■*r.
"-.'.V»;
,1,' ■ '■' ' ■ ■ ' - "'i",^i, -''''"'(■ ■
'^i§'k'\iiill'^i
'», . i
■:('■'■
Nithard und sein Geschichtswerk,
Inangural - Dissertation,
der
philosophischen Facultät in Jena
zur
Erlangung der Doctor würde
vorgelegt von
Otto KuntzemUUer.
Guben 1873
Druck von A. Roenig
S7Z^
I. Das Leben Nitliards.
Nithard beisst der Verfasser eines aus dem Mittelalter über- liet'erten Gesebicbtswerkes^ welcbes in vier Bücbern die Ursachen und den Verhiut* des Kampfes darstellt, den die Söhne Ludwigs des Frommen um das Erbe ihres Vaters führten. Dieser Nithard war, wie er selbst im fünften Capitel seines vierten Buebes be- richtet'), der Sahn des Angilbert, eines denkwürdigen Mannes? der mit seinen Brüdern, Madbelgaud und Richard, bei Kaiser Karl dem Grossen in wolverdientem Ansehen stand und als Abt des Klosters St. Riquier bei Centulum sich auszeichnete sowol durch Erbauung einer prächtigen Kirche „zu Ehren Gottes und des heiligen Richar" als auch ganz besonders durch die wunder- bare Leitung des ihm anvertrauten Klosters. Es ist dieser An- gilbert kein Anderer als der uns aus dem gelehrten Freundes- kreise Karls des Grossen bekannte Homer; denn bei diesem tritft alles das zu, was Nithard von ihm berichtet-).
Wie den Vater Angilbert, so lernen wir auch die Mutter aus Nitbard selbst kennen. Als seine Mutter nennt er nämlich am angeführten Orte die Bertha, eine von den schönen Töchtern, welche Karl der Grosse mit seiner zweiten Gemalin Hildegard zeugte 3). Angilbert ist wol nie der rechtmässige Gatte Berthas,
') Nithard. lib. IV. c. 5. ,,eademque die Angilbertus, vir memorabilis, Centulo translatus, et anno post deeessuui ejus 29", corpore absque arinatibus indissolutus repertus est. Fuit hie vir ortus eo in tenapore haud ignotae fa- niiliae. Madhelgandus et Riehardus et hie una progenie luere, et apud magnum Caroluni merito niagni habebantur. Qui ex ejusdem niagni regis lilia, nomine Bertha, Hartnidum fratrein nieum et nie Nithard um genuit; Centulo opus miri- fieurn honore omni potentis dei sanctique Richarii construxit, familiamque sibi commissam mirifiee rexit.
^) Vrgl. Wattenbach: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. II. Aufl. p. 117 — 123. Wattenbach gibt an dieser Stelle eine genaue und aus- führliche Lebensgeschichte Angilberts.
•*) Siehe Anm. 1 u. Einhardi vita Karoli c. 18,
soiidoni nur „der i^liiokliclic Oeliebte" derselben gewesen'*). P^inhard versichert nilndich in seiner Lebensgeseliielite Karls des Grossen ausdrücklieb, dass der Kaiser keine seiner Tochter ver- beirathet habe, weil er meinte, des Umgangs dersell)en nicht entbehren zu können-). Allein, wenn auch Kaiser Karl nie zu- gegeben hat, dass Angilbert die Bertha heiratete, so scheint docli Alles dafür zu sprechen, dass er das vertraute Verhältniss des Freundes zu seiner l'ochter stillschweigend billigte. Es wird nirgends überliefert, dass Karl dem Angilbert jemals gezürnt habe, oder dass die Freundschaft beider Männer irgendwie ge- trübt w^orden sei, und der Schluss des neunzehnten Capitels der angeführten Lebensgeschichte Einhards liisst klar erkennen, dass der grosse Kaiser nicht gerade allzu strong über die Liebesver- hrdtnisse seiner Töchter dachte'). Paetz in seiner Dissertation (de vita et tide Nithardi) ist wol etwas zu kühn, wenn er be- hauptet, dass die Geschichtsschreiber sowie alle andern Schrift- steller aus der Zeit Karls des Grossen von der Ehe Angilberts und P>erthas desshalb schweigen, weil sie fürchteten den Kaiser durch Erwähnung dieser >Sache zu kränken').
Das Geburtsjahr ISithards lässt sich mit genügender Sicher- heit nicht bestimmen. Es steht nur so viel fest, dass >^'ithard vor dem Jahre S14 geboren sein muss; denn am 18. Februar 814 starb sein Vater Angilbert**). Paetz setzt die Geburt Nithards in die Jahre 788 — 791 '^^ Er nimmt an, dass Kihiig Offa von Mercien im Jahre 781 von Kaiser Karl die Bertha für seinen Sohn zur Frau gefordert habe, und folgert daraus, dass Bertha in diesem Jahre noch keine Kinder liaben konnte. Ferner behauptet er.
») Vrf,^. Watteubacli a. a. 0, ]). 119.
*) Eiiiliard vita Caioli c. 1:>. Quae (sc. filiae Kaioli) cum piilolieiriinae essent et ab co plminniiu (lili^vniJitur, luiiiiin dittn, quod nnllain eavuDi cui- quum suonini aiit cxteronun mi])ttn»i tlaro vohtit; sed onines iis([ue ad obitiiui siium in domo sua retinuit, dicois s<3 eaiuiii contubcrino carere iioii posso.
») Eiiiliardi v. Xandi c. 19. , Ac propter hoc licet alias felix, advorsae i'ortunae malijjfnitatcm e\']>eitiis est; quod tarnen ita disHimulavit, ac si de iis nun({uani alicujus ])robri sus]iicio exoita esset vA fama dispersa i'uis.set ^ Yrg-l. ausserdem Lorentz: das l'rivat- u. lloilcben Karls d. ü. in v, Kaumers liistor. Taschenb. ^>. Jabr«.^.
') Cbr. I'aet/; diss. inau^ Halle ISlir). p. 4. , Hisce verbis jam satis apparet Nilbardum non jiisto conjuj^io natum esse. Itaque factum est, ut scrin- tores aequales, ne re^^is animum oilvndevent, nihil neque de Angilberti Bemi- taecjue conjugio nef[ue de Nithardo nato,. nu-moiiae ])i'oderent \ Vrgl. noch Wattenbaeh a. '\ O. Mayer v. Knonau; Nith. 4 Bücher (jieschichten. Leipzig 12'X. q. 80 u. ]). 498. Lorentz a. a. O. ii. 484. Anni.
») Wattenbaeh a. a. 0. Nithard lil. 5.
») Paetz a. a. 0. p. 5.
3
Ang'ilbert sei im Jnlirc 7^J1 als Abt in das Kloster St. Riquier bei Centiiiuiu i^ekoininen und kihine in Folge dessen nacli 791 keine Kinder niebr ge/eugt baben. Da jedocb Paetz weder das Jabr 787 als das Jabr begründet, in welcbeni König Offa die Hertha znr Fran l'iir seinen Sobn forderte, nocb naebweist, dass Angilbert in der Tat 791 als Abt in das Kloster des heiligen Riebar gegangen ist, so selnve])t seine Annabme völlig in der Luft, bei näberer Betraebtung er\Yeist sieb dieselbe sogar als falseb.
Die gesta Abbatuni Fontanellensiuni, welebe cap. IG von der Forderung des Offa berichten, geben kein Datum für dieselbe. Ferner wird Angilbert niebt vor 794 als Abt von St. Riquier ge- nannt. Allein auch als Abt gab Angilbert sein Familienleben am Hofe Karls niebt auf, wie Wattenbacb nachweist ^"). Was aber die Behauptung Paetzes ohne weiteres zu Falle bringt, und was er ganz und gar übersehen hat, das ist die Angabe Leib- nitzes (in den annales imperii I. 107 zujn Jahre 783), dass Bertha im .Jahre 779 oder 780 geboren ist. Nitbard kann daher unmöglich in den Jahren 788—791 das Licht der Welt erblickt haben. Vielleicht irren wir nicht, wenn wir seine Geburt in die letzten Jahre des achten Jahrhunderts setzen, in die Jahre 797—800"); zumal die Stelle in Nitbard IV. cap. f) „Hartuidum fratrem meum et me Nithardum genuit" zu der Annahme berech- tigen könnte, Nitbard sei der jüngere von den beiden Söhnen des Angilbert und der Bertha gewesen.
Von der Jugend und der Erziehung des Nitbard erfahren wir gar nichts. Als er wehrhaft geworden war, hat er sich viel- leicht am Hofe Kaiser Ludwigs des Frommen aufgehalten 5 wenig- stens wurde er nach seiner eigenen Angabe von diesem Kaiser
»») Wattenbach a. a. 0. p. 121.
'') Vrol. Ma^er a. a. O. p. 498: ,.Nithards Geburtsjahr ist uns nicht bekannt. Doch Ulsst sich wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit dasselbe annähernd bestimnun. Da Hildegard, die Mutter der Bertha, sich nach S. Abel. Jahrb. d. i'iänk. Iteichs u. Karl d. Gr. I. ])p. 85 u. oGO mit 771 oder wenigstens vor dem oO. April 772, und zwar lo Jahre alt sich vermälilt hatte und dieselbe 783 starb, da ferner Angilbert nach 781 (1. c. pp, 320 u. 321, seit wann, wie lange wissen wir freilicli iticht) eine Zeit lang in Italien und spä- testens 792 im fränkischen Iteiche wieder zurück war, liegt es nahe mit der Einleitung zu Angilberts Gedicht in Scrii^tt. II. p. 391 (ex Italia redux, Bertae aniore devinctus juiellam uxorem duxit) den Anfang des Liebesverhältnisses in den Beginn des letzten Decenniums des 8. Jahrhunderts zu setzen. Denn vor Angilberts Abgang nach Italien wäre Bertha wol noch zu jung gewesen" u. s. w.
1*
])elolnit'-\ Yielleiclit >vnr er auf dem Reichstage zu Worms im Juni 839 zugegen. Die Schilderung^ welche er im siehenten Oapitel seines ersten Buches von diesem Keichstage giht, ist so anschaulich^ dass man ohne Hedenken daraus schliessen kann, der Verfasser sei Zeuge der \on ihm geschilderten Ereignisse gewesen.
Erst aus dem späteren Lehen Nithards sind uns sichere Tatsachen bekannt. Nach dem Tode des frommen Ludwig fin- den wir ihn im Lager des Kihiig Karl zu Bourges. Von hier aus sandte Karl, so erzählt Nithard selber'^), ihn und den Adel- gar zu Lothar, um diesen zur Beobachtung der Beschlüsse des wormser Reichstages vom Jahre 839 aufzufordern und daran zu mahnen, dass er den auf diesem Reichslage eingegangeneu Ver- pflichtungen nachkomme. Nithard entledigte sich dieses Auftra- ges und bewies dabei zur Genüge die Biederkeit und Gradheit seiner Gesinnung. Lothar suchte ihn und Adelgar auf sjine Seite zu bringen; sicherlich weil er sehr gut wusste, welche Stützen Karl in beiden Männern hatte. Allein treu dem Eide, w^elchen er seinem Herrn geschworen, widerstand Nithard und mit ihm Adelgar den Verlockungen Lothars selbst dann noch, als ihn dieser der Güter beraubte, mit welchen er einst von Ludwig dem Fronmien belehnt worden war**). Wenn mm auch Nithard, ohne etwas Wesentliches erreicht zu haben und materiell sogar geschä- digt, von seiner Gesandschaftsreise zurückkehrte, so hatte er doch durch die Anerbietungen und das Benehmen Lothars einen klaren Einblick in die wahren Absichten desselben gewonnen. Mit diesem Gewinne kam er zu seinem Könige, um denselben in dem bevorstehenden Kampfe mit Rat und Tat treulich zu unter- stützen. Und dass er dies nach Kräften getan hat, beweist vor Allem sein Auftreten in der Schlacht von Fontenoy. Durch die rechtzeitige Hilfe, welche er an diesem heissen Schlachttage dem bei Soleme von Pipin hart bedrängten Adelhard brachte, trug er
'^) Nithard II, c. 2. ,.honoribus quos ])ater (sc. Ludovicus pius) Ulis (sc. Nithardo et Adelgario) dodorat, privavit.
1^) Nithard. 11. 2.
'*) Nithard 11. 2. ilm ((uid'in — niissos, videlicet Nithardum et Adel- gariuMi, delegit et uti ociiis valuit ad LAdharimii direxit. — Quae quidem Lodharius siniulans se benigne susci}>ere, legatos tantum saliitationis causa redire permisit, ac per siios .se responsurum de ceteris esse respondit. Insuper etiani, quoniam ad ipsiim so verterc fiustrata tide noluerunt^ honoribus quos pater illis dederat privavit.
nicht wenig, vielleicht das Wesentlichste zum Siege der Sache Karls bei'').
Nach der Schlacht von Fontenoy, also nach dem 25. Juni 841, wird Nithard wol Karl auf dessen Zügen nach der Loire und Maas hin begleitet haben und schliesslich im September 841 mit dem Kiuiigc in das Lager bei St. Cloud gezogen sein. In diesem Lager beol)achtete er am 18. October 841 eine Sonnen- tinsterniS; gerade als er mit der Beendigung des zweiten Ruches seines Geschiehtswerkes beschäftigt war. Er selbst berichtet uns von dieser Tatsache"; Von St. Cloud aus zog er, wie es scheint, mit K<mig K.irl nach Laon zur Befreiung des Adelgar und war dann am 14. Februar 842 Zeuge der feierlichen ^Eidesleistung auf den (Gefilden bei Strassburg. Beide Ereignisse beschreibt er so ausführlich, dass wol angenonunen Averden kann, er habe denselben persönlich beigewohnt'"). Ende März 842 kam er nach Achen und ward hier von Karl in die Zahl der Zwölfe gewählt, welche mit andern zwölf Bevollmächtigten Ludwigs die Teilung des Keicbes unter die beiden Brüder vollziehen sollten'*^).
Nach Beendigung des für das Frankenreich so unheilvollen Bruderkrieges scheint sich Nithard vom öffentlichen Leben zurück- gezogen zu haben und in ein Kloster gegangen zu sein, entweder weil er bei seinem Könige in Ungnade gefallen war, oder aus Schmerz über die immer mehr in Verfall geratenden Zustände und Verhältnisse seines Volkes. Dass Nithard von tiefem Schmerze über das Unglück der Franken erfüllt war, spricht er deutlich genug aus in den Vorreden zu dem dritten und vierten Buche seines Geschichtswerkes ' ').
