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Veunundſechszig Jahre
Preußilchen Hofe. 5
Aus den Erinnerungen der Pberhofmeilterin Bophie Marie Gräfin von Busl. * Mit einem Porträt in Stahlſtich und einer Skamm tafel. 5
Fünfte, unveränderte Auflage.
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Leipzig, Berlag von Duncker & Bumblok. 1887.
Das Recht der Ueberſetzung wird vorbehalten.
Die Verlagshandlung.
Die Jugend. 17291751.
Am Preußiſchen Hofe. 5. Aufl.
Sophie Marie Gräfin von DVo3f, geborne von Pannwitz, Oberhofmeiſterin Ihrer Majeſtät der Königin Louiſe von Preußen, nach deren Ableben Grande Gouvernante und Ober⸗Aufſeherin der Königlichen Prinzen und Prinzeſſin⸗ nen, dame du portrait Ihrer Majeſtäten des Königs und der Königin, mit dem Bande des Schwarzen Adler-Ordens“), des Louiſen⸗Ordens, ſowie des Ruſſiſchen St. Catharinen⸗ Ordens Dame, war zu Schönfließ geboren am 11. März 1729. Ihr Vater, der Königlich Preußiſche General-Major, Chef des Regiments Gendarmen, Herr Wolff Adolph von Pannwitz, Beſitzer des Rittergutes Schönfließ bei Oranien⸗ burg, war den 13. März 1679 zu Gr.⸗Gagelow in der Nieder-Lauſitz geboren und ſtarb zu Berlin am 30. Auguſt 1750. Ihre Mutter, Johanne Marie von Pannwitz, geborne von Jasmund aus dem Hauſe Trollenhagen in Mecklenburg, war den 17. Juli 1702 geboren und ſtarb den 17. April 1771.
General von Pannwitz war ein alter Kriegsheld, der 1709 bei Malplaquet einen Hieb über den Kopf davonge⸗ tragen hatte, der ihn durch eine gewaltige Schmarre auf der Stirn zeichnete. Der König, der ihn ſehr werth hielt, unter- ließ nie an dem hochgefeierten Jahrestage dieſer Schlacht ihn
) Eine Auszeichnung die, ſoviel wir wiſſen, weder früher noch ſpäter wieder verliehen worden iſt. 1*
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mit beſonderen Ehren und beſonderer Feierlichkeit nach Wuſter— hauſen zu Gaſt zu laden. Die dienſtliche Stellung des Generals machte Berlin zu ſeinem Aufenthaltsort und hier war es, wo ſeine einzige Tochter unter den Augen ihrer Mutter eine für die damalige Zeit ungewöhnliche und viel— ſeitige Bildung erhielt, der ſelten glückliche Anlagen zu Hülfe kamen. Beſonders wird des jungen Mädchens hervorragendes Talent für Muſik erwähnt, das ſie ſowohl für den Geſang wie als Pianiſtin künſtleriſch ausbildete und ſelbſt in der Compoſition nicht ohne Glück verſuchte. Als Wahrzeichen ihrer reichen Begabung ſind uns ferner eine Menge Gedichte und Aufſätze des verſchiedenſten Inhalts geblieben, die Zeugen einer inneren Welt voll warmer Empfindung und ernſten Strebens.
Daneben kamen auch Talente zur Geltung, welche das junge Mädchen zur bewunderten Hauptperſon bei dem Liebhaber-Theater und ſogar bei den Ballets machten, die nicht ſelten am Hof aufgeführt wurden, wobei man ſich aller⸗ dings nicht die wilden Sprünge jetziger Charakter-Tänze vorſtellen darf, ſondern die graziöſen Verſchlingungen irgend einer kunſtreichen Menuett.
Nur ihre Kindheit fällt noch in die Regierungs-Jahre Friedrich Wilhelms des Erſten, und ſcheint ſie dieſelbe zum Theil ſchon am Hof der Königin Sophie Dorothee zugebracht zu haben, die ihre Mutter mit einer beſonderen Vorliebe beehrte. Ohne eine dienſtliche Stellung am Hof dieſer Fürſtin zu bekleiden, war die damalige Generalin von Pannwitz faſt immer in deren Umgebung. Die Tochter ſagt darüber
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in ihren Aufzeichnungen: „Ihre Majeſtät hatte eine jo große Zuneigung für meine Mutter, daß ſie dieſelbe immer um ſich haben wollte und ſich gar nicht ohne ſie behelfen konnte, ſo daß zeitenweiſe meine Mutter faſt den ganzen Tag am Hof war.“ Frau von Pannwitz aber wollte ſich nicht von ihrer kleinen Tochter trennen und nahm dieſelbe mit zur Königin, welche bald ihre Zärtlichkeit für die Mutter auch auf das Kind übertrug, deſſen merkwürdig frühe Entwickelung es allein erklären kann, daß bei einer jo zerſtreuenden Lebens- weiſe ſeine geiſtige Ausbildung nicht ernſtlichen Schaden litt. Körperlich wenigſtens muß das junge Mädchen mit elf Jahren beinahe erwachſen oder doch ſo hübſch geweſen ſein, daß ſie das ganz beſondere Wohlgefallen des Königs erregte. Die Markgräfin von Baireuth erwähnt in ihren Memoiren die unverholene Bewunderung des ſonſt wenig galanten alten Herrn für die kleine Schönheit, der dieſe ſich dringend be— mühte zu entfliehen, und die ſchließlich mit einem Vorfall endete, den die Markgräfin nicht ohne Schadenfreude erzählt. Sie ſagt bei dieſer Gelegenheit: „Die junge Pannwitz war ſchön wie ein Engel aber ebenſo entſchloſſen als reizend, und als ihr der König einſtmals auf einer Wendeltreppe begegnete, die zu den Zimmern der Königin führt, auf der ſie ihm nicht ausweichen konnte, und den Verſuch wagte ſie zu küſſen, erwehrte ſie ſich ſeiner mit einer ſo herzhaften Ohrfeige, daß die am Fuß der Treppe Stehenden über deren guten Erfolg nicht in Zweifel bleiben konnten. Der König nahm ihr dieſe entſchloſſene Selbſtvertheidigung nicht übel und blieb ihr nach wie vor ſehr gewogen.“ Die nachmalige Gräfin Vosſ jagt in ihren Aufzeichnungen nur: fie habe Friedrich Wilhelm J. im Jahre 1740, als ſie im zwölften Jahre geſtanden, zum
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letzten Mal auf einer großen Aſſemblée beim Grafen Schulen⸗ burg geſehen und geſprochen, nicht ſehr lange vor ſeinem Ableben; auch habe ſie eben ſo wie ihre Mutter die tiefe Trauer in Wolle und Krepp um ihn getragen. Bei Gelegen— heit dieſer Erinnerung fügt fie hinzu: „Der König war nicht ſehr groß, aber er ſah gut aus und ganz wie das was er war: nämlich wie ein König! Er war nicht böſe von Ge— müth, aber er war jähzornig und behandelte die arme Königin und die Königlichen Kinder zuweilen ſehr übel. Trotz ſeiner gewohnten Sparſamkeit konnte er mitunter doch ſehr groß⸗ müthig ſein und ich erinnere mich ſehr gut wie er einmal erfuhr, daß Kleiſt und Einſiedel ſich Beide ohne ihre Schuld in großer Geldverlegenheit befanden, daß er ihnen ungebeten eine anſehnliche Summe ſchenkte. Er brachte ſogar das Geld in ſeinem Wagen ſelbſt zu ihnen, in einem großmächtigen Sack voll Gold-Thaler (&cus d'or).“
Die Königin Sophie Dorothee, bekanntlich die Tochter Georg I., Königs von Großbritannien und Churfürſten von Braunſchweig-Lüneburg, war 1687 geboren, vermählt 1706, verwittwet 1740 und ſtarb 1757.
An dem Hofe dieſer Fürſtin verlebte die junge Sophie Marie von Pannwitz ihre Kindheit und Jugend, von der ſie ſelbſt in den vorerwähnten Aufzeichnungen das Folgende jagt:
„Meine erſte Erziehung erhielt ich durch eine franzöſiſche Gouvernante, Namens Bonafond, die ich zärtlich liebte. Sie kam in unſer Haus als ich noch nicht ſieben Jahre alt war und bis ich ganz an Hof kam, hat ſie mich keinen Tag ver⸗ laſſen. Meine Mutter ließ es ſich ſehr angelegen ſein mir die beſten Lehrer zu geben und ſparte weder Mühe, Sorge
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noch Koſten um mich in den Wiſſenſchaften wie in den Künſten ſo gut als möglich unterrichten zu laſſen. Ich hatte nur einen einzigen Bruder, der zehn Jahre älter war als ich und ſehr jung ſchon in die Armee trat. Meine Eltern lebten den Winter in Berlin und den Sommer in Schönfließ, das nur eine Stunde von der Stadt entfernt lag. Im Jahre 1741 begann der Krieg gegen Oeſterreich; mein Vater und mein Bruder, welch letzterer bei den Gardes du Corps ſtand, mußten ausrücken. Das war ein ſehr trauriger Tag für uns Alle. Meine Mutter blieb in Berlin, die Königin⸗ Mutter hatte eine große Freundſchaft für ſie und konnte ſie eigentlich gar nicht entbehren, ſo daß jene täglich zu ihr kommen und zuweilen den ganzen Tag bei ihr bleiben mußte.
„Als mein Vater jedoch im Herbſt 1741 Winterquartiere in Oberſchleſien bezog, verlangte er, daß meine Mutter zu ihm kommen ſolle und ſo mußte die Königin ſich doch von ihr trennen. Wir reiſten im Monat October von Berlin ab und nahmen faſt den ganzen Hausſtand mit. Zuerſt blieben wir mit meinem Vater in einem Ort, Namens Toſt, der einem Grafen Pottulinsky gehörte. Das Schloß war ſchön und hatte eine ſchöne Lage, aber nach einigen Monaten mußten wir weiter. Mein Vater erhielt Marſch-Befehl und mußte gegen den Feind vorrücken, und nun ging meine Mutter mit mir nach Olmütz in Mähren, wo der Gouver⸗ neur der Stadt, der Feldmarſchall Schwerin und der dortige Biſchof Fürſt Liechtenſtein uns mit Güte überhäuften. Als mein Vater wieder für längere Zeit in's Quartier nach einem Ort Namens Sternberg kam, folgten wir ihm dahin und blieben ſechs Wochen bei ihm, bis er wieder in's Feld rücken mußte, gingen dann für einige Zeit nach Olmütz zurück,
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ſpäter um ihm näher zu ſein nach Neiße und endlich zum Sommer wieder nach Berlin.
„Wie freuten wir uns als endlich der Frieden geſchloſſen wurde und wir das Glück hatten meinen Vater und meinen Bruder wieder zu umarmen; auch kam der letztere nun nach Charlottenburg in Garniſon, von wo aus er uns öfter be— ſuchen konnte.
„Im Jahre 1744 verlangte mein Vater ſeinen Abſchied; er war bereits vorgerückt in Jahren und litt ſo ſehr an der Gicht, daß er in der That nicht mehr dienen konnte. Der König gab ihm 3000 Thlr. Penſion und der Graf Goltz bekam ſein Regiment. Dieſer Wechſel änderte jedoch nichts an der Lebensweiſe meiner Eltern, wir blieben fortan ebenſo wie bisher acht Monate des Jahres in Berlin und die übrige Zeit in Schönfließ. Im Jahre 1743 bekam ich die Pocken, ich war ſehr krank, aber die Sorgfalt meiner Mutter rettete mir zu ihrer Freude nicht allein das Leben, ſondern auch die Schönheit, da es der Vorſehung gefallen hatte meine Züge mehr hübſch als häßlich zu bilden. Dies ſcheint ein Vorzug zu ſein, aber ich habe es recht empfunden, daß es nicht die Schönheit iſt, die man haben muß um glücklich zu ſein. Schon ſeit einigen Jahren hatte die hochſelige Königin wieder— holt meine Eltern gebeten mich ganz an ihren Hof zu geben und dieſe hatten endlich auch darein gewilligt. Im Jahre 1743, als ich mein vierzehntes Jahr erreicht hatte, ward ich zur Hof- und Staats-Dame bei der Königin ernannt, wohnte jedoch noch eine Zeit lang bei meinen Eltern und kam erſt ganz an Hof zur wirklichen Dienſt-Leiſtung im Jahre 1744, nach der Vermählung der Hofdame Fräulein von Borke mit Herrn von Maupertuis, deren Stelle ich nunmehr einnahm.
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„Zu Anfang des Jahres 1743 ward ich zur heiligen Communion aufgenommen durch den Paſtor Köppe in Berlin, und von dieſer Zeit an öfter als bisher zu Redouten, Ge— ſellſchaften und Opern mitgenommen. Der König hatte mich ſogar im Januar 1743 einmal zu einer Redoute ganz bejon- ders befehlen laſſen und mir die Ehre erwieſen, mich anzu— reden. Er frug mich unter Anderem nach der Geſundheit meines Vaters, der leidend war, und ich antwortete:
„Es geht ihm beſſer durch Gottes Gnade.“
Der König wandte ſich um und ſagte:
„Sie iſt noch recht unſchuldig, daß ſie dabei auch vom lieben Gott ſpricht.“
„Auch als im Jahre 1744 die Vermählung der Prin- zeſſin Ulrike, der Schweſter des Königs mit dem Prinzen- Thronfolger von Schweden ſtattfand, bei der ich, der Hof— ordnung nach, eigentlich noch nicht zu erſcheinen hatte, ſchickte der König am Vorabend derſelben den Grafen Gotter zu meiner Mutter um ihr zu jagen, fie möchte mich den folgen- den Tag jedenfalls mit an Hof bringen. Ihr war das gar nicht recht, weil ich einen reichen Anzug dazu haben mußte und es ihr doppelte Ausgaben verurſachte mir ſo raſch noch ein Hof⸗Kleid machen zu laſſen, auch ſie jedenfalls genöthigt war ein wachſames Auge auf mich zu haben, da ich noch ſo jung war und ſo wenig die Gewohnheit der großen Welt hatte, daß ich leicht in irgend etwas fehlen konnte. Doch nahm ſie mich dennoch mit an Hof, was mir die größte Freude machte, wie es wohl natürlich war in meinem Alter.
„Bald darauf kam ich jedoch, wie ſchon geſagt, ganz an den Hof. Es koſtete mir einige Thränen, meine Eltern zu verlaſſen, aber in der That, ſie floſſen nur einen Augen⸗
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blick und bald war ich überglücklich in dem neuen Leben, das ſich vor mir aufthat. Jetzt war ich fünfzehn Jahre alt, aber ich war noch ſehr unerfahren und kindlich in meinen Gedanken und meinem Weſen, weil meine Erzieherin ſorg⸗ fältig bemüht geweſen war meine Zeit bis dahin ſo viel als es möglich mit nützlichen Studien und ernſten Kenntniſſen auszufüllen; auch war das eigentliche Treiben der Welt mir noch ſo fremd und unbekannt, trotz meiner vielen äußeren Bekanntſchaft mit derſelben, daß ich alle Menſchen, Einen wie den Anderen, für fromm und gut hielt, ohne Falſch, noch Schminke, noch irgend eine Bosheit; die Folgezeit hat mich durch bittere Erfahrungen aber bald das Gegentheil gelehrt. Volle ſieben Jahre lang blieb ich am Hof der Königin Sophie Dorothee und war derſelben mit großer Verehrung ergeben. Sie war nie ſchön geweſen, aber ſah ſehr ſtattlich und vornehm aus und ihre Haltung blieb die— ſelbe bis in ihr Alter. Vielleicht hatte ſie mehr esprit acquis als esprit inné; aber ſie war ſehr unterrichtet und ſehr gut erzogen, wußte mit allen Menſchen zu reden und machte eine ſehr angenehme Converſation. Pracht und Ge- ſelligkeit liebte ſie ungemein, ſah alle Mittage und alle Abend Menſchen bei ſich und ſaß beſonders gern lang bei Tiſche, was uns Hofdamen zuweilen ſehr langweilte. Es war ſchön zu ſehen, welche große und achtungsvolle Zärtlichkeit ihr Sohn, der König, für ſie hatte. Von ihren Töchtern lebte damals nur noch die jüngſte, die Prinzeſſin Amalie, bei ihr, welche den 9. November 1723 geboren, erſt nach meinem Abgang im Jahre 1755 Aebtiſſin von Quedlinburg wurde. Damals war ſie noch jung, wenn auch ſechs Jahre älter als ich; aber trotz ihrer Jugend war ſie ſehr boshaft und
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ſehr gefürchtet und machte uns Allen viel Noth und Unan⸗ nehmlichkeiten.
„Der König und die Prinzen rückten zur Zeit da ich an Hof kam, eben wieder in's Feld, da der Krieg im Jahre 1744 von Neuem losbrach. Während des ganzen Herbſtes 1745 wurden wir durch die Oeſtreicher beunruhigt, welche die Marken und Berlin bedrohten. Aber als am 15. Decem⸗ ber der Fürſt von Deſſau die Schlacht bei Keſſelsdorf ge— wonnen hatte, zogen die Oeſtreicher eilends ab, unſere Armee bezog Winter⸗Quartiere und der König unterzeichnete bereits am 25. December in Dresden den Frieden.
„Der Carneval hatte wie gewöhnlich am 1. December begonnen. In jeder Woche waren feſtſtehende Cour-Tage bei meiner Königin, eben ſolche bei der regierenden Königin; beſtimmte Tage für die Redouten, die Oper und die Komödie, dies alles beſuchte meine Königin auf das Regelmäßigſte und für mich waren es lauter Feſte und Freuden.
„Die Königin-Mutter hatte vier Hof- oder Staats- Damen, die Fräuleins von Kneſebeck, von Kalkſtein, von Bredow und mich; die Erſte, Fräulein von Kneſebeck, war jedoch mit der Prinzeſſin Ulrike nach Schweden gegangen und kam erſt Anfang des Jahres 1746 von dort zurück, und Fräulein von Bredow konnte wegen einer Wunde an der Wange, in Folge eines ſchlecht ausgezogenen Zahns, dieſen ganzen Winter hindurch keinen Dienſt thun. Im Sommer verheirathete ſich Fräulein von Kalkſtein mit dem Adjutanten des Königs, dem General von Willich, und ihr Abgang vom Hofe war für mich ein großer Verluſt. Von Kindheit an war ſie meine beſte Freundin geweſen, obgleich ſie mehrere Jahre älter war als ich, ſie hatte den beſten Charakter von
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der Welt, war überaus ſanft und liebenswürdig und dabei voller Geiſt und Leben. Ein Fräulein von Viereck, mit der ich ebenfalls befreundet und die ungefähr von meinem Alter oder vielmehr jünger war als ich, erſetzte ſie bei der Königin; aber meinem Herzen konnte ſie nicht die treue Liebe und den treuen Rath erſetzen, die ich bei Fräulein von Kalkſtein immer gefunden hatte, und in der ſchwierigen Lage, in der ich ſchon damals war, entbehrte ich Beides doppelt. Die Ereigniſſe, die jetzt auf mich einſtürmten, brachten nicht nur den größten Schmerz und den härteſten Kampf meines Lebens über mich, ſie führten auch den folgenſchwerſten und wich— tigſten Moment deſſelben herbei und drängten mich zu Entſchließungen, welche deſſen Geſtaltung verhängnißvoll beſtimmten.“
Unter dem Jubel-Geſchrei ſeiner Unterthanen war Friedrich II. am 28. December 1745 nach Berlin heimgekehrt. Man holte ihn prachtvoll ein, erleuchtete die Stadt und nirgends wohl war die Freude in dieſen feſtlichen Tagen größer und inniger als an dem Hof der glücklichen Mutter des ruhmgekrönten Königs, die ſo ſtolz auf dieſen gelieb— ten Sohn war. Die Königin-Wittwe reſidirte ſeit dem Tode ihres Gemahls in Berlin und wohnte Winter und Sommer in dem Schloſſe Monbijou. Als jetzt der König ſeinem älteſten Bruder das Schloß Oranienburg ſchenkte und dieſer ſeinen Hofhalt dorthin verlegte, lud er ſogleich ſeine Mutter dahin ein und ſie brachte während der nächſtfolgen⸗ den Friedensjahre regelmäßig einen Theil des Sommers bei ihm in Oranienburg zu. Dieſer Prinz Auguſt Wilhelm,
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vom König feierlich zum Prinzen von Preußen und zum Thron-Erben ernannt, war am 9. Auguſt 1722 geboren und auf Befehl ſeines Vaters ſchon als Kind verlobt mit einer Tochter des Herzogs von Braunſchweig, mit der er ſich trotz ſeiner Abneigung gegen dieſe Ehe, kaum 20 Jahre alt, im Jahre 1742 vermählen mußte. Er hatte zwei Kinder: einen 1744 geborenen Prinzen, den nachmaligen König Friedrich Wilhelm II., und eine 1751 geborene Prinzeſſin, Friederike Sophie Wilhelmine, die nachmalige Gemahlin des Fürſten von Naſſau und Oranien. Der Prinz von Preußen war zehn Jahre jünger als Friedrich II. und dieſem in jeder Be— ziehung ſo unähnlich als möglich; aber ohne die feurige Energie und den hochfliegenden Genius ſeines erhabenen Bruders zu beſitzen, war doch auch er in geiſtiger Beziehung eine glänzend begabte Natur. Thiébault ſagt von ihm in ſeinen Erinnerungen an den Hof Friedrich des Großen (Th. II. p. 85): „Voller Verſtand, voller Talente und dabei von unwiderſtehlicher Liebenswürdigkeit erhöhte dieſer Prinz den Werth der ſeltenſten Eigenſchaften noch durch ſeine ungemeine Beſcheidenheit.“ Er war der Liebling ſeines Vaters, der ihn allen ſeinen anderen Söhnen vorzog und lange Zeit war er ebenſo der Liebling ſeines Königlichen Bruders, bis ſein Unglück im Felde ihn deſſen Gunſt unwiederbringlich verlieren ließ. Schon ſeine äußere Erſcheinung, deren männliche Schönheit den feinſten Anſtand und eine angeborene Würde mit dem jugendlichen Zauber lebensfriſcher Heiterkeit verband, war ſehr gewinnend. Die edle und anmuthige Weiſe, mit der er das Leben zu genießen wußte, machte bald ſeine Hof— haltung in Oranienburg zu einer Stätte ſittlich reiner und zugleich fröhlicher und geiſtvoller Geſelligkeit. Das Schloß,
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das während der ſieben und zwanzigjährigen Regierung Friedrich Wilhelm I. unbewohnt geblieben war, erſtand jetzt in neuem Glanz und ward nach langer Vernachläſſigung auf das ſorgfältigſte und eleganteſte wiederhergeſtellt. Der große, nach Le Nötre's Plan angelegte Garten hatte ſich durch die lange Verwilderung nur verſchönt. Die ſeit 1713 nicht mehr verſchnittenen Buchenhecken waren zu dichten buſchigen Alleen emporgewachſen und bildeten jetzt Laubgänge, deren üppiges Grün weder Sonne noch Wind eindringen ließ. Nur wenig von Innen gelichtet, boten dieſelben auch in heißeſter Sommer⸗ hitze ſchattige Wege voll kühler, lauſchiger Dämmerung, und bei den Tanz⸗Feſtlichkeiten und Abendtafeln bildeten ſie, von Lampen und Kerzen erleuchtet, die hübſcheſten Salons de ver- dure. Nach dem Geſchmack jener Zeit waren dieſe Garten— feſte aber nicht blos Bälle, bei denen man ſich mit den damals üblichen Tänzen: rigodons, Sarabanden, passe-pieds und Aimable-Vainqueurs beluſtigte, ſondern eben ſo häufig wechſelten Concerte und Liebhaber-Theater mit denſelben ab und tauſend Scherze, Verkleidungen, dramatiſirte Chara⸗ den und kleine Ballets wurden von der munteren Geſellſchaft in bunter Reihenfolge improviſirt, wobei die übermüthig heitere Laune uud dichteriſche Erfindungsgabe des Prinzen von Preußen vor Allem glänzend zur Geltung kam. Im Herbſt reihten ſich an dieſe Feſte, die aus dem Park nun in die Säle des Schloſſes verlegt waren, noch Reit- und Schieß⸗ jagden an, bei denen, wie es damals an allen Höfen Sitte war, auch die Damen eifrig Theil nahmen.
Fräulein von Pannwitz muß eine kecke und gute Reiterin geweſen ſein und überdem auch eben ſo geſchickt als glücklich mit der Büchſe. Im Königlichen Schloſſe zu Berlin befindet
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ſich noch jetzt ein lebensgroßes Bild derſelben, von Pesne in Oranienburg gemalt, das ſie in einem Jagd-Koſtüm von rothem Sammet darſtellt, den kleinen dreieckigen Hut mit weißen Federn auf dem Kopfe und die Büchſe in der Hand, neben ihr ein mächtiger Auerhahn und anderes wildes Ge— flügel, wohl die Trophäen einer glücklichen Jagd, und auf einem der Güter ihres nachmaligen Gatten, Groß-Giewitz in Mecklenburg, iſt ebenfalls ein ganz ähnliches Bild noch vorhanden.
Nicht minder enthalten die nachgelaſſenen Papiere des damaligen Hof-Fräuleins aus jener Zeit manches Blatt lieber Erinnerung an die ſchönen Tage einer heiteren Jugend, die ſich nur zu bald trüben ſollte, auch kleine Huldigungen in dem franzöſiſchen Geſchmack der dort herrſchenden Mode, von denen vielleicht Eins als Probe derſelben hier ſeinen Platz finden darf.
A Mademoiselle de Pannewitz.
A peine, hier, eus-je pris votre gant —
Vous prendre un gant helas! c'est bien peu de chose! — Surtout pour moi — mais chut encore! — je n’ose Laisser eclore un desir trop ardent! —
Puis, je le dis en vers ainsi qu’en prose
Tout vaut son prix aux yeux du sentiment.
A peine done me fus-je rendu maitre
Du gant heureux qui toucha votre main,
Je dis la main — il toucha mieux peut-étre? — Que je courus vite au séjour divin.
Je vous entends: Comment, par quel miracle Aupres des dieux pouvez-vous étre admis? —
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Qui peut vous voir, aimable Pannewitz
De votre cour voir le brillant spectacle Tous les amours en toutes les beautes,
Une deesse, en un mot, accomplie,
Qui sur la terre enfin vous voit, Sophie! — Peut bien aux cieux voir les divinites! — Arrive done à la voüte étoilée
En meditant ie tour le plus mutin,
Tel que celui qu'un diable féminin
Mit en usage aux noces de Pelce,
J’entre en tenant votre gant en main.
A qui le gant? — quelle est Ja main charmante Qui de ce gant relève la beauté? —
Dis-je, en feignant un air de verite, —
Car cette main doit étre seduisante,
Chef d'œuvre qu'à genoux il faut baiser
Si de la main le gant nous fait juger? — Tout aussitöt Deesses de repondre
A Vunisson: „C'est moi qui l’ai perdu — „Oui, c'est mon gant!“ — II vous sera rendu, C'est bien justice et j'en fais la promesse. Allons, sachons qui en est la maitresse,
Vous l'éssayerez, Mesdames, tour à tour, Pour notre juge ici, prenons l'Amour! — Dans tous les cœurs soudain siffle l’envie; Comment vous peindre un semblable debat. Jamais la pomme avee tout son Eclat
N’avait cause une plus grande jalousie,
Junon l’eprouve — elle a les doigts trop gros Pallas trop longs, — d’Hebe la main d’ivoire
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Qui du nectar faisant jaillir les flots
Charme les dieux en leur versant à boire
Au gant fatal voit Echouer sa gloire;
Enfin — Venus vient d'un air dedaigneux, L’essaie en vain et donc en est outrée. „Contentez vous, lui dis-je, de ce prix
Qui vous donna le nom de la plus belle,
Mais croyez moi Deesse, à Pannewitz
Laissez ce gant, il n’est fait que pour elle!
A Pannewitz cet objet seducteur! —
Je la connais, dit le Dieu de Cithère,
Qu'elle est charmante! mais quelle beauté severe! Elle a vraiment toutes les gräces de ma mere, Mais quel dommage qu'elle n'en ait point le cœur!
Die Schlußzeile, die der Sittſamkeit und abwehrenden Haltung der Empfängerin einen Vorwurf macht, enthält jedenfalls das beſte Lob für dieſelbe.
Die verhängnißvolle Neigung, die der Prinz von Preußen für die in jenem Sommer von 1746 erſt ſiebzehnjährige Hof- dame ſeiner Mutter gefaßt hatte, blieb leider nicht lange in den Grenzen verſtohlener Bewunderung und dichteriſcher Hul— digung. Selbſt erſt 23 Jahre alt, mit einer Prinzeſſin ver⸗ mählt, die ihm zuwider war, die auch ihm nur mit der größten Kälte begegnete und ſich möglichſt fern von ihm hielt, war es nicht eine vorübergehende Aufwallung, ſondern die eine große Liebe ſeines Lebens, die ihn für dieſes reizende Kind erfaßte und bald in ihm zur heißen Flamme wuchs. Es iſt gewiß keine Indiskretion, die Aufzeichnungen von der
Hand der ſo lang und treu Geliebten, die N Moment Am Preußiſchen Hofe. 5. An !. 2
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ihres Lebens berühren, mitzutheilen, um jo mehr, da fie oft entſtellte Thatſachen durch die ſchlichte, anſpruchsloſe Erzäh⸗ lung derſelben am Beſten berichtigen.
Doch müſſen wir etwas zurückgreifen, um die betreffende Stelle in ihrem Zuſammenhange zu geben.
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Endlich hatte der Krieg durch Gottes Gnade ein Ende genommen und am 28. December 1745 war der König mit ſeinen Brüdern und ſeinen Generälen feſtlich wieder in Berlin eingezogen. Eine Zeit des Rauſches und der allgemeinen Freude trat jetzt nach all den überſtandenen Aengſten ein. Der Prinz von Preußen war mit dem König gekommen und war ſehr viel in Monbijou bei ſeiner Mutter, die ihn beſon⸗ ders liebte, und ehe ich noch ahnen konnte, daß er mich nur beachtete, hatte er eine Leidenſchaft für mich gefaßt, die für ſein und mein ganzes Leben ein großes Unglück geworden iſt. Dieſe Neigung, die faſt vom erſten Augenblick an, wo er mich wiederſah, in ihm erwachte, iſt nicht raſch vergangen wie ſie raſch gekommen war: nur zu treu und ſtandhaft hat er ſie mir bewahrt bis zuletzt. Mehr als fünf Jahre lang lebte ich von jener Zeit an noch am Hof mit ihm zuſammen, und in Wahrheit, ich habe in dieſer Zeit Alles gethan, was in meiner Macht ſtand, um dieſe Leidenſchaft zu bekämpfen und ihn davon zu heilen. Aber mein Widerſtand und meine Kälte waren umſonſt; nichts hat die Treue ſeines Gefühls erſchüttert; was ich auch that, er blieb für mich immer der- ſelbe. Im Gegentheil, anſtatt mit der Zeit ruhiger zu wer⸗ den, wurde er nur immer unglücklicher und heftiger. Im Anfang verſuchte er mir ſein Gefühl zu verbergen, aber nach einigen Monaten gab er dies Beſtreben plötzlich auf und
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machte mir das leidenſchaftliche Geftändni ſeiner Liebe, und bald fing er an, mich mit Liebeserklärungen und Be⸗ theuerungen wahrhaft zu verfolgen. Ich war ganz außer mir und vertraute mich Fräulein von Kalkſtein an, die mir dringend rieth, wie es ſich ja auch von ſelbſt verſtand, dem Prinzen mit Ehrerbietung aber mit Feſtigkeit zu erklären: „er müſſe aufhören, mir Aehnliches zu ſagen, da er mich durch ſeine Neigung nur in's Unglück bringen könne.“ So lange die gute Kalkſtein am Hofe war, habe ich ihr immer gefolgt und mich ganz von ihr leiten laſſen, aber als ſie fort war, hatte ich Niemand mehr, den ich um Rath fragen konnte in der täglichen Noth und Bedrängniß und den tauſend bangen Augenblicken, in die mich die Aufmerkſamkeiten des Prinzen, ſeine Eiferſucht ebenſo oft wie ſein Kummer und ſeine Klagen verſetzten. Er war ſehr liebenswürdig — von ſchöner Geſtalt, auch ſein Geſicht war ſchön, fein und geiſtvoll; dabei war er voller Sanftmuth und voller Zuvor— kommenheit für mich und beſonders voll der rührendſten Aufmerkſamkeiten. War es nicht natürlich bei meiner großen Unerfahrenheit und Jugend und der Neuheit eines Gefühls, das ich noch nie gekannt hatte, daß ich ihm wohl wollte, und nachdem ich lange widerſtanden, endlich dieſe Empfindung mehr Macht über mich gewann und ich mich ihr hingab? — Von Natur anſchmiegend und zärtlich, zur Freundſchaft ge⸗ neigt und gegen alle Menſchen offen und zutraulich, war ich vielleicht durch die Art meiner Erziehung etwas verſchüchtert und meine angeborene Nachgiebigkeit und Abhängigkeit von Anderen noch vermehrt worden. Trotz ihrer Güte waren meine Eltern doch ſehr ſtreng mit mir und ich war in großer Unterwürfigkeit und Furcht erzogen worden. Dadurch behielt DE
ich lange etwas Zaghaftes und Unſelbſtſtändiges im Weſen und bin auch im ſpäteren Leben wohl feſt gegen mich ſelbſt, aber nie ſo feſt gegen Andere geweſen, als ich es hätte ſein ſollen. Ich kann in der Wahrheit ſagen, daß ich in meinen eigenen Entſchlüſſen nie ſchwankend, unſicher oder unbeſtändig geweſen bin, aber ich war ſchwach gegen Andere und konnte dem Willen und den Wünſchen derer, die ich liebte, ſchwer widerſtehen, und das iſt oft mein Unglück geweſen.
