ich habe darüber nachgesonnen, ob die Liebe, die in den Tod führt, nicht weit mehr bedeuten könnte, als die Wiedergeburt begrabener Leidenschaften. Könnte sie nicht auch die unentrinn- bare Strafe bedeuten für längst vergessene Sünde ? . . . s? ISSEN Sie etwas über Josses*?" fragte jmich ein mir bekannter Kuriositäten- j Händler. — „Josses?" — „Ja, Götzen- bilder, japanische Götzenbilder — Jos- Ises/' — „Einiges", antwortete ich, „aber eigentlich sehr wenig." — „Nun, kommen Sie mit mir und sehen Sie sich meine Sammlung an. Ich sammle nun schon zwanzig Jahre Josses und habe einige, die es wohl verdienen, betrachtet zu werden — sie sind aber nicht verkäuflich — außer natürlich für das Britische Museum." Ich folgte ihm durch das Bric-a-brac seines Ladens über einen gepflasterten Hof in ein unge- wöhnlich ausgedehntes Go-down.^ Wie alle Go- downs, war es finster: nur mit Mühe konnte ich einen Stiegenaufgang unterscheiden, der in die Dunkelheit hinaufragte. Beim Treppenabsatz blieb er stehen und sagte: „Geben Sie acht, Sie werden gleich besser sehen, ich habe diese Räume eigens für die Josses gebaut, aber nun reichen sie gar nicht mehr aus, sie sind alle im zweiten Stock. Steigen Sie behutsam hinauf, die Treppe ist schlecht." Ich stieg empor, erreichte eine halbdunkle Halle unter einem sehr hohen Dach und fand mich von Angesicht zu Angesicht den Göttern gegenüber. . In dieser Dämmerung des großen Go-down war das Schauspiel mehr als phantastisch: es war ge- spenstisch. Arhats, Buddhas und Bodhisatwas, und Bilder und Gestalten aus einer noch älteren Götter- welt füllten den ganzen schattenhaften düstern Raum. Nicht nach Hierarchien geordnet, wie in einem Tempel, sondern wahllos zusammengewürfelt, wie 185 in einer plötzlichen Panik. In dem Gewirr zahlloser Köpfe, zerbrochener Aureolen und drohend empor- gehobener Finger oder im Gebet gefalteter Hände, einem gleißenden Durcheinander von verstaubtem Gold, auf das durch die spinnwebbedeckten Luft- luken ein trübes Licht fiel, konnte ich anfänglich nichts unterscheiden. Aber als ich mich an das Dunkel ein wenig gewöhnt hatte, begann ich all- mählich die verschiedenen Persönlichkeiten zu er- kennen. Ich sah Kwannons in verschiedenen Ge- stalten ; Jizos mit vielen verschiedenen Namen ; Sha- kas Jakushis, die Buddhas und ihre Schüler. Sie waren sehr alt und nicht von ausgesprochen japanischem Gepräge, auch trugen sie keine Zeichen eines be- stimmten Ortes oder einer bestimmten Zeit. Es waren Exemplare aus Korea, China, Indien, Schätze, die aus der Zeit der Blüte der buddhistischen Missionäre her- übergebracht worden waren. Manche ruhten auf Lotosblumen — der Lotosblume der „irdischen Ge- burt" — , andere ritten auf Leoparden, Tigern, Löwen oder mystischen Ungeheuern, die den Blitz und den Tod versinnbildlichten. Eines, dreiköpfig und viel- armig, düster und imposant, schien sich förmlich durch das Dämmer zu bewegen, wie es auf seinem Thron von einer Phalanx von Elefanten getragen wurde. Ich sah einen von Flammen umloderten Fudo und eine Maya-Fujin auf ihrem himmlischen Pfau. In seltsam anachronistischer Mischung mit diesen buddhistischen Visionen sah man bewaffnete Daymios und chinesische Schriftgelehrte. Da waren kolossale, bis an die Decke reichende Gestalten des Zorns, die Donnerkeile schwangen: die Devakönige, 186 wie Personifikationen der Kraft des Orkans; die Ni-Os, die Hüter der längst verschwundenen Tempel- tore. Da waren auch üppige Formen von Frauen- gestalten: die leichte Anmut ihrer Glieder um- schlossen Lotoskelche, und die Biegsamkeit ihrer Finger, die die Zahl der Guten Gesetze aufzählten, war nach Idealen geformt, die wahrscheinlich in irgendeiner verklungenen Zeit von dem Reiz einer indischen Tänzerin inspiriert worden waren. An der nackten Ziegelwand darüber konnte ich Gestalten untergeordneter Art wahrnehmen: Dämonen, mit Augen, die durch die Nacht funkelten wie die Augen einer schwarzen Katze, und Gestalten halb Vogel, halb Mensch, mit Flügeln und Schnäbeln wie Ad- ler — die Tengus der japanischen Volksphantasie. „Nun?" sagte der Kuriositätenhändler mit einem Schmunzeln der Befriedigung über mein unverhohle- nes Erstaunen. „Es ist eine ausgezeichnete Sammlung," er- widerte ich. Da legte er die Hand auf meine Schulter und schrie mir triumphierend ins Ohr: „Kostet mich fünfzigtausend Dollars !" Aber die Bilder selbst sagten mir, um wieviel mehr für sie in längst vergessenen frommen Mühen entrichtet worden war — trotz der Wohlfeilheit der künstlerischen Arbeit im Orient. Auch erzählten sie mir von den Millionen Pilgern, deren Füße die Treppen gehöhlt hatten, die zu ihren Schreinen hin- aufführten, von den nun toten Müttern, die kleine Kinderkleidchen vor ihren Altären aufzuhängen pfleg' ten, von den Generationen von Kindern, die man 187 lehrte Gebete an sie zu richten, von den zahllosen Kümmernissen und Hoffnungen, die man ihnen an- vertraute. Die Erinnerung jahrhundertelanger An- betung war ihnen ins Exil gefolgt; ein dünner süßer Weihrauchduft durchschwebte den öden, ver- lassenen Raum . . . „Wie würden Sie diese Gestalt nennen?" fragte die Stimme des Kuriositätenhändlers; „man sagt mir, es ist das beste Stück der Sammlung." Er wies auf eine Figur, die auf einem dreifachen goldenen Lotos ruhte — Avalokiteswara : sie, „die auf den Klang der Gebete herniederblickt ... bei ihrem Namen glätten sich die Wogen von Sturm und Haß, vor ihrem Namen erstickt das Feuer, beim Klang ihres Namens entschwinden Dämonen, kraft ihres Namens kann man im Räume aufrechtstehen, gleich der Sonne . . ." Die Anmut ihrer Glieder, die Zärtlichkeit ihres Lächelns stammen aus den Träumen des indischen Paradieses. „Es ist eine Kwannon," sagte ich, „und zwar eine sehr schöne." „Ich werde auch einen sehr schönen Preis für sie verlangen," sagte er mit schlauem Augenzwinkern. „Sie kostet mich genug, obgleich ich im allgemeinen die Sachen wohlfeil erstehe. Es gibt nur wenig Käufer dafür, und sie müssen heimlich gekauft werden; nun, das ist ja eben der Vorteil." „Sehen Sie doch jenen Joß drüben in der Ecke, den großen, schwarzen Mann; wer, glauben Sie, ist das?" „Emmei Jizö," antwortete ich, „Jizö, der den Men- schen langes Leben schenkt. Er muß sehr alt sein." 188 O „Nun?", sagte er, mich wieder auf die Schulter klopfend, „der Mann, von dem ich dieses Stück er- stand, kam ins Gefängnis, weil er es mir verkauft hatte." Er brach in ein herzhaftes Lachen aus; ob in der Erinnerung an seine eigene Schlauheit bei der Transaktion oder über die klägliche Einfalt des Verkäufers, war mir nicht klar. Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Sie wollten es dann wieder haben und boten mir mehr dafür, als ich gezahlt hatte, aber ich ließ nicht locker. Ich weiß nicht genau Bescheid über Josses, aber so viel weiß ich, daß sie sehr viel wert sind. Im ganzen Lande gibt es kein solches Exemplar wie dieses. Das Britische Museum wird sicherlich froh sein, es zu bekommen." „Wann beabsichtigen Sie es dem Britischen Museum anzubieten?" fragte ich. „Nun," sagte er, „ich möchte zuerst eine Aus- stellung arrangieren, in London kann man durch eine solche Ausstellung eine schöne Summe zu- sammenbringen — denn so etwas haben die Londo- ner wahrhaftig noch nie zu sehen bekommen. Faßt man die Sache vernünftig an, so kann man bei einem derartigen Unternehmen von der Geistlichkeit sehr gefördert werden: „Heidnische Götzen aus Japan!" Es unterstützt die Missionsarbeiten . . . Wie gefällt Ihnen das Baby?" Ich blickte auf das goldfarbene Bild eines nackten Kindes — ein Händchen wies hinauf, das andere hinab — es stellte den neugebornen Buddha dar. „Lichtstrahlend entstieg er dem Schöße, gleich der Sonne, wenn sie im Osten aufgeht . . . Aufrecht 189 stehend machte er sieben bedächtige Schritte, und die Spuren seiner Füße auf dem Boden bheben leuch- tend wie sieben Sterne. Und er sprach mit ver- nehmlicher Stimme die Worte: j,Meine Geburt ist eine Buddha-Geburt, für mich gibt es keine Wieder- geburt, nur dieses letzte Mal werde ich geboren, zum Segen und Heil aller auf Erden und im Himmel." „Das ist, was man einen Tanjo-Shaka nennt," sagte ich, „es sieht wie Bronze aus." „Es ist auch Bronze," sagte er, mit dem Finger daran pochend, um das Metall tönen zu lassen. „Die Bronze allein ist mehr wert, als ich dafür ge- zahlt habe." Ich betrachtete die vier Devas, deren Köpfe bei- nahe das Dach berührten und dachte an die Ge- schichte ihres Erscheinens, wie sie die Mahavagga berichtet: „In einer schönen Nacht betraten die vier großen Könige den heiligen Hain, indem sie den ganzen Raum mit Licht erfüllten; und nachdem sie sich ehrfürchtig vor dem Gebenedeiten geneigt hatten, standen sie in den vier Richtungen wie vier Feuersäulen." „Wie haben Sie es nur ermöglicht, die vier Figuren heraufzubringen?" fragte ich. „O, sie sind eben hinaufgehißt worden — wir haben einen Aufzug. Die eigentliche Schwierigkeit war der Eisenbahntransport: es war ihre erste Eisenbahnfahrt . . . aber sehen Sie sich mal die an, die werden der Clou der Ausstellung sein!" Ich blickte in die angegebene Richtung und sah zwei Holzfiguren von ungefähr drei Fuß Höhe. D 190 a „Warum glauben Sie, daß gerade diese Sensation machen werden?" fragte ich unschuldig. „Sehen Sie denn nicht, wer sie sind? Sie stammen aus der Zeit der Verfolgungen — es sind japanische Teufel, die auf das Kreuz treten." Es waren nur kleine Tempelhüter, aber ihre Füße ruhten auf kreuzförmigen Unterlagen. „Hat Ihnen denn jemand gesagt, dies seien Teufel, die auf das Kreuz treten?" wagte ich zu fragen. „Was sollten sie sonst tun?" antwortete er aus- weichend. „Betrachten Sie doch die Kreuze unter ihren Füßen." „Aber sie sind doch keine Teufel," beharrte ich, „die Kreuze wurden unter ihre Füße gelegt, um sie im Gleichgewicht zu erhalten." Er schwieg, aber er sah enttäuscht aus; und er tat mir ein wenig leid. „Teufel, die auf das Kreuz treten", als eine Ausstellungsnummer von „Josses aus Japan" in irgendeiner Londoner Affiche angekündigt, das hätte Zugkraft gehabt! „Dies hier ist weit wunderbarer," sagte ich, auf eine schöne Gruppe deutend, „Maya mit dem Kinde Buddha, das nach der Überlieferung aus ihrer Seite entsprossen ist. Schmerzlos war der Bodhisatwa aus ihrer rechten Seite geboren. Es war der achte Tag des vierten Monats." „Das ist auch aus Bronze," sagte er, und klopfte mit dem Finger darauf. „Bronze-Josses fangen an, selten zu werden. Wir pflegten sie zum Preise von altem Metall aufzukaufen und wieder loszuschlagen. Ich wünschte, ich hätte einige von ihnen behalten. 191 Sie hätten damals die Bronzen sehen sollen, die von den Tempeln herkamen. Glocken, Vasen, Josses! Das war die Zeit, wo wir versuchten, den Daibutsu in Kamakura zu kaufen." „Als alte Bronze?" fragte ich. „Ja, wir berechneten das Gewicht des Metalls und bildeten ein Syndikat. Das erste Angebot war dreißigtausend, wir hätten einen großen Profit er- zielen können, denn das Ding enthält einen be- trächtlichen Wert an Gold und Silber. Die Priester wollten es verkaufen, aber das Volk gab es nicht zu." „Es ist eines der Wunder der Welt," sagte ich ; „hätten Sie es wirklich übers Herz gebracht, es zu zerstückeln und einzuschmelzen?" „Gewiß, warum nicht? Was sollte sonst damit geschehen ? Das drüben sieht genau so aus wie die Jungfrau Maria, nicht wahr?" Er deutete auf das vergoldete Bildnis einer weiblichen Gestalt, die ein Kind an ihre Brust drückte. „Ja," sagte ich, „aber es ist eine Kishiböjin, die Göttin, die die kleinen Kinder liebt." „Die Leute sprechen von Götzenanbetung," fuhr er sinnend fort; „in römisch-katholischen Kirchen habe ich viele Bilder gesehen, die diesen gleichen . . . Mir scheint, die Religionen in der ganzen Welt sind so ziemlich gleich." „Darin mögen Sie recht haben," sagte ich. „Nun ja, die Geschichte von Buddha ist wie die Geschichte von Jesus, nicht wahr?" „Gewissermaßen," stimmte ich zu. „Nur wurde er nicht gekreuzigt." D Ich antwortete nicht, und meine Gedanken o 192 schweiften zu dem Texte: „In der ganzen Welt ist nicht ein Fleckchen Erde von der Größe eines Senf- korns, wo er nicht seinen Leib dahingegeben hätte um der lebenden Wesen willen." Ich begriff plötz- lich, daß dies vollkommen wahr sei. Denn der Gott des tieferen Buddhismus ist nicht Gautama noch irgendein Tathägata, sondern ganz einfach das Gött- liche im Menschen. Alle sind wir Schmetterlings- puppen, die die Unendlichkeit einschließen: jeder von uns birgt eine Buddhaseele, und die Millionen sind nur eins. In ihren ewigen Träumen der Illusion trägt die ganze Menschheit den latenten Keim eines Buddha in sich; und des Meisters Lächeln wird die Welt wieder schön machen, wenn die Selbstsucht einmal ausgestorben ist. Jedes edle Opfer bringt die Stunde seiner Wiederkunft näher; und wer ver- mag zu bezweifeln — bedenkt man die Myriaden von Zeitaltern der Menschheit — , daß selbst jetzt kein Fleckchen auf Erden vorhanden ist, wo nicht schon ein Leben um der Pflicht und Liebe willen freudig dahingegeben worden wäre? Wieder fühlte ich die Hand des Kuriositäten- händlers auf meiner Schulter ruhen. „Jedenfalls," rief er in munterem Tone, „wird man sie doch im Britischen Museum zu schätzen wissen — was?" „Ja, ich hoffe. Verdienen würden sie es schon," bestätigte ich. Dann stellte ich sie mir in irgendeinem Saale jener gewaltigen Nekropolis der toten Götter vor, von grüngelbem Nebel umwebt, den Raum mit ver- gessenen ägyptischen und babylonischen Gottheiten 193 u teilend, in dem Getöse des Londoner Straßenlärmes leise erschauernd . . . Und all das zu welchem Ende ? Vielleicht einen zweiten Alma Tadema anzuregen, die Schönheit einer entschwundenen Zivilisation im Bilde darzustellen ; vielleicht um zur Illustration eines englischen buddhistischen Diktionärs beizutragen; vielleicht um einen zukünftigen Laureatus zu einer so überraschenden Metapher zu inspirieren wie Tennysons Bild von dem „gesalbten und gelockten assyrischen Stier" (oiled and curled Assyrian bull). Sicherlich werden sie nicht vergebens dort be- wahrt werden. Die Denker einer weniger konven- tionellen und selbstsüchtigen Zeit werden uns aufs neue Ehrfurcht vor ihnen lehren. Jedes vom mensch- lichen Glauben geschaffene Idol bleibt die Schale einer ewigen göttlichen Wahrheit, ja die Schale selbst kann geheimnisvolle Kraft haben. Die reine Klar- heit, die leidenschaftslose Zärtlichkeit dieser Buddha- gesichter vermag noch jetzt dem Abendland Seelen- frieden zu bringen, das in seinen zur Konvention her- abgesunkenen Religionen keine Befriedigung mehr findet und des Kommens eines neuen Heilands ent- gegenharrt, der da verkünden wird: „Ich habe dieselbe Liebe für Hoch wie für Nieder, für den Sittlichen wie für den Unsittlichen, für den Verderbten wie für den Tugendhaften, für jene, die Irrlehren an- hängen, wie für jene, deren Glaube gut und wahr ist." DaDDDDDDDDDDDD ■^: MEINE Brüder, wenn ein Bikku wünscht, sich seine verschiedenen zeitlichen Inkarnationen in vergangenen Tagen — wie eine Geburt, zwei Geburten, drei, vier, fünf, zehn, zwanzig, fünfzig, hundert, tausend oder hunderttausend Geburten — in all ihren Formen und all ihren Einzelheiten zu vergegen- wärtigen, dann laßt ihn in Beschaulichkeit seinem Herzen lauschen, laßt ihn durch die Dinge hindurchsehen, laßt ihn viel allein." (Akankheyya Sutta.) D D D D D D ENN man einen denkenden Abend- länder, der einige Jahre in der wirklich lebendigen Atmosphäre des Buddhis- mus gelebt hat, fragen würde, welche fundamentale Idee die orientalische Denkweise von unserer eigenen unterscheidet, seine Antwort würde zweifellos lauten: „Die Idee der Präexistenz". Diese Idee ist es, die mehr als irgendeine andere das ganze geistige Leben des fernen Ostens durchdringt. Sie ist allgegenwärtig wie die Luft, sie färbt jede Empfindung; sie beeinflußt direkt oder indirekt fast jede Handlung. Ihre Symbole treten uns auf Schritt und Tritt ent- gegen, selbst in Einzelheiten künstlerischer Deko- ration, und fortwährend, bei Tag und bei Nacht schlägt ein Echo ihrer Sprache unversehens an unser Ohr. Die Ausdrucksformen des Volkes, seine Haus- sprüche, seine Sprichwörter, seine frommen oder profanen Ausrufe, die Äußerungen seines Schmerzes, seiner Hoffnung, seiner Freude, oder Verzweiflung, sind alle davon beseelt. Sie charakterisiert gleicher- weise die Sprache der Liebe und den Ausdruck des Hasses; und der Ausdruck „Ingwa" oder „Innen", 196 der das Karma, als unentrinnbare Vergeltung be- deutet, drängt sich ungewollt jedem auf die Lippen als Erklärung, als Trost, oder als Vorwurf. Der Bauer, der einen steilen Weg hinaufklimmt und die Last seines Handkarrens in jeder angespannten Muskel empfindet, murmelt geduldig: „Da dies ,Ingwa* ist, muß es ertragen werden." Zankende Diener fragen einander: „Durch welches ,Ingwa* bin ich verurteilt, mit einem solchen wie du bei- sammen zu sein?" Dem Unfähigen oder Laster- haften wird sein ,Ingwa* vorgehalten, und das Un- gemach des Weisen oder des Tugendreichen wird durch dasselbe buddhistische Wort erklärt. Der Ge- setzesübertreter gesteht sein Verbrechen, indem er sagt: „Als ich meine Tat beging, wußte ich, daß sie schlecht war, aber mein Ingwa war stärker als mein Herz." Liebende, deren Verbindung sich Hinder- nisse entgegenstellen, suchen den Tod in dem Glau- ben, daß ihre Vereinigung in diesem Leben durch die Folgen ihrer Sünden in einem früheren unmöglich ist; und wer das Opfer einer Ungerechtigkeit ge- worden, bemüht sich, seine natürliche Entrüstung durch die Überzeugung zurückzudrängen, er büße für irgend ein vergessenes Vergehen, das nach der ewigen Ordnung der Dinge Sühne heischt. Ebenso setzen die gewöhnlichsten Hinweise auf eine geistige Zukunft den allgemeinen Glauben an eine geistige Vergangenheit voraus. Die Mutter warnt die Kinder bei ihren Spielen vor den bösen Folgen des Übeltuns auf ihre nächsten Geburten als Kinder anderer Eltern. Der Pilger oder Straßen- bettler nimmt das Almosen mit dem Wunsche ent- 197 gegen: „Deine zukünftige Geburt möge glücklich sein!" Der hinfällige „Inkyo", dessen Gehör und Gesicht zu versagen beginnt, spricht frohgemut von der bevorstehenden Veränderung, die ihn mit einem frischen, jungen Körper versehen wird. Und der Ausdruck „Yakusoku", der die buddhistische Be- zeichnung für „Notw^endigkeit" ist; „mae no yo", das letzte Leben ; „akirame", die Resignation, vv^er- den so oft im gewöhnlichen japanischen Leben an- gewendet, wie die Worte „Recht" und „Unrecht" im abendländischen Alltagsleben. Nachdem man lange in diesem psychologischen Milieu verweilt hat, gewahrt man, daß es das eigene Denken durchdrungen und darin verschiedene Um- wälzungen bewirkt hat. Alle Anschauungen über das Leben, die auf der Idee der Präexistenz beruhen, alle diese Begriffe, die wie sympathisch immer man ihnen auch beim theoretischen Studium gegenüber gestanden sein mag, einem im wirklichen Leben mehr als seltsam erscheinen mußten, verlieren schheßlich diesen seltsamen oder fantastischen Cha- rakter, den ihnen