Dass Nithard Abt gewesen ist, und wahrscheinlich wie sein Vater Abt des Klosters St. Riquier bei Centulum, lässt sich mit Sicherheit nachweisen. In dem Kloster des heiligen Richar hieng einst das Bild des Nithard und darunter befand sich ein Epi- tapliiura'-^, in welchem folgende Verse vorkommen:
• *) Nithard II 15. ,,Pars vero quae in Soleimat Adelharduni ceterosque quibus haud iiiodiciim supplementum Domino auxiliante praebui, appetiit, stre- nue conftixit.'
' •) Nithard II, 10. .Dum haec super Ligerim ju^ta Sanctum Fludual- dum consistens scriherem, eclipsis solis, hora priina, i'eria tertia 15. Kai. No- vembris in Scorpiune contigit '.
^') Siehe Nithard l'lL 4 und 5.
'«) Siehe Nithard IV. 1.
^») Vrgl. Paetz a, a. 0. p. 7. Mayer a. a 0. p. 87.
2«) Vrgl Meyer a. a. 0. p. 501. Wattenbach a, a. 0. p. 143 Anm. 3, wo das Epitaphium vollständig gegeben ist.
6
V. 1, Hie rutilat species Nithaidi picta sagacis
V. 2. Nomen rectoris qui niodieo tenuit.
V. 1). Exstitit elatos rigidus iiiites liuinilisque
V. 10. Contra coiniiiissuni ])aeitieusqiie gregeni. Es ist iiiizweifclliaft unser Nithard, auf welchen sich diese Verse heziehen-, sie sind daher ein ausreichender Rehig für un- sere uhige Behauptung.
Die Zeit; in welcher Nithard Aht war, lässt sich nicht genau bestimmen. Ueherhaupt sind wie die ersten so auch die letzten Lehensjahre ISithards für uns in v()lliges Dunkel gehüllt. Die Art und den Jahrestag seines Todes lernen wir aus dem er- wähnten Epitaphium kennen. Es heisst darin:
V. 13. Occubuit Junii octavo dechnoque Kalendas
V. 14.^ hostili gladio.
Nithard fand also seinen Tod von Feindeshand an einem 15. Mai nach 843.
Dies ist Alles, was wir von dem Leben und dem Tode ISithards wissen. Von seiner Leiche berichtet uns Hariulf noch eine sonderbare Geschichte in seiner ccntulensischen Chronik-')
„GerwinuS; Abt von 8t. Kiquier" , so erzählt Ilariulf , „von dem Wimsche beselt den heiligen Angilbert würdiger zu ehren, fieng an den Leichnam desselben zu suchen unter den Thüren der Kirche, wo, wie er erfahren hatte, derselbe zuerst bestattet worden war. Allein er fand dort nicht die Leiche des Angilbert, sondern in derselben Gruft, wo diese einst geruht hatte, lag in einem hölzernen mit Leder überzogenen Sarge ganz mit Salz Übergossen die Leiche des Herrn Nithard, des Sohnes Angilberts^ der Abt und Graf gewesen war-, am Kopfe dieser Leiche war noch die Wunde zu sehen, durch welche Nithard in der Schlacht getödtet worden war." Ausser Hariulf berichtet kein anderer Schriftsteller von diesem Ereignisse; wir müssen daher die Wahr- heit der Erzählung des nicht gerade allzu zuverlässigen Chro- nisten dahin gestellt sein lassen'--).
2') Hariiilfi Cliroii. Ceiituleiise c. 32. in D'Achery spicü. ed. nova IL ,,Gervinns . . ciipiens eundem Sanctum (sc. Angilbertum) dignius honorare coe- })it perqnirer«^ ad Tores ecclesiae, quo conipererat, illuni primo tuiiiultatnni l'uisse, sanctani eoritoris ejus glebani; et illius quidem non ibi corpus invenit, sed in codeni quo ])ansaverat sarcopbago invenit leclitam coriatan» l^oniini Nitbardi, filii ejus, abbatis et coniitis cori)Us continentem sale perfusuin; in ejus capite vid»'bainr illa pcrcussura, qua eventu proelii l'uit occisus". ") Vrgl. Meyer a. a. 0. p. 8(5 u. ]). 501. Paetz a. a. 0. p. 7.
II. Ueber die Urs.aclieii und die Zeit der Ent- stehung <les (Jeschiclits Werkes Nitliards.
Nitlinrd seihst sai;t uns, was ihn zur Ahfassung soiiics Gc- schichtswcrkcs veraiihisst habe. ..Als Ihr und die FAircn^ mein Herr'', so beginnt er die Vorrede seines ersten Biiehcs, „schon beinahe ein Jahr hing--^) von Eurem Bruder befebdet wurdet, da gabt Ihr mir, wie Ihr selbst am besten wisst; ehe wir in die Stadt Chalons an der Marne einrückten, den Befehl die Gescbicbtc Eurer Zeit zu schreiben." Ein Befehl seines Kihiigs Karl machte also Nilhard zum Geschichtsschreiber. In welcbe Zeit dieser Befehl zu setzen ist, Averden folgende Betrachtungen ergeben.
Am 18. October 841 beendete Nithard, wie er selbst angibt, sein zweites Bucb-'). Damals hatte er also den Befebl schon langst von seinem Kiuiige erhalten. Seitdem Karl mit seinem Bruder Lothar im Kampfe lag, war er vor dem 18. October 841 nur einmal in Chalons an der Marne gewesen, nämlich im Mai 841, kur/>e Zeit nach dem Siege Ludwigs auf dem Ries--'). Nur im Mai 841 kann daher Nithard den Befehl von König Karl er- halten haben, die Geschichte seiner Zeit zu schreiben^*').
Sicherlich konnte Nithard nicht sofort an die Ausführung des ihm gewordenen Befehls gehen. Die Zeit vom Anfange des Monats Mai bis zum Anfange des Monats September 841 war mit ihren vielen Älärschen und Kämpfen durchaus nicht geeignet, einem Officiere aus dem Hauptquartiere Karls — und ein solcher war ja unser Nithard — die zur Abfassung eines Geschichts- werkes nötige Müsse zu gewähren-"). Als aber Karl im Sep- tember 841 das Lager bei St. Cloud bezog und längere Zeit dort liegen blieb, da konnte Nithard eher genügende Ruhe finden, sein Werk zu beginnen. Diese Ruhe benutzte er denn auch zu lleissiger Arbeit und beendete schon am 18. October noch im Lager bei Sf. Cloud das zweite Buch-*').
2 3) Ich lese mit Meyer (a. a. 0. Excuib 1.) in Nithard praef. lib. I .^aiiuo Vobis'' statt , aniiis duobiis ".
2*) Lib. II, 10 ,.Dum haec (i. e. caput ultimum libri II) super Ligerim juxta Sauctum Fludualdiim consistens scriberem, ecclipyis solis Iiora prima, ieria tertia 15, Kol Novembris in Scorpione conti i,nt'.
2Ä) Vrgl. Nitherd II, 0. Dümmlor Gesch. d. ostlränk. Reiches I. y. 117, Meyer a. a. 0. Excurs. I. Paetz a. a. 0. p. 9.
'^^) Siehe Scholle dis, inang. Tiotharii 1 cum fratribus de nionarchia cer- tamen. Berlin 1855, q, 50 u, 81 liesst in Nithard I praef , annis diiobus ' und stellt im Anschluss daran eine Behauptung auf, deren Unhaltbarkeit Meyer a. a. 0. Excurs. 1 nachgewiesen hat.
^') Siehe Nithard III. 1—3.
*") Siehe Anm !^o die aus Nithard II, 10. angeführte Stelle,
8
Der 18. October 841 als Tag; der Beendigung des zweiten Buches ist zugleich der früheste Anfangstermin des dritten Buches. Beenden konnte Nithard dies Buch nicht vor dem 20. März 842, da das letzte Capitcl desselben von Ereignissen herichtet, welche erst mit diesem Tage ihren Abschluss erreichten-'^).
Das ganze Werk vollendete Nithard „als Kaiser Karl seli- gen Angedenkens schon beinahe dreissig Jahre tot war", also im Jahre 843 ■^"). Wahrscheinlich legte Nithard gleich nach der am Ende seines Werkes erwähnten Mondfinsternis vom 20. März 843 den Griffel nieder. Dies hat schon Meyer von Knonau hemerkt und zu begründen versucht. Meyer von Knonau schreibt a. a. 0. n. 488: „Dass Nithard gleich nach dem 20. März sein Werk en- dete, schliesse ich aus folgenden Umständen. In c. 6 redet er von den Plünderungen der fernen Saracenen, Hätte er noch nach dem 24. Juni geschrieben, so würde er die Heimsuchung des un- gleich näher liegenden Nantes durch die Normannen nicht über- gangen haben. Die Worte am Schlüsse des Werkes: „aeris in- temperies spem omnium bonorum eripiebat" gestatten nicht, den Abschluss in den Mai zu setzen, da nach der Cbronik von Brescia (8cr. HI. p. 240): fuit fames valida in mense Majo, in diesem Monate bereits die Folgen des schlechten Wetters sich zeigten. Dass Nithard auch nach dem 19. April nicht mehr mit Schreiben beschäffigt war, darf man wol daraus schliessen, dass der Tod von Karls Mutter, der Kaiserin Witwe, nicht mehr erwähnt ist". Diesen Untersuchungen Me^er von Knonaus füge ich nur noch hinzu, dass der Schluss des Werkes Nitbards selbst unsere An- Tiahme zu bestätigen scheint. Die Worte von: „Ipsa elementa tunc" bis zu Ende machen ganz den Eindruck, als seien sie noch nachträglich als ein sich zufälliger darbietender Belag für das Gesagte hinzugefügt worden.
III. Ueber die Quellen, aus welchen Nitliai d bei der Abfassung seines Geschichtswerkes schöpfte.
Um die Frage nach den Quellen Nitbards zu beantworten, müssen wir uns zunächst klar machen, welche Stellung Nithard
'•) ni. 7. Hier erzählt Nithard von dem Abmärsche der Könige Karl und LudwigausMainz, welcher aml7. März 842erfolgte. cf.Dümmlera.a.O,I,i) 169-
»0) Nithard IV, 7 „Nam temqoribus bonae recordationis magni Karoli qui evoluto jam paene anno 30 decessit". Diese Worte Nitbards beweisen die Kichtigkeit unserer Behauptung. Kaiser Karl der Grosse starb nach Einhard vita Karoli c. 30 am 28, Januar 814.
den Ereignissen gegenüber einnahm, deren Darstellung er in seinem Gescbichtswerke geben wollte. Es ist nötig, dass wir uns dabei die Untersuchungen des vorhergehenden Abschnittes in das Gedächtnis zurückrufen. Diese Untersuchungen haben erge- ben, dass ISithard sein Werk verfasste mitten im Strome der- jenigen Ereignisse stehend, mit deren Darstellung er von König Karl beauftragt worden war. Deshalb kann in Bezug auf das zweite, dritte und vierte Buch von einer Benutzung solcher Auf- zeichnungen, welche Andere über die Zeitgeschichte gemacht hatten, durchaus nicht die Rede sein. Keiner stand den Ereig- nissen näher als Nithard; die Aufzeichnungen Anderer konnten ihm daher nichts Anderes sagen, als was er selbst wusste. Die Quelle, aus welcher Nithard bei der Abfassung des zweiten, drit- ten und vierten Buches schöpfte, war die Kenntniss, welche er als Zeitgenosse von dem Verlaufe und Zusammenhange der Tat- sachen gewonnen hatte. Aus der Mitte der Begebenheiten her- aus berichtete er das, was er selbst durchlebte, woran er selbst tätigen Anteil nahm^'.
Anders stellt sich die Sache in Bezug auf das erste Buch. Die Ereignisse, welche in diesem Buche dargestellt werden? waren längst vergangen, als Nithard anlieng zu schreiben. Es ist daher nicht unmöglich, dass Nithard den Inhalt seines ersten Buches aus vorliegenden schriftlichen Quellen entnahm.
Pertz entscheidet in seiner Vorrede zu Nithards vier Büchern Geschichten (Mon. Germ. SS. U. p. 649 fg.) diese Frage folgen- der Massen: „Auetor si non oninibus, majori tarnen parti rerum a se narratarum interfuit, et nounisi libro primo in iis, quae ante obitum Imperatoris coutigerant, auctorera vitae Hludovici anony- mum secutus esse oidetur, insertis nonnullls (e. g. de portione regni Karolo tributa) quae apud Anon} inum incassum quaesiveris." Pertz meint also, der Inhalt des ersten Buches Nithards sei zum Teil aus derjenigen uns überlieferten Lebensgeschichte Ludwig des Frommen ^^) geflossen, deren gänzlich unbekannter Verfasser gewöhnlich der Astronom genannt wird. Die entgegengesetzte Ansicht spricht Funck in seiner Lebensgescbichte Ludwigs des Frommen aus. Er sagt nämlich, der Astronom scheine in seinen letzten Capiteln Vieles aus Nithard entlehnt zu haben^^j.
3') Vrg]. Wattenbach a. a. 0. p. 144,
»^) Mon. Germ. SS. 11. 604—648.
'') Fr. Funck: Ludwig der Fromme p. 27.3 u. 5. „Der Astronom — wie er überhaupt Vieles in seinen letzten Capiteln aus Nithard entlehnt zu haben scheint."
10
Weder Pertz noch auch Fiiiick scheinen jedoch eine genaue Vergleichung zwischen der Vita lihulovici des unhekannten Ver- fassers und dem ersten l^uche Nithards angestellt zu hahen.
Zuerst untersuchte Faetz in seiner bereits nielufach erwilhn- ten Dissertation das Verhältnis des Astronomen zum Nithard eingehender. Ein Jahr später stellte Meyer von Knonau ohne Kenntnis der Arbeit von Taetz dieselbe Untersuchung an in seiner schon wiederholt genannten Schritt über Nithard und sein Ge- schichtswerk. Beide konunen ganz unabhängig von einander zu dem Resultate, dass der Astronom in den letzten Capiteln seine, Lebensgeschichte Ludwigs des Frommen das erste Buch Nithards benutzt habe.