Immer von Neuem faßte ich den feſten Entſchluß, das wachſende Gefühl für den Prinzen aus meinem Herzen zu reißen; ich wollte mich um jeden Preis von ſeinem Einfluß und ſeiner zunehmenden Macht über mich befreien; ich wollte um jeden Preis dieſe Schwäche in mir überwinden — Tage und Tage lang verbannte ich mich ſelbſt in mein Zimmer, um ihn nicht zu ſehen; ich vermied, ja ich floh ſeine Nähe, ich begegnete ihm nie anders als mit Unfreundlichkeit und Härte und ſuchte ihn mit Willen gegen mich zu erzürnen. Und als dies Alles ihn nicht abſchreckte, habe ich ihn mit Thränen gebeten und beſchworen, mich aufzugeben und mich zu ver⸗ geſſen, — es war Alles umſonſt. Er hat nie aufgehört mich zu lieben bis an ſein Ende. Von Natur ſtürmiſch und un⸗ vorſichtig war er gar nicht im Stande, ſeine Gefühle zu ver⸗ bergen, und faſt glaube ich, daß es ihm einen Troſt gewährte oder eine Art Reiz für ihn hatte, ſie nicht zu verheimlichen. Es war, als ſetze er einen Stolz darein, ſie vor aller Welt zu bekennen, wenigſtens verbarg er weder ſeinen Schmerz noch ſeine Liebe, und dies Benehmen, das vielleicht aus der Stärke oder der Hoffnungsloſigkeit Beider entſprang und mich zuweilen unwiderſtehlich ergriff und rührte, war leider ganz dazu gemacht, um den guten Ruf eines jungen Mäd⸗ chens in die größte Gefahr zu bringen.
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Meine Mutter hätte ſo leicht mein ganzes Vertrauen haben können, wenn ſie mich liebreich behandelt hätte; aber zu jener Zeit war ſie ſehr ſtreng und unfreundlich gegen mich und flößte mir nur eine knechtiſche Furcht ein, ja ich zitterte in einem ſolchen Grade vor ihr, daß ich Alles bis auf die unbedeutendſten Kleinigkeiten aus Angſt vor ihr zu verbergen ſuchte. Fräulein von Bredow, der in früherer Zeit der Prinz den Hof gemacht hatte, war ſehr eiferſüchtig auf mich, und Fräulein von Viereck, der ich thörichterweiſe mein Vertrauen ſchenkte, mißbrauchte es und war nicht ver⸗ ſchwiegen, ſo daß dieſe beiden Gefährtinnen mich gleich ſehr in Nöthe und Verlegenheiten aller Art brachten.
Im Sommer 1746 gingen wir zum erſten Mal mit der hochſeligen Königin nach Oranienburg, was der Prinz vom König zum Geſchenk erhalten hatte, und von dort aus nach Rheinsberg. Aber wo wir auch waren, der Prinz folgte uns überall und war überall derſelbe. Jeder Morgen brachte mir einen Brief oder ein Billet von ihm, und nichts konnte ihn von dem einzigen Gedanken zerſtreuen, der ihn beherrſchte und ihn unglücklich machte.
Im October des Jahres 1747 vermählte ſich Fräulein von Viereck mit meinem Bruder, den der König zum Major bei dem Regiment Schorlemer in Preußen ernannt hatte. Es war eine alte Inclination zwiſchen Beiden und anfangs freute ich mich ſehr über ihr Glück; aber die Zeit ihres Brautſtandes hat mir viele traurige und bittere Stunden gebracht. Mein Bruder, der wie ich ſchon geſagt habe, zehn Jahre älter war als ich, hatte mit mir nicht den Ton eines Freundes, ſondern den eines ſtrengen Mentors angenommen, auch verkannte er den Charakter des Prinzen. Kaum hatte
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er nach ſeiner Verheirathung Berlin verlaſſen, ſo ſchrieb er mir, Gott weiß warum, von Preußen aus einen Brief, der mir beinahe das Leben gekoſtet hätte. Wahrſcheinlich hatte ſeine nunmehrige Frau ihm verrathen, daß ich trotz meiner äußeren Zurückhaltung im Grunde meines Herzens dem Prinzen wohlwollte und auf dieſen Grund hin ſchrieb er mir dieſen furchtbaren Brief, der mir eine tödtliche Krankheit verurſachte. Damals hätte ich dieſer ganzen unglücklichen Sache für immer ein Ende machen ſollen; aber die dazu nöthige Entſchloſſenheit fehlte mir und andererſeits habe ich mir ja auch nie etwas Anderes darin vorzuwerfen gehabt, als die innigſte aber ſtumme Erwiederung der Gefühle, die der Prinz auf eine ſo ergreifende und rührende Weiſe mir bewies, und habe niemals die Gebote der ſtrengſten Sittſam⸗ keit und Tugend auch nur einen Augenblick vergeſſen. Ich konnte es damals nicht über's Herz bringen, den Hof zu verlaſſen, wo meine Stellung eine jo angenehme und Jeder⸗ mann ſo gut für mich war, und doch mußte ich es! Ach, die unſelige Leidenſchaft des Prinzen hat mein ganzes Leben verdorben und hat es mit Kummer erfüllt! —
Um jene Zeit kam Graf Neipperg, der Sohn des öſter⸗ reichiſchen Feldmarſchalls nach Berlin, faßte eine Neigung für mich und hielt um mich an. Er war nicht ſchön, aber er war liebenswürdig und angenehm und ich war bereit, ihm mein Jawort zu geben, weil ich durch dieſe Heirath hoffte Berlin zu verlaſſen und von meiner Liebe zu geneſen. Aber der Prinz wußte es auf eine mir unbegreifliche Weiſe beim König dahin zu bringen, daß derſelbe ſeine Einwilligung zu dieſer Ehe verſagte und erklärte, er werde ſie nur dann geben, wenn der Graf ſich verpflichte, ſeine Güter in Oeſterreich zu
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veräußern und ſich in den Preußiſchen Staaten anzukaufen und niederzulaſſen. Zum Ueberfluß gelang es dem Prinzen, es ſo einzurichten, daß dieſe Bedingung dem Vater des Grafen auf eine ſehr unartige Weiſe mitgetheilt wurde, welche ihn vollends beſtimmte, ſeine Einwilligung zu derſelben zu ver⸗— ſagen. Anfang des Jahres 1748 ſah ſich der Graf in Folge dieſer unangenehmen Verhandlungen gezwungen, Berlin zu ver⸗ laſſen; da jedoch meine Eltern ihm ihrerſeits ihre Einwilligung gegeben hatten, ſo fuhr er fort, mir zu ſchreiben. Jedenfalls kann ich der Vorſehung nur danken, daß ſie dieſe Ehe, die mir lange drohte, zu meinem Beſten von mir abgewandt hat; denn in der Folge brachte Graf Neipperg ſein ganzes Vermögen durch, auch hat er, wie man ſagt, ſeine Frau durchaus nicht glücklich gemacht. Die erſte iſt bald geſtorben und er hat jetzt wieder geheirathet.
Die beiden letzten Jahre 1749 und 1750, die ich noch an Hof zubrachte, vergingen in derſelben Weiſe wie die vor⸗ hergehenden. Im Winter und Sommer wohnte die Königin in Monbijou und ging von dort aus bald auf einige Tage nach Potsdam, bald nach Charlottenburg oder zum Prinzen nach Oranienburg. Die Stelle meiner Schwägerin hatte Fräulein von Brand erhalten, und Fräulein von Bredow, welche 1748 Herrn von Schwerin heirathete, ward durch ein Fräulein von Platen erſetzt, ein wunderhübſches junges Mädchen, das aber wenig Geiſt und eine ſehr melancholiſche Gemüthsart hatte.
Im Jahre 1750 hatte ich das Unglück, meinen Vater zu verlieren, was mich fo tief betrübte, daß ich heftig er⸗ krankte und Mühe hatte, mich wieder zu erholen. In dieſem für mich ſo traurigen Jahre kam auch ein Fürſt Lobkowitz
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nach Berlin, welcher eine Leidenſchaft zu mir faßte und um mich anhielt. Aber bald darauf fiel er in eine gefährliche Krankheit und während derſelben wurde er plötzlich ſo bigott, daß die Verſchiedenheit der Religion zwiſchen ihm und mir ihm als ein unüberſteigliches Hinderniß erſchien und als er beſſer wurde, machte er ſich ſo viel Sorgen hierüber und daß eine Ehe mit einer Proteſtantin ein Unrecht ſei, daß auf meine Bitte unſere Verlobung wieder aufgehoben ward.
Der jüngere meiner beiden Vettern Vosf, der ſich ſeit vier Jahren als Geſandter in Dresden befand, bat um dieſe Zeit den König um ſeine Abberufung, welche ihm auch in Gnaden gewährt wurde. Seine Majeſtät zeichnete ihn bei ſeiner Heimkehr auf das Ehrenvollſte aus, ſtellte ihn im auswärtigen Miniſterium an und gab ihm eine Penſion von 2000 Thlr. Ich ſah ihn viel an Hof und begegnete ihm überdem täglich in meinem elterlichen Hauſe, wo er mir, ebenſo wie an Hof, viel Aufmerkſamkeit und Wohlwollen zu zeigen pflegte. Auch hielt er bald nach dem Tode meines Vaters um mich an; aber meine Mutter verweigerte aus verſchiedenen Gründen ihre Einwilligung.
Meine Lage an Hof war mittlerweile eine ſehr ſchwie— rige geworden. Der Prinz verlangte immer ſtürmiſcher von mir das Verſprechen, denſelben nicht zu verlaſſen und wieder⸗ holte mir fort und fort ſeine Anträge. Er wollte Alles auf der Welt für mich thun; aber konnte und durfte ich es annehmen? —
Meine eigene Bedrängniß, die täglichen Nöthe und Leiden, die dieſe unglückliche Sache mir verurſachte, vor Allem der Wunſch des Königs, den es immer mehr beunruhigte, den Prinzen einer ſo heftigen Leidenſchaft einzig und allein nachhängen zu ſehen, zwangen mich, gewaltſam einen Ent⸗
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ſchluß zu faſſen. Der einzige Ausweg, der ſich mir bot, war die Heirath mit meinem Vetter; ich ſchwankte lange, aber der verzweifelten Stimmung des Prinzen gegenüber ſchien es mir endlich meine gewieſene Pflicht, denſelben zu ergreifen. Soll ich verhehlen, daß ich keine Neigung für meinen Vetter hatte? Mein einziges Gefühl für ihn war das der Achtung; aber er wußte ja dies Alles und war damit zufrieden. Meine Mutter wünſchte, ich ſolle lieber zu ihr zurückkehren; aber anſtatt an Hof nur in der Stadt zu leben, dies allein hätte in meiner Lage dem Prinzen gegenüber nichts geändert; nur indem ich mich verheirathete, machte ich für ihn jeder ferneren Hoffnung ein Ende. Dieſer Augenblick meines Lebens war furchtbar; ich kämpfte einen harten Kampf mit mir ſelbſt. Der Gedanke, zugleich den Hof und den Prinzen für immer zu verlaſſen, war mir ein Kummer, als ob ich ſterben ſollte; aber was konnte ich thun? — ich hatte keine Wahl; ich durfte nicht vor dieſem Schmerz zurückweichen, es mußte ſein.
Der König ſelbſt bat meine Mutter, in meine Ver⸗ heirathung zu willigen und wünſchte dieſelbe dringend, und ſo ward denn endlich meine Verlobung den 17. Januar feierlich an Hof vollzogen und ebenſo meine Vermählung an meinem unglücklichen Geburtstage, den 11. März 1751. Dieſer Tag ward in jeder Beziehung einer der entſetzlichſten, die ich erlebt habe. Nicht ohne Wehmuth ſchied ich von dem Hof, an dem ich einſtmals ſo glücklich geweſen war und den tiefſten Gram im Herzen betrat ich einen neuen Lebensweg, an den ich ſelbſt mich für den ganzen Reſt meines Daſeins gefeſſelt hatte. Meine Hochzeit war genau wie alle, die an Hof gefeiert werden. Man hatte eine Unmaſſe Menſchen eingeladen und Alles ging äußerſt rauſchend und feſtlich vor ſich, ſo daß ich kaum recht zur Beſinnung kam. Die Königin
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hatte mir ſehr ſchöne Spitzen und 1000 Thaler geſchenkt, um dafür mein Brautkleid, einen weißen Moor mit ſilbernen Blättern, zu kaufen. Gleich nach der heiligen Handlung ſollte ich mit meinem Mann abreiſen, aber leider gab man dieſen Plan wieder auf und nichts blieb mir erſpart. Der Prinz war in Verzweiflung; er hatte dennoch der Trauung beiwohnen wollen, aber während derſelben ſtürzte er ohn⸗ mächtig zu Boden und mußte fortgetragen werden.
Nun war der entſcheidende Schritt gethan und ich faßte den feſten heiligen Entſchluß, hinfort einzig und allein den Pflichten gemäß zu handeln, zu denen das Jawort, das ich geſprochen hatte, mich verband.
Das Geleite ſämmtlicher Perſonen, welche der Trauung beigewohnt hatten, brachte mich im feſtlichen Zuge nach dem Hauſe meines Mannes und den andern Morgen kam der Hof und die ganze Welt wiederum zu uns, um uns Glück zu wünſchen. Dann folgte ein Diner bei meiner Mutter und folgenden Tages erſt reiſte mein Mann mit mir von Berlin ab. —
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Es iſt nicht ohne Intereſſe auch in den Worten eines Zeitgenoſſen und wahrſcheinlich Augenzeugen jener Vorgänge, des gelehrten Thiébault, daſſelbe, was die Heldin dieſer trau⸗ rigen Liebesgeſchichte mit eigener Hand in dem Vorher⸗ gehenden ſo einfach und ſchmucklos erzählt, wiederholt zu finden. In den: „Souvenirs de vingt ans de séjour à Berlin“, par Thiebault heißt es Th. II. p. 52:
„Die Dame, welche dem Prinzen von Preußen eine ſo „heftige Neigung einflößte, war Fräulein von Pann witz,
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„und die Welt mußte wenigſtens zugeſtehen, daß ſie es ganz „werth war, der Gegenſtand einer ſo leidenſchaftlichen und ſo „unüberwindlichen Liebe zu fein. Groß und ſchlank ge⸗ „wachſen, mit der Geſtalt einer Diane chasseresse, und zu⸗ „gleich ſchön und blond wie eine Venus, war ſie eben ſo „reizend, ſo unſchuldig und ſo liebenswürdig, als ſie ſchön „war. Der Prinz wollte es mit Gewalt durchſetzen, von „ſeiner Gemahlin geſchieden zu werden, um ihr ſeine Hand „anzubieten, und die höchſte Autorität ſelbſt ward gezwungen „in dieſer Sache einzuſchreiten. So gelang es denn zuletzt, „aber mit welcher Mühe und nach welchen Kämpfen, durch „die geheimen Wege, welche nur die entſchloſſenſte Thätigkeit „und die rückſichtsloſeſte Politik ſich nicht ſcheut einzuſchlagen, „dem Unglücklichen ſeine Geliebte zu entreißen! — Ja, es „gelang Fräulein von Pannwitz ſelbſt, durch einen Sturm „von Vorſtellungen und Ermahnungen ſo zu ängſtigen und „zu überwältigen, ihre hochherzige Natur ſo mitfortzureißen, „daß ſie es war, die ſich freiwillig opferte, und dies mit einer „Tapferkeit und Selbſtverleugnung, die edel empfindende „Seelen verſtehen und bewundern werden. Um dem Prinzen „jede fernere Hoffnung unmöglich zu machen, faßte ſie plötz⸗ „lich und zur allgemeinen Ueberraſchung den Entſchluß, ſich „zu vermählen..... Von dem Tage ihrer Verheirathung an „lebte fie jo ſtill und von der Welt zurückgezogen als nur „möglich. Sanft und liebenswürdig wie immer ſchien ſie „einzig noch mit der Erziehung ihrer Kinder beſchäftigt. Ge- „wiß war auch fie von dem Verdienſt und der Herzen sgüte „des Prinzen und von ſeiner jahrelangen treuen Liebe gerührt „worden, und dennoch entſagte ſie ihm und machte durch „ihre Vermählung ſelbſt jede fernere Annäherung ſeinerſeits „für immer unmöglich. Sie that dies mit einer ſolchen
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„Feſtigkeit und Charakterſtärke, fie bewies einen jo hohen „und ſeltenen Muth in der Weiſe, wie ſie dem Widerſtreben „ihres eigenen Herzens ungeachtet, den gefaßten Entſchluß „durchführte und der wilden ſtürmiſchen Verzweiflung ihres „Geliebten widerſtand, und ſie hat auch in der Folge ſo treu „und beharrlich ſich jeder Gelegenheit zu entziehen gewußt, „welche die ſchmerzliche und gefährliche Erinnerung der Ver⸗ „gangenheit hätte in ihm wach erhalten können, daß ſie das „Erſtaunen, die Bewunderung, ja die Ehrerbietung aller „derer erweckt hat, welche ihr warmes Herz und die hin— „gebende Innigkeit ihres Gefühls kannten.“
Im Jahre 1753 verließ ſie Berlin und es ſcheint, daß ſie den Prinzen von da an bis zu ſeinem Tode nicht wieder ſah. Aber in ihrem Herzen blieb ſie ihm treu. Ihren älte⸗ ſten Sohn nannte ſie nach ihm: Wilhelm Auguſt, und als dieſer ihr durch den Tod entriſſen wurde, gab ſie auch ihrem einzigen, erſt nach dem Tode des Vaters geborenen Enkel wieder denſelben Namen. Zwei zierliche, alterthümliche Möbel, ein kleiner Eckſchrank und ein niedlicher Schreibtiſch, beide von Roſenholz mit Bronze-Beſchlägen, Geſchenke des Prinzen aus jener heiteren, noch unbefangenern Zeit in Oranienburg, welche die ſpätere Gräfin Vosſ beſonders werth hielt, ſtehen als Andenken an fie noch jetzt in dem Gr.-Gie⸗ witzer Hauſe aufbewahrt.
Das frühe und tragiſche Ende des unglücklichen Prinzen von Preußen iſt bekannt. Der Wiederbeginn des Krieges hatte auch ihn 1756 zur Armee gerufen und er hatte ſich das Vertrauen und die Zufriedenheit des Königs durch ſeine Umſicht und Tapferkeit in hohem Grade erworben. Als aber
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nach der Niederlage bei Collin, den 18. Juni 1757, der König das Heer in zwei Armeecorps theilte, und während er ſelbſt die Führung des einen behielt, dem Prinzen den Oberbefehl des andern übertrug, löſte er ſelbſt die ſchwierige Aufgabe, den Feind ſo lange als möglich in Böhmen zu beſchäftigen und ſich dann langſam nach Schleſien zurückzuziehen, auf das Glänzendſte; aber der Prinz, dem ein ähnlicher Auftrag geworden war und der ſich noch eine Zeit lang in Böhmen halten und dann nur allmälig nach Sachſen wenden ſollte, hatte nicht jo viel Glück. Bald fehlte es ihm an Lebens⸗ mitteln und von den Oeſterreichern gedrängt, verlor er nicht nur ſeine ganze Bagage, ſondern auch ſehr viel Leute. Der König, der ſeinen Maßnahmen allein die Schuld dieſes ſchweren Mißgeſchicks zuſchrieb, ließ ihn ſeine Unzufriedenheit auf das Unverholenſte empfinden. Bereits entmuthigt durch ſein Unglück im Felde, empfand der Prinz die Ungnade ſeines Königlichen Bruders doppelt ſchmerzlich und verließ das Heer. Von Bautzen aus bat er ſchriftlich um Erlaubniß, nach Berlin gehen zu dürfen, „da ſeine Geſundheit durch Gram und Strapatzen ſehr gelitten habe“, und ſtarb bald darauf in Oranienburg.
Ein merkwürdiger Brief, der über das Ende des Prinzen Einzelnheiten enthält, die kaum allgemein bekannt ſein dürf⸗ ten, befindet ſich unter den nachgelaſſenen Papieren der nach⸗ maligen Gräfin Vosſ. Die Schreiberin, Frau von Kleiſt, iſt wahrſcheinlich die frühere Hofdame der Königin-Wittwe, geborene von Schwerin, ſpäter zum zweiten Mal vermählt an Herrn von Du Troſſel. Sie giebt der einſt von dem Prinzen ſo heiß Geliebten, für die ſein Gefühl niemals er⸗ kaltet war, die Nachricht ſeines Todes und verſucht ſie zu tröſten. Der Brief iſt von Berlin aus geſchrieben, datirt
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vom 20. Juni 1758. Nach der Mittheilung der Trauer⸗ nachricht ſelbſt und den Ausdrücken ihres Schmerzes und ihrer Theilnahme, fährt die Schreiberin folgendermaßen fort:
. . .. „Der Prinz hat ſehr gut gewußt, daß er dem Tode entgegen „ging, und er wußte es nicht etwa erſt in den letzten Tagen. „Bereits vier Wochen vor ſeinem Ende bereitete er ſeinen „alten Regiments-Chirurgus, den er immer bei ſich hatte, „darauf vor und ſagte ihm: daß er deshalb Berlin verlaſſe, „um in Oranienburg ruhig ſterben zu können. Zugleich unter⸗ „ſagte er ihm auf das Strengſte, dies an irgend Jemand zu „verrathen, wem immer es auch ſei, da er entſchloſſen ſei, „weder einen Arzt vorzulaſſen, noch Heilmittel zu nehmen; „denn eine feſte und gewiſſe Hoffnung ſage ihm, daß es bald „mit ihm aus ſein werde. Dafür erlaube er ihm, zur Be⸗ „lohnung ſeiner Verſchwiegenheit und Treue, nach ſeinem Tode „ihn zu ſeziren, falls es ihm wichtig ſei, den phyſiſchen Grund „ſeines Endes zu erfahren. Der unglückliche Chirurgus war „in Verzweiflung, doch kam zu ſeinem Troſt nicht lange darauf „plötzlich Herr von Forcade, der frühere Oberſt von des „Prinzen Regiment, in Oranienburg an, um dieſen zu be⸗ „ſuchen. Forcade nun iſt entſetzt über das ſchlechte Ausſehen „des Prinzen, der Chirurgus vertraut ihm den Entſchluß des⸗ „ſelben an und jener ſchickt ſofort eine Staffette an die Prin⸗ „zeſſin Amalie, um ihr die Krankheit ihres Bruders zu mel⸗ „den. Die Prinzeſſin kommt auch unverzüglich mit dem „berühmten Doktor Meckel an, aber der Prinz hört nicht auf „ſie. Trotz ihrer Bitten und Thränen will er Meckel nicht „ſehen und dieſer muß wieder abreiſen. Die Prinzeſſin jedoch „läßt ſich nicht beſchwichtigen und abweiſen, ſie bleibt ſtand⸗ „haft bei dem Kranken und hat ihn nicht verlaſſen bis zu
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„Seinem letzten Augenblick. Wenige Tage nachdem er Meckel „fortgeſchickt hatte, war er bereits jo krank, daß er das Be— „wußtſein verlor und nicht mehr das Bett verlaſſen konnte. „Die Prinzeſſin benutzt dieſen Augenblick, läßt eilends nicht „nur Meckel, ſondern noch drei andere Aerzte aus Berlin rufen, „dieſe erklären den Zuſtand für eine Art Gehirn-Entzündung „und wenden alle Mittel an, des Fiebers Herr zu werden. „Es gelingt ihnen, die Krankheit zu brechen, die Delirien „hören auf, der Kranke ſcheint gerettet, aber kaum kommt er „wieder zu ſich, ſo ſchickt er die Aerzte fort und verweigert „hartnäckig, fernerhin irgend ein Mittel zu nehmen. Und ſo „iſt es fort und fort gegangen. Wenn das überhandnehmende „Fieber ihn betäubte und die heftigen Phantaſien zurück⸗ „kehrten, konnte man allein die Mittel anwenden, die ſein „Zuſtand verlangte und die die Entzündung bekämpften. Dann „trat jedesmal ſofort eine Beſſerung ein und kaum war dieſe „ſoweit fortgeſchritten, um dem Unglücklichen das Bewußtſein „wiederzugeben, ſo war auch damit jede Möglichkeit ge⸗ „nommen, ihn weiter zu pflegen oder ärztlich zu behandeln. „Er nahm nichts ein, erlaubte nicht einmal, daß man ihm „den Puls fühlte, wies jede Annäherung der Aerzte mit der „größten Heftigkeit und Aufregung zurück und that Alles, „was ihm nur möglich war, um ſeinen Zuſtand zu einem „verzweifelten zu machen. Endlich ſchien in der That keine „Hülfe mehr möglich und er in vollem Ernſt verloren; man „ſagte es ihm und anſtatt jeder Antwort faltete er nur die „Hände und rief mehrere Male hintereinander mit Inbrunſt: „Jeſus, erbarme dich meiner! — Darauf verlangte er nach „dem Geiſtlichen des Ortes und bewies, als dieſer kam, und „fortan bis zuletzt die größte Andacht und Frömmigkeit.
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„Die Prinzeſſin Amalie hat ihn treu gepflegt und feinen „Augenblick verlaſſen. Ich glaube, auch der König wird ſehr „frappirt und ergriffen von der Todesnachricht fein; denn „gleich nach dem erſten Brief, den ihm die Prinzeſſin aus „Oranienburg ſchrieb, um ihm die Krankheit des Prinzen zu „melden, dankt er ihr in ſeiner Antwort auf das Lebhafteſte, „daß ſie zu dem Kranken geeilt ſei, um für ihn Sorge zu „tragen und wiederholt ihr mehrere Male, daß er jede, auch „die geringſte Mühe und Sorgfalt, welche ſie dieſem beweiſe, „und Alles, was ſie für ihn thue, betrachten werde, als hätte „ſie es ihm ſelbſt gethan. Er beſchwört ſie um Alles in der „Welt, den Prinzen keinen Moment zu verlaſſen und nichts „zu verſäumen, was in ihren Kräften ſtehe, um das Leben „eines Bruders zu erhalten, das ihm ſo unendlich theuer ſei. „Er fügt hinzu: „„Obgleich der Zuſtand des Kranken ſehr „ernſt ſcheint, ſetze ich dennoch meine ganze Hoffnung auf „ſeine Jugend und ſeine ſtarke Natur.““ Auch ſchließt er mit „der Bitte, demſelben in ſeinem Namen tauſend Zärtliches: „mille tendresses, zu ſagen und ihm, dem König, ſo oft als „nur möglich Nachricht von deſſen Befinden zu geben.
„Du ſiehſt“, ſagt die Briefſtellerin am Schluß, „wenn der „Himmel es anders gefügt hätte, ſo wäre dieſe Krankheit „vielleicht der Anlaß zu einer bleibenden Ausſöhnung zwiſchen „beiden Brüdern geworden. Aber der Gram und die Ver⸗ „zweiflung des unglücklichen Prinzen haben ihn getödtet, ſie „allein haben jede Hoffnung, ihn zu erhalten, vereitelt.“
Dieſe Todesbotſchaft erſt ſprach das letzte Wort in der Geſchichte jener traurigen und unglücklichen Jugendliebe. —
Der Eheſtand. 1751793.
Am Preußiſchen Hofe. 5. Auf‘.
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Der nunmehrige Gemahl des Hof-Fräuleins von Pann⸗ witz, Johann Ernſt von Vosſ, geboren den 25. Januar 1726, war bereits im Juni des Jahres 1744 in preußiſche Civil⸗ dienſte getreten und Friedrich II. wußte den ſehr befähigten jungen Mann, der allerdings für ſein Alter Ungewöhnliches leiſtete, ſehr bald zu würdigen. Er ernannte ihn ſchon im September deſſelben Jahres, alſo im Alter von achtzehn Jahren, zum Geheimen-Rath mit Sitz und Stimme im Ober-Appellations-Gerichtshof zu Berlin, in welcher Stel- lung derſelbe bis zum Jahre 1747 blieb, dann in das Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten verſetzt und im Januar 1748 als Geſandter an den Hof des Königs Auguſt von Polen geſchickt wurde. Bald verließ er mit Dieſem deſſen damalige Reſidenz Dresden, ging mit ihm nach Warſchau und vertrat auf dem dortigen Reichstage des Sommers 1748, ſowie auf dem darauf folgenden außerordentlichen Reichstage 1750, wirkſam das Intereſſe Preußens. Im October des letzteren Jahres auf ſeine wiederholten Bitten nach Berlin zurückgerufen, hatte er die Genugthuung, vom König mit den ehrenvollſten Ausdrücken der Anerkennung für ſeine bisherigen Leiſtungen empfangen zu werden.
Die Vermögensverhältniſſe des jungen Geſandten hatten
jedoch durch dieſe Miſſion nicht eben gewonnen. Bei ſeiner 3 *
Abreiſe nach Dresden war er von Friedrich II. mit den Worten entlaſſen worden:
„Mache er meine Sachen gut; er weiß, wie die Polen ſind und wie man ſie nehmen muß und darf in Warſchau das Geld nicht ſparen, ſondern kann ordentlich etwas drauf- gehen laſſen; es ſoll ſein Schade nicht ſein.“ Der alſo Beauftragte, der nach dem 1739 erfolgten Tode ſeines Vaters bereits ſehr früh in den Beſitz des Vermögens ge— kommen war, ließ ſich dies nicht zweimal geſagt ſein. Er machte in Warſchau einen fürſtlichen Aufwand, hielt offenes Haus für den polniſchen Adel und folgte der ihm gewordenen allerhöchſten Anweiſung auf die glänzendſte Weiſe. Bei ſeiner Heimkehr belohnte ihn der König mit den bei ihm ſelten gnädigen Worten:
„Ich bin mit ihm zufrieden geweſen, er hat ſeine Sachen ſehr gut gemacht; hat wohl auch große Depenſen gehabt und werde ich ihm tauſend Dukaten dafür auszahlen laſſen.“
Mit dieſen waren nun freilich die Warſchauer Aus⸗ gaben nicht gedeckt und der junge Mann, der wieder Ord— nung in feine Finanzen bringen wollte, ging nach Mecklen— burg und verkaufte eines ſeiner beſten Güter, Rumpshagen, an die Familie von Gundlach, in deren Beſitz daſſelbe auch ſeitdem geblieben iſt. Bei ſeiner Rückkehr nach Berlin ward er vom König zum Geſandten am Wiener Hofe ernannt. Dieſer letztere jedoch, eingedenk ſeiner antisöſterreichiſchen Thätigkeit in Warſchau und auch aus anderen politiſchen Gründen, bat, denſelben nicht nach Wien zu ſchicken, ſon— dern eine andere Wahl zu treffen. Vorerſt behielt der König den außer Aktivität geſetzten jungen Diplomaten ruhig bei
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ſich in Potsdam, ſetzte ihm eine lebenslängliche Penſion von zweitauſend Thalern aus und nahm ihn während des Karnevals 1751 in ſeiner perſönlichen Umgebung mit nach Berlin, wo Herr von Vosſ ſich mit Fräulein von Pannwitz vermählte. Seine Mutter war, wie die ihrige, eine Tochter des Ober-Landmarſchalls von Jasmund, das junge Paar alſo Geſchwiſter-Kind.