das Fremdartige anfänglich gab, und erscheinen nun in einem ganz natürlichen Lichte. Sie erklären viele Dinge so gut, daß sie förmlich rationell erscheinen, und wahrlich, einige derselben sind auch ganz rationell, an dem wissenschaftlichen Denken des neunzehnten Jahrhunderts gemessen. Aber um sie ganz unbefangen zu beurteilen, muß man vorerst alle abendländischen Ideen über die Metempsychose aus seinem Geist ausmerzen. Denn zwischen der alten abendländischen Vorstellung der Seele — beispielsweise der pythagoräischen oder 198 platonischen — und der buddhistischen ist gar keine ÄhnHchkeit vorhanden, und gerade wegen dieser Verschiedenheit erweisen sich die japanischen Glau- benstormen als vernünftig. Die tiefe Verschieden- heit zwischen der althergebrachten abendländischen und der japanischen Auffassung in dieser Richtung besteht darin, daß für den Buddhisten der konven- tionelle Begriff von „Seele", der vibrierende, durch- sichtige, körperlose, innere Mensch oder Geist nicht existiert. Das orientalische Ego ist nicht individuell. Es ist nicht einmal eine ziffernmäßig auszudrückende Vielheit, wie die gnostische Seele. Es ist ein Ag- gregat, oder eine Zusammensetzung unfaßlicher Viel- fältigkeit, die konzentrierte Summe des schöpferi- schen Denkens vorhergegangener, zahlloser Leben. Die interpretative Kraft des Buddhismus und die merkwürdige Übereinstimmung seiner Theorien mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft zeigt sich hauptsächlich auf jenem Gebiete der Psycho- logie, dessen größter Erforscher Herbert Spencer war. Ein nicht geringer Teil unseres psycholo- gischen Lebens setzt sich aus Gefühlen zusammen, die die abendländische Theologie nicht zu erklären vermocht hat. In diese Kategorie fallen jene, die das der Sprache noch nicht mächtige Kind beim Anblick bestimmter Gesichter weinen, beim Anblick anderer lächeln machen. Dazu gehören auch die augenblick- liche Sympathie oder Antipathie bei der Begegnung mit fremden Personen, jene Anziehung und Ab- 199 stoßung, die man „ersten Eindruck" nennt, und der intelligente Kinder geneigt sind unverhohlen Aus- druck zu geben, ungeachtet aller erziehlichen Lehren, daß man die Leute nicht nach dem äußeren Anschein beurteilen dürfe, eine Doktrin, der kein Kind in seinem Herzen Glauben schenkt. Diese Gefühle in- stinktiv oder intuitiv im theologischen Sinne von In- stinkt und Intuition zu nennen, heißt nichts erklären, sondern nur die Frage abschneiden und in das Be- reich des Lebensmysteriums verweisen, geradeso wie die besondere Schöpfungshypothese. Die Idee, ein persönlicher Impuls oder eine solche Empfindung könne mehr sein, als individuell — es sei denn zu- folge dämonischer Besessenheit — erscheint der alt- hergebrachten Orthodoxie noch immer als eine ent- setzliche Ketzerei. Und doch ist es nun festgestellt, daß unsere tieferen Gefühle superindividuell sind, sowohl die, die wir passionell, als die, die wir sublim nennen. Der individuelle Charakter der Liebesleiden- schaft wird von der Wissenschaft absolut negiert; und was von der „Liebe auf den ersten Blick" gilt, gilt gleicherweise auch vom Haß. Beide sind super- individuell. Ebenso verhält es sich mit jenen vagen Impulsen des Wandertriebs, die mit dem Frühling kommen und gehen, und jenen vagen Depressionen, die einen im Herbst überkommen, vielleicht ein Überbleibsel jener Epoche, in der die menschlichen Wanderungen sich nach dem Wechsel der Jahres- zeiten richteten, ja vielleicht sogar aus einer noch weiter zurückreichenden Epoche, die dem ersten Auf- treten des Menschen vorangeht. Superindividuell sind auch die Gefühle desjenigen, der die größte Zeit 200 seines Lebens in Ebenen oder Prärien zugebraciit hat und sich nun plötzlich einer Reihe schnee- bedeckter Gipfel gegenüber sieht, oder die Gefühle eines Menschen, der lange im Innern eines Landes gewohnt hat und zum ersten Male den Ozean er- blickt und dessen ewiges Donnern hört. Das stets mit leisem Grauen gemischte Entzücken, das der Anblick einer grandiosen Landschaft hervorruft, oder die sprachlose, von unsagbarer Melancholie beschat- tete Bewunderung, die die Herrlichkeit eines tro- pischen Sonnenunterganges auslöst, kann durch die individuelle Erfahrung allein nie erklärt werden. Die psychologische Analyse hat in der Tat erwiesen, daß diese Gefühle wunderbar kompliziert und mit per- sönlichen Erfahrungen mannigfachster Art verwoben sind, aber in keinem Falle ist die tiefste Gefühls- welle jemals individuell; sie steigt aus jenem urzeit- lichen Lebensmeer empor, aus dem wir alle kommen. Zu derselben psychologischen Kategorie gehört auch möglicherweise ein rätselhaftes Gefühl, welches den Geist der Menschen lange vor der Zeit Ciceros beunruhigte, und ihm heute zeitweilig noch mehr zu denken gibt: das Gefühl, einen Ort schon gesehen zu haben, den man in Wahrheit zum erstenmal be- sucht. Dieser eigentümliche Schein von Vertrautheit, der die Straßen einer fremden Stadt oder die Linien einer fremden Landschaft umwebt, läßt das Herz in mystischem Schauer erzittern, und vergeblich grü- belt man einer Erklärung nach. Freilich werden manchmal ähnliche Gefühle tatsächlich durch die Wiederbelebung oder Rekombination früherer Ein- drücke ins Bewußtsein zurückgerufen ; aber es bleibt 201 immerhin noch eine ganze Anzahl völHg mystisch, wenn wir sie bloß an der Hand der individuellen Erfahrung erklären wollen. Selbst unsere alltäglichsten Sensationen bergen Rätsel, die diejenigen nie lösen können, die dem ab- surden Dogma anhängen, daß alles Gefühl und alle Erkenntnis der individuellen Erfahrung angehören, und daß der Geist eines neugeborenen Kindes eine „tabula rasa" sei. Das Lustgefühl, das von dem Duft der Blume hervorgerufen wird, von gewissen Farbennuancen, gewissen Tönen; der unwillkürliche Abscheu oder Schrecken beim ersten Anblick gefahrdrohender oder giftiger Lebewesen, — ja sogar das namenlose Grauen der Träume — sind durch die alte Seelen- hypothese nicht zu erklären. Wie weit einige dieser Sensationen, wie die Lust an Duft und Farbe, in das Leben der Rasse zurückreichen, hat Grant Allen äußerst überzeugend in seiner „Physiologischen Ästhetik" und in seiner entzückenden Abhandlung über den Farbensinn ausgeführt. Aber lange, ehe diese geschrieben waren, hat sein Lehrer, der größte aller Psychologen, klar bewiesen, daß die Erfahrungshypo- these völlig unzureichend ist, um viele Kategorien psychologischer Phänomene zu erklären. „Wenn möglich," sagt Herbert Spencer, „ist sie sogar in be- zug auf die Gefühle noch unzutreffender als in bezug auf die Erkenntnisse. Die Doktrin, daß alle Wünsche, alle Gefühle aus der individuellen Erfahrung ent- springen, steht in so grellem Widerspruch mit den Tat- sachen, daß ich es gar nicht fassen kann, wie irgend jemand eine solche Behauptung aufstellen konnte." 202 D Spencer war auch derjenige, der uns zeigte, daß Worte, wie „Instinkt**, „Intuition" in der alten Be- deutung keinen richtigen Sinn haben. Sie müssen demnach künftighin in einer ganz anderen ange- wendet werden. Instinkt bedeutet in der Sprache der modernen Psychologie „organisch gewordenes Gedächtnis", und das Gedächtnis selbst „beginnen- der Instinkt", — die Summe der Eindrücke, die sich in der Kette des Lebens auf das nächstfolgende Indi- viduum vererben soll. So erkennt die Wissenschaft das ererbte Gedächtnis : nicht in dem geheimnisvollen Sinne einer Erinnerung an Einzelheiten aus einem früheren Leben, sondern als einen winzigen Zuwachs zum psychologischen Leben, der von kaum wahr- nehmbaren Veränderungen in der Struktur des er- erbten Nervensystems begleitet ist. Das „mensch- liche Gehirn" ist eine systematisierte Tabelle unend- lich zahlreicher, in der Evolution des Lebens emp- fangener Erfahrungen, oder eigentlich, während der Evolution jener Reihen von Organismen, aus dem sich der menschliche Organismus herausentwickelt hat. Die Resultate der gleichartigsten und häufigsten dieser Erfahrungen haben sich sukzessive als Kapital und Interessen vererbt, und sind allmählich zu jener hohen Intelligenz herangewachsen, die in dem Hirn des Säuglings latent liegt, — und die dieses Kind in seinem späteren Leben betätigt, und vielleicht ver- stärkt oder weiter kompliziert, und mit kleinen Hin- zufügungen der nächsten Generation vererbt. So haben wir eine feste psychologische Grundlage für die Idee der Präexistenz und die Idee des vielfachen „Ego" gewonnen. Es ist unbestreitbar, daß in jedem 203 individuellen Gehirn die ererbte Erinnerung an die ganz unfaßliche Menge der Erfahrungen einge- schlossen ist, die die Gehirne früherer Generationen empfangen haben. Aber diese wissenschaftliche Überzeugung von der Existenz des „Selbst" in der Vergangenheit, wird nicht im materialistischen Sinne ausgesprochen. Die Wissenschaft ist vielmehr die Zerstörerin des Materialismus : Sie hat die Materie als unerklärlich bewiesen, und sie gibt auch zu, daß das Geheimnis des Geistes unlösbar sei, wenn sie auch gleichzeitig genötigt ist, eine schließliche Einheit der Empfindung zu postulieren. Aus den Einheiten der einfachen Gefühle, die um Millionen Jahre älter sind als wir, haben sich zweifellos alle Gefühle und Fähig- keiten der Menschheit aufgebaut. Hier erkennt die Wissenschaft in Übereinstimmung mit dem Buddhis- mus das „Ego" als ein Kompositum, und erklärt ge- radeso wie der Buddhismus die psychischen Rätsel der Gegenwart aus der psychischen Erfahrung der Vergangenheit. DDDDDDDDDDDDD Viele glauben, daß die Vorstellung der Seele als einer unendlichen Vielheit jede religiöse Idee im abendländischen Sinne unmöglich machen würde; und diejenigen, die nicht imstande sind, alte theo- logische Auffassungen abzustreifen, glauben zweifel- los, daß selbst in buddhistischen Ländern, trotz der Zeugenschaft der buddhistischen Texte, der Glaube der breiten Volksschichten tatsächlich auf der Idee der Seele als einer Entität basiere. Aber Japan bietet 204 bemerkenswerte Beweise des Gegenteils. Die un- teren Volksschichten, die ärmste Landbevölkerung, die sich nie mit buddhistischer Metaphysik befaßt hat, glaubt an das vielfache Selbst, Aber was sogar noch schwerer ins Gewicht fällt, ist, daß in der ur- sprünglichen Religion, dem Shintoismus, eine ver- wandte Doktrin enthalten ist; und verschiedene For- men dieses Glaubens charakterisieren das Denken der Chinesen und der Koreaner. Alle diese Völker des fernen Ostens scheinen die Vielfältigkeit der Seele anzunehmen, sei's im buddhistischen Sinne oder in der primitiven, durch den Shintoismus re- präsentierten Bedeutung, eine Art geisterhafter Ver- vielfältigung durch Teilung, oder in dem phan- tastischen, von der chinesischen Astrologie ausge- stalteten Sinne. Ich habe mich unwiderleglich über- zeugt, daß in Japan dieser Glaube allgemein ver- breitet ist. Es ist nicht nötig, hier buddhistische Texte anzuführen, denn nur der gewöhnliche Volks- glaube und nicht die Philosophie einer Religion kann den Beweis dafür erbringen, daß religiöse Gläubigkeit sich mit dem Begriff der zusammen- gesetzten Seele sehr wohl verträgt und damit ver- einbar ist. Natürlich stellt sich der japanische Bauer das psychische Selbst nicht so kompliziert vor, wie die buddhistische Philosophie dasselbe denkt, oder wie die abendländische Wissenschaft es beweist. Aber er denkt von sich selbst als von einer Vielheit. Den Kampf in seinem Innern zwischen guten und bösen Impulsen erklärt er als einen Konflikt zwischen den verschiedenen geisterhaften Willen, die sein „Ego" bilden; und seine ideale Hoffnung ist, seine 205 bessere Seele oder seine besseren Seelen von den bösen Seelen loszulösen, — da Nirwana oder die höchste Glückseligkeit nur durch das Überleben des Besten in ihm erreicht werden kann. So scheint seine Religion auf einer natürlichen Erkenntnis der psychologischen Evolution aufgebaut zu sein, die kaum so weit von dem wissenschaftlichen Denken entfernt ist, wie jene konventionellen Begriffe der „Seele" unserer ungebildeten Bevölkerung daheim. Natürlich sind seine Ideen über diese abstrakten Fragen vage und unsystematisch, aber ihr allge- meiner Charakter und ihre Tendenzen sind unver- kennbar; und der Ernst seines Glaubens und der Einfluß dieses Glaubens auf sein ethisches Leben kann sicherlich nicht angezweifelt werden. Wo sich bei der gebildeten Klasse die Gläubig- keit erhält, werden dieselben Ideen vertieft und aus- gestaltet. Ich will als Beispiel nur zwei Proben aus Aufsätzen zitieren, die von Studenten im Alter zwischen dreiundzwanzig und sechsundzwanzig Jahren geschrieben wurden. Ich könnte ihrer ebenso- wohl zwanzig anführen; aber die folgenden werden genügen, um zu illustrieren, was ich meine: „Nichts ist törichter als die Unsterblichkeit der Seele zu verkünden. Die Seele ist eine Zusammensetzung, und obgleich ihre Elemente ewig sind, wissen wir, daß sie sich nie in genau derselben Weise verbinden können. Alle zusammengesetzten Dinge müssen ihren Charakter und ihre Bedingungen verändern." „Das menschliche Leben ist zusammengesetzt. Eine Kombination von Energien bildet die Seele. Wenn ein Mensch stirbt, kann seine Seele unverändert bleiben, oder sie verändert sich je nach den Elementen, mit denen sie sich verbindet. Einige Philosophen sagen, die Seele sei 206 unsterblich, andere wieder, sie sei sterblich; beide haben recht. Die Seele ist sterblich und unsterblich, je nach dem Wechsel der Kombinationen, aus denen sie sich zusammen- setzt. Die elementaren Energien, aus denen die Seele ge- bildet ist, sind ewig; — aber die Natur der Seele wird von dem Charakter der Kombinationen bestimmt, zu denen jene Energien sich verbinden." Die in diesen Aufsätzen ausgesprochenen Ideen werden dem abendländischen Leser auf den ersten Blick ausgesprochen atheistisch erscheinen, aber sie sind tatsächlich mit der tiefsten, aufrichtigsten Gläu- bigkeit vereinbar. Die Anwendung des Wortes Seele, ganz anders aufgefaßt, als wir es auffassen, ruft den falschen Eindruck hervor. „Seele" in dem Sinne dieser jungen Studenten angewendet, bedeutet eine fast unendliche Kombination von sowohl guten, wie bösen Trieben, ein Vielfältiges, das nicht nur in seiner Eigenschaft als Zusammensetzung, sondern auch kraft des ewigen Gesetzes des geistigen Forschrittes der Disintegratlon naturnotwendig anheimfällt. D D Daß die Idee, die durch Jahrtausende ein so bedeutender Faktor im geistigen Leben des Orients war, im Abendlande erst in unseren Tagen sich entwickeln konnte, ist genügend aus der abendlän- dischen Theologie zu erklären. Es wäre jedoch nicht richtig, zu behaupten, es sei der Theologie gelungen, dem abendländischen Geiste den Begriff der Prä- existenz so abstoßend zu machen. Obgleich die christ- liche Doktrin, für die jede einzelne Seele etwas aus dem Nichts Erschaffenes war, das in jeden neuen 207 Körper eintrat, keinen offenen Glauben an die Prä- existenz zuließ, fand doch der gesunde Sinn des Volkes einen Widerspruch mit dem Dogma in den Phänomenen der Vererbung. Ebenso entdeckte das Volk auch bei den Tieren Verstandeskräfte, während die Theologie die Tiere als bloße Automaten be- zeichnete, von einer Art unbegreiflichem MechaniS' mus, Instinkt genannt, gelenkt. Die Theorien über Instinkt und Intuition, die noch vor einer Generation allgemeine Geltung hatten, erscheinen uns heute vollkommen barbarisch. Als Erklärung erkannte man sie allgemein als völlig nutzlos; aber als Dogma dienten sie dazu, die Wissenschaft zu hemmen und Ketzerei zu verhüten. Wordsv^orths „Fidelity" und sein unbegreiflich überschätztes „Intimations of Im- mortality^* bezeigen die außerordentliche Ängstlich- keit und Unreife der abendländischen Anschauungen über diese Dinge, sogar im Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Liebe des Hundes für seinen Herrn ist tatsächlich „groß über menschliche Vor- stellung", aber aus Gründen, die sich Wordsworth nie träumen ließ; und obgleich die unmittelbaren Sensationen der Kindheit sicherlich Offenbarungen von etwas weit Wunderbarerem sind, als Words- worths Begriffsbestimmungen der Idee der Unsterb- lichkeit, wurde seine berühmte, darauf bezügliche Stanze von John Morley mit vollem Rechte als Un- sinn bezeichnet. Ehe die Stellung der Theologie er- schüttert war, hätten sich die rationellen Ideen über die psychologische Vererbung, über die wahre Natur des Instinkts, oder über die Einheit des Lebens nie ihren Weg zur allgemeinen Erkenntnis bahnen können. o 208 D Aber mit der Annahme der Evolutionslehre stürzten die alten Denkformen zusammen; neue Ideen keimten überall empor und verdrängten die alten, überlebten Dogmen; und wir sehen jetzt das Schauspiel einer allgemeinen, intellektuellen Be- wegung nach Richtungen, die merkwürdig parallel mit der orientalischen Philosophie gehen. Die über- raschende Schnelligkeit und Mannigfaltigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts während der letzten fünfzig Jahre konnte nicht verfehlen, eine ebenso unvorhergesehene, intellektuelle Regsamkeit auch unter den nicht wissenschaftlich Gebildeten wachzu- rufen. Daß die höchsten und kompliziertesten Or- ganismen sich aus den niedrigsten und einfachsten entwickelt haben; daß eine physische Grundlage die Substanz der ganzen lebenden Welt ist; daß keine trennende Scheidungslinie zwischen den Tieren und den Pflanzen gezogen werden kann ; daß der Unter- schied zwischen Belebtem und Unbelebtem nur ein Unterschied des Grades, nicht der Art ist; daß die Materie nicht minder unbegreiflich ist als der Geist, vielmehr beide nur variierende, wechselnde Mani- festationen einer und derselben Realität, das ist alles schon zu Gemeinplätzen der neuen Philosophie ge- worden. Nach der ersten Erkenntnis der physischen Evolution, der sich sogar die Theologie nicht ver- schließen konnte, war es leicht vorauszusagen, daß die Erkenntnis der psychischen Evolution nicht ins Unendliche auf sich warten lassen konnte ; denn die Schranke, die das alte Dogma aufgerichtet hatte, um die Menschen zu hindern, zurückzublicken, war zu- sammengebrochen. Und heute ist für jeden, der sich 209 14 mit dem Studium der wissenschaftlichen Psychologie befaßt, die Idee der Präexistenz aus dem Reiche der Theorie in das Reich der Tatsachen übergegangen, und erweist die buddhistische Erklärung des Welt- mysteriums als gerade so einleuchtend, wie irgend- eine andere. „Nur sehr voreilige Denker," schrieb Professor Huxley, „werden sie auf Grund ihrer ,inhärenten Ab- surdität' verwerfen. Gleich der Evolutionslehre selbst, hat die Lehre der Seelenwanderung ihre Wur- zeln in der Welt der Realität, und sie darf jene Unterstützung für sich in Anspruch nehmen, die das große Argument der Analogie bieten kann." Nun diese von Professor Huxley gebotene Stütze ist merkwürdig stark. Sie läßt das Wesen der Idee der Präexistenz beinahe vollkommen in der von Buddha verkündeten Form, obgleich sie uns nicht einen Schimmer der Einzelseele zeigt, wie sie vom Dunkel ins Licht, vom Tode zur Wiedergeburt, durch Myriaden Millionen Jahre