Bis zum sechsten Capitel des ersten Buches Nithards und dem neun und fünfzigsten der Vita des Astronomen tindet durch- aus keine Uebereinstimmung zwischen beiden Werken statt. Der Astronom ist weit ausfidirlicher in seiner Darstellung als Nithard, der ja nicht wie jener eine Biographie Ludwigs des Frommen schreiben, sondern aus der Geschichte dieses Kaisers nur die- jenigen Begebenheiten herausheben will, deren Kenntnis zu einem besseren Verständnis des eigentlichen Inhalts seines Werkes nötig ist. Nirgend findet sich ein Anklang der Worte des Einen an die des Andern; dieselben Ereignisse stellen vielmehr beide ganz unabhängig von einander dar, wie dies am deutlichsten und unzweifelhaftesten ein Vergleich des sechsten Capitels Nit- hards mit dem zwei und fünfzigsten des Astronomen zeigt. Mit dem sechsten Capitel wird auch Nithard ausfiihrlichcr: er beginnt damit die Darstellung derjenigen Ereignisse, von welchen die vita Hludovici vom neun und funfzig^^ten bis zum neun und sechzigsten Capitel erzählt. Vergleicht man diese Teile beider Werke mit einander, so findet sich eine racrkwiu-digc zuweilen fast wörtliche Uebereinstimmung. Beide Werke müssen daher hier in irgend welcher Beziehung zu einander stehen.
Die Untersuchungen Paetzes und die noch gründlicheren Forschungen Meyer von Knonaus halben unzweifelhaft ergeben, dass Nithard den Astronomen nicht benutzt hat, dass vielmehr Alles dafür spricht, der Inhalt der letzten Capitel der vita Hlu- dovici beruhe zum Teil auf der Darstellung der Ereignisse, wie dieselbe in den letzten Capiteln des ersten Buches Nithards ent- halten ist^').
•■»*) Paetz a. a. 0. p. 12-M.
11
Gestutzt auf die Untersucliung:en Paetze's stellt Wattenbach ^^) die Vermutung auf: die Uebcreinstimmuiigen in den Werken Nithnrds und des Astronomen niijchten vielleicht darauf beruhen, dass beide Verfasser, als sie die Ereignisse der Jahre 857 — 840 darstellten, dieselbe uns nicht überlieferte Quelle benutzten. Die durch diese Vernnitung Wattenbachs angeregte Frage ist bis jetzt noch nicht untersucht worden; sehen wir deshalb zu, wie sich dieselbe beantworten lässt.
Es ist durchaus nicht nötig für das erste Buch Nithards eine andere Quelle vorauszusetzen als für die drei folgenden Bücher. Diese vertasste Nithard, wie schon oben bemerkt wurde, gestützt auf diejenige Kenntnis, welche er sich als Zeitgenosse durch eigene Erfahrung und Anschauung von dem Verlaufe und Zusammenhange der geschichtlichen Entwickelung der Ereignisse gewonnen hatte. Weshalb dürfen wir nicht dasselbe von der Abfassung des ersten Buches annehmen ? Aller WahrscheinUch- keit nach müssen wir die Geburt Nithards in die letzten Jahre des achten Jahrhunderts verlegen^*). Nithard war daher zu der Zeit, als Ludwig der Fromme die Regirung übernahm, alt genug, um sich durch eigene Anschauung eine genaue Kenntnis der Ge- schichte dieser Regirung zu verschaffen, zumal er als Neffe und später auch als Vasall des frommen Kaisers ohne Frage den Ereignissen seiner Zeit immer sehr nahe stand. Ein Mann wie unser Nithard hatte daher durchaus nicht nötig in fremden Auf- zeichnungen den Stoff für einen nur summarischen Ueberblick über die Geschichte der Zeit zu suchen, welche er selbst mit durchlebt hatte; in seinem eigenen Gedächtnisse fand er des Stoffes die Fülle. Durchaus selbständig verfasste Nithard auch sein erstes Buch und berichtete darin unabhängig von jedweden schriftlichen Aufzeichnungen anderer Geschichtsschreiber seiner Zeit, wie sich der geschichtliche Zusammenhang der Begeben- heiten während der Regirung Ludwigs des Frommen seinem Ge- dächtnisse eingeprägt hatte. Die Vermutung Wattenbachs hat somit keine Berechtigung und ist als eine unnötige und über- flüssige zurückzuweisen.
Damit ist mm aber auch die Frage nach der Originalität des Astronomen gegenüber Nithard entschieden. Dieser hatte keine Ursache, aus den Werken anderer Schriftsteller den Inhalt
»') a. a. 0. p. 143 Aiim. 1. ^«) Siehe oben p, 5.
12
seines ersten Buches zu scli()pfen-, finden sich aber Uehereinstim- mnngen zwischen seiner Darstelhing der Ereignisse und derjeni- gen, welclie wir heim Astronomen lesen, so kann kein Zweifel dariiher entstehen, wer von beiden als Plagiator anzusehen ist: es ist der unbekannte Verfasser der vita Hludovici, welche über- haupt öfter Zweifel an der Selbständigkeit des Verfassers auf- kommen lässt.
Allein es soll durchaus nicht gesagt werden, dass Nithard gar keine schriftlichen Aufzeichnungen irgend welcher Art bei der Abfassung seines Geschichtswerkes benutzt habe. Die An- gabe derjenigen Gebietsteile, w^elche im October 837 auf dem Keichstage zu Achen Kaiser Ludwig seinem 8ohne Karl über- trug, findet sich, so wie Nithard dieselbe lib. I. cap. (3 von „id est a mare — in quacunque regione consistebant" macht, wört- lich übereinstimmend in den Keichsannalen des Prudcntius zum Jahre 837 (M. G. 88. I. p. 431) wider'"). Nithards vier Bücher Geschichten und die Annalen des Prudentius stehen aber in gar keiner Beziehung zu einander. Die wörtliche Uebereinstimmung beider in dieser einen 8telle kann deshalb nur dadurch entstan- den sein, dass Nithard sowol als Prudentius aus der für jene Gehietsübertragung aufgestellten Urkunde wörtlich abschrieben^^).
Meyer vermutet (a. a. 0. p. 14) die Benutzung von Urkun- den noch an folgenden 8tellen des ersten Buches Nithards:
cap. 3. in der Angabe des Eides, welchen I^othar ablegte, als er sich zum Pathen und Schirmherren dos kleinen Karl machen lies; ferner
cap. 3. in der Anführung der Versprechung Kaiser Ludwigs, besser regieren zu wollen, welche er 830 den Mönchen in der libera custodia machte;
drittens cap. 5. in der Aufzählung der Bedingungen, unter denen der Kaiser 834 bei Blois Frieden schloss;
viertens endlich cap. 7. in der Ueberlieferung der letzten Ermahnungen, welche Kaiser Ludwig an Lothar bei dem Gespräche zu Worms im Juni 839 richtete.
Was die ersten drei Stellen betrifft, so ist darin die Fassung der Worte allerdings etwas formelhaft und erinnert an den Canzlei-
•■") Statt ,,consistebant ' bat Prudentius „consistant'. Für ,.Batua" ist bei Prudentius wie bei Nithard „Haettra ' zu lesen cf. Dümuüer p. 123 n. 40. Meyer a. a, 0. n. 69.
^'^) Dünimler Gesch. d. ostfränk. Reiches p. 123. n. '10. Meyer p, 40 n. 68. u. 69.
13
Stil der llrkmuleii aus carolingischer Zeit. Ob dies aber der unmittelbaren Benut/uiig von Urkunden oder rein zufälligen Um- ständen zu/.uselnviben ist, das kann niebt entsebieden werden. In Bezug auf die letzte Stelle ist es durcbaus niebt nötige eine Urkunde als Quelle anzunebmen. Wie bereits oben (pag. 6) erwäbnt, und wie aucb Meyer a. a. 0. bemerkt, ist es sehr walir- seheinlicb , dass Nitbard auf dem Keiebstage zu Worms im Juni 8ö9 persünlieb zugegen war. Das, was er dort sab und borte, war aber bedeutungsvoll genug, um sieb seinem Gedächtnisse so fest einzuprägen, dass es demselben nacb kaum mebr als zwei Jabren nocb vollständig gegenwärtig sein konnte.
Bis auf die eine Stelle im sechsten Capitel lässt sich also eine Benutzung von Urkunden im ersten Buche Nithards nicht nachweisen.
IV. lieber die Glaubwürdigkeit und den histori- schen Wert der Angaben Nithards.
Nach den Ergebnissen der Untersuchungen über die Quellen Nithards können Irrthümer und Unwahrheiten in das Geschichts- werk desselben nur durch den Verfasser selber, nicht durch ein Anlehnen an fremde Aufzeichnungen gekommen sein. Ob nun die Angaben Nithards vollkommen glaubwürdig seien, und wel- cher historische Wert denselben beizulegen sei, diese Frage soll uns jetzt beschäftigen. Die bis jetzt darüber ausgesprochenen Urteile lauten verschieden. Funck (Gesch. Ludwigs d. Fr., Vor- rede) meint, den Worten Nithards sei nicht immer zu glauben. Aehnlich urteilt Ludwig Häusser (teutsehe Geschichtsschreiber p. 42) : „Schade ist es darum, dass Nitbard nicht selten deutlich verrät, wie ihm das, was im Lager der Feinde geschah, nur in falschem und einseitigem Lichte erschien, und wie er andern Teils nicht selten parteiisch wird im Interesse dessen, nach dessen Auftrage er schrieb. Die Habsucht und Herrschsucht Ludwigs, Pippins und besonders Lothars schildert er mit sehr schwarzen Farben; sie sind immer die Friedensstörer, Karl der Gerechte, der Friedfertige, der Genügsame".
Watteubach (G. 10) schreibt: „Dass auch Nithards Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von einem Manne, der mit- ten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es konnte nicht, anders sein-^ Trotz dieser selbstverständlichen Parteilichkeit
14
habe aber Nitbard „mit Ernst und Wabrbeitsliebe beriobtet, was er selbst dnrcblebt, woran er selbst den bedeutendsten Anteil genonnnen bat".
Friedrieb Christian Schlosser sa^e;t in seiner „allgemeinen Weltgescbiebte Bd. 4 p. 434„ über Nitbard: „Seine vier Bücher Geschichten; obwol sehr geringen llnd'angs, gehi'u-en zu den vor- züglichsten Werken des früheren Mittelalters-, sie zeigen Ernst und AVahrbeitsliebe nicht minder als Welt- und Oeschäftskennt- nis". Schwartz (der Bruderkrieg der SiUnie Ludwigs d. Fr. u. s. w.) Scholle (diss. inaug. de Lotharii primii c. fratribus de monarchia certamine) und Dnnnnler (Gesch. des ostiränk. Reiches) si)recben ihre Ansichten über die Glaubwürdigkeit Nithards nicht ausdrück- lich aus, stellen sich jedoch in ihren Werken in keinen irgend nennenswerten Widerspruch oder Gegensatz zu Nitbard. Paetz konnnt in seiner Dissertation zu folgendem Ergebnisse (pag. 4): „Nithardi lides cenfitemur, prorsus sincera in quaque operis parte appellanda est". Meyer endlich gewinnt (pag. 91) folgende Ansicht: „Wer auch innner die Geschichte des Bruderkrieges sich vergegenwärtigen will, wird Nilbards vier Lücher Geschich- ten zum Ausgangspunkte nehmen müssen. Nicht nur wird er in denselben den reichsten Aufschliiss finden , and nicht allein füh- ren sie in ihrer leidenschaftslosen und ernsten einfach edlen und schlicht wahren Schreibweise mitten in die viel iuid wild bewegte Zeit hinein".
Dies sind die Ansichten, welche die Forscher auf dera Ge- biete der mittelalterlichen Geschichte, gestützt auf mehr oder weniger gründliche Untersuchungen, über die (Haubwürdigkeit der Angaben in Nithards vier Büchern Geschichten aufgestellt haben. Alle kommen darin überein, dass Nitbard buchst ver- ständig und einsichtig bei der Abfassung seines Werkes verfahren sei und dadurch sich als einen zur (feschichtsschreibung in hohem Masse befähigten Mann erwiesen habe. In Bezug auf die Wahr- heit imd Glaubwürdigkeit, die Objectivität der Darstellung Nit- hards gehen dagegen die Ansichten der Einzelnen auseinander. Die Einen halten das Werk Nithards für eine wahrheitsgetreue und dem wirklichen Gange der Ereignisse entsin-ecbende Dar- stellung der Geschichte des Bruderkrieges; die Andern hingegen meinen, dieses Werk biete keinen ganz klaren Einblick in die Geschichte jenes Krieges, weil der Verfasser desselben sich auf einen einseitigen Parteistandpunkt gestellt habe. Ob wir uns zu
15
Anlüiii?:eni der cvstiMi oder der zweiten dieser beiden Ansichten machen, das soll eine nähere Betrachtung' des Geschichtswerkes Nithards entscheiden.
Dem Heiehh^. Steines Herrn gemäss sollte Nithard die Ge- schichte der Zeit des Königs Knrl schreiben. Unter der Geschichte seiner Zeit verstand nun Karl, wie sich aus der Vorrede '/um ersten Buche ergibt, die Geschichte des Kamplcs, welchen er nach dem Tode des Vaters Ludwig mit seinem Bruder Lotliar um die Teilung des lieiches führte. Die Darstellung dieses Kampfes also war die AufJ^abe Nithards. Doch ehe er an die Li>sung dieser Aufgabe geht, will er einen kurzen UeberbUck derjenigen Ereignisse vorausschicken, welche während der Re- girung Ludwigs des Frommen jenen Bruderkrieg vorbereiteten, „damit einem jeden Leser der wahre Grund der Streithändel Karls leichter vor Augen liege". Diesem Ueberblicke al)er soll „als würdiger Antang des ganzen Werkes" noch ein Nachruf an den ruhmreichen Grossvater des Königs Karl vorangehen.