Das Billet des Königs, welches deſſen Zuſtimmung zu dieſer Verbindung ertheilt, lautet wie folgt:
Berlin, le 20. Janvier 1751.
C'est avee bien de la satisfaction que je vous accorde mon consentiment, que vous me demandez par votre lettre du 18ieme de ce moi, pour votre union avec la fille de la Générale de Pannewitz. J'ai été bien charmé que vos vues se soient si bien accordees avec mes intentions et vous ne pouviez faire un choix plus digne de vous, ni qui me fut plus agreable Je vous en félicite de bien bon coeur, et vous souhaite toute la satisfaction que vous pouvez desirer de cette union. Sur ce je prie Dieu qu'il vous ait en sa sainte et digne garde.
Frederic.
Ein zweites Billet des Königs ertheilt Herrn von Vosj die erbetene Erlaubniß, ſich nur einmal kirchlich aufbieten zu laſſen:
Potsdam, le 12. Mars 1751.
Je vous accorde bien volontiers la dispense des formalites ordinaires pour la publication des bans que vous me demandez par votre lettre du 10 de ce mois. Vous recevez ci-joint cette dispense pour vous en servir selon que vous le jugerez necessaire, Vous souhaitant
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encore toute la satisfaction imaginable de votre prochain mariage! — Sur ce je prie Dieu qu'il vous ait en sa sainte garde. Fréderic.
Einige Briefe des Verlobten an ſeine Braut während der kurzen Zeit jenes von Beiden gemeinſchaftlich in Berlin verlebten Brautſtandes zeigen, daß von ſeiner Seite bereits eine langjährige Zuneigung dieſer Ehe vorausging. In einem derſelben klagt er über die Schwierigkeiten und Hinderniſſe, welche er zu beſiegen gehabt, um ſich ihr zu nähern, und fährt dann fort:
„Mais s’il m’en coutait mille fois davantage et quoiqu’il en arrive, je regarderai tout en bagatelle vis à vis de ce grand bonheur qui me vient de vous, que depuis tant et tant d’annees j'ai aimee et estimée au dela de l'adoration.“ —
In einem anderen Briefe ſagt er, wahrſcheinlich durch ihre Kälte beunruhigt;
„Il est vrai que j'ai journellement le plaisir de vous voir, mais l'agrément que j’en ressens n'est guère complet, vu que je me vois gene au point de n’oser vous parler qu'en passant. Il m'est impossible d’etre tranquil sous ces entrefaites, car vos bonnes gräces m'inquiètent trop pour ne pas &tre empressé d'en avoir tous les jours des nouvelles. Je crois que j’en prends la fievre, car sans etre bien sur de vos sentiments je ne fais qu’admirer tous les jours votre beauté en public.“
Auch mag als Charakteriſtik der Ausdrucksweiſe jener Zeit noch ein drittes Billet hier einen Platz finden, welches er ohne Unterſchrift, wie es ſcheint, von einem Schmuck begleitet, ſeiner Braut ſendet:
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Madame,
„Ayez la gräce d’accepter ce bouquet avec l'écrin ci- joint, non comme un présent, car je n’en saurais trouver diene de vous, mais comme une marque de la bonne volont& de celui qui certes et sans contredit vous aime et vous estime le plus dans tout l'univers. Je me flatte que, connaissant si bien les sentiments et le caractere des personnes qui vous entourent vous dévinerez aisement son nom; c'est pourquoi j'ai garde de le nommer. Cependant je ne saurais m'empécher de vous dire que c'est celui dont vous faites la fortune tout entière et qui par consé- quent doit bien étre de coeur et d’äme tout à vous!“ —
Neben jenen alten Briefen findet ſich auch das vollitän- dige Inventarium der Ausſteuer, welche die Braut ihrem Gemahl zubrachte. Das ſpecifizirte Verzeichniß erſt der Brillanten, dann des übrigen Schmuckes, der Silber-Geräthe, Möbeln, Wäſche und ſo weiter, iſt von dem letzteren als in Empfang genommen beſcheinigt und unterſchrieben, was ſich nach heutigen Begriffen höchſt wunderlich ausnimmt. —
Der König hatte Herrn von Vosſ wieder im Miniſterium des Auswärtigen angeſtellt, wo er den Vortrag über die Sächſiſchen und Polniſchen Angelegenheiten erhielt. Zwei Jahre ſpäter, 1753, kam er als Chef-Präſident an die Re⸗ gierung zu Magdeburg, wo er zehn Jahre blieb. Mittler⸗ weile hatte der Landgraf von Heſſen-Caſſel ihm den Poſten als Premier-Miniſter an ſeinem Hofe wiederholt angetragen und Herr von Vosf, der ſich zurückgeſetzt und vom König vergeſſen fühlte, weil man ihn ſo lange in Magdeburg ließ, hatte zu elf verſchiedenen Malen denſelben ſchriftlich um ſeinen Abſchied und um die Erlaubniß gebeten, die ihm in Caſſel
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angebotene Stellung anzunehmen. Der König ſchlug ihm jedoch Beides rund ab und ernannte ihn endlich 1763 zum Hof-Marſchall bei ſeiner Gemahlin, der Königin Eliſabeth Chriſtine, und zum Ober-Aufſeher ihres ſämmtlichen Hof— ſtaats mit dem Prädikat Excellenz. Einige Jahre ſpäter ward er zum Oberſt⸗Hofmeiſter der Königin ernannt mit dem Rang eines wirklichen Staats-Miniſters und der ausdrück⸗ lichen Erlaubniß, mehrere Monate jedes Jahres auf ſeinen Beſitzungen zubringen zu dürfen. Dieſe lagen im Herzog⸗ thum Mecklenburg-Schwerin, woſelbſt bei der Erbtheilung, nach dem Tode ſeines Vaters, ihm die Güter Groß- und Klein⸗Giewitz, Alt⸗ und Neu-Schönau und Rumpshagen zugefallen waren, ſeinem Bruder dagegen die Flotower Güter und bei Berlin Buch, Karow und Birkholz. Außer dieſem eben genannten Bruder hatte Herr von Vosf nur noch eine Schweſter, die Herrn von Rochow auf Stülpe heirathete und deren Tochter wiederum die Frau ſeines einzigen Sohnes ward.
Den Tag nach ſeiner Verheirathung hatte, wie bereits erwähnt, Herr von Vosſ Berlin verlaſſen, was unter den obwaltenden Verhältniſſen und bei dem durch dieſelbe auf's Aeußerſte geſteigerten Schmerz und Zorn des Prinzen von Preußen auch das einzig Richtige war, um ſeiner jungen Frau den ſchweren Anfang einer unter ſolchen Umſtänden geſchloſſenen Ehe zu erleichtern. Wir können uns nun zu den eigenhändigen Aufzeichnungen derſelben zurückwenden und einige Blätter aus dieſen folgen laſſen.
Nach meiner Vermählung reiſte mein Mann ſofort mit mir auf ſeine Güter nach Mecklenburg, doch war die Jahres⸗
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zeit noch zu rauh um dort bleiben zu können und jo brachte er mich vorerſt auf einige Tage nach Lübeck, wo eine Tante von mir, Frau von Witzendorf, lebte, und reiſte dann über Hamburg mit mir weiter. Ohne uns irgendwo längere Zeit aufzuhalten, blieben wir mehr als drei Monate lang, von Mitte März bis Anfang Juli, unterwegs, und ich brauche wohl nicht zu ſagen, wie mir bei dieſem langen Umher— reiſen um's Herz war. Endlich im Juli nach Mecklenburg zurückgekehrt, blieben wir fünf Monate lang auf einem ziem— lich einſam gelegenen Landſitze in großer Zurückgezogenheit allein. Dies Gut, das wir bewohnten, gefiel mir an ſich ſehr gut; das Haus war bequem gebaut, inmitten eines ſchönen Gartens, den ein See begrenzte, in einer ſehr hübſchen Lage. Gleich nach unſerer Ankunft wurde hier im Juli die Vermählung meiner Schwägerin mit einem Herrn von Rochow gefeiert. Auch blieb meine Schwiegermutter die ganze Zeit unſeres Aufenthalts auf dem Lande bei uns und es war für mich ſchwer genug mit ihr zu leben, denn, obgleich im Grunde gutmüthig, war ſie überaus übellaunig und beſonders un— freundlich gegen mich.
Von Mitte März bis Ende November, alſo mehr als acht Monate, hatten wir von Berlin entfernt zugebracht und meine Sehnſucht, dahin zurückzukehren, war zuletzt ſehr groß. Mein Mann hatte ein Haus in der Heiligen Geiſt Straße, wo wir wohnten. Er war im Miniſterium angeſtellt und ging außerdem alle Donnerſtage zu den Conferenz-Sitzungen. Ich war in der Hoffnung und lebte ſehr ſtill und zurückge⸗ zogen. Am 21. Januar 1752 ſchenkte mir Gott einen Sohn, deſſen Geburt meinem Mann große Freude machte. Er war damals ſehr viel beim König und dieſer gratulirte ihm mit
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beſonders großer Herzlichkeit zu dieſem Ereigniß, was ihn ſehr beglückte. Der ganze Hof wollte in corpore bei meinem Kinde Pathen ſtehen und ich freute mich darauf, aber drei Tage vor der Taufe bekam mein Mann die Pocken. Er glaubte ſich aus Schrecken angeſteckt zu haben, während er mit dem Oberſt von Kraut ſprach, der beim Prinz Ferdi— nand war und der ſie gerade hatte und damit umherging. Am Tage der Taufe ſelbſt war mein Mann ſo krank, daß man ihn für verloren hielt. Der Hof ſchickte Damen und Herren, ihn zu vertreten, aber kam nicht ſelbſt. Meine Lage war unbeſchreiblich traurig; erſt ſeit zehn Monaten verhei⸗ rathet, mit einem Kinde von drei Wochen, dabei in ſehr verwickelten Vermögens-Verhältniſſen, über die ich nur wenig Beſcheid wußte, wäre es ſchrecklich für mich geweſen jetzt wieder allein ſtehen zu müſſen. Aber die Vorſehung erbarmte ſich meiner und ließ meinen Mann, den man ſchon ſterbend glaubte, dennoch wieder geneſen. Meine Schwiegermutter, die herbeigeeilt war, und der Groß-Kanzler Baron von Pieret ſtanden mir in der Pflege treulich bei, beſonders der letztere, der täglich kam und einen beſonderen Anzug in unſerem Hauſe hatte, um ſich beim Fortgehen umziehen zu können und die Pocken nicht anderwärts zu verbreiten. Auch meine Mutter brachte einen Tag um den andern bei uns zu und war ſehr aufopfernd bemüht, mir beizuſtehen. Sobald mein Mann im Stande war abzureiſen, verließen wir Berlin und gingen zu meiner Schwägerin Rochow nach Stülpe und dann nach Groß-Giewitz, wo wir wieder den ganzen Sommer und Herbſt zubrachten. Auch meine Schwiegermutter kam wieder zu uns und ich ging zuweilen mit ihr auf ein Paar Tage nach Neuſtrelitz, wo ein alter Herzog und eine äußerſt
galante alte Herzogin lebten, welch letztere beſonders meine Schwiegermutter ſehr gern hatte. Auch mein Schwager, der nach Dänemark geſchickt worden war, kam um dieſe Zeit zurück und beſuchte uns, und in dieſem Sommer verlebte ich zuerſt eine etwas glücklichere Zeit in meiner Ehe. Zum Winter kehrten wir nach Berlin zurück; ich ging jetzt wieder an Hof, ſah den Prinzen häufig und er begegnete mir noch immer mit derſelben Aufmerkſamkeit und Auszeichnung wie früher, aber er ſah immer gekränkt, vorwurfsvoll und ge— wiſſermaßen beleidigt aus, und das ſchmerzte mich ſehr. Es war meinen Feinden, deren man ja immer hat, gelungen, ihn gegen mich zu erbittern und ihm einzureden: ich hätte ihn verrathen, indem ich ſeiner Liebe und ſeinen Bitten zum Trotz mich verheirathet hätte, anſtatt ihm zu Liebe am Hof zu bleiben; und daß ich meiner Ehre und Tugend unbeſchadet auch ſehr gut hätte bleiben können und ſollen. Er glaubte das auch, und das that mir ſehr, ſehr wehe! — Ich war wiederum in der Hoffnung und ward 1753 am 29. März von meinem zweiten Sohn entbunden. Nur die Frau Prin⸗ zeſſin Heinrich, geborne Prinzeſſin von Heſſen-Caſſel, welche ich ſehr liebte und verehrte und die ſich erſt im vergangenen Jahre vermählt hatte, und der Prinz von Preußen waren ſeine Pathen und er ward nach letzterem Wilhelm Auguſt genannt. — Um dieſe Zeit bat mein Mann den König in die Juſtiz⸗ Verwaltung verſetzt zu werden, weil er im auswär⸗ tigen Amt zu wenig zu thun habe und ſich mehr Beſchäf— tigung wünſche. Der König gewährte ſeine Bitte und ernannte ihn zum Präſidenten in Magdeburg. Ich war untröſtlich über dieſe Verſetzung und weiß gewiß, für die Karriere meines Mannes wäre ſein Bleiben in Berlin viel beſſer geweſen;
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dort würde er nicht ſo bald vergeſſen worden fein und bös— willige Leute nicht Mittel und Wege gefunden haben, ihn beim Könige anzuſchwärzen, ohne daß er ſich rechtfertigen konnte. Aber die Eiferſucht, die ihn verzehrte und die zu ſeiner und meiner Qual von Tag zu Tag in ihm wuchs und zunahm, ohne daß ich ihm auch nur den leiſeſten Anlaß dazu gab, war der eigentliche Grund der ihn zu dieſem Schritt beſtimmte. Ich blieb nach ſeiner Abreiſe noch vierzehn Tage länger in Berlin, um mein Haus aufzulöſen, aber endlich kam auch für mich der Moment des Abſchieds und er war ſchrecklich genug! — Die Trennung von meiner Mutter, von allen meinen Freunden am Hofe, von der hochſeligen Königin vor Allen, die mich wahrhaft mit Güte und Liebe überhäuft hatte, waren Augenblicke von ſo unbeſchreiblichem Schmerz und Wehe, daß ich beſtimmt ſagen kann, erſt mit dieſem erzwungenen Losreißen, das ein ſo willkürliches und unge— rechtes Motiv herbeigeführt hatte, fing für mich das wirkliche Unglück in meiner Ehe an. Alles, Alles vereinigte ſich, um mir dieſen Abſchied noch zu erſchweren und unter tauſend Thränen riß ich mich von den geliebten Menſchen und dem geliebten Ort los, den ich damals für's ganze Leben zu ver⸗ laſſen glaubte! —
Als ich in Magdeburg ankam, fand ich ein ſchönes Haus zu meinem Empfang eingerichtet, auch die Stadt gefiel mir ganz gut, nur leider iſt ſie eine Feſtung und das giebt ihr etwas ſehr Trauriges. Mein Mann war mir entgegenge— fahren, doch verfehlte er mich durch die Schuld meines Boftil- lons, der einen falſchen Weg genommen und mich faſt in die Elbe geſtürzt hatte. Anfangs lebte ich ſehr zurückgezogen und ſah keinen Menſchen bei mir; mein Mann war ſehr
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beſchäftigt, ich war immer allein mit meinen Kindern und er mußte ſeinen ganzen Tag im Regierungs-Gebäude zu— bringen. Umſonſt gab ich mir große Mühe mich an dieſe mir ſo fremde Lebensweiſe zu gewöhnen; ich konnte es nicht. Man gab in Magdeburg nur unglaublich lange große Diners, bei denen man faſt den halben Tag bei Tiſche ſaß und ſich tödtlich langweilte. Nach und nach verſuchte ich, der dor— tigen Welt dieſe Diners abzugewöhnen, und wie es in der übrigen Welt Sitte iſt, dafür Soupers einzuführen. Ich fing an, öfters Leute bei mir zu ſehen und Alles kam gern und mit Freuden, was mich ebenfalls freute. Ich ſchloß eine innige Freundſchaft mit Fräulein von Bork, der Tochter des Generals von Bork, einem ſehr liebenswürdigen und geiſtreichen Mädchen; aber leider entriß ſie mir der Tod im Jahre 1756.
Am 14. December 1755 ſchenkte mir Gott eine Tochter. Frau von Biederſee pflegte mich in den Wochen; anfangs war ich ziemlich wohl, aber nach den erſten Tagen ſtellten ſich Krämpfe bei mir ein, und dieſe Nerven-Krämpfe ſind mir zu meiner Qual von da an geblieben. Auf den Rath der Aerzte brachte mich mein Mann im nächſten Sommer, 1756, erſt in die Bäder von Aachen und dann nach Spaa, während meine Kinder ſo lange unter guter Pflege in Groß-Giewitz zurückblieben. Es war ſehr voll und belebt und viel liebens⸗ würdige Leute an dieſen beiden Badeorten und ich machte eine Menge angenehmer Bekanntſchaften; unter Anderen die des Sächſiſchen Feldmarſchalls Rutowsky und des Grafen Gollowkine. Mein Mann hatte es ſelbſt veranlaßt, daß mir dieſe Herren vorgeſtellt wurden und mich wiederholt ge— beten, ich möchte doch verſuchen mich zu zerſtreuen und auf—
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zuheitern; dennoch dauerte es auch hier nicht lange bis der alte Fehler der Eiferſucht ihn von Neuem erfaßte, jedem unbefangenen Umgang ein Ende machte und ihm ſelbſt eben— ſowohl als mir traurige und ſchlimme Stunden bereitete. Wir kehrten im Herbſt über Groß-Giewitz, um die Kinder abzuholen, nach Magdeburg zurück, und das geſellſchaftliche Leben dort fing jetzt an ſich angenehmer zu geſtalten.
Während unſerer Abweſenheit war der General von Bonin geſtorben und der Herzog Ferdinand von Braunſchweig an ſeiner Stelle zum Gouverneur der Stadt ernannt worden, und dieſer Perſonen-Wechſel war für die dortige kleine Welt ein ſehr günſtiger. Der Herzog gab täglich bald größere, bald kleinere Soupers, bei denen wir ein für allemal geladen waren und wenn er einmal keine Leute bei ſich hatte, ſo kam er mit ſeinem Adjutanten bei uns en famille den Abend zu⸗ zubringen. Aber auch auf ihn wurde mein Mann leider nur zu bald eiferſüchtig, obgleich der Herzog nicht den geringſten Anlaß dazu gab und nun machte er mir wieder unaufhör- liche Scenen. Der Herzog, der viel Ehrgefühl und Charakter- feſtigkeit beſaß, bemerkte dies nach einiger Zeit, nahm nun meinem Mann gegenüber einen ſehr ernſten Ton an und in der That gelang es ihm, auf dieſen einen ſolchen Einfluß zu gewinnen, daß er wenigſtens für einige Zeit ſein Benehmen gegen mich vollkommen änderte.
Im Jahre 1756 kam die Prinzeſſin Amalie durch Magde⸗ burg auf ihrem Weg nach Quedlinburg, um ſich dort als Aebtiſſin inthroniſiren zu laſſen. Sie bat mich ſehr ſie zu begleiten und ſo ging ich mit und blieb die ganze Zeit ihrer Anweſenheit in Quedlinburg mit ihr dort.
Kaum waren wir zurück, ſo begann der ſchreckliche Krieg
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mit Oeſterreich und allen ſeinen Bundes-Genoſſen von Neuem; unſere ganze Garniſon rückte in's Feld und Magdeburg ward mit einem Mal ſo ſtill wie eine Einöde.
Im Jahre 1757 ſtarb die Königin-Mutter, die ich ſo innig geliebt und verehrt hatte und dieſer Verluſt war mir ein großer Schmerz; aber noch weit, weit bittrer war mir im folgenden Jahre der Tod des Prinzen von Preußen, über den ich mich ganz unausſprechlich grämte. Er hatte Unglück beim Rückzug aus Böhmen gehabt; die Oeſterreicher hatten ihn hart gedrängt und ſeinen Truppen großen Schaden zuge⸗ fügt, was ihm vielen Kummer bereitet und ihm die Ungnade des Königs zugezogen hatte. Er verließ in Verzweiflung hierüber die Armee, ward ganz ſchwermüthig und endlich auch krank und ſtarb aus Gram in Oranienburg. Um Die ſelbe Zeit hatte ich das Unglück meinen älteſten Sohn zu verlieren. Er war ſieben Jahr alt und ſtarb faſt bei Tiſche im Verlauf einer Viertelſtunde an einem Pflaumenkern, den er verſchluckt hatte und der ihn erſtickte! — Dieſer Verluſt, um den ich ewig trauern werde, erſchütterte mich ſo, daß er mich auf das Krankenbett warf und meine Geſundheit für lange Zeit zerſtörte. Alle Menſchen in Magdeburg, mit denen wir uns befreundet hatten, waren unbeſchreiblich gut für mich in dieſer Zeit und verſuchten Alles um mich zu tröſten; aber die Zeit allein kann den Schmerz einer ſolchen Wunde einigermaßen mildern, wenn man ihn auch nie ver— geſſen lernt.
Auch mein Mann that Alles was er konnte um mich zu zerſtreuen und aufzurichten und war in dieſer Unglücks⸗ zeit ſehr gut für mich. Ihm zu Liebe verſuchte ich auch meinen Schmerz zu bezwingen ſo viel es in meiner Macht
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war, aber ich konnte dies liebe Kind keinen Augenblick ver- geſſen, das von der Wiege an ſo rührend freundlich, ſo fromm und gehorſam geweſen war! Doch hat der liebe Gott mir die große Gnade erwieſen, daß ich an den beiden Kindern, die mir geblieben ſind, nur Freude und Glück erlebt habe.
Im Jahre 1759, nach dem Unglück bei Kunersdorf, verjagten die Feinde den Königlichen Hof aus Berlin. Er flüchtete ſich nach Magdeburg“). Daſſelbe wiederholte ſich 1760 und 1761 und in dem letzteren Jahre war der Hof ſogar ge: zwungen, mehrere Monate lang zu bleiben. Wir mußten jedesmal aus unſerm Haufe ausziehen, um daſſelbe der Prin zeſſin von Preußen zu überlaſſen, für die keine andere hin⸗ reichend große Wohnung zu finden war. Ein Theil der Berliner Geſellſchaft war dem Hof gefolgt, aus Angſt vor den Feinden; faſt alle meine Bekannten und Freunde waren jetzt zeitenweiſe dort verſammelt und nicht nur ſie, ſondern auch die Höfe waren für mich voller Güte und Freundlichkeit und beſonders war mir die Anweſenheit der von mir ſo innig verehrten Prinzeſſin Heinrich ein großer Troſt.
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Neben dieſen Aufzeichnungen über den äußeren Verlauf ihres Lebens findet ſich in dem Nachlaß der Gräfin von Voss ein franzöſiſch geſchriebenes Tagebuch, das mit dem Jahre 1760 beginnt und bis zu ihrem Tode 1814 fortgeht. Leider iſt daſſelbe zu wortkarg und notizenhaft gehalten, um einen
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) Bekanntlich ſchrieb Friedrich II. am 12. Auguſt 1759 nach dem Tag bei Kunersdorf an den Miniſter Finkenſtein, auf einem Stück Papier, das noch vorhanden iſt: Sauvez la famille Royale. Je mai plus de ressources et à ne point mentir je crois tout perdu. Je ne survivrai point à la perte de ma patrie! Adieu pour jamais. —
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Einblick in ihr inneres Leben thun zu laſſen. Zugleich iſt es mit großer Vorſicht geſchrieben, giebt oft Andeutungen, die nur ihr ſelbſt beim Nachſchlagen verſtändlich ſein konnten oder ſetzt ſtatt der Namen nur Anfangsbuchſtaben, beſchränkt ſich überhaupt auf die kurzmöglichſte Erwähnung der äußeren Ereigniſſe jedes Tages, meiſt ohne irgend welche Empfin⸗ dungen oder Reflexionen daran zu knüpfen. Trotz dieſes dürftigen und trockenen Inhalts iſt es vielleicht nicht ohne Intereſſe, wenigſtens einen flüchtigen Blick in daſſelbe zu werfen; denn für die Signatur der damaligen Lebensge⸗ wohnheiten wird es vollkommen genügen, nur die Notizen einiger Monate hier einzuſchalten, welche auf eine faſt räthſel⸗ hafte Art zeigen, wie in derſelben Zeit, wo der König durch Verluſte und Unglück jeder Art gebeugt, nur mit um ſo größerem Heldenmuthe gegen die Uebermacht ſeiner Feinde rang, man an dem Hof ſeiner Gemahlin, ſeiner Schweſter und Schwägerinnen ſich die Zeit mit kleinen Luſtbarkeiten zu vertreiben ſuchte, kaum ernſtlich darum bekümmert, wie viel Gebiete des unglücklichen, vom Krieg erſchöpften Landes zur Zeit gerade in der harten Hand der Ruſſen, der Oeſterreicher oder der Franzoſen ſeufzten. Dies frappirt um ſo mehr, wenn man den damaligen Stand der Ereigniſſe in's Auge faßt. Allerdings hatte die ſiegreiche Schlacht bei Liegnitz am 15. Auguſt 1760 dem bedrängten König für den Moment Luft geſchafft; aber ſie war auch der erſte Sonnenblick nach einem ganzen Jahr voller Trübſale und Niederlagen. Wie wenig Friedrich II. ſich über die faſt verzweifelten Schwierig⸗ keiten ſeiner Lage täuſchte, beweiſt jener Brief, den er am 18. September aus Breslau an den Marquis d'Argens ſchrieb
und in welchem der Held, deſſen unerſchütterlicher Mannes⸗ Am Preußiſchen Hofe. 5. Aus“. 4
muth jo harte Proben beſtanden hatte, feine Lage mit tiefem Schmerz als eine faſt hoffnungsloſe ſchildert.
5 . „Die Gefahr“, ſagt er darin, „hat nur eine andere Geſtalt angenommen, aber noch iſt nichts entſchieden. Ich ver⸗ zehre mich langſam; ich bin wie ein Körper, dem täglich einige ſeiner Glieder entriſſen werden. Der Himmel wolle uns bei- ſtehen! — es iſt uns ſehr nöthig. Sie erinnern mich immer an meine Perſon, aber Sie ſollten ſich vor Allem ſagen, daß es nicht nöthig iſt, daß ich lebe, wohl aber daß ich meine Schuldigkeit thue und für mein Vaterland kämpfe um es zu retten, wenn dies noch möglich iſt. Sie können ſich keinen Begriff von den entſetzlichen Mühſeligkeiten machen, die wir ertragen; dieſer Feldzug übertrifft darin alle unſere früheren und bisweilen weiß ich nicht, wohin ich mich wenden ſoll. Meine Heiterkeit iſt längſt mit all' den lieben theuren Freunden begraben, an denen mein Herz ſo feſt hing. Traurig und voller Schmerz iſt das Ende meines Lebens, — vergeſſen Sie Ihren alten Freund nicht, lieber Marquis! ....“
Und in einem ſpäteren Schreiben an d'Argens vom 28. October, kurz vor der Schlacht bei Torgau, ſieht man ſogar den Gedanken an eine völlige Vernichtung dem bedräng⸗ ten Monarchen vor Augen treten.
. „Nie“, ſagt er in dieſem Briefe, „werde ich den Augenblick erleben, der mich zwingt, einen ſchmachvollen Frieden zu ſchließen, und kein Beweggrund der Welt wird im Stande fein, mich zu zwingen, meine eigene Schande zu unterzeich- nen. Entweder ich komme unter den Trümmern meines Vaterlandes um oder, findet das Geſchick das mich verfolgt dieſen Tod noch zu ſüß, ſo werde ich mein Unglück endigen, wenn es nicht mehr möglich iſt, es mit Ehren zu ertragen.
Ich habe nie anders gehandelt als nach meiner beſten Ueber— zeugung und den Geboten der Ehre gemäß, und auch der letzte Schritt meines Lebens ſoll noch mit dieſen Grundſätzen übereinſtimmen. Meine Jugend habe ich meinem Vater, mein Mannes-Alter dem Vaterlande geopfert und habe nun wohl das Recht, wenigſtens über mein Alter ſelbſt zu be— ſtimmen. Es giebt Leute, die ſich allen Schickungen gegen— über beugen und unterwerfen, das iſt nicht meine Sache. Ich habe nur für Andere gelebt, für mich aber will ich ſterben, werde nicht viel darnach fragen, was die Welt dazu ſagen mag, und denke: ich werde dann auch nichts mehr davon hören. Wenn Alles uns verläßt, die Hoffnung ſelbſt zerbricht, dann iſt das Leben Schmach und Sterben unſere Pflicht!“ —
Angeſichts einer ſo ſchweren Bedrängniß des Vaterlandes und deſſen Helden-Königs, deren drohenden Ernſt die eben erwähnten Briefe ahnen laſſen, kann man ſich des befremd— lichen Eindruckes nicht erwehren, den das Leben am Hof macht, von dem nachſtehende Aufzeichnungen uns ein Bild geben. Es würde ſehr ungerecht ſein, den einzelnen Perſonen aus dem einen Vorwurf machen zu wollen, was in der Auf— faſſung und Lebensweiſe der Zeit lag; nur die Verſchiedenheit von Einſt und Jetzt tritt uns mit greller Deutlichkeit hierin entgegen.
Zum Verſtändniß der folgenden Notizen wird es ge— nügen, einige der Perſonen, welche darin genannt werden, näher zu bezeichnen. Wir begegnen hier natürlich zuvörderſt der regierenden Königin Eliſabeth Chriſtine, Gemahlin Fried— richs des Großen, Tochter des Herzogs von Braunſchweig—
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Lüneburg- Wolfenbüttel, geboren den 8. November 1715, vermählt den 12. Juni 1733, die erſt elf Jahre ſpäter als ihr Königlicher Gemahl, im Jahre 1797, ſtarb. Ferner deren Schweſter, der Gemahlin und nunmehrigen Wittwe des 1758 verſtorbenen Prinzen von Preußen, und deren Sohn, dem zur Zeit ſechszehnjährigen Prinzen von Preußen und nach— maligen König Friedrich Wilhelm II. Dann der ſchon früher erwähnten, 1723 geborenen Prinzeſſin Amalie, Aebtiſſin von Quedlinburg, deren einſtmalige Leidenſchaft für den unglück— lichen Trenck nur zu bekannt iſt. Ebenſo weiß man, wie hart die Strafe des tapferen jungen Offiziers für das Vergehen dieſer unerlaubten Neigung war. Jahre lang in der Feſtung Glatz gefangen gehalten, gelang es ihm, nach vielen mißlungenen Verſuchen, doch endlich von dort zu entfliehen und zwar in Begleitung eines andern Gefangenen. Aber ſchon beim erſten Sprung in den Wallgraben hinab, brach dieſer den Fuß und Trend, der ihn nicht hülflos ver— laſſen wollte, trug den Gefährten während dieſer ganzen gefahrvollen Flucht auf ſeinen Schultern bis über die böhmiſche Grenze hinüber. Leider weckte er jetzt den Zorn des Königs durch ſtrafbare Indiskretionen auf's Neue, und von Rußland aus, wohin er gegangen war, wieder aus— geliefert, kam er nun auf die Feſtung nach Magdeburg. Zehn Jahre lang lag er hier mit ſechszig Pfund ſchweren Ketten belaſtet, in einem eigens für ihn gegrabenen Kerker, achtzig Fuß tief unter der Erde, und nur eine Rieſennatur wie die ſeinige, konnte lebend dies Alles überdauern. Zur Steuer der Wahrheit muß hierbei geſagt werden, daß der König von der grauſamen Härte dieſer Behandlung nichts ahnte. Er hatte nur geſagt, man ſolle den Gefangenen nicht
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wiederum entſpringen laſſen; durch eine Privatrache des Feſtungskommandanten wurden Kerker und Ketten unter dieſem Vorwande zu der verhängten Strafe hinzugefügt. Endlich gelang es dennoch den unermüdlichen Bemühungen ſeiner Geliebten, der Prinzeſſin Amalie, den unglücklichen Trenck zu befreien. Am Ende des ſiebenjährigen Krieges verſuchte ſie die Kaiſerin Maria Thereſia für den Gefangenen zu gewinnen. Der Preis von 10,000 Dukaten erkaufte einen vertrauten Diener derſelben, der es wirklich erreichte, die Kaiſerin zu vermögen, Trenck's Freilaſſung als eine der Bedingungen des Friedensſchluſſes zu fordern; doch ward dieſelbe von Friedrich II. nur unter gleichzeitiger Verbannung aus Preußen gewährt. Trenck zog jetzt eine Weile ruhelos ums her, verheirathete ſich endlich und ließ ſich in Aachen nieder, wo ſein Haus ſich nach und nach mit einem Häuflein von acht Kindern füllte. Nach Friedrichs des Großen Tode er— langte er die Erlaubniß, nach Preußen zurückzukehren und ſah die einſtmals ſo heiß geliebte Prinzeſſin noch einmal wieder, welche ihm verſprach, ſeine älteſte Tochter zu ſich zu nehmen; doch der Tod, der ſie gleich darauf ereilte, ließ dies Verſprechen nicht mehr zur Ausführung kommen. Wenigſtens gelang es dem lange Verbannten, den noch übrigen Reſt ſeines einſtmaligen Erbtheils in Oſtpreußen in Beſitz zu nehmen und mit dieſem ſich in Paris niederzulaſſen, wo er wenige Jahre ſpäter unter der Guillotine enden ſollte. Die arme Prinzeſſin, welche für die Befreiung des ſchönen, toll⸗ kühnen Abenteurers ſo große Treue und Aufopferung bewies, ſchien ihre ganze Liebesfähigkeit in dieſer einzigen Neigung erſchöpft zu haben. Von Kummer und einer frühzeitigen Kränklichkeit verdüſtert, war ſie nach und nach ſo ſchroff
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und bitter geworden, daß fie nach einem Epigramm ihres Bruders Heinrich nur noch „la fee malfaisante“ hieß und durch ihre Thorheiten und ihr argwöhniſches Mißtrauen bald der Schrecken des ganzen Hofes ward.