flattert. In der orientalischen Doktrin ist die psychische Persönlichkeit, ebenso wie der individuelle Körper, eine Zusammensetzung, die der Auflösung not- wendig anheimfällt. Unter psychischer Persönlich- keit verstehe ich hier das, was Geist von Geist unter- scheidet, — das „Ich" vom „Du"; das, was wir „Selbst" nennen : dem Buddhismus ist dies eine zeit- weilige Verbindung von Illusionen. Was es dazu macht, ist das Karma. Was sich reinkarniert, ist das Karma, — die Totalsumme der Handlungen und Ge- danken zahlloser, vorangegangener Leben, — von denen jedes als ein Ganzes in irgendeinem großen, 210 spirituellen System der Addition und Subtraktion auf alle übrigen Einfluß nehmen kann. Wie ein Mag- netismus wird das Karma von Form auf Form über- tragen, von Phänomen auf Phänomen, durch die jeweilige Kombination die Beschaffenheit bestim- mend. Das letzte Geheimnis der konzentrativen und schöpferischen Wirkungen des Karma erkennt der Buddhist als unerforschlich, aber den Zusammen- hang der Wirkungen erklärt er als von „Tanha", dem Lebenswunsch, bewirkt, dem entsprechend, was Schopenhauer den „Lebenswillen" nannte. In Her- bert Spencers Biologie findet sich nun ein seltsames Analogon zu dieser Idee. Er erklärt die Übertragbar- keit der Anlagen und ihrer Variationen, durch eine Theorie von Polaritäten — Polaritäten der physio- logischen Einheit. Zwischen dieser Theorie der Polaritäten und der buddhistischen Theorie des Tanha ist die Verschiedenheit viel weniger hervor- stechend als die Ähnlichkeit. Karma oder Ver- erbung, Tanha oder Polarität sind in ihrem letzten Grunde unerklärlich; Buddhismus und Wissenschaft sind hier einig. Das Bemerkenswerte ist, daß beide dasselbe Phänomen unter verschiedenen Namen er- kennen. aDDDDDDDDDDDDDÜ Die außerordentliche Kompliziertheit der Me- thoden, durch die die Wissenschaft zu Konklusionen gelangt ist, die so merkwürdig mit den alten Vor- stellungen des fernen Ostens übereinstimmen, muß den Zweifel erwecken, ob diese Konklusionen der 211 Masse des abendländischen Volkes jemals klar ge- macht werden könnten. Sicherlich könnte es schei- nen, daß, ebenso wie die wahre Doktrin des Buddhis- mus der Mehrheit der Gläubigen nur durch Formen veranschaulicht werden kann, so auch die Ergebnisse der philosophischen Forschung den Massen nur durch Suggestion mitgeteilt werden könne, — Sug- gestion jener Fakten, oder Zusammenstellung von Fakten, die jedem natürlichen Intellekt zugänglich sind. Aber die Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts verbürgt die Wirksamkeit dieser Me- thode; und kein stichhaltiger Grund spricht für die Annahme, daß, weil die Methoden der höheren Wissenschaft über das geistige Fassungsvermögen der nicht gebildeten Klassen hinausgehen, die Er- gebnisse dieser Wissenschaft nicht allgemein Ein- gang finden könnten. Die Dimensionen und das Ge- wicht der Planeten ; die Entfernung und Zusammen- setzung der Sterne ; die Bedeutung von Wärme, Lidii und Farbe; die Natur des Schalls und eine Menge anderer wissenschaftlicher Entdeckungen sind Tau- senden vertraut, die von den Methoden, durch die solche Kenntnisse erreicht wurden, keinen Begriff haben. Andererseits haben wir Beweise, daß jeder große wissenschaftliche Aufschwung des letzten Jahrhunderts beträchtliche Modifikationen im Volks- glauben herbeigeführt hat. Schon haben die Kirchen, obgleich noch immer an der Idee der eigens erschaf- fenen Einzelseele festhaltend, die Hauptlehre der physischen Evolution angenommen ; und weder Ver- knöcherung des Glaubens, noch eine intellektuelle Rückschrittsbewegung braucht in nächster Zukunft 212 befürchtet zu werden. Weitere Veränderungen der religiösen Ideen stehen bevor, und es ist sogar zu erwarten, daß sie sich eher schnell als langsam voll- ziehen werden. Freilich kann man ihre Natur nicht voraussehen, aber die gegenwärtigen intellektuellen Tendenzen lassen mit Bestimmtheit erwarten, daß die Lehre der psychologischen Evolution — wenn auch nicht auf einmal — allgemeine Geltung erhalten muß, so daß der ontologischen Spekulation keine Grenze gesetzt ist, und die ganze Auffassung des „Ego" möglicherweise durch die konsequente Durch- führung der Präexistenzidee transformiert werden wird. DDDDDDaDaDDDDDaa Eine eingehendere Betrachtung dieser Wahr- scheinlichkeiten darf gewagt werden. Sie werden vielleicht von jenen, in deren Augen die Wissenschaft mehr eine Zerstörerin als eine Umbildnerin ist, nicht als Wahrscheinlichkeiten anerkannt werden. Aber solche Denker vergessen, daß das religiöse Gefühl etwas unendlich Tieferes ist als das Dogma ; daß es alle Götter und Glaubensformen überlebt und daß es sich durch die intellektuelle Expansion nur ver- tieft, verinnerlicht und erstarkt. Daß die Religion als bloße Doktrin schließlich vergehen wird, ist eine Schlußfolgerung, zu der uns das Studium der Ent- wicklung führt; aber daß die Religion als Gefühl, ja selbst als Glauben an die geheimnisvolle Kraft, die Gehirne ebenso wie Sternbilder schafft, jemals ganz sterben könne, vermögen wir uns heute nicht 213 vorzustellen. Die Wissenschaft bekämpft bloß irrige Erklärungen der Phänomene ; sie verherrlicht nur das kosmische Mysterium und beweist, daß jedes Ding, so w^inzig es sein mag, unendlich vv^underbar und un- faßbar ist. Und eben diese unverkennbare Tendenz der Wissenschaft, den Glauben zu vertiefen und zu erweitern, und das kosmische Gefühl zu erhöhen, rechtfertigt die Annahme, daß die zukünftigen Formen der abendländischen religiösen Ideen voll- kommen von allen Modifikationen in der Vergangen- heit abweichen werden ; daß die abendländische Auf- fassung des „Selbst" in ein etwas der orientalischen Auffassung des „Selbst" Verwandtes münden wird; und daß alle gegenwärtigen kleinlichen metaphy- sischen Vorstellungen über „Persönlichkeit" und „In- dividualität" als Realitäten „an sich" verschwinden werden. Schon weist das zunehmende allgemeine Verständnis für die Tatsachen der Vererbung, wie die Wissenschaft sie lehrt, auf den Weg hin, auf dem wenigstens einige dieser Umwandlungen sich voll- ziehen werden. In dem zukünftigen Kampfe um die großen Fragen der Evolution wird die Volksintelli- genz der Wissenschaft auf der Linie des geringsten Widerstandes folgen ; und diese Linie wird zweifellos das Studium der Vererbung sein, da die zu erfor- schenden Phänome, obgleich an sich unerklärlich, der allgemeinen Erfahrung vertraut sind und wenig- stens teilweise Lösungen zahlloser alter Rätsel bieten. So kann man sich ganz wohl eine zukünftige abend- ländische Religionsform denken, die von der ganzen Macht der synthetischen Philosophie getragen ist; die sich vom Buddhismus hauptsächlich nur durch 214 die größere Exaktheit ihrer Konzeptionen unter- scheidet; die Seele als Kompositum auffaßt und die ein neues spirituelles Gesetz lehrt, das der Lehre des Karma gleicht. Viele werden jedoch sogleich gegen diese Idee einen Einwand bereit haben. Eine solche Modifi- kation des Glaubens, werden sie sagen, würde die plötzliche Unterwerfung und Transformation der Ge- fühle durch die Ideen bedeuten. „Die Welt," sagt Herbert Spencer, „wird nicht von Ideen beherrscht, sondern von Gefühlen, denen die Ideen bloß als Führer dienen." Wie soll der Begriff einer Ver- änderung, wie die vorausgesetzte, mit der allge- meinen Kenntnis der Existenz des religiösen Gefühls im Abendlande und mit der Kraft des religiösen Emotionalismus versöhnt werden? Würden die Idee der Präexistenz und die Vor- stellung der Seele als ein Vielfaches wirklich im Gegensatz zu dem religiösen Gefühl des Abend- landes stehen, könnte man keine befriedigende Ant- wort darauf geben. Aber sind sie wirklich in einem solchen Gegensatz? Die Idee der Präexistenz ist es sicherlich nicht; der abendländische Geist ist dafür schon vorbereitet. Wohl ist es wahr, daß die Auf- fassung des Selbst als einer Zusammensetzung, die der Auflösung anheimfällt, nur wenig besser er- scheinen mag als die materialistische Idee der Ver- nichtung — wenigstens für diejenigen, die nicht im- stande sind, sich von den alten Denkgewohnheiten loszusagen. Nichtsdestoweniger wird voraus- setzungsloses Nachdenken zeigen, daß es keinen Gefühlsgrund gibt, die Auflösung des „Ego" zu 215 fürchten. Tatsächlich, obgleich unbewußt, beten Christen und Buddhisten unablässig eben um diese Auflösung. Wer hat nicht oft gewünscht, sich von den schlechten Elementen seiner Natur zu befreien, von Neigungen zum Leichtsinn oder zur Ungerechtig- keit, von Impulsen, ungütige Dinge zu sagen oder zu tun, — von all diesem niedrigen Erbteil, das noch dem höhern Menschen anhaftet und seine höchsten Aspirationen zu Boden zieht? Aber das, dessen Ab- trennung, dessen Vernichtung, dessen Tod wir so inbrünstig wünschen, ist nicht weniger gewiß ein Teil des psychologischen Erbes, des wahren Selbsts, als jene neueren und umfassenderen Fähigkeiten, die uns in der Verwirklichung unserer edleren Ideale unterstützen. Weit davon entfernt ein Gegenstand der Furcht zu sein, ist vielmehr die Auflösung des Selbst das Ziel der Ziele, auf das sich unsere Be- strebungen richten sollten. Was keine neue Philo- sophie uns zu hoffen verwehren kann, ist, daß die besten Elemente des Selbst fortschwingen werden, immer erhabenere Affinitäten suchen, sich zu immer höheren und höheren Kombinationen verbinden, bis die höchste Offenbarung kommt, und wir durch un- endliche Vision, durch die Auslöschung alles Selbst, die absolute Realität gewahren. Denn während wir wissen, daß selbst die soge- nannten Elemente sich entwickeln, haben wir keinen Beweis, daß irgend etwas völlig vergehen kann. Daß wir sind, ist der Beweis, daß wir waren und und daß wir sein werden. Wir haben zahllose Evo- lutionen, zahllose Universen überdauert. Wir wissen, daß alles im Kosmos Gesetz ist. Nicht der Zufall 216 bestimmt, welche Verbindung das Planetensystem bilden, oder was die Sonne fühlen wird; was im Granit und Basalt verschlossen sein, oder sich in Pflanzen und Tieren vervielfältigen wird. Soweit die Vernunft aus Analogien schließen darf, ist die kos- mische Geschichte jeder endgültigen psychischen oder physischen Vereinigung gerade so genau und sicher bestimmt, wie in der buddhistischen Lehre vom Karma. ODODDDDDDDDDDD Der Einfluß der Wissenschaft wird bei der Um- wandlung der abendländischen Glaubensformen nicht der einzige Faktor sein. Sicher wird die orientalische Philosophie noch einen weiteren bilden. Das Stu- dium des Sanskrit, des Pali und des Chinesischen, und die unermüdlichen Forschungen der Philo- logen in allen Teilen des Ostens machen Europa und Amerika mit allen großen Formen des orien- talischen Gedankenlebens schnell vertraut. Das Studium des Buddhismus wird im ganzen Abend- lande mit Interesse betrieben; und die Resultate dieser Studien zeigen sich Jahr für Jahr immer deutlicher in den geistigen Schöpfungen der höch- sten Kultur. Die philosophischen Schulen sind nicht weniger davon beeinflußt als die moderne Lite- ratur. Ein Beweis, daß die Überprüfung des Pro- blems des Ego sich auf allen Gebieten dem abend- ländischen Geist aufdrängt, kann nicht bloß in der gedankenreichen Prosa der Gegenwart gefunden werden, sondern auch in der Poesie. Ideen, die eine 217 Generation früher unmöglich gewesen wären, zer- stören gangbare Auffassungen, verändern alte Ge- schmacksrichtungen und entwickeln höhere Ge- fühle. Die schöpferische Kunst, von höherer Inspi- ration erfüllt, offenbart uns, was für neue und aus- erlesene Sensationen, welches bisher unvorstellbare Pathos, welche wundersame Vertiefung emotioneller Kraft durch die Erkenntnis der Idee der Präexistenz in der Literatur gewonnen werden kann. Selbst aus der Belletristik erfahren wir, daß wir bis jetzt nur auf einer Hemisphäre gelebt haben; daß wir bloß halbe Gedanken gedacht haben, daß uns ein neuer Glaube not tut, um die Vergangenheit mit der Zu- kunft, über die große Parallele der Gegenwart zu verknüpfen, und so unsere emotionelle Welt zu einer vollkommenen Sphäre abzurunden. Die klare Über- zeugung, daß das Selbst vielfach ist, ist, wie paradox die Behauptung auch scheint, der unvermeidliche Schritt zu der größeren Überzeugung, daß die vielen Eins sind, daß das Leben eine Einheit ist, daß es kein Endliches gibt, sondern nur ein Unendliches. Bis nicht mit dem blinden Stolz, der das Selbst für etwas Einziges hält, aufgeräumt und das Gefühl des Selbst und des Individualismus vollständig zersetzt ist, kann die Erkenntnis des Ego als eines Unend- lichen — des wahren Kosmos — nie erreicht werden. Zweifellos wird die einfache, gefühlsmäßige Über- zeugung, daß wir in der Vergangenheit dagewesen sind, sich viel früher entwickeln als die intellektuelle Überzeugung, daß die Vorstellung des Ego als Ein- heit eine Fiktion der Selbstsucht ist. Aber die zu- sammengesetzte Natur des „Selbst" muß schließlich 218 anerkannt werden, obgleich ihr Mysterium bestehen bleibt. Die Wissenschaft postuHert sowohl eine hypo- thetische physiologische Einheit, wie auch eine hypo- thetische psychologische Einheit; aber beide postu- lierten Einheiten trotzen der äußersten Macht der mathematischen Schätzung und scheinen sich in reine Schemenhaftigkeit aufzulösen. Der Chemiker muß für seine Arbeitszwecke ein letztes Atom annehmen; aber die Tatsache, deren Symbol das angenommene Atom ist, kann vielleicht nur ein Kraftzentrum sein, ja eine Leere, ein Wirbel, wie in der buddhistischen Vorstellung. „Form ist Leere, und Leere ist Form. Was Form ist, das ist Leere ; was Leere ist, ist Fonii. Perzeption und Konzeption, Name und Wissen, — all dies ist Leere.** Für die Wissenschaft und für den Buddhis- mus gleicherweise löst sich der Kosmos in eine un- geheure Phantasmagorie, — ein Spiel ungekannter und unermeßlicher Kräfte; der buddhistische Glaube jedoch beantwortet die Frage „Woher und Wohin" in seiner eigenen Weise — und prophezeit in jeder großen Evolutionsperiode eine Zeit spiritueller Ex- pansion, in der die Erinnerung an frühere Leben zurückkehrt und gleichzeitig die ganze Zukunft un- verschleiert dem visionären Blick sichtbar wird, — bis in den Himmel der Himmel. Die Wissenschaft bleibt hier stumm. Aber ihr Schweigen ist das Schweigen der Gnostiker, — Sige, die Tochter der Tiefe und die Mutter des Geistes. Was wir uns mit der vollen Zustimmung der Wissenschaft gestatten können zu glauben, ist, daß uns wundersame Offenbanmgen erwarten. In der 219 jüngsten Zeit haben sich neue Kräfte und Gefühle entwickelt, der Sinn für Musik, die immer wachsen- den Fähigkeiten des Mathematikers. Und wir dürfen mit Recht erwarten, daß noch höhere, heute unvor- stellbare Fähigkeiten sich in unseren Nachkommen entwickeln werden. Man weiß auch, daß gewisse geistige, zweifellos ererbte Fähigkeiten sich nur in späterer Zeit entwickeln — und das Durchschnitts- alter der menschlichen Rasse wächst stetig. Mit ge- steigerter Langlebigkeit können sicherlich durch die Ausgestaltung des größeren zukünftigen Gehirnes plötzlich Kräfte entstehen, die nicht weniger wunder- bar sind als die Fähigkeit, sich an frühere Geburten zu erinneren. Die Träume des Buddhismus können kaum übertroffen werden, weil sie das Unendliche berühren ; aber wer möchte sich vermessen, zu sagen, daß sie sich nie verwirklichen werden? D D D D ANHANG Es ist vielleicht angezeigt, die Leser des Vorher- gehenden daran zu erinnern, daß die Worte „Seele", „Selbst", „Ego", „Seelenwanderung", „Vererbung", obgleich frei von mir angewendet, einen der buddhistischen Philo- sophie vollkommen fremden Sinn ausdrücken. „Seele", in unserer Bedeutung des Wortes, existiert nicht für den Buddhisten. Das „Selbst" ist eine Illusion, oder eigent- lich ein Netzwerk von Illusionen. „Seelenwanderung" in dem Sinne des Übergehens der Seele von einem Körper in den andern wird in buddhistischen Texten von zweifel- loser Autorität ausdrücklich negiert. Es wird also offen- bar sein, daß die wirkliche Analogie, die zwischen der 220 Lehre vom Karma und den wissenschaftlichen Fakten der Erblichkeit besteht, durchaus keine vollständige ist. Karma bedeutet das Fortleben nicht derselben zusammengesetzten Individualität, sondern ihrer Tendenzen, die sich rekom- binieren, um eine neue, zusammengesetzte Individualität zu bilden. Das neue Wesen muß nicht notwendig eine menschliche Form annehmen. Das Karma vererbt sich nicht von Eltern auf Kinder; es ist von der Erblichkeits- linie unabhängig, obgleich die physische Beschaffenheit von dem Karma abzuhängen scheint. Das Karmawesen eines Bettlers kann in dem Körper eines Königs wieder- erstehen; das eines Königs in dem Körper eines Bettlers; aber die Beschaffenheit jeder der beiden Inkarnationen ist durch den Einfluß des Karma vorherbestimmt gewesen. Man wird fragen, was denn das geistige Element in jedem Wesen ist, das unverändert bleibt gleichsam der geistige Kern in der Schale des Karma — die Kraft, die das Oute wirkt. Wenn sowohl Seele als Leib gleicher- weise zeitlich beschränkte Zusammensetzungen sind, und auch das ebenfalls zeitlich beschränkte Karma die einzige Quelle der Persönlichkeit, was ist dann der Wert oder die Bedeutung der buddhistischen Lehre? Was ist das, was durch das Karma leidet; was ist das, was in der Illusion liegt, — was ist das, was sich entwickelt, — was Nirvana erreicht? Ist es nicht ein „Selbst"? Nicht in unserem Sinne des Wortes. Die Realität dessen, was wir „Selbst" nennen, wird vom Buddhismus negiert. Das, was das Karma bildet und auflöst; das, was zum Guten hinstrebt; das, was Nirvana erreicht, ist nicht unser „Ego" im abend- ländischen Sinne des Wortes. Also was ist es denn? Es ist das Göttliche in jedem Wesen. Es wird im Japanischen Muga - no - taiga genannt — das Große - Selbst - ohne Selbstsucht. Es gibt kein anderes wirkliches Selbst. Das in Illusion eingehüllte Selbst heißt Nyorai-zo, (Tathägata- gharba,) der noch ungebome Buddha, gleichsam im Mutter- 221 leibe. Das Unendliche ist in jedem Wesen latent vor- handen. Das ist die Realität, Das andere Selbst ist ein Irrtum, eine Lüge, eine Luftspiegelung. Die Lehre der Vernichtung bezieht sich nur auf die Vernichtung der Illu- sionen; und jene Sensationen und Gefühle und Gedanken, die bloß dem körperlichen Leben allein gehören, sind die Illusionen, die das zusammengesetzte illusorische Selbst bilden. Durch die völlige Auflösung dieses falschen Selbst offenbart sich, wie durch das Fortziehen von Schleiern, die unendliche Vision. Es gibt keine „Seele", die unend- liche Allseele ist das einzige ewige Prinzip in jedem Wesen ; alles übrige ist Traum. Was bleibt im Nirvana ? Nach einer Schule des Buddhismus potentielle Identität bis in die Unendlichkeit, so daß ein Buddha, nachdem er Nirvana erreicht hat, wieder auf die Erde zurückkehren kann. Nach einer anderen Schule eine mehr als potentielle Identität, aber nicht „persönlich" in unserem Sinne. Ein japanischer Freund sagt : „Ich nehme ein Stück Gold und sage, es ist Eins. Aber dies bedeutet den Eindruck, den es auf mein Sehorgan als eine Einheit macht. In Wirklichkeit ist jedes der Atome, aus denen es besteht, nichtsdestoweniger unter- scheidbar, unabhängig von jedem anderen Atom. Im Buddhatum sind ebensolche zahllose psychische Atome vereinigt. Sie sind Eins nach ihrer äußeren Beschaffenheit, aber jedes hat sein eigenes unabhängiges Dasein." Aber in Japan hat die primitive ursprüngliche Religion so den buddhistischen Volksglauben beeinflußt, daß es nicht unrichtig ist, von der „japanischen Idee des Selbst" zu sprechen. Es ist nur notwendig, die volkstümlichen shintoistischen Ideen gleichzeitig in Betracht zu ziehen. Der Shintoismus gibt uns das einleuchtendste Beispiel für die Vorstellung der Seele. Aber diese Seele ist ein Zu- sammengesetztes, kein bloßes Bündel von Sensationen, Wahrnehmungen und Willensäußerungen, wie das Karma, 222 sondern eine Anzahl von Seelen, verbunden zu einer geisterhaften Persönlichkeit. Der Geist eines Toten kann in einfacher oder vielfacher Gestalt erscheinen. Er kann seine Elemente auseinanderlösen, von denen jedes einer speziellen, unabhängigen Betätigung fähig bleibt. Eine solche Trennung scheint jedoch nur zeitweilig zu sein, da die verschiedenen Seelen, die das Zusammengesetzte bilden, naturgemäß selbst nach dem Tode zueinander streben und sich nach jeder freiwilligen Trennung wieder vereinigen. Die breiten Massen des japanischen Volkes sind zugleich Buddhisten und Shintoisten; aber die primitiven Auf- fassungen des Selbst sind sicherlich die mächtigsten und bleiben nach Verschmelzung der beiden Religionen deut- lich erkennbar. Wahrscheinlich haben sie dem allgemeinen Verständnis eine natürliche und leichte Erklärung für das Karmaproblem geboten, obgleich ich nicht sagen könnte, in welchem Ausmaß dies der Fall war. Es mag auch bemerkt werden, daß sowohl in der primitiven wie auch in der buddhistischen Glaubensform das Selbst kein von den Eltern auf den Sprößling übertragenes Prinzip ist, — kein Erbe, das immer von der physischen Abstammung abhängig ist. Diese Tatsachen erweisen, wie groß der Unterschied zwischen den orientalischen und unseren eigenen Ideen über die Dinge sind, die in dem vorhergehenden Essay behandelt wurden. Sie werden auch zeigen, daß eine allgemeine Betrachtung der bestehenden seltsamen Ana- logien zwischen dem Glauben des fernen Ostens und den wissenschaftlichen Gedanken des neunzehnten Jahrhunderts, durch Anwendung der strikten philosophischen Bezeich- nungen, die sich auf die Idee des Selbst beziehen, kaum veranschaulicht werden können. Es gibt tatsächlich keine europäischen Worte, die imstande wären die genaue Be- deutung der buddhistischen Bezeichnungen der buddhisti- schen Ideenwelt wiederzugeben. DDDDDDDO 223 224 ^/öLsj/^^ HINAS Hauptverbündeter in seinem 3^ä!