„Karl der Grosse war der Gninder des Reiches gewesen, um dessen Teilung seine Enkel mit den Waffen stritten. Mit fester und sicherer Hand hatte der mächtige Kaiser, den alle Nationen mit vollem Rechte den Grossen nennen, die Regirung der ausgedehnten Herrschaft geleitet und durch seine gewaltige Persönlichkeit Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten". Dies un- gefähr ist der Inhalt des ersten Capitels von Nithards erstem Buche. „Treffend", sagt Meyer (pag. 1) „schildern die wenigen Sätze des alten Kaisers glänzendes Wirken, vielleicht nicht ohne eine feine Nebenbeziehung auf die im Folgenden zu erzählende, in ihrem Gange so unerfreuliche Regirung seines Sohnes". Ohne Bedenken können wir dieser Vernuitung Meyers beistimmen. Niihard wollte das Glück seines Volkes und deshalb eine geord- nete und friedliche Entwicklung der inneren Verhältnisse; dies spricht er an mehreren Stellen seines Werkes deutlich aus^'^). Auf ihn konnte daher die in ihrem Gange wirklich recht uner- freuliche Regiruiig Ludwigs und ihre noch unerfreulicheren Fol- gen durchaus keinen angenehmen und befriedigenden Eindruck machen. Diese Regirung hatte nichts als Jammer und Elend über das Frankenreich gebracht, durch ihre grenzenlose Halt- losigkeit und Schwäche alle Verhältnisse verwirrt und zerrüttet.
3») Vrgl. besonders I. 3. III. prsef. IV. praef. u, .ap. 6.
Charakterlose, ehrgeizige Günstlinge hatten dieselbe grössten Teils in Händen und benutzten ihre Macht wol zu eigenem Vor- teile, nicht aber zum Wole des Reiches. AVie ganz anders hatte das Frankenreich zu den Zeiten des grossen Karl dagestanden! Die tes*te und umsichtige Regirung dieses gewaltigen Kaisers hatte geordnete Zustünde im Innern und Ansehen nach Aussen geschaft'en und für das AVol und den Ruhm der Franken aufs Besste gesorgt. Der Abstand zwischen beiden Regirungen war daher ein sehr grosser; dies musste der am meisten empfhiden, welcher wie Nithard eni wahrer Freund seines Volkes war und ein warmes Herz fiir das Wol, den Ruhm und die Grösse des- selben hatte. Nicht ohne Absicht mag daher unser Nithard jenen gehobenen Nachruf an den Schöpfer der Grösse des fränkischen Reiches in den Anfang seines Werkes gestellt haben, dessen In- halt ja die Darstellung des tiefsten Verfalles jener einstigen Grösse bilden sollte.
Im zweiten Capitel beginnt dann Nithard die zusammen- hängende Darstelluug derjenigen Ereignisse, welche als Ursachen des Bruderzwistes zu betrachten sind nach seiner Meinung.
Der Erbe des mächtigen Reiches Karls des Grossen war sein Sohn Ludwig. Dieser war beim Tode des Vaters nicht zugegen, eilte aber auf die Nachricht davon sofort nach Achen und übernahm daselbst die Herrschaft und die Huldigungen des Volkes. Wenige Jahre danach teilte er das Reich unter seine drei Söhne aus erster Ehe: Pipin, Ludwig und Lothar. Pipin erhielt Aquitanien, Ludwig Bayern, Lothar aber ward zum Erben des ganzen Reiches eingesetzt und sollte schon zu Lebzeiten des Vaters den kaiserlichen Nameji führen. Inzwischen starb aber die Mutter dieser Söhne und Ludwig verheiratete sich zum zwei- ten Male mit der Judith, die ihm einen Sohn gebar, der Karl genannt wurde. Die Geburt dieses Sohnes ward nun der Grund zu grossen Wirren. Ludwig wollte auch ihm einen Teil seines Reiches geben; allein er hatte nichts mehr, da das Reich bereits unter seine drei Söhne aus erster Ehe geteilt worden war. End- lich jedoch gelingt es dem Kaiser, Lothar für seine Absichten zu gewinnen. Dieser erklärt sich damit einverstanden, dass der kleine Karl einen Teil des Reiches vom Vater erhalte^ und ver- pflichtet sich auch eidlich, seinen Bruder in den ihm zu über- weisenden Besitze gegen jeden Feind zu schützen. Allein bald gereut Lothar sein Versprechen. Sein Schwiegervater Hugo und
17
oewisser j\Iatlifried und Andere suchen ilin dahin zu hringen, dass er die eingegangenen Verpflichtungen widerrufe. Diese Be- strehungen bleiben dem Kai^ier und seiner Gemahlin keines Wegs verborgen. Ludwig macht deshalb, um eine Stutze gegen Lothar zu gewinnen, Bernhard, Herzog von Septimanien, zu seinem Käm- merer und ersten Älinister; zugleich Übergibt er dem kleinen Karl Alemannien. Das ist für Lothar und seine Partei das Zeichen zu offener Emi)ih-ung. Zu Compiegne nimmt er im Einverständ- nisse mit seinen Brüdern, Pippin und Ludwig, den Vater und den kleinen Karl gelangen und bemächtigt sich so der Herrschaft des ganzen Reiches, nachdem er die Judith in ein Kloster gesteckt und den Bernhard zur Flucht nach Septimanien getrieben hat. Lothars s schlechtes Regiment erregt aber bald allgemeinen Un- willen, und so geschieht es, dass. der Vater seine beiden jüngeren Sühne auf seine Seite bringt und mit ihrer Hülfe in öffentlicher Reichsversammlung wieder eingesetzt wird in seine Rechte. Lothar wird auf die Herrschaft über Italien beschränkt und muss versprechen, dass er gegen den Willen des Vaters nichts unter- nehmen werde. Das gute Einvernehmen zwischen dem Kaiser und seinen beiden jüngeren Söhnen ist jedoch nicht von langer Dauer. Judith, welche ihren Sohn Karl mindestens gleichberech- tigt neben die anderen Söhne des Kaisers stellen will, bringt es endlich dahin, dass ihr Gemal dem Pippin sein Königreich Aqui- tanien entreisst und dasselbe dem kleinen Karl überträgt. Da erheben sich Lothar, Pippin und Ludwig im Bunde mit dem Papste Gregor zum zweiten Male gegen den Vater. Auf dem Ltigenfelde bei Strassburg wird der Kaiser, von dem grössten Teile der Seinen verlassen, gefangen genommen und jetzt mit Karl in strengen Gewahrsam gebracht; Judith wird in die Lom- bardei verbannt. Lothar hat widerum die Herrschaft in seinen Händen ; aber auch dies Mal nur auf kurze Zeit. In seiner Partei selbst brachen Spaltungen aus und ausserdem traten Pippin und Ludwig wider auf die Seite des Kaisers. Lothar wagte nicht, dieser Verbindung entgegenzutreten, sondern lässt den Vater und seinen Halbbruder in St. Denys frei und zieht sich nach Vienna zurück. So nimmt denn der fromme Ludwig abermals die Regi- rung in seine Gewalt. Allein die Partei Lothars ist noch nicht überwunden. An der Grenze der brettonischen Mark stehen die Anhänger desselben unter den Grafen Matfrid und Lambert noch wolgerüstet. Diese erfechten einen glänzenden Sieg über den
2
18
(4rat'on Odo, welchen der Kaiser zu ihrer Unterdrückung auöge- sandt hat. Auf die Nachricht hiervon hricht Lotliar sofort zur Unterstützung der Seinen von Vienne auf. Er ninnnt Chälons an der Saone im Sturm und rückte gegen Orleans vor. Hier tritt ihm der Vater, unterstützt von seinem Sohne Uudwig, mit einem grossen Here entgegen. Es kommt jedoch nicht zum Kampfe, sondern Lothar unterwirft sich dem Vater, indem er sich eidlich verpflichtet, dass er innerhalb einer ])estimmten Zeit nach Italien sich zurückziehen und fürderhin weder die Grenzen Frankreichs ohne Erlaul)nis des Vaters betreten, noch irgend etwas gegen den Willen desselben unternehmen werde. Ludwig regirt nun in gewohnter Weise und ül)ertragt im Jahre S:>7 auf dem Reichstage zu Achen dem kleinen Karl einen griisseren 'Ve\\ des Ivciches. Dnrnuf unterdrückt er einen Aufstand seines Soh- nes Ludwig und sucht dann den Lothar für sich zu gewinnen auf Anraten seiner Gemalin Judith. Auf dem Reichstage zu Worms vom Jahre 839 Ihidet die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn statt und eben daselbst wird das ganze Reich mit Ausnahme Bayerns zwischen Lothar und Karl geteilt; Lothar erhalt die östliche, Karl die westliche Hälfte; der erste verpflicht tet sich dabei zu steter Freundschaft gegen seinen Bruder. Um dieselbe Zeit erhält der Kaiser die Nachricht von dem Tode Pippins. Er bricht deshalb mit Karl nach Aquitanien auf und lässt diesem von den Aquitaniern huldigen. Darauf unterdrückt er noch einen neuen Aufstand seines Sohnes Ludwig und stir])t endlich am 20. Juni 840.
Dies ist der wesentliche Inhalt des ersten Buches. Hat nun Nithard damit seinen Zweck erreicht und einen klaren Ein- blick in die eigentlichen Anfänge und die wahren Ursachen des Bruderkrieges gegeben ?
Um diese Frage zu beantworten, wollen wir untersuchen, oh Nithard entweder durch irrtümliche Angaben oder aus einem parteiischen Interesse für die Sache seines Herrn der historischen Treue Eintrag getan und ein falsches Licht über die Begeben- heiten und ihren Zusammenhang verbreitet habe.
Was nun zunächst die Irrtümer Nithards betrifft, so ver- sucht Meyer von Knonau'") deren mehrere nachzuweisen; oft jedoch mit Unrecht. So meint er erstens, dass in cap. 2 die
*öj A. a. 0, p. 13.
19
Angaben Nithards über die Dreiteilung des von Karl dem Grossen hinterlassenen Schatzes nicht ganz die Wahrheit treffen. Aller Dings stehen denselben ziendich einstimmig das Testament Karls des Grossen bei Einhard vita Caroli cap. 33 und die Angaben des Astronomen c. 22, Thegaus c. 8, der Chronik von Moissac a. 813 und des Ermoldus Nigellus I— II. vv. 159—170 entgegen. Es ist aber doch fraglich, ob Ludwig das Testament seines Va- ters wirklich genau dem Wortlaute entsprechend vollzogen hat Funck ' ') nimmt dies nicht an und hält die Anga ben Nithards aufrecht. Eine sichere Entscheidung der Frage kann bei dem Stande der lleberlieferung in Betreff dieser Angelegenheit nicht gewonnen werden; die Ansichten Funcks haben jedoch viel für sich.
Einen andern Irrtum sieht Meyer von Knonau in cap. 4 in den Worten: „Karolus una cum patre sub magna custodia serva- batur". Aus der vita Hludovici cap. 48, den annales Bertiniani a. 833, dem Schreil)en Karls des Kahlen an Papst Nicolaus (Si- mon conc. Gall. III. 360) und den annales Elnonenses minores a. 833 ergibt sich aller Dings, dass Karl getrennt vom Vater in Kloster Prüm gefangen gehalten wurde. Allein nicht sofort nach den Ereignissen am Berge Sigwald, sondern erst von Soissons aus wurde Karl nach Prüm geschafft, bis dahin war er immer „zusammen mit dem Vater" gewesen-). Wir können also Nit- hard einen eigentlichen Irrtum in seinem Berichte nicht vorw^erfen. Hätte er alle Einzelheiten aus der Gefangenschaft Ludwigs und Karls angeben wollen, dann freilich läge ein Irrtum in seinen Worten; allein dies war ja durchaus nicht die Absicht unseres Geschichtscbreibers.
Zwei andere sachliche Irrtümer Nithards weist Meyer von Knonau im cap. 4 richtig nach. Gegen die Angabe Nithards, dass Ludwig der Fromme im Jahre 834 Gesandte an Lothar ge- schickt habe, welche demselben befehlen sollten, sich schleunigst hinter die Alpen zu entfernen, sprechen Thegan cap. 54 und die annales Bertiniani ad annum 834; nach beider Angaben forder- ten die Gesandten Lothar vielmehr auf zum Vater zu kommen und Ver- zeihung zu erbitten'^), Fernerwaren es nicht die Gefangenwwter
•^•) Gesch. Ludw. d. Fr. p. 48 und 243. **) Cf, Dümmler Gesch. d. osti'r. Reiches L 95,
**j Dümmler a. a (), p. !>5 iolgt auch den Angaben 'J'hegans n. d, ann. Üeitin.
20
der Judith, welche diese aus ihrem Gewahrsam hefreiten^ sondern ergebene Anhänger des Kaisers, der Bischof Ratold von Verona, der Graf Bonifa eins von Oorsica und Pippin, der Sohn des ge- blendeten Königs Bernhard von Italien^*).
Dass Meyer von Knonau einen Verstoss in den Worten cap. 6: „ob id coUoquiuni commotio non modica exorta est; sed faeile quievit", sehen will, ist gesucht und wol der falschen Uebersetzung von „commotio non modica" durch „eine geringe Bewegung" zuzuschreiben.
Auvser diesen sachlichen Irrtümern bemerkt Meyer von Knonau noch einige Verstösse gegen die chronologische Reihen- folge der Ereignisse in den Capiteln 2, 4, 6, 8^^).
In cap. 2y meint er, hätte Nithard den Aufstand Bernhards nach der Verfügung über die Erbfolge und nach der erzwunge- nen Einkleidung Drogos, Hugos nnd Theodorichs als Mönche setzen müssen. Es ist richtig, dass der Aufstand Bernhards von Italien nach Festsetzung der Erbfolgeordnung im Jahre 817 und vielleicht durch dieselbe veranlasst stattfand"). Allein es lässt sich durchaus nichts gegen die durch Paetz'") bestätigte Vermu- tung der Monumenta'^) Germaniae einwenden, dass Nithard mit der Keichsteilung die Bestätigung der Erbverfügung von 817; welche 821, also nach dem Aufstande Bernhards, erfolgte, meine. Erst als die Teilungsacte von 817 ihre letzte feierliche Sanction in öffentlicher Reichsversammlung erhalten hatte, da war ihr volle Gültigkeit gegeben, wenigstens war damit ihre gesetzliche Kraft erneut und verstärkt worden. Entschieden Unrecht aber
**) Cf. Astronomi vita Hliul. c. 52. ann. Bert, a, a. 834. Dümmler a. a. 0. p. 96.
**) Meyer p. 13.
*•) Einhard ann. a. a. 817. Tlie^an c. 22. Astronom cap. 29. Dümm- ler p. 25. Funck p. Gl.
*') „Mirum'S schreibt Paetz p. IG, .,sane est quod auctor divisionem imperii in conventu Aquisgranensi a. 817 i)ropositam ac constitutam ommino silentio praeteriit. Quod non aliter excusaveris quam quod divisionem imperii a. 821. Noviomagi ab omni populo jure jurando confirmatam majoris momenti esse dixit."