Der hellſte Stern und der Glanzpunkt deſſelben war da— gegen die ſchöne, jugendliche Gemahlin des Prinzen Heinrich, des zweiten Bruders des Königs. Dieſe wegen ihrer Schönheit viel gefeierte Fürſtin, Wilhelmine, Tochter des Prinzen von Hefjen-Gafjel, war 1726 geboren und 1752 dem Prinzen ver⸗ mählt worden. Sie hatte keine Kinder, erreichte ein ſehr hohes Alter und ſtarb erſt im Jahre 1808, während des Aufenthalts des Hofes in Königsberg. In ihrer Jugend ſcheint jene geift- - volle Prinzeſſin der Liebling des Hofes und der Geſellſchaft geweſen und anſtatt mit ihrem Namen oder Titel, nur mit einer ganzen Reihe ſchmeichelhafter Beinamen, als: die Schönheit, la belle fee, la divine oder J'incomparable ge⸗ nannt worden zu ſein. Thiébault erwähnt ſie in ſeinen „Souvenirs de vingt ans“ immer nur mit Ausdrücken der Bewunderung und ſagt unter Anderm über ſie:
„Die Gemahlin des Prinzen Heinrich war in der That von großer Schönheit und der friſcheſten Jugendlichkeit. Nicht ihre Züge allein waren reizend, auch ihre Geſtalt, ſchlank und voll zugleich, war unvergleichlich, und die angeborne Würde ihrer Haltung erhöhte noch den Eindruck ihrer Erſcheinung.“
Dieſe Fürſtin beehrte die nachmalige Gräfin Vosſ mit ihrer beſonderen Freundſchaft und ſelbſt noch jung, heiter und lebensluſtig, ſuchte ſie auch dieſe, welche ſo manchen Kummer nur mit Mühe niederkämpfte, zu erheitern und zu zerſtreuen. Sie iſt es auch, welche immer gemeint iſt, wenn es kurzweg „die Frau Prinzeſſin“ heißt. Von ihrem Hof—
ſtaat finden hier nur die Oberſthofmeiſterin Gräfin Blumen⸗ thal und die beiden Hofdamen Frau von Marſchall, geborene von Wrech und deren Tochter, Frau von Tauenzien, Er⸗ wähnung, der Hofmarſchall Herr von Wrech und der Kammerherr von Knyphauſen.
Vom Hofſtaat der Königin werden zuweilen die beiden Kammerherren Graf Lehndorff und Baron Müller genannt, ſowie die Oberſthofmeiſterin Gräfin Kannenberg. Von dem Hofſtaat des jungen Prinzen von Preußen: ſein Gouverneur Graf Borke und der alte Kammerdiener und Vertraute ſeines verewigten Vaters, Sperandieu; von fremden Ge— ſandten nur der engliſche, Mitchell, außerdem aber die Namen einer Menge Kriegsgefangener, deren vornehmſte der König aus beſonderer Rückſichtnahme immer nach Magdeburg zu ſchicken pflegte, wo ſie, durch ihr Ehrenwort gebunden, ſich im Uebrigen vollkommen frei bewegten und von den Höfen mit Wohlwollen und Höflichkeit behandelt wurden. So die hier öfter genannten Prinzen von Naſſau und von Naſſau⸗Uſingen, die Grafen Seckendorf, Lamberg und Nugent, welch letzteren man nicht mit dem Nugent verwechſeln darf, der kurz vor und nach dem ſiebenjährigen Kriege öſterreichiſcher Geſandter in Berlin war.
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Magdeburg, 1. September 1760.
Ich ſchrieb Briefe nach Berlin, aß bei Frau von Kraut, ſpielte nach Tiſch Komet mit dem Prinzen von Uſingen, Baron Müller und Kraut und fuhr um fünf Uhr nach Hauſe. Abends war ich an Hof bei der Prinzeſſin von Preußen, wo ich Triſet ſpielte mit Herrn von Wolde, Graf Borke und meinem Mann. Beim Souper ſaß ich
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zwiſchen Graf Borke und Frau von Goltz; um ein Uhr nach Hauſe. 2. September.
Den Morgen über geleſen und gearbeitet. Der Prinz von Naſſau und Graf Seckendorf kamen zu mir. Die Frau Prinzeſſin war eben aus Helmſtedt zurückgekehrt, ich ging einen Augenblick zu ihr, dann an Hof, wo ich Triſet ſpielte mit Frau von Bredow, Graf Borke und Herrn von Neu— meiſter. Zum Souper fuhr ich zur Prinzeſſin und um halb elf Uhr nach Hauſe.
3. September.
Ich war den ganzen Morgen allein und den Nach- mittag mit meinem Mann und meinen Kindern, Abends kam Baron von Pöllnitz; wir fuhren mit ihm an Hof, wo ich Triſet ſpielte mit Frau von der Marwitz, Herrn von Schwerin und Graf Lamberg. Beim Souper ſaß ich zwiſchen Frau von Goltz und dem Prinzen von Naſſau.
4. September.
Den Morgen über las ich in Cicero's Briefen, dann kam die Prinzeſſin von Preußen mit Frau von Wakenitz und Frau von Maupertuis zu mir und ich ging mit ihnen auf dem Fürſten⸗Wall ſpazieren. Um ein Uhr kam Frau von Kraut und ihr Mann, der Prinz von Naſſau, General Nugent, Frau von Kneſebeck, Podewills, Pöllnitz, Fürſt und Bredow, die bei uns aßen; die ganze Geſellſchaft war guter Laune, beſonders Pöllnitz. Nach Tiſch ſpielten wir alle Komet, ſpäter kamen noch Oberſt F., Müller, Goltz, Marwitz, Lamberg und Wrede und nach dem Thee um ſechs Uhr gingen alle fort und ich zog mich an und fuhr an Hof, wo nur wenig Menſchen waren, weil zwei Soupers bei der
Prinzeſſin und bei der Prinzeſſin von Preußen ftattfanden. Ich ſpielte Triſet, beim Souper ſaß ich zwiſchen Frau von Kraut und Frau von Fürſt. Man ſprach nur vom Krieg und um ein Uhr fuhr ich nach Hauſe.
5. September.
Ich ſchrieb Briefe, dann kam der Pianiſt Schaffroth zu mir und ich muſizirte mit ihm. Um vier Uhr zog ich mich an und fuhr in die Aſſemblée, wo ich Triſet mit Frau von Kameke, Herrn von Goltz und Graf Lehndorff ſpielte. Nach der Aſſemblee fuhr ich zum Souper zur Prinzeſſin, wo ich mit Forcade, Wrede und Goltz ſpielte. Außer uns Beiden waren keine Frauen da, von Herren nur noch Fürſt, Blumenthal und Lamberg. Man war ſehr heiter und lachte viel und um elf Uhr fuhr ich nach Hauſe.
6. September.
Den Morgen über geleſen, um elf Uhr mit meinem Mann und Frau von Fürſt ſpazieren gefahren. Nach Tiſch zog ich mich an und fuhr zum Hof-Concert. Die Muſik war recht gut, ich ſpielte Picket mit Fürſt, Kneſebeck und Bredow, fuhr zum Thee nach Hauſe und Abends wieder an Hof, wo ich Triſet ſpielte, ſoupirte und um elf Uhr zurück kam.
7. September.
Ich war in der Kirche, Fürſt und Bredow aßen bei uns, nach Tiſche gingen wir ſpazieren und nach dem Thee zog ich mich an und fuhr an Hof, wo es ſehr voll war. Ich ſpielte Komet mit Lamberg und dem Prinzen von Naſſau, blieb jedoch nicht zum Souper und fuhr früh nach Hauſe.
8 8. September. Wie alle Tage um acht Uhr aufgeſtanden, Thee getrunken und zu den Kindern gegangen, dann meine Gebete geleſen und dann mit Schaffroth muſizirt. Um ein Uhr aß ich mit der Kneſebeck und der Kraut bei der Prinzeſſin in Rothenſee, wo nur ihre Damen und Herren waren. Nach Tiſch wurde vorgeleſen, dann Kegel und ſpäter Picket und Triſet geſpielt. Gegen ſieben Uhr fuhren wir zur Stadt zurück; man plauderte ein bischen, ſetzte ſich wieder zur Parthie und dann zum Souper, das bis elf Uhr dauerte. 9. September. Mein Sohn war nicht wohl, aber der Arzt verſicherte mir, es hätte nichts zu bedeuten. Um elf Uhr fuhr ich zur Blumenthal und von da zum Eſſen zur Kraut, wo ich die Meyer, Graf und Gräfin Finkenſtein, Krenz und Pöllnitz fand. Man war ſehr munter bei Tiſch, Nachmittags kamen noch der Marſchall Lamberg, der Prinz von Uſingen, Nugent und Wrede; man ſpielte nicht, wie gewöhnlich, ſondern plauderte nur und machte tauſend Scherze. Um fünf Uhr fuhr ich nach Hauſe, fand meinen Mann eben heimgekehrt, der mit Bredow, Goltz, Neumeiſter und Marwitz auf der Jagd geweſen war, und wir baten dieſe Herren, mit uns zu ſoupiren. Es kamen noch einige Damen dazu, man ſpielte erſt Triſet, ſetzte ſich dann zu Tiſche und war ſehr heiter und guter Dinge. 8 10. September. Um acht Uhr trank ich meinen Thee, dann meinen Kaffee und hernach ging ich zu meinen Kindern. Mein Sohn iſt noch immer nicht beſſer, aber ich hoffe dennoch, da der Arzt es verſichert, es hat nichts zu ſagen! — Schaffroth
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kam und ich machte Muſik mit ihm. Dann fuhr ich mit meinem Mann zur Königin, bei der wir zum Diner be— fohlen waren. Nach Tiſche holte ich die Cocceji ab und fuhr mit ihr zur Aſſemblée bei der Marſchallin Schmettau; aber ich hatte ein trauriges und ſchweres Herz um mein liebes Kind. Ich ſpielte Picket und ſoupirte, aber ich konnte es nicht bis zu Ende aushalten, fuhr nach Hauſe und ging zu den Kindern. 11. September.
Gottlob! mein Sohn iſt heute wieder ganz wohl!! — Sobald ich friſirt und angezogen war, ging ich zur Prinzeſſin, die ſehr gnädig für mich war; zu Tiſche war ich bei Frau von Kraut, deren Geburtstag heute iſt, auch die Marſchallin, die Kneſebeck, Prinz Uſingen und Oberſt Lilienberg waren dort. Alles war ſehr heiterer, übermüthiger Laune und nach dem Kaffee wurde, wie immer, Karten geſpielt. Abends war ich bei der Prinzeſſin von Preußen, wo es ſehr voll war. Ich ſpielte Komet mit dem jungen Prinzen von Preußen, beim Souper ſaß ich zwiſchen der Henckel und dem Prinzen Heinrich. Um halb elf Uhr war ich zu Hauſe und konnte heute doch wieder froh und ruhigen Herzens über mein liebes Kind ſchlafen gehen.
8 12. September.
Den Morgen mit Schaffroth bis ein Uhr muſizirt, dann hatten wir Leute zu Tiſche, die Marſchallin Schmettau, die Goltz, Herrn und Frau von Bredow, Herrn und Frau von Schwerin, Müller, Goltz und Marwitz. Baron Müller war ſo übermüthiger Laune, daß er die ganze Geſellſchaft in einem Lachen erhielt. Nach dem Kaffee zog ich mich an und dann fuhren wir Alle zuſammen in die Aſſemblée beim
ge Graf Lamberg, wo ich mit Kraut und dem Prinzen von Naſſau eine Parthie machte. Es war ſehr voll; ich fuhr von dort aus einen Augenblick zur Prinzeſſin und dann an Hof, wo ich eine Parthie mit Kraut und Herrn von Tulner machte, der erſt eben vom Heer eingetroffen iſt. Die Königin war verſtimmt, fie ſchalt ſehr über die zu großen Aufmerk- ſamkeiten, welche man hier den gefangenen Ausländern erweiſe; in Folge deſſen ſtockte die Konverſation bei Tiſche und wollte nicht wieder in Gang kommen, und ſie hob die Tafel ſchon um halb elf Uhr auf. 13. September.
Man beunruhigt ſich ſehr um den Gang des Krieges, beſonders wegen der ſchrecklichen Forderungen des Prinzen von Würtemberg, der mit 6000 Mann bei Halle ſteht. Von der Armee des Königs hört man nichts, man ſagt, ein
| Korps wäre detachirt worden, um die Stadt Kolberg zu
befreien, die von den Ruſſen belagert wird. Der Prinz Heinrich hat ſich mit dem König brouillirt und iſt nach Breslau. Heute Nachmittag gingen wir nach dem Werder ſpazieren, wo Nugent und der Prinz von Naſſau uns ein- holten; als es anfing, kalt zu werden, gingen wir zuſammen zur Kraut und ſpielten Komet. Beim Souper wurde viel von neu erſchienenen Büchern geſprochen und die Unter— haltung war ſehr lebhaft und intereſſant. 14. September.
Ich las mit meinem Mann eine Predigt, dann aß ich mit der Prinzeſſin zu Mittag; nach Tiſch wurde Kegel ge— ſpielt, dann arbeitete und plauderte ich mit ihr bis ſechs Uhr, fuhr nach Hauſe, um mich anzuziehen und dann an Hof, wo es ſehr voll war. Ich ſpielte Komet mit der
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Prinzeſſin, dem jungen Prinzen von Preußen und dem Herzog von Naſſau. Die Königin war ſehr übler Laune, aber als Finkenſtein anfing, alte Geſchichten aus Schweden zu erzählen, lächelte ſie zuletzt doch und behielt uns bis nach elf Uhr bei Tafel.
15. September.
Ich war den Abend bei der Prinzeſſin Amalie und litt wie gewöhnlich unter ihrer Laune.
16. September.
Die Prinzeſſin fuhr nach Rothenſee, kam bei mir vor und wollte mich gern mitnehmen, aber ich konnte nicht mit, weil Schaffroth bei mir war und ſo muſizirte ich mit ihm von zehn bis ein Uhr. Abends waren wir bei der Prinzeſſin von Preußen, wo auch die jungen Prinzen mit ihren Gouverneuren waren, außerdem Graf Wartensleben, Graf Biron, der Prinz von Naſſau, die Cocceji, die Neumeiſter, die Bredow und die Geuder. Ich ſpielte Komet mit dem Prinzen von Preußen, dann wurde Commers geſpielt. Ach, ſeit wie viel Tagen hat man nun ſchon keine Nachrichten mehr vom König und weiß gar nicht, was vorgeht! — Nur der Herzog von Würtemberg glänzt in Halle durch die Scheußlichkeiten, die er dort begeht und die ungeheuren Geld— Kontributionen, die er eintreibt, und man kann wohl ſagen, daß er den Krieg führt, wie ein Straßenräuber.
17. September.
Nachmittags in der Aſſemblée bei der Marſcchallin, Abends bei der Prinzeſſin. Kaum war ich zu Hauſe und zu Bett gegangen, als der Wagen der Blumenthal kam, mich abzuholen, mit ihrer Bitte, ihr beizuſtehen, da ſie im Begriff ſei, niederzukommen. Ich fuhr gleich zu ihr, das Kind kam
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ſchon um ein Uhr, aber ich blieb doch bis zum Morgen, weil ſie nicht ſchlafen konnte; übrigens ging es ihr, Gott— lob, ganz gut.
18. September.
Ich blieb bis elf Uhr bei der Wöchnerin, wollte nun zu Haufe, um mich umzuziehen, aber begegnete unglücklicher⸗ weiſe unterwegs der Königin, die gerade ſpazieren fuhr, mir befahl, bei ihr einzuſteigen und mich bis nach ein Uhr bei ſich behielt. Nun erſt konnte ich nach Hauſe und mich ankleiden, fuhr dann zum Eſſen zurück zur Blumenthal und blieb bei ihr bis zehn Uhr Abends.
19. September.
Ich ging früh um acht Uhr zu der Wöchnerin, wo ich mich auch anziehen und friſiren ließ, um bis zum Augen⸗ blick bleiben zu können, wo ich zur Cour der Königin mußte; doch blieb ich nicht zum Souper dort.
29. September.
Vom 21. bis heute ging ich jeden Morgen ebenſo wie bisher um acht Uhr zur Blumenthal und blieb den Tag über bei ihr bis zum Abend, wo ich zur Cour der Königin gehen mußte. Heute war die Taufe, bei welcher der ganze Hof in corpore Pathen ſtand. Die heilige Handlung dauerte von vier bis fünf Uhr, dann ſervirte man eine ſehr ſchöne Kollation und alle Leute ſchienen zufrieden. Ich blieb, als Alles fort war, noch bis zum Abend und ging dann zur Prinzeſſin von Preußen, wo Liebhaber-Theater geſpielt wurde. Alles war ſehr guter Laune und das Souper äußerſt
heiter und animirt. 3. October.
Ein paar Tage lang war ich unwohl, aber heute geht es beſſer und ich habe wieder bei der Prinzeſſin von
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Preußen gegeſſen. Nach Tiſche war ich in der Aſſembleée und dann an Hof, wo ich beim Souper zwiſchen Graf Borke und General F. ſaß, der nur auf einige Tage hergekommen iſt. Er war ſehr traurig, morgen wieder abreiſen zu müſſen, und ich war es nicht minder aus demſelben Grunde, und auch traurig wegen der ſchlechten Nachrichten vom Heere und von Hülſen, den die Kaiſerlichen und die Würtem⸗ bergiſchen Truppen, nachdem ſie Torgau und Wittenberg genommen, jetzt gezwungen haben, ſich bis auf ſechs Meilen von hier zurückzuziehen. Alle Welt zittert für Berlin und wir ſind mit Recht in tauſend Aengſten. 4. October. Abends war ich an Hof, wo Alles in großer Sorge um Berlin war, denn die Ruſſen nähern ſich immer mehr. Beim Souper bekam die Königin einen Brief, welcher ihr meldete: die Ruſſen hätten vorgeſtern Berlin aufgefordert, ſich zu ergeben; auf die erhaltene Weigerung hin von früh Morgens bis ſieben Uhr Abends die Stadt bombardirt und dann längs der Stadtmauern Feuer angelegt. Die Königin ſagte uns kein Wort von dem Allen, aber ich erfuhr es durch ihren Kammerdiener und Frau von Cocceji ſchrieb mir gleich darauf ein Billet, um es mir noch genauer zu ſagen. Voller Angſt und Unruhe um das arme Berlin und ſeine unglücklichen Einwohner konnte ich keine Ruhe finden. 5. October. Der Schmerz um Berlin ließ mich nicht ſchlafen. Früh Morgens kam die Marſchallin von Schmettau, um mir zu ſagen, was auch ſie erfahren hatte, auch daß man ſehr viel brennende Bomben in die Stadt geworfen, die eine furcht— bare Verwüſtung angerichtet hätten; aber der Feldmarſchall
Lehwald und der General Seydlitz thäten Wunder von Tapferkeit und drängten die Feinde noch immer wieder zurück. Abends war ich bei der Prinzeſſin; die Nachrichten ſind dieſelben; man ſpricht von nichts Anderem.
6. October.
Ich hatte am Morgen die Spieltiſche für die Aſſemblée in Ordnung gebracht, die heute bei uns ſtattfinden ſoll, um vier Uhr kamen die Leute nach und nach an und es wurde ſehr voll. Ich habe nur einen Moment ſelbſt geſpielt, dann gab ich meine Karten Frau von Wakenitz und ging mich anziehen, und als die Geſellſchaft fort war, fuhr ich raſch an Hof, wo ich mit der Schönheit, dem jungen Prinzen von Preußen, und Kraut zuſammen Theater ſpielte. Beim Souper ſaß ich neben dem Prinzen; man ſprach nur von dem geliebten Berlin, eben war die Nachricht gekommen, daß die Ruſſen es wieder verlaſſen hätten und Alles war ganz toll vor Freude über dieſe unerwartete Rettung! —
7. October.
Wie an jedem Morgen las ich um acht Uhr meine Gebete, trank Thee, beſuchte meine guten Kinder, las die Zeitungen und ſchrieb an meine Mutter. Dann ließ ich mich friſiren und fuhr mit meinem Mann ſpazieren, zog mich darauf an und empfing die Menſchen, die zum Eſſen kamen, die Marſchallin Schmettau, die Koſt, die Wakenitz, Bach und Thulmeier, den Prinz von Naſſau und Nugent. Nach Tiſche ging ich zur Prinzeſſin und dann zur Prinzeſſin von Preußen, wo die Königin war, die mit dem Grafen von der Mark“), Graf Finkenſtein und General Goltz
*) Die Grafen von der Mark, eine alte Familie, die bald darauf
Komet ſpielte. Ich ſpielte mit dem älteſten Prinzen, der ſchönen Fee und Lehndorff. Die Königin erzählte uns: die Ruſſen ſeien wieder abmarſchirt; aber ach, man weiß jetzt ganz ſicher, daß ſie in Köpenick ſtehen, daß ſie Verſtärkungen erhalten haben und jetzt 15,000 Mann ſtark find. Die Königin hat ſie bereits durch Fürſtenwalde zurückgehen laſſen; ſie hat uns mit ihren Geſchichten bei Tafel zur Verzweiflung gebracht und ich war ganz todt vor Langeweile und froh, als ich mich um elf Uhr endlich zurückziehen durfte. 8. October.
Ich war bei der Aſſemblée der Marſchallin und ſpielte mit General Gemmingen und dem ſchwediſchen Oberſt. Alle Nachrichten, die heute mit der Poſt kamen, wiederholen, daß die Ruſſen Berlin rings umgeben, daß ſie 15,000 Mann ſtark ſind und daß ſie bereits die äußeren Alleen verbrannt haben; und leider zählt unſere Beſatzung in der Stadt nur 1500 Mann! —
Ich bin in tauſend Aengſten um meine Mutter, von der ich gar nichts weiß! — Abends war ich an Hof, wo man ganz daſſelbe erzählte, aber man hofft noch immer, wenn das Korps von Hülſen weiter vorrückt, daß es die Ruſſen wieder zurückdrängen wird. Mein Herz war ſo be— wegt und voll Kummer, daß ich kaum hörte, was um mich herum geſprochen wurde; als ich zu Hauſe kam, ging ich wohl zu Bett, aber ich konnte kein Auge zuthun; die Angſt und Unruhe hielten mich bis zum Morgen wach.
9. October.
Der Regierungspräſident Alvensleben und Torkelmann
erloſch, iſt nicht zu verwechſeln mit den Nachkommen Friedrich Wilhelm II., die dieſen Namen erhielten. Am Preußiſchen Hofe. 5. Aufl. 5
Er
kamen zu uns zum Eſſen. Man erhielt die Nachricht, daß man in Berlin ziemlich ruhig ſei, aber eine offene Feldſchlacht in der Nähe erwarte.
Abends war ich bei der Prinzeſſin von Preußen und ſpielte mit dem jungen Prinzen von Preußen. Man ſprach bei Tiſche von nichts als von unſerm armen Berlin und von der Angſt, die Jedem auf dem Herzen liegt.
MN: 10. October.
ai Berlin hat kapitulirt! — Es hat ſich dem Feind er- 10 geben, aber nicht den Oeſterreichern, ſondern den Ruſſen, in u der Nacht vom 8. zum 9., und diefe Unglücksnachricht ift 0 leider nur zu gewiß! — Da der Prinz von Würtemberg 95 und der General Hülſen in Erfahrung gebracht hatten, daß
10 der General Lascy mit 8000 Mann im Anmarſch ſei, um Eh, die Oeſterreicher zu verſtärken, verließen fie die Stadt mit ihrem geringen Häuflein und zogen ſich gegen Spandau zurück. Tottleben und der öſterreichiſche General Lascy ſind in Berlin eingerückt und haben zuvörderſt von den Thoren und den Königlichen Schlöſſern Beſitz ergriffen. Man ſagt, daß ſie bis jetzt noch gute Ordnung halten. Ich eilte gleich zu der Prinzeſſin und habe den Mann ſelbſt geſprochen, der von Berlin ankam und dieſe Nachrichten brachte. 11. October.
Man weiß heute nichts Neueres aus Berlin und allem Anſchein nach wird man für's Erſte auch wenig von dort erfahren. Die Ruſſen erlauben gar keinen Verkehr der Stadt nach Außen und laſſen keine Poſt mehr abgehen, und fo kann man fernerhin nichts erfahren, als unſichere Gerüchte. Mein Mann ſagte, das Gerathenſte ſei, von hier abzureiſen und ging zu Herrn Köppen, wo er erfuhr, daß heute früh
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bereits eine Berathung ſtattgefunden hat, alle Vorſichts⸗ maßregeln getroffen find und nach Braunſchweig geſchrieben worden: ob man im Nothfall den Königlichen Schatz dorthin ſchicken dürfe, auch falls die Lage noch ernſter werde: ob der Hof ſich nach jener Seite hin flüchten könne. Aber bis jetzt denkt man noch an keinen Aufbruch von hier und wird bleiben, ſo lange man irgend kann.
Nach Tiſche kam der Jude Ephraim, der Berlin wenige Stunden vor dem Einmarſch der Ruſſen verlaſſen hatte. Er verſicherte uns, noch ſei man hier geborgen; wenn irgend eine Gefahr für Magdeburg möglich wäre, würde er nicht hergekommen, ſondern mit ſeinen Werthſachen außer Landes gegangen ſein.
Abends war ich bei der Prinzeſſin, die böſe auf Kraut war, und ganz mit Recht, denn er hat in ihren Vorzimmern aus Sparſamkeit Talglichter anſtatt der Wachskerzen brennen wollen, worüber ſie ſehr beleidigt war.
12. October.
In der Kirche, wo der Paſtor Sucrow eine wunder- volle Predigt hielt. Er ſagte auf das Eindringlichſte und Ergreifendſte, daß wir in den Trübſalen, die uns treffen und beſonders in unſerem jetzigen Unglück vor Allem unſerer Sünden ernſtlich gedenken ſollten, unſere Hülfe allein bei Gott ſuchen, uns einzig auf Ihn verlaſſen, uns in Seinen Willen ergeben, unſer Glück und all unſeren Troſt in Seiner Gnade ſuchen ſollen und ſonſt nirgends! — Ach, wie glücklich wäre man, wenn man dies Alles wahrhaft zu Herzen nähme und wenn es Einem gelänge, ſein Herz von der Welt und ihrer Eitelkeit loszureißen! —
Nachmittags kam ein großer Wirthſchaftswagen von
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unſeren Gütern in Mecklenburg an, der Vorräthe, Wild und Küchenbedürfniſſe aller Art brachte, auch Briefe dabei, die nur erzählten, welche Menge von Menſchen bereits aus Berlin nach Strelitz geflohen ſeien. Dann kam eine Stafette aus Perleberg mit der Nachricht, die Schweden ſeien im Vorrücken begriffen, folglich werde der Weg von hier aus nach Mecklenburg ſehr bald nicht mehr frei ſein. Mein Mann ſagte mir, das Vorſichtigſte würde ſein, mich mit den Kindern augenblicklich dorthin zu ſchicken, ſo lange der Weg noch offen ſei; aber dieſer Plan war mir ſchrecklich. Abends ging ich an Hof, wo es ſehr voll war; alle Prinzeſſinnen waren gekommen und die Keyſerling, die nichts als Thorheiten im Kopfe hat, ſprach nur von Putz und Toiletten und machte mich ganz ungeduldig. Die Goltz ſchien ſehr ängſtlich und unruhig; ich bot ihr an, zu uns auf's Land zu gehen, im Fall wir hier fort müßten, und ſie nahm dies Anerbieten dankbar an. Die Königin ſprach unaufhörlich wie immer und wollte immer Recht haben. Sie ſagte: „Berlin habe gar nicht kapitulirt, Uneinigkeit ſei unter unſeren Generalen ausgebrochen, der Prinz von Würtemberg in Folge derſelben plötzlich von Berlin abgereiſt und das hätten die Ruſſen benutzt, um in die Stadt einzu⸗ dringen und wunderbarerweiſe hätten ſie es in der beſten Ordnung gethan.“ Das Letztere wäre gewiß nicht der Fall geweſen, wenn keine Kapitulation ſtattgefunden hätte, um es zur Bedingung zu machen.
Man glaubt jetzt, das Korps von Lasch ſei nicht in Berlin ſelbſt, und daß man, um uns zu täuſchen, es getheilt habe. Es heißt, Tottleben wohne im Königlichen Schloß, aber da keine Poſten von Berlin kommen, ſind dies Alles eben nur Gerüchte.
= 909.2
13. October.
Ich war wie immer den Abend an Hof, mein Mann zum Souper bei der Prinzeſſin Amalie. Während der ganzen Tafel ſprach die Königin unausgeſetzt und zwar nur über den Krieg, und verſicherte uns, ſie allein wiſſe genau Beſcheid über die Bewegungen der Heere. Frau von Roeder ſagte mir nachher: ein Offizier ſei aus Berlin angekommen, der ebenfalls ſage, es habe keine Kapitulation ſtattgefunden, die Ruſſen hielten aber trotz deſſen bis jetzt gute Mannszucht. Das Bataillon von Wunſch habe bei dem Rückzuge unſerer Truppen nach Spandau ſehr gelitten, von dem ganzen Ba⸗ taillon ſeien nur ſieben Mann am Leben geblieben. Ach, wie viel Blut wird vergoſſen in dieſem ſchrecklichſten aller Kriege, und wie muß man ſein Ende herbeiſehnen und es täglich von Gott erflehen! —
14. October.
Ich ging mit der Kneſebeck zu der ſchönen Fee, die uns zum Kaffee eingeladen hatte. Eine alte Franzöſin, eine Kartenlegerin, kam hin und wir ließen uns bereden uns von ihr wahrſagen zu laſſen, was jedoch einzig darin be= ſtand, daß ſie tauſend Unſinn ſprach und uns immerfort verſicherte, wir würden ſehr bald gute Nachrichten haben. Es wäre zu wünſchen, daß ſie darin wenigſtens wahr ſagte! —
Dann kam Graf Wartensleben der, wie gewöhnlich, den Narren ſpielte. Zu Hauſe empfing mich in der That die unerwartet gute Nachricht, daß die Ruſſen am 12. Berlin wieder verlaſſen haben! — Der Grund ihres plötzlichen Ab⸗ zuges iſt die Furcht vor dem Heranrücken des Königs, der aus Schleſien aufgebrochen ſein ſoll. Dieſe Nachricht hat
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fie aufgeſchreckt und fie haben nur 17,000 Thaler mit⸗ genommen. Das ſchreibt Kircheiſen aus Berlin durch eine Stafette an Finkenſtein. Drei Tage waren ſie nur in der Stadt, als das Gerücht, der König ziehe heran, ſie wieder verjagte. Lascy und Tottleben ſind jeder nach einer anderen Seite fort in's Land hinein. Ich ging an Hof und ſpielte Komet mit dem Prinzen von Preußen, Bella Fea und Schwerin, obgleich mir das ewige Karten-Spielen heut ganz unerträglich ſchwer wurde. Man erzählte, daß die Prin⸗ zeſſin Amalie um die Mittagszeit bei der Prinzeſſin an⸗ gekommen ſei, und dieſer ihr eigenes Diner mitgebracht habe, um dem Hofmarſchall Kraut einen Streich zu ſpielen, der zwei Speiſen von dem bisherigen Küchenzettel der Prin⸗ zeſſin geſtrichen hatte. 15. October.