^(^^% letzten Kriege war blind und taub und GjÄ^'C^^ wollte und will noch immer nichts von ^^tii^^^^ Verhandlungen und Frieden wissen. Er i^^L^ulül} verfolgte die nach Japan zurückkehren- den Truppen, hielt seinen Einzug in das siegreiche Kaiserreich und tötete während der heißen Jahreszeit nahezu dreißigtausend Menschen. Er fährt noch in seinem Mordwerke fort, und unablässig lodern die Scheiterhaufen, auf denen die Leichen verbrannt werden. Manchmal trägt ein Windstoß von dem Hügel hinter der Stadt den Rauch und den Duft in meinen Garten, wie um mich zu mahnen, daß die Kosten der Verbrennung eines Erwachsenen von meiner Größe achtzig Sen betragen, ungefähr einen halben Dollar in amerikanischem Gelde. Von dem oberen Balkon meines Hauses über- blickt man die ganze Länge einer japanischen Straße mit ihrer Zeile kleiner Verkaufsläden bis zur Bucht hinab. Aus vielen Häusern dieser Straße sah ich, wie man Cholerakranke ins Spital transportierte, den letzten erst heute morgen; es war mein Nach- bar, der mir gegenüber einen Porzellanladen inne hatte. Man führte ihn mit Gewalt fort, trotz der Tränen und der Wehrufe seiner Angehörigen. Die Sanitätsvorschriften verbieten es, Cholerafälle zu Hause behandeln zu lassen, aber die Leute suchen ihre Kranken zu verbergen, trotz daraufgesetzter Geldbußen und anderer Strafen, weil die öffent- lichen Spitäler überfüllt sind und die Behandlung dort eine barsche ist und die Patienten von allen ihren Lieben gänzlich getrennt bleiben. Aberdie Behörde läßt 225 15 sich nicht oft hintergehen; sie entdeckt bald die un- angemeldeten Fälle und kommt mit Tragbahren und Kulis. Dies scheint hart, aber das Sanitätsgesetz muß hart sein. Die Frau meines Nachbars folgte der Bahre weinend und schreiend, bis der Beamte sie zwang, in ihren kleinen, verödeten Laden zu- rückzukehren. Er ist nun geschlossen und wird wohl nie wieder von seinen Eigentümern geöffnet werden. Solche Tragödien enden so schnell, wie sie be- ginnen. Die Hinterbliebenen schaffen, sobald es die Behörden gestatten, ihre Habseligkeiten fort und ver- schwinden; und das gewohnte Leben der Straße haspelt weiter, bei Tag und bei Nacht, genau so, als ob nichts Besonderes geschehen wäre. Herum- ziehende Verkäufer mit ihren Bambusstäben und Körben, oder Eimern, oder Kästchen gehen mit ihren gewohnten Rufen an den leeren Häusern vorüber; religiöse Prozessionen, Fragmente von Sutras sin- gend, ziehen vorbei; der bünde Badewärter läßt seinen melancholischen Pfiff ertönen; der Privat- schutzmann stößt im Gehen seinen Stab schwer auf den Boden auf; der Junge, der Konfekt verkauft, schlägt auf seine Trommel und singt ein Liebes- liedchen, mit einer klagenden, süßen Stimme, wie der eines Mädchens: — „Duund ich,wirbeidezusammen ... lange blieb ich; doch als ich schied, war mir's, als ob erst gekommen ich sei." „Duundich,wirbeidezusammen... Immer noch denk' ich an den Tee ; getrockneter oder frischer Tee von Uyi hätte er anderen geschienen; aber für 226 mich war er Gyokorotee, von dem schönen Gelb der Yamubukiblume." „Du und ich, wir beide zusammen ... ich bin der Depeschenabsender, du harrst der Botschaft. Ich sende mein Herz, und du empfängst es. Was verschlägt es uns nun, wenn die Post stürzt und die Telegraphendrähte reißen?" DDDDDDDD Und die Kinder tummeln sich wie gewöhnlich. Sie haschen sich mit Lachen und Schreien ; sie tanzen in Reigen, sie fangen Libellen, binden sie an lange Schnüre und lassen sie flattern; sie singen Refrains von Kriegsliedern, die schildern, wie Chinesen die Köpfe abgeschlagen werden: „Chan, chan bozu no, Kubi wo hane!" Manchmal holt der Tod eines der Kinder, aber die Überlebenden setzen ihr Spiel fort, und dies ist Weisheit. Die Leiche eines Kindes verbrennen zu lassen, kostet nur vierundzwanzig Sen. Der Sohn eines meiner Nachbarn wurde vor einigen Tagen ver- brannt. Die kleinen Steinchen, mit denen er zu spielen pflegte, liegen noch dort in der Sonne, so wie er sie verlassen hat. . . . Wie seltsam ist diese Liebe der Kleinen für Steine! In einer bestimmten Kindheitsperiode sind Steine das Spiel- zeug aller Kinder, nicht bloß der Kinder der Armen: jedes japanische Kind ohne Unterschied, gleichviel wie reich es an anderen Spielsachen ist, will manchmal mit Steinen spielen. Dem Kin- 227 dersinn ist ein Stein etwas sehr Wunderbares, und sollte es auch sein, da selbst dem Verständnis eines Mathematikers nichts wunderbarer sein könnte als ein gewöhnlicher Stein. Der kleine Knirps ahnt, daß der Stein weit mehr ist, als er scheint, was eine sehr richtige Ahnung ist; und wenn dumme, er- wachsene Leute ihm nicht weismachen würden, daß es töricht sei, sein Herz an ein solches Spielzeug zu hängen, würde er nie dessen überdrüssig werden und immer etwas Neues und Merkwürdiges daran entdecken. Nur ein sehr großer Geist könnte alle Fragen der Kinder über Steine beantworten. Nach dem Volksglauben spielt jetzt meines Nach- bars Söhnchen mit kleinen unirdischen Steinen in dem trockenen Bett des „Stromes der Seelen" — und wundert sich vielleicht, daß sie keine Schatten werfen. Die wahre Poesie in der Legende des Sai-no Kawara ist die absolute Natürlichkeit ihrer Grund- idee, die geisterhafte Fortführung dieses Spiels, welches alle japanischen Kinder mit Steinen spielen. Der Pfeifenrohrhändler pflegte mit zwei großen Kästchen, die von einem über seine Schulter gelegten Bambusstab herabbaumelten, seine Runde zu machen. Ein Käst(ihen enthielt Rohre von verschiedener Dicke, Länge und Farbe, ferner auch Werkzeuge, um die- selben in Metallpfeifen einzufügen. In dem anderen lag sein eigenes Kindchen. Manchmal sah ich es über den Rand des Kästchens lugen und die Vor- übergehenden anlächeln; manchmal wieder sah ich 228 es sorgsam eingewickelt in der Tiefe des Kästchens schlummern, manchmal wieder mit Spielsachen tän- deln. Viele Leute, sagte man mir, pflegten ihm Spiel- sachen zu schenken. Eine der Spielsachen hatte eine seltsame Ähnlichkeit mit einem Sterbetäfelchen (ihai) ; und dieses sah ich immer in dem Kästchen, ob nun das Kind schlief oder wachte. Neulich bemerkte ich, daß der Pfeifenrohrver- käufer sich seines Bambusstabes mit den daran- baumelnden Kästchen entledigt hatte. Er kam die Straße hinauf mit einem kleinen Handwagen, der gerade groß genug war, seine Waren und das Kind- chen zu beherbergen, und offenbar für diesen Zweck mit zwei Abteilungen gebaut worden war. Vielleicht war das Kindchen für die frühere primitive Beförde- rungsart nun zu schwer geworden. Vor dem Karren flatterte eine kleine weiße Fahne, die in Kursivschrift die Inschrift Kissru-rao kae (Pfeifenrohre werden ge- wechselt) und eine kurze Bitte um „werte Hilfe", Otasuke wo negaimasu, trug. Das Kind sah frisch und munter aus, und ich bemerkte wieder das tafel- förmige Ding, das meine Aufmerksamkeit schon so oft früher auf sich gezogen hatte. Nun war es auf- recht an ein hohes Kästchen im Innern des Wagens, gegenüber dem Bette des Kindes, befestigt. Indem ich den nahenden Wagen beobachtete, überkam mich plötzlich die Überzeugung, daß das Täfelchen wirk- lich ein „ihai" war: die Sonne schien hell darauf, und der übliche buddhistische Text war unverkennbar. Dies erregte meine Neugier und ich bat Manyemon, dem Pfeifenverkäufer zu sagen, daß wir eine Anzahl von Pfeifen hätten, die neue Rohre brauchten, — was 229 sich auch wirklich so verhielt. Allsogleich fuhr das Wägelchen an unser Tor heran, und ich trat hinzu, um es anzusehen. Das Kind war gar nicht scheu, selbst vor einem fremden Gesichte. Ein reizender Knabe. Er lallte und lachte und streckte seine Ärmchen aus, er war offenbar an Liebkosungen gewöhnt ; und während ich mit ihm spielte, faßte ich das Täfelchen aufmerksam ins Auge. Es war ein Shinshu-ihai, der das „kai- myo" (posthumer Name) einer Frau trug; und Ma- nyemon übersetzte mir die chinesischen Schrift- zeichen : Hochgestellt und angesehen in den Gefilden der Vortrefflichkeit, am einunddreißigsten Tage des dritten Monats des achtundzwanzigsten Jahres der Mejiperiode. Mittlerweile hatte ein Diener die schadhaften Pfeifen geholt, und ich betrachtete das Antlitz des Handwerkers, während er arbeitete. Es war das Gesicht eines Mannes, der das mittlere Alter über- schritten hatte, mit jenen sympathischen, müden Linien um den Mund, den Furchen, die unzählige Lächeln eingegraben haben und die so vielen ja- panischen Gesichtern einen unsagbaren Ausdruck von resignierter Sanftmut geben. Nun begann Ma- nyemon Fragen an ihn zu stellen, und wenn Ma- nyemon Fragen stellt, vermöchte nur ein schlechter Mensch ihm nicht Rede zu stehen. Manchmal ist es mir, als sähe ich um das teure unschuldige Haupt des Greises den Schimmer einer Aureole, — die Aureole des Botsatsu. Der Pfeifenrohrverkäufer antwortete mit der Er- zählung seiner Geschichte. Zwei Monate nach der 230 Geburt ihres Knaben war seine Frau gestorben. In ihrer Todesstunde hatte sie gesagt: „Von dem Tage meines Todes, bis drei volle Jahre vergangen sind, bitte ich dich, das Kind mit meinem Schatten ver- einigt zu lassen: laß es nie von meinem „ihai" ge- trennt sein, so daß ich fortfahren kann, immer für ihn Sorge zu tragen und ihn zu nähren, da du weißt, daß er drei Jahre lang die Mutterbrust haben soll. Diese meine letzte Bitte, flehe ich dich an, nicht zu vergessen." Aber als die Mutter tot war, konnte der Vater nicht seiner Arbeit nachgehen, wie er es ge- wohnt war, und gleichzeitig für ein so kleines Kind Sorge tragen, das bei Tag und Nacht unaufhörlich Wartung erforderte; und er war zu arm, um eine Wärterin aufnehmen zu können. So verlegte er sich darauf, Pfeifenrohre feilzubieten, da er auf diese Weise ein wenig Geld verdienen konnte, ohne das Kind auch nur einen Augenblick allein lassen zu müssen. Er hatte nicht Geld genug, um Milch zu kaufen; aber er hatte den Knaben über ein Jahr mit Reisbrei und Ame-syrup aufgepäppelt. Ich sagte, das Kind sähe sehr kräftig aus, trotz- dem es keine Milchnahrung gehabt hätte. „Das," sagte Manyemon in einem Tone der Überzeugung, der beinahe an einen Vorwurf grenzte, „kommt daher, weil ihn die tote Mutter säugt; wie sollte es ihm da an Milch fehlen?" Und der Knabe lächelte sanft, als fühlte er eine geisterhafte Liebkosung. DDDDDDDDDD m ^ i^ K ^ ^M 231 232 IE Tatsache, daß der Ahnenkult, in ver- ■•] schiedenen, unauffälligen Formen in In manchen der höchstzivilisierten Länder Europas noch fortbesteht, ist nicht so allgemein bekannt, um die Idee auszu- schließen, daß irgend eine nichtarische Rasse, die tatsächlich einen so primitiven Kult übt, auch not- wendig auf einer primitiven Stufe des religiösen Den- kens verharren muß. Und doch haben Japanforscher dieses übereilte Urteil ausgesprochen, und sich für außerstande erklärt, die Tatsache des wissenschaft- lichen Fortschritts und die Erfolge aes vorgeschrit- tenen Erziehungssystems Japans mit dem Fortbe- stand des Ahnenkults in Einklang zu bringen. Wie können die Glaubenssätze des Shintoismus neben den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft be- stehen? Wie können Männer, die sich als wissen- schaftliche Spezialisten auszeichnen, den Hausaltar anbeten, oder vor dem Shinto-Tempel ihrer Ge- meinde ihre Andacht verrichten? Kann all dies mehr bedeuten, als die vorgeschriebene Beibehaltung kon- ventioneller Formen, nachdem der Glaube erloschen ist? Ist es nicht gewiß, daß mit dem weiteren Fort- schritt des Erziehungswesens der Shintoismus, selbst als Zeremoniell, aufhören muß? Diejenigen, die solche Fragen aufwerfen, schei- nen zu vergessen, daß man die gleichen Fragen über das Fortbestehen aller abendländischen Religionen stellen und die gleichen Zweifel über ihre Fortdauer im nächsten Jahrhundert aussprechen könnte. In Wirklichkeit sind die Lehren des Shintoismus nicht weniger mit der modernen Wissenschaft vereinbar 233 als es die Lehren des orthodoxen Christentums sind. Mit vollkommener Unparteilichkeit geprüft, möchte ich sogar zu behaupten wagen, daß sie in mehr als einer Hinsicht weniger unvereinbar damit sind. Sie kommen mit unseren humanen Ideen über Gerech- tigkeit weniger in Konflikt; und gleich der buddhi- stischen Lehre vom. Karma bieten sie einige sehr frappante Analogien mit den wissenschaftlich fest- gestellten Tatsachen der Vererbung — Analogien, welche beweisen, daß der Shintoismus ein Element der Wahrheit enthält, das so tief ist wie nur irgend welche Wahrheitselemente in den größten Religionen der Welt. In der möglichst einfachen Form aufge- stellt, ist das dem Shintoismus eigentümliche Wahr- heitselement der Glaube, daß die Welt der Lebenden direkt von der Welt der Toten beherrscht wird. Daß jeder Impuls oder jede Tat eines Menschen das Werk eines Gottes ist, und daß alle Toten Götter werden, ist die Grundidee des Kults. Man muß jedoch festhalten, daß das Wort „Kami", obgleich mit dem Ausdruck Gottheit, Göttlichkeit oder Gott übersetzt, in Wahrheit nicht die Bedeutung oder den Sinn hat, den der Abendländer mit diesen Worten verbindet; es hat nicht einmal die Bedeutung, die wir aus den Religionen Griechenlands und Roms kennen. Es bedeutet das, was im nicht religiösen Sinn „Oben", „über uns", „erhaben" ist. Im reli- giösen Sinne bedeutet es einen menschlichen Geist, der nach seinem Tode zu übersinnlicher Kraft ge- langt ist. Die Toten sind die „Kräfte über uns", die „Hohen", die Kamis. Wir haben hier eine Auf- fassung, die der modernen, spiritualistischen Vor- 234 Stellung von den Geistern sehr gleicht, — nur daß die shintoistische Idee nicht im wahren Sinne demo- kratisch ist. Die Kamis sind Geister von sehr ver- schiedener Würde und Macht, die überirdischen Hierarchien angehören, den Hierarchien der alten japanischen Gesellschaft entsprechend. Obgleich den Lebenden in gewisser Hinsicht überlegen, haben die Lebenden doch die Macht, ihnen Freude oder Miß- vergnügen zu verursachen, sie zu ergötzen oder sie zu beleidigen, ja manchmal ihre Lage im Geister- reiche zu verbessern. Weshalb posthume Ehrungen dem Japaner nie Hokuspokus, sondern etwas Wirk- liches sind. In diesem Jahre z. B. wurden verschie- dene Staatsmänner und Offiziere unmittelbar nach ihrem Tode zu einem höheren Range befördert; und ich las erst jüngst in der offiziellen Zeitung, Seine Majestät habe geruht, dem General-Major Baron Yamane, der kürzlich in Formosa gestorben sei, „posthum den Orden der aufgehenden Sonne zweiter Klasse zu verleihen". Solche kaiserliche Akte dürfen nicht als bloße Formalitäten angesehen werden, um das Andenken tapferer und patriotischer Männer zu ehren, noch darf man sie dahin auffassen, daß man die Familie des Toten dadurch auszeichnen will. Sie sind ausdrücklich dem Geiste des Shintoismus entsprungen und zeigen das tiefwurzelnde Gefühl des Zusammenhanges zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Welten, welches das besondere reli- giöse Merkmal Japans unter allen zivilisierten Län- dern ist. Für das japanische Empfinden sind die Toten nicht weniger wirklich als die Lebenden. Sie leben das tägliche Leben des Volkes mit und 235 teilen all seine kleinen Freuden und Leiden. Sie sind bei den Familienmahlzeiten zugegen, wachen über das Wohlergehen des Hausstandes, sind Zeuge des Glücks ihrer Nachkommen und freuen sich daran. Sie sind bei den öffentlichen Umzügen anwesend, bei allen heiligen Festen des Shintoglaubens, bei den militärischen Spielen und bei allen eigens für sie veranstalteten Feierlichkeiten. Und man glaubt all- gemein, daß sie über die ihnen dargebrachten Gaben und die ihnen erwiesenen Ehren Freude empfinden. Für den Zweck dieses kleinen Essays genügt es, die Kamis als die Geister der Toten zu betrachten, ohne den Versuch zu machen, diese Kamis von jenen primitiven Gottheiten zu unterscheiden, von denen man glaubt, daß sie das Land erschaffen haben. Mit dieser allgemeinen Erklärung des Be- griffs Kami kehren wir zu der großen shintoistischen Idee zurück, daß alle Toten noch auf der Erde weilen und nicht nur die Gedanken und Taten der Men- schen durch ihren Einfluß beherrschen, sondern auch die Bedingungen der Natur. „Sie bestimmen," schrieb Motowori, „den Wechsel der Jahreszeiten, des Windes und des Regens, das Glück und das Unglück der Staaten und der Individuen." Sie sind, mit einem Worte, die unsichtbaren