*») Meyer n. 62: „Das Mittel, durch welches Script. II. p. 051 diesem Fehler abzuhelfen versucht wird', ist zu gezwungen. Es wird nämlich an den Rand zu der Verfügung- über die Keichsteilung die Jahreszahl 821 gesetzt, so dass also Nithard nicht den ersten Erlass der Acte von 817, sondern die im Mai 821 erfolgte Bestätigung derselben im Auge gehabt hätte u, s. w," Ich sehe in diesem Mittel der Monumente durchaus nichts Gesuchtes, und so lange Meyer nicht nachgewiesen hat, dass Nithard durchaus die erste Aufstel- lung der Teilungsacte von 817 meinen müsse, kann ich mich seiner Ansicht nicht anschliessen.
21
hat Meyer von Knonaii, wenn er annimmt, dass der Aufstand^ Bernhards nach der Einkleidung Drogos und seiner Brüder als Mönche zu setzen sei. Die Angabe Nithards, dass der Aufstand Bernhards den Kaiser Ludwig veranlasste, seine Brüder scheren zu lassen, findet ihre Bestätigung durch Thegan "^) und ist unbe- dingt als wahr anzunehmen.
Dagegen bemerkt Meyer von Knonau mit Recht, dass Nit- hard den Reinigungseid der Judith drei Jahre zu spät setze und ausserdem cap. G fälschlich den Kaiser gleich nach der Unter- werfung Ludwigs nach Achen zurückkehren lasse. Judith legte ihren Reinigungseid gleich nach ihrer ersten Rückkehr zum Kaiser im Jahre 830 auf dem Reichstage zu Nimwegen ab^"). Ferner kam der Kaiser nach der Unterwerfung Ludwigs im Jahre 839 bis Ostern 840 nicht nach Achen ^').
Endlich findet Meyer von Knonau noch zwei Irrtümer am Ende des achten Capitels *, den einen darin, dass das Lebensalter Ludwigs auf 64 Jahre augegeben wird, während derselbe doch nur 62 Jahre alt geworden ist^-), den andern darin, dass die aquitanischen Regirungsjahre Ludwigs falsch berechnet werden''^). Jn beiden Stellen kann jedoch das Falsche erst durch die Nach- lässigkeit eines Abschreibers entstanden sein. Bei dem ungün- stigen Stande der handschriftlichen Ueberlieferung lässt sich darüber nichts Genaues feststellen. Wir sind aber nicht berech- tigt, Nithard zum Urheber dieser Fehler zu machen.
Mehr als diese von Meyer von Knonau dem Nithard teils angedichtete teils wirklich nachgewiesene Irrtümer lassen^sich in dem ersten Buche nicht finden. Denn dass Nithard den Kaiser seine Söhne vor der Reichsteilung verheiraten lässt, und dass er den Tod Pippins erst nach dem Reichstage von Worms im Juni 839 erwähnt, können wir ihm nicht als chronologische Irrtümer
*') 'Hieran c. 24. Nachdem Tliegan caji. 23 von dem Aufstände und Tüdo Bernhards erziililt, «chrcibt er 24; „ eodeiu tempore jussit fratrcs suos tonsurare Drujjfonem . Hug et 'JUieodoricuin". Cf. cliron. Moissac a. a. 817. Dieses erzählt auch zuerst von dem Aufstande und Tode Bernhards und fährt dann fort: ,Jjudovicus fratres ex concubinis natos Drogonem, Theodericum, llugonein — ".
»») Astron. c. 40 — Thegan c 37. — Ann, Bert. 830 und 831. — Ann. Mctt. 830. — Dmnmler \k 63 Anm. 68. — Funck p. 113 u. 263. — Paetz p. 23.
^') Siehe das austulndiche Itinerar Ludwigs für die Jahre 838-840 bei Meyer Exe. III. p. 152.
*-) Astronomus v. Hlud. c. 3. Leibniz ann. imperii oecid. p. 107. setzen die Geburt Ludwigs in 778. Funck p. 7.
*3) Funck p. 181 u. 273. Bouriuet VI. p. 72.
22
anreclincn. Ans der Kürze seiner Darstelinng mitsscn wir dies erklären, denn es ist nicht anAnneiinien, dabs er die Zeit, in welelier jene Ereignisse sich zutrngcn, nicht gekannt hal)e''). Es kam ilnn ehen gar nicht darauf an, eine chronoh)gisch genaue Aufzähhing der einzehien Begebenheiten aus der Geschichte Eudwigs des Fronnnen zu geben; sein Zweck war, durch den Inhalt des ersten Buclies die Ursachen des Bruderkrieges klar zu legen.
So haben wir denn gesehen, dass sich zwar einige Irrtümer oder vielmehr Ungenauigkeiten im ersten Buche Nithards nach- weisen lassen, dass diese aber keines AVegs von Einfiuss auf unsere Beurteilung der Glaubwürdigkeit des Verfassers sein kön- nen. Die wenigen tatsächlich nachweisbaren Ungenauigkeiten Nithards verbreiten durchaus kein falsches Licht über den wah- ren Zusammenhang der dargestellten Begebenheiten: sie sind in l^ezug auf den eigentlichen Zweck der ganzen üarstellung im ersten Buche von gar keiner Bedeutung.
Hat überhaupt irgend etwas der historischen Treue der Dar- stellung im ersten Buche Nithards Eintrag getan, so könnte es mir ein gewisses parteiisches Interesse des Verfassers gewesen sein. Auch diese Frage ist schon eingehend erörtert worden: zuerst von Christian Paetz in seiner Dissertation^') und dann von Meyer von Knonau-"*). Wir wollen versuchen mit Berücksichti- gung jener Arbeiten uns hier ein selbständiges und wo möglich abschliessendes Urteil über die im ersten Buche sich ausspre- chende Parteilichkeit Nithards zu bilden.
Da berichtet denn Nithard zunächst im zweiten Capitel: „filios suos justo matrimonio junxit, et Universum Imperium inter eos ita divisit, ut Pippinus quidem Aquitaniam, Lodovicus autem Bajoariam, Lotharius vero post discessum ejus Universum Imperium haberet; cui et secum imperatoris nomen habere concessit'^ In diesen Worten sieht Meyer von Knonau eine absichtliche Ernie- drigung Lothars. „In cap. 2" , schreibt er, „wird die noch auf der Idee der Reichseinheit fussende erste Erbverfügung des Kai-
**) Die drei Söliue ljud\\i<rb au^, erster Klie verheirateten sich alle erst nach der Bestätigung der Krblolgeordnung. Lothar im Oct. 821. (Einhard ann. 821. ann. Xant. 821). Vii*]mi im Jahre 822 (ann. Fnld. 822), Ludwig im .Tahre 827 (ann. Xant. 827). — Der 'J'od Pipi)ins erfolgte am lo. Deccmber 838. (Prudentius ann. 8o8) cf. Dünnnler. p. 128 ii. 58.
**) pag. 16—27.
*•) pag. 7 fg.
23
sers in einer Weise hingestellt, dass die Teilreiche Pippins und Ludwigs, welche in Wahrheit nicht viel mehr als blosse Apana- gen waren, in erster Linie genannt und hervorgehoben werden, während Lothar, der doch über jenen stehen und mit dem Vater regiren sollte, nacl]steht und ihm bloss das nonien imperatoris zugeschrieben wird, ein Ausdruck, der seine Stellung durchaus nicht genügend bezeichnet". Mir scheint jedoch gerade dadurch, dass der Anteil Lothars zuletzt genannt wird, eine Hervorhebung desselben bewirkt zu werden. Durch das „vero" und die Cor- respondenz, in welcher die Worte „Universum Imperium" im An- fange und am Ende der ganzen Teilungsangabe stehen, fällt der Hauptton auf den letzten Teil derselben. Ausserdem wird durch das „nonien imperatoris" die tatsachliche Stellung Lothars zu Lebzeiten des Vaters vollkommen genügend bezeichnet.
Durch die Teilungsacte war der älteste Sohn Ludwigs aller Dings zum „consors imperii" ernannt worden, ist es aber in AVirklichkeit nur durch die Teilhabe an dem kaiserlichen Namen gewesen. Sein ganzer Anteil an der Kegirung des Reiches be- schränkte sich darauf, dass in den kaiserlichen Urkunden aus den Jahren 825 — 830 •^■) sein Name hinter dem des Vaters unter der Bezeichnung „imperator" mit aufgeführt wurde. Von einer absichtlichen Erniedrigung Lothars kann also an dieser Stelle durchaus nicht die Rede sein.
In Capitel 3 erzählt Nithard, da^s Lothar von Hugo und Mathfried aufgehetzt seiner eidlichen Versprechungen sich zu ent- ziehen suchte. In Bezug hierauf bemerkt Meyer von Knonau: „In ganz einseitig gefärbter Weise erscheinen Hugo und Math- fried bei ihm (d. i. Nithard), nur als böswillige Intriguanten und Friedensstörer, weil von ihnen beiden als von Aufhetzern Lothars, von Feinden des alten Kaisers gesprochen wird, ohne dass dabei der Grande Erwähnung geschieht, welche vorher diese früheren Freunde und Ratgeber des Kaisers in das feindliche Lager ge- trieben hatten".
Wenn wir von Nithard eine genaue und ausführliche Dar- stellung aller einzelnen Begebenheiten, so sich zu Ludwigs des Frommen Zeit zutrugen, verlangen könnten, dann hätte der Vor- wurf Meyer von Kuonaus seine Berechtigung. Allein das erste Buch Nithards soll nur eine summarische Uebersicht der verschie
*^) Öickt'l regcbta Carol.
24
denen Entwickelungspbasen geben, welche die Erbfolgefrage bis zum Jabre 840 wäbrend der Kegiriing- des Kaisers Ludwig durch- gemacht hatte. Dabei kommen aber die Gründe, welche Hugo und Mathfried zu Gegnern des Kaisers und zu Aufhetzern Lo- thars machten, durchaus nicht in Betracht. Niihard hatte da- her nicht nötig dieselben anzugeben. Ausserdem konnte er wol bei seinen Zeitgenossen, für die er doch zunächst schrieb, eine solche Kenntnis der unlängst vergangenen Ereignisse voraus- setzen, dass eine kurze Andeutung genügte, um ihnen den Zu- sammenhang dieser Ereignisse wider ins Gedächtnis zu rufen-'"). In der Darstellung der Ereignisse von Compiegne im Früh- jahr 830, scheint Nithard, meint Meyer von Kronau, seiner un- gerechten Abneigung gegen Lothar freien Zügel schiessen zu lassen. Paetz (pag. 20) versucht unsern Geschichtschreiber gegen den Vorwurf ein^r absichtlichen Entstellung der Tatsachen zu verte'digen. Er sagt: „In describendis iis rebus quae ad conju- rationem compendii anno 830 cxortam pertinent, auctor mendacii speciem sibi contraxit. Tradit enim: Quam ob rem pariter cum omni populo patri ad compendium superveniunt reginam vela- verunt, fratres ejus Conradum et Rudolfum totonderunt atque in Aquitaniam servandos Pippino commiserunt". Cum modo antea de Lothario dixerit, cum „tam fratres quam et universam plebem veluti ad restaurandam rei publicae statum animavisse", Ulis ci- tatis verbis pergit ac si Lotharius Compendii tempore conjura- rationis exortae praesens ac omnium rerum ibi commissarum par- ticeps fuisset. Manifestum vero est, Lotharium conjurationc patefacta ex Italia Compendium contendisse. Agitur, ut hoc loco Nostrum, cum quae narrat, a rebus ipsis abhorreant, a crimine fraudis defendamus. Primum vero in auctore dijudicando ratio- nem suam scribendi respicere necesse est. Nam, ut jam dixi, primo libro res Ludovici imperatoris pcrquam breviter et strictim scribens, summam rerum complectitur itaque hoc loco mendax esse videtur. At si consideramus , Lotharium paucos dies post exortam conjurationem Compendium venisse, quae a Pippino et factione ejus facta essent comprobasse, Heribertura Bernhardi fratrem oculis privasse, patrcm ac Carolum fratrem sub „libera custodia" servasse, non possunnis quin Nitbardum optimo sno jure, tertia pluralis persona adhibita, Lotharium participem vcl
**) Siehe Pat'tz a, a, 0, p. 17,
25
potiiis auctorcm criminum fecisse dieamus. Seimus enira Pippi lumi a Nithardo silcntio praetcrmissum quamquam ab omnibus scriptoribus auctor conjurationis dicitur, tarnen a Lothario decep- tum ad tui-pissimum ministerium ei operam suam commendavisse ut crimen facinoris.,iion in Lotharium sed in Pippinum caderet^ Lotbarius vero innocentissimi hominis speciem praeberet". Paetz meint also, Nithard mache mit vollem Rechte den Lothar zum Urheber und Träger der Vorgänge von Compiegne; denn es sei mir eine Schlauheit Lothars gewesen, Pippin zum Ausführer sei- ner Pläne zu machen. Nach den Angaben der andern Quellen^'"*) war Lothar am Tage des Aufstandes in Compiegne nicht anwe- send, Pippin aber hatte diesen Aufstand, wie die annales Berti- niani ausdrücklich angeben, „consensu Lotharii" unternommen, und als Lothar Avenige Tage später in Compiegne eintraf, zeigte er durch sein Auftreten, dass er die Sele der ganzen Erhebung gewesen war. Nithard ist also in keiner Weise ungerecht gegen Lothar ; seine Darstellung gibt uns vielmehr trotz ihrer Kürze einen besseren und klareren Einblick in die wahren Ursachen der ersten Erhebung gegen den Kaiser Ludwig als alle die an- dern Quellen zusammengenommen.
Die Uebertragung Alamaniens an Karl war der eigentliche Grund des Aufstandes von Compiegne, die Unzufriedenheit mit Bernhards von Septimanien Schalten und Walten am Hofe und im Reiche nur ein zur rechten Zeit sich darbietender, erwünsch- ter Vorwand.
Lothar und seine Partei wollten durchaus keine Abwei- chungen von den Bestimmungen der Teilungsacte, welche im Jahre 817 zuerst aufgestellt und 821 von neuem bestätigt worden war, dulden; sie gritfen daher zu den Waffen, als die Ueber- tragung Alamanniens an Karl die Durchführung ihrer Pläne in Frage stellte, ja sogar unmöglich zu machen drohte. Einen recht- lichen Grund zur Auflehnung gegen den Vater hatte aber am allerwenigsten Lothar, da er ja eidlich sich verpflichtet hatte, jedwede Gebietsübertragung an Karl gut zu heissen und für die Gültigkeit und das zu Recht Bestehen derselben sogar mit den Waffen einzutreten •*").