Die Prinzeſſin ließ mich ſchon früh um 9 Uhr zu ſich holen und behielt mich bis 11 Uhr bei ſich. Sie war ſo glücklich und voller Freuden über den Rückzug der Ruſſen und die Wiederbefreiung Berlins, daß fie mir tauſend Zärtlich- keiten und Freundlichkeiten erwies, wie ſie es ja im Grunde immer thut. Ich habe niemals eine Prinzeſſin geſehen, die fo ganz und in Wahrheit wie fie, die Freundin ihrer Freunde iſt und nie ihr Benehmen gegen dieſelben ändert. Nach Hauſe zurückgekehrt, hatte ich noch viel zu ſchreiben; dann kam das Mittags⸗Eſſen für meinen Mann und mich allein, denn die Kinder waren nicht artig geweſen und ſollten zur Strafe nicht mit uns eſſen. Am Ende der Mahlzeit wurden ſie heraufgeholt und bekamen noch ihre Ermahnungen. Der Sekretair, den mein Mann kürzlich angenommen hat und der heute aus der Umgegend von Berlin hier ankam, ſagte
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uns, wie Unrecht die Generale gehabt hätten den Oeſterreichern auszuweichen, und daß der Rückzug des Prinzen von Wür⸗ temberg ſich ſehr kläglich ausgenommen habe, was uns ſchreck— lich leid that. Abends war ich an Hof; die Königin hatte eben eine Stafette erhalten mit der Nachricht: die Oeſter— reicher hätten Charlottenburg und Schönhauſen vollſtändig ausgeplündert und alle Leute die ſie in beiden Schlöſſern gefunden, getödtet oder mißhandelt. Bald nachher traf auch die Poſt aus Berlin wieder ein und eine Menge Menſchen erhielten Briefe, die alle auf das Bitterſte über die Oeſter⸗ reicher klagten, die ganz furchtbare Verwüſtungen angerichtet hätten, während vor ihnen die Ruſſen ſich vortrefflich be- nahmen. Sämmtliche Leute, die in Dienſten des Königs ſtehen, deren die Feinde irgend habhaft werden konnten, haben ſie getödtet oder furchtbar mißhandelt, die Möbel, Gemälde, Antiken und Kunſtſachen in den Königl. Schlöſſern zerſchlagen, zu den Fenſtern hinausgeworfen und zertrüm⸗ mert, kurz Alles, was ſie nicht mit fortnehmen und rauben konnten, haben ſie verbrannt oder ruinirt und zerſtört, ſämmtliche Pferde aus den Königlichen Ställen und ſämmt⸗ liche Wagen mit fortgeführt, und eben ſo Alles genommen, was dem armen Ober-⸗Stallmeiſter Schwerin gehörte, der im Marſtalle wohnte. Außerdem haben ſie alle Schatz⸗ kammern, garde-meubles, Speicher und Magazine von Grund und Boden aus verwüſtet oder rein ausgeplündert. Dieſe Nachrichten verbreiteten allenthalben eine ſolche Betrübniß, daß Niemand an etwas Anderes denken konnte. Es ſchmerzte uns doppelt, daß alle Briefe immer wiederholten: die Ruſſen hätten ſich wie ehrliche Leute und ehrliche Feinde, die Dejter- reicher und Sachſen dagegen, welche letztere beſonders in
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Charlottenburg hauſten, hätten ſich wie Barbaren und wie gemeine Diebe benommen. Mein Gott, welche Unzahl von Menſchen ſind durch alle dieſe Gewaltthaten verarmt und unglücklich geworden! Wenn dieſer Krieg noch lange dauert, ſo iſt die Zahl der Elenden die Alles verloren haben, bald ſo groß, daß Niemand mehr im Stande ſein wird ihnen bei— zuſtehen. 17. October.
Abends war ich bei der Prinzeſſin, wo die Nachricht eintraf, der König ſei von Guben aus im Vorrücken be⸗ griffen, habe bereits Sagan erreicht und man erwarte näch⸗ ſtens einen Zuſammenſtoß mit dem Feinde und eine neue Schlacht. Seit ihrem Rückzug aus Berlin haben ſich die Ruſſen auf Frankfurt repliirt, wo man ſagt, daß das Gros ihrer Armee ſteht, und man glaubt, daß ſich auch der König dorthin wenden werde um ſie anzugreifen. Der liebe Gott wolle uns den Sieg geben, unſeren Waffen den Ruhm und unſerem Lande den Frieden! —
Immerfort trafen neue Nachrichten über die Ver⸗ wüſtungen, Unmenſchlichkeiten und Grauſamkeiten ein, welche die Oeſterreicher rund um Berlin und in der ganzen Um— gegend begangen haben, während nur eine Stimme darüber iſt, wie gut und menſchlich ſich die Ruſſen benommen und welche vortreffliche Mannszucht General Tottleben ge— halten hat. r
19. October.
Ich war in der Kirche, Paſtor Sucrow hielt eine ſehr ſchöne Predigt. Dann las ich in der Geſchichte Ludwig XIII. Unterwegs hatte ich den Prinzen von Naſſau und Nugent begegnet und ihnen erzählt, wie entſetzlich die Oeſterreicher
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bei uns gehauft hätten. Um Mittag erhielt ich die traurige Nachricht, daß auch Schönfließ von Oeſterreichern beſetzt und ausgeplündert worden ſei, aber zum Glück war meine arme Mutter nicht mehr dort. Das Gut meines Bruders, Stülpe, iſt nicht verwüſtet worden; aber man hat eine große Summe Geldes bezahlen müſſen, um es von der Plünderung los zu kaufen. Gott weiß, wie ſehr dieſe Ver⸗ luſte und alles Unglück, das meine arme Mutter trifft, mich betrübt. Lascy hat bei ſeinem Rückzuge das Land furchtbar verwüſtet, die Oeſterreicher plünderten Alles rein aus, ſelbſt die Leichname in den Erb-Begräbniſſen haben ſie beraubt. Abends war ich an Hof und ſpielte mit dem jungen Prinzen von Preußen und Bella Fea, aber mein Herz und meine Gedanken waren nicht dabei. 21. October.
Endlich erhielt ich einen Brief meiner armen Mutter, die glücklicherweiſe jetzt in Strelitz iſt, aber ſehr klagt, auch die Koſacken ſeien zwei Mal in Schönfließ geweſen und ſie hätten die Leute recht ſchlecht behandelt. Zu gleicher Zeit erhielt mein Mann einen Brief ſeines Bruders, der ihm ein Manifeſt ſchickt, das General Werner in Schwerin publi- ziren läßt, in dem er eine Kontribution ausſchreibt, die Mecklenburg aufbringen ſoll und ſagt, er könne es nunmehr nur wie ein feindliches Land betrachten. Daß der Herzog von Schwerin die Thorheit gehabt hat, ſich in Regens— burg an die Spitze der Feinde Preußens zu ſtellen, muß ſein Land jetzt mit Kriegsſteuern und Naturallieferungen büßen.
Ich ſchrieb ſogleich an die Frau des Adminiſtrators unſerer Güter nach Groß-Giewitz und mein Mann ſchickte
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feinen Privatſecretair dahin ab, dem ich meinen Brief mit» gab. Zum Diner und Souper war ich bei der Prinzeſſin die, wie immer ſehr, ſehr gut und gnädig war.
22. October.
Der Leutnant Heinitz, Adjutant des Generals von Stutterheim, kam um ſich zu empfehlen und mir zu ſagen, daß der Prinz von Würtemberg den Befehl erhalten habe, ſofort in Mecklenburg einzurücken, daß der General ihm dahin folge und fie dort Winter⸗Quartiere beziehen ſollten. Ich fürchte, unſere Güter werden unter den Requiſitionen und Lieferungen ſehr zu leiden haben!
23. October.
Da ich geſtern erfuhr, daß das Corps des Prinzen von Würtemberg hier durchmarſchiren ſoll, weil der Herzog ſeinen Herrn Bruder, der beim Reichsheer iſt, aus Sachſen verjagen ſoll, ſo ſtand ich früher auf als gewöhnlich, um die Truppen einrücken zu ſehen. Das Regiment Schor⸗ lemmer war das erſte, das die Stadt paſſirte; dann kamen Kleiſt's Huſaren, ſehr ſchöne Leute, eben ſo wie die Dragoner, und beide ſehr gut beritten. Wir gingen ſelbſt hin, um den Oberſt Kleiſt zu uns zu Tiſch einzuladen, er kam auch jo= gleich mit uns und wir waren ganz glücklich ihn wieder zu ſehen. Unſer Diner war ſehr animirt, aber wurde mehr als einmal unterbrochen. Erſt mußte Schmettau fort, um ſeinem General entgegen zu reiten, dann kam das Corps von Hülſen durch die Stadt marſchirt, und alle Augenblicke mußten wir wieder um des Einen oder des Anderen willen vom Tiſch aufſtehen. Die armen Soldaten dieſes Corps ſahen ſehr ermüdet aus, hatten aber dennoch eine ſehr ſchöne Haltung und wir ſahen nach und nach ſämmtliche Regi—
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menter deſſelben bei uns vorbei defiliren. Auch der General Kleiſt, der früher hier in Garniſon ſtand, kam zu uns und ſpäter am Tage kam noch ein Theil des Corps des Prin- zen von Würtemberg, das heißt ſeine Infanterie, denn ſeine Cavallerie war zu allererſt durch die Stadt marſchirt. Der Prinz ſelbſt ſah ziemlich wohl aus, aber er iſt gealtert und ſehr mager geworden. Die letzten Regimenter rückten erſt ſpät am Abend ein und es war mitten in der Nacht, als die Allerletzten in ihre Quartiere kamen, was mir durchs Herz ſchnitt, nach allem, was dieſe armen, armen Leute an Anſtrengungen und Entbehrungen ſchon gelitten haben! — Endlich kam auch Herr von Buddenbrock und trank mit den Andern noch Thee bei uns. Er iſt jetzt Adjutant des Prinzen von Würtemberg, und wir baten ihn, ſich unſerer armen Beſitzungen in Mecklenburg etwas wohlwollend an— zunehmen. 24. October.
Ich ſtand um 5 Uhr auf und zog mein Reitkleid an, um die Truppen zu Pferde noch einmal zu ſehen und ſie ein Stück begleiten zu können. Um halb 6 Uhr kam unſer Freund Kleiſt, der Huſar, mit ſeinem Bruder, von den Gensd' armen. Sie tranken Thee und dann Kaffee mit uns; ſpäter kam auch die Marſchallin von Schmettau und wir plauderten zuſammen bis gegen 8 Uhr; dann mußten leider die Offiziere fort. Ich gab der Marſchallin zu lieb das Reiten auf und fuhr mit ihr hinaus um die Regimenter ausrücken zu ſehen. Als wir aus dem Stadtthor kamen, ſahen wir von fern den Rauch und den Feuerſchein eines brennenden Dorfes. Wir waren bereits in der größten Angſt zu ſpät zu kommen um die Truppen noch zu ſehen,
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und wirklich waren dieſelben auch ſchon ausgerückt; aber es gelang uns doch ſie noch einzuholen. Kleiſt kam an unſeren Wagen heran geſprengt; auch ſein Bruder kam, ließ den Sohn der Marſchallin herbeirufen und beredete uns aus⸗ zuſteigen und mit ihnen in eine Mühle zu gehen, die ganz dicht an jenem brennenden Dorf lag; ich glaube es hieß Dodendorf. Die Dragoner hatten dort über Nacht gelegen und wahrſcheinlich hatte einer der Soldaten durch eine Un- vorſichtigkeit das Feuer verſchuldet. Es war ein trauriger Anblick, Alles ſtand in Flammen, nur ein paar wenige Häuſer und die Kirche konnten gerettet werden. Wir blieben ein Weilchen Alle beiſammen in jener Mühle, — es waren kurze aber glückliche, unvergeßliche Augenblicke. Die Mar⸗ ſchallin und ich ſchenkten eine jede Kleiſt, dem Huſaren, ein Medaillon an ſeine Uhr zum Andenken und ich verſprach ihm noch, einen Marſch für ſein Regiment zu komponiren und ihm denſelben nachzuſchicken. Endlich mußten wir uns trennen und nachdem wir unſern Freunden unſere Segens⸗ wünſche mitgegeben hatten verließen wir ſie; ach, mit wie ſchwerem Herzen, ſie ſo der Gefahr und vielleicht dem Tode entgegen gehen zu ſehen! —
Welch ein furchtbarer Krieg und wie furchtbar iſt es, ruhig dabeizuſtehen und ſo viel Menſchen in ihr Verderben gehen zu ſehen. Der barmherzige Gott wolle meine armen Freunde behüten und ſie in Seinen allmächtigen Schutz nehmen! — Wir fuhren traurig und muthlos nach Magde⸗ burg zurück, und Nachmittags ſetzte ich mich hin, den Marſch zu komponiren den ich verſprochen hatte.
25. October.
Ich bereitete mich vor um zum Abendmahl zu gehen und
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fuhr ſchon früh mit meinem Mann in die Kirche. Um 12 Uhr gingen wir zum zweiten Mal hin und Paſtor Sucrow hielt ein ſehr ſchönes und erbauliches Gebet. Als ich zu Hauſe kam, verrichtete ich meine Gebete und blieb den Reſt des Tages ſtill in meinem Zimmer.
26. October.
Ich ging um 8 Uhr zur Kirche, wo die Damen der hoch— ſeligen Königin, die ebenfalls kommuniziren wollten, auch zu uns in unſeren Stand kamen. Als ich wieder nach Haufe kam, las ich meine Gebete und verrichtete meine An- dachts⸗Uebungen. Nach Tiſch gingen wir wieder in die Kirche, wo wir eine ſehr ſchöne erweckliche Predigt hörten.
27. October.
Nachdem ich meine Gebete geleſen hatte kam Schaffroth zu mir und ich ſchrieb den vorgeſtern komponirten Marſch für den Oberſt von Kleiſt in's Reine. Abends war ich an Hof, wo man viel von der Vereinigung des Königs und der des General Hülſen ſprach, welche ſoeben ſtattgefunden hat, und wie viel Gefangene bereits der Oberſt Kleiſt in Köthen gemacht habe.
29. October.
Ich ſchrieb an Kleiſt und ſchickte ihm den Marſch, den ich für ihn komponirt hatte.
30. October.
Ich ſchrieb meiner Mutter, um ſie zu beſchwören doch hierher zu uns zu kommen. Dann las ich alle Zeitungen, die gekommen waren und blieb den ganzen Tag ſtill zu Hauſe. Abends ging ich zur Prinzeſſin, wo ſehr viel Men⸗ ſchen waren. Ich ſpielte mit dem Prinzen von Preußen, Legrand und der Wakenitz Piket; beim Souper ſaß ich zwiſchen
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dem Prinzen und der Gräfin Henckel, aber ich langweilte mich und konnte nicht ſprechen. 31. October.
Ich ließ mir von meiner kleinen Caroline, welche ja nun bald ſechs Jahr alt wird, die Tragödie Penelope vor⸗ leſen um ihr von früh an Geſchmack für dieſe Art von Lectüre zu geben, war dann nach Tiſche in der Aſſemblöée und Abends bei der Prinzeſſin.
1. November.
Ich ſchrieb an Graf Solms; dann kam ein Leutnant vom Regiment des Oberſt Kleiſt an, der uns Grüße von ihm brachte, was mich ſehr freute. Abends war ich bei der Königin und ſpielte mit ihr, dem Grafen Camore und der Goltz.
2. November.
Ich ging zur Kirche um Paſtor Sucrow zu hören, der eine vortreffliche Predigt hielt. Zum Eſſen hatten wir den a Huſaren⸗Leutnant eingeladen, der uns viele merkwürdige und 1 rührende Epiſoden aus dem letzten Kriege erzählte und in⸗ e ſonderheit von den Schickſalen und Erlebniſſen ſeines Regi⸗ i ments. Er ſagte uns unendlich viel Gutes von feinem Oberſten Kleiſt und ſcheint ihn ſehr zu verehren. Abends war ich an Hof; es war ſchrecklich voll, alle Prinzeſſinnen waren da, ſelbſt die kleinen Töchter des Markgrafen Heinrich.
. 5. November.
Ein Courier brachte um Mittag die Nachricht, daß der König Daun bei Torgau geſchlagen habe!! — Wir waren ganz außer uns vor Freude, mein Mann und ich eilten ſogleich der Königin Glück zu wünſchen, wo wir bereits ſämmtliche Prinzeſſinnen fanden. Ich ſprach ſelbſt den
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Courier; es war ein Feldjäger und er ſagte uns, das Gefecht habe am 2., vorgeſtern, etwa Nachmittags 2 Uhr begonnen und bis tief in die Nacht hinein gedauert; unſer Gewinn durch dieſen Sieg ſei ein unſchätzbarer, auch habe der König eine Menge Kanonen und Fahnen genommen und ſehr viel Gefangene gemacht. Der König ſelbſt hatte ein paar Zeilen an Finkenſtein geſchrieben und geſagt, wir würden die ge— naueren Nachrichten in den nächſten Tagen erhalten. Der allgemeine Jubel war ganz unbeſchreiblich; Gott wolle uns geben, daß dieſer glänzende Sieg glückliche entſcheidende Folgen haben möge. Von Todten hatten wir nur den Grafen Anhalt zu beweinen. Zu gleicher Zeit erfuhren wir auch das Ableben des Königs Georg II. von England, den am 25. des vorigen Monats ein Schlagfluß getroffen hat, als er eben ſeine Chocolade trank. Er war 77 Jahr alt. Dieſer Fürſt wird ſehr vermißt und beweint werden und ich fürchte, daß ſein Hintritt auf unſere Angelegenheiten einen äußerſt verderblichen und ungünſtigen Einfluß haben wird. Graf Finkenſtein ſagt zwar: nein; aber er iſt ein Miniſter und ein guter Diplomat, alſo will das, was er ſagt, nicht viel bedeuten und läßt nicht weiter auf das ſchließen, was er fürchtet und denkt. 7. November.
Der junge Cocceji der als Courier nach England geht kam, um Abſchied zu nehmen. Er ſagte mir, die Schlacht bei Torgau ſei für beide Theile, Freund und Feind, äußerſt blutig geweſen; die Oeſterreicher hätten an Todten, Ver— wundeten und Gefangenen im Ganzen 15,000 Mann ver—
loren und wir nahe an 7000 Mann, — was leider ein ſehr
großer Verluſt für uns iſt! Die Damen der Prinzeſſin
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kamen, um Cocceji noch zu ſehen und er ging mit ihnen zur Königin. Abends ging Alles an Hof um der Königin zu ihrem Geburtstag Glück zu wünſchen; die Kaufmann- ſchaft veranſtaltete ihr zu Ehren eine Abend-Muſik auf den Wällen.
9. November.
Alle Welt ging zur Kirche, wo das Tedeum zu Ehren der gewonnenen Schlacht geſungen ward; Abends war großes Feuerwerk. Bei der Prinzeſſin war Diner zu Ehren des Geburtstages der Prinzeſſin Amalie.
10. November.
Ich beſuchte Gräfin Kannenberg, die eben mit ihrem Mann angekommen war; dann ging ich an Hof, wo die Vermählung Keyſerlings mit der Alvensleben gefeiert wurde. Die Braut trug ein weißſeidenes Kleid mit Silber broſchirt, was weder ſchön noch reich war, auch fand ich nicht, daß ſie gut ausſah, ſondern nur eben ſo naſeweis und eingebildet wie gewöhnlich. Das Souper war zum Sterben langweilig, nachher tanzte man im Kreis herum zu Ehren des Braut⸗ kranzes, den die junge Biederſee und der Prinz von Naſſau bekamen. Die Braut nahm vom Hofe Abſchied ohne viel Gefühl oder Rührung dabei zu zeigen; der Graf Wartens⸗ leben und der älteſte Brand führten ſie als Brautführer nach Hauſe und die ganze Geſellſchaft gab ihr das Geleite.
8 11. November.
Ich ging zu der Neuvermählten um ihr Glück zu wün⸗ ſchen und fand eine Menge Menſchen dort. Nachmittags war ich in der Aſſemblée und Abends bei der Prinzeſſin von Preußen, wo es ſehr langweilig war. Nur beim Souper traf ich es gut zwiſchen Prinz Heinrich und Thulmeier zu
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ſitzen, welcher letztere doch ſehr geiſtreich iſt. Man ſprach von Freundſchaft und Liebe; Thulmeier ſtellte auf: es ſei, abgeſehen von dem Glück oder Unglück, das man in Beiden haben könne, an ſich ſelbſt eine Wonne und ein Genuß über jeden andern, eine Neigung zu empfinden, und ich behauptete das Gegentheil; denn was bringt Einem auf dieſer Welt wohl größere Leiden und Schmerzen, als die Liebe? —
13. November.
Mein Mann war auf der Jagd und ich aß bei der Prinzeſſin allein mit ihr und ihren beiden Damen. Nach Tiſch, als ſie ihre Damen entlaſſen hatte, ließ ſie meine Kleine holen und als Karolinchen wieder nach Hauſe geſchickt worden, blieben wir Beide allein zuſammen bis zum Abend. Die Prinzeſſin las mir aus einem neu erſchienenen Buch vor: „Le nouveau Spectateur“ und dann hatte ſie die Güte, mich ihr Tagebuch leſen zu laſſen, das ſehr hübſch geſchrieben iſt und in dem ich eine Menge Dinge fand, die mich ſehr intereſſirten und mich zum Theil auch innig rührten. Wir tranken zuſammen Thee und ſie überhäufte mich, wie immer, mit Gnade und Güte.
14. November.
Ich war an Hof, aber ich fand dort nur die grauſamſte Langeweile. Es war wirklich ein ſchrecklicher Abend für alle Leute; aber ich glaube, faſt Niemand war ſo verzweifelt als ich, die nichts auf der Welt ſo haſſt und flieht als die Langeweile.
28. November.
Die Marſchallin Schmettau kam Abſchied zunehmen; dann
hatten wir Aſſemblée bei uns und die Prinzeſſin hatte die
Gnade bei derſelben zu erſcheinen. Meine Freude ſie un— Am Preußiſchen Hofe. 5. Aufl. 6
— 82 —
erwartet ankommen zu ſehen, war ſehr groß, um ſo mehr, da ich gar nicht geahnt hatte, daß ſie mir dieſe Gnade er— weiſen wollte. Abends war ich an Hof, blieb aber nicht lange, weil mein Mann zu ſchreiben hatte und nicht mit da war.
29. November.
Den Abend, wie immer, an Hof, wo die Geſellſchaft ziemlich zahlreich war. Ich ſpielte Tarok mit der Prin⸗ zeſſin, dem Prinzen von Preußen und dem Prinzen von Naſſau und ſaß beim Souper neben der Königin.
30. November.
Ich ging mit der Prinzeſſin ſpazieren und aß dann mit ihr und ihren Damen zu Mittag. Nach Tiſch ließ ſie meine Kleine holen, deren Munterkeit ſie zu unterhalten ſchien. Dann las ſie mir die Tragödie Zaire vor und ſpäter muſizirten wir zuſammen. Zum Souper kamen ihre Damen wieder und wir waren ſehr heiter und aufgeräumt, denn die Prinzeſſin iſt wirklich unwiderſtehlich heiter und liebens⸗ würdig.
4. December.
Ich las in den Briefen der Königin Chriſtine von Schweden und war Abends wie immer an Hof, ſpielte mit Bella Fea, dem Prinzen von Preußen und Lehndorff. Der engliſche Geſandte, Mr. Mitchell kam hin und die Königin empfing ihn ſehr gnädig. Er kommt von Glogau und will, wieder zum König gehen, der jetzt nach Sachſen auf— gebrochen iſt.
5. December.
Abends bei der Prinzeſſin; ich fand zwei eben ange— kommene Engländer dort, den Baronet Bute und Lord Hope,
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die Mitchell ihr vorſtellte; ich ſaß bei Tafel zwiſchen Lord Hope und Humboldt und das Souper war ſehr heiter.
6. December.
Diner bei Finkenſtein, wo ich zwiſchen Mitchell und Lord Hope ſaß, und das bis fünf Uhr dauerte. Um ſieben Uhr Soiree bei der Prinzeſſin von Preußen, wo alle Prinzen und Prinzeſſinnen waren. Ich ſpielte mit der Prinzeſſin und den Engländern und ſaß beim Souper wieder zwiſchen Mitchell und Hope.
7. December.
Ich hatte die ganze Geſellſchaft bei uns zum Diner, die Engländer und die Uebrigen, und man unterhielt ſich ziemlich gut.
11. December.
Der junge Finkenſtein kam zu mir, der vom Regiment des Prinzen Ferdinand hergeſchickt iſt, um ſich von ſeinen Wunden zu erholen. Abends bei der Prinzeſſin von Preußen, wo die Prinzeſſin Amalie uns durch ihre Taktloſigkeiten, wie ſo oft, in Verlegenheit ſetzte. Unter Anderem ſagte ſie dem Prinzen von Naſſau: daß ſie Berlin ſeiner Milde empfehle, falls er einmal als Feind wiederkommen ſollte und die Hauptſtadt dann wieder von den Oeſterreichern be— ſetzt würde! —
Graf Finkenſtein geht morgen nach Leipzig zum König. Cocceji kam eben zurück von England und ſcheint nicht ſehr erbaut von dem Betragen der Damen in London.
15. December. Heute war wieder Aſſemblée bei uns, bei der mir drei neu angekommene Kriegsgefangene vorgeſtellt wurden, der 6 *
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Kapitain du Verger, Graf Graß und Oberſt von Raven, alle Dreie ſehr angenehme Leute, und dann ein franzöſiſcher General, St. Iquem, ein ſchon etwas bejahrter Herr, der die Welt viel geſehen zu haben ſcheint. 24. December.
Mein Mann ging in die Aſſemblee, ich blieb zu Haufe, um meinen Kindern ihre Chriſtbeſcheerung aufzubauen. Als fie zu Bett waren, ging ich jpät Abends noch an Hof und fand zum Glück die Prinzeſſin dort, welche allein das Talent zu haben ſcheint, die Konverſation in jenen Räumen zu animiren und zu erheitern. Alle Prinzen ſind geſtern nach Leipzig zum König abgereiſt.
31. December.
Niemals noch iſt mir die Zeit ſo bleiern und langſam vergangen als jetzt. Ich ging in die Aſſemblée, wo ſämmt⸗ liche Oeſterreicher waren, und den Abend zur Prinzeffin, wo wir ein heiteres Souper hatten. Man zog durch's Loos kleine Billets als Neujahrsprophezeiung, welche die Prinzeſſin alle ſelbſt geſchrieben hatte, eines immer witziger, geiſtreicher und hübſcher als das andere.
1. Januar 1761. Mit den Kindern bei den kleinen Prinzeſſinnen und Abends an Hof.
9. Januar.
Ich brachte den Vormittag am Klavier zu, ging nach Tiſch zur Aſſemblée, wo auch die Divina war, und ſpielte Pharao; Abends bei der Königin ſpielte ich Tarok. Der Prinz von Naſſau ſprach mir viel von der Divina, ſchwärmte
für ſie und ich ſagte ihm, dieſe Bewunderung ſei die einzige, in der ſelbſt das Uebermaß verzeihlich wäre! 12. Januar.
Ich ſchrieb und bekam einen ganzen Haufen Briefe. Es war Aſſemblée bei uns, ich ſpielte mit der Divina, dem Prinzen von Naſſau und Baron Kreß. Man ſtellte eine Menge neu angekommener Gefangener vor. Abends bei Hof; die Prinzen waren wieder da und Alle ſehr zufrieden und entzückt von ihrem Beſuch beim König.
16. Januar.
Ich bekam eine Maſſe Briefe. Dann kam Graf Schwerin, der von den Oeſterreichern ausgewechſelt worden iſt gegen Graf Putoff. Er iſt ganz der Alte, erzählte mir viel aus Wien, wo er auf der Durchreiſe fünf Tage war, ſehr erbaut von der Kaiſerin und ſehr wenig erbaut vom Kaiſer. Wir gingen zuſammen zur Aſſemblée, wo man nur Pharao ſpielte, und dann an Hof, wo es ſehr voll war. Aus Berlin hörte ich von der Heirath des Grafen Blumenthal mit der jungen Wartensleben, der Tochter des Generals.
25. Januar.
Ich war bei der Divina zum Cafe coiffe, aber ſelbſt da fand ich es traurig und langweilig. Abends gab der Prinz von Naſſau ein großes Souper, wo die Divina war und ich auch. Erſt ſpielte man Pharao und nach dem Souper Blinde- Kuh; man war ſehr heiter und trennte ſich erſt um zwei Uhr Morgens.
1. Februar.
Mittags aß ein Offizier von dem Huſarenregiment Kleiſt's bei uns. Abends wie immer an Hof; ich ſprach
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viel mit dem Prinzen von Naſſau über die Prinzeſſin und ermahnte ihn zur Vorſicht. 4. Februar.
Abends an Hof. Die arme Königin war von einer furchtbaren Laune und ſagte ganz verzweifelte Sachen. Dieſe Uebellaunigkeit iſt ein ſchrecklicher Fehler bei ihr. Immer will ſie, daß alle Welt ihr ſchmeicheln und ihr in allen Dingen Recht geben ſoll, und das macht jedes Geſpräch mit ihr eben ſo peinlich als unangenehm.
8. Februar.
Die beiden Damen der Divina waren bis zum Eſſen bei mir, dann fuhren wir Alle zum Diner zu Finkenſtein, wo ſehr viel Menſchen waren; auch Gemmingen, Nugent, Humboldt, Geuder und vier neu angekommene Oeſterreicher. Nach Tiſche kamen noch mehr öſterreichiſche Offiziere, welche ſich uns vorſtellen ließen, und dann ſpielte Alles Pharao. Die Königin war auch da und machte bei Tiſch einige ſehr heftige Aeußerungen wegen der ungünſtigen Urtheile und Gerüchte, die man über ihren Hof verbreite. Ich weiß nicht, was ſie anders meinen kann, als einige alberne Klatſchereien hier im Ort, die man gar nicht anhören und noch weniger beachten ſollte. Sie hörte jedoch nicht auf zu ſchelten und zu deklamiren, daß die Leute, welche die meiſten Auf: merkſamkeiten von ihr empfingen, ſich am lauteſten über ſie luſtig machten und mockirten; kurz, ſie ſagte leider eine Menge Dinge, die uns Alle in Verlegenheit ſetzten und die ſich wenig für eine Königin ſchicken. Ich ſprach mit der guten Kneſebeck von der Toute-divine und dem Prinzen von Naſſau. Er iſt zum Todtſchießen verliebt in ſie und wenn ſie ſich nicht in Acht nimmt, ſo kann die Leidenſchaft dieſes
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Mannes ihr noch viel Unannehmlichkeiten bereiten. Man kennt den Charakter der Prinzeſſin Amalie leider hin— reichend; wenn dieſe jemals die Neigung des Prinzen ent— decken ſollte, ſo wird ſie vor Allem es ſein, welche der armen Fee Noth und Verlegenheiten ohne Ende ſchaffen wird. Ueberdem giebt es auch ſonſt noch Leute genug, welche die Divina aus Eiferſucht nicht lieben, und ſie hat allen Grund, noch tauſendmal vorſichtiger zu ſein als jede andere Frau. Der bloße Gedanke an das, was ihr drohen und was eine einzige Unvorſichtigkeit ſie koſten kann, macht mich ganz unglücklich. 13. Februar.
Um zehn Uhr bei der Prinzeſſin, die mit Graf von Schwerin Schlitten fuhr. Ich fuhr mit der Prinzeſſin Amalie; die Fahrt war ganz angenehm. Wir ſtiegen in Rothenſee aus, wo Dejeuner war und dann Pharao geſpielt wurde. Um zwei Uhr kam man zurück; nach Tiſch ging ich zur Aſſemblee und Abends kamen Leute zu uns. Mein Gott, wie glücklich waren ſie Beide an dieſem Abend — ich wünſchte ihnen nur, das könnte ſo bleiben!
16. Februar.
Abends Alle an Hof; ich ſaß neben dem Prinzen von Naſſau, der mir heißer verliebt in die belle fee zu ſein ſcheint, als je. Aber dies Alles kann glücklicherweiſe nicht mehr lange dauern, denn man erwartet täglich, daß er aus— gewechſelt wird und dann muß er fort.