Gewalten hinter allen Phänomenen. DDDaDDDDDDD Die interessanteste Subtheorie dieses alten Spi- ritualismus ist die, welche die Impulse und Taten der Menschen auf den Einfluß der Toten zurück- 236 führt. Diese Hypothese kann kein moderner Denker für irrationell erklären, da sie ihre Bestätigung in der wissenschaftlichen Doktrin der psychologischen Evolution findet, nach der jedes lebende Gehirn eine Struktur ist, die von zahllosen toten Leben aufgebaut wurde — jeder Charakter eine mehr oder weniger schwankende Summe zahlloser vergangener Erfah- rungen von Out und Böse. Wenn wir nicht die psychische Vererbung negieren, können wir auch nicht in Abrede stellen, daß unsere Impulse und Gefühle und die durch die Gefühle entwickelten höheren Fähigkeiten tatsächlich von den Toten ge- bildet und von den Toten auf uns übertragen worden sind; und daß sogar die allgemeine Richtung unse- rer geistigen Betätigungen durch die Macht der be- sonderen auf uns übergegangenen Tendenzen be- stimmt worden ist. In diesem Sinne sind die Toten allerdings unsere Kamis; und alle unsere Hand- lungen sind wirklich von ihnen beeinflußt. Figür- lich können wir sagen, daß jeder Intellekt eine Welt von Geistern ist — Geister, die unvergleichlich zahl- reicher sind als die anerkannten Millionen der höhe- ren Shinto-Kamis ; und daß die geisterhafte Bevöl- kerung einer einzigen Gehirnzelle die wildesten Phantasien der mittelalterlichen Scholastiker von der Zahl der Engel, die auf einer Nadelspitze stehen können, noch übersteigt. Wissenschaftlich wissen wir, daß in einer einzigen, winzigen lebendigen Zelle das ganze Leben einer Rasse aufgespeichert sein kann, die Summe aller vergangenen Empfindungen während Millionen von Jahren ; vielleicht sogar (wer weiß) von Millionen toter Planeten. D D D D D 237 D Aber die Teufel werden wohl den Engeln in der bloßen Fähigkeit, sich auf einer Nadelspitze zu ver- sammeln, nicht nachstehen? Was sagt uns diese shintoistische Theorie über böse Menschen und böse Taten? Motowori beantwortet diese Frage folgen- dermaßen: „wann immer irgend etwas in der Welt schlecht geht, muß man es dem Einfluß der bösen Götter, genannt die ,Götter der Verkehrtheit* zu- schreiben, deren Macht so groß ist, daß die Sonnen- Oöttin und der Schöpfer-Gott manchmal unfähig sind, ihnen Einhalt zu tun; noch weniger sind menschliche Wesen imstande, ihrem Einfluß zu widerstehen. Das Glück des Bösen und das Unge- mach des Guten, die mit der gewöhnlichen Gerech- tigkeit im Widerspruch zu sein scheinen, werden dadurch erklärt." Alle bösen Handlungen kommen von dem Einfluß böser Gottheiten; und böse Men- schen können böse Kamis werden. In diesem ein- fachsten aller Kulte sind keine Selbstwidersprüche i, nichts Kompliziertes oder schwer Verständliches. Es ist nicht ausgemacht, daß alle Menschen, die sich böser Handlungen schuldig gemacht haben, notwen- digerweise Götter der Verkehrtheit werden müssen, aus Gründen, die später erörtert werden sollen. Aber alle Menschen, gute und böse, werden Kamis oder Einflüsse. Und alle bösen Handlungen sind die Resultate böser Einflüsse. Nun, diese Lehre stimmt mit gewissen Tat- sachen der Vererbung überein. Unsere besten Fähigkeiten sind sicherlich ein Erbe der besten unserer Vorfahren; unsere bösen Eigenschaften sind auf uns von Naturen vererbt, in denen 238 das Böse, oder das, was wir heute böse nennen, vor- herrschte. Das durch die ZiviUsation in uns ent- wickelte ethische Gefühl verlangt, daß wir die uns durch die besten Erfahrungen der Toten hinterlas- senen edlen Kräfte steigern und die Macht der er- erbten niedrigeren Neigungen vermindern. Wir sind verpflichtet, unsere guten Kamis zu verehren und ihnen zu gehorchen und gegen unsere Götter der Verkehrtheit anzukämpfen. Die Kenntnis der Exi- stenz beider ist so alt wie die menschliche Vernunft. In einer oder der anderen Form ist die Lehre von den guten und den bösen Geistern (als persönlich auf jede Seele einwirkend) den meisten der großen Religionen gemeinsam. Unser eigener mittelalter- licher Glaube entwickelte diese Idee zu einem Grade, der unserer Sprache für alle Zeiten seinen Stempel aufgedrückt hat; und doch stellt der Glaube an Schutzengel und verführerische Dämonen, evolutioni- stisch angesehen, nur die Entwicklung eines Kults dar, der einst so einfach war wie die Religion der Kamis. Und diese Theorie des mittelalterlichen Glaubens ist ebenfalls voll fruchtbarer Wahrheit. Die weißbeschwingte Gestalt, die Gutes ins rechte Ohr flüsterte, der schwarze Versucher, der Böses in das linke raunte, schreiten freilich nicht neben dem mo- dernen Menschen von heute einher, aber sie weilen in seinem Hirn; und er kennt ihre Stimmen eben- sogut und hört ihr Drängen ebenso häufig wie seine Vorfahren im Mittelalter. Der moderne ethische Einwand gegen den Shin- toismus ist, daß sowohl die guten wie die bösen Kamis Verehrung genießen sollen. „Ebenso wie der 239 Mikado die Götter des Himmels und der Erde an- betete, so betete sein Volk zu den guten Göttern, um ihren Segen herabzuflehen, und vollzog Riten zu Ehren der bösen Götter, um ihr Mißfallen abzu- wenden. ... Da es ebensowohl böse wie gute Götter gibt, ist es notwendig, sie sich mit Opfern von wohlschmeckenden Speisen, mit Harfen- und Flötenspiel, mit Gesang und Tanz geneigt zu machen, und alles aufzubieten, um sie freundlich zu stimmen." Doch scheinen im modernen Japan die bösen Kamis wenig Gaben oder Ehren zu erhalten — ungeachtet dieser ausdrücklichen Erklärung, daß man sie sich geneigt machen müsse. Aber es wird nun klar sein, warum die ersten Missionäre diesen Kult als Teufelsanbetung darstellten, obgleich der Teufelsbe- griff im abendländischen Sinne in der shintoistischen Phantasie niemals Gestalt angenommen hat. Die sichtliche Schwäche der Doktrin liegt in der Lehre, daß man die bösen Geister nicht bekämpfen solle, eine Lehre, die das römisch-katholische Gefühl im tiefsten abstoßen muß. Aber zwischen den bösen Geistern der christlichen Lehre und des Shintoglau- bens ist ein gewaltiger Unterschied. Der böse Kami ist nur der Geist eines bösen Menschen und wird nicht als durchaus böse betrachtet, da es möglich ist, ihn günstig zu stimmen. Die Vorstellung des ungemischten, absoluten Bösen kommt im fernen Osten nicht vor. Das absolut Böse ist sicherlich der menschlichen Natur fremd und deshalb auch bei menschlichen Geistern unmöglich. Die bösen Kamis sind keine Teufel. Sie sind einfach Geister, die die Leidenschaften der Menschen beeinflussen; o 240 und nur in diesem Sinne die Gottheiten der Leiden- schaften. Der Shintoismus ist von allen Religionen die natürlichste und darum in vieler Hinsicht die rationellste. Er betrachtet die Leidenschaften nicht als unbedingt böse an sich, sondern nur als böse je nach der Ursache, den Bedingungen und dem Grade, in dem man sich ihnen hingibt. Da die Götter Geister sind, sind sie durchaus menschlich und be- sitzen die verschiedenen guten und bösen Eigen- schaften der Menschen in verschiedenem Grade. Die meisten sind gut, und die Summe des Einflusses aller neigt sich mehr dem Guten als dem Bösen zu. Um das Rationelle dieser Anschauung zu wür- digen, muß man eine ziemlich hohe Meinung von der Menschheit haben — eine Meinung, wie sie die Verhältnisse im alten Japan wohl gerechtfertigt hät- ten. Kein Pessimist könnte sich zum reinen Shin- toismus bekennen. Die Lehre ist optimistisch; und wer eine hohe Meinung von der Menschheit hat, wird es nicht beklagen, daß die Idee des unversöhn- lich Bösen darin nicht vorkommt. Gerade in der Erkenntnis der Notwendigkeit, die bösen Geister zu beschwichtigen, zeigt sich der ethisch-rationelle Charakter des Shintoismus. Alte Erfahrung und moderne Erkenntnis vereinigen sich, uns vor dem verhängnisvollen Irrtum zu warnen, gewisse Triebe in der menschlichen Natur auszu- rotten oder lähmen zu wollen — die, wenn man ihnen krankhaft nachgibt oder sie von allen Fesseln befreit, zu Wahnsinn, Verbrechen und zahllosen so- zialen Übeln führen. Die animalischen Leidenschaf- ten, die Tiger- und Affen-Impulse sind älter als 241 16 die menschliche Gesellschaft und fast an jedem Ver- brechen mitschuldig, das gegen sie begangen wird. Aber sie können nicht getötet und auch nicht ohne Gefahr ausgehungert werden. Jeder Versuch sie aus- zurotten, würde auch zugleich, einige der höchsten emotionellen Fähigkeiten zerstören, mit denen sie unzertrennlich verbunden bleiben. Die primitiven Impulse können nicht einmal abgeschwächt werden, es sei denn auf Kosten der intellektuellen und emo- tionellen Kräfte, die dem menschlichen Leben all seine Schönheit und Zärtlichkeit verleihen, die aber trotzdem in dem uralten Boden der Leidenschaft ihre tiefsten Wurzeln haben. Das höchste in uns hatte seinen Ursprung im niedersten. Die Askese hat durch die Unterdrückung der natürlichen Ge- fühle Monstrositäten geschaffen. Die irrationell gegen die menschlichen Schwächen gerichteten theo- logischen Vorschriften haben die sozialen Mißstände nur noch verschärft; und Gesetze gegen den Genuß haben nur Ausschweifungen zur Folge gehabt. Die Geschichte der Moral lehrt uns sehr deutlich, daß unsere bösen Kamis beschwichtigt werden wollen. Die Leidenschaften sind noch immer mächtiger im Menschen als die Vernunft, weil sie unvergleichlich älter sind — weil sie einstmals das einzig wesent- liche für die Selbsterhaltung waren — weil sie jene Urschicht des Bewußtseins bildeten, aus dem die edleren Gefühle nach und nach erwachsen sind. Nie darf man dulden, daß sie herrschend werden; aber wehe dem, der sich vermessen wollte, ihre unvor- denklichen Rechte zu leugnen! aDDDDaaDDDDDDDDDaa 242 D Aus diesen primitiven, aber wie man jetzt ein- sehen wird, nicht irrationellen Vorstellungen über die Toten, haben sich moralische Gefühle ent- wickelt, die der abendländischen Zivilisation fremd sind. Diese sind wohl der Betrachtung wert, da es sich erweisen wird, daß sie sich mit den vorge- schrittensten Konzeptionen der Ethik im Einklang befinden, und namentlich mit jener ungeheueren, wenn auch noch nicht definierten Erweiterung des Pflichtgefühls, die aus dem Verständnis der Evolu- tionsidee hervorgegangen ist. Ich glaube nicht, daß wir Ursache haben, uns etwas darauf zugute zu tun, daß diese Gefühle in unserem Leben fehlen; ja, ich neige sogar zu der Meinung, daß wir es noch moralisch notwendig finden werden, Ge- fühle dieser Art bewußt auszubilden. Eine der Über- raschungen unserer Zukunft wird sicherlich die Rück- kehr zu Anschauungen und Religionen sein, die wir schon vor langer Zeit auf die bloße Annahme hin, daß sie keine Wahrheit enthalten, verworfen haben, Religionen, die noch von jenen, welche sie aus traditioneller Gewohnheit verdammen, barbarisch, heidnisch und mittelalterlich genannt werden. Jahr für Jahr bringen uns die Forschungen der Wissen- schaft neue Beweise dafür, daß der Wilde, der Bar- bar, der Götzenanbeter, der Mönch, alle auf ver- schiedenen Wegen so nahe zu irgend einem Punkt der ewigen Wahrheit gelangt sind, als nur irgend ein Denker des neunzehnten Jahrhunderts. Wir er- kennen jetzt auch, daß die Theorien der Astrologen und Alchymisten nur teilweise, nicht absolut irrig waren. Wir haben sogar Ursache anzunehmen, daß 243 kein Traum von der unsichtbaren Welt jemals ge- träumt wurde, daß keine Hypothese über das Un- sichtbare sich je gebildet hat, von der die Wissen- schaft der Zukunft nicht beweisen wird, daß sie einen Keim der Wahrheit enthalten habe. Unter den moralischen Gefühlen des Shintois- mus steht das der liebevollen Dankbarkeit gegen die Vergangenheit obenan, eine Empfindung, die in unserem Gefühlsleben eigentlich kein Gegenstück hat. Wir kennen unsere Vergangenheit besser als die Japaner die ihre. Wir haben Myriaden Bücher, wo alle Vorfälle und Verhältnisse festgehalten und betrachtet werden. Aber man kann in keiner Weise von uns sagen, daß wir für unsere Vergangenheit Liebe und Dankbarkeit empfinden. Kritische Dar- legungen ihrer Vorzüge und Fehler; hier und da ein durch ihre Schönheit hervorgerufener, auflodern- der Enthusiasmus; viele schonungslose Aufdeckun- gen ihrer Irrtümer: dies repräsentiert die Summe unserer Gefühle und Gedanken der Vergangenheit gegenüber. Die Haltung der Wissenschaft, die sie ihrer Betrachtung unterzieht, ist naturgemäß kalt; die unserer Kunst oft sehr begeistert; die unserer Religion in den meisten Fällen verdammend. Aber von welchem Standpunkt aus wir sie auch studieren mögen, so ist doch unsere Aufmerksamkeit haupt- sächlich auf das Werk der Toten gerichtet — ent- weder das sichtbare Werk, bei dessen Anblick unser Herz ein wenig höher schlägt, oder die Resultate ihrer Gedanken und Handlungen in Beziehung auf die Gesellschaft ihrer Zeit. An die vergangene Menschheit als Einheit — an die Millionen längst 244 Begrabener als uns wirklich Verwandte — denken wir entweder gar nicht oder nur mit derselben Neu- gier, die wir dem Studium erloschener Rassen ent- gegenbringen. Wir nehmen allerdings Interesse an der Schilderung eines individuellen Lebens, das in der Geschichte große Spuren hinterlassen hat; unsere Gefühle werden durch die Erinnerung an große Feldherren, Staatsmänner, Entdecker, Refor- matoren bewegt — aber nur weil das Großartige, was sie vollbrachten, zu unserem eigenen Ehrgeiz, unseren Wünschen, unserem Egoismus spricht, und durchaus nicht zu unseren altruistischen Gefühlen. Über die namenlosen Toten, denen wir am meisten schulden, machen wir uns gar keine Gedanken, wir fühlen ihnen gegenüber keine Liebe, keine Dank- barkeit. Es fällt uns sogar schwer zu glauben, daß die Liebe zu den Ahnen in irgend einer menschlichen Gesellschaft wirklich ein mächtiges, tiefgehendes, lebengestaltendes, religiöses Gefühl sein könne, was es in Japan zweifellos ist. Die Idee an sich ist unserem Denken, Fühlen und Handeln absolut fremd. Zum Teil liegt der Grund natürlich darin, daß bei uns im allgemeinen nicht der Glaube an einen aktiven geistigen Zusammenhang zwischen unseren Vorfahren und uns selbst besteht. Wenn wir irreli- giös sind, so glauben wir überhaupt nicht an Geister. Sind wir tief religiös, so denken wir uns die Toten als uns durch ewigen Ratschluß entrückt, als für die Dauer unseres Lebens absolut von uns getrennt. Es ist wahr, daß unter der bäuerlichen Bevölkerung der römisch-katholischen Länder noch der Glaube besteht, daß es den Toten gestattet ist, einmal im 245 Jahre zur Erde zurückzukehren — in der Nacht von Allerseelen. Aber selbst nach diesem Glauben stellt man sich nicht vor, daß sie mit den Lebenden durch ein stärkeres Band als das der Erinnerung verknüpft seien. Und man gedenkt ihrer — wie unsere folklo- ristischen Sammlungen zeigen — eher mit Furcht als mit Liebe. In Japan ist das Gefühl, das man für die Toten hegt, von diesem grundverschieden. Es ist ein Ge- fühl der dankbaren und verehrenden Liebe. Es ist wahrscheinlich das tiefste und machtvollste Gefühl der Rasse, dasjenige, welches hauptsächlich das nationale Leben beherrscht und den Nationalcharak- ter entwickelt hat. Der Patriotismus gehört dazu. Die kindliche Pietät beruht darauf. Die Liebe zur Familie wurzelt darin. Die Loyalität basiert auf ihm. Der Soldat, der, um seinen Kameraden den Weg durch das Schlachtfeld zu bahnen, ohne Zaudern sein Leben mit dem Rufe: „Teikoku-Banzai !" hin- opfert; der Sohn oder die Tochter, die, ohne zu murren, alles Lebensglück für vielleicht unwürdige oder sogar grausame Eltern opfern; der Vasall, der sich eher von Freunden, Familie und Glücksgütern lossagt, als daß er das Wort bricht, das er einst dem jetzt verarmten Herrn gegeben; die Gattin, die sich feierlich in weiße Gewänder hüllt, ein Gebet spricht und mit einem Schwert ihre Kehle durchbohrt, um ein Unrecht zu sühnen, das ihr Gatte Fremden zugefügt hat: all diese gehorchen dem Willen und verneh- men die Zustimmung unsichtbarer Zeugen. Selbst bei den skeptischen Studenten der neuen Generation überlebt dieses Gefühl so manchen gescheiterten 246 Glauben ; und man leiht noch häufig den alten Emp- findungen Worte wie diese: „Niemals dürfen wir unseren Ahnen Schande bereiten!" — „Es ist unsere Pflicht, unseren Ahnen Ehre zu machen !" In meiner früheren Stellung als Lehrer des Englischen, kam es mehr als einmal vor, daß meine Unkenntnis des wirklichen Sinnes dieser Aussprüche mich be- stimmte, sie in den Aufsätzen meiner Schüler um- zuändern. Ich legte ihnen zum Beispiel nahe, daß der Ausdruck „Dem Andenken unserer Ahnen Ehre zu machen", richtiger wäre als der von ihnen geschriebene Satz. Ich erinnere mich sogar, daß ich ihnen eines Tages erklärte, warum wir nicht von den Ahnen genau so sprechen sollten, als wenn es lebende Eltern wären. Vielleicht hatten meine Schüler damals den Argwohn, daß ich mich in ihre Glaubensangelegenheiten mischen wolle. Denn für die Japaner werden die Vorfahren nie zur „bloßen Erinnerung". Ihre Toten leben. Wenn in unserem Inneren plötzlich die absolute Überzeugung erwachte, daß unsere Toten noch unter uns weilen, daß sie jede Handlung sehen, jeden unserer Gedanken kennen, jedes unserer Worte ver- nehmen, imstande Sympathie mit uns oder Unwillen gegen uns zu empfinden, fähig uns zu helfen und beglückt, unsere Hilfe zu empfangen, fähig uns zu lieben und unserer Liebe sehr bedürftig, so ist es ganz gewiß, daß alle unsere Vorstellungen vom Leben und von der Pflicht eine große Umwälzung er- fahren würden. Wir müßten unsere Verpflichtung gegen die Vergangenheit feierlich anerkennen. Nun, bei den Menschen des fernen Ostens ist es seit 247 Tausenden von Jahren eine Sache der Überzeugung, daß die Toten stets gegenwärtig sind. Der Orientale spricht täghch zu ihnen ; er bemüht sich, ihnen Freude zu machen; und wenn er nicht geradezu ein Berufs- verbrecher ist, vergißt er niemals ganz seine Pflicht gegen sie. Niemand, sagt Hirata, der diese Pflicht immer erfüllt, wird jemals gegen die Götter oder gegen seine lebenden Eltern unehrerbietig sein. „Ein solcher Mann wird auch immer treu gegen seine Freunde, und gütig und sanft gegen seine Frau und seine Kinder sein ; denn die Quintessenz dieses Kults ist in Wahrheit kindliche Pietät." Und in diesem Emp- finden liegt der Schlüssel zu vielen seltsamen Seiten des japanischen Charakters. Unserer Gefühlswelt viel fremder als der großartige Mut, mit dem sie dem Tode begegnen, oder der Gleichmut, mit dem sie die schwersten Opfer bringen, ist die schlichte tiefe Empfindung des Knaben, der beim Anblick eines nie zuvor gesehenen Shintoaltars, plötzlich seine Augen von Tränen verdunkelt fühlt. In diesem Augenblick wird er sich dessen bewußt, was wir nie gefühlsmäßig fassen: der ungeheueren Schuld der Gegenwart an die Vergangenheit, und der Pflicht, die Toten zu lieben. DD DDDDDDDD Denken wir über unsere Stellung als Schuldner und über die Art, uns in diese Stellung zu finden, ein wenig nach, so wird uns ein frappanter Unter- schied zwischen abendländischem und morgenlän- dischem moralischem Gefühl offenbar werden. D 248 O Es gibt nichts Erschreckenderes als die bloße Tatsache des Lebensmysteriums, wenn man sich dieser Tatsache zum ersten Male voll bewußt wird. Aus unbekannter Dunkelheit steigen wir einen Augenblick zum Sonnenlicht empor, blicken um uns, freuen uns und leiden, übertragen die Vibration unse- res Wesens auf andere Wesen und versinken wieder in Dunkelheit. So steigt eine Welle empor, fängt das Licht auf, gibt ihre Bewegung weiter und sinkt wieder ins Meer zurück. So steigt die Pflanze aus dem Staube empor, entfaltet ihre Blätter dem Lichte und der Luft, blüht, streut Samen aus und kehrt zur Erde zurück. Nur hat die Welle keine Empfindung, die Pflanze kein Bewußtsein. Alles menschliche Leben scheint nicht mehr als eine parabolische Be- wegungskurve aus der Erde zurück zur Erde; aber in diesem kurzen Intervall der Umwandlung erkennt es das Universum. Das Erschreckende des Phäno- mens ist, daß niemand etwas darüber weiß. Kein Sterblicher vermag diese alltäglichste und doch un- verständlichste aller Tatsachen — das Leben an sich — zu erklären; aber jeder denkende Sterbliche stand zuweilen unter dem Zwange, in Beziehung auf sein Selbst darüber nachzudenken. Ich komme aus dem Mysterium; ich sehe Him- mel, Land, Männer, Frauen und ihre Werke; und ich weiß, daß ich in das Mysterium zurückkehren muß ; und was dies bedeutet, kann mir nicht ein- mal der größte Philosoph — selbst nicht Herbert Spencer — sagen. Wir sind alle Rätsel für einander, Rätsel für uns selbst ; und Raum und Bewegung und Zeit sind Rätsel; und die Materie ist ein Rätsel. 