Eine weitere absichtliche Erniedrigung Lothars sieht Meyer von Knonau darin, dass Nithard ausdrücklich hervorhebt im drit-
*•) Astrouoiiii V. Hlud. c. 44. — Tlieganus cap, 36. — aim, Bert, a, a. 8B0, •») Siehe Düminler p. 57 fg. — Funck p. 102 fg.
26
teil Capitel, Lothar habe auf dem Reichstage zu Achen im Fe- bruar 831 seioe eigenen Anhänger zum Tode verurteilt. Mit Recht liatte aber schon Taetz bemerkt"'), dass man unserem Ge- schichtsschreiber durchaus keinen Vorwurf daraus machen könne, wenn er durch Hervorhebung charakteristischer Merkmale unsere Erkenntnis der Gesinnung und der Handlungsweise Lothars för- dere. Gerade dadurch, dass Lothar seine eigenen Anhänger ver- urteilen lialf' -), zeigte er deutlich, wes Geistes Kind er war, und was Alles man von ihm erwarten konnte. Er war einmal keine offene, ehrliche Natur, sondern er suchte Alles mehr durch Hin- terlist als durcb ein freies Handeln zu erreichen; nur seinen Vorteil im Auge habend, waren ihm* die Mittel, durch welche er denselben erreichte, ganz gleichgültig, selbst seine bessten Freunde und Anhänger opferte er dafür auf. Nithard erniedrigt also durch das, was er von Lothar cr/ahlt, denselben nicht mehr, als dieser durch sein eigenes Auftreten sich selbst erniedrigt hat"').
Die Worte, welche Nithard am Ende des dritten Capitels geschrieben hat: „Pippinus quoque et Ludowicus, quamquam eis regna sicut promissum fuerat, aucta fuissent, tamen in iinperio, ut post patrem primi essent, uterque laborabat"; sind mehrfach angegritfen und verdächtigt w^orden. Die Einwendungen, welche Funck dagegen gemacht hat, sind von Paetz genügend zurück- gewiesen worden"'). Meyer von Knonau meint, Nithard erlaube sich in den Worten: „quamquam eis regna sicut promissum fuerat, aucta fuissent", eine geschickte, fein angebrachte Unklarheit und
•M A. a. 0. p. 20,
'*) Siehe Astronom, c. 45. — Ann. Bert. a. a. 830,
•') Siehe hitzu Dünimler Gesch. d. ostfr. Reiches p. (33, - Funck. Ludw. d. Fr. p. 115.
•*) Funck Ludw. d Fr. Anni. I. zu Absch. XX. p. 2(32. „Nithard be- hauptet Ludwig und Pippin hätten die versprochene Vermehrung ihrer Keicnsteik' wirklich erhalten. Er sagt aber nicht, worin dieselbe bestan- den hätte . . . Nitbards weitere Angabe, dass Ludwig und Pippin sich um die erste Stelle nächst ilircni Vat«r gezerrt hätten, passt auf die Zeit zwischen 831 und ^-»S. nicht aber aufs .lahr <S;)1, in welchem sich Pippin nur während der kurzen Zeit der Februarversamnilung in Aciien aufhielt," Paetz a. a. 0. p. 21. ..Mira Funckii conclusio esse vicletur, de Nithardi relatione dubitandum esse, quod non dixerit, (juibus ]»artibus prolatio linium constitisset. Deinde vero tabulae exstant de quarum tempore magna quidem inter doctos A^ros contro- versia fuit. Kationc autem et temporum et reium habita Pertzium sequinmr qui eas anno 830 tribuit <juia cum tem})oris coiiditionibus optime congruunt *. ]). 22 .,Quod Funckius de studio Pip]>ini ad principatum apud patrem obtinen- dum cc>Uato amioüit, b-vius dictum esse puto. Onmione erat necesse, ut Pip- ])inus ad rem impetrandam in aula regia praesens esset? nonno per vires suae factionis qui multum apud iiatrem valerent rem consequi potuit'r"'
27
Kürze; „denn/' fligt er als Bewei? hinzu, „diese VergTösserung geschah bloss in dem Diplom nicht in der Wirklichkeit''. Da- gegen ist nur zu bemerken, dass die Teilung von 831, wenn sie ihre volle Gültigkeit auch erst nach dem Tode des Kaisers er- langen sollte, donnu^ch die IMppin und Ludwig gegebenen Ver- sprechungen wirklich erfüllte, dieselben also vor der Hand zu- frieden gestellt sein konnten'-).
Dass Nithard die Erhebung Ludwigs von Bayern, Avelche im Jahre 832 stattfand, nicht erwähnt, rechtfertigt Paetz"') auf dieselbe Weise, wie wir schon mehrfach derartige Auslassungen entschuldigt haben, nämlich durch einen Hinweis auf den Zweck, welchen die Darstellung des ersten Buches verfolgt. Wir haben kein Kecht in diesem Buche Angaben zu suchen, welche dem Zwecke desselben ganz und gar fern liegen. Der Aufstand Ludwigs von Bayern im Jahre 832 ist eben keine der Ursachen des Bruderkrieges und seine Erwähnung trägt absolut nichts zum Verständnis dieses Krieges bei"').
Der Darstellung, welche Nithard von der zweiten Erhebung gegen den Kaiser Ludwig und von ihren Folgen gibt, lässt sich durchaus keine parteiische Färbung nachweisen*^**). Meyer von Knonau versucht zwar auch hier darzutun, dass Nithard einige Ungerechtigkeiten gegen Lothar und den Papst sich zu Schulden kommen lasse, erreicht aber seinen Zweck nicht, da das Ge- zwungene und Gesuchte seiner Beweisführung sofort in die Augen fällt. Ausserdem vermisst er die Angabe der Grür.de, welche den Kaiser bewogen, dem Pippiu Aquitanien zu nehmen. Wie
*^) Siehe in Betreff der Teilung von 8ol Meyer p. 4 und Dünnnler p. 63 fg.
**j A. a. 0. p. 21. ,.Funekius porro Nostro ex])robrat quod nihil de Lu- dovici (anno 832) in patrem facta siditione menioriae prodiderit. Qua in rc omnino non respexit, quod auctor praefatione libri 1. exponit; ;,Praeterire aut<n)i ca, quae teniporibus pii patris vestri gesta sunt disposuerani ; sed facilius eui- libet legenti altercationuni vcstrarum veritas patebit, si iiuaedani quae suo in tempore contigisse novinius sunimotenus praelibavero '. Id enini tantum agit, ut hoc libro eollatis rebus gravissimi« iisquc quae, quam injuste Lotharius sesc gesserit, optime patefacerent . leetorem ad posteriores res rectc intelligendas quasi introdueeret-\
•') Siehe über die Knipörimg von 832. Dümmler p. (»9 und Funek ]>. 117.
««) Siehe Dümniler p. 71 lg. — Funck ]), 122 f^. — Paetz p. 22 ., Al- teram conjurationeni anno 823 exurtam de qua ea)». lY et V agitur paucis perstriiigani. Auctoris Judicium ab onnii partium studio et ira vacuum esse optime eo intelligitur, quod nunquam convicia in l.otharium congcrit, seil cum a malis ejus factionis consiliariis de recta via abductuin depingit; omnia quae Compendii et in monasterio St, IMedardi Suessionis auctore Lothario praosente iiefarie iu patrem commissa silentio tegit.'-
28
wir ihm hierauf zu .antworten hahen, ergibt sich aus dem schon Gesagten zur Geniige. Die Angabe dieser Gründe war in Rück- sicht auf die Bestimmung des ersten Buches nicht nötig.
Gerade in der DarsteUung der Erhebung von 833 und den darauf folgenden Begebenheiten zeigt Nithard auf das Deut- lichste, dass es ihm durchaus nicht darum zu tun ist, Lothar in ein schlechtes Licht zu stellen. AVenn er dies wollte, so boten ihm die Ereignisse von Compiegne und die Art und Weise, wie Lothar gegen seinen Vater hier und dann auch später, besonders im Medardskloster^'") bei Soissons auftrat, Stoff die Fülle. Allein er berichtet mit der grössten Kühe, und die schlechte Behandlung, welche der fromme Kaiser im Medardskloster auf Anstiften und vor den Augen seines Sohnes erfuhr, verschweigt er sogar ganz.
In den letzten Capiteln des ersten Buches stimmen die An- gal)en Nithards mit denen der anderen Quellen durchaus über- cin: geben aher ausserdem noch manches Neue für eine genauere Kenntniss der Geschichte der letzten Kegirungsjahre Ludwigs; die Darstellung ist dabei frei von jedweder Parteilichkeit '^) Meyer von Knonau findet jedoch auch hier wieder Gelegenheit unserem Autor eine L^nterlassungsstinde vorzuwerfen. „In cap. 6", schreibt er, „wird kein Wort von der widerrechtlichen Be- handlung gesagt, welche Ludwig von Bayern im Juni 838 zu Nimwegen erfuhr, so dass sein Aufstand im Winter 838 auf 839 bei Nithard als ein Abfall und Verrat, nicht als das, was der Sache wirklich zu Grunde lag, als Notwehr aufgefasst ist", Wie über solche Unterlassungen Nithards geurteilt werden muss, ist schon oft genung erwähnt worden: es ist daher überflüssig, eine neue Rechtfertigung der vorliegenden zu geben.
Ausser dieser Unterlassung zeiht Meyer von Knonau den Nithard auch einer falschen Beurteilimg Ludwigs und Lothars. Er findet eine solche nämlich darin, dass Nithard sagt im sechsten Capitel, Lothar und Ludwig hätten das Gespräch von Trient im ]März 838 deshalb ohne tatsächliche Folgen gelassen, weil sie sahen, dass keine Ursache vorliege, „entrüstet zu sein, zu zürnen, sich für beleidigt und geschädigt zu halten?'^ Meyer von Knonau legt jedoch in die AVorte Nithards: „cum nihil ex his indignari se posse viderent", einen Sinn , der denselben gar, nicht zu-
«•) Abtronoiiii c. V.}. Tliei^aii c. 13, 11. Cleric. Itenien«, iipiid Bou<iu^'t VI. 243 51^. 251.
'") DüiiiiultT Gesell. (1, oi^tl'r. K. p. 96 fg. — Funck p. 111 ig.
29
kommt. Diese Worte sollen weiter nichts ausdritcken , als dass Lotbar und Ludwig- durch ihre Unterredung* zu der Erkenntnis kamen, es fehle ihnen an einem rechtlichen Grunde die im Octo her 837 auf dem Reichstage zu Achen erfolgte GehietsUbertra- guug an Karl anzufechten. Ludwig hatte ja persönlich dersel- ben beigestimmt, und Lothar hatte eidlich versichert, er werde nichts als Italien beanspruchen. Im Grunde genommen hatten da- her beide auch keine Veranlassung, „erzürnt zu zein, zu zürnen, sich für beleidigt und geschädigt zu halten". Nithard hat sich aller Dings einmal etwas ungeschickt („incultius" praef.) ausgedrückt, aber den Vorwurf Meyer von Knonaus können wir ihm nicht machen. Der Astronom (cap. 59) drückt sich zwar treffender aus : „nil se contraire posse videntes^', sagt aber damit nichts an- deres, als Nithard''), so dass also auch hier Meyer von Knonau nicht richtig übersetzt: „die Einsicht der factischen Unmöglich- keit eines glücklichen Widerstandes^^
Der Darstelhmg im ersten Buche Nithards lässt sich somit durchaus keine Parteilarbung irgend welcher Art nachweisen; dieselbe ist vielmehr so objectiv als möglich gehalten und muss als dem wirklichen Gange der Tatsachen entsprechend augesehen werden. Dabei gibt uns dieser verhältnismässig kurze Abriss einen klaren Einblick in die bewegenden Gedanken der Zeit Ludwigs des Frommen und einen besseren, deutlicheren Begriff von dem inneren Zusammenhange der Ereignisse dieser Zeit als alle die anderen Quellen zusammengenommen trotz ihrer teilwei- sen Ausführlichkeit und Breite im Einzelnen"-).
Der Grund zu allen den Wirren und Verwicklungen, w^elche die Regirung Ludwigs des Frommen zu einer so unheilvollen für den Kaiser selbst und sein ganzes Reich und Volk machten, lag in der 817 aufgestellten und 821 noch ein Mal in feierlicher W^eise bestätigten Erbfolgeordnung und in der darauf im Jahre 823 erfolgten Geburt Karls. Wollte man die Erbfolgeordnung unverändert aufrecht erhalten, so konnte Karl keinen Anteil haben an dem Reiche seines Vaters; denn Alles, was zu diesem
'«) Dümmler p. 122. — Funck p. 167.
'*) Meyer pag'. 2 sagt dasselbe: „Unleugbar gibt dieser verhältnismässig kurze Abriss einen besseren Begriff vom inneren Zusammenhange der Ereig- nisse zu Ludwigs des Frommen Zeit, als dessen zwei Biographien, die des un- gelenk stammelnden, jedes tieferen Eindringens baren Thegan sowol, als das Werk des weitschweifigen in rhetorischen Künsten und einer abgeblassten Clas- sicität sich gefallenden Astronomus'*,
30
Reiche gehih-te, war ja iliireh jene Ei])folgeovdnung unter die drei Srdine aus erster Ehe verteilt worden. Wollte man dagegen auch den Sohn aus des Kaisers zweiter Ehe /um Erben eines Teiles vom Reiche machen, und dies war nicht mehr wie hillig, so musste jene Erhfolgeordnung aufgehoben oder mindestens ver- ändert werden. Jedes dieser beiden Principien fand seine Partei. Flir die Aufrechterhaltung der Erbfolgeordnung von 817 — 821 d. i. tür die Aufrechterhaltimg der Einheit des Reiches unter seiner tFerrschaft, war Lothar, dem sich der gri»ssere Teil der Geistlichkeit und mehrere weltliche llerren anschlössen; fnr die Rechte des nachgebornen Karl trat eine Partei ein, welche den Kaiser und dessen zweite (iemalin Judith an ihrer S|)itze hatte und deren Princiinen im (Irunde genommen auch mit den An- sichten der jüngeren Srdnic aus Ludwigs erster Ehe im Einklänge standen"^).