17. Februar.
Ich ging zur Probe des kleinen Schäferſpiels, welches am Vorabend des Geburtstages der Divina aufgeführt werden ſoll und in dem ich verſprochen habe, zu tanzen
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Zum Eſſen ging ich zur Prinzeſſin und blieb den Nachmittag allein mit ihr. Wir gingen zuſammen ſpazieren; ſie hatte die Gnade, mein kleines Karolinchen dazu abzuholen und behielt ſie eine Stunde bei ſich. Unter Anderem ſprachen wir auch von dem Charakter der Männer, und das Loblied, das ſie denſelben ſang, war nicht ſchmeichelhaft. Ach, ſie iſt wirklich eine reizende, anbetungswürdige Frau, man kann ſie nicht genug lieben! —
Abends waren wir bei der Königin, wo ein ſehr hübſches Concert ſtattfand. Es kamen gute Nachrichten; man ſagt, das Corps des Prinzen Xavier von Sachſen ſei geſchlagen worden.
21. Februar.
Abends an Hof, wo auch die Prinzeſſin war. Die Königin war ganz auffallend kalt gegen ſie; Gott weiß, was ſie gegen die Arme aufgebracht haben mag, und das Souper war in Folge deſſen eben nicht erfreulich.
22. Februar.
Ich ging früh mit den Kindern zur Meyer, um fie ihre Rollen wiederholen zu laſſen. Die Kleine ſoll die Liebe vorſtellen, welche der Prinzeſſin das Bouquet überreicht, der kleine Junge einen Schäferknaben, der ihr das Buch giebt. Nachmittags ging ich noch einmal mit den Kindern zu den Hofdamen; die ganze Schauſpielertruppe verſammelte ſich und man hielt eine letzte Probe im Koſtüm auf der Bühne ab, die aber ſo ſchlecht ausfiel, daß ſich wenig Gutes von der Aufführung erwarten ließ. Um ſechs Uhr ging Kraut zur Prinzeſſin hinunter und bat ſie, die Treppe herauf zu kommen, ohne ſie ahnen zu laſſen, um was es ſich handle. In dem Moment, als ſie herauf kam, ging auch ſchon der
Vorhang auf und der Chor fing an zu fingen, dann wurde das Ballet getanzt; die Tänzer waren theils als Schäfer und Schäferinnen, theils als Gärtner und Blumenmädchen koſtümirt, und auch ich war gekleidet wie eins der Letzteren. Unverzüglich nach dem Ballet begann das Stück; der Prinz von Naſſau war Baſtien, die Meyer Baſtienne, Schwerin war Colas und die Schwerin die Bäuerin; daſſelbe wurde durch ein zweites Ballet unterbrochen und ein eben ſolches machte auch den Schluß.
Die Prinzeſſin war entzückt von dieſer kleinen Auf⸗ führung und ſo gnädig gegen uns Alle, wie nur möglich. Nach dem Souper maskirte man ſich und es wurde ſehr animirt und heiter bis drei Uhr Morgens getanzt.
23. Februar.
Großes Diner bei der Prinzeſſin Amalie zu Ehren des Geburtstages der Divina. Von da gingen wir an Hof, doch blieb ich nicht lange und hatte dann noch ein Souper für die Prinzeſſin bei mir.
i 1. März.
Es wurde heute in den Kirchen ein Tedeum zu Ehren der ſiegreichen Gefechte gefeiert, welche unſere Truppen und die der Verbündeten gegen die Franzoſen beſtanden haben.
Nach Tiſche kam die Prinzeſſin zu mir und erwies mir die Ehre, bei mir zu bleiben, bis wir Abends Beide zu- ſammen an Hof fuhren. Dieſe vielgeliebte, theure Prinzeſſin iſt von einer rührenden Gnade und Güte für mich.
4. März.
Den Nachmittag bei der Prinzeſſin, wir ſprachen viel über Religion, über den Tod und den geringen Grund, den man hat, ſo ſehr an einem Leben zu hängen, das doch zu—
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meift von Schmerzen und Trübſalen erfüllt iſt. Abends gingen wir zuſammen an Hof; beim Souper ſaß ich zwiſchen der Prinzeſſin von Preußen und der belle fee.
5. März.
Die Prinzeſſin gab ein kleines Feſt, um uns noch ein⸗ mal in den Koſtümen des Schäferſpiels zu ſehen, das wir für ihren Geburtstag aufgeführt hatten. Wir fuhren um ſechs Uhr zu ihr; ich war wieder als Blumenmädchen koſtümirt und fand die Prinzeſſin in einem ganz gleichen Anzuge; und in der That war ſie wunderhübſch darin; die Prinzeſſin Wilhelmine als Tirolerin und die Prinzen in Dominos. Man tanzte und war ſehr heiter bis gegen Morgen.
8. März.
Zu Tiſche bei der Prinzeſſin; ſie war allein mit mir und ſprach viel vom Kriege und daß man jetzt endlich hoffen dürfe, daß der Frieden geſchloſſen werde.
10. März.
Abends war Alles bei der Prinzeſſin von Preußen, auch die arme Königin war da, aber leider wieder von einer furchtbar üblen Laune, die ſich ihrer ſeit einiger Zeit ganz bemächtigt hat; und das Souper war in Folge deſſen ſehr peinlich für uns Alle.
11. März.
Ich wurde heute geweckt durch die Geſchenke, die mir mein Mann zu Ehren meines Geburtstages ſchickte; es war ein Päckchen mit einer Summe Geldes, eine Spitzengarnitur und ein Kleid von Gros de la Tour. Er hatte außerdem Leute zum Diner eingeladen und Muſik dazu kommen laſſen, und man war ſehr heiter bei Tiſche. Nachmittags gingen
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wir Alle zur Aſſemblée und dann zur Prinzeſſin, welche mir zu Ehren ein reizendes Concert arrangirt hatte. Nach dem Souper kam die ganze Geſellſchaft zu uns zurück und man tanzte bis drei Uhr Morgens. Der Prinz von Naſſau allein zog ſich früher zurück, weil die Angebetete ſeines Herzens nicht da war.
15. März.
Concert bei der Prinzeſſin Amalie; ein Mönch, welcher als Geiſel hierher geſchickt worden iſt, ſpielte ſehr ſchön Violine.
18. März.
Mein armer Mann hatte ſchlechte Nachrichten aus Groß ⸗Giewitz; man macht in jener Gegend Requifitionen für die Armee; jeder Gutsbeſitzer muß liefern, was er an Korn und Feldfrüchten vorräthig hat und wer den geſtellten Forderungen nicht genügen will oder kann, wird mit Exekutionen bedroht.
20. März.
Ich ging in die Kirche und hörte Paſtor Küſter
predigen; dann blieb ich den übrigen Tag zu Hauſe. 21. März.
Ich verrichtete meine Andachtsübungen und las in einem geiſtlichen Buche bis um ein Uhr; dann gingen wir Beide zur Kirche, um uns für die morgende heilige Communion vorzubereiten. Den Reſt des Tages blieb ich allein und las in geiſtlichen Büchern.
22. März.
Ich ging zur Kirche und zum heiligen Abendmahl, Paſtor Sucrow predigte. Den Reſt des Tages blieb ich zu Hauſe, den Abend brachten die Kneſebeck und die Bredow
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bei mir zu, die ebenfalls heute ihre Andacht verrichtet hatten. 27. März.
Ein junger Häſeler kam aus Berlin zu uns. Man ſpricht in der ganzen Stadt nur von dem Unglück ſeines Vaters, den der König auf die Feſtung geſchickt hat, weil er nicht hat einen Revers unterzeichnen wollen. Man fagt, die Sache der Alliirten ſtehe ſchlecht; die Belagerung von Caſſel und die von Marburg ſollen aufgehoben ſein und man fürchtet ſehr, daß die Franzoſen wieder vorrücken.
9. April.
Ich wollte gern einmal ruhig den ganzen Tag mit den Kindern zubringen und bat meinen Mann allein zum Diner der Divina zu gehen, wo die Königin war, und mich zu ent⸗ ſchuldigen. Aber nach Tiſche ſchickte die Erſtere zu mir und ließ mich bitten, doch nur ein bischen zu ihr zu kommen, und als ich kam, fand ich ſie ganz allein und überdem etwas leidend und brachte einen wunderhübſchen gemüthlichen Abend mit ihr zu. Ich liebe ſie noch viel mehr, wenn ſie allein iſt, als unter Menſchen.
10. April.
Ich las die Nouvelle Héloiſe, ein Buch, das eben erſt erſchienen iſt und die Gefühle der Freundſchaft und die der Liebe mit einer ſeltenen und eigenthümlichen Beredtſamkeit ſchildert. Allerdings läßt die Liebe die Heldin des Buches einen unverzeihlichen Fehltritt begehen; aber dennoch iſt man geneigt, um ihrer Reue und um der guten Eigenſchaften willen, die ſie in ihrem ſpäteren Leben zeigt, ihr dies Ver⸗ gehen zu verzeihen. Einzelne Stellen in dem Buche ſind es in der That werth, geleſen und beachtet zu werden.
93 12. April. Wir waren im Kloſter, um die Einkleidung zweier Nonnen zu ſehen, welche den Schleier nahmen. Es war ein ſehr rührender Anblick, und die armen Mädchen thaten mir furchtbar leid. 15. April. Der Graf Finkenſtein iſt geſtern mit dem ganzen Ka⸗ binet abgereiſt, um ſich zum Könige nach Leipzig zu begeben, und man hofft und ſchließt daraus, daß vielleicht ſchon Friedensunterhandlungen im Werke ſind; auch ſagt man, es ſolle ein Kongreß in Augsburg ſtattfinden, um einen all⸗ gemeinen Europäiſchen Frieden zu ſchließen. Ach Gott, welch’ ein Glück! 20. April. Solms und Heß kamen an und kamen zu mir; ſpäter auch Spérandieu, der Kammerdiener des verewigten Prinzen von Preußen. Ach, wie ſchmerzlich und herzzerreißend er⸗ innerte er mich an jene fernen, längſt vergangenen und doch ſo unvergeßlichen Zeiten! — Abends waren wir bei der Prinzeſſin Amalie, die immer die tollſten Ideen hat. Sie will, daß die Herren bei dem nächſten Feſt, das ſie giebt, als Damen gekleidet erſcheinen und hat dieſe thörichte Maskerade auf den kommenden Mittwoch angeſetzt. 21. April. Ich machte einen langen Spaziergang mit der Divina; ſie ſchlug mir vor, mit ihr nach Helmſtädt zu fahren und ich war entzückt von dieſem hübſchen Plan; dann ſprachen wir über die ſchwierigen Charaktere der Königin und der Prinzeſſin Amalie. Abends ging ich zur Prinzeſſin von Braunſchweig.
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22. April. Heute war Alles bei der Prinzeſſin Amalie, welche denn in der That dekretirt hatte, daß die Herren als Damen und die Damen als Herren erſcheinen müßten. Sie ſelbſt trug den Anzug eines Geiſtlichen! Ich hatte ein Reitkleid ange— zogen und eine runde Männer-Perrücke aufgeſetzt und die Gräfin Finkenſtein dasſelbe gethan. Der Prinz von Naſſau und Wrede waren wirklich ganz in Damen-Koſtüm, aber Beide wüthend über ihre unkleidſame Verkleidung. Geuder kam als Magd, höchſt burlesk ausſtaffirt. Nach dem Souper erſchien Muſik und es ſollte getanzt werden; aber dies glückte nicht, man gab es bald wieder auf und ſetzte ſich an die Spieltiſche; und ſo endete dies thörichte Feſt ziemlich früh
am Abend. 4. Mai.
Wir hatten Solms und Heß und den neuen Gouverneur der Stadt zu Tiſche, der mir ſo ziemlich gefällt. Abends waren wir bei der Divina, wo wir die Prinzeſſin von Preußen und die Prinzen von Braunſchweig fanden.
5. Mai.
Zu Tiſche hatten wir den General Doltrop, der, wie man ſagt, nach Augsburg geſchickt wird und deshalb mit Finkenſtein ſprechen wollte; ferner den Prinzen von Naſſau, General Bülow, Finkenſtein und noch einen Gefangenen, einen Engländer von der verbündeten Armee, der ebenfalls
Nugent heißt. 3 5 5 = 9. Mai.
Wir hatten ein Diner bei der Divina in Rothenſee, bei dem nur der Hof war. Nach Tiſch wurde Kommers geſpielt, gegen Abend fuhr man zur Stadt zurück und wir blieben zum Souper bei der Divina.
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10. Mai.
In der Kirche; zu Tiſch bei der Belle fee, von der ich Abſchied nahm, da ich nach Groß-Giewitz abreiſen muß. Abends an Hof, wo ich nach dem Souper mich bei der Königin verabſchiedete. Ich ging nicht zu Bett und um 1 Uhr reiſten wir ab, mein Mann und ich, und Schwerin
mit uns. 14. Mai.
Obgleich wir Wittſtock früh um 5 Uhr verließen und den ganzen Tag ohne Aufenthalt weiter fuhren, erreichten wir dennoch Groß-Giewitz erſt ſpät am Abend. Wir fingen damit an, trotz der ſpäten Stunde, noch den Garten zu durchwandern, den Schwerin reizend fand, und nach dem Souper waren wir alle froh, zu Bett gehen zu können.
15. Mai.
Trotz aller Ermüdung war ich doch ſchon um 8 Uhr angezogen und draußen. Wir frühſtückten gemeinſchaftlich und machten einen ſchönen weiten Spaziergang. Nach Tiſch kam die Frau des Geiſtlichen zu mir und eine Menge Frauen aus den Gütern mit ihren Anliegen. Dann machten wir eine Landparthie und Schwerin unterhielt uns herrlich.
16. Mai.
Den Vormittag hielt ich eine gründliche Inſpection in der Wirthſchaft; zu Tiſch kam der Graf Yſenburg, Schwager des Grafen Lehndorff, welcher das Regiment Lehwald kom— mandirt. Er erzählte uns Alles, was durch Kleiſt hier Thörichtes angeordnet worden iſt, worunter das ganze Land nun zu leiden hat. Abends kamen meine Schwiegermutter und meine Schwägerin Rochow von Stülpe an, und wir freuten uns ſehr, Beide nach ſo langer Zeit einmal wieder zu ſehen.
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17. Mai. Nach Tiſch wurde ein großer Spaziergang unternommen, dann machte man Converſation bis zum Souper. Oertzen, Maltzahn, Bülow und Klinkgräf waren zum Eſſen gekommen, fuhren aber zur Nacht wieder fort. 18. Mai. Man hört, daß der Prinz von Würtemberg glück⸗ licherweiſe Mecklenburg wieder verläßt und mit feinen Truppen nach Pommern geht. Ich nahm ſpät Abends Ab⸗ ſchied von meiner Schwiegermutter, weil ſie ſchon ſehr früh am nächſten Morgen wieder aufbrechen wollte und nicht er⸗ laubte, daß ich für ſie aufſtände. 19. Mai. Als ich aufwachte, waren meine Schwiegermutter und meine Schwägerin ſchon längſt fort. Wir machten eine Land⸗ parthie in die Umgegend und der Tag verging ſehr angenehm. 20. Mai. Das Wetter war herrlich; der Prediger und ſeine Frau kamen zu Tiſche; wir aßen im Garten und machten Abends einen ſchönen langen Spaziergang. 21. Mai. Bereits mit dem Morgengrauen fuhren wir aus und erreichten trotz deſſen Rheinsberg erſt Abends um 8 Uhr, denn die Wege waren abſcheulich. Ungeachtet des Regens gingen wir ſogleich das Schloß und den Garten zu beſehen, welch letzterer noch immer ganz reizend iſt. Herr von Reiſewitz, der hier wohnt, lud uns zum Souper zu ſich ein und hatte auch die Höflichkeit, uns über Nacht in ſeinem Hauſe zu logiren. 22. Mai. Ich ſtand früh um 3 Uhr auf, kleidete mich eilend an.
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und ging im Morgengrauen nach dem Schloß. Nachdem ich lange einſam in dieſem geliebten theuern Garten voll unbe— ſchreiblich ſüßer Erinnerungen umher geſtreift war, ging ich zurück, und um 6 Uhr reiſten wir weiter und waren um 8 Uhr Abends in Havelberg, wo mein Schwager und ſeine Frau uns ſehr herzlich empfingen. 24. Mai. Früh um 3 Uhr reiſten wir weiter. Unterwegs hielten wir in Tangermünde und in Rogätz an, um zu eſſen, und ſind nun endlich wieder glücklich in Magdeburg. Gott ſei Dank, die Kinder ſind wohl und friſch! Schwerin und Bredow ſoupirten mit uns und wir hörten zu meiner großen Freude, daß der Graf Schwerin die Garden bekommen hat und Möllendorf General geworden iſt. 25. Mai. Ich ging zur Prinzeſſin und freute mich, daß ich ihrem Wunſch zufolge ſchon in einigen Tagen mit ihr nach Helm— ſtädt reiſen ſoll. Dann ging ich mit ihr zur Königin, ſaß beim Souper neben dem Prinzen von Naſſau und unterhielt mich ſehr gut mit ihm. 28. Mai. Um 2 Uhr Morgens fuhr ich zur Prinzeſſin und reiſte mit ihr und ihren Kavalieren und Damen ab. Um 9 Uhr waren wir bereits in Helmſtädt; es wurde gemeinſchaftlich gefrühſtückt und dann zog ſich die Prinzeſſin einen Augenblick in ihr Zimmer zurück. Ihre beiden Hofdamen und ich wohnten alle Dreie zuſammen in einem großmächtigen Zim⸗ mer. Unſer Wirth und Hausherr, der General von Ledebur, wurde der Prinzeſſin vorgeſtellt; ein ſchwerfälliges altes
Weſen, das uns gründlich langweilte und viel Aa zum Am Preußiſchen Hofe. 5. Aufl.
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Lachen gab; dann kam die Prinzeſſin Charlotte mit ihrer Gouvernante, Frau von Winzingerode, und ihrem Kavalier, Herrn von Frankenberg. Die Schweſtern freuten ſich ſehr, ſich wieder zu ſehen; die Prinzeſſin Charlotte iſt ſehr niedlich geworden, graziös und freundlich. Nach dem Diner ging man in den Garten, wo unter den Bäumen Commers ge— ſpielt wurde, um 6 Uhr Thee getrunken und auch Abends ſpät dort ſoupirt. 29. Mai.
Dejeuner mit den Prinzeſſinnen; dann wurden zwei junge Grafen Solms und Platen vorgeſtellt, die eben ange⸗ kommen waren; ſpäter kam der junge Feldheim aus Braun⸗ ſchweig und ein junger Maltzahn von der Garde des Land— grafen, um der Prinzeſſin ihre Cour zu machen. Wir gingen, die Voltigir-Uebungen der Studenten anzuſehen, die mich ſehr amüſirten, und Abends kamen ſämmtliche Studenten, den beiden Prinzeſſinnen ein Vivat zu bringen, und brachten uns drei Damen dann ebenfalls auch Vivats genug! — Es waren über 200 Studenten, die zu Zwei und Zweien hinter— einander her defilirten; ſie hielten Alle brennende Pechfackeln in den Händen und zum Schluß warfen ſie dieſelben auf einen kleinen Scheiterhaufen, der vor dem Hauſe errichtet war. Das gab ein ganz magnifiques Feuer und die Stu⸗ denten ſtanden im Kreis umher und ſangen immerfort ein lateiniſches Lied dazu, das ſehr hübſch klang.
31. Mai.
Zum Diner kam Herr von Veltheim von Harbke mit ſeinem Neffen, der eben aus Frankreich zurückkehrt. Der Erſtere iſt ein würdiger achtungswerther Mann, den ich von früher her kenne und ſehr gern habe. Auch ein Graf Görtz
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von der Garde des Landgrafen kam zu Tiſche, ein ſehr ſchöner Menſch, der auch liebenswürdig zu ſein ſcheint, und ein Fräulein von Heynitz, eine ganz wunderhübſche Perſon. Das Diner war, wie alle unſere Diners hier, unendlich heiter und animirt. Der General Ledebur war der Einzige, der dies nicht zu finden ſchien; aber dafür machte der Ober— poſtmeiſter unſer Entzücken aus und ſchien glückſelig über dieſe Rolle. Dieſer Mann iſt der lächerlichſte Sterbliche, den ich ſeit lange geſehen habe, ſpricht ein entſetzliches Fran⸗ zöſiſch und hat ſich in den Kopf geſetzt, unter keiner Bedin⸗ gung ein deutſches Wort zu reden. Abends gaben die Herren Studenten uns ein Concert, das ganz ausgezeichnet gut war. Nachher ward im Garten ſoupirt und Blinde-Kuh geſpielt bis um Mitternacht; man ſang zum Schluß noch Duette und unterhielt ſich herrlich. 1. Juni.
Während des Frühſtücks mit den Prinzeſſinnen brachte man mir einen Brief mit der Unterſchrift des Poſtmeiſters; aber trotz des haarſträubenden Franzöſiſch, in dem er ge⸗ ſchrieben war, merkte ich doch bald, daß einer unſerer Ca- valiere ihn geſchrieben haben mußte. Ich antwortete ſogleich, aber auf Deutſch, und von den Prinzeſſinnen ſowohl als uns Anderen gab jede ihren Senf dazu. Nach vieler Mühe ent- deckten wir, daß Herr von Frankenberg der glückliche Autor des Poſtmeiſterbriefes war, und dieſem ward die Antwort denn auch zugeſchickt. Nach dem Diner wurde Commers geſpielt und um 5 Uhr fuhren wir nach Harbke. Auf dem Wege ereilte uns ein furchtbares Gewitter, was uns auch in Harbke noch eine Stunde lang im Hauſe feſthielt. Endlich
ließ der Regen nach, wir gingen in den Garten und dann Fit:
Be
wurde in dem Gartenſaal eine große Collation ſervirt. Man war ſehr heiter, fuhr um 8 Uhr nach der Stadt zurück, ſoupirte, und ſpielte dann kleine Geſellſchaftsſpiele bis 1 Uhr Nachts. Kaum waren wir in unſeren Zimmern, als uns ein wunderhübſches Ständchen überraſchte, das ein Student für uns beſtellt hatte. Von der Muſik angelockt, kamen die Herren zu uns herüber und tranken noch bei uns Thee; die Serenade dauerte bis 3 Uhr Morgens und war ſo reizend, daß Niemand daran dachte, zu Bette zu gehen und wir mit Entzücken der Muſik zuhörten. 2. Juni.
Während ich mich noch ankleidete, kam ſchon die Divina zu mir in mein Zimmer, mich zum Frühſtück zu holen und dann fuhren wir nach L., wo die Herzogin von Braunſchweig die Prinzeſſin Charlotte erwartete. Um 12 Uhr waren wir dort, fanden die Herzogin mit einer Dame und drei Herren ihres Gefolges und um 1 Uhr wurde zu Tiſch gegangen. Die Herzogin bat die Divina, ſie ſolle doch mit nach Braunſchweig kommen, und nach einigem Zögern ließ dieſe ſich wirklich hierzu bereden, aber mit der Bedingung, daß ſie nur dort ſoupiren und in der Nacht oder früh Morgen wieder abreiſen werde. Ich war voller Freuden über dieſen Plan, da ich ſo viel Bekannte in Braunſchweig habe; und um 3 Uhr Nach⸗ mittags ſetzten wir uns wieder in den Wagen und waren, trotz der entſetzlichſten Wege, um 6 Uhr Abends glücklich in Braunſchweig. Der Herzog, der Landgraf und der ganze Hof freuten ſich ſehr, uns zu ſehen. Die Prinzeſſinnen zogen ſich in ihre Gemächer zurück und wir Anderen gingen mit Allem, was es an heiterſten und liebenswürdigſten Leuten am Hofe gab, zuſammen den Thee bei der S. zu trinken.
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Nach 7 Uhr verſammelten wir uns wieder bei den Herr- ſchaften; der Landgraf ſprach viel mit mir, war ſehr liebens⸗ würdig und ſcheint ſehr zu wünſchen, daß mein Mann in ſeine Dienſte treten ſoll; doch konnte ich ihm natürlich keine beſtimmte Antwort hierüber geben. Ich hatte die Ehre, mit der Herzogin und den beiden Prinzeſſinnen zuſammen eine Parthie zu machen. Der Landgraf ſpielte Caſino mit der lächerlichen Frau von Schierſtädt, die ſich auf die Schön⸗ heit ſpielt und unglaublich albern zu ſein ſcheint. Beim Souper ſaß ich neben dem Prinzen Wilhelm und dem Herzog; man ſtand erſt um 12 Uhr von Tafel auf, unterhielt ſich noch bis gegen 2 Uhr und dann reiſte die Prinzeſſin wieder mit mir ab. 3. Juni.
Wir fuhren die Nacht durch und waren früh um 8 Uhr in Helmſtädt, wo zwanzig der jungen Herren Studenten, ſämmtlich ganz in Hellgrün gekleidet, uns empfingen. Wir tranken Thee mit ihnen und fuhren dann ſogleich weiter; die Studenten gaben uns noch das Geleite bis Erxleben, wo wir unſer erſtes Relais fanden, und Abends 8 Uhr waren wir wieder in Magdeburg.
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Im Herbſt deifelben Jahres 1761, aus welchem die vor⸗ ſtehenden Tagebuch-Blätter datirt ſind, war Berlin noch einmal in großer Gefahr. Die Ruſſen unter Butturlin be⸗ drohten die Churmark und die Hauptſtadt, und Friedrich II., der Laudon in Schleſien gegenüberſtand, konnte nichts thun um jene zu ſchützen. In dieſer Noth befahl er dem General Platen, mit 8000 Mann in dem Rücken des Feindes in Polen einzubrechen, wo es dieſem durch einen kühnen Hand-
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ſtreich gelang, ſämmtliche Magazine der Ruſſen zu verbrennen; Butturlin ſah ſich aus Mangel an Lebensmitteln jetzt ge⸗ nöthigt, zurückzugehen und die Mark war noch einmal gerettet. Sämmtliche Armeen bezogen nun ihre Winterquartiere und der Preußiſche Hof kehrte ſicher vor jeder Gefahr von Magde— burg nach Berlin zurück; aber noch immer hatte der Krieg fein Ende und noch eines vollen Jahres bedurfte es, bis Fried— rich alle ſeine Feinde beſiegt hatte und am letzten December 1762 endlich die Friedens = Verhandlungen in Hubertusburg eröffnet werden konnten. Im Februar 1763 kamen dieſelben denn auch zum Abſchluß, und am 30. März kehrte der ruhm⸗ gekrönte König nach Berlin zurück.
Um bei dieſer Heimkehr des Königs anweſend zu ſein, war auch Frau von Vosſ auf den Befehl der Königin nach Berlin gekommen und der Wunſch der Letzteren, ſie ganz in ihrer Nähe zu behalten, ward für ihr ferneres Bleiben dort entſcheidend, indem der König jetzt, wie bereits erwähnt, Herrn von Vosf zum Hofmarſchall ſeiner Gemahlin ernannte. Dreißig Jahre hindurch, vom Sommer 1763 bis zum Tode des Hofmarſchalls von Vosſ, 1793, blieb die äußere Exiſtenz der Familie von nun an eine ziemlich unveränderte. Der Winter wurde in Berlin zugebracht. Der Frühling und die erſte Hälfte des Sommers in der Begleitung der Königin in Schönhauſen und der Spätſommer und Herbſt, vor Allem die Jagdzeit, auf dem Lande in Mecklenburg. Zwiſchendurch ward Frau von Vosſ ihrer leidenden Geſundheit halber in Kurorte und Bäder geſchickt, beſonders häufig nach Pyrmont und dann einige Jahre hintereinander nach Carlsbad, und an dem letztern Orte befreundete ſie ſich mit einer Fürſtin Auersperg, der Schweſter ihres früheren Verehrers, des Grafen
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Neipperg. Dieje Freundſchaft ward bald eine ſehr innige, und bei einem ſpäteren Beſuche, den Frau von Vosſ in Be⸗ gleitung ihrer Tochter bei der Fürſtin in Böhmen machte, lernte dieſe ihren nachmaligen Gemahl, den Grafen Gaitell- Rüdenhauſen kennen. Das junge Mädchen war damals erſt dreizehn Jahre alt; doch muß dieſe große Jugend in jener Zeit für eine Braut nichts Auffallendes geweſen und Nie- mand als ein Hinderniß erſchienen ſein, um der gegenſeitigen Neigung der beiden jungen Leute die elterliche Zuſtimmung zu verſagen; denn nachdem Graf Caſtell die Einwilligung ſeines zukünftigen Schwiegervaters eingeholt hatte, ward be— reits im October 1769 die Verlobung gefeiert. Da die Braut noch nicht eingeſegnet war, ging ihre Mutter, um ſie vor äußerer Zerſtreuung zu bewahren, anſtatt nach Berlin mit ihr auf das Gut ihrer Großmutter, und erzählt ſelbſt aus⸗ führlich, wie hier der hochwürdige Paſtor Volmer mit großem Ernſt ihre religiöſe Unterweiſung beendet habe und ſie an ihrem 14. Geburtstag im Dezember deſſelben Jahres dort eingeſegnet und zur heiligen Communion aufgenommen worden ſei. Dieſer Tag wurde als ein Familienfeſt ſehr feierlich begangen und alle Verwandten kamen herbeigereiſt, um der heiligen Handlung beizuwohnen. | Wenige Wochen ſpäter, am 15. Januar 1770, fand in Berlin die Vermählung des jungen Paares ſtatt, das ſeinen Wohnſitz in Schloß Rüdenhauſen in Franken nahm. Doch wurde es der Mutter anfangs ſehr ſchwer, ſich von dieſer einzigen, zärtlich geliebten Tochter zu trennen, um ſo mehr, als jene ihrer mütterlichen Pflege und ihres Troſtes vielfach bedurfte und alle Kinder, die ihr Gott ſchenkte, wenige Wochen oder Monate nach der Geburt wieder ſtarben. In Folge
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deſſen brachte Frau von Vosſ die nächſtfolgenden Jahre zum größten Theile bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegerſohne zu, den Sommer meiſt in Franken auf einer oder der an⸗ deren der Beſitzungen des Grafen Caſtell, den Winter in Würzburg, Regensburg, Prag oder Wien. An letzterem Ort blieb ſie einer Kur wegen, welche die junge Frau brauchen mußte, einen ganzen Winter. Kaum angelangt, führte man ſie in die Auguſtinerkirche, wo die Aufnahme des Erzherzogs Maximilian in den Deutſchen Herren-Orden eben mit einer ſehr prachtvollen Feierlichkeit begangen wurde. Nach der kirchlichen Einſegnung des neuen Ritters fand ein feſtliches Mahl ſämmtlicher Ordensherren mit großem Prunke ſtatt, bei welchem auch Zuſchauer zugelaſſen wurden. Bei dieſer Gelegenheit Jah Frau von Vosſ den Kaiſer Joſeph II. wieder, den ſie bereits in Karlsbad kennen gelernt hatte und der, erfreut, ihr ſo unerwartet zu begegnen, ſie ſogleich ſelbſt zu der ebenfalls anweſenden Kaiſerin führte und dieſer vorſtellte, und während ihres ganzen Aufenthaltes in Wien ſie mit Einladungen, Aufmerkſamkeiten und Auszeichnungen jeder Art überhäufte.
Im Monat April des Jahres 1771 war Frau von Vosf durch den Tod ihrer Mutter ſchwer betroffen worden, welche ſie vorher in einer längeren Krankheit treulich ge— pflegt hatte. Sie ſagt darüber in ihrem Tagebuch:
„Dieſer Schlag war mir unausſprechlich ſchmerzlich und „der Kummer, den er mir verurſachte, ergriff mich ſo heftig, „daß ich ein ſchleichendes Fieber bekam, das ich durch zwei „Monate lang nicht los werden konnte. Meine theure un— „vergeßliche Mutter, die mich in meiner Kindheit vielleicht „weniger ausſchließlich als meinen Bruder liebte, begegnete
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„mir mein ganzes übriges Leben hindurch mit einer Freund— „ſchaft und Güte ohne Gleichen, und ihr Tod war für mich „ein unerſetzlicher Verluſt. Sie war eine Frau von ſehr „viel Geiſt und Einſicht und ihre ſeltene Heiterkeit und „Liebenswürdigkeit blieben ihr bis zu ihrem letzten Augenblick „treu.“ —
Ein Billet des Königs iſt an dieſer Stelle eingeſchaltet welches wir hier beifügen:
Madame!