249 über das vorher und nachher hat weder das neu- geborene Kind noch der Tote uns Kunde zu bringen : Das Kind ist stumm; der Totenschädel grinst nur. Die Natur hat keinen Trost für uns. Aus ihrer Gestaltlosigkeit gehen Gestalten hervor, die zur Gestaltlosigkeit zurückkehren. Das ist alles. Die Pflanze wird Erde ; die Erde wird Pflanze. Wenn die Pflanze zur Erde wird, was wird dann aus der Vibration, die ihr Leben war? Lebt sie unsichtbar weiter, gleich den Mächten, die auf der gefrorenen Fensterscheibe Blumengeister erblühen lassen? Innerhalb des Horizonts des unendlichen Rätsels harren zahllose geringere Rätsel, so alt wie die Welt, auf Kommen des Menschen. Ödipus hatte nur das Rätsel einer Sphinx zu lösen ; die Menschheit die tausender und abertausender, die alle entlang des Pfades der Zeit zwischen moderndem Gebein kauern, und jede mit einem tieferen, schwereren Rätsel. Nicht alle Rätsel der Sphinxe sind gelöst; Myriaden be- säumen den Weg der Zukunft, um noch ungeborene Leben zu verschlingen; aber Millionen fanden ihre Lösung. Wir sind jetzt imstande, ohne fortwähren- des Grauen zu leben, durch das relative Wissen, das uns leitet, das Wissen, das wir dem Rachen der Zerstörung entrissen haben. All unser Wissen ist ererbtes Wissen. Die Toten haben uns die Erinnerung an all das hinterlassen, was sie über sich selbst und die Welt lernen konnten ; über die Gesetze des Todes und des Lebens; darüber, welche Dinge man sich aneignen, welche man vermeiden soll; über die Mittel, das Leben weniger schmerzlich zu machen, als es der Wille 250 der Natur war; über Recht und Unrecht, und Kummer und Glück; über den Irrtum der Selbst- sucht, die Weisheit der Güte, die Verpflichtung zum Opfer. Sie hinterließen uns Aufklärung über alle ihre Erfahrungen in bezug auf Jahreszeiten, klima- tische Verhältnisse, Orte, Sonne, Mond und Sterne, die Bewegungen und die Zusammensetzung des Universums. Sie vererbten uns auch ihre Irrtümer, die lange dem guten Zweck dienten, uns vor größe- ren zu bewahren. Sie hinterließen uns die Geschichte ihrer Täuschungen und Bestrebungen, ihrerTriumphe und Niederlagen, ihrer Schmerzen und Freuden, ihrer Liebe und ihres Hasses — als Warnung oder Bei- spiel. Sie rechneten auf unsere Sympathie, weil sie mit den freundlichsten Wünschen und Hoffnungen für uns arbeiteten und unsere Welt schufen. Sie machten das Land urbar; sie rotteten Ungeheuer aus; sie zähmten die Tiere, die uns am nützlichsten sind. „Die Mutter Kullervos erwachte in ihrem Grabe, und aus der Tiefe des Staubs rief sie ihm zu : Ich ließ dir den Hund, an einen Baum gebunden, auf daß du mit ihm auf die Jagd gehen mögest." (Kale- vala, 36. Rune). Sie veredelten ebenso die nützlichen Bäume und Pflanzen und entdeckten die Fundorte und Kräfte der Metalle. Später schufen sie all das, was wir Zivili- sation nennen, und überließen es uns, die Irrtümer zu berichtigen, die sie nicht vermeiden konnten. Die Summe ihrer Arbeit ist unberechenbar; und alles, was sie uns gegeben, sollte uns sicherlich sehr heilig, sehr teuer sein, wenn schon aus keinem anderen Grunde, so wegen des ungeheueren Aufwandes an 251 Mühe und Gedankenarbeit, die sie daran gesetzt haben. Doch welchem Abendländer fällt es ein, täglich gleich den Shintogläubigen zu sagen: „Ihr Vorväter unserer Generationen, unserer Familien, unserer Anverwandten — euch, den Gründern unse- res Heims bringen wir unseren freudigen Dank"? Keinem. Nicht nur, weil wir glauben, daß die Toten uns nicht hören können, sondern weil wir nicht durch Generationen dazu erzogen worden sind, unsere sympathische geistige Vorstellungskraft über einen sehr engen Kreis — den Familienkreis — aus- zudehnen. Verglichen mit dem orientalischen Fa- milienkreis ist der abendländische ein sehr enger. Heute ist die abendländische Familie beinahe völlig aufgelöst; — sie bedeutet tatsächlich kaum mehr als Mann, Frau und minderjährige Kinder. Die orien- talische Familie umfaßt nicht nur Eltern und deren Blutsverwandte, sondern auch die Großeltern mit ihren Verwandten, die Urgroßeltern und alle Toten hinter ihnen. Diese Idee der FamiUe bildet die sympathische Vorstellungskraft zu einem so hohen Grade aus, daß die Ausdehnung der diesem Vor- stellungskreise angehörigen Gefühle, sich wie in Japan auf viele Gruppen und Untergruppen lebender Familien erstrecken kann, und in Zeiten nationaler Gefahr sogar auf die ganze Nation als eine große Familie; ein weit tieferes Gefühl als das, welches wir Patriotismus nennen. Als religiöses Empfinden umfaßt dieses Gefühl die ganze Vergangenheit; das aus Liebe, Loyalität und Dankbarkeit zusammenge- setzte Gefühl ist nicht weniger wirklich, wenn auch natürlich vager als das Gefühl für lebende Verwandte. 252 D Im Abendlande konnte sich nach der Zerstörung der antiken Gesellschaft kein derartiges Gefühl er- halten. Der Glaube, der die Alten zur Hölle ver- dammte und das Lob ihrer Werke verbot — die Lehre, die uns dazu erzog, dem Gott der Hebräer für alles zu danken — schuf Denkgewohnheiten und Gewohnheiten der Gedankenlosigkeit, die jedem Ge- fühl der Dankbarkeit gegen die Vergangenheit feind- lich waren. Dann kam mit dem Verfall der Theologie und dem Aufdämmern höherer Erkenntnisse die Lehre, daß die Toten bei ihrem Tun keine Wahl ge- habt hatten ; sie hatten der Notwendigkeit gehorcht und wir hatten von ihnen notwendigerweise nur die Resultate der Notwendigkeit empfangen. Und heute noch verschließen wir uns der Erkenntnis, daß eben diese Notwendigkeit unsere Sympathien denen, die ihr gehorchten, zuwenden muß, und daß ihre uns hinterlassenen Resultate ebenso ergreifend wie wert- voll sind. Solche Gedanken kommen uns selbst bei den Werken der Lebenden, die uns dienen, nur selten. Wir beurteilen die Kosten einer Sache nur nach dem Wert, den sie für uns selbst hat — was der Produzent an Mühe darauf gewendet hat, daran denken wir nicht: ja, wir würden dem Spott ver- fallen, wenn wir irgend welche Gewissensskrupel darüber zeigten. Und unsere Gefühllosigkeit gegen die ergreifende Bedeutung des Werkes der Vergan- genheit, und gegen die Arbeit der Gegenwart erklärt vollständig die Vergeudung unserer Zivilisation; die zügellose Art, mit der der Luxus die Arbeit von Jahren in dem Vergnügen einer Stunde ver- braucht ; die Unmenschlichkeit Tausender gedanken- 253 loser Reicher, von denen jeder jährlich zur Befriedi- gung vollkommen unnützer Bedürfnisse, das Arbeits- resultat von hundert menschlichen Leben vergeudet. Die Kannibalen der Zivilisation sind unbewußt viel grausamer als die der wilden Stämme und verbrau- chen viel mehr Menschenfleisch. Die tiefere Mensch- lichkeit — die kosmische Empfindung für die Mensch- heit — ist wesentlich der Feind alles nutzlosen Luxus und der ausgesprochene Gegner jeder Form der Gesellschaft, die der Befriedigung der Sinne und den Vergnügungen des Egoismus keine Zügel anlegt. Im fernen Osten hingegen ist seit uralten Zeiten die moralische Pflicht der schlichten Lebensführung gelehrt worden, weil der Ahnenkult jene kosmische Empfindung für die Menschheit entwickelt und aus- gebildet hat, an der es uns gebricht, aber die wir uns in späteren Zeiten gewiß werden aneignen müssen, schon um uns selbst vor dem Aussterben zu bewahren. Zwei Aussprüche von lyeyasu ver- anschaulichen das orientalische Empfinden. Als dieser größte der japanischen Krieger und Staats- männer im Grunde der eigentliche Herr des Reiches war, sah man ihn eines Tages damit beschäftigt, ein altes verstaubtes Paar seidener Hakamas oder Bein- kleider mit eigenen Händen zu reinigen und zu glätten. „Was ich da tue," sagte er zu einem Lehns- mann, „geschieht nicht, weil ich an den Wert des Kleidungsstücks an sich denke, sondern daran, welche Mühe notwendig war, um es herzustellen. Es ist das Resultat der Arbeit und Plage einer armen Frau; und darum schätze ich es. Wenn wir bei der Benützung von Dingen nicht an die Zeit 254 und die Mühe denken, die erforderlich waren, um sie hervorzubringen — dann stellt uns dieser Mangel an Rücksicht auf eine Stufe mit den Tieren." Und in den Tagen seines größten Wohlstandes hören wir von ihm, wie er seine Frau zurechtwies, weil sie ihn zu oft mit neuen Kleidern versehen wollte. „Wenn ich," wen- dete er ein, „an die Menge um mich und an die Generationen, die nach mir kommen sollen, denke, empfinde ich es als meine Pflicht, mit den in meinem Besitz befindlichen Gütern sehr sparsam umzu- gehen." Dieser Geist der Schlichtheit hat sich in Japan erhalten. Selbst der Kaiser und die Kaiserin fahren fort, in der Zurückgezogenheit ihrer Privat- gemächer ebenso einfach zu leben wie ihre Unter- tanen und widmen den größten Teil ihrer Revenuen der Linderung des öffentlichen Elends. D D D D Durch die Evolutionslehre wird sich schließlich auch im Abendlande die moralische Erkenntnis der Pflicht gegen die Vergangenheit entwickeln, die im fernen Osten der Ahnenkult geschaffen hat. Denn schon heute kann der, der sich die Grundprinzipien der neuen Philosophie angeeignet hat, selbst das gewöhnlichste Produkt der menschlichen Handarbeit nicht betrachten, ohne darin etwas von seiner Evo- lutionsgeschichte zu erkennen. Das gewöhnlichste Gerät wird ihm nicht als das bloße Produkt der individuellen Geschicklichkeit eines Schreiners, Töp- fers oder Schmiedes erscheinen, sondern als das 255 Produkt einer durch Jahrtausende fortgesetzten Er- fahrung mit Methoden, Materialien und Formen. Ebensowenig wird es ihm möghch sein, den unge- heueren Aufwand an Zeit und Mühe, den die Ent- wicklung jedes mechanischen Werkzeugs erfordert hat, zu betrachten, ohne eine Aufwallung der Dank- barkeit zu empfinden. Kommende Generationen müssen der uns vererbten materiellen Errungen- schaften der Vergangenheit im Zusammenhang mit der toten Menschheit gedenken. Aber in der Entwicklung dieses „kosmischen Gefühls" für die Menschheit wird die Erkenntnis unserer psychischen Dankesschuld an die Vergan- genheit ein viel mächtigerer Faktor sein als die Er- kenntnis unserer materiellen Dankesschuld. Denn wir verdanken den Toten auch unsere immaterielle Welt — die Welt, die in uns lebt — die Welt alles dessen, was in Impulsen, Empfindungen und Ge- danken liebenswert ist. Wer sich wissenschaftlich darüber klar geworden ist, was menschliche Güte ist, und um welchen furchtbaren Preis sie errungen wurde, kann in den gewöhnlichsten Phasen der be- scheidensten Existenzen jene Schönheit finden, die göttlich ist, und kann fühlen, daß in einem Sinne unsere Toten wirklich Götter sind. Solange wir die weibliche Seele als etwas Ein- zelnes ansahen — als ein etwas, das eigens für ein besonderes physisches Wesen geschaffen war — konnte sich uns die Schönheit und das Wunder der Mutterliebe nicht völlig enthüllen. Aber bei tie- ferer Erkenntnis muß es uns offenbar werden, daß der ererbte Liebesschatz von Myriaden Millionen o 256 toter Mütter in einem Leben aufgespeichert ist; daß man nur so die unendliche Süßigkeit der Sprache, die das kleine Kind vernimmt, deuten kann; die un- endliche Zärtlichkeit des Liebesblicks, der auf ihm ruht. Beklagenswert der Sterbliche, der dies nie gekannt — und doch, welcher Sterbliche vermöchte die richtigen Worte dafür zu finden ! Fürwahr, gött- lich ist die Mutterliebe ; denn alles, was die mensch- liche Erkenntnis göttlich nannte, ist in dieser Liebe enthalten. Und jede Frau, die Trägerin und Mitt- lerin ihres höchsten Ausdrucks ist, ist mehr als die Mutter des Menschen, sie ist die „Mater Dei". Es ist hier nicht am Platze, von der Geisterhaftig- keit der ersten Liebe, der GeschlechtsHebe zu sprechen, die Illusion ist — weil die Leidenschaft und die Schönheit der Toten in ihr wieder auferstehen, um zu betören, zu blenden und zu bezaubern. Sie ist sehr, sehr wunderbar; aber sie ist nicht völlig gut, weil sie nicht völlig wahr ist. Der wahre eigenste Zauber der Frau offenbart sich erst später, wenn alle Illusionen schwinden, um eine Wirkhchkeit zu enthüllen, die lieblicher ist, als alle Illusionen und die sich hinter ihrem Zauberschleier entfaltet hat. Was ist nun der göttliche Zauber der Frau, die sich uns nun offenbart hat ? Nur die Liebe, die Sanftmut, die Treue, die Selbstlosigkeit, die Intuitionen von Millionen begrabener Herzen. Alle erstehen wieder auf; alle pochen wieder in dem frischen warmen Schlage ihres eigenen Herzens. Gewisse erstaunliche Fähigkeiten, die in dem höchst entwickelten sozialen Leben zutage treten, er- zählen uns in anderer Weise die Geschichte der 257 17 Seelenstruktur, wie sie sich aus toten Leben auf- gebaut hat. Wunderbar ist der Mann, der wirkHch „allen alles sein kann", oder die Frau, der es ge- geben ist, aus sich zwanzig, fünfzig, hundert ver- schiedene Frauen zu machen — alles verstehend, alles durchdringend, unbeirrbar in ihrem Urteil über alle anderen; scheinbar keine eigene Individualität habend, sondern nur unzählige Individualitäten; im- stande, jeder neuen Persönlichkeit mit einer Seele entgegenzutreten, die genau auf den Ton der fremden Seele gestimmt ist. Solche Charaktere sind selten, aber nicht so selten, daß der Reisende nicht leicht ein oder zwei Verkörperungen derselben in jeder hoch kultivierten Gesellschaft treffen kann, die er zu studieren Gelegenheit hat. Sie sind aus- gesprochen „vielfache" Wesen — so offensichtlich vielfach, daß sogar die, welche sich das Ego als Ein- heit denken, sie als höchst „kompliziert" bezeichnen müssen. Diese Manifestation von vierzig oder fünfzig verschiedenen Charakteren in ein- und derselben Person ist ein so merkwürdiges Phänomen (be- sonders merkwürdig, weil es gewöhnlich schon in der Jugend hervortritt, lange bevor die Erfahrung es teilweise erklären könnte), daß ich mich nur darüber wundern kann, wie wenige Menschen sich über seine Bedeutung klar werden. So verhält es sich auch mit einigen Formen des Genies, die man „Intuitionen" benannt hat; haupt- sächlich denjenigen, die sich auf die Darstellung der Empfindungen beziehen. Nach der alten Seelen- theorie würde ein Shakespeare immer unfaßbar bleiben. Taine versuchte ihn durch den Ausdruck 258 „eine vollkommene Einbildungskraft" zu erklären, und dieser Ausdruck reicht tief in die Wahrheit hinein. Aber was bedeutet eine vollkommene Ein- bildungskraft? Ungeheure Vielfältigkeit des Seelen- lebens, zahllose vergangene Existenzen, die in einer einzigen wieder auferstanden sind. Es gibt keine andere Erklärung dafür . . . Nicht in der Welt des reinen Intellekts ist die Geschichte der psy- chischen Vielfältigkeit am merkwürdigsten, sondern in der Welt, die sich an unsere einfachsten Gefühle wendet, die Gefühle der Liebe, der Ehre, der Sym- pathie, des Heroismus. „Aber nach einer solchen Theorie," könnte ein kritischer Geist einwenden, „ist die Quelle heroischer Impulse auch zugleich die Quelle jener Impulse, die uns herabziehen. Beide kommen von den Toten." Dies ist wahr. Wir haben Böses sowohl wie Gutes geerbt. Da wir nur Zusammensetzungen sind — in der Entwicklung, im Werden begriffen — müssen wir Unvollkommenheiten erben. Aber das Überleben des geeignetsten unter den Impulsen ist sicherlich durch das moralische Durchschnittsniveau der Menschheit bewiesen, — das Wort der „geeignetste" im ethischen Sinne gebraucht. Trotz alles Elends, Lasters und Verbrechens, die nirgends so furchtbar entwickelt sind, als in unserer eigenen, sogenannten christlichen Zivilisation, muß jedem, der viel gelebt, viel gereist, viel gedacht hat, die Tatsache offenbar sein, daß die überwiegende Masse der Menschheit gut ist, und darum die überwiegende Mehrzahl der uns von der vergangenen Menschheit vererbten Im- pulse ebenfalls gut sein muß. Auch steht es fest, 259 daß je normaler die sozialen Verhältnisse, desto besser die Menschen sind. Während der ganzen Vergangenheit haben die guten Kamis immer ge- trachtet, die bösen Kamis zu verhindern, die Ober- hand zu bekommen. Und mit der Annahme dieser Wahrheit müssen sich unsere zukünftigen Ideen über Recht und Unrecht ungeheuer erweitern. Geradeso wie jede heroische Tat oder jeder Akt reiner Güte für einen edlen Zweck einen bisher ungeahnten Wert erlangen muß, so muß ein wirkliches Verbrechen weniger als ein Verbrechen gegen das lebende In- dividuum oder die bestehende Gesellschaft ange- sehen werden, als gegen die Summe der mensch- lichen Erfahrung und der ethischen Bestrebungen der Vergangenheit. Wirkliche Güte wird darum höher gepriesen und wirkliches Verbrechen weniger lax beurteilt werden. Und die Lehre des alten Shintoglaubens, daß es keines ethischen Kodex be- dürfe — daß die wahre Richtschnur alles mensch- lichen Verhaltens immer gefunden werden kann, wenn man nur sein Herz befragt — ist eine Lehre, die eine vollkommenere Menschheit, als die heutige zweifellos zu der ihren machen wird. D D D D „Die Evolutionslehre," wird der Leser vielleicht einwenden, „zeigt allerdings durch ihre Vererbungs- theorie, daß die Lebenden in gewissem Sinne wirk- lich von den Toten beherrscht werden. Aber sie zeigt auch, daß die Toten in uns, nicht außer uns sind. Sie sind ein Teil von uns — es spricht nichts 260 dafür, daß sie irgend eine Existenz außerhalb un- serer eigenen haben. Dankbarkeit gegen die Ver- gangenheit wäre somit Dankbarkeit gegen uns selbst; Liebe zu den Toten wäre Selbstliebe. So daß dieser Versuch einer Analogie ins Absurde führt." Nein. Der Ahnenkult mag in seiner primitiven Gestalt nur ein Symbol der Wahrheit sein. Er kann gleichsam ein Fingerzeig, ein Vorläufer der