Dass jede der beiden Parteien ihre Pläne unbedingt durch- führen wollte und eine Einigung zwischen beiden nicht erzielt werden konnte, darin lag der wahre Grund zu allen den inneren Kämpfen, welche die Geschichte Ludwigs des Frommen erfüllen und die Regirung dieses Kaisers zu einer so unruhigen und l)e- wegten Zeit machten; der Krieg, welchen Lothar nach dem Tode des Vaters gegen seine Brüder, Karl und Ludwig, führte, w^ar nur die Fortsetzung, gleichsam der letzte Act jenes schon zu Ludwigs des Frommen Zeiten begonnenen Erbfolgestreites.
Demnach gibt uns das erste Buch Nithards, indem es die Ursachen und die Entwicklung des Erbfolgestreites bis zumJTode Kaiser Ludwigs in kurzen, aber scharfen Zügen der Wahrheit gemäss darstellt, einen klaren Einblick in die eigentlichen Ur- sachen und Anfänge des Bruderkrieges der Jahre 840 — 843. Nithard hat durch den Inhalt seines ersten Buches den Zweck erreicht, welchen er in der Vonede desselben bezeichnet; er hat jedem Leser die Möglichkeit geboten, ein richtiges Urteil über die Berechtigung des Angriffs Lothars auf seine Brüder zu fällen. Laut den Bestinnnungen des Reichstages von Worms im Juni 839 war Lothar zu diesem Angriffe durchaus nicht berechtigt. Kurze Zeit nach der Geburt Karls hatte sich Lothar schon damit einverstanden erklärt, dass seinem Halbbruder ein Teil des Reiches übertragen würde, und damit selbst die Hand zu einer
*) Siehe )iiezu Waitz deutsehe Veiiassungsgesch. Bd. 4 p, 565 lg.
J
31
Verletzung der Erbfolgeordnung von 817 21 geboten. Im Juni 839 aber willigte er zu Worms vor ()fl[entlicber Keichsversamm- lung in eine neue Teilung des Reiebes ein und verzicbtete damit auf die Durcbfubning der Bestimmungen, welcbe in der Teilungs- acte vom Jabre 817/21 aufgestellt worden waren.
Aber nicbt allein des klaren Einblicks wegen, welcben das erste Bucb Nitbards in die eigentlicben Anfange und die allmä- lige Entwickelung des Erbfolgestreites gestattet, ist dasselbe von grossem bistorisobem Werte für uns, es bietet aucb mancbe Nacb- ricbten, die wir in den andern ausfiibrlicberen Quellen vergel)licb sucben und die mebr oder w^eniger wicbtig sind für eine genaue Kenntnis der Gescbicbte T.udwigs des Frommen. Eine genaue und vollständige Aufzäblung aller dieser Nacbriebten gibt iMeyer von Knonau''), wir seben desbalb bier von einer Wiederbolung derselben ab.
Im zweiten Bucbe gebt Nitbard an die L()sung seiner eigentlicben Aufgabe. Er beginnt mit diesem Bucbe die Dar- stellung des Kampfes, welclien König Karl mit seinem Bruder Lotbar um das P]rbe des Vaters fübrte. Wir w^ollen versucben uns aucb über diesen Teil des Werkes ein Urteil zu bilden.
über II.
-li Cap. I. Nitbard stellt das Auftreten Lotbars als vollstän- dig ungerecbtfertigt dar. Er tat Recbt daran. Nacb den Be- stimmungen des Reicbstages zu Worms im Juni 839 batte Lotbar gar keine Ansprücbe mebr auf die Herrscbaft des ganzen Reiebes, wenn ibm aucb nacb Rudolfs Annalen von Fulda der kaiserlicbe Name nocb geblieben war""). Er batte sicli feierlicbst mit der zu Worms festgesetzten Teilung des Reicbes einverstanden er- klärt und sieb eidlicb zur Aufrecbterbaltung derselben und zum Schutze seines Bruders Karl verpflicbtet. Der Kaiser batte ibm aller Dings nocb von seinem Sterbebette aus seine Krone und sein Schwert übersandt, aber nicbt, wie das Gerücht sagte, als Zeichen der ihm übertragenen kaiserlichen Würde und Herrschaft, sondern damit er ihn um so mebr zum Schutze Judiths und Karls verpflichtete'*').
'*) A. a. 0. p. 3.
'*) Rudolfi aniial. Puld. a. a. 839, noiiiiiiis et dignitatem (t sed^in reo^ni tribuens (sc. Hludovicus Hlothario).
'•) Rudolf ann, Fuld. a, a. 840. — Astronomus c, 63,
32
Rhenso wie Nitbard fassen auch die andern Quellen das Aultroten Lothars als Usurpation auf. Vergleiche ann. Xant. a. a. 840. — Chron. Adonis (Mon. Germ. S8. II. 321.) — Chrou. Kegiuoni a. a. 840. (88. I. p. 5G8). — Katl)erti cas. 8. Gall. (88. II. G7). — Hincmar op. II. p. 180-).
Cap. II. Die hier erwähnte Gesandtschaft Karls an Lothar tindet sich in keiner der midern Quellen angeführt. Als eine, besonders chronologische, Ergänzung zu den xVngaben Nithards über den Zug Karls von Aquitanien nach Carisiacuni kann der Brief des Abtes Odo von Ferrieres an den Bischof Jonas von Orleans betrachtet werden. Dieser Brief tindet sich in Luppi abbatis Ferrariensis epist. XXVIII. bei Du Chesne 11. p. 743'").
Cap. III. Gegen den Inhalt dieses Capitels lässt sich durch- aus nichts einwenden. In den Worten: „matreni ubi tuto relin- queret non habebat" schlägt 8chwartz (d. Bruderkr. etc. p. 19 Anm. 4) vor, das „non"' ') zu streichen. Mit Meyer von Kuonau"") können auch w^ir diesem Vorscbbige vollkommen beistimmen. Karl hatte Pippin zurückgeschlagen und Aquitanien vorläufig l)eruhigt; seine Mutter hatte daher in Acpiitanien einen ebenso sicheren Aufenthalt, als irgend wo anders. Glaul)te Karl, dass Judith in Aquitanien nicht sicher war, so konnte er sie nur in seinem Heere mit sich nehmen. Dem widerspricht jedoch die Angabe Nithards im Capitel G, dass Karl seine Mutter aus Aqui- tanien zu sich berief.
Cap. IV. Der Inhalt dieses Capitels könnte den Eindruck machen, als stelle Nithard die Handlungsweise Lothars in einem zu dunkelen Lichte dar, indem er dieselbe als eine ganz unge- rechtfertigte und unwürdige schildert. Allein vergleichen w^ir hiermit Prudentius a. a. 840: „8ecundum suam dumtaxat inso- lentiam patrato negotio, quibusdam conditionibus usque ad tem- pus ab utroque discessit; hoc tam contra eos seu clam seu ma- nifeste pravitatem suae cupiditatis atque crudelitatis destitit machinari," so erscheint Lothar auch bei diesem in keinem bes- seren Lichte als bei Nithard. Lothar zeigt sich hier durchaus
") Siehe ausserdem Schwartz: d. Bruderkr. d. S. Ludwigs d. Fr. p. 13- — Dümniler Gesch. d. ostfr. Reiches p. lo6 fg. — Scholle de Lotharii I, iin]i. c. fratribus de mon, f. cert, p. 23 fg. — Kaetz p. 28. — Meyer p, 10, 55, 71.
'») Siehe ausserdem Meyer a. a. O. — Paetz a. a. (). — Scholle a. a O. 1», 20. — Schwartz a. a, O.' p. 10,
'») Oder in „nunc' zu verwandeln.
«") a. u. U. n. 88.
SS
nicht anders, als eö liach dem, was wir bereits von ihm wissen, zn erwarten war. Er war eben kein Mann, der gewohnt war, offen zn Werke zn gehen; er wollte Alles mehr 'durch List und Betrug durchsetzen, als seinem Gegner offen die Stirn bieten. FjS liegt deshalb gar. kein Grund vor, Nithard für parteiisch zu zu halten und die Richtigkeit der Angaben desselben zu be- zweifeln'*').
Cap. V. Gegen die Nachrichten dieses Capitels ist nichts einzuwenden. Man vergleiche : M. v. Knonan p. 21. fg. Schwarz p. 25 — Scholle p. 29 fg. — Diimmler p. 144.
Cap. VI. Von dem Uebergange Karls über die Seine be- richtet auch Prudentius a. a. 841. „Carolum quoque a Sequanae transitu Lotharii multiplex populus nititur inhibere; qui tarnen virili prudentia prudentique virtute transposito flumine omnes in fugam bis terque coegit." Sonst ist in den Angaljen Nithards nichts dessen Richtigkeit in Frage gestellt werden könnte ^-).
Cap. VIT. Der Inhalt dieses Capitels steht mit den An- gaben der andern Quellen vollkommen im Einklänge ^^), und von anderer Seite ist auch nichts dagegen einzuwenden^^).
Cap. VIII. lieber die Richtigkeit der Angaben dieses Ca- pitels kann durch eine Vergleichung mit den Nachrichten anderer Quellen nichts ausgemacht werden; dieselbe ist jedoch ohne Be- denken anzunehmen ^^).
Cap. IX. Zu Attigny, so berichtet Nithard, trafen Gesandte Ludwigs bei Karl ein, welche ihm anzeigten, dass ihr König be- reit sei, seinem Halbbruder zu Hilfe zu eilen, sobald er wisse, auf welche Weise dies geschehen könne. Mit dieser Nachricht Nithards scheint die Angabe Rudolfs (ann. Fuld. a. a. 841.): „Hludowico per nuntios Karoli ad auxilium vocato", im Wider- spruche zu stehen. Meyer von Knonau bat in der annehmbar-
»') Vergleiche Meyer p. 21. 56. — Schwartz p. 19 fg. — Scholle p, 28 fg. Diimmler p. 144.
^') Vergleiche Meyer p. 26. 27. — Dümmler p. 145 146. — Schwartz p. 27. — Scholle p. 32, — Rudolf ann. Fuld. a. a. 840. In Bezug auf diese Stelle vergleiche noch besonders Meyer a. a. 0.
«') Prudentius ann. Bert. a. a. 841. — Kudolfi ann. Fuld. a. a. 841. — Ann. Xant.
»*) Funck p. 195. — Schwartz p, 23 fg. — Scholle p. 31. — Dümmler p. 144. — Meyer p. 58. 59. 72.
•*) Vergleiche Funck p. 197. — Schwartz p. 28. 29. — Scholle p. 33. — Dümmler p. 141. — Meyer p. 24. 25. 26.
3
34
sten Weise dargetan, dass dieser Widerspruch nur ein scheinbarer ist und beide Angaben sich sehr gut vereinigen hissen. Er schreibt (p. 2G): ,,Nithards Bericht verdient jedenfalls den Vorzug. Karl wusste zu Troyes (11. c. S.Lodharius in fratrem hostiliter currit, necnon et suflfragiuni a paganis illum quaerere conipulit) im Ai)ril von der Niederlage Ludwigs, von dessen Flucht zu den Siaven. Es konnte ihm unmöglich einfallen, damals bei [dem Bruder Hilfe zu suchen, der vielmehr selbst einer solchen in einem hohen Grade bedurft hätte. Bald aber wuchs Ludwigs Glück wieder. Er erholte sich von seinem Missgeschick. Mit seinem klaren Blicke sah er, wie sehr sein Geschick mit dem Karls verknüpft sei, und deshalb schickte er von freien Stücken Gesandte an den Stiefbruder mit dem Anerbieten von Hilfe. Wie dasselbe in Attigny aufgenommen wuu'de, wissen wir. Auf dem Wege nach dem Rheine warf Ludwig den Grafen Adalbert nieder und setzte dann seinen Weg nach Neustrien fort. Als er nun so am Rheine erschien, war er in Wirklichkeit, wie Rudolf sagt, „durch Karl Boten zu Hilfe gerufen^^-, denn die Antwort Karls aus Attigny hatte er jetzt jedenfalls empfangen. Jene erste Botschaft Lud- wigs kennt freilich blos der Augenzeuge Nithard, nicht aber der Mönch in Fulda, der von seinem Kloster aus blos Ludwigs Auf- bruch nach dem Westen sieht und nur von der letzten Botschaft weiss. Nithard ist also der besser Unterrichtete" ^^).
Von der Vereinigung Karls und Ludwigs und den Gesand- schaften, welche dieselben gegenseitig sich zuschickten, berichtet auch Prudentius a. a. 841 ^'^).
Die Schlacht auf dem Ries erwähnen ausserdem Rudolf ann. Fuld. a. a. 84L — Radberti cas. St. Gall. 7. (Mon. Germ. Ss. H. 67.)
Cap. X. Dass Lothar die Friedensanerbietungen seiner Brüder zurückgewiesen habe, bestätigen Rudolf (ann. Fuld. a. a. 841) und Prudentius (a. a. 841.) — In BetreflP der Zeit und des Ausganges der Schlacht bei Fontenay stimmen die anderen Quellen
«») Der Angabe Nithards folgen: Funck p. 199. — Schwartz p. 30 u. 5. — Dümmler p. 146 u. 147 n. 43. — Der Angabe Rudolfs folgt Staelin wür- temb, Gesch. I. p. 256. — Einen mittleren Weg schlägt Scholle ein p. 33 u, 31, der aber etwas unklar ist,
«•) Funck p. 198 fg. — Schwarz p. 30 fg. — Scholle p. 34. — Dümmler p. 147 fg. — Meyer p. 26. 72 ig.
35
mit den Angaben nnseres Geschichtsschreibers iiberein«^). Prii- dentius a. a. 841 — Rudolf a. a. 841. — Ann. Xant. a. a. 841. Kegino chron. a. a. S4l. (Ss. I. 568.) — chron. Aquitan. 841. (Ss. IL 252.) — Agnelhis vita Gregorii XL VIT bei Muratori. 8s. rcr. llal. IL p. 185. -- Angilb. Carmen.
Über. III.