C'est A regret que je vois par votre lettre du 7° de ce mois le décès de Madame votre mere. L'ayant toujours connue comme une femme de beaucoup de mérite je ne saurais me dispenser de vous témoigner la part sincère que je prends à l’affliction, que la perte d'une aussi digne mere vous doit causer! Priant Dieu qu'il vous en console et vous ait en sa sainte et digne garde
Potsdam 20 Avril 1771. Frederic.
Der Tod dieſer vortrefflichen und fo inniggeliebten Mutter und die Trennung von ihren beiden einzigen Kindern brachte eine ſchmerzliche Vereinſamung in das Leben der Frau von Vosf, welche beſonders in der Erziehung der letzteren ihr ganzes Glück gefunden hatte. Ihr Sohn war bereits 1766 mit 14 Jahren eingeſegnet und zur heiligen Communion aufgenommen worden, darauf mit einem Gouverneur und Dienern auf die Ritter-Akademie nach Lüneburg geſchickt, wo er ſich nur Lob erwarb, und nach zwei Jahren, 1768, mit demſelben Gouverneur die Univerſität in Frankfurt a. O. bezog. Das Hofleben, das Frau von Vosf in ihrer erſten Jugend ſo ſehr liebte, hatte längſt ſeinen Reiz für ſie ver⸗ loren und die große Gunſt, mit der die Königin Eliſabeth
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Chriſtine ſie bevorzugte, war trotz ihrer Dankbarkeit für die⸗ ſelbe ihr dennoch nur eine Laſt. Sie hatte gar keine wirk— liche Häuslichkeit mehr; ihr Mann war jeden Mittag und jeden Abend bei Hof und war derſelbe überhaupt ſehr der Geſelligkeit, der Jagd, dem Spiel, dem Theater, kurz einem Leben der äußerlichen Unruhe und des Vergnügens zugethan. Sobald ſie ſelbſt in Berlin war, verlangte die Königin mit tyranniſcher Vorliebe, daß auch ſie nicht nur regelmäßig Mittags und Abends an Hof kam, ſondern womöglich den ganzen Tag bei ihr zubrachte. Dies geiſtloſe und faſt in— haltsloſe Leben wurde der Bevorzugten ſehr ſchwer; es mangelte ihr gewiß nicht an Ergebenheit und Verehrung für die Königin; aber bei all den Anerkennung gebietenden Eigen- ſchaften derſelben war der tägliche Verkehr mit ihr ſchwierig und unerfreulich.
Frau von Vosf fand vielleicht im Gegenſatz zu dem Leben am Hofe jetzt mehr und mehr Geſchmack an einem ruhigen und thätigen Landleben; ſie wiederholt dies zu öfteren Malen in ihren Tagebüchern und machte es denn auch möglich, ohne ihren Mann, der dieſen Geſchmack nicht theilte, oft viele Monate lang, bis tief in den Spätherbſt hinein, allein in ihrem geliebten Giewitz zu bleiben. Sie intereſſirte ſich für die Landwirthſchaft und nahm vor Allem den regſten und herzlichſten Antheil an dem Wohle aller Gutsangehörigen, ja aller Nothleidenden der ganzen Umgegend, für die ſie immer eine freundliche und leutſelige Wohlthäterin war. Aber auch die Freundſchaft, welche von jeher einen großen Platz in ihrem Herzen und in ihrem Leben eingenommen hatte, machte zwiſchendurch ihre Rechte geltend, und vielleicht gab ſie denſelben um ſo
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mehr Gehör, weil ihr eigenes häusliches Leben verödet und einſam geworden war.
Im Jahre 1773 kommt die Königin Ulrike von Schwe⸗ den zum Beſuch in ihre deutſche Heimath und auf die dringende Bitte derſelben, die eine beſondere Zärtlichkeit für Frau von Vosſ hatte, bringt dieſe mehrere Monate bei ihr theils in Schwerin, theils in Stralſund zu. Dann ſehen wir ſie in Prag bei einer Freundin, Gräfin Clam⸗Martinitz. bald darauf an dem Hofe in Coburg; ſpäter zwei Monate lang bei dem Markgrafen und der Markgräfin von Anſpach; zu einer anderen Zeit wieder abwechſelnd in Meiningen, in Böhmen bei der Fürſtin Auerſperg und in Hanau bei dem Erbprinzen und der Erbprinzeſſin von Heſſen⸗Caſſel, überall nicht wie ein Beſuch, ſondern wie eine geliebte, lang erbetene Freundin, überall geehrt, gefeiert und auf Händen getragen.
Doch auch dieſe Zeiten, die noch ſo manches Gute und Er— freuende in ſich trugen, ſollten ein Ende nehmen und der größte Schmerz ihres Lebens daſſelbe für lange, lange Jahre hinaus mit Dunkel und Trauer bedecken.
Nach Beendigung ſeiner Studien ward ihr Sohn, den der Vater dem Civildienſt beſtimmt hatte, zuerſt in Berlin angeſtellt und die glückliche Mutter begrüßte dieſe Gunſt mit unbeſchreiblicher Freude. Sie ſagt an dieſer Stelle ihres Tagebuches von ihm:
„Er hat ſich bei ſeinen raſchen Studien ſehr angeſtrengt, „aber auch ſehr ausgezeichnet und ich kann mit Stolz „ſagen: er hat einen ſelten edlen, durch und durch männ⸗ „lichen Charakter! — Aber er iſt ſehr lebendig und „gerade jetzt in den Jahren, wo die Leidenſchaften am unge⸗ „ſtümſten und heftigſten ſind und es am nöthigſten iſt, den⸗ „ſelben mit Sanftmuth entgegen zu treten, was der Liebe
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„einer Mutter zuweilen beſſer gelingt, als der ſtrengen Au⸗ „torität des Vaters.“ —
Die Freude, den geliebten Sohn bei ſich zu haben, war nur von kurzer Dauer; bald wurde er, bereits mit 21 Jahren, als Rath an die Regierung in Königsberg verſetzt. Auch ihre Tochter ſah ſie jetzt nur ſelten und ſie ſagt mit Trauer hierüber in ihrem Tagebuch:
„Es ſcheint, daß die Vorſehung, die mir das größte Glück „geſchenkt hat, ſo ſelten wohlgerathene und liebevolle Kinder „zu beſitzen, mir nicht das Glück ſchenken will, mit ihnen „vereint zu ſein.“
Ihre Schwiegermutter hatte ihre Enkelin, das Kind ihrer Tochter Rochow, welches ſie ganz beſonders liebte, ſich einige Zeit vor ihrem Tode von dieſer erbeten und das junge Mädchen hatte die Großmutter nicht wieder verlaſſen. Nach deren Ableben erbat ſich nun Frau von Vosſ dieſe geliebte Nichte auch ihrerſeits von der Mutter, und behielt ſie bei ſich, und als bald darauf ihr Sohn eine Urlaubszeit im elterlichen Hauſe in Groß-Giewitz zubrachte, erwachte eine Neigung zwiſchen beiden jungen Leuten, welche zur großen Freude der Beide zärtlich liebenden Tante und Mutter mit deren Ver⸗ löbniß ſchloß. Am 19. Februar 1779 wurde die Vermäh⸗ lung gefeiert; aber ſchon im October deſſelben Jahres raffte eine Unterleibsentzündung den jungen Mann nach kaum drei⸗ tägiger Krankheit hin. Die unglückliche Mutter erfuhr den Tod, ohne die Krankheit geahnt zu haben. Sofort brach ſie auf, ihre arme Schwiegertochter ſelbſt von Königsberg ab— zuholen, traf dieſelbe bereits unterwegs, brachte ſie, einzig dem Mitleid und der Beſorgniß um dieſe gewidmet, nach Groß⸗Giewitz, wo die junge Wittwe am 23. December von einem Knaben entbunden ward, der am zweiten Weihnachts⸗
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Feiertage getauft, wiederum den geliebten Namen Auguſt erhielt.
Dieſen Winter von 1779 auf 1780 verlebte die tief gebeugte und ihres liebſten Kindes beraubte Mutter in der Einſamkeit ihres Landaufenthaltes, einzig bedacht, den Kum— mer der Schwiegertochter zu lindern und ſie und ihr Kind— chen mit Sorgfalt und Liebe zu umgeben. Doch enthält ihr Tagebuch aus jener Zeit nur Worte des tiefſten Schmerzes, die uns ſagen, wie unheilbar ihr Herz getroffen war. An einer Stelle deſſelben ſagt fie: „Meinen Gram und meine „Verzweiflung kann ich mit Worten nicht ausſprechen; ohne „den Beiſtand des allbarmherzigen Gottes könnte ich die Laſt „dieſes Schmerzes, der jeden andern Schmerz überſteigt, nicht „ertragen.“
Eine ganze Reihe von Trauerfällen folgte einander in der Familie; der Tod der Schweſter ihres Mannes, Frau von Rochow; dann der Frau ihres Bruders, endlich der des einzigen noch lebenden Sohnes ihrer Tochter, der Gräfin Caſtell, eines heißgeliebten Kindes, das allein noch von all ihren Kindern ihr geblieben war! —
Im Jahre 1783 ſtarb der Oberſthofmeiſter der Königin, Graf Wartensleben, und Herr von Vosſ erhielt deſſen Stelle mit dem Rang eines Staatsminiſters. Von dieſer Zeit an betrach⸗ tete die Königin es immer mehr als ein Recht, die neue Oberſt⸗ hofmeiſterin ganz an ihren Hof und ihre Perſon zu feſſeln und dieſe verſuchte nicht mehr, ſich dieſer Pflicht auch nur vor⸗ übergehend zu entziehen. Auf den Wunſch der Königin brachten beide Gatten fernerhin auch die Sommermonate mit ihr zuſammen in Schönhauſen zu, und gingen nur noch der Geſchäfte halber im Frühjahr oder im Herbſt auf einige Wochen nach Groß-Giewitz. Auch der Tod des großen
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Königs im Jahre 1786 änderte nichts in ihrer äußeren Exi⸗ ſtenz. Der bisherige Prinz von Preußen, der Sohn jenes Prinzen Auguſt, den die junge Hofdame einſt geliebt hatte, beſtieg den Thron unter dem Namen Friedrich Wilhelm des Zweiten. Die rührende Geſchichte von der unüberwindlichen Liebe ſeines armen Vaters für jene reizende Hofdame war auch ihm nicht verborgen geblieben und gerade, weil dieſer vielgeliebte Vater ſo früh und ſo verzweifelnd geendet hatte, bis zum Tode ungetröſtet auch über die ihm entriſſene Ge— liebte, war dieſe ſelbſt dem Sohne doppelt theuer. Auch er hatte ſie noch in dem Glanze ihrer ungewöhnlichen Schön— heit gekannt, als er, ein ſechszehnjähriger Jüngling, mit dem Hof in Magdeburg täglich mit ihr verkehrt, mit ihr geritten, mit ihr getanzt, mit ihr Theater geſpielt hatte. Sie war damals 31 Jahre alt und gewiß für ihn freundlicher, gü- tiger, liebenswürdiger, als für jeden Anderen. Iſt es ein Wunder, daß der Prinz nicht nur von ſeiner früheſten Ju⸗ gend an eine beſondere Verehrung für dieſe Frau faßte, jon= dern dieſelbe auch ſein ganzes Leben lang feſthielt und ſie noch in ihrem hohen Alter mit Aufmerkſamkeiten und Gnaden⸗ bezeigungen jeder Art auszeichnete? Iſt es nicht begreif- lich, daß auch ſie den Sohn des ſo ſchmerzlich beweinten Freundes mit beſonderem Antheil und wärmerem Intereſſe betrachtete, daß ſie nachſichtiger für ſeine Fehler war, als Andere, und den Kummer, ihn noch im beſten Mannesalter ſterben zu ſehen, tiefer empfand, als die Menge, die nur den ſchwachen, untüchtigen Regenten in ihm ſah? Wir werden ſpäter noch von ihr ſelbſt hören, wie die letzten Tage dieſer eigenthümlichen Freundſchaft zwiſchen dem König und ſeiner alten Jugendbekanntin abſchloſſen; vorerſt aber ſollte er ihr
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einen großen Kummer bereiten, der nach dem Verluſt ihres Sohnes ihr Herz noch einmal mit bitterem Schmerz traf; und es gehörte die ganze oben geſchilderte Schwäche und Vorliebe, die ſie für dieſen Monarchen empfand, dazu, um ihm denſelben zu verzeihen.
Friedrich Wilhelm II. war 1744 geboren und 1765 vermählt mit einer Prinzeſſin von Braunſchweig, von wel— cher er auf Befehl Friedrich II. 1769 wieder geſchieden ward. Er vermählte ſich zum zweiten Mal 1769 mit einer Tochter des Landgrafen von Heſſen-Darmſtadt; doch leider war auch dieſe Ehe keine glückliche; das fernerhin wenig korrekte Leben des Königs und ſeine zahlreichen Liebesabenteuer ſind kein Geheimniß geblieben. Die erſte Geliebte des damaligen Prinzen von Preußen war die ſpäter zur Gräfin Lichtenau erhobene Tochter eines armen Berliner Muſikers, Fräulein Enke, die ſich mit dem Kämmerer Rietz verheirathet hatte. Dieſe Frau, der es gelang, bis zum Tode Friedrich Wil— helm's II. den faſt ungetheilten und leider verderblichſten Einfluß auf ihn zu behalten, war zu der Zeit, als er den Thron beſtieg, längſt nicht mehr die Geliebte, ſondern nur noch die Freundin des Prinzen, wie er ſelbſt ſie nannte. Er hielt die Gewohnheit feſt, womöglich jeden Abend bei ihr zu ſoupiren; er ſprach mit ihr über Alles, frug ſie bei Allem um Rath und hatte ein ſo blindes Vertrauen zu ihr, daß es nie gelungen iſt, dasſelbe zu erſchüttern. Ja, es war dieſer ebenſo entſchloſſenen als intriganten Perſon gelungen, ſich dem König im buchſtäblichen Sinne des Wortes unentbehrlich zu machen und keine ſeiner ſpäteren Neigungen ſchwächte jemals ſelbſt nur vorübergehend ihre beklagenswerthe Herr- ſchaft über ihn.
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Im Jahre 1783 hatte der Bruder des Oberſthofmeiſters von Vosſ auf den Wunſch der Königin Eliſabeth Chriſtine ſeine Tochter an ihren Hof gegeben. Dasſelbe, was 1745 ſich zugetragen hatte, wiederholte ſich 1783; der Prinz von Preußen faßte eine Neigung für die Hofdame der Königin. Fräulein von Vosf, deren unglückliches Schickſal eben jo ſehr wie ihre Schuld das größte Mitleid verdient, hatte gleich bei ihrem erſten Erſcheinen an Hof die Aufmerkſamkeit und Bewunderung des Prinzen erregt und faſt drei Jahre lang verfolgte er ſie mit ſeiner Neigung. Im Jahre 1786 ſchreibt Graf Mirabeau, der damalige franzöſiſche Agent in Berlin in ſeiner bekannten Geſchichte des Preußiſchen Hofes: „Der König beharrt noch immer in derſelben reſpectvollen Zeiden- ſchaft für Fräulein von Vosſ. Sie widerſteht ihm ſtandhaft, aber er giebt ihr täglich neue Beweiſe ſeiner Neigung und zeichnet ſie durch die größten Aufmerkſamkeiten aus.“ Ueb⸗ rigens ſtand die junge Hofdame bei den franzöſiſchen Me— moiren-Schriftſtellern jener Zeit nicht in Gnaden, weil fie eine Abneigung gegen alles franzöſiſche Weſen hatte, mit Vorliebe Deutſch und Engliſch ſprach und die damals all- gemein übliche franzöſiſche Sprache ſo viel als möglich ver— mied. Jene machten ihr auch in Folge deſſen den Vorwurf der Anglomanie, der vollkommen ungerecht war. Die Zeit- genoſſen ſchildern ſie als eine Schönheit im Genre Tizian's, ſchlank und voll zugleich, von ſchönen Formen und feinen Zügen, blendend weiß, aber ganz ohne Farben, von einer Marmor ähnlichen Bläſſe, gehoben durch ein überaus reiches röthlich blondes Haar. Am Hofe hatte ſie den Beinamen Ceres wegen dieſes üppigen goldenen Haares, in deſſen Schmuck die Bilder ſie auch darſtellen, die noch von ihr erhalten ſind,
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und die ſie alle in der Blüthe der erſten Jugend zeigen, die es ihr Schickſal nicht ſein ſollte zu überleben. Nur in ver⸗ einzelten, hier und da in ihren Tagebüchern zerſtreuten An- deutungen erwähnt Frau von Vosſ in den erſten Jahren die Neigung des Prinzen von Preußen für ihre Nichte Julie, die anfangs harmlos ſchien, ihr aber bald Kummer genug ver— urſachte. Im Januar 1784 heißt es in den vorer⸗ wähnten Blättern bereits nicht ohne den Ausdruck der Be— ſorgniß:
„Julie gefällt dem Prinzen mehr als mir lieb iſt. Er ſpricht viel mit ihr; ich fürchte, ſie iſt nicht unempfindlich für ſeine Bewunderung, und ſie wird durch ein ſolches Gefühl nur ſich ſelbſt unglücklich machen.“ Einige Zeit ſpäter: „Die Prinzeſſin von Preußen iſt eiferſüchtig auf Julie“; endlich im December: „Ich hatte eine lange Unterredung unter vier Augen mit dem Prinzen; ich hielt ihm ſein Unrecht vor, Julie mit ſeiner Leidenſchaft zu verfolgen; ich ſagte ihm, daß er ſie dadurch nur unglücklich machen werde, ja, ich ſagte ihm meine ganze Meinung und die ganze Wahrheit mit allem Ernſt. Er verſprach mir, ſein Benehmen zu ändern und Alles zu thun, was ich wollte. Er hatte ſpäter noch eine Explikation mit Julie und ich weiß, daß ſie ihm Vor⸗ würfe gemacht hat und mit Recht, daß er ihrem Rufe auf eine unverzeihliche Weiſe ſchade. Auch kam er ſehr traurig und niedergeſchlagen von ihr zurück; ich ſagte ihm noch ein— mal ernſtlich, er müſſe dieſer Sache ein Ende machen und er gelobte es mir.“ — Eine Zeit lang ſcheint der Prinz ſein Verſprechen gehalten zu haben; denn im Januar des Jahres 1785 iſt nur noch die Rede von Heirathsanträgen für die junge Hofdame; ſchließlich ſoll ſie einen Grafen 7 hei⸗
Am Preußiſchen Hofe. 5. Aufl.
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rathen; doch dieſe Verbindung kommt nicht zu Stande und man meinte, daß der Prinz ſie zu hintertreiben gewußt habe.
Die Tagebücher laſſen übrigens auch den unliebenswür— digen Charakter der Prinzeſſin von Preußen nicht unerwähnt; es heißt wiederholt mit einem Ausdruck des Mitleids: „Der Prinz habe ein ſehr unangenehmes Leben in ſeiner Häuslich⸗ keit, die Prinzeſſin ſei ſehr unartig mit ihm.“ Dann tritt die alte Leidenſchaft desſelben mit einem Male wieder hef- tiger hervor und er ſcheint ſeine Vorſätze und Verſprechungen zu vergeſſen. Die Oberſthofmeiſterin jagt beunruhigt hier⸗ über: „Der Prinz ſpricht wieder mehr mit Julie, das muß aufhören. Im Grunde fürchte ich vor Allem, daß ſie ſelbſt ſich innerlich nicht recht von ihm frei machen kann“; und ſpäter: „Der Prinz kommt ewig zur alten Königin nach Schönhauſen und ich weiß, das Alles geſchieht doch nur wegen Julie. Ich beſorge, er giebt ſie noch immer nicht ganz auf und ſinnt nur darüber nach, ob es gar keine Hoffnung für ihn gebe. Wenn nur trotz all ſeiner Verſprechungen dieſe Sache nicht doch noch ſich zum Unheil wendet! — Man müßte Julie durchaus ganz vom Hofe entfernen.“
Im Januar 1786 ſchreibt die Oberſthofmeiſterin im ihrem Tagebuche: „Die Leidenſchaft des Prinzen iſt immer dieſelbe; er verſucht nur mehr als früher ſie zu verbergen und iſt ſehr vorſichtig, aber mich täuſcht er nicht. Meine geliebte Julie dagegen benimmt ſich ganz vortrefflich.“ Und einige, Wochen ſpäter: „Der Prinz wollte heute Abend nicht ſpielen; ich ſah, es geſchah nur, um einen Moment zu erhaſchen, mit meiner Nichte zu ſprechen. Gott weiß, was er ihr ſagte, ſie ſchien ſehr ergriffen und unglücklich darüber zu ſein und plötzlich verlor auch er die Faſſung und gerieth ganz außer
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ſich; doch ſtanden ſie zu entfernt, als daß ich hätte verſtehen können, was er ſagte.“
Im März: „Der Prinz thut mir leid; aber trotz ſeiner Leidenſchaft für Julie macht er ſich doch von der liaison mit ſeiner ſogenannten Freundin nicht los. Heute war er be— ſonders verſtimmt und gedrückt, ich glaube in Folge einiger ernſten Worte, die Julie ihm geſagt hatte.“
Während dieſer Zeit drang die Oberſthofmeiſterin fort und fort darauf, die junge Hofdame von Berlin zu entfernen; aber es ſcheint, daß weder ihr Mann noch die eigene Familie des jungen Mädchens die Gefahr einſehen wollten, die ihr augenſcheinlich mehr und mehr nahte; gewiß iſt, daß alle ihre Bemühungen dafür vergebens waren und ſie es nicht durch⸗ ſetzen konnte, ſie vom Hofe weg zu bringen. Zuweilen erſchien auch ihr die Sache weniger bedrohlich, aber dazwiſchen wird ihre Sorge und Angſt immer wieder wach, was Aeußerungen wie die nachfolgenden beweiſen:
8. März. Der Prinz iſt unglaublich zerſtreut, ſeine Neigung nimmt ſeine Gedanken ganz gefangen. 18. März. Der Prinz kam zum Diner nach Schönhauſen, blieb den ganzen Nachmittag und Abend und ſchien nichts zu ſehen,
als Julie. 25. März.
Der Prinz fängt wieder an, mehr mit Julie zu ſprechen, wo er nur irgend kann, und dieſe ewigen Geſpräche und Erörterungen ſind nicht gut für ſie. Ich habe das Gefühl, als finge die Sache nach und nach wieder da an, wo ſie
mit Mühe zum Abſchluß gekommen war. 8 *
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2. April. Der Prinz kam zu Tiſche, nachher machte er es mög— lich, mit ihr zu ſprechen; nach einigen Worten verlor ſie die Faſſung und brach in Thränen aus; ich verſtehe das
Alles nicht mehr. 14. April.
Der Prinz weiß ſich nicht recht zu beherrſchen, er iſt eiferſüchtig und aufgeregt, ſobald Julie einmal nicht da iſt
oder ſich ihr Jemand nähert. 5. Mai.
Ich habe den Prinzen an das erinnert, was er ſeit einiger Zeit zu vergeſſen ſcheint, und er verſprach es von Neuem. Er iſt doch ſehr gut! — Gott gebe, daß er ſo bleibt
wenn er erſt König iſt. 8. Mai.
Der arme Prinz, er iſt ſchrecklich unglücklich! — Heute
kam er wieder und als er Julie ſah, ſchien er ſo glücklich! — 11. Mai.
Der Prinz kommt ewig zur Königin, was ſoll man
thun? — es wird immer ſchlimmer mit ihm und Julie
dauert mich furchtbar. ich f ö 12. Mai.
Mir ſcheint ſeine Leidenſchaft täglich zu ſteigen. Er kommt jetzt oft für den ganzen Tag nach Schönhauſen und hat nur das Einzige im Kopf.
Jetzt ſetzt die Oberſthofmeiſterin es endlich durch, daß ihre Nichte auf drei Monate Urlaub erhält und nach Hauſe
reiſt. Sie ſagt darüber: 15. Mai.
Der Prinz iſt ſchrecklich unglücklich, aber ich hoffe, dieſe Abweſenheit ſoll der Sache ein Ende machen und ihn zur Beſinnung bringen.
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Anfang Juli. Es ſcheint zu meinem Schrecken, daß der Prinz an Julie
ſchreibt und ſie ihm antwortet! — 15. Juli.
Er war heute ſehr ſanft und gut und ſprach vernünftig und ergeben und mit den beſten Vorſätzen von meiner armen
Nichte und von ſeiner Pflicht gegen ſie! — 21. Juli.
Der Prinz iſt ſehr ſtill und in ſich gekehrt; er ſprach mir heute viel von ihr und ſcheint ernſter geſonnen denn je, ſeine Pflicht zu thun.
15. Auguſt.
Heute kam Julie zurück und bereits am Abend kam der Prinz an und hat ganz die alte Geſchichte wieder ange— fangen, — das iſt zu unrecht! —
Um dieſe Zeit beginnt das Befinden des großen Königs ernſtere Beſorgniſſe zu erregen. Es folgen nun wiederholt be- unruhigende Nachrichten über ſeine Geſundheit, endlich am 17. Auguſt die Trauerkunde ſeines Ablebens. Obgleich er jo ganz zurückgezogen und von den Höfen getrennt in Pots⸗ dam und Sansſouci lebte, ſcheint der Schmerz bei ſeinem Abſcheiden doch ein ſehr tiefgehender zu ſein; auch die Auf— zeichnungen der Oberſthofmeiſterin ſprechen nur von dem allgemeinen Kummer, wie ſehr ſie ſelbſt den Verſtorbenen beweine, und erwähnen mit Rührung dabei, wie überaus gnädig und gütig er ſeit ihrer erſten Jugend immer für ſie geweſen ſei. Ueber den nunmehrigen König hören wir ſie ſelbſt ſprechen.
8 18. Auguſt. Der König kam mit ſeinen beiden älteſten Söhnen
von Potsdam, ſtieg in Schöneberg zu Pferde und ritt ſo
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in die Stadt ein, unter dem Zujauchzen und Bivatrufen
der Menge bis an's Schloß. Im weißen Saal waren
alle Officiere verſammelt; er dankte den Generalen für die
Treue, die ſie dem hochſeligen König bewieſen und ſprach die
Hoffnung aus, ſie würden auch ihm dieſelbe Treue bewahren. 22. Auguſt.
Das Teſtament iſt ganz wunderſchön, wir weinten Alle ſehr, als es vorgeleſen wurde. Der neue König thut nur Gutes, giebt mit vollen Händen den Armen; es iſt unglaub⸗ lich, wie ſehr man ihn liebt.
23. Auguſt.
Er kam heute zum erſten Mal als König wieder nach Schönhauſen, aber leider war ſein Benehmen gegen meine Nichte wie früher.
25. Auguſt.
Der König kommt, ſo oft er kann und dann geht er mit Julie im Garten ſpazieren; aber ſie iſt ſo ſtill und zurückhaltend mit ihm, als möglich, was mich freut und etwas beruhigt.
30. Auguſt.
Die Prinzeſſinnen thun dem König einen ſehr unerlaub⸗ ten Gefallen, indem ſie ihn immer mit Julie zuſammen bringen. Sie führen die Königin voraus und eilen, wenn ſpazieren gegangen wird und beſchäftigen ſie, um daß er mit meiner Nichte gehen und ſie ſprechen kann; das iſt ein ſchlechtes Spiel.
31. Auguſt.
Der König hat der Prinzeſſin Friederike eine Zulage und ihr die kleine Viereck zur Hofdame gegeben, ich glaube einzig, um Julie Freude zu machen, deren Freundin ſie iſt.
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1. October. Der König kam und wollte mit mir ſprechen; aber er iſt jo ganz voll von dem einzigen Gedanken, daß er nichts weiter hört und ſieht. Ich geſtehe, daß ich jetzt alle Geduld mit ihm verliere und dieſen Zuſtand unerlaubt und unver— zeihlich finde. 18. October. Die Königin will gern aus Schönhauſen in die Stadt zurück, der König will, ſie ſoll noch hier bleiben; wegen ſeiner geliebten Spaziergänge mit Julie. Ich bin ganz rathlos und unglücklich über dies immer erneute Anknüpfen einer ganz unmöglichen Sache! 1. November. Alles bemächtigt ſich dieſer unglücklichen Sache; man möchte Julie zum Schein verheirathen; es iſt ſchrecklich, wie Alles bemüht iſt, ſie zu ihrem Verderben zu drängen; ſie thut mir furchtbar leid. 8. November. Ich ſehe es jetzt deutlich, ſie liebt den König, trotz all ihres Leugnens; ſie kann nicht mehr von ihm laſſen und iſt, was auch geſchehen mag, nicht mehr von ihm loszureißen. es grämt mich ſchrecklich. 10. November. Heute kam er en surprise zum Eſſen; er verfolgt ſeinen Zweck ohne Raſt und Ruh. 12. November. Ich fürchte den Einfluß dieſer ewigen Geſpräche des Königs mit ihr; er will und will ſie beſtricken; immer ſetzt er ſich an ihren Tiſch, das mißfällt mir ganz unbeſchreiblich von ihm.
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20. November. Meine arme Nichte hat mir ihr Herz ausgeſchüttet; ach, ich fürchte, es iſt eine unaufhaltſame Sache! — 25. November. Der König geht heute nach Potsdam; er kam vorher zu uns und war unruhig, weil er Julie nicht zu ſehen bekam; er liebt ſie toller und leidenſchaftlicher als je. 2. December. Nach Tiſch ſprach der König lange mit meiner Nichte; ach, ich fürchte, es nimmt ein trauriges Ende für ſie und für die Ehre der Familie! — Ich habe es immer und immer geſagt: man hätte ſie nicht an Hof laſſen ſollen! 8. December. Der König kompromittirt ſich fürchterlich. Um feiner ſelbſt willen möchte ich, er könnte ein Mann ſein und ſich beſinnen. 10. December. Wie immer ſetzt der König ſich beim Thee neben Julie; könnte dies ewige Zuſammenſein doch abgewendet werden. 11. December. Mit dem König in der Kirche. Die Predigt von Spalding war ſo ſchön, ganz wie für meine Nichte gemacht. Aber es ſcheint, ſie will nichts mehr hören, das ſie zur Pflicht zurückruft; ich habe keinen Einfluß mehr auf ſie; die Kannen⸗ berg läßt ſie gewähren, die ihr am Nächſten ſteht und ich habe leider nicht das Recht und die Macht einzugreifen. 14. December. Julie ſcheint ſehr traurig; ihr Bruder iſt angekommen und hat wohl noch einen letzten Verſuch gemacht, ihr in's Gewiſſen zu reden.
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17. December.
Der König ſcheint nur glücklich zu ſein, wenn er ſie ſieht. Wo ſie iſt, ſieht er Niemand, als ſie, ſpricht nur mit ihr und hat nichts Anderes mehr im Kopf, als ſeine Leidenſchaft. Ich ſehe die Sache dem ſchlimmſten Ende mit Gewalt zugehen, muß dabei ſtehen und kann ſie nicht aufhalten.
20. December.
Auch die Prinzeſſin Friederike ſcheint jetzt das nahende Unglück zu ahnen und iſt ſehr traurig. Sie iſt jetzt 20 Jahre alt und ſteht dem Vater am Nächſten; ſie fühlt ganz, wie ſeine und unſere Ehre bedroht iſt.
22. December.
Der König klagte mir, meine Nichte behandle ihn ſchlecht; er ſei faſt mit ihr brouillirt; aber dennoch ſpricht er leider immerfort mit ihr.
23. December.
Er ſaß allein mit ihr im Kabinet der alten Königin; ſie ſcheint in Wahrheit nicht mehr ſehr grauſam zu ſein; das empört mich und Gott allein weiß, wie unglücklich und troſtlos ich über dieſe Sache bin! —
24. December.
Sack predigte heute ſchön, aber ſchwermüthig; die Sache mit Julie, und die Wendung, die ſie nimmt, zehrt an ihm.
25. December
Heute war Hofconcert; der König verließ Alles, um zur kranken Prinzeſſin zu gehen, weil meine Nichte dort war. Dieſe Leidenſchaft läßt ihn alles Andere vergeſſen und jede
Rückſicht verlieren. 26. December.
Das Benehmen des Königs iſt unverzeihlich; immer verfolgt er ſie mit den Augen und ſpricht nur mit ihr. Es wäre beſſer, ſie verließe auch jetzt noch den Hof.