neuen moralischen Pflichten sein, die tiefere Erkenntnis uns unabweislich aufdrängt: die Pflicht der Ehrfurcht und des Gehorsams gegen die vergangenen ethischen Erfahrungen der Menschheit. Aber er kann auch weit mehr bedeuten. Die Tatsachen der Vererbung können immer nur eine halbe Erklärung für die Tat- sachen der Psychologie bieten. Eine Pflanze bringt zehn, zwanzig, hundert neue Pflanzen hervor, ohne bei diesem Vorgang ihr eigenes Leben aufzugeben. Ein Tier gebiert viele Junge und lebt doch mit all seinen unverminderten physischen Kräften und ge- ringen Geistesfähigkeiten weiter fort. Kinder werden geboren; und die Eltern überleben sie. Ererbt ist das geistige Leben sicherlich, nicht minder als das phy- sische; aber die reproduktiven Zellen, die wenigst spezialisierten von allen Zellen (bei der Pflanze wie beim Tiere) heben das elterliche Wesen nicht auf, sondern wiederholen es nur. Indem sie sich be- ständig vervielfältigen, übermittelt eine jede die ganze Erfahrung einer Rasse und läßt doch die ganze Erfahrung der Rasse hinter sich. Hier ist das unerklärliche Wunder: die Selbstvervielfältigung des physischen und psychischen Wesens — Leben um 261 Leben vom elterlichen Leben losgelöst, um dann seinerseits vollkommen und reproduzierend zu wer- den. Würde das ganze elterliche Leben auf den Sprößling übertragen, dann könnte man sagen, daß das Gesetz der Vererbung die Doktrin des Materialis- mus unterstützt. Aber gleich den Gottheiten der indischen Legende vervielfältigt sich das Selbst und bleibt doch dasselbe, mit der ungeschwächten Fähig- keit, sich weiter zu vervielfältigen. Der Shintoismus kennt die Lehre, daß die Seelen sich durch Spaltung vervielfältigen; aber die Tatsachen der psychischen Emanation sind unendlich wunderbarer als irgend eine Theorie. Die großen Religionen haben erkannt, daß die Vererbungstheorie nicht das ganze Problem des Selbst erklären — nicht Aufschluß über das Schick- sal des ursprünglichen, bleibenden Selbst geben könne. So haben sie sich allgemein geeinigt, das innere Wesen als unabhängig vom äußeren an- zusehen. Die Wissenschaft kann ebensowenig die Fragen, die sie aufgeworfen haben, entscheiden, als sie die Natur des Dings an sich bestimmen kann. Wieder müssen wir vergeblich fragen : Was wird aus den Kräften, die die Vitalität einer toten Pflanze bildeten? Weit schwieriger die Frage, was wird aus den Empfindungen, die das psychische Leben eines toten Menschen gebildet haben ? — da niemand die einfachste Empfindung erklären kann. Wir wissen nur, daß während des Lebens bestimmte aktive Kräfte im Pflanzen- oder Menschenkörper sich fort- während den äußeren Kräften anpaßten; und daß nachdem die inneren Kräfte nicht mehr auf den 262 Druck der äußeren Kräfte reagieren konnten — der Körper, in dem die ersteren aufgespeichert waren, sich in die Elemente auflöste, aus denen er sich aufgebaut hatte. Wir wissen von der Urnatur dieser Elemente ebensowenig, wie von der Urnatur der Kräfte, die sie vereinigt haben. Aber wir haben eher Grund anzunehmen, daß die Urkräfte des Lebens nach der Auflösung der Formen, die sie geschaffen haben, fortbestehen, als zu glauben, daß sie ganz aufhören. Die Theorie der spontanen Entstehung (irrig benannt, denn nur in eingeschränktem Sinne kann das Wort „spontan" auf die Theorie der An- fänge des Erdenlebens angewendet werden) ist eine Theorie, die der Evolutionist annehmen muß und die niemanden erschrecken kann, der sich der Tatsache der Chemie bewußt ist, daß die Materie selbst in der Entwicklung begriffen ist. Die wirkliche Theorie (nicht die Theorie des organischen Lebens, das in einem Aufguß in einer Flasche beginnt, sondern des uranfänglichen Lebens, wie es auf der Oberfläche eines Planeten entsteht) hat ungeheure, ja, unend- liche geistige Bedeutung. Sie erfordert den Glauben, daß alle potentiellen Möglichkeiten des Lebens, Den- kens und Empfindens von den Nebulosen zum Uni- versum, von System zu System, von Sternen zu Planeten oder Monden und wieder zurück zu zyklo- nischen Stürmen der Atome gehen; das bedeutet, daß die Urkräfte Sonnenbrände, kosmische Evolu- tionen und Disintegrationen überdauern. Die Ele- mente sind nur Entwicklungsresultate. Es gibt keinen Zufall. Es gibt nur Gesetzmäßig- keit. Jede neue Evolution muß von vorhergehenden 263 Evolutionen beeinflußt sein — ebenso wie jedes indi- viduelle menschliche Leben durch die Erfahrung all der Leben seiner Ahnenkette beeinflußt ist. Müssen nicht sogar die Tendenzen der früheren Formen der Materie von den kommenden Formen der Materie ererbt werden ; und müssen nicht die Taten und ''Ge- danken der heutigen Menschheit mit dazu beitragen, den Charakter künftiger Welten zu gestalten? Man kann heute nicht mehr behaupten, daß die Träume der Alchymisten Absurditäten waren. Ja, wir können sogar nicht mehr behaupten, daß nicht alle mate- riellen Phänomene, wie der alte Orient es annahm, durch Seelenpolaritäten bestimmt werden. Ob unsere Toten fortfahren, auch außer uns ebenso wie in uns zu leben — eine Frage, die wir in unserem jetzigen unentwickelten Zustand relativer Blindheit nicht entscheiden können — eines ist ge- wiß, daß das Zeugnis der kosmischen Tatsachen mit einem mystischen Glauben des Shintoismus überein- stimmt: dem Glauben, daß alle Dinge von den Toten bestimmt werden — sei's durch Geister von Men- schen, sei's durch Geister von Welten. Ebenso wie unser persönliches Leben durch jetzt unsichtbare Leben der Vergangenheit beherrscht wird, so wird zweifellos das Leben unserer Erde und des Systems, dem sie angehört, von Geistern zahlloser Sphären beherrscht: toter Universen — toter Sonnen, Pla- neten und Monde — als Formen längst in Nacht auf- gelöst, aber als Kräfte unsterblich und ewig wirkend. Zurück zur Sonne fürwahr, können wir gleich dem Shintoisten unsere Abstammung verfolgen ; und doch wissen wir, daß selbst da nicht unser Anfang 264 war. Unendlich ferner in der Zeit als eine Million von Sonnenleben war dieser Anfang — wenn man überhaupt sagen kann, daß es je einen Anfang ge- geben hat. Die Lehre der Evolution ist, daß wir eins mit jenem unbekannten Urgrund sind, von dem die Ma- terie und der menschliche Geist nur ewig wech- selnde Manifestationen sind. Die Evolution lehrt uns auch, daß jeder von uns eine Vielheit ist, und daß wir doch alle eins miteinan.der und mit dem Kosmos sind ; daß wir die ganze vergangene Mensch- heit nicht nur in uns selbst erkennen müssen, son- dern auch in der Kostbarkeit und Schönheit des Lebens jedes Mitmenschen; daß wir uns am besten in anderen lieben können; daß wir uns selbst am besten in anderen dienen; daß Formen nur Schleier und Phantome sind; und daß dem formenlosen Un- endlichen allein alle menschlichen Empfindungen in Wahrheit angehören, mögen sie von den Lebenden oder von den Toten stammen. D D D D D D O 266 R7/7jZ;7ni^^^ HR Name steht auf einer Papierlaterne 1^ beim Eingang eines Hauses in der Geishastraße. Bei Nacht gesehen, ist diese Straße eine der seltsamsten in der Welt. Sie ist eng wie ein schmaler Gang, und das dunkelglänzende Holzwerk der fest verschlossenen Hausfassaden, die alle kleine ver- schiebbare Türen haben mit Papierscheiben, die wie gepreßtes Glas aussehen, erinnern an Schiffskabinen erster Klasse. Obwohl die Gebäude mehrere Stockwerke haben, wird man sie zuerst gar nicht gewahr, insbesondere wenn der Mond nicht scheint; denn nur die Erdgeschoßwohnungen sind bis hinauf zu den ausgespannten Markisen erleuchtet, alles übrige ist dunkel. Das Licht strahlt aus Lampen hinter den Papierscheiben der schmalen Türen und aus Laternen, die an der Außenseite des Hauses hängen, eine an jeder Tür. Man blickt die Straße entlang zwischen zwei Reihen solcher Laternen, die in weiter Ferne zu einer unbeweglichen gelben Lichtmasse zusammenlaufen. Einige der Laternen sind eiförmig, einige zylindrisch, andere wieder vier- oder sechs- eckig, und alle sind sie mit japanischen Inschriften in schönen Ideogrammen geschmückt. Die Straße ist sehr still, — still wie eine Aus- stellung nach Schluß der Besuchsstunde. Der Grund dieser Stille ist die Abwesenheit der Hausinsassen, die meistenteils bei Banketten und anderen Fest- vorstellungen beschäftigt sind, denn ihr Leben ist ausschließlich ein Nachtleben. Die Inschrift auf der ersten Laterne links, wenn man in südlicher Richtung geht, ist: „Kinoya: uchi 267 O — Kata"; und es bedeutet das goldene Haus, wo Okata wohnt. Die Laterne zur Rechten erzählt vom Hause Nishimuras, einem Mädchen Myutsuru, welcher Name „Der prächtige Storch" bedeutet. Das nächste Haus links ist das Haus der Kajita, und da wohnen Kohana, die Blumenknospe, und Hinako, deren Antlitz so hübsch ist, wie das einer Puppe.. Gegenüber liegt das Haus Nagaye, wo Kimika und Kimiko wohnen . . . Und diese doppelte Lichterzeile von Namensbezeichnungen erstreckt sich über eine halbe Meile weit. Die Inschrift auf dem letztgenannten Hause ver- kündet den Zusammenhang zwischen Kimika und Kimiko, aber sie verkündet uns noch etwas an- deres, — denn Kimiko wird Ni-dai-me genannt, ein unübersetzbarer Titel, der besagt, daß sie nur Kimiko No. 2 ist. Die eigentliche Herrin und Meiste- rin ist Kimika, die zwei Geishas erzogen hat, denen sie beiden denselben Namen Kimiko gegeben hat. Und diese zweimalige Anwendung desselben Na- mens ist der Beweis, daß die erste Kimiko, Ichi- dai-me, sehr gefeiert gewesen sein mußte. Der Name, den eine unberühmt gebliebene Geisha trägt, geht nie auf ihre Nachfolgerin über. Solltest du jemals einen guten und zureichenden Grund haben, in das Haus zu kommen, so würdest du nach dem Zurückschieben der Eingangstüre, die beim Öffnen einen Gong in Bewegung setzt, um den Besucher anzukündigen, Gelegenheit haben, Ki- mika zu sehen — vorausgesetzt, daß ihre kleine Truppe nicht für diesen Abend irgendwo engagiert ist. Du würdest in ihr eine sehr intelligente Person 268 kennen lernen, mit der zu sprechen es wohl der Mühe lohnt. Sie kann, falls es ihr beliebt, die merk- würdigsten Geschichten erzählen — Geschichten aus dem wirklichen Leben, wahre Erzählungen von der menschlichen Natur. Denn die Geishastraße ist voll von Traditionen, tragischen, komischen, melodra- matischen. Jedes Haus hat seine besonderen Erinne- rungen. Und Kimika kennt sie alle. Einige sind sehr, sehr schrecklich, und einige würden dich zum Lachen reizen, und wieder andere würden dich nachdenk- lich stimmen. Die Geschichte der ersten Kimiko ge- hört zu der letzteren Art. Sie gehört nicht zu den ungewöhnlichen, aber ist eine von denen, die dem abendländischen Verständnis am ehesten zugäng- lich ist. DDDaDDDDDDaDDDa Es gibt keine Ichi-dai-me Kimiko mehr: sie ist nur eine Erinnerung. Kimika war noch ganz jung, als sie Kimiko ihre Berufsgenossin nannte. „Ein außerordentliches Mädchen", sagt Kimika von Kimiko. Um sich in ihrem Fache einen Namen zu machen, muß eine Geisha entweder hübsch oder klug sein — und die berühmten sind gewöhnlich bei- des, da sie schon in zartester Jugend unter Berück- sichtigung dieser Vorzüge von ihren Erziehern aus- gewählt werden. Selbst von der untergeordnetsten Klasse dieser Berufssängerinnen verlangt man, daß sie in ihren jungen Jahren irgend einen Charme besitzen, — sei's auch nur jene beaute du diable, 269 welche das japanische Sprichwort inspirierte, daß selbst der Teufel mit achtzehn Jahren schön sei (oder wie eine andere Version lautet: „Ein Drache mit zwanzig"). Aber Kimiko war mehr als hübsch, sie entsprach vollkommen dem japanischen Schönheits- ideal, und dieser Anforderung genügt unter Hundert- tausenden von Frauen kaum eine. Sie war auch mehr als klug — sie war talent- voll. Sie dichtete zierliche Verse, verstand mit dem auserlesensten Geschmack Blumen zu ordnen, die Teezeremonien tadellos auszuführen, hatte großes Geschick im Sticken und der Seidenmosaikarbeit: mit einem Worte sie war vollkommen. Ihr erstes öffentliches Auftreten machte in der Welt von Kyoto, „oü l'on s'amuse" Sensation. Es war offenbar, sie konnte jede ihr beliebige Eroberung machen und an ihrem Glücke war nicht zu zweifeln. Aber niemand konnte auch in Abrede stellen, daß sie für ihren Beruf vollkommen vorgebildet worden war. Man hatte sie gelehrt, sich bei jeder nur er- denklichen Gelegenheit entsprechend zu benehmen, und was sich ihrem Wissen noch entzog, darüber wußte Kimika genau Bescheid : Die Macht der Schön- heit, und die Schwäche der Leidenschaft; den Wert der Verheißung und die Qual der Gleichgül- tigkeit; und all die Torheit und Schlechtigkeit in dem Herzen der Männer. Demnach machte Kimiko wenig Mißgriffe und vergoß wenig Tränen. Nach und nach wurde sie, — wie Kimika gewünscht hatte, — ein wenig gefährlich. Ungefähr so wie eine Lampe für Nachtschmetterlinge, nicht mehr: sonst würden sie wohl manche auslöschen. Die Aufgabe der 270 Lampe ist, angenehme Dinge sichtbar zu machen: sie will niemandem etwas zuleide tun. Auch Kimiko wollte niemandem etwas zuleide tun, sie war nicht zu gefährlich. Besorgte Eltern kamen zu der Einsicht, daß sie es gar nicht darauf .anlegte, sich in respektable Familien einzudrängen, ja sie wollte sich nicht einmal in romantische Abenteuer einlassen. Aber sie war nicht allzu nachsichtig gegen jene Klasse von Jünglingen, die Dokumente mit ihrem eigenen Blut unterzeichnen und einer Tänzerin das Ansinnen stellen, die Spitze ihres kleinen Fingers als Pfand ewiger Treue abzuschneiden . . . ihnen spielte sie übermütig genug mit, um sie von ihren Tor- heiten zu heilen. Gegen einige reiche Anbeter, die ihr um den Preis ihres Besitzes Ländereien und Häuser anboten, war sie weniger mitleidsvoll. Einer unter ihnen war großmütig genug, ihre Freiheit be- dingungslos mit einer Summe erkaufen zu wollen, die Kimika zu einer reichen Frau gemacht hätte. Kimiko war ihm sehr dankbar, aber sie blieb eine Geisha. Doch sie motivierte ihre Ablehnung mit so viel Takt, daß sie nicht verletzend wirkte und ver- stand die Kunst, in den meisten Fällen die Ver- zweiflung zu heilen. Natürlich gab es auch Aus- nahmen. Ein bejahrter Herr, dem das Dasein nicht lebenswert schien, wenn er Kimiko nicht ganz allein besaß, lud sie eines Tages zu einem Bankette ein und forderte sie auf, Wein mit ihm zu trinken. Aber Kimika, gewohnt in den Gesichtszügen zu lesen, schmuggelte behende Tee (der dieselbe Farbe hat) in Kimikos Becher und rettete so das kostbare Leben des Mädchens. Denn einige Minuten später war 271 der Oeist des liebeskranken alten Narren allein und wahrscheinlich sehr enttäuscht auf dem Weg nach dem Meido.i Seit diesem Abend wachte Kimika über Kimiko wie eine Wildkatze über ihr Kätzchen. Das „Kätzchen" wurde eine fashionable Manie, das Gespräch des Tages, eine lokale Berühmtheit. Es gibt einen ausländischen Prinzen, der sich noch heute ihres Namens erinnert: er sandte ihr Dia- manten, die sie nie anlegte. Kostbare Geschenke in Mengen wurden ihr von Leuten zugeschickt, die sich den Luxus gönnen konnten, ihr eine Freude zu machen, denn auch nur einen Tag in ihrer Gunst zu stehen, war der Ehrgeiz der „goldenen Jugend". Aber sie gestattete niemandem, sich als ausge- sprochenen Günstling zu betrachten und wollte von Schwüren ewiger Treue nichts wissen. Auf alle Be- teuerungen dieser Art entgegnete sie, daß sie wisse, was ihr zukomme. Selbst respektable Frauen spra- chen mild über sie, weil ihr Name nie in ii'gend einer Familientragödie figuriert hatte. Sie kannte wirklich ihre Stellung. Die Jahre schienen ihr nichts anzuhaben, sie vielmehr noch reizender zu machen. Andere Geishas wurden berühmt, aber keine wurde ihr gleichgestellt. Ein Fabrikant erwarb das allei- nige Recht, ihre Photographie als Warenetikette ge- brauchen zu dürfen, und diese Etikette trug ihm ein Vermögen ein. Aber eines Tages verbreitete sich das sensa- tionelle Gerücht, Kimikos sprödes Herz habe sich endlich erweichen lassen. Sie hatte tatsächlich Ki- mika Lebewohl gesagt und war mit jemandem fort- D 272 gegangen, der, wie man behauptete, imstande war, ihr die hübschesten Kleider, die sie nur wünschen konnte, zu geben, jemandem, der es sich ange- legen sein ließ, ihr eine soziale Stellung zu schaffen und die üble Nachrede über ihre Vergangenheit zum Schweigen zu bringen; jemandem, der bereit war, tausend Tode für sie zu sterben und schon jetzt aus Liebe zu ihr halbtot war. Kimika berichtete, ein Tor habe aus Liebe zu Kimiko einen Selbst- mordversuch gemacht, Kimiko habe sich seiner er- barmt und ihn wieder gesund gepflegt, wobei aber auch seine Torheit zu neuem Leben erwachte. Taiko Hideyoshi hat gesagt, es gebe nur zwei Dinge, die er hienieden fürchte: einen Toren und eine fin- stere Nacht. Kimika hatte immer Furcht vor Toren gehabt, und ein Tor hatte ihr Kimiko entführt. Und mit Tränen, die nicht ganz selbstlos waren, fügte sie hinzu, Kimiko würde nie mehr zurückkehren, denn dies sei ein Fall von gegenseitiger Liebe auf die Dauer von mehreren Leben. Aber dessenungeachtet behielt Kimika nicht ganz recht. Denn trotz ihres Scharfsinns war sie doch unfähig, Kimikos heimlichste Seele zu erkennen. Hätte sie einen Blick hineintun können, sie würde vor Erstaunen aufgeschrien haben. D D D D D D Kimiko unterschied sich von anderen Tänzerin- nen auch dadurch, daß sie von edler Geburt war. Ehe sie ihren Berufsnamen annahm, hatte sie Ai ge- heißen, was mit gewöhnlichen Buchstaben geschrie- 273 18 ben „Liebe" bedeutet; mit anderen Schriftzeichen ge- schrieben, bedeutet dasselbe Wort „Leid". Ais Ge- schichte ist eine Geschichte von Liebe und Leid zugleich. Sie hatte eine gute Erziehung genossen. Man schickte sie in eine Privatschule, der ein alter Sa- murai vorstand. Dort hockten die kleinen Mädchen auf ihren Kniekissen vor Schreibpulten, die zwölf Zoll hoch waren, und der Unterricht war unentgelt- lich. (Heutzutage, wo Lehrer größere Gehälter be- ziehen, als andere Beamte, ist der Unterricht nicht so anregend und gediegen wie in früheren Tagen.) Eine Dienerin begleitete das Kind immer aus und in die Schule und trug ihre Bücher, ihr Kniekissen, ihre Schreibhefte und ihr Tischchen. Dann kam Kimiko in eine öffentliche Elementar- schule. Die ersten „modernen Lehrbücher" waren eben erschienen. Sie enthielten japanische Über- setzungen englischer, französischer und deutscher Geschichten über Ehre, Pflicht und Heroismus — eine ausgezeichnete Auswahl, illustriert mit kleinen naiven Abbildungen abendländischer Menschen in Kostümen, die man in dieser Welt nie getragen oder gesehen hatte. Diese kleinen rührenden Kostüm- bücher sind jetzt Kuriosa geworden, und nun schon lange durch prätentiösere und weniger liebevoll kom- ponierte ersetzt. Ai lernte mit großer Leichtigkeit. Einmal jähr- lich, zur Zeit der Prüfungen, kam ein hoher Staatsbeamter in die Schule und sprach mit den Mädchen, als wären sie alle seine eigenen Kinder und fuhr liebevoll über die seideweichen Köpfchen der Kleinen, wenn er die Preise verteilte. 