Cap. I. Prudentiiis stimmt in seinem Berichte über die Taten Karls und Ludwigs am Tage nach der Schlacht bei Fontenay mit Nithard überein. Wir lesen bei ihm: „Palantium auteni cac- des passim agitabatur^ donec Karolus et llludowicus pietate fer- ventes ah eorum interfectione cessandum decreverunt; quin etiam longius a castris obtentu fugientes persequi desierunt, episcopis mandatum, ut die crastino, qua ejusdem rei gratia in eodem loco stativa habuerunt, mortuorum cadavera prout temporis apportuni- tas sineret sepulturae mandarent." Rudolf schreibt (ann. Fuld. a. a. 841) : „Hludowicus et Karolus castris potiti collatis ac se- pultis corum cadaveribus qui ex sua parte occiderunt." Rudolph steht also im Widerspruche mit Nithard, welcher schreibt: „in quo missa peracta, amicos et inimicos^ fideles et infidelis^ pariter , sepulturae tradebant." Schon M. v. Knonau (p. 31) und Paetz (p. 31) haben mit Recht darauf hingewiesen, dass der Mönch von Fulda nicht so gut über die Schlacht und, was sich daran an- schloss, unterrichtet sein konnte wie Nithard. Zudem hatten Karl und Ludwig allen Grund keinen Unterschied zu machen zwischen ihren Todten und denen von Seiten Lothars. Wie aus ihrem ganzen Auftreten hervorgeht, war es ihnen sehr darum zu tun, ihre Sache in ein möglichst günstiges Licht zu stellen. Das er- reichten sie aber am besten durch Taten, wie sie ihnen Nithard zuschreibt****).
Cap. II. Von den in diesem Capitel dargestellten Ereig- nissen berichten 'andeutend auch Rudolf und Prudentius. Aus Prudentius geht hervor, dass nach der Schlacht von Fontenay Ludwig sowol wie Karl jeder in sein Land zog. „Hludowicus", schreibt er, „partim teri'oribus partim gratia Saxonum quidem
»') Vergleiche: Fuiick p. 200 fg. — Schwartz p. 35 fg. — Scholle p. 34. — Dümmler p. 150 fg. — Meyer p. 27—39. 73. Exe. VI.
•«) Vergleiche: Funck p. 202. — Schwartz p. 45. — Scholle p. 58. — Dümmler p. 153, — Meyer p, 30. 31.
3*
36
complures Austrasiorum Toringorum — subjiigat suae ditioni. Carolas dispositis, quantum apportunitas rerum sivit, Aquitanicis partibus per Cinomamios, Parisios atque Bellovagos Frauciam permeans Hasbauienses adit sibique plus amore (piam timore con. conciliat." Rudolf sagt nur ganz kurz: „Hludowicus vero et Ka- rolus — ab invicem discedunt, et Karolo in occidente remaneiite, Hludowicus (piasi mediante mense Augusto venit ad villam regiam quae vocatur Salz.
Treffend bemerkt Meyer von Knonau, „dass sieb nirgends besser als aus den Angaben dieses Capitels, erkennen lasse, wie sieb Nitbard über die Lage seines Herrn durchaus keine falsche niusionen machte." „Er befleissigt sich der riicksichtlosesten Wahrheitsliebe, und nichts liegt weiter ihm ab, als etwa eine Uebertreibung der Folgen des Sieges für Karl."
Cap. HF. Die Richtigkeit der Angaben dieses Capitels kann nicht in Zweifel gezogen werden^^)*, ebensowenig die der An- gaben in
Cap. IV. «°).
Cap. V. Von der Eidesleistung bei Strassburg redet ausser- dem Prudentius (ann. a. a. 842.) Sonst ist über den Inhalt dieses Capitels nichts zu bemerken^').
Cap. VI. Dieses Capitel hat weiter keinen Wert für die Geschichte des Bruderkrieges. Meyer von Knonau und Dümmler nehmen Anstoss an der Erwähnung der Britten und Bascen als Truppen Karls, aber wol mit Unrecht.
Cap. VII. Vergleiche zu diesem Capitel Rudolfi ann. Fuld. a. a. 842: „occurritque ei (Ludowico) Karolus apud urbem Ar- gentoratum quae nunc Strassburgus vocatur. Undc pari intentione pergentes Hlotharium in villa Sentiaca morantem et a suis de- sertum in quibus non parum coniidebat fugere compellunt". 18. Kai. Apr. Erudentius a. a, 842: „qui (Lotharius) legatis eorum a sui praesentia atque colloquio prohibitis ad abstinendum fratri- bus se suosque hostiliter praeparat. Quo in Sentiaco palatio a Mosella fhmiine octo fere milibus construeto ejusdem transeundi facultatem dispositis custodiis deneganti Ludowicus navali, Caro-
»•) Vergleiche Meyer p. 34 u. 35. — „Dümmler p, 162 ig. — Schwartz p. 56 fg. — Scholle p. 43,
0 0) Vergleiche Prudentius a. a, 842. "') Vergleiche bsdrs. Meyer p. 37 fg,
37
Ins equestri apparatii castnim Confluentes perveniunt, ibiqiie Mo- sellam virilitcr transirc iiichoaiitibus, omnes Lotharii exubiae velociter, aufugerunt. Lotliarius inopinato fratrum adventu tcrri- tus cessit sublatisquc cunctis ab Aquisgraiii Pabitio tarn sanctae Mariae quam regalibus tbesauris — per Catalaunis fugiens apud Trecas pascliali peracta Lugdiinum petiit."
Ann. Xantenses a. a. 842. „et postea aestivo tempore Lu- dovicus et Carolus predato pago Vangionensium per angustum iter asperum Growerorum Confluentes civitatem petierunt. Ibique bostiliter vcnit Lotbarius contra eos. Sed cum vidisset^ quod a suis deceptus esset, fugiens usque Lingonas pervenit, ibique viri- bus consumptis consedit". Nitbards Angaben sind also denen der andern Quellen entsprechend, jedoch viel ausführlicher als jene «2).
Liber. IV.
Cap. I. Von den in diesem Capitel dargestellten Ereignissen berichten nur noch kurz die Annalen des fuldenser Mönches Ru- dolf a. a. 842. „Putantes autem (sc. Ludowicus et Karolus) eum (sc. Lotharium), ut fama vulgabat, rebus desperatis Italiam petere, partem regni quam eatenus habuit inter se dispertiunt". Diese kurze Andeutung genügt zur Bestätigung der Angaben Nithards^').
Cap. II. Dass jeder der beiden Könige nach vollbrachter Teilung des Reiches in sein Land gieng, bestätigen Prudentius und die Annalen von Xanten.
Mit der Angabe Nitbards, dass die Sachsen in drei Klassen geteilt waren, scheint die lex Saxonum und andere Stellen ^^) im Widerspruche zu stehen, nach welchen es vier Ständen bei den Sachsen gab. Meyer von Knonau hat eine sehr gute Er- klärung für diesen scheinbaren Widerspruch gefunden. Derselbe weisst ebenfalls nach (p. 60), dass die Angabe Nitbards, ein Teil des sächsischen Adels habe sich nach dem Tode Ludwigs des Frommen an Lothar, ein anderer an Ludwig angeschlossen, voll- kommen richtig ist.
Dass nach der Schlacht bei Fontenay und besonders als Lothar zum Rückzuge nach Lion genötigt wurde, ein allgemeiner
• ») Meyer p. 41. — Paetz p. 48. — Funck p. 214. — Schwartz p. 73 fg. Scholle p, 43. — Dürnmler p. 172 fg.
•*) Cf. Dürnmler Gesell, d. ostfr. E, p. 159 Anin. 7 und Eeyer p. ^0 fg.
38
Abfall unter seinen Anhängern ausbrach bezeugt Prudentius a. a. 842 '0.
Wie die Erhebung der Stellinga durch l.othar veranlasst wurde; bezeugt Prudentius a. a. 841; von der Erhebung selbst erzählen auch die Annalen von Xanten a. a. 841 und Rudolf (ann. Fuld. a. a. 842.«"). /
Dass endlich Lothar auch die Normannen zu seiner Unter- stützung herbeirief; bestätigt Prudentius a. a. 841.=^").
lieber die Zusammenkunft Ludwigs und Karls in Verden berichtet keine andere Quelle ''^).
Cap. IIL Von dem Einfalle der Normannen berichtet Pru- dentius a. a. 842: „Ea tempestate Normannorum classis in em- poriO; quod Quantovicus dicitur^ repentino sub lucem adventu de- praedationibuS; captivitatc et nece sexus utriusque honimum adeo debacchati sunt; ut nihil in eo praeter aedificia pretio redempta relinquerent".^'^).
Dass Lotbar Gesandte mit Friedensvorschlägen an seine Brüder geschickt habe, erwähnen auch Prudentius und Rudolf.
Die Richtigkeit der übrigen Angaben dieses Capitels unter- liegt keinen Zweifel'"").
Cap. IV. Von der Zusammenkunft in Macon berichten auch Prudentius und Rudolf; Nithard ist jedoch viel ansführlicher als diese.
In Betreff der Orte, nach welchen jeder der Brüder von Magon aus gieng, stimmen die Annalen des Prudentius und Rudolf und die von Xanten mit Nithards Angaben überein; ebenso in Bezug auf die Unterwerfung der Stellinga durch Ludwig.
Ueber die Taten Karls in lAquitanien und seinen Aufenthalt in iMctz finden sich keine Nachrichten in den andern Quellen.
9 5) Vergleiche ausserdem Meyer p, 60,
»•) Vergleiche ausserdem Waitz deutsche Verfassungsgesch. III, p. 173 fg. __ IV. j). 185. — Fuiick p. 206. — Schwartz p, 53 fg. — Scholle p. 39. — Diiirimler p. 159 fg. — Meyer p. 61.
•') Funck p. 207. — Schwartz p. 55 und 1. — Scholle p, 40, — Meyer p. 62, — Chr. Paetz p. 32. 33.
»«) Funck p. 215, — Schwartz p, 70. — Scholle p, 50. — Dümmler p. 174. — Meyer p, 42. 43.
»•) Schwartz p. 75 u. 5. — SckoUe p. 49. — Dümmler p. 189. — Paetz p, 33, 34.
100) VfTgleiche: Funck p. 216. 217. — Schwartz p. 76 fg. — Scholle p 50 fg. — Dümmler p. 174 fg. — Meyer p. 43, 66,
,, 3'.)
Dass Ludwig- und Karl in Worms zusammentrafen, wird durcli die Annalen (Kiidolti, Prudentius, Xantenses) bestätigt'"').
Cap. V. Die Angaben Nitbards über die Vorgänge in Coblenz stinnnen mit den Nacbricbten^ welcbe wir in den Annalen des Prudentius und,Kudolf darüber finden, bis auf ibre grössere Austübrlicbkeit iiberein '"-).
Cap. VI. Von der Zusammenkunft in Diedenbofen gibt nur nocb Prudentius eine Andeutung; ebenso bericbtet nur er neben Nitbard von dem Einfalle der Mauren ins Beneven tanisebe'"^).
Die Nacbricbt von einer neuen Erbebung der Stellinga ist Nitbards ausscblicsslicbes Eigentum''^'')-
Dass Karl sieb zu Ende des Jabres 842 mit der Irmentrud, der Nicbte des Adelard, verbeiratet babe, bestätigt Prudentius a. a. 842. Ebenderselbe bezeugt aucb, dass Karl Weibnacbten 842 in St. Quentin verlebt babe^«^).
Cap. VlI. In diesem Scblusscapitel seines Werkes gedenkt Nitbard noch ein Mal Karls des Grossen. Wie er sein Werk mit einem gehobenen Nachruf an Kaiser Karl „guten Angeden- kens, den die Welt mit Kecht den Grossen nennt" begonnen hatte, schliesst er dasselbe, voll Schmerz über die durch den Zwist der Brüder hervorgerufenen traurigen Zustände seiner Zeit, mit einem feierlichen Hinweis auf die glücklichen Zeiten Karls, ,,in denen tiberall Friede und Eintracht herrschte".
Welches Urteil gewinnen wir nun durch die vorstehenden Untersuchungen über die letzten drei Bücher Nitbards? Es hat sich zunächst ergeben, dass diese drei Bücher die Hauptquelle für die Geschichte des Kampfes der Söhne Ludwigs des Frommen in den Jahren 841 und 842 sind; denn dieselben sind viel aus- fiihrlicher und eingehender in ihrer Darstellung als alle die an- dern Quellen, unter denen die bedeutendsten sind die Annalen des Bischofs : Prudentius von Troyes, des Mönches Rudolf aus dem Kloster Fulda und endlich die von Xanten. Ferner hat sich
»«') Meyer p. 47 fg. — Paetz p. 34. — Funck p. 217, — Schwartz p. 52. — Düramler p. 176.
'«») Funck p. 216. - Schwartz p. 86. — Scholle p. 53. — Dümmlor p. 180. — Meyer p. 51. — Paetz p. 35.
los) Vergleiche Dümmler p. 185.
'«*) Siehe Schwartz p. 91 u. 1.
'»*) Meyer p. 52. — Paetz p. 35 u. 39. — Funck p. 220. - Schwartz p. 91. — Scholle p. 54.
40
gezeigt, dass wo auch immer ein Vergleich angestellt werden kann zwischen den Angaben Nithards und den Berichten anderer Quellen, jene sich als durchaus zuverlässig ergeben: und liegt ja einmal eili AViderspruch vor, so erweist sich derselbe hei näherer Untersuchung als ein nur scheinharer, veranlasst dadurch, dass Nithard der hesser Unterrichtete ist. Als drittes Ergebniss end- lich schliesst sich an, dass der Darstellung, welche Nithard von dem Bruderkriege gegehen hat, durchaus keine parteiische Fär- hung irgend welcher Art nachgewiesen werden kann, dass viel- mehr Nithard auch seine Partei, wenn sie es verdient, mit Tadel nicht verschont.
So steht denn das Werk Nithards einzig in seiner Art da unter den uns überlieferten Geschichtsquellen aus karolingischer Zeit. In einfach schlichter Weise gewährt es uns einen Einblick in den inneren Zusammenhang der Ereignisse einer Zeit, welche für unser deutsches Vaterland von hoher Bedeutung ist; es wäre ein grosser Schade für uns, wenn wir dieses Werkes entbehren müssten.
t
|
^i |
1 |
|||||||||
|
k |
||||||||||
|
THE INSTITUTE OF ^«FD!«^VAL STUDIES |
||||||||||
|
10 ELMSLEY PLACE |
||||||||||
|
TORONTO 6, CANADA, |
||||||||||
W^>\i
l }:^ir'
• .v-iTi««!.',".';".-
.;.:., -j,.
r; .-