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27. December. Gott weiß, bis zu welchem Grade es mich bekümmert und grämt, den König auf dem directen Wege zu ſehen ein ſolches Unrecht zu thun, das unſere Familie überdem ſo entehrt! — 30. December. Heute kam endlich, was ich lange gefürchtet hatte: meine Nichte warf ſich in meine Arme, um mir zu ſagen, daß ihr Schickſal entſchieden ſei; ſie wolle dem König ange⸗ hören aus Pflicht für ihn und aus Liebe zu ihm! — Ich geſtehe, ich finde ſie ſo furchtbar zu beklagen, daß ich kein Wort mehr habe, ſie zu verdammen; ſie wird bald genug namenlos unglücklich ſein; denn ihr Gewiſſen wird ſie nie mehr Ruhe und Frieden finden laſſen. — 1. Januar 1787. Immer ſetzt der König ſich wegen Julie an den Hof— damentiſch, was ſo unpaſſend iſt. Uebrigens ſcheint mir faſt, ſie hat jetzt eine größere Leidenſchaft für ihn, als er für ſie. 21. Januar. Augenſcheinlich hat die große Leidenſchaft des Königs ſich abgekühlt; er wird ſichtlich gleichgültiger gegen die arme Seele und wenn das ſo endet, ſo geht ſie einem traurigen Geſchick entgegen.
27. Januar.
Die arme Julie war in Verzweiflung heute Abend; ſie liebt den König und ihre Gewiſſensſcrupel haben ihn auf die Länge ermüdet und verſtimmt. Sie ſagte mir, ſie ſei zu ſchwach, um ihm jetzt noch zu entſagen, und er wolle in die Bedingungen, die ſie geſtellt habe, nicht willigen. Mir ſcheint, Andere intrigiren gegen ſie; das iſt der Grund von dem Allen.
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Der König kam zum Souper; er war ſtill und verſtimmt, die arme Julie unruhig und unglücklich. Als er ſie mit ſeiner Leidenſchaft verfolgte, war ſie ſtark und ſtandhaft; nun er gegen ſie erkaltet iſt, kann ſie es nicht aushalten und kann nicht von ihm laſſen.
30. Januar
Die Viereck gefällt dem König; er kältet ſich ſichtlich ab gegen Julie und die Aermſte iſt ganz troſtlos über ſein verändertes Weſen. Im Uebrigen iſt er jetzt ſo liebenswürdig mit allen Menſchen, wie noch nie; ſelbſt Frau und Kinder, Alle beten ihn an und ſind entzückt von ſeiner Freundlichkeit und Güte.
* * x
Die Bedingungen, welche Fräulein von Vosſ dem König geſtellt hatte, und die oben von der Oberſthofmeiſterin er⸗ wähnt wurden, waren folgende: daß die regierende Königin ihre ſchriftliche Einwilligung zu ihrer Verbindung gebe; daß ſie dem König feierlich zur linken Hand angetraut werde, und daß die Rietz mit ihren Kindern für immer Berlin ver⸗ laſſe. In die beiden erſten Punkte willigte der König ſo⸗ gleich ein, aber den dritten wollte er nicht zugeſtehen. Und doch drängten verſchiedene einflußreiche Perſönlichkeiten, be- ſonders der Schwiegervater ihres Bruders, der Miniſter Finkenſtein, Fräulein von Vosſ zur Nachgiebigkeit und redeten ihr vor, ſie opfere ſich ſelbſt dem Glück des Landes und dem wahren Wohl des Königs, indem ſie den Einfluß eigennütziger und gefährlicher Perſonen aus ſeiner Nähe verbanne; ja die Königin ſelbſt that es, in der Hoffnung, die gefürchtete Rietz durch ſie zu beſeitigen. Sie hatte von jeher eine große Vor⸗ liebe für Fräulein von Vosſ und ließ ihr jetzt jagen: fie ſei
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froh, den König in ſo edlen und guten Händen zu wiſſen. Allerdings hatte ſie ihn ſchon in viel verderblicheren Feſſeln geſehen; aber das ſanfte, zurücktretende, zaghafte junge Mäd- chen, das dieſe jetzt vollends zerbrechen ſollte, war nicht im Stande, es zu thun. Der König war damals faſt 43 Jahre alt; aber er war perſönlich noch immer wohl dazu geeignet eine Neigung einzuflößen. Er war ein großer ſchöner Mann von ſehr gewinnendem Aeußern, einer ſeltenen Wärme des Gefühls und von herzbeſtrickender Liebenswürdigkeit im nä— heren Verkehr. Und doch hatten die ſeltene Treue und Be— harrlichkeit einer drei Jahre lang dauernden Neigung die junge Hofdame nicht ſo erſchüttert, als der Beginn einer Kälte, die ſie empfinden ließ, was es heiße, eine Liebe zu verlieren, die ihr Herz ſich gewöhnt hatte als ſein Eigenthum zu betrachten! —
So fand denn endlich die Trauung zur linken Hand, wie es ſcheint durch den Hofprediger Zöllner, in der Schloß— kirche zu Charlottenburg ſtatt. Das Conſiſtorium erklärte eine ſolche für zuläſſig unter Berufung auf die von Melanch⸗ thon erlaubte Doppelehe Philipp des Großmüthigen von Heſſen. Vorläufig ſollte dieſelbe jedoch ein Geheimniß bleiben und Fräulein von Vosſ in ihrer bisherigen Stellung ruhig verharren. Nur der Oberſthofmeiſterin von Vosſ erlaubte ihr der König das Geſchehene mitzutheilen, und dieſe erwähnt in ihrem Tagebuch das Geſtändniß derſelben. Offenbar da⸗ durch in einen harten Kampf mit ihrem eigenen Herzen ver— ſetzt, zwiſchen der Entrüſtung über die Handlung und dem Mitleid mit der Handelnden, ſchreibt ſie am 2. Juni 1787:
„Meine Nichte ſagte mir heute unter Thränen, ſeit acht Tagen ſei ſie mit dem König heimlich getraut, bat mich aber,
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es zu verſchweigen. Es betrübt mich tief und ich kann mich mit dem beſten Willen eines Gefühls von Abſcheu und Widerwillen gegen eine Sache nicht erwehren, die ſo uner— laubt iſt, man mag an Scheingründen dafür angeben, was man will. Ihr Gewiſſen wird es ihr ſchon genugſam ſagen und wird nicht wieder ruhig werden.“
Wie groß aber auch der Schmerz war, mit dem die Oberſthofmeiſterin den tiefen Fall ihrer Nichte empfand, ſo hat ſie doch auch in den intimſten Selbſtgeſprächen dieſer Blätter kein Wort der Anklage gegen ſie, ſondern ſagt wenige Seiten weiter ſogar zu ihrer Entſchuldigung:
„Sie hat lange widerſtanden; aber ſie liebte den König leidenſchaftlich, und nachdem ſie ihm ihr Herz gegeben hatte, ließ ſie ſich vollends von ihm überreden. Trotz ihres ſchweren Fehltritts bleibt ſie dennoch ein edler, der Achtung nicht unwerther Charakter, und ich weiß wohl, ſie iſt zu recht— ſchaffen, als daß ſie nach einem ſolchen Fall jemals wieder glücklich ſein könnte.“
Anfang Auguſt ſchreibt ſie weiter:
„Der König iſt nach Schleſien abgereiſt und Julie ſagt mir, fie wolle morgen nach Berlin, um zu kommuniziren, dann zu ihren Verwandten auf's Land gehen, von dort aus um ihre Entlaſſung bitten und nicht wieder kommen; ſie könne es nicht länger aushalten, auf dieſe Art weiter zu leben. Sie hat ſoeben dasſelbe dem König geſchrieben. Ach ich fürchte, was ſie auch thun mag, ſie wird nur immer unglücklicher werden.“
17. Auguſt.
Julie reiſte heute ab, was mich ſehr ergriff.
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20. Auguſt. Sie ſchreibt, daß ſie ſich eine Stiftsſtelle kaufen wolle und bittet um 14 Tage Nachurlaub. Die alte Königin weiß nicht, was ſie davon denken ſoll; trotz allem Vorgefallenen ahnt ſie nichts. 23. Auguſt. Ich ſah heute Julie in Berlin; ſie hatte Antwort vom König, der ſehr zufrieden damit iſt, daß ſie den Hof ver⸗ laſſen hat. Aber das Ganze bleibt doch ſchrecklich traurig und das arme Kind jammert mich ſehr.
30. Auguſt. Ich fürchte, die Enke wird Julie noch viel Kummer bereiten. Julie iſt heute mit ihren Verwandten auf's Land abgereiſt. An Hof ahnt man nicht, daß ſie nicht wieder kommt. 1. September. Ein heute eingetroffener Brief meiner armen Nichte an die Königin-Wittwe bittet um ihren Abſchied und jagt: ſie habe eine Stelle im Stift Wolmirſtädt gekauft. Die Königin gewährte die Entlaſſung ſogleich und nahm es ſehr gut auf. Julie hat auch an die Kannenberg gejchrieben*). Gräfin Kannenberg las mir den Brief meiner Nichte vor, in dem ſie zu verſtehen giebt, warum ſie geht. Die Kannenberg iſt ihre Tante und jammert jetzt ſehr um ſie, aber ich wieder⸗ hole nur das Eine: man hätte ſie retten können, wenn man es zur rechten Zeit gewollt hätte, aber all mein Reden damals war umſonſt. Julie iſt noch immer in Branden⸗ burg bei ihren Verwandten. Der König iſt wieder hier,
*) Dieſe war die fungirende Oberſthofmeiſterin, während Frau von Vosſ nur als Frau des Oberſthofmeiſters den Titel führte.
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hat ſie in Potsdam etabliren wollen und thut es nun doch nicht; ach, wie unglücklich wird ſie werden! — 4. September. Meine Nichte ſchreibt mir aus Brandenburg: ſie geht den 9. nach Potsdam und bäte Gott, ihr beizuſtehen in dem neuen Leben, das ſie erwarte. Gott wolle ſich ihrer an— nehmen; es iſt ein ſchwerer Schritt, den ſie jetzt thun muß, die Sache vor der Welt zu braviren. 28. September. Prinzeſſin Friederike war auf der Jagd in Wuſter⸗ hauſen; der König war auch dort und zum erſten Male meine Nichte mit ihm. Man ſagt mir zu meinem Troſt, fie ſcheine glücklich zu ſein. 1. October. Julie ſchreibt mir, ſie gehe mit dem König nach Wörlitz
und ſcheint glücklich und heiter. 6. November.
Julie hat den Namen einer Gräfin Ingenheim be— kommen. Die Arme ſchreibt mir: ſie fühle ſich ſehr un⸗ glücklich; wie ſchrecklich leid thut ſie mir! — Die Enke thut ihr tauſend Herzeleid an und hat immer noch ganz denſelben Einfluß wie früher auf den König.
1. December.
Die Prinzeſſin Friederike will Julie nicht ſehen, der König hat es ihr befohlen; er hat unrecht, finde ich, ſie zu zwingen.
7. December.
Der König hat Julie perſönlich zur Prinzeſſin Friederike geführt und dieſe ſich gefügt.
20. December.
Julie iſt unwohl und kann das Bett nicht verlaſſen, die Prinzeſſin Friederike und die Prinzeſſin von Braunſchweig
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haben mit dem König in ihrem Zimmer an ihrem Bett ge-
eſſen; das iſt doch ſtark! — geſſ j ch f 11. Januar 1788.
Ball beim König, wo der Kronprinz Julie zum erſten Mal als Gräfin Ingenheim ſah, was für Beide ein ſehr unangenehmer Augenblick war. Die Unglückliche, welche pein⸗ liche Stellung für ſie! —
20. Januar.
Alle Höfe ſehen ſie und ſie iſt überall; ich begreife das
nicht! — 22. Februar.
Die alte Königin hatte ein großes Diner und frug den König, ob ſie die Ingenheim einladen ſolle; natürlich ſagte er ja, und jo kam fie zum Diner. Ich finde es höchſt unrecht von der Königin, ſie einzuladen, um dem König damit zu ſchmeicheln. Abends ſpielte ſie doch nicht Lotto mit den Herrſchaften, ſondern ſpielte mit dem Hofſtaat im vor⸗ dern Zimmer. Bei Tafel wurde ſie dem König gegenüber
eſetzt.
ge) 3 29. Februar. Die alte Königin lud wieder die Ingenheim ein; ich
finde, ſie bemmmt ſich in dieſer Sache jo unwürdig und
ſchwach wie möglich dem König gegenüber. 4. März.
Großes Diner beim Miniſter Arnheim“), wo der König und die Ingenheim auch waren. Aber trotz alledem iſt ſie traurig; denn der König ſoupirt nach wie vor täglich bei der Rietz und das iſt freilich betrübend für ſie.
19. März.
Der König iſt mit der Ingenheim nach Potsdam.
) Die Oberſthofmeiſterin ſchreibt immer Arnheim für Arnim.
— 19 —
unt Die Ingenheim iſt heute mit dem König nach Char- lottenburg übergeſiedelt. 21. December.
Die Ingenheim bat mich ſehr, in der nahen Stunde ihr beizuſtehen; auch der König bat mich den folgenden Tag darum, und ich brachte es nicht über's Herz, nein zu ſagen.
2. Januar 1789.
Julie bekam heute einen Sohn; der König war da und
freute ſich ſehr. 4. Januar.
Das Kind wurde getauft; der König hielt es ſelbſt über die Taufe, es heißt Guſtav Adolph Wilhelm. Julie's Bruder, der Miniſter Biſchofswerder und ich waren die Pathen. Der König ſelbſt war faſt den ganzen Tag bei der Kranken.
Es iſt wahr, er iſt wirklich der beſte Fürſt, den man auf der ganzen Welt finden kann; leider nur, daß er ſo willensſchwach, ſo ohne Energie und zuweilen ſo heftig iſt.
* * *
Im Anfang ging alles gut mit der jungen Wöchnerin; aber das Unglück wollte, daß ſich der König durch einen Fehltritt den Fuß verletzte. Er konnte ſein Zimmer in Folge deſſen nicht verlaſſen, die Gräfin Ingenheim nicht ſehen, und war ſehr unglücklich über dieſe Trennung; Jene, die ihn über Alles liebte und ihrer ſelbſt nicht achtete, hörte nicht auf die Ermahnungen ihrer Pflegerin und das Verbot der Aerzte, und verließ täglich ihr Zimmer, um den König zu beſuchen, zu einer Zeit, wo ſie noch kaum ihr Bett
hätte verlaſſen ſollen. Die Strenge der Jahreszeit, über- Am Preußiſchen Hofe. 5. Aufl. 9
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dies die Kälte der Treppen und Gänge im Schloß ſchadeten der armen jungen Frau; vielleicht mehr noch der erſte Schrecken bei dem Unfall des Königs. * ? 1 20. Januar. Die arme Julie ängſtigt und beunruhigt ſich ſchrecklich um den König, was ihr nicht gut iſt. 22. Januar. Julie iſt ernſtlich unwohl, ſie hat ſich furchtbar erkältet; aber vor Allem hat die Aufregung und die Angſt um den König ihr ſo geſchadet. Sie mußte heute das Kind entwöhnen und man brachte eine Amme. 25. Januar. Der König konnte heute wieder unten bei ihr ſein; er kann zur Noth ein paar Schritte gehen, auch waren ein paar Leute zu Tiſche da und man ſpielte am Abend. 27. Januar. Ich aß bei Julie, die ſehr bewegt war und augenſchein⸗ lich einen Kummer hat, aber ihn vor mir verbergen will. 29. Januar. Obgleich der König faſt den ganzen Tag bei ihr iſt, ſo beruhigt ſie das doch nicht; ſo ſehr fürchtet ſie ſich vor dem feindlichen Einfluß der Rietz, der ihr ſein Herz wieder ent⸗ reißen könnte.
5. Februar. Heute war große Cour und auch Julie ging zum erſten mal wieder hin, obgleich ſie ſeit jenem Schrecken um den König noch nicht wohl iſt. Sie will ſich nicht nachgeben, aber ich fürchte, ſie ſchadet ſich. Der König hat ihr ein kleines Etui geſchenkt, in dem 50,000 Thaler waren und ſein Portrait mit Brillanten beſetzt; die Steine ſind überaus ſchön.
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24. Februar. Julie hat Fieber und Huſten, ſie iſt auf und geht aus, aber ſie gefällt mir nicht. 5. März. Man fürchtet die galopirende Schwindſucht für die arme Julie. Ich kann nicht ſagen, wie weh es mir thut. Der König iſt außer ſich; er weiß nicht die Gefahr, aber er ängſtigt ſich ſehr um ſie. 25. März. Welch ein Tag des Unglücks! Ganz plötzlich heute Abend um 8 Uhr verſchied die arme Julie; es kam über ſie, wie ein Anfall von Erſtickung. Kein Menſch ahnte die nahe Gefahr; der König fuhr am Nachmittag nach Pots— dam, ich ging gegen Abend zu ihr, aber die Prinzeſſin Frie⸗ derike, die bei ihr war, redete mir ab, zu ihr hineinzugehen, weil ſie angegriffen ſei, und ſo habe ich ſie nicht mehr ge— ſehen. Ich beweine ſie recht von Herzen und Alle beweinen ſie mit mir. Es iſt furchtbar raſch gegangen, ich kann es noch gar nicht faſſen. Sie ſtarb im Schloß in demſelben Zimmer, in dem ihr Kind geboren wurde.
* * *
Dem Bruder Juliens, dem Miniſter von Vosſ, ward das Kind zur Erziehung übergeben; die Leiche der Verſtorbenen brachte man nach Buch, wo ſie in der Kirche beigeſetzt wurde. Der König war in Verzweiflung und konnte ſich nicht tröſten und nicht beruhigen. Auch die allgemeine Theilnahme wurde trotz ihres ſtrafbaren Verhältniſſes zu ihm, dennoch für die Unglückliche laut, deren große Jugend und trauriges Schickſal unwillkürlich die Verdammenden entwaffnete und alle Ge—
müther rührte. Die Anſicht gewann Raum, ſie ſei mit einem 9 *
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Glas Limonade vergiftet worden, und die Menge wollte ſich dieſen Verdacht nicht ausreden laſſen. Selbſt die Königin beweinte die Verſtorbene und wiederholte immerfort: „Ich habe meine beſte Freundin in ihr verloren.“
Die Oberſthofmeiſterin ſagt in ihren Aufzeichnungen:
„Der König erfuhr den Verdacht einer Vergiftung und befahl die Obduction der Leiche. Dieſe bewies deſſen Grund⸗ loſigkeit, die Lunge allein war krank, das hat ſie getödtet.
Der König hat unglaublich großmüthig für alle ihre Leute geſorgt, ihren Kammerdiener hat er zu ſeinem perſön⸗ lichen Dienſt zu ſich genommen.“
Faſt ein Jahr lang lebte der König in dem Schmerz um die verlorene Geliebte und in dem Andenken an ſie fort, und jedes Bemühen war vergeblich, ihn von demſelben zu zer⸗ ſtreuen. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, die Oberſt⸗ hofmeiſterin wieder zu ſehen, deren Anblick ihn zu ſchmerzlich an das Glück, das vergangen, und an die letzten ſchönen Tage deſſelben erinnerte. Wenn er ihr bei der Königin in Schönhauſen nur einmal flüchtig begegnete, verlor er alle Faſſung und konnte ſeine Thränen nicht beherrſchen. Aber im Laufe des folgenden Winters fand er eine Tröſterin. Eine junge Gräfin Dönhoff, eine auffallend hübſche Perſon, die Hofdame bei der regierenden Königin war, wußte ſein Herz zu rühren; er verliebte ſich in dieſelbe, und ſehr bald verließ auch ſie den Hof, um die Stelle der Verſtorbenen einzunehmen. Es iſt nur zu begreiflich, wie ſchmerzlich dieſer zweite Roman, den das unbeſtändige Herz des Königs an⸗ geſichts ſeiner Gemahlin, ſeiner heranwachſenden Kinder und
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des ganzen Hofes in Scene ſetzte, für das verwundete Gefühl der Oberſthofmeiſterin war. Sie litt dabei eben ſo ſehr in ihrer Liebe zu dem Könige, als auch in ihrer Liebe zu der unglücklichen Gräfin Ingenheim, die ſie ungeachtet ihres Fehl⸗ trittes mit mütterlicher Treue noch immer beweinte. Von den wenigen Einzelnheiten, welche ſich über den Verlauf dieſer Angelegenheit in ihren Tagebüchern finden, wollen wir als fernere Kennzeichnung der damaligen Sittenzuſtände einige entnehmen, obgleich ſie alle nur ſehr lakoniſch und unge— nügend über das ſich Ereignende Nachricht geben. Gerade am Tage der feierlichen Beiſetzung der Gräfin Ingenheim in der Kirche zu Buch am 4. April 1789 heißt es darin:
„Heute kam die bereits ernannte neue Hofdame der re— gierenden Königin, Gräfin Sophie Dönhoff, hier an und ward an Hof präſentirt.“
Sie erwähnt dieſelbe darauf nicht wieder, bis viele Monate ſpäter, am 27. Januar 1790, wo ſie ſagt:
„Ich kam von Rüdenhauſen, wo ich bei meiner Tochter war, heute wieder in Berlin an und ging Abends an Hof zur Königin⸗Wittwe. König und Königin waren dort; die Herrſchaften überhäuften mich mit Güte, beſonders der König war rührend gnädig und freundlich gegen mich; aber es frappirte mich, daß er die neue Hofdame Dönhoff ſehr zu beachten ſcheint.“
Sie erfährt darauf wohl von Anderen, daß jenes „Be⸗ achten“ bereits die Aufmerkſamkeit des Hofes erregt hat. Wir wollen uns nun darauf beſchränken, die Tagesnotizen, wie wir ſie finden, wörtlich wieder zu geben.
* * **
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30. Januar 1790.
Man ſagt hier, daß die Intimität zwiſchen dem König und der Dönhoff raſch entſtanden und bereits weit gediehen ſei. Daß er ſehr verliebt in ſie iſt, ſehe ich; aber eine ſolche erneute Schuld wäre doch zu ſchrecklich; ich kann nicht glauben, daß es dahin kommt.
31. Januar.
Der König ſprach heute viel mit mir und ich ſah dabei wohl, wie er ſeine Schöne nicht aus den Augen läßt.
5 14. Februar.
Man ſagt, daß es einen ſchlimmen Auftritt in Monbijou gegeben hat wegen der Dönhoff, und daß die Königin in⸗ dignirt iſt über das Vorgefallene.
18 Februar.
Die Königin hat ſich entſchließen müſſen, der Dönhoff Entſchuldigungen zu machen. — Die arme Königin! —
20. Februar.
Ich ſpielte Whiſt mit dem König; er war heiter und überaus liebenswürdig. Ach, wenn er nur nicht ſo indolent und ſo willensſchwach wäre, welches Glück wäre das für uns und für ihn ſelbſt! —
6. März.
Es war Soirée bei der Gräfin Eickſtädt, der König war auch dort und ganz beſchäftigt mit ſeiner Schönen, deren Benehmen mir nicht gefällt. Sie iſt ſehr hübſch, aber ich glaube, ſie hat keinen guten Charakter.
13. März.
Ich war beim König, wo auch die beiden älteſten Prin— zeſſinnen Friederike und Wilhelmine waren und der Mark— graf von Anſpach mit ſeiner Geliebten Lady Craven, die er dem König vorſtellte. Sie iſt verblüht, ſoll Verſtand haben,
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aber iſt äußerſt dünkelhaft, kümmert ſich um Niemand, läßt ſich keinem Menſchen vorſtellen und ſpricht nur mit ihrem Landgrafen, der ganz entzückt von ihr zu ſein ſcheint. Es iſt wahrhaft unglaublich, daß man eine ſolche Perſon an Hof
ieht und mit i icht. in 5 1 14. März.
Der König gab ein großes Concert, bei dem auch der
Markgraf mit ſeiner Craven war. 4. April.
Herr von Langermann, der Onkel der Dönhoff, kam zu mir und ſagte, ſeine Nichte werde den Hof verlaſſen, im Uebrigen aber wiſſe fie ſelbſt nicht recht, was ſie wolle. 10. April. Die Dönhoff hat ihre Entlaſſung und iſt plötzlich fort. Einige Leute ſagen, fie ſei zum König nach Potsdam, An- dere, ſie ſei mit ihrer Mutter abgereiſt, die ich wenig kenne und die eine geborene von Langermann iſt. 11. April. Die Kameke ſagte mir, der König habe ſich mit der Dönhoff trauen laſſen; Zöllner ſoll die Trauung verrichtet haben in der Wohnung ihrer Tante, der Solms, und dann
ſind ſie nach Potsdam. 13. April.
Man ſpricht von nichts, als von der Dönhoff. Sie iſt beim König in Potsdam und er giebt Soiréen und Concerte ihr zu Ehren. Ach, der arme König — wie ſoll man dies
Alles entſchuldigen? — ſch 3 15. Mai.
Vengersky iſt in Ungnade; dasſelbe droht Lindenau und Biſchofswerder durch den Einfluß der Dönhoff, die ſie nicht mag. Sie iſt noch in Potsdam, der König ſoll ſie öffentlich „Meine liebe Frau“ nennen.
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14. Auguſt. Der König iſt ſeit 8 Tagen in Breslau, wo eine ge- wiſſe Fräulein von Mitzlaff eine Rolle bei ihm ſpielen ſoll. Die Dönhoff ſcheint dies erfahren zu haben und iſt ihm nachgereiſt.
1. December. Der König iſt heute zum erſten Mal mit der Gräfin Dönhoff nach Berlin gekommen.
8. December. Die Dönhoff, die bei ihrer Tante Solms abgeſtiegen war, iſt heute zum König auf's Schloß gezogen; auch war ſie Abends in der großen Loge mit der Lindenau und der
einitz zuſammen. H z d j 10. December.
Geſtern ift die Gräfin zum erſten Mal in einer kleinen Soirée beim König erſchienen, bei der auch die Prinzeſſin Friederike, der Miniſter Heynitz und ſeine Frau waren.
4. Januar 1791.
Heute brachte der König die Dönhoff zum Souper zur
Prinzeſſin Friederike mit. 12. Januar.
Ball beim König, wo ſeine Gräfin auch erſchien, aber in Folge deſſen keine der beiden Königinnen gekommen war. 25. Januar. Die Dönhoff gab ein Concert mit Souper; der König hatte dem Kronprinzen befehlen laſſen, bei demſelben zu er⸗ ſcheinen. Nachher kam er mit der Gräfin auf die Redoute im Schauſpielhaus; letztere war als Zauberin koſtümirt. 6. Februar. Die alte Königin will ſich nicht recht in die neue Paſ— ſion des Königs finden; fie hat ihn zu morgen eingeladen, aber die Dönhoff nicht.
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9. Februar. Die alte Königin hat nachgegeben; ſie hat die Dönhoff eingeladen und dann ſich zu Bett gelegt und geſagt, ſie wäre krank, um bei ihrem eignen Feſt nicht zu erſcheinen. 14. Februar. Heute kam es nun doch ſo weit; die alte Königin lud die Gräfin mit dem König ein und ſah ſie wirklich; dieſe ſpielte mit den Herrſchaften Lotto, blieb aber nicht zum
Souper. 16. Februar.
Souper bei der alten Königin. Der König und die re= gierende Königin waren da, aber nicht die Schöne, die wieder brouillirt mit dem König iſt, denn fie zanken ſich jetzt fort⸗
während. 19. Februar.
Man ſagt, es ſei Alles zu Ende zwiſchen dem König und der Gräfin; ſie will nicht wieder mit nach Potsdam, ſondern will fort; macht dem König Vorwürfe, daß er noch immer
unter dem Ein der Rietz ſteht. fluß 5 m 24. Februar.
Der König hat ſich mit ſeiner Gräfin wieder ausgeſöhnt. Ich ſah ſie heute; ſie iſt ſchrecklich verändert, leichenblaß wie eine Todte, geht aber doch Sonnabend zu ihm nach
Potsdam. 27. Februar.
Die Dönhoff kam heute um ſich bei der alten Königin zu empfehlen. Sie ſah elend aus und that mir leid. Sie kann gegen die Rietz und gegen Biſchofswerder nicht aufkom⸗ men; morgen geht ſie zwar nach Potsdam, aber ich glaube, ſie wird nicht lange Einfluß auf den König behalten. Es fehlt ihr durchaus nicht an Verſtand, aber ſie iſt zu launiſch, und der König iſt ſchon ſehr kühl gegen ſie.
— 188 —
24. Januar 1792. Die Dönhoff wurde heute in ihrem Zimmer im Schloß von einem Sohn entbunden; die Solms und die Puttkammer
pflegen ſie. 4. Februar.
Ich machte der Dönhoff einen Wochenbeſuch; ſie war
ſehr liebenswürdig, das Kind iſt überaus groß und ſtark. 13. Februar.
Heute war die Taufe bei der Dönhoff. Der Kleine hat vom König den Namen eines Grafen von Brandenburg er— halten und heißt Friedrich Wilhelm.
Die Gräfin Dönhoff ſieht ſehr ſchlecht aus, aber der König iſt jetzt ſehr gut und zärtlich mit ihr und ſie hat ſüperbe Perlen von ihm bekommen.
13. März.
Es war heute ein Souper bei der Dönhoff; ſie iſt immer ausgeſucht höflich gegen mich.
19. März.
Die Dönhoff iſt mit dem König nach Potsdam und hat ihr Kind mit. Sie hat dort das Haus von Verdi für 40,000 Thaler gekauft und ihr bisheriges für 30,000 Thaler
an Heinitz verkauft. 20. Juni.
Die Dönhoff iſt plötzlich abgereiſt, und man ſagt, für immer. = 24. Juni.
Ich höre, die arme Dönhoff iſt in die unglückſelige Biele- feld'ſche Intrige verwickelt geweſen und nun begreife ich wohl, daß fie nicht wiederkommen kann. Der König ging heute zur Armee ab. Alles weinte, und der Abſchied von ihm war ſehr rührend; er wird trotz ſeiner großen Fehler doch ſehr geliebt. Gott wolle ihn zurückführen.
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18. Januar 1793.
Ich höre, daß die Dönhoff am 4. dieſes Monats in Neufchatel von einer Tochter entbunden worden iſt.
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Nach der wohl durch die Intrigen der Madame Rietz ſo früh wieder getrennten Verbindung des Königs mit der Gräfin Dönhoff, ließ er bekanntlich die beiden Kinder der- ſelben, die den Namen eines Grafen und einer Gräfin von Brandenburg erhalten hatten, bei dem Hofmarſchall von Maſſow erziehen. Die Gräfin ſelbſt lebte nach ihrer Rück⸗ kehr aus der Schweiz anfänglich in Angermünde, erhielt erſt ſpäter unter der Regierung Friedrich Wilhelm's des Dritten die Erlaubniß, nach Berlin zurückzukehren und ihre Kinder wiederzuſehen, und hielt ſich dann auf ihren Beſitzungen bei Werneuchen in der Mark auf, wo ſie 1834 ſtarb. Die Rietz, ſpätere Gräfin Lichtenau, erlangte, nachdem es ihr gelungen war, die Gräfin Dönhoff zu verdrängen, den unumſchränk⸗ teſten Einfluß auf das Gemüth des Königs, den ſie auf das Gewiſſenloſeſte mißbrauchte. Ihre beiden Kinder hatten den gräflichen Namen von der Mark erhalten; das ältere der⸗ ſelben, ein Sohn, ſtarb im Alter von 9 Jahren; die Tochter, Gräfin Marianne von der Mark, heirathete 1797 den Erb— grafen Friedrich von Stolberg-Stolberg, ward nach einigen Jahren von ihm geſchieden und heirathete in zweiter Ehe einen Polen von Miaskowski, und in dritter einen Fran⸗ zoſen von Thierry. Ihre Tochter aus erſter Ehe heirathete wieder einen Grafen Stolberg, und ihre Tochter aus dritter Ehe verheirathete ſich mit ihrem Oheim, dem Grafen Ingenheim.
Nachdem das Trauerſpiel, deſſen Heldin ihre unglückliche Nichte Ingenheim geweſen, zu Ende war, enthalten die Tage⸗
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bücher der Oberſthofmeiſterin nur ſelten noch Aeußerungen über die Hofereigniſſe und die Lebensweiſe des Königs.
Ihre Aufzeichnungen zeigen uns mehr und mehr nur noch den Wiederſchein tiefen Schreckens über die immer drohender werdenden Vorgänge in Frankreich. Als 1792 der König mit dem Kronprinzen und Prinz Louis ins Feld rückte und ſpäter der traurige Ausgang jener kriegeri⸗ ſchen Unternehmung allen Hoffnungen, Ludwig XVI. und die Königin zu befreien, ein Ende machte, als die Schreckniſſe in Paris von Tag zu Tag ſtiegen und endlich das tragiſche Geſchick der königlichen Märtyrer ſich vollendete, ergriffen auch die Schreiberin jener Blätter der tiefe