274 Nun ist er ein großer Staatsmann, der sich vom öffentlichen Leben zurüclcgezogen und Ai wohl ver- gessen hat. In der Schule unserer Tage geht man nicht so zart mit kleinen Schulmädchen um, und er- freut ihr kleines Herz nicht mit Preisen. Dann kamen jene umwälzenden Reformen, die Familien von Rang ihrer Stellung beraubten und sie in Armut stürzten. Nun mußte Ai die Schule ver- lassen. Mancherlei anderer Kummer folgte, und schließlich blieb sie allein und verlassen mit ihrer Mutter und einer jüngeren Schwester hilflos zurück. Die Mutter und Ai konnten nicht viel anderes tun, als weben, und mit dieser Arbeit war es nicht mög- lich, so viel zu verdienen, um damit ihr Leben zu fristen. Alles, was sie besaßen, Haus und Land- besitz zuerst, dann Stück um Stück, alles übrige, was zur Notdurft des Lebens nicht unbedingt erforderlich war, wie Hausgerät, Schmucksachen, kostbare Klei- der, schön gravierte Lackwaren, gingen weit unter dem wirklichen Wert in die Hände derjenigen über, die aus dem Elend der Unglücklichen Vorteil ziehen, und deren Reichtum im Volksmunde Namida-No- kane, — „Das Geld der Tränen", genannt wird. Die Unterstützung von den Lebenden floß nur spärlich, denn die meisten verwandten Samuraifamilien waren in der gleichen traurigen Lage. Als nun alles er- schöpft war und es nichts mehr zu verkaufen gab, — nicht einmal Ais kleine Schulbücher, — suchte man Hilfe bei den Toten. Man besann sich, daß der Vater von Ais Vater mit seinem kostbaren Schwerte, einem Geschenk eines Daimyo, begraben worden war, und daß die 275 Beschläge der Waffe aus schwerem Gold waren. Man öffnete das Grab, und der große Griff von er- lesener Arbeit wurde durch einen ganz gewöhnlichen ersetzt, und die Ornamente der lackierten Scheide wurden abgelöst. Die Klinge aber ließ man an Ort und Stelle, weil der Krieger ihrer bedürfen konnte. Ai sah seine aufgerichtete Gestalt in der Urne aus roter Tonerde, die bei Begräbnissen nach altem Brauch für Samurais von hohem Range als Sarg dient. Nach all den langen Jahren, die er im Grabe gelegen hatte, waren seine Züge noch erkennbar; und als man ihm sein Schwert wieder zurückgab, schien es ihr, als ob er durch ein grimmiges Lächeln seine Zustimmung zu dem Vorgang gäbe. Aber der Tag kam, an dem Ais Mutter zu schwach wurde, um weiter am Webstuhl zu arbei- ten, und das Gold des Toten war erschöpft. Ai sagte : „Mutter, ich weiß, jetzt gibt es nur mehr einen Aus- weg; ich muß mich als Tänzerin verkaufen." Die Mutter weinte und gab keine Antwort. Ais Augen blieben trocken, — sie ging allein aus dem Hause. Sie erinnerte sich, daß, als in ihres Vaters Hause Bankette stattfanden, bei denen Geishas Wein kre- denzten, eine freie Geisha, die man Kimika nannte, sie immer geliebkost hatte . . nun ging sie gerades- wegs in das Haus Kimikas. „Ich möchte, daß du mich kaufst," sagte Ai beim Eintreten, „und ich möchte eine Menge Geld haben . . ." Kimika lächelte über das Kind, streichelte ihre Wange, gab ihr zu essen und ließ sich ihre Geschichte erzählen, die Ai tapfer und ohne eine Träne zu vergießen vortrug. DDDDDDDD 276 a „Mein Kind," sagte Kimika, „ich kann dir nicht viel Geld geben, denn ich habe selbst nur sehr we- nig. Aber was ich tun kann, ist, dir zu versprechen, deine Mutter zu versorgen, — dies wird besser sein, als ihr eine große Summe für dich einzuhändigen. Denn deine Mutter, mein Kind, war eine große Dame, und weiß deshalb nicht mit Geld umzugehen. Bitte deine Mutter, den Vertrag zu unterzeichnen, der die Bedingung enthält, daß du bis zu deinem vierundzwanzigsten Jahre bei mir bleiben mußt, oder bis zu der Zeit, wo du mir alles zurückzuzahlen im- stande sein wirst. Und was ich an Geld augen- blicklich entbehren kann, nimm mit nach Hause als freie Gabe." So wurde Ai eine Geisha, und Kimika nannte sie Kimiko und hielt ihr Versprechen, die Mutter und die kleine Schwester in allem zu versorgen. Die Mutter starb, ehe Kimiko berühmt wurde ; die kleine Schwester wurde in einer Schule untergebracht, — dann trugen sich die schon erwähnten Dinge zu. Der junge Mann, der aus Liebe zu einer Geisha in den Tod gehen wollte, war eines besseren Loses würdig. Er war der einzige Sohn wohlhabender und angesehener Leute, die bereit waren, jedes Opfer für ihn zu bringen, selbst das, eine Geisha als Schwie- gertochter anzuerkennen. Ja, Kimiko war ihnen so- gar wegen ihrer Liebe zu ihrem Sohn nicht un- willkommen. Bevor Kimiko Kimika verließ, wohnte sie noch der Hochzeit ihrer jungen Schwester, Ume, bei, die eben mit der Schule fertig geworden war. Kimiko hatte ihr den Gatten gewählt, wobei ihre große 277 Menschenkenntnis ihr zu statten kam. Ihre Wahl fiel auf einen sehr geraden, ehrlichen altmodischen Kauf- mann, einen Mann, dem es nicht möglich gewesen wäre, schlecht zu sein, selbst wenn er sich bemüht hätte. Ume zweifelte nicht an der klugen Wahl ihrer Schwester, und in der Tat wurde die Ehe auch wirk- lich eine sehr glückliche. D DDDDDDDD Es war im vierten Monat des Jahres, als Kimiko in das für sie bestimmte neue Heim geführt wurde. Dies war ein Haus ganz danach angetan, alle trüben Dinge des Lebens aus der Erinnerung zu löschen, eine Art Feenpalast in der verzauberten Stille gro- ßer schattiger umhegter Gärten. Dort konnte sie das Gefühl eines Wesens haben, das um seiner guten Taten willen, in Horais Reich 2 aufgenommen worden ist. Doch der Frühling entschwand, und der Som- mer kam — und Kimiko blieb immer noch Kimiko. Dreimal hatte sie, aus unbekannten Gründen, den Hochzeitstag hinausgeschoben. Und wieder verstrichen einige Monate. Da um- düsterte sich die Stimmung Kimikos, und eines Ta- ges teilte sie ihre Gründe sanftmütig, aber ent- schlossen mit: „Es ist nun Zeit, daß ich sage, was ich so lange gezögert habe, zu offenbaren. Um der Mutter willen, der ich das Leben danke, und um mei- ner kleinen Schwester willen, habe ich in der Hölle gelebt. All dies ist ja vorüber; aber das Brandmal ist auf mir — keine Macht der Welt kann mich davon befreien. Eine, wie ich bin, kann nicht in 278 eine ehrenwerte Familie eintreten, kann nicht die Mutter Eures Sohnes werden, kann Euch kein Heim schaffen. Gestattet mir zu sprechen ; denn in der Er- kenntnis des Bösen bin ich weit, weit bewanderter als Ihr. Nie will ich Eure Frau werden zu Eurer Schmach. Ich bin nur Eure Gespielin, Eure Ka- meradin, Euer flüchtiger Gast — und dies nicht um irgendwelchen Lohn. Wenn ich nicht mehr bei Euch sein werde, — ja, dieser Tag wird gewiß ein- mal kommen ! — werdet Ihr klarer sehen. Ich werde Euch noch teuer sein, aber nicht in derselben Weise wie jetzt, die nur Betörung ist. Ihr werdet Euch dieser meiner Worte aus meinem tiefen Herzens- grunde erinnern. Man wird Euch irgend eine rei- zende vornehme Dame erwählen, die die Mutter Eurer Kinder werden wird — ich werde sie vielleicht sehen, aber ich werde niemals Eure Gattin werden, und die Freude einer Mutter bleibt mir ewig verschlossen. Ich war nur deine Torheit, mein GeHebter, eine Illusion, ein Traum, ein Schatten, der über dein Leben huschte. In späteren Tagen wird es mir vielleicht gegönnt sein, mehr für dich zu sein, aber deine Gattin nun und nimmer. Dringe nicht in mich, — sonst müßte ich dich gleich verlassen . . .** Als der sechste Monat des Jahres anbrach, ver- schwand eines Tages Kimiko unerwartet und spurlos. Niemand wußte, wann und wohin sie gegangen war. Selbst die Bewohner des Nachbarhauses hatten 279 ihr Fortgehen nicht bemerkt. Zuerst gab man sich der Hoffnung hin, sie werde bald zurückkehren, denn von all ihren kostbaren und schönen Sachen, ihren Kleidern, ihrem Schmuck, selbst ihren Ge- schenken, die an sich ein Vermögen repräsentierten, hatte sie nicht das Geringste mitgenommen. Aber Wochen verstrichen, ohne irgend eine Spur eines Lebenszeichens von ihr zu bringen; und man be- fürchtete, ihr sei irgend etwas Schreckliches zuge- stoßen. Man leitete Flüsse ab, durchsuchte Brunnen nach ihrer Spur. Brieflich und telegraphisch wurde ihr nachgeforscht. Vertrauenswürdige Diener wur- den ausgesandt, sie zu suchen. Prämien wurden auf ihre Entdeckung ausgesetzt, und insbesondere versprach man Kimika goldene Berge, obwohl sie dem Mädchen ohnehin so zugetan war, daß sie nur zu froh gewesen wäre, sie auch ohne jegliche Aussicht auf Gewinn zu finden . . . Aber das Ge- heimnis blieb Geheimnis. Sich an die Behörden zu wenden, wäre vergebens gewesen, — die Flüchtige hatte ja nichts Unrechtes begangen, hatte kein Ge- setz verletzt; und der große Polizeiapparat durfte nicht um der leidenschaftlichen Laune eines Jüng- lings willen in Bewegung gesetzt werden. Monate wurden zu Jahren, aber weder Kimika noch die junge Schwester in Kyoto, noch sonst irgend jemand von den Tausenden, die die schöne Tänzerin ge- kannt und bewundert hatten, sahen sie jemals wieder. Aber was Kimiko vorhergesagt hatte, bewahr- heitete sich : denn die Zeit trocknet alle Tränen und heilt alle Wunden, und selbst in Japan versucht man nicht zum zweitenmal um desselben Herze- 280 leids willen in den Tod zu gehen. Kimikos Freund beruhigte sich, er wurde gelassener, man wählte ihm ein sehr liebliches Wesen als Gattin, die ihm einen Sohn schenkte. Und wieder vergingen Jahre, und Glück und Zufriedenheit herrschte in dem Feenpalaste, wo einst Kimiko geweilt hatte. Eines Tages kam eine wandernde Nonne, wie almosenheischend, vor das Haus. Als das Kind ihren buddhistischen Ruf „Ha-i, Ha-i" vernahm, lief es an das Tor. Eine Dienerin, die mit der üblichen Reisspende nachfolgte, sah mit Erstaunen, wie die Nonne das Kind liebkoste und sich flüsternd mit ihm unterhielt. Beim Anblick der Dienerin rief der Kleine eifrig: „Laß mich ihr geben." Und die Stimme der Nonne hinter dem bergenden Schleier, der von ihrem großen Strohhut herabhing, sagte: „Bitte, lasset das Kind gewähren." Das Kind schüttete den Reis in die Schüssel der Nonne, und sie dankte ihm und sagte: „Willst du nun wiederholen, was ich dir vorgesagt habe?" Und das Kind sagte leise: „Vater, eine die du nie in dieser Welt wiedersehen wirst, sagt, daß ihr Herz froh ist, weil sie deinen Sohn gesehen hat." Die Nonne lächelte milde, liebkoste dann den Knaben noch einmal und schritt eilends von dannen. Während die Dienerin sich vor Erstaunen nicht fassen konnte, lief das Kind zu seinem Vater, um ihm die Botschaft zu bringen. Aber des Vaters Augen gingen über, als er die Botschaft hörte, und er weinte über dem Haupte 281 seines Kindes. Denn er und nur er allein wußte, wer an dem Tore gewesen war. Und er er- kannte den verborgenen Sinn des Opfergedankens, der ihr ganzes Leben beherrscht hatte. Seither sieht man ihn oft in Sinnen versunken, aber niemand erfährt seine Gedanken. Er weiß, daß der Raum zwischen Sonne und Sonne geringer ist als zwischen ihm und der Frau, die ihn liebte. Er weiß, es wäre vergebens, danach zu for- schen, in welcher fernen Stadt, in welchem fantasti- schen namenlosen Straßengewirr, in welchem welt- fremden dunklen, nur den Ärmsten der Armen be- kannten Tempel sie der Dunkelheit harrt, die dem Anbruch des unermeßlichen Lichtes vorangeht, wo das Antlitz des Meisters ihr zulächeln wird, wo die Stimme des Meisters in Tönen, die süßer sind als je die eines irdischen Geliebten, zu ihr die Worte spricht: „O, meine Tochter, du bist den rech- ten Weg gewandelt, du hast die tiefste Wahr- heit geglaubt und verstanden — deshalb heiße ich dich willkommen und nehme dich hier auf." DDDDDDaDDaDDDa • o o 282 283 EIN KONSERVATIVER (S. 10, 13, 16, 34) D D D D D ^ Residenz eines Daimyo, 2 „Ist dies wirklich der Kopf deines Vaters?" fragte einst ein Prinz einen Samurai -Knaben. Das Kind er- kannte allsogleich die Sachlage. Der ihm vorgezeigte, eben vom Rumpf getrennte Kopf war nicht der seines Vaters — der Daimyo war irregeführt worden, aber die Täuschung mußte fortgesetzt werden, — blitzschnell hatte der Knabe dies begriffen, und ohne sich auch nur einen Augenblick zu bedenken, vollzog er das „Harakiri" an sich, nachdem er dem Kopf mit allen Zeichen kindlicher Trauer, die gebührende Ehre erwiesen. Bei diesem blutigen Be- weis schwanden alle Zweifel des Prinzen, der geächtete, verurteilte Vater konnte gerettet werden, und das Andenken des Knaben wird noch immer in japanischen Trauerspielen und Dichtungen gefeiert. ^ Ein affenähnliches Fabeltier mit rotem Haar und wildem Aussehen, berüchtigt durch seine ungezügelte Trunksucht. * Mythologische Wesen, die in Felsspalten leben sollen, einige werden mit wunderlich langen Nasen dar- gestellt. ^ Alfred Rüssel Wallace. DER GEIST DER JAPANISCHEN ZIVILISATION (S.43,60) ^ In gewisser Weise hat die abendländische Kunst die japanische Literatur und Dramaturgie beeinflußt, doch die Art des Einflusses beweist den Rassenunterschied, von dem ich gesprochen habe. Europäische Dramen und Romane sind für japanische Theaterbesucher und Leser umgearbeitet worden. Doch der Versuch einer wörtlichen Übertragung wird selten gewagt; denn die Geschehnisse, Gedanken und Gefühle des Originals würden dem Durch- schnittsleser oder Theaterbesucher unverständlich bleiben. Das Gerüst wird beibehalten, die Gefühle und Ereignisse 284 werden jedoch vollkommen umgemodelt. „Die neue Magdalena" wird zu einem japanischen Mädchen, das einen „Eta" heiratet. Victor Hugos „Les Miserables" wird zu einer Erzählung aus dem japanischen Bürgerkrieg, und Enjolras ein japanischer Student. Es hat einige wenige Ausnahmen gegeben, zu denen eine wörtliche Übersetzung von „Werther" gehört, die einen großen Erfolg errang. 2 Man hat versucht, Sir Edwin Arnolds Beobachtung ins Lächerliche zu ziehen, daß eine japanische Volksmasse denselben Duft habe wie eine Geraniumblüte. Und doch ist der Vergleich ganz zutreffend! Der „Jako" genannte Parfüm kann leicht, wenn er diskret angewendet wird, mit Geranium verwechselt werden. In jeder japanischen Volks- masse, unter der sich Frauen befinden, kann man einen leisen Jakoduft bemerken. Denn ihre Kleider werden in Laden aufbewahrt, in denen ein paar Jakokörner liegen. Wenn man von diesem schwachen Duft absieht, ist die japanische Volksmasse ganz geruchlos. DIE NONNE IM TEMPEL VON AMIDA (S. 102, 105) ^ Eine solche Mahlzeit, die dem Geiste einer ab- wesenden teuern Person dargebracht wird, nennt man ein Kage-zen; buchstäblich ein „Scheintablett". Das Wort „Zen" wird auch angewendet, um die Mahlzeit zu be- zeichnen, die auf dem lackierten Brett serviert wird, das Füsse hat wie ein kleines Tischchen. Das Wort „Scheinschmaus" wäre also eine korrektere Übersetzung von Kage-zen. 2 Einen hochroten „obi" oder Gürtel dürfen nur Kinder tragen. NACH DEM KRIEGE (S. 119, 120, 130) D D D D D ^ Diese Ausführungen dürften heute, angesichts des russisch-japanischen Krieges, ganz besonderes Interesse hervorrufen. (D. Übers.) D '^ In der Schlacht bei Söng-Hwan wurde einem ja- 285 panischen Hornbläser, namens Shirakami Genjirö befohlen zum Appell zu blasen. Er hatte den Hornruf einmal ertönen lassen, als eine Kugel ihm die Lunge durch- bohrte und ihn zu Boden warf. Seine Kameraden suchten ihm das Hörn abzunehmen, denn sie sahen, daß die Wunde tötUch war. Er entwand es ihnen wieder, hob es abermals an seine Lippen, ließ mit Aufgebot seiner letzten Kraft den Ruf noch einmal mächtig ertönen und fiel tot nieder. ^ Eine Art Oberkleid, das von JVlännern sowie auch von Frauen getragen wird und dessen Futter oft die herr- lichsten Zeichnungen zeigt. * Chirimen ist eine Crepeseide, die in verschiedenen Qualitäten erzeugt wird, von denen einige sehr kostbar und dauerhaft sind. ^ Die Soshis gehören zu den Plagen des modernen Japans. Sie sind meistens ehemalige Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen, indem sie sich als gewalt- tätige Terroristen verdingen. Politiker verwenden sie ent- weder gegen die „Soshis" ihrer Gegner oder als Krakehler und Raufbolde zu Wahlzeiten. Privatpersonen verwenden sie manchmal zu ihrem persönlichen Schutz. Sie haben in den letzten Jahren bei den meisten Wahlkrawallen in Japan eine Rolle gespielt, auch bei einer Anzahl von Attentaten auf hervorragende Persönlichkeiten. Die Ur- sachen, die in Rußland den Nihilismus hervorriefen, zeigen viele Ähnlichkeiten mit den Ursachen, die in Japan die moderne Klasse der „Soshis" entwickelt haben. ^ Lafcadio Hearns alter Diener. (D. Übers.) DIE MACHT DES KARMA (S. 175) D D D D D O ^ Schauspieler pflegen in Japan oft einen solchen faszinierenden Einfluß auf sensitive Mädchen der unteren Klassen auszuüben und mißbrauchen diese Macht oft in grausamer Weise. Es kommt allerdings sehr selten vor, daß ein Priester einen solchen faszinierenden Einfluß ausübt. 286 GÖTTERDÄMMERUNG (S. 185) 00000000 ^ Ein Name, mit dem man in den Hafenstädten des fernen Ostens feuerfeste Lagerräume bezeichnet. Das Wort Go-down stammt aus dem malaiischen „Qädong". GEDANKEN ÜBER DEN AHNENKULT (S. 238) O O ^ Ich betrachte hier nur den reinen Shintoglauben, wie er von den shintoistischen Gelehrten dargelegt wird. Aber es mag angebracht sein, den Leser darauf hinzu- weisen, daß in Japan sowohl der Buddhismus wie der Shintoismus nicht bloß miteinander, sondern mit chine- sischen Vorstellungen mannigfacher Art verwoben ist. Es ist sehr zweifelhaft, ob die reinen shintoistischen Ideen in ihrer ursprünglichen Gestalt im Volksglauben noch fort- bestehen. Wir sind uns über die shintoistische Lehre von der vielfachen Seele nicht ganz klar — ob man ursprünglich glaubte, daß die psychische Zusammensetzung durch den Tod aufgelöst wurde. Meine eigene Meinung, das Re- sultat von Forschungen in verschiedenen Teilen Japans, ist, daß man früher annahm, die vielfache Seele bleibe auch nach dem Tode ein Vielfaches. » T^l^ 287 D INHALTSVERZEICHNIS D VORWORTVONH.v. HOFMANNSTHAL 4 EIN KONSERVATIVER aaaaaaaooa 9 DER GEIST DER JAPANISCHEN ZIVI- LISATION OnaOODOODODOODDOO 41 AUF EINER EISENBAHNSTATION q o 67 EINE STRASSENSÄNGERIN oooqqod 73 AUS EINEM REISETAGEBUCH oaaa 80 DIE NONNE IM TEMPEL VON AMIDA 101 NACH DEM KRIEGE odododoodooIU HARU □oooQaaaQooaoaooaaooo 131 ENTWICKLUNGSTENDENZEN o □ o o 141 DIE MACHT DES KARMAo o g o d o q o 170 GÖTTERDÄMMERUNG o □ o o o o o o o o 184 DIE IDEE DER PRÄEXISTENZ o o o o 195 IN DER CHOLERAZEIT oodoooddo224 GEDANKEN ÜBER AHNENKULT o o o 232 KIMIKO OnOODOaODaQOOQODDQOD 266 ANMERKUNGEN ooodooooooddoo283 THE GERMAN EDITION OF LAF- CADIOHEARN'S"KOKORO"TRANS- LATED BY MADAME BERTA FRAN- D ZOS AND PUBLISHED BY THE D L1TERARISCHEANSTALTRÜTTEN& LOENING AT FRANKFORT ON MAIN HAS THE EXCLUSIVE SANCTION D AND AUTHORIZATION OF THE D AMERICAN PUBLISHERS MESSRS. D HOUGHTON, MIFFLIN & CO. D BOSTON, DEC. 8. 1904. DDDDDDD D HOUGHTON, MIFFLIN & CO. D D GEDRUCKT D IM JAHRE 1905 IN DER BUCH- D DRUCKEREI D DVON OSCAR D BRANDSTETTER D IN LEIPZIG D ^. -• ■■... ''4k''-:-' •.•■fm» ■ University of California Library Los Angeies This book is DUE on the last daie stamped below. 310/826-91 QL CCTÖ2Z '^L ^■x.- . " t» » y<^-::\-^ 3: • 3; .r. .. »";.f*»"'J;- "4' '■ ^ La. ^ •w, •' r .^^"'. .•->•* x^;.:- -:..•/. ^' *!■ 1" j • • ■ • , • i f * • •• ; • ' r V imiim A 000 106 262 4" 4* , JA >'• 22 < , ;^r"'' %..^ .rt % • ^ ■^.'■ t*. ■ ■!?' > / rf- •0 ;•..#: ••^*; )> 1 Uni